Bloggen: Links, Listen, Layout

Wundert euch nicht, mir liegt seit einigen Tagen etwas eigentlich Selbstverständliches auf der Seele. Na, auf der Seele ist übertrieben, aber es treibt mich um.

Zum einen ist da die Sache mit der Blogroll, der Leseliste, der Besuchsempfehlungen: Als einer der altmodischen Bloggerinnen gehört sie für mich zum eigenen Blog dazu. Den ersten Blog habe ich vor 12 Jahren gestartet und das Erste, was ich tat, war das Auflisten all der Blogs, die ich regelmäßig besuchte. Ich schloß den Blog, öffnete Monate später einen zweiten, schloß ihn, wartete ein Jahr und begann den dritten – ernsthaft diesmal. Und zog mit ihm einige Jahre später um. Jedesmal war die erste Tat das Befüllen meiner Leseliste, die ich seitdem regelmäßig pflegte und hegte. Immer spiegelte sie meine derzeitigen Vorlieben wieder oder meine intensivsten Kontakte oder beides. Als wordpress sich immer weiter entwickelte, kippte die Mitentwicklung der dynamischen Blogroll (also eine Verlinkung zu den Blogs, die immer die aktuellsten Beiträge zeigt) hinten über und irgendwann stand ich wie alle WordPresser entweder mit einer statischen Leseliste oder eben gar keiner da.

Über Wochen und Monate suchte ich mich dumm und dusselig, schrottete einmal fast den Server meines Hosts, weil ein Plugin im Sekundentakt nach Daten, Daten, Daten suchte. Ich trug Links ohne Ende in Plugins ohne Ende ein, um zu testen und zu schauen und verbrachte damit Stunden und Tage. Und immer wieder traf ich auf meiner Suche auf Foreneinträge und Beiträge und Kommentare, die mir sagten: DAS IST SO OUT. DAS IST NICHT COOL. DAS IST OLD SCHOOL. Spontan fühlte ich mich alt. Und starrsinnig. Also altersstarsinnig. Denn jetzt erst recht, ich wollte meine Leseliste, unbedingt. Weshalb?

Weil für mich diese Empfehlung anderer Bloggerinnen eine Selbstverständlichkeit ist. Dieses Weiterleiten einer Leserin an eine Bloggerin zeugt von meiner Wertschätzung beider. Ich habe mich immer gefreut, durch Blogs, die ich liebte, noch mehr Blogs zu finden, denen ich mein Herz schenken konnte. Dabei kommt es auch  nicht auf Gegenseitigkeit an; ich verlinke mit Wonne auch zu Blogs, die mich nicht kennen und habe dazu (oft leider) im Gegenzug gar nicht auf dem Radar, wer mich verlinkt. Dieses  sich gegenseitig auf die Liste derer, die ich nicht verpassen mag, setzen, ist für mich eine Form von Währung, von Anerkennung – und ich finde es bezeichnend für unsere Zeit, dass das nun uncool, out und unmodern sein soll. Es gibt so viele nackte Seitenleisten … SPREAD THE LOVE! Ein gutes Plugin dafür ist übrigens feedzy lite, das zwar einiges an händischer Arbeit verlangt, aber sich dafür schön anpassen lässt. Ich freue mich  im Augenblick täglich mehrfach wie jeck, wenn ich sehe, wie schön die neuesten Beiträge meiner Lieblingsbloggerinnen präsentiert werden.

Und so wie ich mich über jeden Link freue, den ich erhalte, freue ich mich auch über jeden Kommentar, auch wenn ich nicht immer dazu komme, jeden zu beantworten.

Was also liegt näher, als auch die Kommentatorinnen – viele ebenfalls mit eigenem Blog – prominent zu präsentieren? Je nach theme sind die Kommentare schon mit dem Avatar versehen; ich musste dazu ebenfalls ein Plugin installieren. (Jajajaja, ich weiß, wir sollen und wollen alle unsere Scripte schon schlank und unbelastet halten … aber dennoch. Trotzdem! Altersstarrsinn hurra!)

Dass die Anzahl der Kommentare, die Blogs erhalten, zurück gegangen seien, wird immer wieder beklagt und besprochen. Die meisten versprechen sich dann, bei sich selbst zu beginnen, geloben Besserung und wollen in Zukunft mehr bei anderen kommentieren. Nehme ich mir auch immer wieder vor, aber ich bin erstaunlich schüchtern, auch wenn das kaum zu glauben sein mag. Oft ist aber wohl der Fakt, dass viele nur noch am Smartphone lesen und das über Feedreader, der Grund, weshalb Kommentare weniger werden – der Weg ist zu lang. Auch die Aufteilung auf facebook, twitter, instagram sorgt für weniger Kommunikation im Blog selbst. Umso mehr lohnt es sich, die unerschrockenen Kommentatorinnen zu würdigen – die ich noch mal darauf hinweisen möchte, doch auch immer den Link zu ihrem Blog da zu lassen. Ich zumindest habe spannende Blogs nicht allein durch Blogrolls gefunden, sondern auch durch Kommentare in fremden Blogs. Also, liebe Leserinnen, stürzt euch ins Gespräch.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass der Weg von den Blogs weg zu den Schnellgesprächen und raschen Bildern auf den sozialen Netzwerken sich langsam in die Kurve legt und zum Ausgangsziel zurück führt. Es kommen in letzter Zeit vermehrt Blogs dazu, die gut angenommen und gelesen werden, so als ob wir alle das ständige Fast Food nicht mehr sehen könnten – und das sollte uns freuen und motivieren, öfter am Layout zu basteln. Und uns das der anderen Bloggerinnen einmal anzuschauen, wenn wir bislang nur über den Feedreader gelesen haben sollten.

Ich setze mich etwa einmal im Jahr an mein Bloglayout, mal mit großen, mal mit kleineren Änderungen und jedes Mal bin ich davon überzeugt, es nun endgültig gefunden zu haben. Wohlwissend, dass das über die nächsten Dekaden so weiter gehen wird. Weil sich nicht nur meine Vorlieben verschieben, sondern weil sich auch unser aller Blickgewohnheiten ändern, je nachdem, was wir nun als modern oder passend empfinden.

Ich persönlich bin ja immer ein wenig enttäuscht, wenn ich auf spannende Blogs treffen, die sich irgendwann für das Standardtheme ihres Anbieters entschieden haben und nichts daraus machen. Manchmal mag es genau das Passende sein für die Persönlichkeit der Bloggerin, für ihren (Schreib)Stil und ihre Vorlieben. Und das soll beileibe keine Kritik sein! Vielleicht sollte ich eher sagen: Ich freue mich immer sehr, wenn ich einen neuen Blog finde (oder regelmäßig auf meine Lieblinge treffe) und das Layout mir als visuellem Menschen gleich mitteilt, was ich erwarten kann, ein Layout, das mir hilft, den Schreibstil zu erkennen und entschlüssseln, das mich einlädt und mir sagt: hier hat jemand Freude an dem, was er tut. Genauso froh bin ich, wenn mir ein giftgrünes Layout mit hüpfenden Hasen, blinkenden Herzen und kindlicher Schreibschift klarmacht, keine kostbare Zeit zu verschwenden, weil diese Bloggerin und ich vermutlich wenig gemein habe.

