Ein bißchen Fischer, ein wenig Audrey

Nähend werde ich immer langsamer und langsamer – das mag damit zusammen hängen, dass ich immer weniger gut winzige Aufschriften lesen und dem Lauf der Nähmaschinennadel folgen kann. Oder, was viel schöner klingt, es liegt einfach an der mangelnden Zeit und darab, dass ich somit weniger im Training bin. Ja, es ist eindeutig die Zeit, die ein Problem ist …

Wie immer, wenn ich nicht viel nähe, kaufe ich viel zu viel Stoff und diese Stapel muss ich, will ich abarbeiten. Nun also eine Bluse. Eine Hemdbluse. Die in der ersten Version noch einen Kragen hatte, den ich schlampig schnell nach einer 08/15-Anleitung gezeichnet hatte. Hat sich gerächt. Also ist es nun eine kragenlose, manschettenlose und nahezu knopflose Hemdbluse geworden, die mich ein wenig an norddeutsche Fischerhemden erinnert:

 

 

Und weil das Hemdblüschen so ganz ohne Kragen ein wenig traurig wirkte, spielte ich mit den Stoffresten umher und beschloss, eine Art Schleife auf Höhe der sonst üblichen Brusttaschen anzubringen. Wie immer hätte ich das viel ordentlicher machen sollen, aber wie gesagt: Mir verschwimmen mitunter die Nähte vor den Augen, wenn es um Millimeterarbeit geht.

 

 

Aus dem Hemdschnitt möchte ich in nächster Zeit noch mehr heraus holen: Mit einem vernünftig konstruierten Kragen, mit einem leicht abgeschrägten Halsausschnitt, mit einer Passe auch im vorderen Bereich, vielleicht doch auch mit Taillenabnähern, mit mehr Knöpfen – der Möglichkeiten sind bei diesem simplen Schnitt ja viele.

 

 

Dieses Mal habe ich dem Rückenteil eine Kellerfalte von insgesamt 12 cm Mehrweite spendiert. Das gefällt mir zwar sehr gut, lässt mich aber nicht gut testen, ob der Schnitt mit Abnähern nicht doch zu eng an der Hüfte wird. Und für Probemodelle habe ich mittlerweile gar keine Zeit mehr, was verblüffend ist: Früher, als die Jungs noch klein waren, nahm ich immer an, dass ich unglaublich viel Zeit für Haus und Haar und Haut und halles handeres haben würde, wenn sie erst einmal in der weiterführenden Schule sein würden. Erstaunlicherweise sieht die Realität anders aus, aber tiefergehende Gedanken über unser Schulwesen mache ich mir ein anderes Mal.

Weniger Zeit ist natürlich nicht nur den Kindern geschuldet, sondern auch den Tieren, die ebenfalls ihr Recht auf Nähe und Schmusen fordern. Und auch das verhasste Fotografieren ist dank der drei vierbeinigen Lebenwesen nicht leichter oder zeiteffizienter geworden. So sieht das nämlich aus, wenn ich mein Stativ aufbaue:

 

Die Küche ist der einzige Raum, in den Maxi nur zögerlich eintritt und mit sehr viel Respekt. Ganz besonders, wenn eine der Katzen schon dort ist. Richtig schlimm ist es, wenn er zwar in meiner Nähe sein will, aber ein garstiger Sturm ums Haus und durch den Dunstabzug lärmt – vor starkem Wind fürchtet er sich nämlich richtig. Da gab es dann ein Extraleckerchen für ihn:

 

 

Er verschwand dann doch lieber in seinem Boot, was Momo dazu nutzte, mein Haargummi über den Boden zu scheuchen, es unter dem Kühlschrank zu verstauen und mir auf den Arm zu hüpfen.

