Streifen. Und Stilverlust. Oder -änderung?

Meine Näherei liegt bald so brach wie meine Strickerei und ich finde das sehr belastend, spricht doch jeder Zentimeter Stoff zu mir von schlechtem Gewissen – auf die Wollknäuel höre ich gar nicht mehr. Obwohl: Sie lagern unter meinem Bett und meine Nächte sind wenig erholsam, es könnte also einen Zusammenhang geben … egal, egal. Denn ich habe endlich etwas genäht! Fast sogar flott: Vor noch einem guten Jahr hätte ich für ein ärmelloses Top mit zwei Teilungsnähten keine zwei Stunden benötigt. Aber  noch einmal: Egal, egal. Gestern abend schnitt ich zu und steckte alles zusammen, heute morgen habe ich anstatt zur Feder zur Nadel gegriffen und habe es genäht. Wow!

Wie immer bin ich nicht in der Lage, das Oberteil angemessen abzulichten – in diesem Fall fühle ich mich schuldlos, denn weite, gerade, kurze Tops aus nicht fließenden Stoffen neigen dazu, auf Bildern massiver zu wirken, als sie es sind. Und ich finde es lustig, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben so aussehe, als hätte ich schmale Hüften und eine Riesenoberweite und ein breites Kreuz. Besonders zwei Fotos leisten ganze Arbeit:

 

 

Und ihr dürft nun meine Uneitelkeit loben, dass ich diese Bilder zuerst zeige, aber ich gebe zu, ich ließ mir vorhin noch versichern, dass ich so nicht aussähe … soviel zu der Tatsache meiner nicht vorhandenen Eitelkeit. Aber eigentlich, eigentlich wollte ich nicht nur das Top zeigen, sondern – viel mutiger – meine Beine mit all ihren Dellen und Wellen. Als ob ich in der Lage wäre, detailgetreue Bilder zu zeigen.

Denn seit etwa drei Wochen trage ich auch außerhalb des Hauses, wenn es heiß genug ist, (gekaufte) Shorts, die – deshalb heißen sie ja so – richtig kurz sind. Wohlwissend und mitunter darüber sinnierend, dass derlei ja nicht gerne gesehen wird. Ab einem gewißen Alter – ich habe wahrhaftig die Dreißig als magische Grenze nennen gehört! – verzichtet eine Dame darauf, ihre nicht mehr einwandfreien Beine zu zeigen, denn kein schlimmeres Schicksal ist denkbar, als dem Jugendwahne zu verfallen und nicht zu toucherkennen, wie das eigene Verfallsdatum weit hinter einem liegt. Und ja, so ganz kühl lässt mich das nicht und würde mir gerne ein Schild umhängen, das erläutert, weshalb ich sie trage. Nicht, weil ich mich noch so wahnsinnig heiß finde oder ein besonders gut erhaltenes Exemplar einer Endvierzigerin wäre, sondern weil es heiß ist und ich zweimal täglich mit zwei Hunden durch die Natur wandere …

Und während mir das heute morgen beim Gassigang zum ersten Mal bewußt wurde, überlegte ich einiges andere. Ich erwähnte schon einmal, dass das Leben mit zwei Hunden und zwei Katzen, nicht zu vergessen zwei Söhnen und einem Gatten, mich vor Einschränkungen modischer Natur gestellt hat. Wären es vier Katzen, so müsste ich weiterhin nur auf häufiges Haareeinsammeln und krallresistente Stoffe achten. Doch täglich bei jedem Wetter raus zu müssen? In Vintage hätte ich das nicht gekonnt – und wer mir ernsthaft etwas anderes erzählen will, geht sicherlich nicht mit zwei echten Hunden durch echte Natur, sondern mit einem braven Hündchen auf planierten Wegen.

Nun hatte ich mit Vintage ja aus anderen Gründen gebrochen – es gefiel mir an mir nicht mehr und war mir auch zu restriktiv. Was an den körperlichen Veränderungen lag, die enge Rocktaillen und hohe Absätze nicht mehr tolerierten. Ganz kurz hatte ich gar einmal überlegt, ob ich denn zu Beginn nicht sehen konnte, dass es zu mir nicht passte und blätterte zurück. Nein, es ist für mich noch immer gut sichtbar, weshalb mich Vintage anzog: Ich war jünger und ich war – böses Wort – dünner. Meine Hüften waren wohl breit, aber eben nicht breiter als meine Schultern, der Bauch zwar gewölbt, aber nicht im Weg. Mit jedem Jahr und jedem Kilo fand ich die Anpassung schwieriger und das Ergebnis trauriger. Jünger würde ich nicht mehr werden, dünner jedoch war möglich.