Und entsprechend schade finde ich es, wenn andere ein liebevoll gestaltetes, virtuelles Wohnzimmer nicht betreten. Auch da möchte ich gerne rufen: Geht mal wieder mehr raus, besucht einander und lasst Blumen da. Ich gehe für jeden Beitrag zum Blog selbst hin und wünschte mir manchmal, ich könnte schnell einen Killroy hinterlassen, weil die Zeit eben auch nicht immer für einen Kommentar reicht – einfach nur um zu zeigen, wie gerne man kommt. Nunja, ich bin eben unmodern, uncool, old school 😀

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So ganz langsam doch aufgeregt …

Irgendwann im Frühsommer letzten Jahres erhielt ich eine Mail, die ich auf den ersten – offenbar durch Erfahrung nicht vorurteilsfreien – Blick auf den Betreff für die folgende Art von Spam hielt, die wir als Bloggerinnen kennen und hassen gelernt haben:

„Liebe xy (hier steht selten der richtige Name, da der eine Klick zu Impressum/Über mich entschieden zu viel verlangt ist für die wichtige Person, die uns hier schreibt)
Dein/Ihr Blog fiel mir auf und wir könnten uns eine Zusammenarbeit gut vorstellen (wer „Wir“ ist, wird nur selten erschöpfend dargelegt). Daher möchte ich wissen, wieviel es kosten würde, einen Artikel bei Ihnen zu veröffentlichen und/oder ein Banner zu besetzen (Das sind dann übrigens schon die guten Angebote, durchaus kommt es vor, dass für die Veröffentlichung dreier Lobartikel ein Anleitungsheftchen für gehäkelte Babysöckchen drin ist …)“ …

Anfangs schrieb ich artig zurück, bedankte mich für das Angebot und lehnte ab. Irgendwann, als es überhand nahm, tat ich das nicht umgehend und als einer daraufhin drängelte und unhöflich wurde, machte ich es offiziell: Nein, danke, ich möchte keine Werbung auf meinem Blog. Etwas empfehlen, beschreiben und zeigen ist eben doch eine ganz andere Nummer als ständige Kaufmich-Artikel und als überzeugte Adblockerin fände ich es auch nicht fair, es woanders zu hassen und es selbst zu tun.

Doch dieser Betreff jetzt lautete neben „Kooperationsanfrage“ eben auch „Styleratgeber“ und das machte mich zumindest neugierig. Kurz zuvor hatte ich meine Kleiderschrankserie geschrieben, die ja nun das genaue Gegenteil von einem Ratgeber ist. Ich las die Mail – die mit meinen Realnamen und einer wirklichen Kenntnis meines Blogs punktete – einmal, dreimal, siebenmal und war verwirrt, erfreut, geschmeichelt, mißtrauisch und seltsam aufgeregt. Ich fragte genauer nach und fand mich in einem Telefonat wieder, das entspannt, professionell und persönlich war und ehe ich mich versah, hatte ich zugestimmt, einige Texte für ein Buch zu verfasssen, das eigentlich die Quadratur des Kreises sein müsste: Outfitideen mit Texten, die NICHT von ständiger Figuroptimierung und Verboten handelten.

Als ich die ersten Kapitel beendet hatte, sandte ich sie ein, innerlich noch immer davon überzeugt, ich habe etwas falsch verstanden und man wäre nun enttäuscht von meiner Arbeit. Das Gegenteil war der Fall, wenn ich den Antworten und dem jetzigen Erscheinen des Buches glauben soll. Zwar ist mein Anteil daran nur ein kleiner, aber hoffentlich einer, der den Käuferinnen des Buches gefallen wird und ihnen Mut macht, mehr von sich – von ihren Vorlieben und ihrer Persönlichkeit, nicht unbedingt von ihrem Busen! – zu zeigen. Nächsten Mittwoch wird es erscheinen, irgendwann um diesen Zeitpunkt herum erhalte ich meine Belegexemplare und sollte bei euch Interesse bestehen, könnte ich eine Verlosung arrangieren. Es ist kein ausgesprochenes Handarbeitsbuch, sondern eines, in dem es sich um 100 Outfits dreht – aber ich habe in den Varianten einiges gefunden, was mich auf Ideen brachte. Vielleicht geht es euch ja auch so.

Puh, jetzt bin ich schon etwas weniger nervös und werde euch in der nächsten Woche mehr davon zeigen können – ob ihr wollt oder nicht …

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Podcast bei Muriel

Oh, bibber, bibber, bibber … heute ist mein (für mich sehr unterhaltsames) Gespräch mit Muriel online gegangen und wenn ich schon mit Bildern von mir fremdele – mit meiner Stimme und meinem mitunter aus der Bahn springendem Enthusiasmus noch viel mehr.

Und so bitte ich euch gar herzlich: seid lieb und nachsichtig mit mir, wenn ihr reinhört. Und jetzt werde ich mir die Kopfhörer aufsetzen, Wäsche falten und Küche aufräumen und mir selbst zuhören. Vermutlich werde ich mich danach in der Badewanne wälzen und nie wieder heraus kommen wollen …

Aber egal, Muriel war wirklich fantastisch, einfühlsam und lustig und sollte sie eine von euch um ein Gespräch bitten: ziert euch nicht, macht es einfach.

So, genug der nervösen Vorrede: hier ist der Podcast.

Liebe Muriel, vielen Dank für deine Geduld, deine liebevolle Vor- und Nachbereitung und die Mühe, die du dir jedes Mal machst 🙂

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Vom Glück, eine dünne Frau zu sein – oder?

Hachja, seit Tagen denke ich darüber nach, endlich Marie Antoinette vor Gericht zu stellen, bin aber ständig über Gebühr müde und erschöpft – ein Hashimoto-Schub ist wohl wieder einmal in Gange mit dem üblichen kratzigen Druck um die Schilddrüse herum und der fast schon schmerzhaften Müdigkeit.

Nur ganz kurz gestern schreckte ich auf, weil es um Körperbilder, um Frauenkörper, um Emanzipation/Feminismus und um Schönheit ging; die Meisten werden es irgendwie mitbekommen haben und wer nicht, hat eigentlich auch nichts verpasst. Denn das Ganze ist hier und jetzt nur Anlass für meine ganz persönlichen Gedanken und Körpererfahrungen, die ich ja immer mal wieder im Laufe der Jahre beschrieben habe. Und ich stellte fest, dass manch unschöne Erfahrung deutlich weniger verschütt gegangen ist als gedacht und sich ganz ganz schnell wieder an die Oberfläche emporarbeiten kann, wenn sie nur ordentlich getriggert wird.

