Männerschreck

Erst einmal zur gestrigen Frage, was tun mit transparenten Stoffen (die man ja meist gekauft hatte, weil sie so herrlich luftig waren und die Transparenz nicht so arg auffiel). Es besteht Einigkeit in dem Gedanken, diese mit einem zarten Batist in passender Farbe zu füttern. Und in der Theorie stimme ich zu.

ABER passende zarte Stoffe zu finden, ist ja schon mal das Eine – Stunden an Onlinesuche sehe ich vor mir und neue Stoffe, die ich ursprünglich gar nicht wollte noch dazu. Das Andere ist: Habe ich, habt ihr, immer Lust, jedes Oberteil doppelt zu nähen? Und ist es nicht auch schade, dass dem zarten Oberstoff seine Zartheit genommen wird? Ich denke, ich bin noch nicht am Ende mit den Überlegungen und vielleicht schaffe ich es in den nächsten Tagen einmal, mir anhand meiner Sorgenkind-Stoffe kluge Gedanken zu machen. Wie immer ist es gut zu wissen, dass das Problem nicht mich alleine betrifft.

Jetzt aber zum Männerschreck. Ich habe es gestern wirklich geschafft, die zweite Stylebook-Bluse zu nähen. Wie die erste auch ist es ein sehr simples Modell, das wenig passformsensibel ist, aber dennoch mit feinen Details aufwartet: Vier Abnäher am Ärmelsaumen schaffen Form, der V-Ausschnitt ist sanft gerundet (was ich noch verstärkt habe), die Armausschnitte sind ebenfalls geformt und kleine Seitenschlitze gibt es auch. Dazu ist das Rückenteil um vier Zentimeter länger als das Vorderteil, was eigentlich den Sitz verbessern sollte.

Eigentlich, denn bei mir rutscht die Bluse genauso wie Kaufkleidung nach hinten herunter. Ich weiß, das hat etwas mit der Balance zu tun, aber für einen solchen Schnitt fehlt mir der Nerv, mich an das Thema zu begeben. Zumal, und das verblüfft mich selbst, ich finde, dass dieses Rutschen einen gewißen Charme bei dieser Bluse ausmacht.

Schwierig fand ich die Stoffauswahl: Da der Schnitt 22 cm weiter ist als die Oberweite, dazu überschnittene Schultern hat und gerade herunter geht, sieht er in einem festen Stoff gearbeitet sehr quadratisch aus. In einer fließenden Qualität hingegen machen die Ärmelabnäher nicht viel Sinn, da die skulpturale Form zusammen fällt.

Ich habe mich für einen Leinenrest entschieden – die Bluse kommt mit etwa 1,30 m Stofflänge hin. Ob ich mit dieser Entscheidung für die Goldene Mitte das Ideal getroffen habe, weiß ich noch nicht – ich denke, ich werde die beiden anderen Varianten auch noch einmal testen. Also in fließend und in fest.

Nun, das gute Stück wurde fertig und ich hatte meine Zahnschmerzen gründlich leid und plante, heute vormittag in die Innenstadt zu fahren, um nach passenden Stoffen für zwei, drei weitere Ideen zu schauen. Ich teilte dem Gatten mit, das Auto zu benötigen. Ich machte mich zurecht. Ich warf mich in eine vom Gatten geschenkte Hose und in die neue Bluse, schnappte mir Tasche und Schlüssel und war bereit, das kranke große Kind seinem Schicksal zu überlassen und trat vor die Tür. Wo zum Henker war der Wagen???

Der Gatte befürchtete ein abendliches Gewitter und wollte einer nassen Heimkehr vorbeugen. Mies gelaunt, aber insgeheim wissend, dass mit puckernder Wunde es nicht die beste Idee war, mich zu weit vom Heim zu entfernen, machte ich also das beste aus meinem nicht hundespaziergangtauglichen Gewand und schoß Bilder. Ganz, ganz viele Bilder, die ihr alle ertragen müsst.