Und als ich auf meinem Spaziergang an diesem Punkt der Überlegungen angelangt war, hielt ich erschrocken inne, denn dünn ist für mich aus zwei Gründen ein böses Wort: Zum einen ist es sehr verletztend, wenn man um Gewichtserhalt kämpft und zum anderen löst es bei vielen einen Reflex aus, der nicht eben positiv ist; da fallen uns allen sicherlich viele (seltsame?) Diskussionen der letzten Monate ein. Warum also wollte ich wieder dünner werden, wo ich doch immer nach mehr Gewicht gestrebt hatte und ich mich nicht zwangsläufig schöner finde auf den früheren, dünneren Bildern?

Weil, und das werden wohl viele dünnbeinige  und -armige Frauen kennen, man innerlich ja doch ebenso zufrieden mit sich ist und sein könnte, wie es alle anderen Menschen sind oder sein sollten. Wenn nur nicht immer jede und jeder riete, man möge doch ein wenig mehr essen …

Und dann, eines Tages, gelingt es vielleicht mit dem Mehr an Gewicht. Nach dem die Kinder auf der Welt sind, die weniger Bewegung und mehr Trostschokolade mit sich brachten und dann kommen noch die Jahre dazu. Auf einmal hat man die jahrelang so vergeblich herbei gewünschten Kilos und wähnt sich am Ziele. Näht man, dann hat man vielleicht die Maße immer parat – alle Maße! Mich beschlich ja, nachdem ich also auf sagenhafte 64 kg mich hoch gearbeitet hatte, immer ein Gefühl der Fremdheit, wenn ich mich im Spiegel besah. Nachdem ich wieder Kleidung kaufte, wurde es verstärkt, dieses Gefühl. Ich brauchte Kleidergröße 42 und die saß an der Hüfte knapp, schlackerte mir dafür aber schlimmer denn je um die Waden. Ich maß nach.

Als ich mit dem Nähen begann, wog ich meist 54 kg und hatte die Maße 84 – 65 – 91, meine Waden waren an ihrer dicksten Stelle 29 cm „dick“. Mit 10 kg mehr hatte ich 94 – 74 – 104 zu bieten, meine Waden waren auch gewachsen – um sagenhafte 0,5 cm! Denn egal, was ich esse: Auf Arme und Beine hatte es keinen Einfluß. Nun will ich keinesfalls auf 54 kg zurück, aber ein Kilo weniger wäre mir nun lieb (dann wäre ich bei 57 kg und Kleidergröße 38) – im Laufe des letztes Jahres hatte ich ja auf all den Kram verzichtet, der mich so hoch gepusht hatte und um den ich gedanklich oft kreiste. Hatte ich morgens einen Ostfriesentee getrunken, so hatte ich danach Appetit auf Chips, danach auf etwas Süßes, etwas Warmes, etwas Herzhaftes, etwas Knackiges und so war ich den ganzen Tag damit beschäftigt, es mir gemütlich zu machen und zu essen. Ja, das habe ich mir dann doch mal aufgeschrieben, als das Gefühl, im Spiegel einer fremden Frau gegenüber zu stehen, übermächtig wurde und ups – ich war doch überrascht. Mein Grundumsatz lag dank Größe, Alter, Gewicht und Tätigkeit bei knapp 1800 kcal und was ich zu mir nahm … es gab Tage, da lag ich bald beim doppelten und außer ein wenig Hausputz und ein paar Situps hatte ich nicht viel Bewegung.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich fühle mich jetzt deutlich wohler, weil mir selbst deutlich näher. Meine Waden sind übrigens – dank Max und Micky und flacher Schuhe – auf 32 cm gewachsen und meine Hüften stehen mit der Schulter wieder in einer Linie. Was ich neben dem Gewicht aber auch verloren habe, ist die Sicherheit, zu wissen, was ich an mir mag, was mein einer und erkennbarer Stil ist. Gehe ich heute noch davon aus, dass schlicht, uni und cool das einzig Wahre ist, stehe ich morgen vor romantischen Blumen und träume vom Hippie-Look. Blättere ich in meinem Archiv zurück, dann liebe ich noch immer Bleistiftröcke und hohe Schuhe, trage ich sie jedoch einmal, so blickt mir ganz schnell eine gut mittelalte, leicht erschöpft wirkende Frau aus dem Spiegel entgegen, die eher bieder als schick wirkt. Und das ich diese Sicherheit verloren habe, ist vermutlich der Hauptgrund für meine Näh- und Stricklähmung. In diesem Dreieck zwischen Alter – Körperlichkeit – Alltag bemühe ich mich um die bestmöglichste Kombination und die beinhaltet nun kurze Hosen, die ich mich nie zu tragen wagte in all den Jahrzehnten zuvor.  Denn sie sind einfach die praktischste Kombination zu liebevoll gestichelten Blusen und Tops.

