Pullover 1920-50er unterscheiden und stricken

Ich schrieb es schon auf fb: innerhalb kürzester Zeit stellten mir einige Frauen auf verschiedenen Wegen diese Frage. Und so dachte ich mir, schreib es hier auf, bevor du es vergißt.

Insgesamt habe ich knapp 80 Vintagepullis gestrickt, gleichmäßig verteilt auf Anleitungen und eigene Entwürfe. Und nachdem zu Beginn meiner Vintagepulliliebe mir jedes Modell ähnlich vorkam, bemerkte ich doch bald, dass es große Unterschiede in Schnitt, Passform und Technik zwischen ihnen gab. Wer von euch also am Anfang seiner Strick- und Vintageliebe steht oder im Stil einer der Dekaden entwerfen will, bekommt jetzt und hier und heute eine Übersicht:

 

Die goldenen Zwanziger

Nachdem Kaiser- und Königreiche im ersten mit modernen Waffen geführten Krieg verschwanden und Fischbein-Korsetts und lange Röcke mitnahmen, war weibliche Kleidung vor allem zweierlei: bewegungsfreundlich und schnitttechnisch einfach.

Statt Taille und Busen betonte die Mode nun Beine, Hüfte und Arme, das Ideal war eine sportliche Frau, schlank, groß und gerade so jungenhaft, um ihre Weiblichkeit zu betonen. Neben fließenden Kleidern, voluminösen Mänteln und kleinen Hütchen, die das Gesicht umrahmten und vom Bubikopf nur die Spitzen freiließen, griff die neue Frau auch in den Kleiderschrank des Freundes – der boyfriend style ist wirklich keine Erfindung der letzten Jahre. So kamen lose geschnittene Jackets, die ersten Hosen und auch Strickpullover in unseren Kleiderschrank. Durch die simplen Schnittformen, die durch die Materialien, Stickereien, Volants und Schmuck aufgewertet wurden, brach eine Selbstmachwelle aus: überall gab es Schnittmuster, Strick- und Häkelanleitungen, Stoffe und Wollen und das oft zu sehr günstigen Preisen.

Die meisten Strickanleitungen dieser Jahre folgen derselben Form: einem T, das in einem Stück vom vorderen Saum über die Ärmel und den Halsausschnitt bis zum hinteren Saum gestrickt wird. Das Bündchen ist meist in einem besonders plastischen Rippenmuster gestrickt oder besteht aus einer angesetzten Häkelborte, gerne zweifarbig gearbeitet, bestickt oder mit Bändern durchzogen. Der Körper ist untailliert, gerne gestreift oder quer gemustert und reicht von der Hüfte aus relativ hoch in die Achseln. Dort werden Maschen für die Ärmel angeschlagen, die recht eng anliegen. Die Halsausschnittform war vielfältig: leicht eckig, tief und spitz oder gerade waren die beliebtesten Form, die sich leicht durch abketten und wieder anschlagen erreichen ließen. Nach dem Zusammennähen erhielten sowohl Ärmelsäume als auch Halsausschnitt entweder schmale Bündchen oder Häkelränder.

Die verwendeten Garne lagen meist im Bereich von 16-24 Maschen auf zehn Zentimetern, beliebt waren kräftige Farben ebenso wie sehr zarte. Natürlich gab es neben dieser Standardform auch Pullover, die mit Armkugeln und raffinierten Mustern aufwarteten, vor allem zum Ende des Jahrzehntes. Aber wer einen typischen Zwanzigerjahrepulli stricken möchte, schlägt die benötigte Maschenanzahl an, die der mittleren Hüfthöhe entspricht, strickt etwa 8 cm Bund und arbeitet sich dann im gewünschten Muster – eher plastisch-grafisch als liebliches Ajour – hoch und wieder runter.


Die glamourösen und bitterarmen Dreißiger

Natürlich lassen sich die Dekaden nicht haargenau voneinander trennen: zum Ende der Zwanziger wurden die Röcke wieder etwas länger und die nach wie vor langen Oberteile erhielten kleine Gürtel, die mit jeder Saison etwas weiter in die Taille rutschten. Die Kleider der Jahre 1930-33 etwa haben nach wie vor viel Verzierung um die Hüfte herum, liegen aber enger am Körper, spielen mit Volumen am Oberarm und zeigen dadurch eine Hinwendung zu einer gemäßigten Sanduhrfigur, die lang und schmal erscheinen sollte.