 

 

Viel hübscher kann die Hemdbluse nicht präsentiert werden als mit Momo auf dem Arm. Die natürlich sofort wieder runter wollte, als Minusch in der Tür auftauchte – das war der Moment, an dem ich aufgab:  Die neuen Ballerinen hatte ich lang genug eingelaufen, Maxi brauchte seinen zweiten Spaziergang und überhaupt hatte ich noch so viel vor an diesem Tag. Nichts davon ist bislang wirklich geschafft. Erst beim Sichten der Bilder gerade eben fiel mir auf, dass Hose und Schuhe dem eh schon femininen Fischerhemd noch einen Minihauch von Audrey verleihen. Kann so bleiben, denke ich …

Und obwohl es hier ganz viele Tiere gibt, genäht habe ich nur für mich und deshalb qualifiziert sich die störrische Hemdbluse für den RUMS.

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Zu schlicht, zu unentschieden, zu langweilig

Das Jahr ist noch jung, aber ich muss sagen: es ist nähtechnisch das mieseste Jahr überhaupt; eindeutig mehr Mißerfolge als Hurras. Aus den unterschiedlichsten Gründen: halbherzig Begonnenes, Stoffe, die sich als nicht waschbar erwiesen, Denkfehler der dümmsten Art und dazu wenig Zeit und keine Lust, die Grundschnitte dem Gewichtsverlust anzupassen. Und irgendwie sind ständig Schulferien … jetzt mal gerade nicht, aber wir steuern geradewegs auf die Weihnachtsferien zu. Hach, seufz.

Entsprechend wenig habe ich gezeigt. Wenn ich auch mit Wonne die Mißerfolge zu zeigen pflegte, so wenig mochte ich die Knipserei und mich für Unschönes noch weiter zu quälen, danach war mir in diesem Jahr nur selten. Denn 2016 ist ja in vielerlei Hinsicht ein annus horribilis. Ich bemühe mich, mich auf das positive zu konzentrieren: tolle Sommerferien an der Nordsee, wo ich mich zuhause fühle, ein Angebot, das ich annahm, obwohl es mich noch mehr Zeit und Nerven kostete, die Aufstockung des heimischen Tierbestandes, das weniger große Kind auf meinem alten Gymnasium in meiner alten Klasse, viele tolle Frühstückchen mit Hund und Gatte ohne Kinder und viele neue nette Bekannte ebenfalls dank Hund und Schule. Es ist sicherlich egoistisch und kurzsichtig, diese Dinge über die allgemeine Entwicklung der Welt zu stellen, aber letztenendes – noch nie habe ich ein so starkes Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit empfunden. Nicht einmal während der weltpolitisch grauen 80er-Jahre. Doch damals war alles drumherum bunt und optimistisch, man war sich in seiner Fassungslosigkeit gegenüber dem Wahnsinn einig. Heute … all wir guten Menschen haben einen Nachteil: uns machen Hass und Hetze krank und mürbe, während Rassisten, Nationalisten, Islamisten – und was es sonst an -isten so gibt – sich davon nähren und aufblühen, je gräßlicher sich die Menschheit verhält. Nun, in den nächsten Tagen werden wir sehen, welche Saat aufgeht.

ABER da wollte ich gar nicht hin, entschuldigt. Eigentlich wollte ich zum Kleid, das ich ausprobieren wollte und mich dabei gründlich vertan habe. Viel zu unentschlossen bin ich an die nötige Weite für Ärmel und Oberteil gegangen, viel zu schlicht ist der Schnitt und viel zu halbherzig (wieder einmal) ging ich an Konstruktion und Näherei. Mir schwebte ein weiteres Hippiekleid vor, höher geschlossen und mit weniger Rockweite. Ewig lange suchte ich nach passendem Stoff, Viskose oder Baumwolle, der weich-flanellig sein dürfte und irgendwie wild gemustert. Bei Karstadt fand ich eine kirschrote Viskose mit gelben, weißen und dunkelblauen Paisleys. Obwohl ambivalent, kaufte ich ihn – entweder es wird Bohème oder Sofakissen. Und bei so viel Musterei blieb der Schnitt ruhig. Viel zu ruhig, eigentlich hätte ich in die Vollen gehen müssen mit weiten Ärmeln, mehr Taille und mehr Weite zugleich, mit Saumrüschen und dem ganzen Tralala. Sollte, hätte, müsste. Aber dann erwies sich der Stoff auch noch als zuschnittbiestig und sowohl verzogen als auch schief bedruckt. Nunja, allzuviel Liebe ist nicht verloren gegangen.