 

 

Wenn das kleine Top auf den Bildern auch nicht als Figurschmeichler auftritt, so habe ich es dennoch recht lieb 😀 Meine Hunde finden ich mich trotzdem klasse, meine Freundinnen fühlen sich nicht gestört, der Gatte mag es und ansonsten hat man mir noch nichts hinterher geworfen. Alles gut also, oder?

Ansonsten lässt sich zur Konstruktion sagen: Es ist minimal nach unten ausgestellt, könnte vielleicht einen Zentimeter länger sein. Der Brustabnäher kam schräg von unten und ist, ebenso wie der Schulterabnäher hinten, in die Passe gelegt worden – ich habe es gerne simpel beim Nähen und finde das Markieren von Sommerstoffen problematisch. Vermutlich werde ich aus allen möglichen Resten weitere Blüschen diesen Schnittes anfertigen, Figurschmeichelei hin oder her.

Geliebte Leserinnen

Es ist ja schon wieder einige Jahre her, dass ich eine Ode an die stille Leserin schrieb, die sich eines Tages aufrafft und kommentiert – kommentiert in der denkbar liebenswürdigsten und manchmal mich zu Tränen treibenden Art. Als ich dann den Laden eröffnete, lernte ich manche auch leibhaftig kennen und wußte ab da ganz genau, dass meine vage Vorstellung von den Frauen, die mich lesen und mir schrieben, eine absolut richtige war: Allesamt waren genauso offen, humorvoll, intelligent, lebensklug und herzenswarm wie erhofft. Und doch war jede anders und besonders – Frauen kommen eben sehr vielfältig und mit sehr persönlich zusammen gewürftelten Lebensgeschichten daher.

Eher selten geschah es mir bislang, dass ich erkannt wurde – Wiebke (oder ist es Wibke?) ahnt nun schon, dass sie gemeint sein muss 🙂 Ich erhielt einmal einen Kommentar, dass mich die Betreffende am Vormittag in der Stadt auf Karstadt’schen Rolltreppe erkannt habe, aber zu schüchtern gewesen sei, mich anzusprechen. Ein anderes Mal hörte ich auf dem Remagener Stoffmarkt, wie eine Frau ihrer Freundin zutuschelte: „Die kenn isch, dat is die Mischu. Also glaub isch …“ – ich gebe zu, dieses Mal war ich zu feige, mich umzudrehen und los zu jubeln. Auf einem meiner Kosmetikseminare kamen wir abends auf das Thema „Nähen“ zu sprechen und eine Kollegin schlug sich auf den Schenkel und rief, sie habe es doch geahnt – sie lese ja auch sämtliche Blogs, aber bislang kamen ihr all die Bloggerinnen kaum wie echte Menschen vor. Was mir, ich gebe es zu, bei manchen ganz ähnlich ging in früheren Jahren. Und dann sprach mich letztens eine der Angestellten der Bonner „Wolle Rödel“-Filaliale an, ob ich nicht auf der H+H gewesen sei? Da hätte sie mich gesehen und gehört und ich sei ihr so bekannt vorgekommen – und nun sei ich wohl auch noch Kundin.