Auch den Strickanleitungen dieser frühen Dreißiger merkt man die Zwanziger noch an: Noch immer ist der Körper gerade hoch gestrickt, jedoch deutlich kürzer und reicht nur noch bis in die Taille, die durch breite Bündchen betont ist. Weiterhin beliebt sind graphische Einstrickmuster und eckige Ausschnitte, aber immer öfter tauchen zarte Ajours auf, die mit deutllich feineren Garnen gestrickt sind und Seidenhemdchen nötig machen – Transparenz ist das große Thema dieser Jahre.

Die Ärmel sind entweder kurz und voluminös oder lang und schmal wie in den Jahren zuvor. Sie werden zwar nicht mehr in einem Stück angestrickt, bleiben aber weiterhin im 90°-Winkel, was sich an den für die Zeit typischen Diagonalfalten unter der Achsel bemerkbar macht. In den Sommermonaten sind gerade hochgestrickte Lochmusterpullis mit überfallender Schulter und geradem Ausschnitt beliebt.

Zum Ende des Jahrzehntes werden die Anleitungen deutlich raffinierter, die Büste wird betont und eine gerade, starke Schulterlinie der bisherigen weichen Linie vorgezogen – ein Stil, der in den Vierzigern zur Perfektion gebracht werden wird. Wer einen Pulli entwerfen will, der typisch Dreißiger sein soll, schlägt die nötige Maschenzahl für die Oberweite mit einer deutlich dünneren Nadel an und strickt ein möglichst festes Bündchen über zehn Zentimeter Länge und wechselt danach auf eine dem Garn angemessene Nadelstärke. Nun geht es hoch mit etwa zwei Zentimeter Abstand zum Achselpunkt. Die nötige Maschenabnahme für das Armloch erfolgt in der Regel in einem Gang, Schulter und Halsausschnitt werden in einem gerade abgekettet für einen Ubootausschnitt. Nach dem Zusammennähen werden die benötigten Maschen aus dem Armloch aufgenommen, an der Schulter gerne die doppelte Anzahl für den Puffärmel, der in einem engen Ärmelbündchen ausläuft – dafür in der letzten Reihe vor dem Bündchen die Mehrweite zusammenstricken. Als passende Garne bieten sich schlichte Wolle mit einer Maschenprobe von 24 – 28 Maschen auf zehn Zentimeter an, sehr beliebt waren aber Angora und selbstmusternde Garne dickerer Stärke.

 

Die starken Vierziger

Diese Jahre waren überall durch den Krieg geprägt und das sich erneut wandelnde Frauenbild: Frauenkleidung musste nun praktisch, haltbar und dennoch weiblich sein – Frauen sollten jederzeit anpacken können, ohne durch lange Säume, hängende Ärmel oder flatternde Volants behindert oder gar gefährdet zu werden. Und sollten gleichzeitig einen netten Anblick bieten, um den kämpfenden Männer Motivation und Ansporn zu sein. An Material war nur schwer und selten zu kommen und so wurde umgeschneidert, zusammen gesetzt, geribbelt und neu gestrickt. So entstand eine Mode, die körpernah, kurz und bunt war.

Was an Material nicht zu bekommen war, wurde mit verfeinerter Stricktechnik wettgemacht: Pullover reichten bis knapp über den Nabel, betonten Taille, Busen und Schultern, waren hochgeschlossen und kurzärmelig. Fair-Isle-Muster waren beliebt, weil so aus Resten noch ein komplettes Kleidungsstück entstehen konnte, ebenso wurden Streifen oder Pullis mit andersfarbigen Ärmeln und Bündchen gearbeitet. Die verwendeten Garne lagen in der Regel bei 28 – 32 Maschen auf zehn Zentimetern, bevorzugt wurde reine Wolle, die dicht gezwirnt war, um dem Strickstück Haltbarkeit und ein solides Aussehen zu verleihen.