Als ich 14 war, war ich dünn. Ich war schon in etwa so groß wie heute – 173 cm – und wog dabei 48 kg. Wohlgemerkt, ohne jemals magersüchtig oder sonstwie seelisch verletzt oder kontrollsüchtig zu sein. Ich hatte die langen Beine und Arme meines Vaters geerbt und den leicht runden Bauch meiner Mutter, war, obwohl ich mich immer als sehr unsportlich erlebt habe, doch oft in Bewegung: wenn ich nicht stundenlang las und dabei gemeinerweise Schokolade, Lakritz und Chips aß, dann spielte ich Federball mit der Freundin, gummitwistete, raste mit Rad durch die Straßen, spielte Fangen und Jagen, schaukelte am Trapez, kletterte über Zäune oder sprang Seil, bis ich mindestens bis 500 gezählt hatte. Und was nützten Schoki, Lakritz und Chips, wenn ich mich beim Essen vor allem ekelte, was vom toten Tier kam und mich von einem sehr vollen Teller sehr bedroht fühlte. Ging ich mit meinen Eltern essen, so lockte mein Papa mich gerne mit Geld, wenn ich meinen Teller leer äße. Ich habe es sehr selten einstecken können, denn mein Sättigungsgefühl war derart, dass mir bei vollem Magen schlicht schlecht wurde und ich – eben für kein Geld der Welt – mehr hätte herunter würgen können.

Da ich aber mittlerweile in der Pubertät war, kamen nicht nur Blicke, sondern eben auch Sprüche von allen Seiten. Andere Mädchen bekamen Kurven – manche nicht unbedingt da, wo sie von BHs eingepackt werden konnten – ich halt nicht. Was mit 10 und 12 Jahren niemanden gestört hatte, war nun immer wieder Gegenstand von unglaublich witzigen und humorvollem Bemerkungen. Ich denke, wüßte beispielsweise mein damaliger Klassenkamerad Bernard, dass mir sein durch die Klasse gerufener Kommentar noch heute wortwörtlich gegenwärtig ist, es würde ihn überraschen und verwundern. Ich stand an der Tafel, wo ich mittlerweile nur noch sehr ungern stand, wollte ich doch am liebsten unsichtbar sein, um weder auf meine blühende Akne noch meine klappernden Knochen angesprochen zu werden, und schrieb mit dem Rücken zur Klasse, als Bernard glucksend fragte, wo ich denn wohl später meinen Ehering tragen wolle? Am Oberarm?

Und nun bin ich selbst überrascht und hoffe, euch nicht zu erschrecken, aber da rollen mir doch glatt 34 Jahre danach noch die Tränchen. Ihr solltet wissen, dass Bernard ein ziemlich toller Junge mit Idealen war, der dazu noch gut aussah und charmant war. Und ich war immer mal wieder sehr verguckt in ihn, insbesondere, als er sich eines Winters auf einen Realschüler der gegenüberliegenden Straßenseite stürzte, weil dieser uns mit steingefüllten Schneebällen bewarf und mich an der Wange traf. „Wage das nie wieder, meine Klassenkameradin anzugreifen! Nie wieder!“ Ja, hach …

Ich bin also sicher, dass er das mit dem Ehering nicht böse meinte; am späten Nachmittag, nachdem ich nicht mehr ständig meinen Kater anheulte, pulte ich mir das Positive heraus: immerhin ging er davon aus, dass mich irgendwann irgendwer heiraten würde. Das war doch schon was, oder? Das war doch was.

In der Zeit stand ich täglich vor dem Spiegel und auf der Waage. Ich fütterte mich täglich mit Milchmixgetränken aus Milch, Erdbeerpulver, Vanilleeis, Sahne und Schokostreuseln und bemühte mich, zu essen, was und wann immer es ging. Alle Welt kommentierte mich – mal in kleinen Nebensätzen, die unbewußt fielen, wie von Schulfreundinnen, die mich in den Arm nahmen und Dinge sagten, ich fühle mich an wie ein kleines, zerbrechliches Vögelchen, Mütter von Schulfreundinnen, die mir nachmittags ungefragt Kuchen mit Sahne hinstellten (ich kann Kuchen nicht leiden, wenn, dann bitte Marzipan-Nougat-Torten) und dann traurig den Kopf schüttelten, wenn ich nur die Hälfte ihn mich hinein bekam, oder Freundinnen meiner Mutter, die meinten, mich aufmuntern zu müssen – mit Weisheiten wie „Mädchen, die schon viel Busen haben, haben später Hängebrüste.“, „Du wirst mal Mannequin!“ (so hieß das damals noch) oder „Du siehst aus wie eine Französin!“

Man kann gerade den mir zugetanen Nenntanten nicht unterstellen, sie hätten falsch gelegen: sobald ich auch nur einen halben Zeh nach Frankreich setzte, war man erstaunt, in mir keine Landsmännin zu sehen und dank meiner Schulwahl war Französisch ja auch meine erste Fremdsprache. In meinen 20ern bin ich insgesamt dreimal von Modelscouts entdeckt worden, von denen zwei sogar irgendwie seriös waren – da meine Kamerascheu und mein sichtliches Untalent hier ja sehr bekannt und sichtbar ist, könnt ihr euch vorstellen, mit welcher Panik ich geflohen bin. Heute, aus der Nachsicht, so als mittelalte Frau, bin ich trotz all meiner kritisch-feministischen Ablehnung dieser Modelbranche gegenüber doch ein klein wenig stolz, es mal hätte machen zu können und wünschte nur, ich hätte mich damals nicht ständig dünn, hässlich und unzureichend gefühlt.

Denn so fühlte ich mich für den Großteil meines Lebens. Es ist eben doch sehr traumatisch-prägend, mit 14, 15 an Supermarktkassen zu stehen, und den direkt nachstehenden Frauen (und es waren immer Frauen!) zuhören zu müssen, was sie so über mich dachten. Klar, ich hatte Magersucht oder Krebs, klar, das war wirklich unglaublich häßlich und belastend, mich so sehen zu müssen, mit einem kleinen Zack könnte man mir den Arm brechen, tja schade, dass ich wohl mit den Pickeln und dem Klappergestell niemals einen Kerl abbekäme, es spielten nur Hunde mit Knochen und Männer wollten ja was in der Hand halten. Aus den Augenwinkeln erhaschte ich die Sprecherinnen und nein, es ist kein fat shaming, wenn ich sage: es waren immer Frauen, die wenigstens doppelt so weit vom Normalgewicht entfernt waren wie ich – nur eben in der entgegengesetzten Richtung. Mir gingen auch schon einmal bösartige Repliken durch den Kopf, die ich aber aus zwei Gründen herunterschluckte: zum Einen weil ich mich schlicht nicht traute, hatte man sich doch schon Gedanken gemacht, wie leicht man meine Gliedmaßen brechen könne. Und zum Anderen weil ich niemandem so weh tun wollte, wie es mir gerade geschah. Und es wäre ja auch nicht ehrlich gewesen, denn ich fand die Dicken nicht so belastend zu betrachtend. Ich beneidete sie ja. Weniger, da mus sich ehrlich bleiben, weil auch ich dick sein wollte, sondern weil ich ganz naiv dachte, wie leicht ich dann bei einem normalen Gewicht anlangen könne. Meiner persönlichen Speiseaufnahmekapazität waren Grenzen gesetzt und schlug ich eine Zeitschrift auf, so fand ich keine Tipps zur Gewichtszunahme, sondern Diäten. Die würde ich ja nur anwenden müssen, wäre ich zu dick. Übrigens war ich zu dem Zeitpunkt schon als ausgesprochen unnachgiebig und kämpferisch in Sachen Gleichberechtigung bekannt. So schüchtern ich sonst war, hier geriet ich in Wallung und redete jedes, damals ausschließlich männlich hervorgebrachte Argument in Grund und Boden. Ich sah auch nie einen Widerspruch in meinem Wunsch nach normaler Figur und Feminismus, genauso wenig wie schöne Kleidung, Make up und Giggeleien mich dabei störten.