Aber heute war es noch einmal ganz anders: Die Jungs brauchten – schon wieder und nein, ich werde wohl niemals für sie nähen – T-Shirts und kurze Hosen, dem Gatten schwebte ähnliches vor, die Hunde brauchten eh Bewegung und der kleine Hund aus der Hölle noch viel mehr Sozialtraining und so fuhren wir bei lauen Temperaturen ins nahe gelegene Bad Münstereifel, das in den letzten Jahren zum Outlet-Shopping-Center ausgebaut wurde. Nach den ersten Schritt schon hörte ich jemanden rufen und fühlte mich angesprochen: „Kommen Sie aus Bonn?“

Ich drehte mich um und nahm spontan an, wir müssten uns wohl schon einmal mit den Hunden begegnet sein – sämtliche Neubekanntschaften sind ausschließlich auf Max und Micky zurück zu führen. Aber nein, da erkannte mich jemand über den Blog. Und siezte mich – was ja gar nicht nötig ist. Ich trete jeder Leserin hier so was von nahe und palavere und jammere und klage und zetere, da kann mich ruhig duzen, was wir dann auch taten. Und wieder traf ich eine ganz tolle Frau mit einer unglaublichen Ausstrahlung, die lustig, offen und extem sympathisch war, dass ich am liebsten noch mehr Zeit für sie gehabt hätte – da hast du, liebe Wiebke, noch mal Glück gehabt, dass du deine Entourage dabei hattest, die dich schützen konnte 🙂

Und weil du mir sagtest, dass die Sache mit dem Passwort ein bißchen blöd sei, weil das Herum suchen ja nicht so schön sei und ich auf der Fahrt nach Hause mich fragte, weshalb ich eigentlich solche Angst habe, dass andere meinen Unsinn hören – nun ja, deshalb nehme ich das Passwort vom letzten Beitrag jetzt wieder raus und lasse eine jede sich darüber freuen, amüsieren, peinlich berührt den Kopf schütteln und sich krank lachen über das, was ich jetzt anfing und aus dem ich zumindest eine fertige Geschichte schaffen möchte. Wem es gefallen sollte, setzt unter den Beitrag – diesen oder den letzten – ein herzliches „Danke, Wiebke!“

So, ich strahle noch immer über das ganze Gesicht, you made my day, Wiebke und werde mich nun auch noch zum Sport aufraffen, weil … na, weil halt 😀

PS: Und hahaha! Wiebke hat ebenfalls einen Blog und gerade eben durfte ich mich freuen, denn sie hat auch von unserer Begegnung erzählt – vielen lieben Dank 🙂 Ich fühle mich jetzt sowas von wohl, ich kann es nicht in Worte fassen.

Prolog zu einem Projekt – und ein wenig Bibbern bei mir

Ehrlich gesagt, bin ich ganz schön feige – zwar schreibe ich hier auf dem Blog seit 10 Jahren und lebe gut damit, dass andere meine Texte und Aussagen vielleicht bewerten oder mißverstehen, aber ein ganzes Buch schreiben und in die Welt hinaus schicken, das ist etwas ganz anderes. Ich weiß nicht einmal, ob ich es schaffen werde und ob es je jemand anderes außer Familie und Freundinnen wird lesen können/wollen/dürfen/müssen.

Aber Augen zu und durch, der Prolog ist irgendwie beendet und ich habe ihn im Garten mit viel Pathos eingelesen. Seid gnädig, bitte …

Ermutigung wird gerne angenommen, von harscher Kritik bitte ich abzusehen – ich lerne noch und könnte damit nicht umgehen. Danke.

Zahnarztangst und der ganze Kram

So. Das liegt mir schon bald mein Leben lang auf der Seele: Meine miesen Zähne und das vage Gefühl, daran schuld zu sein. Weil, ebenso wie ich meine zu breiten Beckenknochen hätte ablehnen können,  hätte ich ja für einen weniger schmalen Kiefer oder weniger Zähne sorgen können. Und nach all den vielen Zahnärzten, die mir erklärten, dass mein Würgen ihre Arbeit behindere und ich mich doch endlich mal zusammen reißen solle, war mir klar, welch eine elende Versagerin ich bin.

