Lieblingsstoff? Vergiß es!

Diese ganz besonderen Stoffe, die wir unbedingt kaufen mussten, weil alles zu stimmen schien: Farbe, Material, Preis, Menge? Diese Schätze, die seitdem in Schränken, Schubläden und Schuhkartons verwahrt werden, weil uns kein Schnitt einfällt, der ihnen angemessen wäre? Die wir nur zum Anschauen und Streicheln zweimal im Jahr hervor holen, voller Ehrfurcht und banger Erwartung? Denen wir zutrauen, uns zu verwandeln, wenn wir nur erst wagen, sie zu verarbeiten?

Am besten wandern sie gleich in die Tonne. Denn sie werden niemals liefern, was wir uns erträumen. Es war vielelicht nicht Ehrfurcht, die uns so lange hat zögern lassen; es war vielleicht die Ahnung, dass er so großartig gar nicht ist.

Ok, ich nehme das zurück: es gilt nur für mich. Bei anderen lese ich durchaus einmal von diesen Stoffwundern, die jahrelang bewacht und geliebt wurden und die dann wahrhaftig DAS Traumteil wurden. Für mich ist das Märchen ausgelesen, denn jeder Stoff, den ich zu lange platonisch liebte, erwies sich bei der Verarbeitung als biestig. Entweder er war unbügelbar, franste bei jedem Wimpernschlag, war unrettbar verzogen oder sonstwie unfreundlich.

Da gab es den sündteuren Baumwollstoff, der perfekt zu sein schien: zartes Nebenweiß, darauf ein geometrisches Muster in türkisgrau. Er lag zwei Jahre bei mir, gewaschen, gebügelt, im Fadenlauf gefaltet. Glatt und zart sah er aus. Dann schnitt ich zu. Und vernähte ihn zu einem sommerlichen Trägerkleid. Fast zumindest. Während ich die Nähte ausbügelte, bemerkte ich seinen Hang zum Knittern. Ich bügelte, bügelte, bügelte ohne Ende. Er knitterte mit, ebenfalls ohne Ende. Noch frustrierender war die überraschende Feststellung, dass er viel transparenter war als gedacht – das Ergebnis war ein Kleid, in dem ich mich seltsam nackt und bloss fühlte. Ich zerschnitt den Rockteil für eine lockere Überbluse – und warf alles aus dem Haus. Was soll ich mit einer Bluse, unter der selbst der hauttonähnlichste BH sichtbar war und die knitterte, nachdem ich sie nur vom Bügel nahm?

Und nun betrifft es den eisblauen Mantel, von dem ich gestern noch sprach. Bis spät in die Nacht habe ich gearbeitet am fusseligen Steppfutter, am Kragen, den ich zweimal nähen musste, weil nachts nähen die Fehlerquote enorm erhöht, und am Obermantel. Ich nahm das Schreckensbild im Spiegel nicht zu ernst; mitten in der Nacht ist das klüger. Heute vormittag habe ich den Mantel ignoriert und mich darum gekümmert, das Zimmer des Großen in Ordnung zu bringen, damit er sich nach seiner Klassenfahrt rundum wohlfühlen kann. Erst nach dem Essen habe ich mich des Mantels angenommen. Und was soll ich sagen? Gestern nacht sah er besser aus …

Die beiden Schichten hingen sorgfältig über der Stuhllehne, aber mein gestriges mulmiges Bauchgefühl bestätigte sich: dieser zarte, feine, edle, schöne Wollflanell ist ein Miststück. Eines, das sich beult und wellt und knittert. Das Steppfutter hatte ich probeweise schon mal unter einen anderen Mantel gezogen und natürlich macht es nicht schlanker, aber es sah gut aus. Unter dem Flanell jedoch …   Ich sah aus wie ein zartblau gefärbter Tannenzapfen. Mit wenig Liebe, aber viel Pflichtgefühl bügelte ich noch einmal alles aus und hing beide Schichten über die Puppe, die darin ausnahmsweise einmal schlechter aussieht als ich:

 

Das ist wahrhaftig die gebügelte Version ...