Für einen Vierziger-Pulli braucht es mehr an Berechnung und Überlegung: Die Vorderseite wird breiter gestrickt als die Rückseite, um einerseits Platz für den Busen zu machen (Büstenhalter waren mittlerweile eher Büstenheber) und um andererseits die Seitennähte in die perfekte Position zu bringen. Außerdem wird eine Sanduhrform betont und geschaffen durch regelmäßige Zunahmen von der Taille bis zur Unterbrustweite. Auch die sehr hoch sitzenden Armlöcher (sie gehen bis in die Achsel – dadurch wird der Oberkörper optisch gestreckt und verschmälert) und die Schultern werden gleichmäßig geschwungen gearbeitet, der Halsausschnitt ist gerne rund und hoch, was ein sehr genaues Arbeiten des Halsbündchens erfordert – zwei Maschen zu wenig und es lässt sich nicht mehr über den Kopf ziehen. Die Ärmel werden von unten gearbeitet und verlangen perfekte Armkugeln für einen faltenfreien Sitz. Mein bester Rat für alle, die einen solchen Klassiker stricken wollen: eine gute Anleitung suchen und sollte der Sitz wie gewünscht ausfallen, werden alle künftigen Pullis danach berechnet.

Die Fünfziger – spießig und modern zugleich

Die Mode der Fünziger ist vielfältiger, als es uns der Rockabillytrend weismachen will: schaue ich in die Vogue Knitting der Fünfziger, dann sehe ich sehr schlanke, hoch elegante Frauen in sehr weiten und groben und in sehr schmalen und zarten Pullis, ich sehe Pastell und Schwarz und Knallbunt. Aber wenn ich die Reihe der Pullientwicklung logisch fortführen will, schaue ich mir den typischen kleinen Pulli an.

Die Fünfziger sind in mancher Hinsicht das Gegenteil der Zwanziger: feierte man dort die Befreiung vom Fischbein, so quetschte man sich nun wieder hinein. Waren die Zwanziger gerade, so waren die Fünfziger geradezu hyperkurvig und nicht weniger unrealistisch: die Taille war extrem schmal, der Busen spitz zur Seite geformt, die Hüften hoch und gerne ausgepolstert, die Schulten weich und abfallend. Und der typische kleine Pulli folgt: er reicht wie in den Dreißigern bis in die Taille, das Bündchen ist nun jedoch sehr schmal und wird gerne in den Rockbund gesteckt. Die Seitenneigung geht sehr stark nach außen und läuft gerne in kleine Kimonoärmelchen, die stark geschwungen zur Halsöffnung führen. Der Pulli ist hochgeschlossen mit einem kleinen Stehkragen, der im Nacken mit Knöpfchen geschlossen wird. Das verwendete Garn ist deutlich zarter als zuvor – Anleitungen, die eine Maschenanzahl von 38 – 50 Maschen auf zehn Zentimeter angeben, sind keine Seltenheit. Beliebt sind für diesen Pulli klassische Farben wie hellgrau, hellblau, beige, sand, rehbraun, aber auch rosa, hellgrün und tanne sind häufig zu sehen. Alles, was einen adretten und wohlerzogenen Eindruck macht, steht hoch im Kurs. Auch hier würde ich raten, erst einmal mit einigen Anleitungen zu arbeiten, wenn es solch ein Pulli werden soll.

Fazit:

Wie ich schon sagte, gibt es neben diesen typischen Vertretern ihrer Dekade unglaublich viele andere Modelle – auch in den Achtzigern haben wir nicht nur Säcke gestrickt und vor allem in den Fünfzigern lassen sich unglaublich tolle Modelle finden, die modern, klassisch und kein bißchen spießig sind. Aber diese Auswahl hier zeigt die typischsten Formen, mit denen ihr euch den Geschmack der Zeit zurück stricken könnt. Meine persönliche Vorliebe sind hier – wie bei den Kleidern auch – die späten Dreißiger und frühen Vierziger: perfekt angepasste Pullover ohne Bewegungseinschränkung oder optisch störende Diagonalfalten unter den Armen, die leicht an die eigene Figur angepasst werden können und keine spezielle Unterwäsche verlangen. Aber was auch immer ihr vorhabt, ich wünsche viel Spaß dabei.

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Fadenlauf nutzen am Rockteil

Das Thema kam in den letzten Tage einige Male auf: wie der Fadenlauf für unterschiedliche Effekte und Silhouetten genutzt werden kann. Das folgende Bild ist eine Seite aus dem Buch Pattern Making by the Flat-Pattern Method von Norma R. Hollen:

fadenlauf

So faul ich meist bin: eigentlich mag ich nach außen wippende Rocksäume nicht, weswegen ich beim gestrigen Kleid die Mittelnaht durch das Muster hindurch in Kauf genommen habe. Hätte ich nun die Kamera nicht auf Bauchhöhe platziert, dann hätte man auch schön sehen können, wieviel schmäler der Rock fällt verglichen mit dem Langeweile-Kleid, bei dem der Fadenlauf in den VM liegt.

