Bauernmalerei

Ungeschminkt im grellen Licht ...
Ungeschminkt im grellen Licht …
Wer jetzt darauf hofft, dass es endlich, endlich, endlich um die Restaurierung antiker bäuerlicher Wäscheschränke geht, liegt leider falsch und muss nun enttäuscht von dannen ziehen. “Bauernmalerei” ist in meiner Branche, die ich nach knapp 30 Jahren noch immer mit Befremden betrachte, der Fachjargon für ungekonntes, grobes und entstellendes Schminken. Ganz konkret: Grundierungen, die zu dunkel vom Hautton abstechen; grelle Lippenstifte, ungelenk über die Kontur aufgetragen und pechschwarze Lidstriche, die das Auge erdrücken und selten in Perfektion gezogen sind. Auch Klassiker, wie hellblauer Lidschatten vom Wimpernkranz bis zur Augenbraue, pinkfarbene Apfelbäckchen, in einem Strich nachgezogene Augenbrauen oder verklebte Mascarafliegenbeinchen, die krümeln und zerfließen.
Der Effekt solcher “Make ups”: ein Hauch von Lächerlichkeit? Zu viel gewollt, zu wenig gekonnt? Wie auch immer, das ist Bauernmalerei. Pikant ist, dass dieser Ausdruck am liebsten von Kolleginnen verwendet wird, die das Motto “Weniger ist mehr!” nicht zu schätzen wissen. Ihr seht schon, rechtmachen kann man es mir nicht 😀

Aber um was geht es mir wirklich? Vor nun schon zwei Wochen hat Corinne sich zum Thema Make up geäußert; in einer ganz persönlichen Stellungnahme, die sich für das natürliche Aussehen und auch für den praktischen Aspekt des Sich-nicht-schminkens ausspricht und in der die Frage aufgeworfen wird, inwieweit Schminken ein Muss für Frauen ist – ist es Teil der gesellschaftlichen Erwartung, dass Frauen schön zu sein haben?

Schon ein paar Tage später gab es eine Erwiderung in Jays Blog, in dem sie die gegenteilige Position vertritt – wobei mir das Wort “gegenteilig” nicht so recht gefallen mag, denn es ist viel mehr ein anderer Aspekt, ein anderer Blickwinkel, der hier formuliert wird. Jay hat – und das ist auch ein Klassiker – durch frühere Hautprobleme ihren Weg zum Make up gefunden und hat Spaß daran. Wie es der Menschheit ja schon seit Jahrtausenden geht: das sich Schmücken ist wahrscheinlich eine der ersten kulturellen Errungenschaften gewesen: Zeit, die man für sich selbst und nicht für die Arbeit oder die Gemeinschaft aufwendet, ein Entdecken der eigenen Person, des Individuums. Und so viel anders ist es auch heute nicht. Aus meiner Sicht.

Für mich gehört ein dezentes Make up zur Kleidung dazu: so wie ich nicht unbekleidet durch die Innenstadt flaniere, so tue ich das auch nicht ohne verziertes Antlitz – außer ich bin krank und elend. Oder mag mich gerade gar nicht. Dann bestrafe ich mich mit Farbentzug und trage auch bevorzugt Sporthose und graues Schlabberhemd. Aber weshalb ist das so, was verbinde ich mit dem Auftragen von Make up auf mein Gesicht? Ist es pure, reine Eitelkeit? Kann ich es nicht ertragen, alt zu werden? Bin ich dem Patriarchat unterworfen und giere nach permanenter männlicher Aufmerksamkeit? Ich denke, die Fragen muss ich nicht mehr beantworten, so gut werden mich die meisten wohl doch kennen, um nun schon grinsend den Kopf zu schütteln. Habe ich aber andersherum ein Problem damit, als eitel zu gelten oder von wildfremden Männern angeflirtet zu werden? Ebenso wenig und irgendwie treibt es mich gerade, zu berichten, dass ich am letzten Donnerstag wahrhaftig endlich einmal wieder sehr intensiv beflirtet worden bin und dabei feststellte: das macht schon Spaß, das tut schon gut 😀 Diese kleine Eitelkeit müsst ihr mir verzeihen, nachdem ich vor kurzem meinen 47. Geburtstag feiern durfte, passiert sowas ja schon lange nicht mehr jeden Tag.

