Sommerliche Freitagsgedanken einer Endvierzigerin

Als ich noch sehr jung war und sehr dünn – wir sprechen von 15, 16 Jahren und 48 kg bei 173 cm – liebte ich besonders den Sommerschlußverkauf. Das Modehaus Blömer vor allem hatte ich im Visier: Eine junge und moderne Abteilung im Erdgeschoß mit all den angesagten Marken von Fruit of the loom bis Vanilia, angenehmes Ambiente (schon damals ging mir das dauernde Gewummere in den Läden auf die Nerven) und auch meine Mutter wurde fündig und konnte so immer mal wieder zum gemeinsamen Einkaufen überredet werden. Denn wirklich günstig war das Geschäft natürlich nicht.

Doch im SSV sanken die Preise und Verkaufsständer in unendlicher Menge standen vor allen Schaufenstern, die voll waren mit Kleidungsstücken, die das Haus egal wie verlassen sollten. Und damals war es so, dass dort vor allem die Stücke in den unüblichen Größen hingen – also 34 und 36 und von 48 an aufwärts. Gut, für die 36 musste ich mich beeilen, es schlichen dann gerne andere sehr Schlanke um die Ständer – die 36 war damals ein klein wenig enger geschnitten als heute; 34 ging selbst mir nicht weiter als bis an den Oberschenkel.

Nun war ich heute in der Innenstadt – hat sich natürlich gerecht, die Zahnlücke pocht, puckert und pulst ohne Ende – weil mich die Sucht nach hauchzarten, lässig hängenden Trägertops trieb und der Wunsch, einige hübsche Stoffe für die weiteren Nähpläne zu finden. Stoffkauf ist zur Zeit nicht spaßig, das muss ich mal sagen – selbst Karstadt hat nun kaum anderes als Jerseys und überteuerte Patchworkstoffe zu bieten. Aber gut, ich hielt mich dann beim Schweden und bei einem der Franzosen schadlos, die mir mit Freude das Gesuchte zu reduzierten Preisen anboten. Jeden negativen Gedanken an die Schlechtigkeit der Welt verdrängend, wühlte ich mich von Bügel zu Bügel und frage mich, was sich verändert hatte und was ich wohl nicht so recht verstünde.

Denn sowohl bei HM als auch bei Promod empfinde ich die Oberteile als eher weit gearbeitet – mit tiefen Armlöchern und viel Platz unter der Achsel, nicht unbedingt viel Platz für Busen allerdings – so dass ich hier wahrhaftig mit einer 36 auskomme. Gab es aber beim Schweden überhaupt nicht. Es fing im besten Fall mit 40 oder M an, was aber eine Ausnahme war – von 14 Tops gleicher Farbe waren 12 in XXL, eines in L und eines in M, das mir eine andere Frau schnell wegschnappte. Insgesamt 11 Teile hätten mir gefallen können, zwei davon fand ich M – ich habe beide gekauft und werde mich an Wochenende daran machen, die Träger zu kürzen und die Seiten zu verschmälern. Lässig ist ja schön, aber Ausschnitte, die den BH komplett freilegen, sind mir dann doch zu viel.

Bei Promod war es ganz ähnlich – vier Oberteile gefielen mir sehr, die kleinste Größe war eine 44. Ich stöberte weiter und fand genau das Top, das ich mir vorgestellt hatte – in 36. Meins! Ha. Eine junge Frau, die hinter mir stand, griff ebenfalls in den Ständer und musste feststellen: Die anderen waren in – tadaa! – 44.

Nun stand ich in der Kabine und wunderte mich. Zum Einen sind die deutschen Frauen schwerer geworden; so trägt die Durchschnittsfrau Kleidergröße 44 (interessant, wie die deutsche Durchschnittsfrau ansonsten so drauf sein soll – bislang habe ich mich ja für sehr durchschnittlich gehalten, aber jetzt fühle ich mich deutlich fremd :-D). Also genau die Größe, die ich auch in anderen Geschäften fand. Was heißt das denn nun? Wird mittlerweile vor allem diese Größe in solchen Massen hergestellt, dass zwangsläufig ein großer Überschuß bleibt? Oder traut sich diese Frau nicht in zarten Tops und engen Hosen vor die Türe? Was mir unverständlich ist und bleiben wird, denn zur selben Zeit klagen ja durchaus manche Frauen jenseits der 38 darüber, dass es für sie keine modernen und sexy Klamotten gäbe – also zur Zeit hängen sie in Hülle und Fülle in den Läden. Selbst bei Zara, die nun wirklich sehr eng schneidern und sich auf die junge, hippe, modesüchtige Narzisstin mit Selfiedrang spezialisiert haben (wobei ich da schon gerne schaue … mea culpa), hängen vor allem die größeren Größen (also maximal eine 40 …), während die Fähnchen, in denen ich schon an den Knien stecken bleibe, längst in irgendwelchen Kleiderschränken hängen. Sind die Schlanken und Dünnen doch nicht so arg in der Minderheit, wie die Statistiken es zeigen? Woher kommen diese Zahlen überhaupt – wieviele Frauen werden da alle Jubeljahre nach der Zahl ihrer Liebhaber und der auf ihrer Waage befragt? In meinem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis ist Kleidergröße 36/38 am häufigsten anzutreffen, danach 44/46 und eine 50/52. Zwei Bekannte sind supersupersuperschlank, viel zu sportlich für meinen Geschmack sind die meisten, bildschön sind sie alle. Was die Zahl der Liebhaber anbelangt, kann ich allerdings nichts verlässliches berichten … 6,7 erscheint mir allerdings – nunja, lassen wir das.

Weshalb also hängen wunderschöne, durchaus elegant-verführerische Oberteile in den Läden, die an wunderschönen „Durchschnittsfrauen“ noch verführerischer wirken könnten, wenn gleichzeitig die „Durchschnittsfrau“ beklagt, nichts elegant-verführerisches finden zu können? Es nähen ja nicht alle alles selbst, nicht wahr?