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Ja, der Saum ist nicht fertig und wedelt schief umher – eigentlich ist eine Hälfte des Kleides schief. Verzogen, komplett verzogen.

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Trotz des sehr wilden Musters ist es so unglaublich brav, dieses Kleid. Sehr brav, ich spüre, wie ich zahm und sanft und gehorsam werde, wenn es mich umhüllt – ihr seht es auch.

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Und kein Stiefel, kein Schuh, kein nichts will so recht dazu passen. Verzogen und nicht kompromissbereit das Ding. Außerdem ist es nun schon so kalt, dass mir ein Kleid auch zu Hause nicht mehr reicht – Fazit daher:

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Aber es war den Versuch wert. Irgendwie. Glaube ich. Nur: ich will Kleider nähen. Obwohl ich friere und gar nicht mehr so recht weiß, was ich an mir sehen mag. Albern, höchst albern.

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Mal düster … ach was, nur anders

Ich schaue besser gar nicht erst nach, wann ich das letzte Mal etwas gebloggt habe oder wann gar ichirgendetwas erfolgreich nähte. Es muss wohl gestern gewesen sein. Oder vorgestern. Irgendwie so. Nun, wie auch immer, hier bin ich. Und noch besser, ich habe genäht. Am allerbesten: es ist ein Kleid. Was mir richtig schwer fiel, war die Schnitterstellung: wie vernagelt saß ich am Tisch, hatte eine nur vage Vorstellung vom zu erschaffenden Kleid und schob den Pappgrundschnitt lange hin und her und her und hin. Während des Zeichnens hatte ich oft das Gefühl, dass das, was ich halbherzig malte, nicht das ergäbe, was ich mir ebenso halbherzig vorstellte. Aber der Wunsch, endlich etwas zu nähen und das schnell-schnell, war stärker als der Verstand. Mein inneres Kind stampfte so oft trotzig-tränig mit dem Füßchen auf den Boden, dass meine innere Mutter nachgab; sie hatte besseres zu tun.

Ein klein wenig mag der Stoff eine Rolle gespielt haben: vor einigen Monaten konnte ich nicht an ihm vorbei gehen, obwohl er – Schock und Schande! – schwarzgrundig ist. Aber eine griffige, nicht knittrige und rutschende Viskose mit einem Blumenmuster, das in mein Japan-Hippie-Beuteschema passt: liegenlassen? Ernsthaft? Natürlich nicht. Mit einem halsfernen Ausschnitt, offenen Haaren und etwas mehr Make up würde ich das Schwarz schon in die Kniee zwingen.

Seit langem habe ich den Pepingrundschnitt wieder verwendet; immerhin hatte ich mit sehr viel Mühe Schultern und Arme angepasst. Was ich aufgrund der Gewichtsabnahme für den Bunkaschnitt auch noch tun müsste. Eine Aufgabe, die lockt und reizt wie Beulenpest und Lepra. Aber langer Rede, kurzer Sinn: das Kleid ist fertig, sieht nicht so locker und lässig aus wie in meiner Vorstellung, aber es hat was.