Ein erstes kleines Highlight in meiner vom Dünnsein überschatteten Jugend war eine neue Klassenkameradin namens Ulrike, die mich beim ersten Wandertag nach ihrem Eintreffen darüber aufklärte, dass sie ein Riesenfan Audrey Hepburns sei und dass sie gleich gedacht habe, wie ähnlich ich ihr sei. Ich wäre fast den Abgrund herunter gekippt und klärte sie darüber auf, dass ich sie (also Audrey) natürlich auch liebte – alle dünnen Mädchen taten das, war sie doch Beweis, dass man vielleicht doch auch als Frau wahrgenommen werden konnte, obwohl man dünn war – aber eine Ähnlichkeit ja keinesfalls bestehen könne. Als ich mit 21 dank Kosmetikausbildung endlich meine Akne in den Griff bekommen hatte und beruflich bedingt statt Brille Kontaktlinsen trug – und bevor man jetzt denkt, man habe ich mich aus optischen Gründen dazu gezwungen: nein, nur Brille und Staub und Öl und Creme und Dampf vertragen sich unglaublich schlecht – also als ich zwei meiner verhassten „Makel“ losgeworden war und mir dann ja auch Ute auf Norderney begegnetete, die mich aus den 12.000 weiten Kleidungsschichten herausschälte, also als all das geschehen war, fiel der Audrey-Vergleich extrem oft. Es war quasi der klassische Einstiegssatz, wollte mich ein Typ anbaggern. Ich lernte, dass ganz und gar nicht alle Männer was in der Hand haben wollten oder nur Blondinen Spaß haben konnten. Vielleicht war es wirklich der Audrey-Effekt, aber der Großteil der Männer, die ich kennen lernte, war klug, gebildet und sehr darum bemüht, mich mit Witz und Höflichkeit zu beeindrucken. Der echten Audrey Hepburn hat sicherlich auch nur selten einer auf den Hintern geklatscht oder sie gleich zum Poppen aufgefordert, wie es Marilyn Monroe über sich ergehen lassen musste. Verglich ich meine Erfahrungen mit denen meiner blonderen und kurvigeren Freundinnen, dann war ich mir zum ersten Mal sicher: ja, dünn sein kann von Vorteil sein. Kann, muss nicht – all die Schwachmaten und Übergreifer, die wir alle kennen lernten, blieben auch mir nicht erspart. In meinen 20ern nahm ich auch endlich ein klein wenig zu – dank Pille und mehr Appetit. Ein klein wenig hieß: 52 kg bei nach wie vor 173 cm.

An dem niedrigen Gewicht waren aber nicht (nur) irgendwelche Gene schuld – sowohl meine Eltern als heute auch mein Bruder sind/waren nicht schlank. Mein Vater behielt sein Leben lang die dünnen Arme und Beine und erabeitete sich dazu ganz ordentlich Bauchumfang; ein Erbteil, auf das ich gerne verzichtet hätte. Nein, schuld am Gewicht waren nach wie vor meine Unfähigkeit, über den Hunger hinaus essen zu können und mein Talent, Appetit von Hunger unterscheiden zu können und das alles bei nicht unerheblicher körperlich anstrengender Arbeit. Bei knapp 50 Stunden die Woche, die ich mit Körpermassagen, Wäsche schleppen, Fußpflegen und Gesichtsbehandlungen verbrachte, unterbrochen von einer einstündigen Mittagspause, blieb einfach nicht viel hängen. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte: Frühstück gab es zwar keines – bis heute eine Mahlzeit, die ich unerträglich finde – dafür um 10:00 das erste Marzipanteilchen, zwischendurch die üblichen Lakritze und dann mittags die Reste vom Abendessen. Nachmittags das nächste Teilchen, heruntergeschlungen in den 5 minütigen Wartepausen, in denen Kundinnen ihre Füße badeten oder Pflegemasken einziehen ließen, und abends dann frisch Gekochtes oder drei- bis viermal die Woche essen gehen. 52 kilo, dabei blieb es, solange ich diesen Beruf ausübte. Längst hatte ich mir angewöhnt, wenn ich irgendwo mein Gewicht angeben musste, es auf 54 hoch zu schummeln, das klang irgendwie besser und sorgte für nur eine hochgezogene Braue des behandelnden Arztes. Und ja, auch hier gab es den Dünnenvorteil, da fast reflexartig jedes medizinische Fachpersonal zwar seufzte, aber dann meinte, das sei ja immerhin besser als zu dick zu sein und meine Werte seien ja ausgezeichnet.

Nun bekam ich zwischen 21 und 34 (dann lernte ich den Gatten kennen und war nur noch selten alleine anbaggerbar) im Grunde täglich Komplimente: von Kundinnen und Kunden, von Kollegen, von Polizisten (fragt nicht), von allen möglichen Männern und Frauen aus den unterschiedlichsten, egoistischen wie altruistischen Gründen. Ich sei ja schlank wie eine Tanne, hätte eine solche Porzellanhaut, sei ja so elegant, eine wahrhaft klassische Schönheit – und ich wand mich vor Pein und Panik. Es ist schwierig, dass so zu erzählen, aufzuzählen, weil es unglaublich arrogant und verlogen klingt, nicht wahr – aber ich sah das nicht. Ja, ich merkte, dass ich Aufmerksamkeit bekam, ich wußte, dass ich mir, wenn ich wollte, Männer aussuchen konnte, ich erlebte gerade als Farmleiterin im Hotel, dass ich einen Draht zu Frauen hatten und sie genau dieses Aussehen auch von mir erwarteten, es verlangten geradezu, und dass mir oft Türen geöffnet wurden, weil man mich schön, aber nicht bedrohlich, kühl, aber nicht unnahbar fand. Mann und Maus erzählten mir ihre Geschichten und Gedanken, denn, es nimmt heute wunder, das zu hören/glauben, ich hörte mehr zu als dass ich sprach – dienender Beruf halt. ABER nach wie vor war ich das Mädchen, das klappert und seinen Ehering am Oberarm würde festschweißen müssen, damit sie ihn nicht verliert. Ich war häßlich, picklig, dürr, klapprig, schwächlich, keine echte Frau,bestenfalls ein Spizelzeug für Hunde.