Und während ich also bei HM in der Kabine stand und Kaufkleidung probierte, fiel mir endlich auf, was in den letzten zwei Jahren geschehen war und weshalb ich beim Anblick meines vollen Stoffschrankes und meiner Nähmaschine ein schlechtes Gewissen hatte. Vor drei Jahren noch war meine Garderobe – bis auf Schuhe, Strümpfe, Schlüpfer – zu 100% handgemacht. Heute kommt der Anteil Selbstgenähtes auf etwa 30-35%. Selbst für Nicht-Mathematiker ein deutlicher Unterschied. Das liegt zum einen daran, dass ich überhaupt gar keine Lust habe, mir enge Jeans und Röhrenhosen selbst zu nähen, wobei es dazu geeignete Stoffe eh kaum zu finden gibt, und zum anderen an der Tatsache, dass mir momentan einfach vieles ganz gut passt, was mir in den Läden angeboten wird. Kleider, Mäntel und längere Oberteile mit Ärmel sind die Kleidungsstücke, die nicht optimal sitzen und die ich nach wie vor selber fertige. Aber da stellt sich die Frage, wieviele Kleider, Mäntel und Blusen ich wirklich brauche … und so ist auf einmal das Nähen wieder Hobby geworden, nur hatte mein Gewissen das noch nicht so recht mitbekommen bis  heute.

Als ich ausschließlich selbstgenäht getragen habe, und das in körpernahen Vintageschnitten, stand ich permanent unter Druck, bestimmte Bedürfnisse des Alltags befriedigen zu müssen und jede noch so geringe Zunahme oder einige Wochen mehr Sport führten dazu, dass die Kleider und Röcke nicht mehr richtig saßen. Halbjährlich passte ich an, halbjährlich nahm ich zu, bis ich es leid hatte – sowohl das ständige Ändern als auch das ständige Zunehmen. So recht gefiel ich mir nicht mehr, denn – lassen wir mal die immer noch dünnen Arme und Beine beiseite – aus dem Spiegel schaute mich mittlerweile eine recht kurvige Person an, der Körperlichkeit eine andere war als die, mit der ich aufgewachsen war. Aber diese Frau gefiel mir durchaus. Sie gefiel nur eben überhaupt nicht in Vintage.

Denn Vintage hatte für mich nichts mit Kurven und Üppigkeit zu tun – meine Liebe zu Vintage entstammt ja ebenfalls meinen Jugendtagen, als ich eben dünn war und mich damit quälte, dicker werden zu wollen. Was mich anzog, waren ja nicht nur Hollywoodfilmchen, sondern es waren die Modezeichnungen der 20er und 30er, auf denen hochgewachsene, hüftlose Frauen von makelloser Eleganz zu sehen waren, die nicht sexy, sexy, sexy sein wollten, sondern süffisant sich über die armen Frauen früherer Jahrzehnte mokierten, die in Korsetts eingeschnürt zum Klischee von Weiblichkeit wurden mit all ihren Rüschen, Schleifen und Schleppen. Es waren biegsame Frauen auf diesen Zeichnungen zu sehen, die anderes im Leben wollten, als sich über die Wünsche irgendwelcher Männer zu definieren und die selbst die schönste Kleidung trugen, als sei sie Nebensache und nicht beworbenes Produkt. Dass mir Vintagekleidung dabei durchaus auch an fülligen Frauen gefällt, spielte für mich selbst, also für die Person im Spiegel keine Rolle – mein Äußeres hatte einfach zu wenig Verbindung zu meinem Inneren. Es mag übertrieben klingen, aber ich hatte in dieser Zeit zum ersten Mal das Gefühl, Transgender nicht nur zu akzeptieren und für normal zu halten, sondern wirklich vollkommen zu verstehen – dein Inneres schaut dir im Spiegel einfach nicht entgegen.

Oh, ich mäandere, nicht wahr? Aber bätsch, wer bei dem Beitragstitel freiwillig liest, darf sich hier nicht wundern 🙂

Nun, ich gebe zu, es ist ein albernes halbes Kilo, das ich gerne noch loswäre – das ist der halbe Zentimeter, der im einen oder anderen Hosenbund kneift. Es macht mich nicht unglücklich, dass er noch da ist, es wird sich nichts von Bedeutung ändern, wenn er weg ist. Aber dass die „fremden“ Kilos weg sind und ich  – zur Zeit – ein wenig mehr  Spaß an Fitness habe, hat etwas verändert. Ich erkenne mich wieder, fühle mich zuversichtlicher, was mich wirklich erstaunte über die letzten Wochen, in denen ich mich ja auch ans Schreiben gewagt habe, egal, ob etwas daraus wird oder wie sehr ich mich blamieren mag.

Und auch das fiel mir dann heute morgen ein, als ich an einem Café vorbeikam: In diesem Café saß ich im Frühjahr 2001 an einem sehr warmen Tag und war sehr, sehr glücklich und unglaublich zuversichtlich und geradezu irrsinnig mutig (oder leichtsinnig). Ich hatte einige Wochen zuvor mein Gewerbe abgemeldet und meine Kosmetikliege und alles Zubehör verkauft, weil ich die Selbstständigkeit satt und mich gerade aus einer Depression heraus gezogen hatte. Ganz hatte ich mit der Branche noch nicht brechen wollen und die Außendienstlerin der Firma, mit der ich arbeitete, hatte alles daran gesetzt, mich zu erhalten – wer will schon gerne Kunden mit gutem Umsatz verlieren? Und so hatte sie mich überall wärmstens empfohlen und in der Tat flatterten Angebote ohne Ende ein. Ich wollte aber in Bonn bleiben, nicht wieder in den Norden oder nach München, selbst ein Angebot ans Mittelmeer konnte mich nicht reizen – ich wollte endlich seßhaft werden. Doch nicht zu weit entfernt gab es ein Hotel, dessen neuer Direktor große Pläne hatte. Ich stellte mich vor, er war angetan und es ist NICHT arrogant, dass ich das in Vorstellungsgesprächen gewohnt war, und ich erklärte mich bereit, einige Tage Probe zu arbeiten. Die beiden Angestellten, die dort waren, waren fachlich eher unsicher – gut, das bekäme ich in den Griff. Die Abteilung war unorganisiert und die Angebote unübersichtlich – jeder Reiseveranstalter hatte sich etwas eigenes zusammen gestellt und die Preise schwankten zwischen zu niedrig und astronomisch. Das Material war von minderer Güte, die Hygiene verbesserungswürdig. In kürzester Zeit hatte es hier einiges an Personalwechsel gegeben und eine Chefin war schon lange nicht mehr da. Wir sprachen lange über all diese Probleme und ich fand es durchaus reizvoll, wieder eine Farm zu leiten. Ich stieg also probehalber ein. Zweieinhalb Tage lang. In dieser kurzen Zeit tröstete ich im Halbstundentakt weinende Mitarbeiter, stritt mich mit der Rezeption, die selbständig Behandlungstermine doppelt und dreifach belegte, erfuhr, dass die Direktion mitnichten daran dachte, rostige Zangen zu ersetzen oder das Depot aufzunehmen, das mich vermittelt hatte. Als man mir dann noch erklärte, man sei davon ausgegangen, ich wolle hier etwas erreichen und daher doch sicherlich in den ersten drei Monaten auf freie Tage verzichten – und damit war genau das gemeint: 24/7 – aber man mir dazu nicht einmal eine Wohnung auf dem Gelände zur Verfügung stellen konnte, und als ich dann auch abends von den Angestellten angerufen wurde, die mir ihr Leid klagten – da war ich durch. Ich mochte mich nicht einmal mehr auseinander setzen: Ich schickte frühmorgens ein Fax mit der Nachricht, dass das Probearbeiten zu erhellend gewesen sei und daher den Vertrag nicht unterschreiben wolle. Dann floh ich in die Stadt und gönnte mir ein Frühstück, ohne zu wissen, wie ich meine Miete weiterhin würde zahlen können.