Das ist wahrhaftig die gebügelte Version

Und? Wie fühle ich mich jetzt? Relativ entspannt eigentlich. Ich ärgere mich über den Stoff, über die vertane Zeit und das verschwendete Geld. Andererseits nehme ich mir nun fest vor, auch scheinbar besonderen Stoffen gegenüber keinerlei Ehrfurcht mehr zu hegen. Mißgeschicke nehme ich eh nicht (mehr) allzu schwer; ich trenne mich sehr leicht von UFOs, die mich nicht zufrieden stellen.

In diesem besonderen Fall tut es mir um die schöne Farbe leid, aber andererseits: was hätte ich aus solch einem Stoff überhaupt nähen können? Rock oder Kleid wären bei dieser Knitteranfälligkeit auch nicht schön geworden und 22 Wollflanellsofakissen hätten wohl die Katzen, nicht jedoch den menschlichen Anteil der Hausbevölkerung beglückt. Obwohl: Minusch hat ihn angefaucht und lag lieber auf der Plastiktüte. DAS nenne ich mal ein Zeichen!

Eine Chance bekommt er noch: er kommt nun in die Tüte und bleibt bis zum Frühjahr liegen; vielleicht kann ein anderes Futter ein Wunder wirken.

So im Trend

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Ende letzter Woche habe ich einen Ultraeinfachmantelschnitt konstruiert, um den von Stoffflausen gespendeten Stoff zu verwenden – den fertigen Mantel seht ihr an der Puppe; aber dazu ein andermal mehr. Und weil ich das Mantelnähen liebe und jedes Jahr wenigstens einen produziere, habe ich mich gleich an den nächsten begeben. Wenn der Gatte dienstreist, steht mir das Wohnzimmer auch abends zur Verfügung und das muss genutzt werden. Nun ist er wieder da und muss mit dem noch blockierten Eßtisch leben.

Da es zeitlich sehr aufwendig ist, einen Mantelschnitt zu zeichnen, ist es verständlich, dass ich keine Lust dazu hatte. Ich sah mein Mantelarchiv (hängt unten in der Garderobe) durch und entschied, ich könne aus Mrs. Snape etwas zurechtzaubern. Am Montag also habe ich den grauen Mantel – fluchend! – beendet, am Dienstag den Mantelschnitt kopiert, gekürzt und verschmälert, gestern dann habe ich Oberstoff und Steppfutter zugeschnitten. Als es nachmittags immer gemütlicher wurde mit dunklem Himmel und Wasserfluten, die herunterbrachen, warf ich mich ins Auto und holte Honigkuchen, Kekse, Chips und die neue InStyle (eine Zeitung, die mir herzlich unsympathisch ist, aber als Inspirationsquelle doch nutzbar – wenn auch oft als Negativbeispiel). Das kleine Kind und ich haben es uns vor dem Fernseher bequem gemacht und all die gesunden Nährstoffe verschnabuliert, während ich in der Zeitschrift blätterte. Und was sah ich?

 

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Eisblaue Mäntel. Wie passend. Und was musste ich erfahren? Sie seien leider nicht alltagstauglich. Ähm, ja, das ist normalerweise auch der Zeitschrift wichtigstes Kriterium. Ein heller Mantel ist selbstverständlich wesentlich unpraktischer als ein Lederfransenrock oder Sandaletten mit 14-Zentimeter-Absatz zum Pelzmantel. Ich sehe das ein und werde das Projekt sofort beenden.

Oder auch nicht. Den Stoff habe ich seit vier Jahren im Besitz und weil es ein sehr feiner, wenn auch eher dünner Wollflanell in einer meiner Lieblingsfarben ist, war ich – man kennt das – sehr zurückhaltend mit seiner Verplanung. Dazu ist er ein Jahreszeitenzwitter: hatte ich ihn im Sommer in der Hand, erschien er mir dick, warm, wintermanteltauglich. Im Herbst erschien er mir ideal für ein Winterkleid – was mir aber wirklich zu unpraktisch für die Führung eines Haushaltes erschien. Kam der Winter, war ich der Meinung, er müsse dem Frühjahr vorbehalten sein. Doch kaum grünte und blühte es, behauptete der Stoff, er sei ein verzauberter Wintermantel. Klar war nur: er war mein Streichelstoff, der auf gar keinen Fall verdorben werden dürfe. Ob das gelingt, ist noch nicht raus. Nun wird er ein Mantel mit Steppfutter und ich bin gespannt, wie beides zusammen arbeiten wird.