Zusammen mit der Dreiviertel-Culotte kommt die Bluse sehr japanisch rüber. Wobei das auch immer eine Frage des Posings ist:

 

 

So kleidsam wären beide Teile, trüge man sie wie eine lebende Schnittzeichnung. Ihr müsst zugeben, besser kann man die Linienführung nicht deutlich machen. Und stellte ich mich so vor den Gatten, so verschreckte ich ihn nachhaltig – was ich mir mal merken werde, man weiß ja nie …

Viel besser und japanischer sieht es mit ein wenig Bewegung aus:

 

 

Immerhin habe ich mich vom Computerspielmännchen bis zur Reispflückerin hoch gearbeitet.

 

 

Mit den Händen in den Hosentaschen lässt sich ja alles auf cool und lässig trimmen – dazu ein sinnender Blick, der Welt abgewandt und der Sexyness eine Absage erteilend – was diese Bluse so alles kann.

 

 

Aber fehlte nicht noch der urbane Geist? Der lässt sich schnell herbei rufen, in dem ein Teil des Saums in den Bund gesteckt wird (und ich mag das ja wirklich sehr!)

 

 

Von der Seite fällt das Rückenteil blousonartig herunter – was zum einen an den Händen in den Hosentaschen liegt und zum anderen an mangelhaften Balance.

 

 

So also wäre ich durch die Stadt gerast auf der Suche nach mehr Stoff. Statt dessen überbrachte ich Max und Micky die frohe Botschaft, dass sie nicht länger warten müssten, sondern nun gleich mit mir durch die Derle wandern dürften. Natürlich nicht in der feinen Hose, sondern in einem Poly-Crêpe-Jogginghosen-Verschnitt. Und das habe ich dann auch noch geknipst, nachdem wir zurück waren.

 

 

Was für die Bluse spricht, ist ihre Luftigkeit – alles ist weit und offen, wirkt aber angezogen. Sowas kann man doch immer gebrauchen, oder?

 

 

Mit engen Hosen gefällt sie mir übrigens ebenfalls, was für mich gar nicht in Frage käme, wäre ein Rock wie es im Heft kombiniert war. Was bei anderen wie ein Spiel mit Volumen und Längen wirkt, sieht an mir bieder und massig aus. So bleibt meine Sehnsucht nach Röcken weiterhin ungestillt.

 

 

Aber dafür kann die Bluse ja nichts …

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Kleines Zelt, japanisch, grau

Ich sitze draußen und das in einem Minibikini, in dem ich mich niemals ins Freibad wagen würde. Aber das will ich auch gar nicht hin, sondern so entspannt wie möglich arbeiten und das Wetter genießen. Darf man das Schreiben an einem Buch, von dem man aber auch so gar keine Ahnung hat, ob es etwas wird, Arbeit nennen. Oder ist das reines Privatvergnügen? Ach, egal, egal.

Die Sonne scheint also, der Zahnschmerz ist auf ein erträgliches Minimum reduziert, mit den Hunden war ich auch endlich wieder unterwegsund sogar einen kleinen Einkauf habe ich erledigt. Und als ich an mir herunter schaute, stellte ich fest, dass ich ein noch nicht gezeigtes Zelt trug. Das wird hiermit geändert.

Frohgemut baute ich das Stativ auf und war zuversichtlich, rasch ein, zwei brauchbare Bilder zu produzieren. Weil: Fotografieren ist ja meine Stärke, nicht wahr?

 

 

 

 

Nun gut, meine Konzentration schwand beträchtlich, nachdem Max einige Male um meine Beine galoppierte – da unser Garten nicht vollständig geschlossen ist und er bei lauten Geräuschen gerne mal in die Nachbargärten abgaloppiert, kam seine Zuneigung mit Fessel. Ich sah mich schon zum Rollbraten verschnürt zu Boden sinken.