Viel Spaß beim Spielen 🙂

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Die geraffte Sommerbluse

Obwohl man, wie ich finde, auf den Bildern dieses Beitrages nicht viel erkennen konnte, erreichten mich doch auf jedem digitalen Kommunikationsweg (facebook, twitter, Blog, eMail) Anfragen nach der Anleitung für die Bluse. Und so habe ich mich heute vormittag mit Katze und Laptop aufs Sofa verzogen und in Gimp herum gespielt – was wirklich nicht meine Stärke ist.

Wie immer benötigst du, die sich einen solchen Blusenschnitt nachbauen will, einen gutsitzenden Grundschnitt; in diesem Fall einen, der nicht ganz eng am Körper modelliert ist, sondern schon einen Spielraum von etwa 6-10 cm an der Oberweite hat. Nach wie vor empfehlen kann ich dazu den Bunkasloper, der in dem hier vorgestellten Buch als Papierschnitt enthalten ist.

 

geraffte Sommerbluse1

Die Abnäher in der Taille werden gestrichen und der Halsausschnitt rundum gesenkt: an Nacken und Schulter um zwei Zentimeter, in der VM um drei. Danach zeichnest du von neuen Grundschnitt den Halsbeleg ab, der rundum etwa fünf Zentimeter breit ist, vorne jedoch bis auf der Brustspitze reichen soll – hier wird nachher der Schlitz eingenäht, der von Ausschnitt bis Spitze 10 cm lang ist und am Hals einen Zentimeter breit; dieses Schlitzdreieck zeichnest du später auf die Bügeleinlage auf, um sorgfältig und gleichmäßig den Schlitz steppen zu können. (War das verständlich?)

geraffte Sommerbluse2

Als nächstes wird die schmale Passe abgetrennt: vom neuen Halsausschnitt aus habe ich drei Zentimeter rundum nach unten abgetragen. Bevor du sie abschneidest, lege Vorder- und Rückenteil an der Schulter zusammen und kontrolliere, ob sich die beiden Schnittlinien in einem schönen und gleichmäßigen Bogen treffen, ansonsten korrigiere sie nun. Ich habe die beiden Passenteile an der Schulter zu einem einzigen Schnittteil zusammen geklebt.

 

geraffte Sommerbluse3

Von der Taille aus bringst du den Schnitt auf deine gewünschte Länge; ich habe meine hinten um etwa fünf Zentimeter länger gezeichnet als im Vorderteil. Dabei wird die Taillierung entfernt und die Linie leicht ausgestellt – idealerweise so weit, dass die Hüfte gut Platz hat :-D.
Vom Brustabnäher aus ziehst du eine Linie zum Halsausschnitt, etwa vier Zentimeter von der VM entfernt.

geraffte Sommerbluse4
Nun schneidest du entlang der Linie auf den Brustpunkt zu und klebst den Brustabnäher zu – die Linie wird sich zu einem neuen Abnäher öffnen. Diese Öffnung entweder mit Papier hinterkleben oder den Schnitt komplett abzeichnen.
Für die hintere Raffung (oder eine Kellerfalte, was immer du wünschst) kommen noch einmal etwa fünf Zentimeter an die HM hinzu. Außerdem habe ich bei meinem Schnitt den Längenunterschied durch eine sanfte Kurve ausgeglichen.

geraffte Sommerbluse5

Am vorderen Halsausschnitt gleichst du eventuelle Ecken des neuen Abnähers durch eine gleichmäßige Kurve aus – wenn du hier zuviel Länge einzeichnest, beule die Raffungen nachher unschön oberhalb der Brust aus – was mir wunderbar gelungen ist; da hatte ich diesen Schritt etwas zu leichtfertig vernachlässtigt.