Einen Zahnarzt hatte ich – in jungen Jahren auf Norderney – der ganz lässig damit umging, schnell und sicher war und mich in entscheidenen Momenten mit den richtigen Worten ablenkte, tröstete und motivierte. Man höre und staune: Den Großteil meiner Behandlungen habe ich ohne Spritze ertragen und er fand mich dennoch sympathisch. Danach ging es bergab, bis ich in Bonn über den Notdienst einen guten fand. Stillend und panisch hat er einen vereiterten Zahn gerettet und ich wagte endlich wieder einen erneuten Anlauf, der dann von Schwangerschaft zwei und einer danach einsetzenden Flut an Erkrankungen unterbrochen wurde. Am Ende war ich mit Hashimoto diagnostiziert, was häufig zu einem zusätzlichen Engegefühl im Rachen-Kehlkopf-Bereich führt. Sprich: Mein Würgen wurde schlimmer und schlimmer. Der nächste Anlauf stoppte, da seine Co-Ärztin gelinge gesagt ein Miststück war. Der dritte Versuch endete mit der Erkrankung meines Vaters; meine anschließende Depression machte es nicht besser. Die Selbstständigkeit, der einsetzende und permanente Schulstress der Söhne, die Arbeit am Buch und ups, es waren mehrere Jahre vergangen, in denen ich den Besuch beim Zahnarzt heraus schob. Immer fest daran glaubend, dass die zukünftige Andrea – die ja älter, weiser, reifer sein musste – mit der hoffnungslosen Situation besser umgehen könne als die gegenwärtige. Aus heutiger Sicht ist die damalige Andrea natürlich eine blöde Kuh, die mir diesen Mist eingebrockt hat. Andererseits …

Andererseits kann die ältere Andrea besser damit umgehen. Fast täglich habe ich in den letzten Jahren an meine Zähne gedacht; spürte es hier bröckeln und dort schieben, schämte mich und fand mich peinlich, feige, scheußlich. Und dann, um Ostern, brach erst die eine Riesenfüllung raus und dann die zweite. Ich war – verblüffend, aber wahr – sofort bereit, einen Termin bei meinem Zahnarzt zu machen. Doch zu meinem großen Glück kam mir eine fiese Erkältung dazwischen, die sich zu einer Bronchitis auswuchs. Vor mich hinleidend, legte ich mich zu Bett und googlete, wie ich mich auf die Prüfung vorbereiten könne. Ich hatte nicht unbedingt eine klassische Zahnarztphobie und auch nicht zu viel Schiß vor Schmerzen – schlimmer als Regelschmerz und Geburt kann es nicht sein. Ich hatte Angst vor dem Würgen, den Anklagen, meiner Unfähigkeit, mitzuarbeiten. Ich könnte einen sehr langen Text über all das schreiben, was ich zu hören bekam. Aber vorbei, vorbei. Es geht nach vorne.

Denn mittlerweile hat Lachgas Einzug gehalten in viele Praxen und manche Ärzte ahnen sogar, wie lähmend sich Würgen und Schnaufen auswirken kann. Und anstatt einen Termin beim alten Zahnarzt zu machen, habe ich mir einen Neuen ausgesucht, der dazu noch besser zu erreichen ist. Die Praxis ist luftig, modern, hell, hat unglaublich schöne Bilder an den Wänden und das giftige Grasgrün der Kittel erschüttert so sehr, dass man keine Zeit für Angst beim ersten Eintreffen hat.

Heute hatte ich den zweiten Termin und zwei Zähne – ein Weisheitszahn und der in der Schwangerschaft abgebrochene, der nie behandelt werden konnte, weil ich schon das Röntgen mit Plättchen in der Backe nicht schaffte – sind entfernt worden. Mit Spritze (fies, aber nötig und wirklich richtig gut gesetzt) und Lachgas. Das Gas hat mich nicht unbedingt Bettschwere fühlen lassen, aber Entspannung (so weit man mit hochgezogenen Schultern entspannt ist) und viel, viel besser: Kein Würgen! Null! Ich kann gar nicht beschreiben, welch eine Erleichterung das ist. Ich schreibe das jetzt, bevor die Spritze endgültig nach lässt – nachher fließt mir das vielleicht nicht mehr so leicht in die Tastatur …

Schon beim ersten Termin hatte ich ein gutes Gefühl: Ich wurde sofort zum Röntgen gebracht, noch bevor ich auf der Liege Platz nahm. Ich wollte schon panisch werden, als ich sah, dass diese Praxis es ganz ernst meint mit der Fürsorge für den Patienten. Ich brauchte keine Plättchen, kein umständliches Gefummele. Und so wurde ich für den heutigen Termin erst eine Stunde vorher leicht nervös. Ansonsten habe ich Wochen zuvor schon Pankikattacken gehabt.

So, das musste mal raus und ich weiß, so geht es sehr, sehr vielen – das habe ich in den letzten Wochen gelernt. Und deshalb kann ich vielleicht einmal ein bißchen Mut verbreiten: Sucht euch einen Zahnarzt, der Lachgas hat UND Angstpatienten einlädt. Die gibt es überall.