Ich war sehr zwiegespalten. Ich unterstellte anderen nicht, dass sie mich anlügten, wenn sie mir nettes sagten. Ich ging nicht davon aus, dass mich Männer aus Mitleid anmachten. Aber irgendwie glaubte ich, da sei ein Schleier um mich, der anderen nicht erlaubte, mein wirkliches Ich zu sehen. Gingen Gespräche einmal tiefer und offenbarte ich meine Verunsicherung, so wurde das gerne weggelacht oder als verlogenes Geschwätz dargestellt. Einzig, wenn ich unvermutet einer anderen Dünnen gegenüber stand …

Dünne sind selten im Vergleich zu Dicken. Auf der Schönheitsfarm hatte ich einmal im Monat eine Kundin, die zu dick war und drei Kundinnen pro Woche, die sich zu dick fanden. Dünne kamen zweimal im Jahr und immer machte es sofort Klick zwischen uns. Immer auch übrnahm ich die Dünne für mich als Behandelnde. Und immer, immer waren die Geschichten, die wir uns erzählten, die Selben. Es waren immer die selben Sprüche, die selben Blicke, die selben Unsicherheiten. An eine erinnere ich mich sehr deutlich, weil mir ihre Verunsicherung so unverständlich war. Sie war, wie viele Frauen ganz unterschiedlichen Gewichtes, die ich kennen lernte, eine unglaublich schöne Frau mit einer Ausstrahlung, die regelrecht vibrierte. Im Gegensatz zu mir wirkte sie elfenhaft, war zierlich, klein und bewegte sich sehr, sehr schwebend durch einen Raum – ich hatte mir schon früh einen sehr schnellen Gang mit großen und bestimmten Schritten angewöhnt. Und am ersten Abend, als sie leicht verspätet durch den Speisesaal schritt, war sie sich ganz offensichtlich nicht gewahr, dass alle, wirklich alle im Raum nach ihr schauten. Als wir später mit der ganzen Gruppe noch an der Bar saßen, war sie sich der mittlerweile recht begehrlichen Blicke der männlichen Gästeschar nicht bewußt. Erst als unser Barkeeper sie darauf aufmerksam machte, dass mittlerweile einige Gläser Wein und Schnaps für sie bestellt worden waren mit den allerbesten Empfehlungen, blickte sie sich überhaupt um, errötete heftig und lehnte ab. Im Laufe der Woche zeigte sich, wie unglaublich verknackst ihr Blick auf sich selbst war. Für sie zählte nur das zu dünn, das sie zur Nichtfrau abstempelte. Denn wie kommt man auch gegen die Sprüche der wohlgeformten Damen an, die da meinten, Männer wollten halt was in der Hand haben? Welchen Konter gleichen Kalibers konnte es geben?

Ich hatte es ja nie gewagt, überhaupt jemals zu kontern. Bis auf den einen Tag, an dem wirklich alles schief ging, ich rasende Kopfschmerzen und eine unglaubliche Wut auf alles und jedes in mir trug. Überstunden hatte ich auch machen müssen, unbezahlt natürlich, und die Ubahn war weg. Ich war 19 und alles war doof. Als ich endlich in den Bus nach Hause einstieg, gab es nur noch Stehplätze und ein unglaubliches Gequetsche. Ich stand an der Tür und da ging es wieder los, das Kommentieren meiner Figur. Ich brodelte. Neben mir eine ältere Dame, die mich aufmunternd anlächelte und wohl gerade sagen mochte, ich solle gar nicht hinhören, als der Satz fiel – Männer, die was in der Hand haben müssen. Es hielt mich dieses eine Mal nicht mehr, ich drehte mich mit Wucht um, wahrscheinlich blitzte der gerechte Zorn aus meinen Augen und ich zischte gut hörbar, ob die beiden Damen wohl schon einmal etwas von Emanzipation gehört haben? Ich für mein Teil sei nicht auf der Welt, damit jeder dahergelaufene Hinz und Kunz seine Pfoten an mir wärmt und ich sei dem Schicksal sehr dankbar, meine Eigenständigkeit auch in Form meiner Figur sichtbar gemacht zu haben. Einen kurzen Augenblick des Schweigens gab es, in dem ich mich rasch wieder umdrehte und ernsthaft Angst hatte, mir nun die Knochen gebrochen zu haben. So schlimm wurde es dann nicht, ich wurde mit einem „Die dürre Hippe ist nicht nur häßlich, die ist auch noch arrogant. Die kriegt eh keinen ab, die muss ja so ne Scheißemanze sein.“

Gut, beim Aussteigen haben mich die beiden neuen Bekannten noch auf die Straße gezwungen und sich höhnisch kaputt gelacht, aber immerhin blieben meine Knochen heil und die ältere Dame streichelte mir die Hand und lobte mich, das habe ich fein gemacht und die seien ja nur neidisch. Der übliche Trost, den dünne Frauen erhalten, wenn sie sich darüber beklagen, dass alle Welt gemein zu ihnen sei – die sind alle nur neidisch. Das glauben wir natürlich auch nicht und so leiden wir weiter. Und amüsieren uns manchmal in unserer Ratlosigkeit. Wenn beispielsweise die wohlmeinende Bekannte, die uns bei jedem, JEDEM Treffen schon von weitem laut fragt, ob wir etwa schon wieder abgenommen hätten, selbst wenn wir mal zwei Kilo mehr drauf haben. Die uns ständig erklärt, wir sollten mal anständig essen, sich aber sofort beklagt, wenn wir es tun – denn vor ihren Augen essen, wo sie doch so aufpassen müsse, das sei wirklich das Allerletzte.