Zurück zum Thema, wir fassen zusammen: ich schminke mich, damit ich im Supermarkt von gutaussehenden Russen beachtet werde. Oder halt, nein, so eben nicht. Ich schminke mich wahrhaftig für mich. Ein altes Klischee, das gerne auseinander gepflückt wird. Aber es stimmt: ich bin tief egoistisch – so wie ich für mich blogge, es aus einem inneren Antrieb tue, so nähe ich auch für mich, stricke ich auch für mich und schminke mich für mich. Denn ich habe ein Bild von mir, das meine Persönlichkeit, meinen Charakter möglichst genau widerspiegeln soll: Ich male auf, wer ich bin; ich gestatte meiner Umwelt, mich zu erkennen. Mich zu erkennen geben: ich tue das auch hier, wenn ich blogge, frei und losgelöst treibend-schreibend; ich tue das, wenn ich einen Rock nähe und trage, den es so nicht in den Geschäften gibt und ich tue das, wenn ich meinen Mund kirschrot ausmale – das bin ich, das sage ich, das will, hier bin ich.

Will ich damit im Mittelpunkt stehen? Nein, das ist mir verhasst, macht mich unsicher und ermüdet mich. Aber ich will immer und überall genau die tollen Menschen treffen und kennenlernen, die das Leben verschönern und verbessern, erheitern und erleuchten. Meine Schreibe wie meine Schminke sind die geheimen Erkennungszeichen, die die richtigen Menschen zu mir bringen. Und nachdem diese Menschen bei mir, an meiner Seite, in meinen Gedanken sind, schreibe und schminke ich nun auch für sie 😀

Aber hoppla, dieses freie Schreiben ohne vorgegebenen Handlungsbogen hat mich auf ganz andere Pfade geführt; nun stolpere ich über Stock und Stein und dorniges Gebüsch dorthin zurück, wo ich anfing: Make up.

Ich hatte es bei Corinne in den Kommentaren schon angeschnitten (und du Gute, lass mich noch einmal danken für den Platz, den du mir so oft einräumst): In meinem beruflichen Erleben hat Make up noch ganz andere Wirkungen gehabt, nämlich den Effekt, Frauen von einem einengenden Schönheitsideal zu befreien. Denn schaue ich mir unser Schönheitsideal an, so empfinde ich es als ganz perfide und hinterhältig:
Ja, der Druck, schön zu sein, ist in den letzten Jahren gewachsen, sogar für Männer wird es enger. Der Druck wuchs deshalb, weil die Möglichkeiten der Schönheitschirurgie sich erweitert haben. Galt es in den 80ern noch als lächerlich und würdelos, sich liften zu lassen, so wird darüber heute kaum noch geredet; ein guter Chirurg kann diese Veränderung nahezu spurenlos durchführen, während vor 30 Jahren ein geliftetes Gesicht sofort an den starren Augenbrauen, den aufgerissenen Augen und den atemlos geöffneten Lippen zu erkennen war – ich sage nur: Anneliese Rothenberger (für die älteren unter uns).

Auch als ich in den 90ern die Schönheitsfarm führte, waren solche Eingriffe verpönt und ich erinnere mich noch sehr genau an die Gespräche, als Botox in diesen Jahren in den USA aufkam; mit wieviel Hohn und Verwunderung wir uns fragten, wer denn wohl so bescheuert sein möge, sich ein Nervengift spritzen zu lassen? Heute wissen wir: offenbar sehr viele, lässt sich ja auch lässig in der Mittagspause erledigen und ab 24 muss man ja auch langsam mal ans Alter denken.
Was hat uns diese Entwicklung also gebracht? Die Möglichkeit, fast alles an uns zu verändern, glatt und straff (und angepasst!) zu sein, so wir nur das Geld dafür hinlegen. Dazu regelmäßig Haare färben, Nägel verlängern, 12x die Woche Sport treiben, Mittagspausenyoga und schon sind wir schön. Hmmmm, ja …

Blöd ist ja nur: wer all das macht, gilt weder als besonders intelligent noch als – wichtig – natürlich schön! Diese Person ist eitel, oberflächlich und künstlich. Finden wir also noch immer nicht schön. Denn Botox kann man sehen, künstliche Farben kann man sehen und Silikonimplantate wo auch immer ebenso. Nein, so wollen wir das auch nicht, wir wollen das komplette Paket: NATÜRLICHE SCHÖNHEIT, aber genormt. Also jetzt nicht einfach zurücklehnen, sagen, ich bin en nature, also bin ich schön. Entweder du hast in der genetischen Lotterie gewonnen oder eben nicht.