Ich lege mich jetzt mal aufs Sofa und schaue, was passiert. Die Hunde müssen nachher halt mit den Jungs raus und vielleicht nähe ich nicht unbedingt heute weiter, aber egal, wie weh es nachher noch sein wird: Ich bin unglaublich erleichtert und wahnsinnig stolz. So!

Schönheit Teil 3 – Nicoles Gedanken

Ich kann nicht mehr sagen, wann genau mir Nicole über den Weg gelaufen ist oder wo es war, aber irgendwie und irgendwann sprachen wir miteinander, immer mal wieder, immer öfter, immer intensiver. Manchmal, man kann das ja ruhig zugeben, wundern wir uns gemeinsam über den Wahnsinn der Welt und unserer Mitmenschen, manchmal sind wir ganz bei uns und machen uns Gedanken über unser Seelenleben, manchmal haben wir nur den schönen Schein im Sinn.

Was ich aber genau sagen kann: Ich war sofort nicht nur eingenommen von ihr, sondern fasziniert. Als ich dann noch ihren Vortrag bei youtube sah und hörte, freute ich mich sehr über den neu gefundenen Schatz und noch mehr darüber, dass wir uns demnächst auch persönlich treffen werden.

Doch genug der Vorrede, hier nun ihre Gedanken und Assoziationen zum Thema Schönheit, die – wie ihr sehen werdet – sehr frei sind.


 

 

7 Frauen reden über Schönheit, nachdem die liebe Michou/Andrea uns dazu eingeladen hat. Offen, ehrlich, manchmal zögernd, zweifelnd, aber neugierig und wertschätzend. Welch wundervolle Erfahrung. Wieder einmal zeigt sich…

Der eigene Horizont definiert das eigene Universum.

Wie schwer ist es, sich wirklich in andere hinein zu fühlen. In jemanden der so ganz anders ist mit seiner Herkunft, Prägungen, Erfahrungen, Ängsten und Wünschen. Anderseits trifft das auf alle Menschen zu… wenn man sie genauer betrachtet. Aber dieses genauer betrachten muss man eben zulassen. Und genau daran scheitert es, denn es ist gar nicht so einfach die Zerbrechlichkeit unter dem sorgsam gehegten Schutzpanzer zu zeigen.

Ausgesprochen passend lief mitten in dieser Phase der Film ‚EMBRACE. Du bist schön‘ für einen Tag in den Kinos. Dieses sich selbst annehmen und einfach die eigene Schönheit erkennen klingt wundervoll. Und so einfach. Vielleicht ist es das auch. Aber dürfen wir das?

Und warum tun wir es nicht?

Ich habe mich nach diesem Film mehrfach gefragt, ob es wirklich so viele sind,  die ihren eigenen Körper so sehr hassen, wie man es dort zu hören bekommt. Es liegt außerhalb meines Universums. Trotz aller unglücklichen Verschachtelungen in meinem Leben ist da irgendwo ein passables Maß an gesunder Selbstliebe in mir verankert. Für die ich sehr, sehr dankbar bin.

Auch in Zeiten in denen mein Körper so gar nicht meinen optischen Idealen entsprach, konnte ich mich noch freundlich im Spiegel ansehen. Habe ich mich bedenkenlos in Sauna oder Schwimmbad getraut «Ist mir doch egal, was die anderen denken. Gibt schließlich auch schöne Seiten an mir und ich bin eh nicht zur optischen Bereicherung anderer da.» Selbstverachtung ist mir fremd.

Noch viel unerklärlicher ist sie mir, wenn sie sich scheinbar bruchstückhaft nur auf einzelne Bereiche bezieht. Aber ich bin neugierig und höre gerne zu. Gleichzeitig merke ich, wie schwer es mir fällt, dabei offen zu bleiben. Ehrlich zu sagen, wie gut es mir mit mir selbst geht. Darf ich sagen, dass ich gerne in den Spiegel sehe? Darf ich mich schön finden? In vollem Bewusstsein meiner Unperfektheit. Und obwohl ich parallel nach Veränderung strebe, weil ich weiß, das mir das gut tut. Es scheint in anderen Ohren seltsam, arrogant, stolz, unsympathisch zu klingen.

Aber ist es nicht genau das, was wir allen Menschen wünschen?

Liebevolle Selbstannahme und -bewusstsein. Doch wie gut können wir etwas erreichen, wenn genau das wonach eigentlich alle streben, gleichzeitig so negativ ausgelegt wird?