 

 

Mein altes Problem: Wohin mit den Händen, den Füßen, dem ganzen Mir vor der Kamera? Ich war noch mit Sortieren beschäftigt, als es knipste.

 

 

Dann besann ich mich auf den Lehrauftrag, den ich mir am Montag gab: Weite Oberteile und die Wirkung der BHs darunter. Normalerweise trag ich unter Schnitten wie diesem hier Halter, die nicht mehr tun als halten. Heute aber habe ich einen geformten, hebenden, stützenden BH an. Von vorne noch ok, von der Seite stört er den Fall des Stoffes schon sehr und zaubert ordentlich mehr von allem an mich ran.

 

 

Der Schnitt stammt wieder aus einem Mrs. Stylebook; ich denke, aus einer letztjährigen Ausgabe. Der Stoff war ein Rest, den ich doppelt genommen habe, da er ansonsten zu transparent gewesen wäre. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber davon habe ich einige im Schrank liegen. Die meisten sind gemustert, so das doppelt legen nicht so schön wäre. Hemdchen unterziehen finde ich weder schön noch bequem … was also tun?

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Ganz, ganz simpel

Am Freitag ist Zahn Nummer drei gezogen worden und ich habe Aua. Der Kreislauf sprang im Dreieck, wenn er überhaupt hoch kam, ich pendelte zwischen Bett und Sofa und ernähre seitdem von salzigen, weichgekochten Aufguß-Fertiggerichten und Schmerztabletten. Immerhin bin ich seit gestern abend wieder in einer senkrechten Version zu haben – es geht also aufwärts.

Doch zwischendurch, wenn ich stundenlang online war oder brav an einem weiteren Kapitel bastelte, trieb mich der kindliche Übermut; der Gatte nannte es dumm und kindisch und das waren die harmlosesten seiner gemurmelten Worte. Aber ich bin sicher, hier verständnisvollere Mitmenschen zu treffen. Irgendwann hat man das eigene Leid doch so leid, dass man es ignoriert und sich in eine Arbeit stürzt, die ablenkt. Der kreative und intelligente Mensch – Frau genannt – setzt sich dann gerne an die Nähmaschine. Oder? ODER? Eben, vielen Dank!

Am Donnerstag hatte ich einen Schnitt der zweitsimpelsten Sorte nach einer Stylebook-Anleitung gezeichnet und auch schon zugeschnitten (Zuschneiden mit Zahnschmerzen ist nicht zu empfehlen, das weiß ich schon). Und am späten Samstagnachmittag setzte ich mich dann hin und steckte die fünf Teile zusammen, schob sie unter die Nähmaschine, bügelte mehr recht als schlecht und tackerte zu guter Letzt noch den Saum an, der ein klein wenig wellig wurde – nie habe ich behauptet, unter Schmerz und Droge gut nähen zu können, nur, dass ich es trotzdem tat … gebraucht habe ich etwa vier Stunden, was ich ausnahmsweise auf meinen elenden Zustand schieben darf und nicht auf meine nachlassende Geschwindigkeit.

Vermutlich werde ich den Schnitt noch einmal oder zweimal verwenden, weil er sich wunderbar für Stoffreste von etwa einem knappen Meter eignet – oder weniger, wenn die Belege aus einem anderen Stoff geschnitten werden. Es ist im Prinzip ein Rechteck, das mit geformten Armlöchern und angepasster Schulterlinie aufwartet und wie ein überschnittenes T-Shirt wirkt. Der Halsausschnitt könnte etwas breiter und tiefer sein; eine Version mit kleinen Seitenschlitzen wäre ebenfalls nett anzusehen.

Gestern habe ich übrigens einen weiteren Schnitt aus dem selben Magazin gezeichnet und vielleicht fühle ich mich heute nachmittag wieder kindisch und albern genug, um ihn zuzuschneiden. Heute vormittag jedenfalls, nachdem ich mit dem Gatten und den Hunden bis in den Ort hinunter wankte und dort mit zwei Frauenzeitschriften und einem Frühstück belohnt worden war, fühlte ich mich fit und munter genug, um mich vor die Kamera zu werfen und das ganz, ganz simple Top zu knipsen.