Und weil ich gerade so trendaffin zu sein scheine: über der Stuhllehne hängt ein Stoff, der nun auch schon zwei Jahre bei mir lebt. In einer ähnlichen Farbe, etwas grautürkiser. Gekauft hatte ich ihn online, wo er als Wollcrêpe annonciert wurde. Ich konnte gar nicht so schnell jubeln, wie ich bestellte. Als der Paketbote mir den Karton in die Hände legte, war ich mild erstaunt ob des Gewichtes. Ich riß das Klebeband ab und den Inhalt heraus, wunderte mich noch einmal über die Schwere, sah nur Farbe und Struktur und war hingerissen. Dann breitete ich den Stoff aus und da traf mich der Schlag: hä?

Die Crêpeseite dürfte wohl als Innenseite gedacht sein, denn was fand sich auf der anderen Seite: ein seltsam gelblich verfärbter Wollflausch von beträchtlicher Dicke. Eindeutig ein Mantelstoff, von dem ich nun nur 2 m für ein Kleid besaß. Ich dachte darüber nach – im Ernst für einige Sekunden – ob es möglich wäre, den Flausch abzurasieren. Danach lag der Stoff in meinem Schrank. Nun endlich werde ich ihn verarbeiten: mit dem Flausch innen soll er eine Cabanjacke werden, die – es ist kaum zu fassen – angeblich das absolute Must have der Saison sein soll. Macht nichts, ich nähe sie dennoch. Wenn ich mich zum Konstruieren aufraffen kann; im Augenblick überholen sich meine Pläne und Ideen gegenseitig.

Pläne, Vorsätze, Ergebnisse

Mit Fug und Recht kann ich sagen: das gestrige Nähkränzchen war das unproduktivste überhaupt. Erklärbar dadurch, dass Janine krankheitsbedingt ausfiel, Arlett aufgrund widrigster Umstände nur eine Maschenprobe stricken konnte, Susanne mit allerentzückendstem Dreimonatsbabytöchterchen auftauchte und uns heftigst ablenkte. Die einzige, die richtig hart arbeitete und voran kam, war Sabine, deren nächster Quilt wohl bald fertig sein wird. Und ich? Ich wollte ja gleich drei Röcke zu Ende bekommen:

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Beim ersten musste die Hüftkurve links angepasst werden, beim zweiten nach verbessertem Schnitt musste sie sogar erst noch gefunden werden und der dritte hätte zugeschnitten und komplett genäht werden sollen. Was ja alles im Bereiche des Möglichen läge. Wenn …