Nachmittags schrieb ich dann an vier verschiedene Zeitarbeitsfirmen Bewerbungsmails und hatte zwei Tage später einen Job. Und diese Zuversicht, die hatte ich vollkommen vergessen. Nein, heute würde ich das nicht mehr wagen und die Zeiten sind auch nicht mehr so, dass Quereinsteiger gute Chancen hätten – aber mich wieder ein wenig was trauen, MIR wieder ein wenig mehr zutrauen, das will ich auch wieder schaffen. Dann darf mich aus dem Spiegel ruhig eine alternde, müde Frau anschauen – mit der werde ich auch noch fertig 😀

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10 Jahre – was gab’s, wie weiter?

So. Diesen Termin hatte ich mir vor einigen Wochen in den Kalender geschrieben, denn ich bin nicht gut darin, mir Geburtstage zu merken. Auch nicht den meines Blogs. Der heute 10 Jahre alt wird, obwohl die ersten Beiträge nicht mehr existieren und somit als Beweis nicht herhalten können.

Damals hatte ich bei twoday einen Blog angelegt, der schnell viel zu viel Inhalt für meine 5,- € im Monat hatte. Anfangs habe ich immer wieder Speicher freigeräumt und unwichtige Beiträge, überflüssige Fotos und seltsame Kommentare gelöscht. Was ich heute schade finde, auch wenn ich nur selten im Damals wühle. Irgendwann – ich müsste schauen, wann – wechselte ich dann zu meinem jetzigen Anbieter und hoste seitdem selbst. Herrliche Freiheit.

Ist es bezeichnend, war es die Vorsehung, die mich alles hat löschen lassen bis zu dem Beitrag im August 2007, in dem ich davon erzähle, mir eine „Schule des Schreibens“-Ausbildung zu gönnen und die erste Aufgabe vorstelle? Die Schreibschule habe ich nach dem ersten Halbjahr übrigens beendet, weil die beiden Söhne mir die Ruhe dazu nicht mehr gaben. Weshalb ich den Kurs überhaupt belegte? Weil ich mich in meinem Mutter-Hausfrauen-Dasein alt und gefangen fühlte an vielen Tagen und eine erstaunliche Sehnsucht nach Kritik hatte – zu Schulzeiten machte mich das Aufsatzschreiben, am besten in einer Klausur, unglaublich glücklich. Darüber nachgedacht, ob ich jemals öffentlich würde schreiben wollen, habe ich damals nicht. Obwohl ich es da ja schon tat, das öffentliche Schreiben …

Doch wie öffentlich ist ein kleiner Strickblog im Jahr 2007? Sehr, sehr lange ging ich davon aus, dass ich mich relativ unbemerkt mit einer Handvoll anderer toller Bloggerinnen unterhalb jeden Radars amüsierte und ich zucke heute noch zusammen, wenn mir jemand „Reichweite“ attestiert oder ich erkannt werde. Wer mich ein bißchen besser und näher kennt, weiß, dass ich zwar endlos quatschen kann, aber mich doch eher am Rand wohler fühle als in der Mitte. Naja, wer regelmäßig hier liest – tolle Bilder gucken ist hier ja nicht drin – weiß das natürlich auch schon.

Irgendwann also wurde aus dem Strickblog, in dem wenig Persönliches zu finden war, auch ein Nählern-Frust-Blog. Und als der Frust größer, weil die Passform wichtiger wurde, habe ich mir vor aller Augen das Konstruieren beigebracht. Jedes neue Hobby brachte neue Leserinnen, die mir mit Rat und Tat und viel Humor zur Seite standen. Immer mehr tauschte ich mich aus, wurde offener und entspannter und irgendwann schrieb ich über dieses und jenes zwischen den Zeilen.

Vor fünf Jahren kam die schlimme Zeit, in der mein Papa erkrankte, wir nicht wussten, was passiert und ich meine Hilflosigkeit in diesen Blog hinein packte – ich kam mit den Ereignissen nicht mit und funktionierte irgendwie. Es war ein heißer Sommer, den ich heute noch spüre. Der Kleine stand vor der Einschulung, beide Söhne hatten in der letzten Ferienwoche ein Tenniscamp, in dem sie sich den Tag über austoben konnten, während ich apathisch und dauerlesend auf der Terrasse lag und darauf wartete, sie abzuholen und meinen Vater in der Palliativstation zu besuchen. Die Wochen vom 18. Juli – dem Tag, an dem mein Vater das letzte Mal alleine Auto fuhr und mit uns Toms Geburtstag auf dem Chinesischen Schiff feierte – bis zum 27. August, an dem er starb – haben auch diesen Blog verändert. Denn ich schrieb mit täglicher Verzögerung über die Ereignisse und bis heute bin ich dankbar für jeden einzelnen Kommentar und die vielen, vielen Mails, in denen mir vollkommen fremde Frauen von ihren Verlusten erzählten und davon wie ihre Trauer als störend und übermäßig wahrgenommen wurde. Frauen, die mir dankten, weil ich darüber sprach und sie es selbst nicht durften. Und all diese Geschichten haben mir sehr geholfen, denn wir waren nicht allein.