 

 

Jo, ne – so viel zu fit und munter … ich versichere, es ist Ibuprofen, das mich in diesen Zustand versetzt. Es ist gar nicht auszudenken, wie ich bekifft gucken würde.

 

 

Das ist doch schon viel netter, nicht wahr? Und ist es nicht wunderbar, dass wellige Säume heutzutage einfach lässig weggesteckt werden können?

 

 

Und immerhin auf einem Bild lässt sich die überschnittene und nach oben gerundete Schulterlinie erahnen. Der Stoff ist ein uralter Rest einer zarten Baumwolle in weiß-hellblauen Webstreifen, der zu eigentlich allem in meiner Garderobe passt.

Was ich euch auch hatte zeigen wollen: Wie sich diese schlichten Schnitte ohne Abnäher verhalten, wenn darunter ein anständiger BH getragen wird – also einer, der hebt und formt und teilt. In meinen Augen sieht das nämlich unglaublich gräßlich aus. Weil ich diese Schnitte aber sehr liebe – sowohl nähend wie auch tragend – habe ich mittlerweile zwei Sorten BH im Schrank. Die formenden für alles Taillierte und die, die eigentlich nur minimal heben (was leider mittlerweile nötig wird, meckermecker) und eher – höhöhö – die Bälle flach halten.

So, und nun – solange die Sonne noch nicht ganz hinter den aufziehenden Wolken verschwunden ist – setze mich mit einem ausgewogenen Nudelgericht in Plastikdose auf den roten Sessel und schreibe an Kapitel 12. Und das hört sich nun wirklich an, als wüßte ich, was ich da tue 😀

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Streifen. Und Stilverlust. Oder -änderung?

Meine Näherei liegt bald so brach wie meine Strickerei und ich finde das sehr belastend, spricht doch jeder Zentimeter Stoff zu mir von schlechtem Gewissen – auf die Wollknäuel höre ich gar nicht mehr. Obwohl: Sie lagern unter meinem Bett und meine Nächte sind wenig erholsam, es könnte also einen Zusammenhang geben … egal, egal. Denn ich habe endlich etwas genäht! Fast sogar flott: Vor noch einem guten Jahr hätte ich für ein ärmelloses Top mit zwei Teilungsnähten keine zwei Stunden benötigt. Aber  noch einmal: Egal, egal. Gestern abend schnitt ich zu und steckte alles zusammen, heute morgen habe ich anstatt zur Feder zur Nadel gegriffen und habe es genäht. Wow!

Wie immer bin ich nicht in der Lage, das Oberteil angemessen abzulichten – in diesem Fall fühle ich mich schuldlos, denn weite, gerade, kurze Tops aus nicht fließenden Stoffen neigen dazu, auf Bildern massiver zu wirken, als sie es sind. Und ich finde es lustig, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben so aussehe, als hätte ich schmale Hüften und eine Riesenoberweite und ein breites Kreuz. Besonders zwei Fotos leisten ganze Arbeit:

 

 

Und ihr dürft nun meine Uneitelkeit loben, dass ich diese Bilder zuerst zeige, aber ich gebe zu, ich ließ mir vorhin noch versichern, dass ich so nicht aussähe … soviel zu der Tatsache meiner nicht vorhandenen Eitelkeit. Aber eigentlich, eigentlich wollte ich nicht nur das Top zeigen, sondern – viel mutiger – meine Beine mit all ihren Dellen und Wellen. Als ob ich in der Lage wäre, detailgetreue Bilder zu zeigen.