 

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Die Konstruktionsfehler verschweige ich mal; so wie es ist, sollte es sein. Ich muss gestehen, als ich so heute morgen den Kleinen (er ist 10, er ist Gymnasiast, er ist präpubertär und anstrengend – das mit dem Kleinen passt so recht nicht. Eigentlich …) – also als ich den Kleinen so zur Schule brachte und danach Halsschmerztabletten und Laugenbrötchen kaufte, waren mir die hohen Absätze der Schuhe ungewohnt. Mir! Die ich jahrelang nichts unter 8 cm trug. Auch der eine oder andere Blick, der meinem Kleid galt, fiel mir auf – etwas, was ich zu Vintagezeiten gewohnt war, verblüffte mich heute ein wenig. Denn während dieses Sommers hatte ich mir das Tragen flacher Sandalen und Turnschuhe, von Jeans und engen Röhren so angewöhnt, dass mir Kleid und Stiefel fast fremd vorkamen. Auch nicht ganz unschuldig daran ist natürlich Maxi. In der Tat laufe ich an frühen, frischen Morgen mit knöchelhohen Sneakern und Steppweste durchs Tal – der Einfluß eines Hundes auf die Kleidung ist kaum zu unterschätzen.

Der Einfluß des Hundes auf Bilder übrigens auch nicht:

 

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Mittlerweile ist Maxi entspannter und weniger scheu und vor allem deutlich schlanker, was seinem kaputten Bein zugute kommt. Das tägliche Spazieren durch die frische Luft übrigens kommt auch mir zugute; wie schön es in der eigenen Umgebung ist, merkt man ja oft Jahre nicht …

 

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Jetzt habe ich ausnahmsweise einmal eine unverschämte Bitte. Ich habe mit dem Blognamen und der URL herumgespielt und es gibt ein technisches Problem, das bislang niemand zu lösen wußte. Während es das Supportteam meines Hostproviders es wunderbar schaffte, dass auch alte Links möglichst nicht ins Leere laufen, ließ sich der Feed nicht umleiten. Wer immer mich verlinkt hat, hat das mit michou-loves-vintage.de/wordpress/feed getan. Nun liegt der feed aber bei michou-loves-vintage.de/feed … wer sich die Zeit nehmen mag, das händisch zu ändern, sei sehr bedankt und taucht dafür ja auch regelmäßig wieder in meiner Backlinkliste auf, die immer gut geklickt war. Und glaubt mir, solch eine Bitte fällt mir richtig schwer 🙂

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Mg 14 – perfekt? Kann ich nicht!

Der Mai ist nun auch schon rum und natürlich habe ich es nicht geschafft, jeden Tag ein Bild zu knipsen, um zu sehen, was aus meinem Kleiderschrank getragen wird. Wenig überaschend war, dass es vor allem Gekauftes war. Aber positiv zu vermerken ist: ich habe wieder Lust, etwas zu nähen. Und zwar die Kleidungsstücke, die sich schlecht bis gar nicht kaufen und diejenigen, die sich besonders leicht nähen lassen. Eine gesunde Mischung aus Bedarf und Bequemlichkeit, was kann schief gehen?

Bis jetzt noch nichts. Außer den üblichen Problemchen, die auftreten, wenn ich nähe und angekränkelt bin, es aber nicht einsehen will. So habe ich am Sonntag mit einem Bleistiftrock aus Kunstleder begonnen, bis der Gatte mich heraus riß, um in der Stadt essen zu gehen. Wo ich nach kurzer Zeit ziemlich schlapp über Tommy hing und auf Außenstehende sicher einen angetrunkenen Eindruck machte. Zuhause war ich klug genug, die Finger vom Rock zu lassen und mich hinzulegen. Doch gestern vormittag, rastlos und genervt, konnte ich es nicht. Und natürlich habe ich die sichtbare Steppnaht, die die widerspenstigen Nahtzugaben bändigen sollte, versaut. Weil – wer denkt schon an so etwas wie den Obertransportfuß, wenn man Kunstleder näht und nur eine Chance auf Erfolg hat? Eben. Und so ist auch dieser Rock, trotz all der Überlegungen und Vorsicht, nicht fehlerfrei. Es gibt Schlimmeres.