… wenn der Stoff des ersten Rockes nur netter wäre. An und für sich der pure Luxus, eine Woll-Seidenmischung in leicht changierendem Dunkelviolett. Etwas steif und harsch, aber dennoch sehr edel. Leider aus dem ersten fehlerhaften Schnitt genäht und viel zu eng. Mühsam gerettet, in dem jede Nahtzugabe auf ihr absolutes Minimum reduziert wurde, was dann zu kleinen Öhrchen zwischen Bund und Hüfte führte. Bund und Saum sind schon mit Hand angenäht und die Lust, da was zu öffnen, ist eh schon minimal. Als aber Sabine bei der Anprobe ehrlich erschrocken meinte, ich müsse aber unbedingt etwas darunter ziehen, er sei schon sehr transparent – da war es mit meiner Motivation so ziemlich hinüber. Denn: ich stand im dunkleren Teil des Wohnzimmers, kein Licht war hinter mit und ich hatte ein Unterkleid an. Ich glaube, wenn ich den nicht mit dickstem Flanell fütterte, wird man immer durchsehen können.
So wandte ich mich an den hellblaugrauen Rock, den ich nach dem überarbeiteten Schnitt schon am Donnerstag zugeschnitten und weitestgehend genäht hatte. Und der zu meinem absolutem Entsetzen dennoch viel zu eng war. Also trennte ich freitags in der Nacht die Seiten und steppte sie neu zusammen, probierte an – besser, aber nun wieder unglaubliche Öhrchen über der Hüfte und viel zu viel Weite in der Taille; da schien etwas gar nicht zu stimmen und so langsam stieg das Frustlevel. Entweder hatte ich alles falsch gezeichnet und berechnet oder ich musste ganz viel zugenommen haben. Spätnachts Röcke anzuprobieren ist im übrigen eine idiotische Idee, das sollte ich wirklich einmal beherzigen.
Samstags trennte und steppte und trennte und steppte ich immer wieder und bekam es nicht hin. Sonntag vormittag endlich heftete ich erst einmal (zumal Heften ja seit einigen Wochen mein neuer bester Freund ist) und probierte – perfekt. Abgesteppt, ausgebügelt, anprobiert – perfekt. Nicht perfekt: der blöde Stoff, der wellte, buckelte und schlumperte. Ein halbes Mal hinsetzen und schon warf er mit Falten nur so um sich. Also lohnte sich die Fertigstellung nicht, dafür trennte ich ihn erneut und verwendete das nun perfekt an meine Formen angepaßte Stoffstück, um den dazugehörigen Pappierschnitt zu überprüfen und zu korrigieren. Jedoch welch Wunder: beide stimmten bis auf ein oder zwei Millimeter überein! Wir kamen zum Schluß, dass dieser Stoff schon von Anfang an buckelte und wellte und schlumperte und so die Schuld bei ihm und ihm allein zu suchen sei.

Nun war es so nett gemütlich, wie Sabine fleißig nähte, Arlett im Sessel Bücher durchblätterte und wir erzählten und entspannten, dass ich nicht wirklich motiviert war, einen Rock zuzuschneiden. Tja, unproduktiv war das Kränzchen für die meisten von uns vielleicht, aber weder ergebnislos noch verschwendet. Jetzt mache ich mich an die Arbeit, den Schnitt nochmals auszutesten … leicht angeschlagen, all die kranken Kinder in unserer Umgebung fordern langsam doch ihren Tribut. Wenn es wieder nicht klappt, dann bin ich vermutlich kränker als gedacht. Irgendeine Ausrede wird sich schon finden lassen!

Schnell noch in 2014

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Meine Haare sind endlich (ENDLICH!) wieder lang genug, um sie auf Heißwickler zu rollen. Nun bin ich ja eh unglaublich begabt, was das Frisieren meines Haupthaares anbelangt, aber eventuell und unter Umständen ganz vielleicht ein klitzekleines bißchen aus der Übung? Ich hätte auch in eine nicht zu hochspannige Batterie fassen können für das Ergebnis. Was ich sah und tat nach dem Auswickeln – siehe oben. Ähnlich werde ich mit meinen Katzen gemeinsam leiden, wenn die Knallerei später losgehen wird.

Vielleicht werde ich wie jedes Jahr mit ein wenig Wehmut auf die vergangene Zeit zurück blicken. Und mit wenig Zuversicht auf das Kommende. Das war schon immer so und ist genauso Tradition wie die leicht angebrannten Mandeln, das Fondue und das hektische Nähen und Stricken, bevor ich mich in die Küche begeben muss, um Salate und Dips und in-Öl-zu-Tauchendes vorzubereiten. Zwischendurch sicherlich ein wenig von the same procedure as every year, James – was der (australische) Gatte so gar nicht nachzuvollziehen weiß. Aber mit jedem Jahr mehr: je deutscher er wird, umso besser kommt er mit dem englischen Humor klar 😀