Und irgendwann sind wir, wenn es gut läuft, groß und erwachsen, nehmen vielleicht etwas zu, vielleicht sogar freiwillig wieder ab, weil wir feststellen, dass das ehemals so erträumte Mehrgewicht so gar nicht zur eigenen Persönlichkeit passt. Vielleicht finden wir uns irgendwann schön oder zumindest annehmbar oder finden das ganze Thema einfach gar nicht mehr so wichtig. Vielleicht antworten wir auf blöde Sprüche mal ebenso garstig, vielleicht nehmen wir Platz ein auf andere Art und Weise als allein durch Körperlichkeit. Vielleicht haben wir ein Schönheitsbild, das liebt, was wir nicht sind, vielleicht gefällt uns das, was wir sind, besser als anderes.
Weshalb erzähle ich das, abgesehen von persönlicher Verarbeitung hochgeschwemmter Erinnerungen? Weil bei vielen Fatacceptance-Texten manchmal zwischen den Zeilen, manchmal ganz deutlich behauptet wird, die Gesellschaft könne es nicht dünn genug haben, liebe das Dünnsein und somit ist es dann erlaubt, anderen Frauen das Frausein abzusprechen. Da wird gerne von Kasteien gesprochen, von Verzicht und Freudlosigkeit, vom Kalorienzählen, da wird suggeriert, dass wir im Grunde alle dick, gesund und glücklich wären, gäbe es nur den Schönheitszwang nicht, der von wem auch immer uns aufgezwungen wird und so wird die Dünne oder das Model oder eigentlich auch nur die schlanke Frau ganz schnell ausgeschlossen, sogar als Gegenbild dargestellt. Ich gebe gerne zu, dass das nicht immer so gemeint ist, aber es wird eben auch klar, dass all diese Texte sich nur insofern an mich richten, als dass ich entweder als Schreckgespenst herhalten soll oder aber als Teil einer Gesellschaft, die sich endlich angeblich realistischerer Frauenbilder bedienen müsse. Seit Jahren lese ich die Forderungen, man möge in Zeitschriften, gerade im Bereich Mode und Nähen, doch endlich echte Frauen zeigen – man mag es glauben oder nicht: auch Models sind echte Frauen. Ebenso wie jede, die als Frau geboren wurde oder sich als Frau fühlt. Schlage ich schon mal Nähzeitschriften auf, die diesem Wunsch nachkommen, so fühle ich mich oft eben nicht mehr angesprochen – nicht, weil ich das rundere Model nicht hübsch fände, sondern weil ich eben keinen Bezug dazu habe und mir eben nicht vorstellen kann, wie dieses Kleid an mir aussähe. Statt also einfach das eine durch das andere zu ersetzen, würde meine Forderung lauten, so mir diese Zeitschriften wirklich wichtig wären: das gleiche Kleid an drei verschiedenen Frauen, nur dann grenze ich nicht aus, sondern beziehe ein.

Und überhaupt: Es ist, mit Verlaub, shitegal, wen oder was wir schön oder richtig oder falsch finden, solange wir nur endlich lernen, uns gegenseitig zu nehmen, wie wir sind, ohne uns ständig zu bewerten. Wenn eine Frau künstliche Titten will, finde ich persönlich das scheußlich, aber das hindert mich nicht daran, sie dennoch attraktiv oder klug oder sympathisch zu finden und es hindert sie nicht daran, feministisch oder ultrarechts oder frigide zu sein. Es ist uns allen erlaubt, manche Menschen anziehend oder weniger anziehend zu finden, ohne deshalb gleich zu glauben, in ihren Kopf hinein schauen zu können. Ja, das ist alles verdammt schwierig und geht selten ohne persönliche Verstimmungen und Blessuren ab, aber sind wir jetzt erwachsen oder im Kindergarten? Herrgott, im Augenblick greift der Faschismus um sich, an allen Ecken der Welt wird willkürlich gezündelt und ich zumindest habe panische Angst, meine Söhne irgendwann in einen sinnlosen Krieg ziehen zu sehen. Ja, es tut gut, sich davon abzulenken und sich um derlei hier Gedanken zu machen, aber bitte zieht jetzt keine Gräben, die auf Äußerlichkeiten und die unterschiedliche Nutzung des Internets beruhen.

Puh, das war aber wirklich superlang und ich habe mich echt nackig gemacht. Aber schreiben als Therapie – läuft.

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Wirklichkeiten

Als ich, durchfroren aus dem Regen kommend, durch den ich dank des Hundes, der nach regelmäßigem Auslauf verlangt, hindurch musste, das montägliche Haushaltschaos, welches dem gemütlich im Kreise der Familie verbrachten Wochenende geschuldetet war, betrachtete, das ich zu ordnen gedachte, empfand ich zu eben dieser Tätigkeit eine gewiße Unlust, dank derer ich mir ein Brötchen aufbuk, es belegte und mit zum Sofa nahm, auf welches ich mich niederließ, um mein petit déjeuner zu verspeisen, während ich das Fenster zur Welt öffnete, um mich an den Gedanken meiner Mitmenschen zu erlaben.

Dieser Satz diene als Beweis: nicht nur Thomas Mann kann lange und epische Sätze verfassen. Ich kann das auch. Nachdem das endlich geklärt ist, und es waren Jahre, in denen uns diese Frage, ob es möglich sei, Mann’sche Sätze in die Gegenwart zu ziehen, quälte, komme ich zum eigentlichen Grund dieses Aufsatzes. Nicht schlagen, ich höre schon auf! Also …

Beim Hopphopp-Frühstück las ich Lenas Kommentar zum Ambivalenzkleid:

Mir gefällt das Kleid so wie es ist! Ich finde auch Gürtel und Schuhe passen wunderbar dazu 😉

„Hmm,“ so dachte ich bei mir (weil ich ja, s.o., heute sehr viel denke), “ ist es nicht gar seltsam, dass ein und dasselbe Kleidungsstück an ein und derselben Frau eben soviele unterschiedliche Meinungen hervorruft, wie es Kommentare gibt?“ Denn ob hier oder auf Fb – eine jede hatte eine andere Idee dazu. Manchen gefiel es gut, wenn es nur ein wenig kürzer oder ein wenig tiefer ausgeschnitten wäre. Oder ohne Gürtel, dafür mit Stiefeln kombiniert würde. Oder deutlich länger, vielleicht mit Rüschen oder mehr Schmuck. Am besten sähe es vielleicht an einer anderen aus oder in der Tonne. Und Lena eben gefiel es so, wie es ist.

Wo will ich damit hin? Ich könnte wieder einmal darüber lamentieren, dass Fotos eben nicht die Wirklichkeit ablichten, sondern sie in ein flaches Bild verwandeln – also wahrhaftig abflachen, verziehen und verzerren und farblich dazu noch lügen. Fotos geben eine Ahnung von dem, was ist, doch nicht die Wahrheit. Da will ich aber nicht hin.

Ich könnte auch gar trefflich darüber philosophieren, in welch mißlicher Lage ich mich befände, ginge mein Streben danach, es jeder Leserin und Kommentatorin, ja überhaupt allen rechtmachen zu wollen. Wie könnte ich das Kleid kürzen und es dennoch mit einer bodenlangen Rüsche versehen, wie es zugleich bis zum Bauchnabel schlitzen und dabei viktorianischer erscheinen lassen, wie es verbannen und dennoch tragen? Wäre ich „Profi“-Blogger, hätte also ein wachsames Auge auf Werbekunden und Leser-, nein Gefolgschaft, so hätte ich am Ende des letzten Beitrages wohl fragen müssen, was ihr so davon haltet, von dem Kleid und überhaupt und sowieso  – und hätte die Antworten entweder nonchalant ignoriert oder einen zweiten Beitrag hinterhergeschoben mit einer Abstimmung in der Art von „Kürzen – Rüsche dran – in die Tonne“ und so noch einen dritten Beitrag aus dem kleinen Kleid heraus gequetscht, in dem ich das berüscht-gekürzte Kleid in der gesponserten Tonne zeige. Aber auch dort will ich nicht hin.