Denn seit etwa drei Wochen trage ich auch außerhalb des Hauses, wenn es heiß genug ist, (gekaufte) Shorts, die – deshalb heißen sie ja so – richtig kurz sind. Wohlwissend und mitunter darüber sinnierend, dass derlei ja nicht gerne gesehen wird. Ab einem gewißen Alter – ich habe wahrhaftig die Dreißig als magische Grenze nennen gehört! – verzichtet eine Dame darauf, ihre nicht mehr einwandfreien Beine zu zeigen, denn kein schlimmeres Schicksal ist denkbar, als dem Jugendwahne zu verfallen und nicht zu toucherkennen, wie das eigene Verfallsdatum weit hinter einem liegt. Und ja, so ganz kühl lässt mich das nicht und würde mir gerne ein Schild umhängen, das erläutert, weshalb ich sie trage. Nicht, weil ich mich noch so wahnsinnig heiß finde oder ein besonders gut erhaltenes Exemplar einer Endvierzigerin wäre, sondern weil es heiß ist und ich zweimal täglich mit zwei Hunden durch die Natur wandere …

Und während mir das heute morgen beim Gassigang zum ersten Mal bewußt wurde, überlegte ich einiges andere. Ich erwähnte schon einmal, dass das Leben mit zwei Hunden und zwei Katzen, nicht zu vergessen zwei Söhnen und einem Gatten, mich vor Einschränkungen modischer Natur gestellt hat. Wären es vier Katzen, so müsste ich weiterhin nur auf häufiges Haareeinsammeln und krallresistente Stoffe achten. Doch täglich bei jedem Wetter raus zu müssen? In Vintage hätte ich das nicht gekonnt – und wer mir ernsthaft etwas anderes erzählen will, geht sicherlich nicht mit zwei echten Hunden durch echte Natur, sondern mit einem braven Hündchen auf planierten Wegen.

Nun hatte ich mit Vintage ja aus anderen Gründen gebrochen – es gefiel mir an mir nicht mehr und war mir auch zu restriktiv. Was an den körperlichen Veränderungen lag, die enge Rocktaillen und hohe Absätze nicht mehr tolerierten. Ganz kurz hatte ich gar einmal überlegt, ob ich denn zu Beginn nicht sehen konnte, dass es zu mir nicht passte und blätterte zurück. Nein, es ist für mich noch immer gut sichtbar, weshalb mich Vintage anzog: Ich war jünger und ich war – böses Wort – dünner. Meine Hüften waren wohl breit, aber eben nicht breiter als meine Schultern, der Bauch zwar gewölbt, aber nicht im Weg. Mit jedem Jahr und jedem Kilo fand ich die Anpassung schwieriger und das Ergebnis trauriger. Jünger würde ich nicht mehr werden, dünner jedoch war möglich.

Und als ich auf meinem Spaziergang an diesem Punkt der Überlegungen angelangt war, hielt ich erschrocken inne, denn dünn ist für mich aus zwei Gründen ein böses Wort: Zum einen ist es sehr verletztend, wenn man um Gewichtserhalt kämpft und zum anderen löst es bei vielen einen Reflex aus, der nicht eben positiv ist; da fallen uns allen sicherlich viele (seltsame?) Diskussionen der letzten Monate ein. Warum also wollte ich wieder dünner werden, wo ich doch immer nach mehr Gewicht gestrebt hatte und ich mich nicht zwangsläufig schöner finde auf den früheren, dünneren Bildern?

Weil, und das werden wohl viele dünnbeinige  und -armige Frauen kennen, man innerlich ja doch ebenso zufrieden mit sich ist und sein könnte, wie es alle anderen Menschen sind oder sein sollten. Wenn nur nicht immer jede und jeder riete, man möge doch ein wenig mehr essen …