Wer von euch Lieben nun auf das türkise Kleid gehofft hat: ja, darauf hoffe ich auch noch. Futter ist genäht und am Halsausschnitt auch schon mit dem Oberkleid verbunden und wie immer stehe ich mir jetzt ein wenig selbst im Weg. Sicher auch deshalb, weil ich schon wieder zu weit bin. Gedanklich leider nur: das gleiche Kleid in schlichter und ohne Futter, obwohl sich der etwas flimsige Stoff dadurch wertiger anfühlt; das ist mir zu viel Arbeit zur Zeit bei meiner derzeitigen Arbeitsmoral.
Ha! Da war er wohl, der Fehler: nix ARBEITSmoral – es sollte eine Freizeitbeschäftigungs- und Kreativitätsauslebungsmoral sein, dann müsste es wohl klappen. Nächstes Jahr, ganz bestimmt und dann mit der schlichten Version:

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Ich bin offenbar sehr von diesen Epauletten-Passen fasziniert. Einiges muss noch immer am Grundschnitt angepasst werden, noch eine schöne Gelegenheit, mich in den nächsten Wochen eigenhändig in den Wahnsinn zu treiben. Wie auch immer, was ich sagen wollte:

Vielen Dank noch einmal an die lieben Mails und Nachrichten und Kommentare; ich hoffe, auch ihr hattet alle die schönsten Weihnachten, die möglich waren und wünsche euch nun allen ein tolles Fest, eine ruhige Stunde und das beste Jahr von allen!

Schenk! Mir! Stoff!

Weihnachten naht, Wünsche werden erfragt und geäußert, Hoffnungen steigen. Nützt mir in der Regel nichts, denn ich wünsche mir mit unzerstörbarem Kinderglauben jedes Jahr dasselbe vom Gatten: feines Tuch, edle Wolle, Ballen und Knäuel. Ich sende ihm Links und Bilder, nenne ihm Adressen und Preise und … – ja und, nichts. Diese Zeit- und Aufmerksamkeitsfresser sind ihm nicht geheuer und er meint, es seien genügende von diesen Teufeln im Hause.

Nunja, gemessen an ihrer reinen Anzahl, an ihrem Gewicht, an dem Platz, den sie einnehmen, mag er nicht ganz unrecht haben, aber es ist – Fluch, der ewige – nie das da, was genau jetzt, nun, heute, morgen, ganz dringend, benötigt wird. Als manifestiertes schlechtes Gewissen oder als ewige Inspiration liegen manche Stoffe, stapeln sich einige Knäuel und ich schwanke bei ihrem Anblick zwischen “Daraus hätte ich schon längst etwas machen müssen!” und “Hach, wenn ich dich erst einmal verwende …” hin und her und her und hin. Es ist, so habe ich entschieden, immer gut, etwas für den Notfall im Hause zu haben: Spaghetti, Tomatenmark, Blümchenstoff und rauchblaue Merinowolle. Alles fein so.

Als Frau praktisch und vorausschauend denkend, kann ich nicht erwarten, dass der Gatte diese Organisation, die Perfektion und Schönheit meines Tuns erkennt. Bitte ich also um dringend benötigtes Material, so geht er dahin, um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Das hat – wie sage ich es … – zu Überraschungen geführt. Ein klassisches Synonym für Überraschung ist doch tendenzielle Enttäuschung?

Wie auch immer: ich will Stoff! Denn ich friere. Ich brauche Mäntel. Mäntel? Mehrere? Nicht Mantel? Wie EIN Mantel? Eigentlich gehe ich davon aus, dass ich keiner Leserin dieser Zeilen die Notwendigkeit mehrerer Mäntel erklären muss, aber falls der Gatte einmal mitlesen sollte: da draußen in der bösen Welt gibt es Wetter. Ganz unterschiedliches Wetter. Und hier drinnen gibt es Kleiderschränke. Mit ganz verschiedenen Kleidungsstücken in ihrem Inneren. In den unterschiedlichsten Farben und Formen. Beides zusammen ergibt – der Schüler im Gatten, der sich mit angewandter Mathematik beschäftigt hatte, wird das errechnen können – ein Unzahl von möglichen Kombinationen.
Addieren wir dazu eine Gemahlin, die aus allem das Meiste herausholen will und geistig schnell gelangweilt und unterfordert ist, so bedeutet das im logischen Schluß: Gib! Ihr! Stoff!