Durch diese Erfahrung war das Schreiben für mich endgültig Ventil für kleine und große Ärgernisse. Wenn mir einer diesen schiefen Elendstage begegnete, ertrug er sich leichter beim Gedanken an den Beitrag, den er ergeben würde – wenn ich mich auch ärgerte, so konnte er einige andere vielleicht zum Lachen bringen. Auch besonders Schönes fand seinen Weg in den Blog. Als ich mich beispielsweise mit dem Kosmetikstudio selbstständig machte – ein Plan, der sehr spontan entstand und an dem mein Vater Anteil hatte, der immer dafür plädiert hatte – war ich überwältigt von der Tatsache, dass meine ersten Kundinnen ausnahmslos Blogleserinnen der näheren Umgebung waren, die dazu bis zum Ende der Studios regelmäßig Termine vereinbarten. Es war ein eigenartiges Gefühl, erst im Laufe des Erstgespräches zu erfahren, dass mir da Frauen gegenüber saßen, die mich kannten. Frauen, die allesamt genauso spannend, toll, witzig, warmherzig, intelligent waren, wie ich mir meine Leserin eben vorstelle. Frauen, deren Lebensgeschichten sich sehr voneinander unterschieden, die verschiedene Hobbies und Interessen und Körper und Gesichter hatten und jede einzelne von ihnen hat mir den Tag verschönt. Und es ist bis heute ein großes Kompliment für mich, dass sie sich mit Umarmungen verabschiedeten und meinten, ich sei im wahren Leben die Selbe, die sie auf dem Blog so mochten. (Und jetzt habe ich etwas feuchte Augen, mal wieder …)

Egal, über was ich lamentierte und klagte, mich ärgerte und aufregte, ob es antifeministische Frauenministerinnen waren oder unerträgliche Moderatoren, ob es um den Flüchtlingsstrom und die rechte Meute, meinen nicht vorhandenen Gottglauben oder um unmögliche Wollqualitäten ging – immer entwickelten sich Gespräche, die mir viel bedeuten. Selbst als es um Regelschmerzen und Wechseljahrsärger ging, fand ich Zuspruch, Hilfe und viel zu lachen. Und jeder Kommentar, jedes Like hat mir meinen Alltag leichter und schöner gemacht. Das Schreiben, das semi-öffentliche Schreiben, das ganz private und persönliche Erzählen ist mir eine Selbstverständlichkeit geworden, weil ihr – die ihr also lest und kommentiert – mich nie peinlich-nackt im Regen habt stehen lassen.

Als nun im letzten Jahr der Topp-Verlag anfragte, ob ich einige Texte für ein Buch verfassen wolle, war das der Anstoss, mich endlich mit einem Wunsch auseinander zu setzen, den ich lange hatte – und der immer wieder von außen befeuert wurde. Ihr, die ihr auch Deutschleistungskurswählerinnen gewesen seid, kennt das: Deutschlehrer, die fest davon ausgehen, ihr würdet wenigstens journalistisch tätig werden oder einen Gedichtband nach dem anderen veröffentlichen oder doch zumindestens eine Verlagskarriere anstreben. Und dann traut man sich eben doch nicht oder ist viel zu beschäftigt, sich durch all die wirklich grandiosen Werke der Weltliteratur zu lesen, mit denen man sich nicht geringsten vergleichen kann.

Ich schrieb also diese Texte, die einigen sehr gefielen. Und schrieb Texte für ein weiteres, besonders schönes Nähbuch, das demnächst erscheint. Das hat mir Spaß gemacht und ein wenig Selbstvertrauen gegeben, aber ich stelle auch fest, dass das Thema Schönheit, Mode, Stil damit erst einmal ausgeschrieben ist für mich. Doch da war noch meine Emma, eine Figur, die ich seit zehn Jahren in mir trage. Ein-, zweimal hatte ich begonnen, sie in einen gemütlichen Krimi zu setzen, doch insgeheim erschien es mir sehr albern und vermessen, ernsthaft etwas schreiben zu wollen – Schund gibt es nun wahrlich schon genug und ob ich etwas anderes hervor bringen könne …?

Meine Freundin, die sich all meine mir wichtigen Texte am Telefon anhören muss, drängelte schon länger; einige andere mir sehr freundliche gesinnte Damen auch. Und so habe ich vor drei Wochen etwa begonnen. Ausgelöst durch einen wirklich heftigen Streit mit dem Gatten, dem ich samt Hunden und großem Sohn in einen Spaziergang entfloh. Über alles mögliche unterhielten sich das sehr schwierige Pubertier und ich uns, irgendwann erwähnte ich wohl, dass ich gerne meine Emma schreiben würde und der Sohn legte los mit einer Mordsstory, bei der ein Mann seine Frau ermordet (und das richten eheliche Streitereien in den Kindern aus!) und deren Schwester das beweisen wollte. Dabei fiel mein Groschen, wie Emmas erste Geschichte sein müsse – sehr persönlich nämlich. Und zwei Tage später schrieb ich los, vom mittlerweilen wieder versöhnten Gatten angespornt.

Ob daraus irgendetwas wird? Wer weiß das schon, aber im Moment schreibe ich täglich, lese es der Freundin vor, die es sehr mag und an den richtigen Stellen lacht oder schluchzt, und habe Proben davon drei Frauen zum Lesen gegeben, die mich zum Weiterschreiben motivieren. Entsprechend still ist es daher manchmal hier auf dem Blog – nix zum Zeigen, nix zum Erzählen. Ich weiß nicht, ob ich es schaffen kann, eine spannende Geschichte zu erzählen, ob ich fertig werde und dran bleibe, aber ich habe ein Vergnügen besonderer Natur für mich entdeckt und schreibe ganz so, wie es für mich passt. Weiter denke ich noch lange nicht. Was ich aber weiß, ist eines: Hätte ich vor zehn Jahren nicht mit dem Bloggen begonnen, hätte ich nicht immer auch ein Miteinander und Hilfe dadurch erfahren, dann säße ich auch jetzt noch hier und dächte, wie wunderbar es ist, dass andere Menschen Geschichten schreiben und wie gern ich das auch täte. Ich hätte auch niemals erfahren, wie wunderbar es ist, Kleidung selbst zu nähen oder in einen Stil komplett einzutauchen, einfach, weil ich ohne diesen Blog nie mit den  Frauen in Berührung gekommen wäre, die mir diese Ideen eingaben und mich auf dem Weg motivierten.