Worüber ich in der Tat nachdachte (ja, es ist der Tag der großen Gedanken, im Augenblick denke ich, dass es unglaublich spät geworden ist und die Treppen noch immer nicht gefegt sind, aber DA will ich erst recht nicht hin) ist der Fakt, dass Frauen unterschiedlich sind, aussehen, ticken, gucken, denken und sich äußern. Jaja, das wird uns von den einschlägigen Magazinen und Onlinejournalen auch immer gesagt: „Ihr seid so einzigartig und unterschiedlich, hurra, jubel, jubel, und ihr seid alle besonders und schön und individuell, finden wir ganz klasse, aber noch schöner wäret ihr ja, wenn ihr ein bißchen weniger besonders wäret.“ Am Ende werden wir immer wieder aufgefordert, uns zu vergleichen, unsere Problemzonen (es fällt mir schwer, diese Vokabel unkommentiert zu lassen) auszugleichen und uns letzten Endes anzugleichen. Vergleichen – ausgleichen – angleichen. Das Mantra der Zeit an die Frau. All das fiel mir ein, als ich innerhalb dreier Sekunden deinen Kommentar las, liebe Lena.

Und mittlerweile dürfte dir, liebe Leserin, klar geworden sein, dass das hier lang wird – ich selbst sehe gerade schwarz für meine Haushaltschaosbeseitungspläne – und das weitere Lesen nur mit Kaffee, Keks und Kissen zu überstehen ist. Ach, wer weiß, vielleicht bin ich auch gleich fertig, nur nie die Hoffnung aufgeben.

Als ich im letzten Jahr meinen Stil änderte – was hier im Blog vermutlich radikaler und plötzlicher erschien, als es in Wirklichkeit geschah – erhielt ich Kommentare und Mails, die das entweder sehr entschieden lobten oder ebenso entschieden betrauerten. Von manchen Linklisten wurde ich gestrichen, auf anderen tauchte ich auf. Dabei ging es nur vordergründig um Vintage oder modern: während manche vor allem den Stil sahen oder eben nicht mehr sahen, gab es andere, die persönlicher wurden – und ich gebe zu, dass ich manche Aussage als übergriffig empfand, weil ein anderes Schönheitsbild, ein anderes Weltbild dahinter stand, als es mein eigenes ist. Es ist der alte Unterschied, ob ich von langen Beinen oder einem kurzen Oberkörper spreche. Ob ich vor allem nicht-genormtes wahrnehme und ändern will oder ob ich das Gesamtbild wichtiger finde. Ja, ich weiß, das klingt irgendwie nebulös, kryptisch und ungenau. Also versuche ich es konkreter und dabei geht es nur beispielhaft um mich; mir geht es um Frauen und ihre individuelle Schönheit überhaupt.

Mein ästhetisches Empfinden war immer schon angezogen von der Kleidung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (drei Genitive hintereinander, eieieiei). Während alles von 1900-1920 aus Gründen der Beweglichkeit ausschied, boten sich die 20er-40er schon deshalb für eine Neuinterpretation an, weil in diesen Jahren die weibliche Kleidung, wie wir sie heute kennen, geboren wurde: weite Hosen, knielange Röcke, Strickpullis, Hemdblusen, Trenchcoats, Jackets – alles hat seinen Ursprung in jenen Jahren. Die Silhouetten war weiblich, alltagstauglich und elegant zugleich. Und da Mode in früheren Jahrzehnten tyrannisch waren, trugen alle Frauen, also alle Figuren, zumindest ähnliches. Nur weil eine nicht die schmalen Hüften oder die langen Beine der Modezeichnungen hatte, hieß das noch nicht, dass sie den kleinen Pulli nicht trug – es blieb ihr gar nichts anderes übrig, wollte sie nicht nackt und bloß gehen. Und mit genau diesen Gedanken ging ich auch an die Verwirklichung meiner eigenen Vintagegarderobe: weshalb sollte ich mir dieses oder jenes verbieten und verwehren, nur weil mein von der Natur gegebenenes Becken breiter war als das manch anderer Frau? Weshalb sollte ich deswegen meine schmale Taille, die wiederum manch andere vielleicht gerne gehabt hätte, umspielen? Wieso, weshalb, warum sollte ich nicht einfach tragen dürfen, was mir im Gesamtbild – auch an mir selbst! – gut gefiel, nur weil damit etwas betont wurde, was als Makel galt und gilt? Weshalb sollte ich das von anderen Frauen erwarten? Weshalb muss das dicke Mädchen ständig mit aufgeknöpftem Decollete erscheinen, nur weil ihr eingeredet wird, dass diese Partie das einzig Schöne an ihr sei? Weshalb muss die Dünne sich in gepolsterte Daunen hüllen, damit andere sich nicht an ihren spitzen Ellebogen stoßen?

Natürlich blieb ich auch nicht unberührt, wenn immer mal wieder jemand meinte sagen zu müssen, dass ja also gerade dieses Outfit, dieses ganze Vintagezeugs so gar nichts für mich und meine Hüften sei und dass das meinen kurzen Oberkörper noch weiter quetschen würde und dass das alles grundfalsch sei. Es gab dann Teile, in denen ich mich nicht mehr so recht wohlfühlte, bis eine Freundin vielleicht genau darüber in Begeisterung ausbrach, weil wow, was hast du Kurven, oh, das ist soo weiblich, mönsch, was ist das toll an dir. Und beide hatten recht, nur sind die Blickwinkel, das, was ihnen selbst wichtig ist, unterschiedlich. Für die Freundin oder den Gatten waren meine Hüften kein Schönheitsfehler, sondern schlicht schön und was könnte schöner sein, als das Schöne zu betonen. Für die Kritikerin waren sie eben nicht schön, sie störten ihre Ästhetik, ihren Blick auf mich – genau das ist auch, was die klassische Stilberatung ausmacht, was Grundlage all der Frauenjournale und Onlinemagazine ist. Wieder das Vergleichen – Ausgleichen – Angleichen. Wir hatten darüber schon einmal beim wunderbaren Kleiderschrank gesprochen und statt meiner Hüften boten sich Lotties schöne, starke Schultern zum Beispiel an. Wenn wir alles tun, um unsere Körper mit seinen Proportionen in eine einzige Schablone zu quetschen – Sanduhr: Schultern, Busen und Hüften in etwa gleich breit, Taille deutlich, dazu aber bitte schlanke Arme und Beine, nicht zu lang, nicht zu kurz, Busen groß, aber nicht gewöhnlich, Hals zart und nicht zu lang, etc. etc. – dann können wir nicht zeitgleich für mehr Vielfalt in der Schönheit sorgen. All das Gerede von Einzigartigkeit und Besonderheit und Individualismus: für die Katz, wenn wir immer nur daran arbeiten, unsere Schultern zu polstern oder zu verbergen und Busen kleiner oder größer zu quetschen.