Der fertige Schnitt:

geraffte Sommerbluse6

Dazu gehören natürlich auch die Halspassen, der Beleg und die Ärmel. Für die Ärmel lassen sich sehr viele Anleitungen im Netz finden; die simpelste Möglichkeit ist das Kürzen an der gewünschten Stelle und das Ausstellen des neuen Saums auf die gewünschte Weite, dazu ein Rechteck in der Länge des Armdurchmessers dort, wo der Ärmel enden soll. Für die Schlitzverarbeitung wiederum findest du mit Sicherheit eine Erklärung in einem deiner Bücher; letzten Endes wird der Beleg wie immer angenäht – nur, dass er eine schmale lange Spitze enthält, deren Nahtzugaben sehr knapp und sorgfältig zurück geschnitten werden müssen.

Bei Fragen einfach melden, aber viel besser bekomme ich es leider nicht hin.

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Plumeau mit Ärmeln

„Sag, Kind, sehe ich in dem Mantel rund und riesig aus?“
„Hmmmnjaaa … sagen wir mal so … er macht nicht dünn …“
„Und? Wäre das besser?“
„Nö! Du siehst schön kuschelig aus. Wie in einer Decke. Mit Ärmeln.“

Wo das Kind recht hat, hat es recht. Wie recht, seht ihr in den nächsten Tagen – sobald ich Zeit und Lust habe, mich von ihm, dem Kinde, fotografieren zu lassen. Heute kommt die Anleitung für das Ärmel-Plumeau. Weil ich an diesem sehr, sehr simplen Schnitt letzte Woche Montag fast zugrunde gegangen wäre und sich der Nervenzusammenbruch so wenigstens lohnt, teile ich die aus Frust und Tränen entstandene Anleitung mit euch.
Und nicht nur ich verzweifelte, auch habe ich Julia den halben Tag damit beschäftigt, Anleitungen zu suchen, die mich glauben machen sollten, ich wüßte, was ich täte. All ihrem guten Zureden und ihrem Glauben zum Trotze, ich könne doch nicht ernsthaft so vernagelt sein, war ich es eben doch. Wie der Ochs vorm Berg stand ich vor diesem Schnitt.

 

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Was wollte ich? Einen Mantel in Eiform mit überschnittenen Schultern und einem hohen, halsfernen Stehkragen. Hört sich einfach an, ist es auch. Wenn man nicht festhält an all dem, was man in den letzten Jahren sich angeeignet und angewöhnt hat. Wie beispielsweise die Vorstellung (und Erfahrung!), den Brustabnäher könne man nicht ignorieren. Ich tat mich schwer. Sehr schwer. In etwa war es so wie vor 35 Jahren, als ich mit dem Kochen begann: die ersten Gerichte, die ich alleine brutzelte, waren Eintöpfe aus wenigstens fünf Zutaten, chinesische Pfannenrührgerichte und Aufläufe. Ging gut, war lecker. Bratkartoffeln mit Rührei hingegen oder nicht angebrannte Fischstäbchen oder nicht übergekochte Tütensuppen hingegen …
Oder ein paar Jahre später im Berufspraktikum: ich war in einem Fingernagelstudio gelandet (bis heute für mich eine der unnötigsten Einrichtungen überhaupt) und hatte eine Chefin, die wirklich erstklassig in ihrem Job war (ansonsten eher nicht …). Ob ich wollte oder nicht: ich lernte das Modellieren künstlicher Nägel. Aber was ich auch tat: sie wurden schön, aber selten haltbar. Außer, ich bekam Kundinnen mit Problemhänden. Kundinnen, die zwanghaft Nägel bissen oder deren Nägel papierdünn waren oder die nicht mehr wuchsen. Die kamen lieber zu mir, denn die konnte ich – in schön UND haltbar. Vielleicht sah ich da den Sinn, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist es oft so, dass mir komplizierte, aufwendige Arbeiten mehr liegen als die schlichten, schnellen. Gefühlsmäßig würde ich das anders sehen, aber die Ergebnisse sprechen für diese Theorie.