Von dort bis hier sind also nun zehn Jahre vergangen, in denen sich die Welt sehr verändert hat. Ich möchte gerne positiv in die nächsten zehn Jahre schauen, weiß aber nicht so recht, ob mir das gelingt: Was damals wie eine  gut asphaltierte Straße durch schöne Landschaften erschien, ist nun zu einer Autobahn mit einigen Schlaglöchern geworden, deren Ende hinter immer mehr Kurven zu liegen scheint. Ich schaue etwas weniger nach links und rechts, besinne mich etwas mehr auf mich selbst und versuche, nicht zuviel an das zu denken, was hinter der Kurve kommen mag. Ich weiß ja nun, alleine bin ich nicht.

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Streifen. Und Stilverlust. Oder -änderung?

Meine Näherei liegt bald so brach wie meine Strickerei und ich finde das sehr belastend, spricht doch jeder Zentimeter Stoff zu mir von schlechtem Gewissen – auf die Wollknäuel höre ich gar nicht mehr. Obwohl: Sie lagern unter meinem Bett und meine Nächte sind wenig erholsam, es könnte also einen Zusammenhang geben … egal, egal. Denn ich habe endlich etwas genäht! Fast sogar flott: Vor noch einem guten Jahr hätte ich für ein ärmelloses Top mit zwei Teilungsnähten keine zwei Stunden benötigt. Aber  noch einmal: Egal, egal. Gestern abend schnitt ich zu und steckte alles zusammen, heute morgen habe ich anstatt zur Feder zur Nadel gegriffen und habe es genäht. Wow!

Wie immer bin ich nicht in der Lage, das Oberteil angemessen abzulichten – in diesem Fall fühle ich mich schuldlos, denn weite, gerade, kurze Tops aus nicht fließenden Stoffen neigen dazu, auf Bildern massiver zu wirken, als sie es sind. Und ich finde es lustig, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben so aussehe, als hätte ich schmale Hüften und eine Riesenoberweite und ein breites Kreuz. Besonders zwei Fotos leisten ganze Arbeit:

 

 

Und ihr dürft nun meine Uneitelkeit loben, dass ich diese Bilder zuerst zeige, aber ich gebe zu, ich ließ mir vorhin noch versichern, dass ich so nicht aussähe … soviel zu der Tatsache meiner nicht vorhandenen Eitelkeit. Aber eigentlich, eigentlich wollte ich nicht nur das Top zeigen, sondern – viel mutiger – meine Beine mit all ihren Dellen und Wellen. Als ob ich in der Lage wäre, detailgetreue Bilder zu zeigen.

Denn seit etwa drei Wochen trage ich auch außerhalb des Hauses, wenn es heiß genug ist, (gekaufte) Shorts, die – deshalb heißen sie ja so – richtig kurz sind. Wohlwissend und mitunter darüber sinnierend, dass derlei ja nicht gerne gesehen wird. Ab einem gewißen Alter – ich habe wahrhaftig die Dreißig als magische Grenze nennen gehört! – verzichtet eine Dame darauf, ihre nicht mehr einwandfreien Beine zu zeigen, denn kein schlimmeres Schicksal ist denkbar, als dem Jugendwahne zu verfallen und nicht zu toucherkennen, wie das eigene Verfallsdatum weit hinter einem liegt. Und ja, so ganz kühl lässt mich das nicht und würde mir gerne ein Schild umhängen, das erläutert, weshalb ich sie trage. Nicht, weil ich mich noch so wahnsinnig heiß finde oder ein besonders gut erhaltenes Exemplar einer Endvierzigerin wäre, sondern weil es heiß ist und ich zweimal täglich mit zwei Hunden durch die Natur wandere …

Und während mir das heute morgen beim Gassigang zum ersten Mal bewußt wurde, überlegte ich einiges andere. Ich erwähnte schon einmal, dass das Leben mit zwei Hunden und zwei Katzen, nicht zu vergessen zwei Söhnen und einem Gatten, mich vor Einschränkungen modischer Natur gestellt hat. Wären es vier Katzen, so müsste ich weiterhin nur auf häufiges Haareeinsammeln und krallresistente Stoffe achten. Doch täglich bei jedem Wetter raus zu müssen? In Vintage hätte ich das nicht gekonnt – und wer mir ernsthaft etwas anderes erzählen will, geht sicherlich nicht mit zwei echten Hunden durch echte Natur, sondern mit einem braven Hündchen auf planierten Wegen.

Nun hatte ich mit Vintage ja aus anderen Gründen gebrochen – es gefiel mir an mir nicht mehr und war mir auch zu restriktiv. Was an den körperlichen Veränderungen lag, die enge Rocktaillen und hohe Absätze nicht mehr tolerierten. Ganz kurz hatte ich gar einmal überlegt, ob ich denn zu Beginn nicht sehen konnte, dass es zu mir nicht passte und blätterte zurück. Nein, es ist für mich noch immer gut sichtbar, weshalb mich Vintage anzog: Ich war jünger und ich war – böses Wort – dünner. Meine Hüften waren wohl breit, aber eben nicht breiter als meine Schultern, der Bauch zwar gewölbt, aber nicht im Weg. Mit jedem Jahr und jedem Kilo fand ich die Anpassung schwieriger und das Ergebnis trauriger. Jünger würde ich nicht mehr werden, dünner jedoch war möglich.

Und als ich auf meinem Spaziergang an diesem Punkt der Überlegungen angelangt war, hielt ich erschrocken inne, denn dünn ist für mich aus zwei Gründen ein böses Wort: Zum einen ist es sehr verletztend, wenn man um Gewichtserhalt kämpft und zum anderen löst es bei vielen einen Reflex aus, der nicht eben positiv ist; da fallen uns allen sicherlich viele (seltsame?) Diskussionen der letzten Monate ein. Warum also wollte ich wieder dünner werden, wo ich doch immer nach mehr Gewicht gestrebt hatte und ich mich nicht zwangsläufig schöner finde auf den früheren, dünneren Bildern?