 

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Der Schnitt ist derselbe wie beim letzten Rock, nur habe ich mich nun doch für enger und knackiger entschieden. Ich habe Bauch, ich habe einen eher flachen und breiten Po und ich bin 48. So langsam sollte ich lernen, damit klar zu kommen. Mir gehen im Augenblick einige Gedanken durch den Kopf, ausgelöst durch das ganze Ü-Tralala, das ich während der Gürtelrose entdeckte, aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr. Was ich sagen will: ich bin halt, wie ich bin und habe keine Lust, mich ständig optimieren zu müssen. So. Das merke ich mir. Vielleicht …

 

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Das Licht vom Fenster kommend ist deutlich unfreundlicher zu meiner Rückseite als das Licht aus dem Flur; sicherlich hätte ich das erste Bild zurückhalten und mit dem zweiten eine Illusion schaffen können, die mich selbst beim täglichen Blick in den Spiegel unter Druck gesetzt hätte. Wie ich sagte: perfekt kann ich nicht.

 

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Wie immer weiß ich nicht, wohin mit den Armen bei Detailaufnahmen rund um Taille und Hüfte. Eine sehr aparte und natürliche Lösung, die ich heute fand.

 

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Insgesamt bin ich ausgesprochen zufrieden und fühle mich wohl in dem Rock, wenn auch die Näherei eine Quälerei war. Leider ist das Wetter seit der Knipserei umgeschlagen und so hängt der Rock wieder im Schrank. Für ein Lehrerin-Sohn-Mutter-Gespräch, das mir heute noch bevorsteht, wäre es eh nicht das Passende gewesen.

So, genug des fiebrigen Geschwafels, schnell noch eine Tablette einwerfen und dann in Höhle des Löwens!

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Mg 13 – Kartoffelkleid für Haus und Garten plus kleiner Brigitte-Rant und Überlegungen zu Kleidern

Der Titel zeigt mein Talent zum Sich-Kurzfassen. Tja, wo  fange ich an?

Als ich 2009 mit dem Nähen begann, hatte ich von Zeit zu Zeit auch noch die Brigitte im Einkaufskorb, einfach deshalb, weil ich als Kind mit ihr aufwuchs und die Mischung aus Mode, Pflege, Reportagen, Gewinnspielen, Rezepten und Selbermacherei sehr liebte. Sie war deutlich emanzipatorisch und scheute sich nicht vor Politik. Das hat sich seitdem sehr verändert: schaue ich mir allein den unsäglichen Onlineauftritt an, der sich offenbar an unterbelichtete, aufmerksamkeitsgeile 12jährige Lolitas richtet, die im heftig-Stil mit viral gegangenen Nichtigkeiten zugemüllt werden wollen (und ich möchte betonen, ich kenne solche Wesen nicht und wage ihre Existenz zu bezweifeln), dann weiß ich, ich bin als Zielgruppe uninteressant geworden. Am meisten stört mich der durchgehend zickig-beleidigte Ton der Redaktion, wenn sie wieder einmal auf Fehler hingewiesen wird; man erinnert sich mit Schaudern an den Verriß der deutschen Nähbiene. Halt nein, falsch, es war ein Verriß der Teilnehmerinnen, nicht der Sendung. Ein typisches Beispiel in meinen Augen.

Gut, dennoch hatte ich die Zeitschrift mitunter gekauft, meist dann, wenn Strickanleitungen enthalten waren, die früher einmal richtig gut und vor allem korrekt waren. Diesmal (also im Sommer 2009) waren es Nähanleitungen und mir gefiel einiges, aber wagte mich noch nicht ran, da die Anleitungen schon sehr spärlich waren. Irgendwann im letzten Jahr endlich entsorgte ich das Heft, nur um in diesem Jahr noch einmal auf diese Schnittmuster gestoßen zu werden durch Ette – die gar nichts dafür kann! Wie damals stach mir dieses Kleid ins Auge und nebenbei fiel mir auf, wie wenig sich Mode in den letzten Jahren wandelt, wie unglaublich viele Stile heute selbstverständlich nebeneinander existieren, wie vielfältig wir uns aus dem Gestern und dem Heute bedienen können, ohne damit als zu verschroben aufzufallen … aber mäandert wird jetzt nicht! Also dieses Kleid sprach mich an:

 

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Ein Klick aufs Bild bringt euch übrigens zur Anleitung – auf eigene Gefahr!