 

 

Die Diskussionen endeten immer und immer wieder damit, dass wahre Schönheit tatsächlich von innen kommt. Im Idealfall mit äußerer – ich nenne sie zur Abgrenzung jetzt mal – Hübschheit zusammentrifft. Die zwar oft mit den typischen  Idealen zusammentrifft, aber nicht unbedingt muss und ganz viele Spielarten erlaubt. Und dass diese innere Schönheit in der Lage ist ganz, ganz viel äußerliches zu überstrahlen.

Dann müssen wir sie aber bitte auch erlauben!

Mir scheint es in Diskussionen, dass die Wertschätzung des anderen vor allem dann gut ist, wenn man sich selbst dabei abwertet. „Also ich finde Dich wunderschön, Du hast eine ganz wundervolle Ausstrahlung und Deine harmonischen Kurven und so, ganz toll. Und ich weiß gar nicht was Du an mir findest, ich bin gar nicht so toll, guck doch mal diese Falten hier an.“

In der Bibel heißt es „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst.“ Selbstliebe ist da die selbstverständliche Grundlage um dem anderen in Liebe zu begegnen. In der Transaktionsanalyse ist es die Grundhaltung „Ich bin OK, Du bist OK“. Wir beide sind gut und richtig. Egal ob ich mich selbst klein mache und andere auf den Sockel hebe oder andere von oben herab runtermache –

Da stimmt was mit der Selbstliebe nicht.

(Und zwar mit der gesunden Selbstliebe, ich rede nicht von Narzissmus, das würde wieder andere runtermachen beinhalten). In dem Film kamen mehrere Frauen vor, die mit sich selbst Frieden geschlossen hatten – scheinbar. Besonders bemerkenswert waren eine Australierin, deren Körper und Gesicht komplett von Brandnarben gezeichnet war und eine in London, die an starkem Bartwuchs litt. Beide strahlten eine solche Liebe mit sich und der Welt aus, dass sie wahrhaft inspirierend wirkten. Sie mussten sich komplett von der Beurteilung anderer lösen, um mit sich selbst Frieden zu schließen. Und vermutlich fällt es vielen leichter es diesen Frauen anzunehmen, weil sie eben definitiv keinem Ideal mehr entsprechen. Ob einer Lena Gercke oder einer Barbara Meier (GNTM Gewinnerinnen 2006 und 2007) gegenüber genauso dankbar und herzlich begegnet wird, bei der gleichen Haltung und Aussage? Wohl kaum. Nur warum nicht?

Dürfen wir gleichzeitig innen und außen schön sein?

Scheinbar nicht. Je näher man an das Ideal gelangt, umso eher kennt man wohl aggressive, vernichtende, herablassende Kommentare. Manchmal sogar völlig irrationale Vorwürfe von guten Freundinnen.

Weil es einem dann vor Augen führt wie unzulänglich wir selbst sind? Dann sollte uns das ein eigentlich ein Zeichen sein, den Blick von den anderen abzuwenden und nach innen zu gucken. Selbstliebe heißt sich von der Bewertung mit anderen lösen. Im negativen wie im positiven. Sich schön finden, weil man sich schön findet, nicht weil andere einen so bezeichnen. Etwas für sich tun, weil man sich um sich selbst kümmert, nicht weil man dem Ideal anderer hinterherhechelt.

Nicht einfach, aber lohnend.

Wenn man das begriffen hat, käme man auch nicht auf die Idee andere dafür anzugreifen, dass sie schön sind. Ihnen aus heiterem Himmel vorzuwerfen, dass sie nach Anerkennung lechzen, weil sie Komplimente bekommen. Sie anzugiften, sie würden idiotischen Idealen hinterherhecheln, weil sie etwas für ihre Gesundheit tun. Nicht über Magersucht und Freudlosigkeit lästern, weil jemand anderes schlank ist. All das ist mir in letzter Zeit begegnet und macht mich wütend und traurig zugleich.

Ich bin überzeugt, wenn wir alle unsere Energie mehr der inneren Schönheit widmen, gibt es auch im Außen mehr schönes zu sehen. Ein Therapeut oder Coach hat da übrigens eine deutlich langfristigere Wirkung als teure Tagescreme, Designerkleid und HighHeels zusammen.

Und dann trauen wir uns bitte auch dazu zu stehen! In diesem Sinne…

Ich bin schön. Jetzt Ihr!

Ich bin sehr gespannt, welche Fragen da jetzt folgen werden – denn so war es angekündigt.