Weil, und das werden wohl viele dünnbeinige  und -armige Frauen kennen, man innerlich ja doch ebenso zufrieden mit sich ist und sein könnte, wie es alle anderen Menschen sind oder sein sollten. Wenn nur nicht immer jede und jeder riete, man möge doch ein wenig mehr essen …

Und dann, eines Tages, gelingt es vielleicht mit dem Mehr an Gewicht. Nach dem die Kinder auf der Welt sind, die weniger Bewegung und mehr Trostschokolade mit sich brachten und dann kommen noch die Jahre dazu. Auf einmal hat man die jahrelang so vergeblich herbei gewünschten Kilos und wähnt sich am Ziele. Näht man, dann hat man vielleicht die Maße immer parat – alle Maße! Mich beschlich ja, nachdem ich also auf sagenhafte 64 kg mich hoch gearbeitet hatte, immer ein Gefühl der Fremdheit, wenn ich mich im Spiegel besah. Nachdem ich wieder Kleidung kaufte, wurde es verstärkt, dieses Gefühl. Ich brauchte Kleidergröße 42 und die saß an der Hüfte knapp, schlackerte mir dafür aber schlimmer denn je um die Waden. Ich maß nach.

Als ich mit dem Nähen begann, wog ich meist 54 kg und hatte die Maße 84 – 65 – 91, meine Waden waren an ihrer dicksten Stelle 29 cm „dick“. Mit 10 kg mehr hatte ich 94 – 74 – 104 zu bieten, meine Waden waren auch gewachsen – um sagenhafte 0,5 cm! Denn egal, was ich esse: Auf Arme und Beine hatte es keinen Einfluß. Nun will ich keinesfalls auf 54 kg zurück, aber ein Kilo weniger wäre mir nun lieb (dann wäre ich bei 57 kg und Kleidergröße 38) – im Laufe des letztes Jahres hatte ich ja auf all den Kram verzichtet, der mich so hoch gepusht hatte und um den ich gedanklich oft kreiste. Hatte ich morgens einen Ostfriesentee getrunken, so hatte ich danach Appetit auf Chips, danach auf etwas Süßes, etwas Warmes, etwas Herzhaftes, etwas Knackiges und so war ich den ganzen Tag damit beschäftigt, es mir gemütlich zu machen und zu essen. Ja, das habe ich mir dann doch mal aufgeschrieben, als das Gefühl, im Spiegel einer fremden Frau gegenüber zu stehen, übermächtig wurde und ups – ich war doch überrascht. Mein Grundumsatz lag dank Größe, Alter, Gewicht und Tätigkeit bei knapp 1800 kcal und was ich zu mir nahm … es gab Tage, da lag ich bald beim doppelten und außer ein wenig Hausputz und ein paar Situps hatte ich nicht viel Bewegung.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich fühle mich jetzt deutlich wohler, weil mir selbst deutlich näher. Meine Waden sind übrigens – dank Max und Micky und flacher Schuhe – auf 32 cm gewachsen und meine Hüften stehen mit der Schulter wieder in einer Linie. Was ich neben dem Gewicht aber auch verloren habe, ist die Sicherheit, zu wissen, was ich an mir mag, was mein einer und erkennbarer Stil ist. Gehe ich heute noch davon aus, dass schlicht, uni und cool das einzig Wahre ist, stehe ich morgen vor romantischen Blumen und träume vom Hippie-Look. Blättere ich in meinem Archiv zurück, dann liebe ich noch immer Bleistiftröcke und hohe Schuhe, trage ich sie jedoch einmal, so blickt mir ganz schnell eine gut mittelalte, leicht erschöpft wirkende Frau aus dem Spiegel entgegen, die eher bieder als schick wirkt. Und das ich diese Sicherheit verloren habe, ist vermutlich der Hauptgrund für meine Näh- und Stricklähmung. In diesem Dreieck zwischen Alter – Körperlichkeit – Alltag bemühe ich mich um die bestmöglichste Kombination und die beinhaltet nun kurze Hosen, die ich mich nie zu tragen wagte in all den Jahrzehnten zuvor.  Denn sie sind einfach die praktischste Kombination zu liebevoll gestichelten Blusen und Tops.

 

 

Wenn das kleine Top auf den Bildern auch nicht als Figurschmeichler auftritt, so habe ich es dennoch recht lieb 😀 Meine Hunde finden ich mich trotzdem klasse, meine Freundinnen fühlen sich nicht gestört, der Gatte mag es und ansonsten hat man mir noch nichts hinterher geworfen. Alles gut also, oder?

Ansonsten lässt sich zur Konstruktion sagen: Es ist minimal nach unten ausgestellt, könnte vielleicht einen Zentimeter länger sein. Der Brustabnäher kam schräg von unten und ist, ebenso wie der Schulterabnäher hinten, in die Passe gelegt worden – ich habe es gerne simpel beim Nähen und finde das Markieren von Sommerstoffen problematisch. Vermutlich werde ich aus allen möglichen Resten weitere Blüschen diesen Schnittes anfertigen, Figurschmeichelei hin oder her.

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Zahnarztangst und der ganze Kram

So. Das liegt mir schon bald mein Leben lang auf der Seele: Meine miesen Zähne und das vage Gefühl, daran schuld zu sein. Weil, ebenso wie ich meine zu breiten Beckenknochen hätte ablehnen können,  hätte ich ja für einen weniger schmalen Kiefer oder weniger Zähne sorgen können. Und nach all den vielen Zahnärzten, die mir erklärten, dass mein Würgen ihre Arbeit behindere und ich mich doch endlich mal zusammen reißen solle, war mir klar, welch eine elende Versagerin ich bin.

Einen Zahnarzt hatte ich – in jungen Jahren auf Norderney – der ganz lässig damit umging, schnell und sicher war und mich in entscheidenen Momenten mit den richtigen Worten ablenkte, tröstete und motivierte. Man höre und staune: Den Großteil meiner Behandlungen habe ich ohne Spritze ertragen und er fand mich dennoch sympathisch. Danach ging es bergab, bis ich in Bonn über den Notdienst einen guten fand. Stillend und panisch hat er einen vereiterten Zahn gerettet und ich wagte endlich wieder einen erneuten Anlauf, der dann von Schwangerschaft zwei und einer danach einsetzenden Flut an Erkrankungen unterbrochen wurde. Am Ende war ich mit Hashimoto diagnostiziert, was häufig zu einem zusätzlichen Engegefühl im Rachen-Kehlkopf-Bereich führt. Sprich: Mein Würgen wurde schlimmer und schlimmer. Der nächste Anlauf stoppte, da seine Co-Ärztin gelinge gesagt ein Miststück war. Der dritte Versuch endete mit der Erkrankung meines Vaters; meine anschließende Depression machte es nicht besser. Die Selbstständigkeit, der einsetzende und permanente Schulstress der Söhne, die Arbeit am Buch und ups, es waren mehrere Jahre vergangen, in denen ich den Besuch beim Zahnarzt heraus schob. Immer fest daran glaubend, dass die zukünftige Andrea – die ja älter, weiser, reifer sein musste – mit der hoffnungslosen Situation besser umgehen könne als die gegenwärtige. Aus heutiger Sicht ist die damalige Andrea natürlich eine blöde Kuh, die mir diesen Mist eingebrockt hat. Andererseits …