Und dann, eines Tages, gelingt es vielleicht mit dem Mehr an Gewicht. Nach dem die Kinder auf der Welt sind, die weniger Bewegung und mehr Trostschokolade mit sich brachten und dann kommen noch die Jahre dazu. Auf einmal hat man die jahrelang so vergeblich herbei gewünschten Kilos und wähnt sich am Ziele. Näht man, dann hat man vielleicht die Maße immer parat – alle Maße! Mich beschlich ja, nachdem ich also auf sagenhafte 64 kg mich hoch gearbeitet hatte, immer ein Gefühl der Fremdheit, wenn ich mich im Spiegel besah. Nachdem ich wieder Kleidung kaufte, wurde es verstärkt, dieses Gefühl. Ich brauchte Kleidergröße 42 und die saß an der Hüfte knapp, schlackerte mir dafür aber schlimmer denn je um die Waden. Ich maß nach.

Als ich mit dem Nähen begann, wog ich meist 54 kg und hatte die Maße 84 – 65 – 91, meine Waden waren an ihrer dicksten Stelle 29 cm „dick“. Mit 10 kg mehr hatte ich 94 – 74 – 104 zu bieten, meine Waden waren auch gewachsen – um sagenhafte 0,5 cm! Denn egal, was ich esse: Auf Arme und Beine hatte es keinen Einfluß. Nun will ich keinesfalls auf 54 kg zurück, aber ein Kilo weniger wäre mir nun lieb (dann wäre ich bei 57 kg und Kleidergröße 38) – im Laufe des letztes Jahres hatte ich ja auf all den Kram verzichtet, der mich so hoch gepusht hatte und um den ich gedanklich oft kreiste. Hatte ich morgens einen Ostfriesentee getrunken, so hatte ich danach Appetit auf Chips, danach auf etwas Süßes, etwas Warmes, etwas Herzhaftes, etwas Knackiges und so war ich den ganzen Tag damit beschäftigt, es mir gemütlich zu machen und zu essen. Ja, das habe ich mir dann doch mal aufgeschrieben, als das Gefühl, im Spiegel einer fremden Frau gegenüber zu stehen, übermächtig wurde und ups – ich war doch überrascht. Mein Grundumsatz lag dank Größe, Alter, Gewicht und Tätigkeit bei knapp 1800 kcal und was ich zu mir nahm … es gab Tage, da lag ich bald beim doppelten und außer ein wenig Hausputz und ein paar Situps hatte ich nicht viel Bewegung.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich fühle mich jetzt deutlich wohler, weil mir selbst deutlich näher. Meine Waden sind übrigens – dank Max und Micky und flacher Schuhe – auf 32 cm gewachsen und meine Hüften stehen mit der Schulter wieder in einer Linie. Was ich neben dem Gewicht aber auch verloren habe, ist die Sicherheit, zu wissen, was ich an mir mag, was mein einer und erkennbarer Stil ist. Gehe ich heute noch davon aus, dass schlicht, uni und cool das einzig Wahre ist, stehe ich morgen vor romantischen Blumen und träume vom Hippie-Look. Blättere ich in meinem Archiv zurück, dann liebe ich noch immer Bleistiftröcke und hohe Schuhe, trage ich sie jedoch einmal, so blickt mir ganz schnell eine gut mittelalte, leicht erschöpft wirkende Frau aus dem Spiegel entgegen, die eher bieder als schick wirkt. Und das ich diese Sicherheit verloren habe, ist vermutlich der Hauptgrund für meine Näh- und Stricklähmung. In diesem Dreieck zwischen Alter – Körperlichkeit – Alltag bemühe ich mich um die bestmöglichste Kombination und die beinhaltet nun kurze Hosen, die ich mich nie zu tragen wagte in all den Jahrzehnten zuvor.  Denn sie sind einfach die praktischste Kombination zu liebevoll gestichelten Blusen und Tops.

 

 

Wenn das kleine Top auf den Bildern auch nicht als Figurschmeichler auftritt, so habe ich es dennoch recht lieb 😀 Meine Hunde finden ich mich trotzdem klasse, meine Freundinnen fühlen sich nicht gestört, der Gatte mag es und ansonsten hat man mir noch nichts hinterher geworfen. Alles gut also, oder?