Gut nun, ich hatte also den kompletten Montag in Verzweiflung verbracht, hatte Bücher gewälzt, mich durch Julias Links und Erklärungen gewühlt, hatte gar auf FB meinen Wahnsinn kundgetan und ungefähr 13 Versuche zerrissen. Immer war der Abnäher mein Problem und meine Weigerung, mich wirklich auf simpel einzulassen. Bis ich in irgendeinem meiner Bücher – ich weiß nicht mehr welches – auf den Satz stieß, dass, je weiter die Schulter überschnitten werden, der Brustabnäher bedeutungslos und bedeutungsloser würde. Eine rationale Erklärung, hurra! Mehr stand da nicht, es wurde auch nicht erklärt, was wie wo ab wann warum sein würde. Aber noch einmal suchte ich mir alle Anleitungen zusammen, suchte mir eine Zahl hier, eine Zahl dort heraus und legte nochmals los. Zwar war ich nach wie vor sehr unsicher ob des Ergebnisses, aber am Dienstag traute ich mich doch, einfach mal zuzuschneiden.

Was braucht ihr? Wie immer euren Grundschnitt, der schon auf Mantelgebrauch zurecht geändert wurde. Heißt: der seitliche Abnäher ist zum Großteil in das Armloch gewandert, ein knapper Zentimeter in den Halsausschnitt und ein gutes Drittel in die Schulter – wer diese Methode jetzt nicht kennt, fragt nach und ich sehe zu, dass ich in den nächsten Tagen auch das einmal zeige. Von dort aus geht es wie folgt weiter:

 

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Zunächst einmal werden sämtliche Abnäher entweder herausgenommen oder ignoriert: der Schulterabnäher wird ausgemessen, weggestrichen und die Schulter wird um den gleichen Betrag gekürzt und verschmälert. Wichtig sind für eine gute Paßform nur die richtige Schulterneigung und die passende Halsweite, damit er wie für euch gemacht sitzt bzw. fällt.
Alle anderen Abnäher werden ausgestrichen.
Dann wird der Halsausschnitt tiefer und weiter: die hintere Höhe bleibt erhalten, die Seite und die vordere Mitte werden um 3 cm vertieft, damit der Stehkragen nicht einschnürt und ein Schal Platz darunter hat.
Die Achsel habe ich um 4 cm (da müsst ihr schauen, wie tief eure Achsel eh schon sitzt, wieviel drunter passen soll und was euch gefällt) herunter gesetzt und am Vorderteil um 7 cm, am Rückenteil um 9 cm verbreitert.
Die Schulterlinie wird bis zum Handgelenk verlängert, ohne etwas an der Schräge zu verändern. Vom neuen Achselpunkt wird ebenfalls verlängert, parallel zur Schulterlinie; beide werden dann im rechten Winkel miteinander verbunden. Die Ecke am Achselpunkt mit einer schönen, nicht zu knappen Rundung verändern.
Für die Knopfleiste 3 cm an der VM anzeichnen.
Um die Eiform zu erreichen, in der gewünschten Mantellänge die gewünschte Saumweite rechtwinklig zur VM einzeichnen – ich habe hier die Hüftweite verwendet. Vom Saum zur Achselkurve eine gerade Linie einzeichnen und schon ist der Mantelschnitt fast fertig.

 

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Jetzt geht es an den Feinschliff:
Die beiden Schnittteile werden an der Schulter-/Ärmelnaht aneinandergeklebt. Nun wird die Ärmelposition festgelegt. Meine Schultern sind um 14 cm überschnitten; der Achselpunkt liegt vor der Rundung (vom Ärmelsaum aus gesehen) – die Ärmelnaht hatte ich schon im ersten Schritt grob festgelegt und nun korrigiert.

 

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Das Ärmelteil vom Rumpfteil trennen und zum Saum hin leicht verjüngen; ich habe beidseitig 1,5 cm weggenommen.

 

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Nun den Mantelteil, der an den Schultern noch verbunden ist, so aufeinander legen, wie er später auch genäht wird und die Schulternaht überprüfen. Hier im (nicht maßstabgetreuen!) Minischnittbeispiel entspricht die Neigung der Schulternaht auch zufällig der Neigung der geknickten Schulterlinie. Bei überschnittenen Ärmeln will die Naht immer in die Mitte der Schulter rutschen – ist also die Schulternaht leicht nach vorne geneigt, kann es sein, dass das Kleidungsstück konsequent und würgend nach hinten rutscht; auch sieht die nach vorne auf den Oberarm verlaufende Naht nicht schön aus.
Sind also Schulternaht und gefaltete Schulter unterschiedlich geschrägt, dann bitte die Schulternaht anpassen und vom Halspunkt aus parallel zur Falte einzeichnen und dort auseinanderschneiden.

