Blind dates und Blindgänger

Das ist vorerst das letzte Werk, Aufgabe 6 liegt noch vor mir. In Aufgabe 5 sollte ein eigenes Erlebnis in Form einer Beschreibung oder einer Erzählung verarbeitet werden; ich habe mich für die Beschreibung entschieden.

Blind Dates und Blindgänger

Muh und Kleine Hexe waren überzeugt, Maia und Caipi hoffnungsfroh: der Aussie ist der Richtige für Pauline. Mich überraschte diese Zuversicht; wie sollten vier Frauen, denen ich nie begegnet war, das wissen? Wir hatten uns im Liebesforum zusammen gefunden, um unsere Erfahrungen mit Internetdates auszutauschen. Die paar Jungs, die sich in unseren Thread wagten, verzogen sich schnell wieder – die Stimmung erschien ihnen latent männerfeindlich. Ein Mißverständnis, natürlich. Es war nur so, dass unter den vielen Männern, die wir durch das Internet getroffen hatten, wenige waren, die wir wiedersehen wollten.
Im September 2002 war ich – Pauline – die einzige, die aktiv war. Von mir erwartete die Clique Liveberichte. Davon angespornt lag ein Dating-Marathon vor mir: von Freitag- bis Montagabend hatte ich fünf Treffen vereinbart; Ort und Unternehmung des Dates hingen vom Eindruck ab, den die „Bewerber“ hinterlassen hatten.
Am Freitagabend startete ich mit Olaf, der vor kurzem nach Bonn gezogen war und Freunde finden wollte; wären hübsche Frauen darunter, so hätte er nichts dagegen. Wir entschieden uns für Kino und einen Rundgang durch die Innenstadt. Olaf war so locker, witzig und nett, wie ich ihn am Telefon kennen gelernt hatte. Wir verstanden uns prächtig, machten uns Komplimente und suchten unter den Passanten nach passenden Partnern für den anderen – der Mann fürs Leben war er nicht.
Am Samstagmorgen frühstückte ich mit einem acht Jahre jüngeren Versicherungsmakler, der nicht zu schüchtern war, mir seine Vorzüge zwischen Croissants und Brötchen aufzuzählen. Aber auch meine Persönlichkeit schätzte er hoch. Oder sollte ich sein gesäuseltes „Du bist aber auch ein knuspriges Stückchen“ falsch verstanden haben? Ich glaube nicht, denn nach seinem zweiten Glas Prosecco wollte er mir deutlich näher kommen. Ich verabschiedete mich kühl und fuhr nach Hause, im Geiste schon meinen Bericht für die Clique formulierend. Immerhin: die Mädels starteten lachend in ihr Wochenende.
Auf den Abend freute ich mich: Michael war gebildet, hatte einen trockenen Humor und eine angenehme Stimme. Den Nachmittag verbrachte ich damit, mich in eine Schönheit zu verwandeln. Wie immer zu früh, saß ich im ersten Stock des Bistros und wartete. An den Tischen mir gegenüber saßen zwei Frauen, die ebenfalls zu warten schienen. Nach einigen Minuten betrat ein gutaussehender Mann die Szene; alle drei lächelten wir einladend, während er auf einen anderen Mann zueilte, diesen umarmte und küsste. Gut, der war es nicht. Unbemerkt war ein magerer Mann aufgetaucht. Wäre vor ihm kein Adonis die Treppe hinauf gegangen, so hätten wir ihn nicht übersehen, denn so blass und unscheinbar er auch war, er hatte Geschmack. Nun ja, keinen guten, aber einen bunten. Royalblau das Hemd, ampelrot die Hose. Er stand am Treppenaufgang, blickte sich um – und eilte auf mich zu, einen Strauß Blumen aus dem Bahnhofsautomaten in der Hand. Ich hörte die beiden anderen Frauen erleichtert aufseufzen.
„Du bist viel schöner als auf dem Bild.“ Leider. Er drückte mir die Blumen in den Ausschnitt, verpasste mir einen nassen Kuss auf den Hals und setzte sich. Er zitierte, politisierte und erklärte mir die Welt. Offenbar hatte er mein fassungsloses Schweigen mißdeutet, denn als die Rechnung kam, meinte er: „Ich zahle das hier, du kannst ja noch mit zu mir kommen.“
Ja. Oder ich zahle selbst. Er blickte mir überrascht hinterher.
Am nächsten Morgen verzichtete ich auf Lippenstift und Kamm. Der nächste Kandidat durfte mich nur treffen, weil er nicht los zu werden war. Alles an ihm störte mich: sein Aussehen, seine Kleidung, sein Dialekt. Vor allem aber seine verzweifelte Suche nach einer Frau, irgendeiner Frau. Ich wollte ihm zeigen, dass wir nicht zueinander passten. Er wollte mir zeigen, dass wir zusammen gehörten. Was er auch sagte, ich widersprach. Was ich auch sagte, er stimmte zu. Ich war unhöflich, schnippisch, genervt. Er meinte, ich sei witzig, spontan, selbstbewußt. Ich sagte, er sei nicht mein Typ. Er versprach, er wolle sich ändern. Erst als ich behauptete, ich sei verheiratet und suche nach einer Affäre, erklärte er, ich sei unmoralisch und verließ mich. Drei Stunden hatte der Kampf gedauert, doch seine Anrufe blieben mir von nun an erspart.
Am Sonntagabend zog die Clique das Fazit: Aber morgen triffst du den Richtigen. Steve, den Australier, der, obwohl er Fleisch liebt, ein Thairestaurant aussucht, weil Pauline Vegetarierin ist. Der ein schnuckeliges Deutsch schreibt und spricht. Der nicht Paulines Typ ist, aber so sympathisch aussieht. Der die falsche Musik hört, aber gerne liest und originelle Komplimente macht.
Wie das Treffen mit Steve lief? Das ist eine andere Geschichte. Nur so viel: die vier Frauen, denen ich nie begegnet war, hatten recht.

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