Ansonsten lässt sich zur Konstruktion sagen: Es ist minimal nach unten ausgestellt, könnte vielleicht einen Zentimeter länger sein. Der Brustabnäher kam schräg von unten und ist, ebenso wie der Schulterabnäher hinten, in die Passe gelegt worden – ich habe es gerne simpel beim Nähen und finde das Markieren von Sommerstoffen problematisch. Vermutlich werde ich aus allen möglichen Resten weitere Blüschen diesen Schnittes anfertigen, Figurschmeichelei hin oder her.

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Mein Schwedenkleid, liebevoll Ikealein genannt

In der letzten Woche fuhr ich spät am Nachmittag mit dem Großen in die Innenstadt – in einem Mix aus Langeweile und der Sucht nach Stoff. Im Großen und Ganzen war ich von Angebot enttäuscht, doch auf einem Tisch lagen Baumwollstoffe, relativ dünn, fest und elastisch, knitterwillig, aber farblich überzeugend. Kurz zuvor hatte ich den Sohn noch zu Cos geschleppt, um durch das Angebot zu schauen und einige Kleider zu probieren. „M“ ist bei Cos übrigens ausgesprochen großzügig geschnitten, aber leider war die junge Dame, die an diesem Abend die Umkleide betreute, wenig aktiv oder auch nur aufmunternd, so dass ich nicht weiß, wie diese an sich hübschen Kleider in „S“ gesessen hätten. Vermutlich zu eng.

Eines gefiel mir besonders; es war – wenig überraschend – ein Zeltkleid mit angeschnittenen Ärmeln, rundem Ausschnitt und einer sehr breiten Saumblende in Knallfarbe. Genau so hatte ich mir im letzten Jahr eines meiner Projekte gedacht, zu dem ich dann dank Schreibarbeit und Urlaub und neuem Hund nicht kam. Aber neues Jahr, neues Glück und so stand ich vor den bunten Baumwollstoffen und disponierte um. Ursprünglich war auf der Suche nach etwas weichflattrigfließendem für ein 20er-Jahre-Kleid, aber hey – einer geschenkten Inspiration geht man doch nicht aus dem Weg. Zwar war das Cos-Kleid aus Jersey mit Satinblende, aber pingelig wollte ich in meiner Geldausgebelust wahrlich nicht sein.

Nur welche Farben sollten es sein? Das dunkle Blau, so sehr ich es liebe, ist ausgesprochen hundehaarinkompatibel, das Kirschrot schied aus aufgrund der falschen Stoffqualität und so schwankte ich zwischen Himbeere, kräftigem Hellblau (obwohl, nein, es war schon klar, dass diese Farbe mit musste) und sehr sonnigem Supergelb hin und her. Himbeere wäre harmonischer, gefälliger, netter. Gelb hingegen bot mehr Kontrast und Spannung. Wobei mich diese Kombination vage erinnerte an – tja, was auch immer. Ich nahm Blau und Gelb (und am Samstag doch noch die Himbeere …), stopfte beides zu Hause angekommen in die Waschmaschine und stürzte am nächsten Vormittag an den Zeichentisch. Und entschied, faul zu sein.

Als Grundlage nahm ich den Schnitt des hellblauen Kleides vom letzten Sommer, mixte ein wenig Zelt und etwas Falte hinein, kontrollierte noch einmal, ob Vorder- und Rückenteil wirklich identisch an Schulter und Ärmel sind und schnitt zu; mir jeden weiteren Gedanken an mehr Mühe und Sorgsamkeit bei der Schnittaufstellung verbietend. Einen anderen Gedanken jedoch konnte ich nicht unterdrücken: Erinnerte die gewählte Farbgebung nicht ganz, ganz leicht und von weit her an die schwedische Flagge? Oder gar an schwedische Möbelhäuser? Bekäme ich in diesem Gewande wohl freundliche Rabatte, sollte ich durch Stockholm oder Bettwäscheabteilungen flanieren? Hmmm … ich grübelte noch darüber nach und wollte die Frage mit „Nein!“ abtun, als das Radio Abba spielte. Wenn es jemals ein Zeichen gab, dann war dieses eines. Ich betrachtete das werdende Kleid, streichelte es sanft und tröstend und versprach ihm, treu zu ihm zu stehen.