Andererseits kann die ältere Andrea besser damit umgehen. Fast täglich habe ich in den letzten Jahren an meine Zähne gedacht; spürte es hier bröckeln und dort schieben, schämte mich und fand mich peinlich, feige, scheußlich. Und dann, um Ostern, brach erst die eine Riesenfüllung raus und dann die zweite. Ich war – verblüffend, aber wahr – sofort bereit, einen Termin bei meinem Zahnarzt zu machen. Doch zu meinem großen Glück kam mir eine fiese Erkältung dazwischen, die sich zu einer Bronchitis auswuchs. Vor mich hinleidend, legte ich mich zu Bett und googlete, wie ich mich auf die Prüfung vorbereiten könne. Ich hatte nicht unbedingt eine klassische Zahnarztphobie und auch nicht zu viel Schiß vor Schmerzen – schlimmer als Regelschmerz und Geburt kann es nicht sein. Ich hatte Angst vor dem Würgen, den Anklagen, meiner Unfähigkeit, mitzuarbeiten. Ich könnte einen sehr langen Text über all das schreiben, was ich zu hören bekam. Aber vorbei, vorbei. Es geht nach vorne.

Denn mittlerweile hat Lachgas Einzug gehalten in viele Praxen und manche Ärzte ahnen sogar, wie lähmend sich Würgen und Schnaufen auswirken kann. Und anstatt einen Termin beim alten Zahnarzt zu machen, habe ich mir einen Neuen ausgesucht, der dazu noch besser zu erreichen ist. Die Praxis ist luftig, modern, hell, hat unglaublich schöne Bilder an den Wänden und das giftige Grasgrün der Kittel erschüttert so sehr, dass man keine Zeit für Angst beim ersten Eintreffen hat.

Heute hatte ich den zweiten Termin und zwei Zähne – ein Weisheitszahn und der in der Schwangerschaft abgebrochene, der nie behandelt werden konnte, weil ich schon das Röntgen mit Plättchen in der Backe nicht schaffte – sind entfernt worden. Mit Spritze (fies, aber nötig und wirklich richtig gut gesetzt) und Lachgas. Das Gas hat mich nicht unbedingt Bettschwere fühlen lassen, aber Entspannung (so weit man mit hochgezogenen Schultern entspannt ist) und viel, viel besser: Kein Würgen! Null! Ich kann gar nicht beschreiben, welch eine Erleichterung das ist. Ich schreibe das jetzt, bevor die Spritze endgültig nach lässt – nachher fließt mir das vielleicht nicht mehr so leicht in die Tastatur …

Schon beim ersten Termin hatte ich ein gutes Gefühl: Ich wurde sofort zum Röntgen gebracht, noch bevor ich auf der Liege Platz nahm. Ich wollte schon panisch werden, als ich sah, dass diese Praxis es ganz ernst meint mit der Fürsorge für den Patienten. Ich brauchte keine Plättchen, kein umständliches Gefummele. Und so wurde ich für den heutigen Termin erst eine Stunde vorher leicht nervös. Ansonsten habe ich Wochen zuvor schon Pankikattacken gehabt.

So, das musste mal raus und ich weiß, so geht es sehr, sehr vielen – das habe ich in den letzten Wochen gelernt. Und deshalb kann ich vielleicht einmal ein bißchen Mut verbreiten: Sucht euch einen Zahnarzt, der Lachgas hat UND Angstpatienten einlädt. Die gibt es überall.

Ich lege mich jetzt mal aufs Sofa und schaue, was passiert. Die Hunde müssen nachher halt mit den Jungs raus und vielleicht nähe ich nicht unbedingt heute weiter, aber egal, wie weh es nachher noch sein wird: Ich bin unglaublich erleichtert und wahnsinnig stolz. So!

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Schönheit Teil 3 – Nicoles Gedanken

Ich kann nicht mehr sagen, wann genau mir Nicole über den Weg gelaufen ist oder wo es war, aber irgendwie und irgendwann sprachen wir miteinander, immer mal wieder, immer öfter, immer intensiver. Manchmal, man kann das ja ruhig zugeben, wundern wir uns gemeinsam über den Wahnsinn der Welt und unserer Mitmenschen, manchmal sind wir ganz bei uns und machen uns Gedanken über unser Seelenleben, manchmal haben wir nur den schönen Schein im Sinn.

Was ich aber genau sagen kann: Ich war sofort nicht nur eingenommen von ihr, sondern fasziniert. Als ich dann noch ihren Vortrag bei youtube sah und hörte, freute ich mich sehr über den neu gefundenen Schatz und noch mehr darüber, dass wir uns demnächst auch persönlich treffen werden.

Doch genug der Vorrede, hier nun ihre Gedanken und Assoziationen zum Thema Schönheit, die – wie ihr sehen werdet – sehr frei sind.


 

 

7 Frauen reden über Schönheit, nachdem die liebe Michou/Andrea uns dazu eingeladen hat. Offen, ehrlich, manchmal zögernd, zweifelnd, aber neugierig und wertschätzend. Welch wundervolle Erfahrung. Wieder einmal zeigt sich…

Der eigene Horizont definiert das eigene Universum.

Wie schwer ist es, sich wirklich in andere hinein zu fühlen. In jemanden der so ganz anders ist mit seiner Herkunft, Prägungen, Erfahrungen, Ängsten und Wünschen. Anderseits trifft das auf alle Menschen zu… wenn man sie genauer betrachtet. Aber dieses genauer betrachten muss man eben zulassen. Und genau daran scheitert es, denn es ist gar nicht so einfach die Zerbrechlichkeit unter dem sorgsam gehegten Schutzpanzer zu zeigen.

Ausgesprochen passend lief mitten in dieser Phase der Film ‚EMBRACE. Du bist schön‘ für einen Tag in den Kinos. Dieses sich selbst annehmen und einfach die eigene Schönheit erkennen klingt wundervoll. Und so einfach. Vielleicht ist es das auch. Aber dürfen wir das?