 

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Zu guter Letzt kommt noch der Stehkragen:
Den Halsausschnitt vorne und hinten ausmessen, beide Werte addieren und eine gerade Linie dieser Länger zeichnen. Von der VM aus 4 cm abmessen, markieren und an der VM selbst 1,5 cm nach oben gehen. Diese beiden Punkte mit einer leichten Kurve verbinden und dann noch die 3 cm für den Übertritt anzeichnen.
Die Höhe des Kragens sind hinten 6 cm und vorne 7 cm; auch hier beide Punkte in etwa parallel zur unteren Linie verbinden.

 

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Und dann ist der simpelste aller Mäntelschnitte schon fertig. Durch die Weite und die Form passt sehr viel warme Kleidung drunter und auch ein warmes Flauschfutter oder – wie bei mir – Futter und thinsulate – haben Platz. Und in der Tat fühlt sich mein Mantel an, als würde ich mir ein Plumeau umlegen.

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Anleitung verschlußlose Bluse

Bluse1Ich muss es endlich einmal in Ruhe loswerden: danke an alle, die so freigiebig mit Lob und Komplimenten während der letzten Wochen waren – zum Antworten kam ich kaum; Sommerferien, Schulanfänge und Gattendienstreisen sind einfach nicht kompatibel mit nähenden, bloggenden und schlecht fotografierenden Müttern. Also: Danke! Der Gatte übrigens ist noch ganz verwirrt von meinem plötzlichen Sinneswandel, findet aber ebenfalls durchaus lobende Worte. Überhaupt wären die Reaktionen einen eigenen Beitrag wert, aber nun geht es um die Bluse.

Falls also eine von euch ebenfalls ein schlichtes Oberteil für enge Hosen oder Röcke möchte, kommt hier die Anleitung. Wie immer gehe ich davon aus, dass ein gut sitzender Grundschnitt vorhanden ist – also ein Schnitt mit Taillen-, Brust- und Schulterabnähern, der den Hals hoch umschließt und sehr körpernah sitzt. In diesem Falle sollte er hüftlang sein.

Im ersten Schritt wird der rückwärtige Schulterabnäher geschlossen und die Weite in den Saum geschoben; der Taillenabnäher wird gestrichen und die Taillierung an der Seitennaht bleibt erhalten. Dadurch behält die Bluse eine schöne Form im Brustbereich – würde die Seitennaht von Achsel bis Hüfte gerade gestellt, wird das Oberteil deutlich weiter und formloser.

Am Vorderteil habe ich den Brust- bzw. Schulterabnäher nur teilweise geschlossen; der Saum soll sich vorne um die gleiche Weite öffnen wie hinten.
 
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Die Weite am Saum wird mit einem untergeklebten Papier gesichert und dann erst wird der Schulterabnäher komplett geschlossen und in einen französischen Abnäher verwandelt. Dieser führt von der Hüfte bis zur Brustspitze.

 

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Bluse5

Bluse6

 

Jetzt kann der Schnitt kopiert werden. Danach wird der neue Halsausschnitt eingezeichnet – ein leicht gerundeter Uboot-Ausschnitt: der Halspunkt an der Schulter rutscht 3 cm nach außen, an der HM habe ich 2 cm und an der VM 1 cm nach unten abgetrogen. Der Ausschnitt soll hinten ein klein wenig höher sitzen als vorne.
Der Französische Abnäher wird ebenfalls etwas gekürzt, allerdings darf er als einziger Abnäher bis ganz nah ran an die Brustspitze – 1 cm Abtrag reicht aus. Auch die endgültige Länge wird nun festgelegt: für das Oberteil auf Höhe des Hüftknochen, für das Kleid (das ich noch zeigen möchte) wird verlängert bis wohin man nur möchte.

 

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Die Ärmel werden glatt eingenäht und etwa 3 cm unterhalb der Achsel gekürzt; dafür braucht es keine Schnittanleitung, denke ich.
Damit die Bluse schön fällt, braucht es einen Stoff, der fließend ist und sich gerne bewegt. Ein zu dünner Stoff würde zu sehr in sich zusammenfallen, ein schwerer Stoff dürfte zu viel Stand haben. Noch ausprobieren wollte ich, ob Muster sich mit dem Schnitt vertragen.

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Wie immer seht ihr mir nach, dass rein technische Erklärungen mein Ding nicht sind – es fehlt mir hier das Sinnliche 😀

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