Ja, ich hätte mit einer anständigen Taillierung arbeiten können und mit dezenterem Ärmeln, aber ich wollte schnellen Erfolg, einen Knalleffekt und maximale Luftigkeit. Ich denke, all das habe ich bekommen. Und nun scheint heute die Sonne so herrlich und ich brauche Ablenkung vom morgigen Tag – Zahnarzt, das Grauen und die Panik sind nicht vermittelbar – also rein in das Kleid, raus in den Garten und knipsen. Natürlich mit den üblichen Schwierigkeiten:

 

 

Es wird mir auf immer unerklärlich sein, wie eine Kamera tickt und was sie will. Ich hatte – und ich weiß leider nicht mehr, wie und wo – auf Mehrfachaufnahme geklickt und bekam drei Bilder in drei Sekunden. Weder ich noch der Himmel hatten uns in der Zeit nennenswert verändert. Weshalb ist eines zu dunkel, das nächste zu hell und das dritte komplett weiß? Ich weiß es nicht, aber schiebe hiermit für immer und alle Zeit jegliche Verantwortung für die Qualität der hier gezeigten Fotografien entschieden von mir. So!

 

 

Gut. Ja. Also. Wie es so ist: An diesem Bild ist die Kamera vielleicht eher unschuldig, obwohl sie auch einfach ein Sekündchen hätte warten können. Der Selbstauslöser lief, von der Straße her rief jemand nach mir, ich folgte dem Rufe und so also sieht ein Teil des Gartens aus, wenn ich mich nicht in die Sicht stelle. Vermutlich das beste der heutigen Bilder; genießt es, bevor es weiter geht.

 

 

Dieses Mal also flott vor die Linse gesprungen, festgestellt, dass die Katze mir unerlaubterweise nach draußen gefolgt war, kurz überlegt, ob ich ihr hinterher soll, dabei mit dem Fuß weggeknickt – egal, das soll so. Dieses Bild bezeugt meine nach all den Jahrzehnten ungebrochene mädchenhafte Unschuld. Behaupte jemand etwas anderes, wenn er es wage!

 

 

Wenn ich auch nicht knipsen kann, so gebe ich doch nicht nach vier Minuten auf. Es ist nicht meine Schuld, dass ich dieses Mal am Gartensessel hängen blieb und das Kleid noch schnell zurecht schieben musste, als die Kamera knipste. Wirklich nicht.

 

 

Aber weil wir ja auch über Konstruktionstechniken uns unterhalten, eilte ich noch einmal zum verfluchten Platze – weil es mir viel angenehmer war, einen Arm in die Büsche zu strecken als mir den anderen an den Verandadachpfosten anzuschlagen. Das Kleid ist, wie schon erwähnt, vorne und hinten aus dem gleichen Schnittteil entstanden; das Vorderteil hat lediglich einen tieferen Ausschnitt erhalten und eine großzügige Kellerfalte. Wie ihr sehen könnt, ist das Kleid deutlich größer als ich – dadurch konnte ich mir Brustabnäher sparen und eingesetzte Ärmel und habe die gewünschte Luftigkeit. Im Vergleich einmal meine wahren Abmessungen. Annähernd zumindest:

 

 

Nun warte ich noch auf flache, gelbe Sandalen, denn so hübsch und angezogen das Kleid mit den höheren Absätzen wirkt, so ungeeignet sind die für die täglichen Hundemärsche. Und dorthin soll mich die kleine Schwedin ja begleiten.

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