Und warum tun wir es nicht?

Ich habe mich nach diesem Film mehrfach gefragt, ob es wirklich so viele sind,  die ihren eigenen Körper so sehr hassen, wie man es dort zu hören bekommt. Es liegt außerhalb meines Universums. Trotz aller unglücklichen Verschachtelungen in meinem Leben ist da irgendwo ein passables Maß an gesunder Selbstliebe in mir verankert. Für die ich sehr, sehr dankbar bin.

Auch in Zeiten in denen mein Körper so gar nicht meinen optischen Idealen entsprach, konnte ich mich noch freundlich im Spiegel ansehen. Habe ich mich bedenkenlos in Sauna oder Schwimmbad getraut «Ist mir doch egal, was die anderen denken. Gibt schließlich auch schöne Seiten an mir und ich bin eh nicht zur optischen Bereicherung anderer da.» Selbstverachtung ist mir fremd.

Noch viel unerklärlicher ist sie mir, wenn sie sich scheinbar bruchstückhaft nur auf einzelne Bereiche bezieht. Aber ich bin neugierig und höre gerne zu. Gleichzeitig merke ich, wie schwer es mir fällt, dabei offen zu bleiben. Ehrlich zu sagen, wie gut es mir mit mir selbst geht. Darf ich sagen, dass ich gerne in den Spiegel sehe? Darf ich mich schön finden? In vollem Bewusstsein meiner Unperfektheit. Und obwohl ich parallel nach Veränderung strebe, weil ich weiß, das mir das gut tut. Es scheint in anderen Ohren seltsam, arrogant, stolz, unsympathisch zu klingen.

Aber ist es nicht genau das, was wir allen Menschen wünschen?

Liebevolle Selbstannahme und -bewusstsein. Doch wie gut können wir etwas erreichen, wenn genau das wonach eigentlich alle streben, gleichzeitig so negativ ausgelegt wird?

 

 

Die Diskussionen endeten immer und immer wieder damit, dass wahre Schönheit tatsächlich von innen kommt. Im Idealfall mit äußerer – ich nenne sie zur Abgrenzung jetzt mal – Hübschheit zusammentrifft. Die zwar oft mit den typischen  Idealen zusammentrifft, aber nicht unbedingt muss und ganz viele Spielarten erlaubt. Und dass diese innere Schönheit in der Lage ist ganz, ganz viel äußerliches zu überstrahlen.

Dann müssen wir sie aber bitte auch erlauben!

Mir scheint es in Diskussionen, dass die Wertschätzung des anderen vor allem dann gut ist, wenn man sich selbst dabei abwertet. „Also ich finde Dich wunderschön, Du hast eine ganz wundervolle Ausstrahlung und Deine harmonischen Kurven und so, ganz toll. Und ich weiß gar nicht was Du an mir findest, ich bin gar nicht so toll, guck doch mal diese Falten hier an.“

In der Bibel heißt es „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst.“ Selbstliebe ist da die selbstverständliche Grundlage um dem anderen in Liebe zu begegnen. In der Transaktionsanalyse ist es die Grundhaltung „Ich bin OK, Du bist OK“. Wir beide sind gut und richtig. Egal ob ich mich selbst klein mache und andere auf den Sockel hebe oder andere von oben herab runtermache –

Da stimmt was mit der Selbstliebe nicht.

(Und zwar mit der gesunden Selbstliebe, ich rede nicht von Narzissmus, das würde wieder andere runtermachen beinhalten). In dem Film kamen mehrere Frauen vor, die mit sich selbst Frieden geschlossen hatten – scheinbar. Besonders bemerkenswert waren eine Australierin, deren Körper und Gesicht komplett von Brandnarben gezeichnet war und eine in London, die an starkem Bartwuchs litt. Beide strahlten eine solche Liebe mit sich und der Welt aus, dass sie wahrhaft inspirierend wirkten. Sie mussten sich komplett von der Beurteilung anderer lösen, um mit sich selbst Frieden zu schließen. Und vermutlich fällt es vielen leichter es diesen Frauen anzunehmen, weil sie eben definitiv keinem Ideal mehr entsprechen. Ob einer Lena Gercke oder einer Barbara Meier (GNTM Gewinnerinnen 2006 und 2007) gegenüber genauso dankbar und herzlich begegnet wird, bei der gleichen Haltung und Aussage? Wohl kaum. Nur warum nicht?

Dürfen wir gleichzeitig innen und außen schön sein?

Scheinbar nicht. Je näher man an das Ideal gelangt, umso eher kennt man wohl aggressive, vernichtende, herablassende Kommentare. Manchmal sogar völlig irrationale Vorwürfe von guten Freundinnen.

Weil es einem dann vor Augen führt wie unzulänglich wir selbst sind? Dann sollte uns das ein eigentlich ein Zeichen sein, den Blick von den anderen abzuwenden und nach innen zu gucken. Selbstliebe heißt sich von der Bewertung mit anderen lösen. Im negativen wie im positiven. Sich schön finden, weil man sich schön findet, nicht weil andere einen so bezeichnen. Etwas für sich tun, weil man sich um sich selbst kümmert, nicht weil man dem Ideal anderer hinterherhechelt.

Nicht einfach, aber lohnend.

Wenn man das begriffen hat, käme man auch nicht auf die Idee andere dafür anzugreifen, dass sie schön sind. Ihnen aus heiterem Himmel vorzuwerfen, dass sie nach Anerkennung lechzen, weil sie Komplimente bekommen. Sie anzugiften, sie würden idiotischen Idealen hinterherhecheln, weil sie etwas für ihre Gesundheit tun. Nicht über Magersucht und Freudlosigkeit lästern, weil jemand anderes schlank ist. All das ist mir in letzter Zeit begegnet und macht mich wütend und traurig zugleich.

Ich bin überzeugt, wenn wir alle unsere Energie mehr der inneren Schönheit widmen, gibt es auch im Außen mehr schönes zu sehen. Ein Therapeut oder Coach hat da übrigens eine deutlich langfristigere Wirkung als teure Tagescreme, Designerkleid und HighHeels zusammen.

Und dann trauen wir uns bitte auch dazu zu stehen! In diesem Sinne…

Ich bin schön. Jetzt Ihr!

Ich bin sehr gespannt, welche Fragen da jetzt folgen werden – denn so war es angekündigt.

 


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