Aktuell bitte Mantelstoffe – es werden noch dunkles Lila und helles Grau benötigt, das ist doch nicht unbillig. Ein feines Dunkelblau wäre auch nicht verkehrt. Nachdem Lila und Grau eingetroffen sind. Meine Chancen auf Erfolg? Mäßig. Ein Aufruf an die Öffentlichkeit? Vielleicht an die Kooperationsanfrager, die bislang keine rechte Chance bei mir hatten? Mit einer 2,50 €- Sockenhäkelbroschüre hat man mich noch nicht zu Lobeshymnen verführen können, ein hellgrauer Tweed hingegen könnte mir ein Lächeln entlocken. Wieder die Frage nach der Chance auf Erfolg? Ich bettel den Gatten nochmal an, irgendwann muss es doch einmal gelingen. Ich könnte ihm versprechen, meine Haare wieder wachsen zu lassen …

Ups, nun ist es kurz vor 9:00 und ich habe mich hinreißen lassen. Hier wollte ich gar nicht hin. Was ich eigentlich wollte: Mäntelpläne diskutieren und günstige Stoffquellen erfragen.
An diesem Wochenende machte ich mich also – schweren Herzens, quasi als Lohnsklave meiner selbst – an das Abändern meines taillenkurzen Grundschnitts in einen hüftlangen Block. Aus diesem habe ich zuerst einen Blusengrundschnitt gebaut (zumindest hoffe ich das, zum Testen hatte ich weder Zeit noch Ruh’) und danach den Mantelblock. Den halben Tag lang habe ich Literatur von gestern und heute gewälzt, meine Notizen zu früheren Mantelschnitten gesucht und mich dann für eine Mehrweite von 6 Zentimetern entschieden und einer Armlochabsenkung von 2 cm.

Nun habe ich hier einen Mantelstoff liegen, der zwar schwer, aber leider nicht sehr dicht gewebt ist – gegen das Licht erscheint er fast netzartig. Die Farbe ist fantastisch blaugrau, aber das Material kratzt fies, fies, fies. Als Kragen könnte ich es nicht ertragen und ich bin noch nicht sicher, ob der Beleg nicht doch durch Pullis und Kleider kribbeln wird. Für einen echten Wintermantel scheidet dieser Stoff leider aus. Aber nicht als Herbst- und Probemantel. Sollten sich Schnittform und Weitenzugabe als mangelhaft erweisen, so werde ich diesem Stoff nicht zu sehr hinterher trauern. Es würde allerdings bedeuten, dass sich neben hellgrau, dunkellila und nachtblau noch eine blaugraue Lücke auftun würde, die gefüllt werden müsste – da schließt sich der Kreis: Schenkt mir Stoff!

Und weil ich, wie bereits gesagt, als gute und treusorgende Hausfrau, die ich nun einmal bin (bitte keine Tumulte in den hinteren Rängen!) aus allem so viel wie möglich rausholen will, will ich mir beweisen, wieviel ich aus einem einzigen Schnitt heraus zaubern kann mit kleinen Abwandlungen in Saumweite, Kragen, Gürtel und Taschen:

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Mein Schnitt hat eine Schulterpasse vorne und hinten, Teilungsnähte und ausgestellte Rockteile. Für den Kratzstoff wird kragen- und taschenlos gearbeitet; auch auf Knöpfe werde ich verzichten und ihn lediglich mit einem Bindegürtel schließen. Er wird von der Taille aus 80 cm lang sein und damit zweifingerbreit über meine Röcke reichen; dazu hat er eine moderate Saumweite von 36 cm mehr als Hüftweite. Daumen drücken wäre nett, denn wenn das klappt, wird der Schnitt noch einmal verwendet: mit einem leicht hochstehenden Etonkragen, angeknöpften Gürtelteilen, einer Erweiterung des Saumes um 12 cm und einer Kürzung um 2 cm, dazu schräge Taschen und vielleicht noch einer Ärmelspielerei.

Und für lila, grau und blau fiele mir sicher noch mehr ein. Nachdem ich den gestrigen Sonntag 8 Stunden am Schnitt saß und heute noch die Ärmel und das Futter zeichnen muss, müssen daraus wenigstens vier Mäntel werden können. Ja, doch, das macht alles Sinn. So soll es sein!

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