Bedeutet Make up jetzt die Lösung, weil ich mir dann halt ein fremdes Gesicht aufschminke? Meiner Meinung nach nicht. Für mich bedeutet es als berufliches Werkzeug etwas ganz anderes. Ich habe im Laufe dieser vielen Jahre, sehr, sehr viele Frauen kennen gelernt, in denen ein starkes Gefühl von Un-Wert, von Un-Attraktivität, von un-liebenswert tief verwurzelt war. Gar nicht immer, weil sie vielleicht von Zuhause aus klein gehalten worden waren oder unschöne Dinge von bösen Männern und gemeinen Frauen gesagt bekommen hätten, sondern weil sie sich selbst nie anschauen mochten, sich als häßlich, als falsch, als mißgebildet betrachtet haben. Sie hatten woher auch immer ein Schönheitsideal zusammengebaut aus allen möglichen, sich widersprechenden Vorstellungen.
So gerne wir Äußerlichkeiten als Oberflächlichkeiten, als Spielplatz derjenigen, die keine anderen Sorgen oder keine anderen Gedanken haben, bezeichnen: ein Mensch, der nicht einmal sein eigenes Aussehen mag, ist unglücklich, zieht sich aus der Gesellschaft zurück. Einer solchen Frau zu zeigen, was besonders an ihr ist, ist sicher das Spannendste und Beglückendste in meinem Beruf. Und es gibt kein besseres Mittel als Farben, um ihr das zu zeigen. Aber ich verrenne mich wieder ein bißchen; es geht ja nicht um das Extrem. Bleibe ich als Beispiel einfach bei mir:

Von Kindheit an habe ich dunkle Augenringe, da ändert sich nicht viel dran. Und ich stellte irgendwann fest: nicht nur geht mir die tägliche Fragerei, ob ich denn wohl krank sei auf die Nerven, nein, ich fühlte mich auch sofort erschöpft und angegriffen, sobald ich meine Schatten im Spiegel sah. Auch die Akne, die mich extrem plagte, wollte so gar nicht zu dem passen, wie ich mich innerlich fühlte – wer ähnliches durchgemacht hat, weiß, dass weinend vor dem Spiegel zusammen zu brechen, zur Charakterbildung unnötig ist. Also gleiche ich aus: die dunklen Schatten unter den Augen und die Pigmentflecken, die ewiges Abzeichen meiner Schwangerschaften sind. Ich verdecke beides nicht komplett, sonst erkenne ich mich nicht mehr und zerstörte meine sichtbare Geschichte. Ich liebe meinen Mund und ich rede gerne und habe kein Problem damit, wenn man mir zuhört – weshalb ihn also in beige-rosé verdecken? Ich zeige ihn, zeige, dass ich was zu sagen habe. Meine Augen verschwinden unter dem schweren, vom Papa geerbten Hängelid bald vollkommen – aber sind sie nicht der Spiegel zur Seele? Wer mich kennen lernen will, darf hinein schauen, also zeige ich den Weg mit Mascara. Die Jahre haben mir die Rundung der Wangen genommen und zeigen all die Müdigkeit, die Erschöpfung der unschönen Zeiten in meinem Leben – aber will ich das jedem gleich auf die Nase binden? Also helle ich das Dunkle auf und hauche ihm zartes Leben ein. Und schaue zuletzt in den Spiegel und sehe MICH. Mit all dem Erlebten, dem Gewollten, dem Hoffnungsvollen. Um sich gut und gerne zu schminken, muss man sich schon akzeptieren und mögen und auch das Unschöne am eigenen Ich nicht ausblenden. Nur wer sich nicht mag, kleistert sich zu.

Ich werde niemals Botox spritzen, färbe meine Haare schon lange nicht mehr, werde mich nie liften lassen, mir künstliche Nägel oder andere fremde Federn anhängen, ich bin neugierig auf meine Verwandlung in den nächsten Jahren – aber ich werde nicht aufhören, das Gesicht zu tragen und zu zeigen und zu schmücken, das meines ist. Ich schminke mich nicht täglich, es ist abhängig von meiner Laune, meinen Tagesplänen und meiner Gesundheit, aber das geschminkte Gesicht ist meine Wahrheit, mein nach außen getragener Charakter, viel mehr, als es mein ungeschminktes Gesicht jemals sein könnte. Make up ist für mich nicht Versteck und Anpassung, sondern Lebensfreude und Offenheit.

Joi, das war jetzt wieder lang und wahrscheinlich viel weniger konkret, als man es von einer Fachfrau erwarten dürfte. Es ist persönlich und durcheinander und pathetisch und albern, aber so ist es halt. Hier ende ich nun und habe es so nicht vorhersehen können. Tja. Und ihr?

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