Ja, holla, ich bin doch ein wenig weiter vom ursprünglichen Weg abgekommen, ich ärgere mich mal wieder vor mich hin. Dazu habe ich heute morgen vor dem Gang in das nasse Draußen noch in für mich fremde Blogs geschaut, die unglaublich viel von all diesen Stilregeln halten, tendenziell belehrend dozieren und es fertig bringen, zeitgleich Ausrufezeichen en masse zu verstreuen und dennoch behaupten, viel für Wohlbefinden und Schönheit und INDIVIDUALISMUS zu tun. In all meinem Zynismus erwächst in mir der leise Verdacht – genährt durch viele Quellen – ich sei am Ende doch ein naives Lämmchen, das einfach nicht glauben will, was so offensichtlich wahr sein muss: der Mensch will starre Regeln und wir Frauen noch viel mehr. Wir wollen partout eingeengt und eingeschränkt sein, wollen von anderen gesagt bekommen, was wir wann wie und wo zu tragen oder nicht zu tragen haben. Und nur ihr und ich, wir kleines unbeugsames Grüppchen, wir stellen uns gegen die Heerscharen des Cäsars und haben Angst, dass uns der Himmel auf den Kopf … ach nein, das ist eine andere Geschichte.

Nun hat dieser unbedingte Freiheitswille, mein ganz persönlicher Wunsch, dass alle Frauen sich schön fühlen mögen und durch dieses wunderbar-warme Gefühl zu besseren Menschen werden, die auch allen anderen nur das Beste wünschen (wow, dieser Zynismus ist wahrlich triefend – mäh, mäh, mäh, ich bin doch ein Lämmchen), nun das alles hat auch eine Kehrseite. Die sich immer dann zeigt, wenn ICH auf ein Bild oder eine Wirklichkeit draußen auf der Straße treffe, die meinem ästhetischen Empfinden zuwider laufen. Bin ich also eine Heuchlerin, so frage ich mich selbst gequält? Sollte sie nicht anziehen dürfen, was sie mag? Bin ich denn nicht verpflichtet, sie darin schön zu finden und ihr Lob auszusprechen? Eines, das nicht in so zweischneidigen Aussagen gipfelt wie „Na du kannst das ja tragen …!“? Ein moralisches Dilemma, zumal ich ja bei Farbberatungen auch durchaus einmal in die Stilberatung hineinrutschte. Tja, da habt ihr mich erwischt, oder? Kann es etwa sein, dass auch ich, die Frauen grundsätzlich wohlgesinnt und ihnen gegenüber neidfrei ist, am Monitor sitze, mit Entsetzen in den Augen und hysterischem Lachen in der Kehle? Rufe auch ich einmal aus, dass das dort vor mir scheußlich ist, grauenvoll und unfassbar? Zweifele ich anderer Frauen Geschmack etwa auch mal an?

Öhm. Ja. Kommt vor.

„Das Publikum stöhnt entsetzt auf, die hintere Reihe strömt dem Notausgang zu, Rufe werden laut, Tomaten fliegen“

Selten zwar, aber dann kurz und heftig. Und dann schaue ich mir das Ganze genauer an. Oft komme ich zur Erkenntnis, dass es eben nicht die Figur der Trägerin ist, sondern die Aussage der Kleidung, die so gar nicht zur – von mir so wahrgenommenen! – Persönlichkeit der Trägerin passt. Vielleicht ist es die Farbe, die der Trägerin den Krieg erklärt hat, vielleicht ist es einfach eine Zusammenstellung, die mich nervös und unruhig macht. Aber nie ist es die Frau selbst, der ich vorwerfe, sich nicht angemessen „ausgeglichen“ zu haben. Ganz klar, es gibt Kleidung, in der wir toll aussehen und andere, die das nicht schafft und natürlich streben wir nach der Kleidung, die uns schön macht. Doch da Schönheit im Auge des Betrachters entsteht, ist das eben unterschiedlich. Wenn eine Frau ihren kleinen Busen sehr mag und betont, dass dort eben nichts wogt und bebt, dann findet sie sich schön. Diejenige aber, die viel Busen für das einzig Wahre hält, wird nichts Schönes sehen und ihr raten, doch mal ein wenig mehr Watte zu verwenden oder lieber ihren Po zu betonen, da wäre wenigstens was dran.

Wenn wir ernsthaft erreichen wollen, nicht mehr nur ein Schönheitsideal zu sehen, dann müssen wir offener werden, uns von engen Regeln verabschieden und neue Regeln erstellen, die uns mehr erlauben. Regeln, die mehr Empathie verlangen, Regeln, die uns die Wahl zwischen verbergen und betonen lassen, Regeln, die ohne Ausrufezeichen auskommen. Ein Kleidungsstück, das die Figur zeigt, wie sie ist, sollten wir nicht als entstellend wahrnehmen, nur weil es eine Besonderheit NICHT verbirgt. Ein Kleidungsstück, das uns so aussehen lässt, wie wir aussehen wollen, hat seine Berechtigung. Nur ein Kleidungsstück, das unseren Körper zu etwas macht, was wir  nicht sind und nicht sein wollen – das gehört in die Tonne. Wieder nebulös, nicht wahr? Nochmal konkret:

Ein Kleid, das die Figur umspielt und zeigt, wo Bauch und Po, Busen und Hüfte sind, auch wenn die Hüfte schmal, der Bauch rund ist – weshalb sollte das nicht schön sein, wenn wir zu dem stehen, was wir so haben?

Ein Kleid, das die gleiche Figur ein wenig formt, weil ich eben meinen Bauch nicht so sichtbar präsentieren will, das mit dem Ausschnitt den Blick lenkt oder mit dem Schnitt den Po hebt – wenn ich genau das will und mich darin stark und schön und sicher fühle, dann ist es ein perfektes Kleid.

Ein Kleid, das den Körper einschnürt und verformt, den Busen wegdrückt und den Bauchnabel abzeichnet, das mich quetscht und das verrutscht und Dellen formt, die es nicht gibt – das macht jede und immer häßlich. Hinfort mit dem Miststück.

Das sind meine Regeln: alles, was mich schöner macht, alles, was die Wahrheit zeigt, darf bleiben. Alles, was mich entstellt, fliegt raus. Aber schaue ich mir Zeitschriften an (und ich habe zu Recherchezwecken über den Sommer viele, viele gelesen), dann zählt nur das Verschönern, denn so, wie wir sind, sind wir niemals gut genug, es gibt immer was zu tun. Ich habe das gründlich satt. Können wir nun bitte endlich auf die Barrikaden gehen?

 

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