Ja … ich las durch die Beschreibung, stolperte über die Anmerkung, es sei für Anfänger geeignet (mit gedoppeltem Oberteil und Trägern – ernsthaft?), da Vorder- und Rückenteil identisch seien. Sofort sprang meine innere Konstrukteurin auf, wedelte mit den Armen und jammerte, dass das auf gar keinen Fall ginge, die Balance könne dann niemals stimmen, ich würde mit einem Kleid enden, das vorne hochschwappt und hinten runterrutscht. Ich solle sofort die Finger davon lassen, sofort!

Nun fragt sich die geneigte Leserin, warum ich auf diese Stimme nicht hörte? Weil eine andere Stimme viel vernehmlicher sprach, dass doch mit Sicherheit eine ECHTE Schnittdirektrice diesen Schnitt entworfen habe und sicherlich besser wisse, wie man ein solches Kleid erstellt als ich, die sich all das selbst angeeignet hat und – ganz entscheidend! – an einem simplem Kimonomantelschnitt bald verzweifelt ist. Also Klappe und Ruhe! Ich druckte mir den Schnitt aus, kopierte die drei Teile – denn Rücken- und Vorderteilpasse waren dann doch zwei Teile und schaute mir alles genau an. Die Konstruktionsstimme wollte nicht verstummen; die Armausschnitte waren viel zu identisch. Fragt mich nicht, ich wollte es jetzt wissen und schnitt zu.
Und nun ratet einmal …

 

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Je nun … ich war immerhin schlau genug, die kurzen Schulterschrägungen meiner eigenen Schulter anzupassen, hoffte ansonsten aber, dass eine Passe, die oberhalb der Brust endet mit eben dieser keine Probleme haben würde. Falsch gedacht, wie man am rutschenden rechten Träger bemerkt. Viel seltsamer aber ist – ach, alles eigentlich.

Zunächst einmal sind die eingezeichneten Faltenpass- und Richtungszeichen eine Katastrophe, vor denen ich wie vernagelt saß und versuchte, sie übereinander zu legen – also so, wie sie markiert waren. Der Gatte kam vorbei und wurde gezwungen, mit draufzuschauen. Er war klug genug, die Markierungen zu ignorieren und sich auf die Schnittform zu konzentrieren und konnte so wahrhaftig die Falten richtig legen. Da schrie meine innere Konstrukteurin erneut auf und schalt mich, weil ich wie ein Schaf wohl alles glaube, was man mir aufmale? Ich radierte stillschweigend die falschen Linien hinfort und ersetzte sie durch die neu ermittelten. Und dann, ich sagte es, schnitt ich zu und legte als erstes die Rockteile in perfekte Falten. Die im übrigen nicht in die Richtung zeigen, wie es das Modellbild behauptet, sondern sehr deutlich die Seitenlinien verformen.

Mit viel Liebe nähte ich die Passe an die Rockteile, verstürzte sie mit dem Innenleben, stichelte noch etwas mit der Hand und probierte an. Und gratulierte mir zu dem Erfolg. Bzw. gratulierte meiner inneren Chefkonstrukteuse, die offenbar viel besser ist als gedacht.
So fragte ich den Gatten heute morgen, ob ich mir vielleicht auf dem Gebiet doch ein klitzekleines bißchen mehr zutrauen solle als bisher?
Der Gatte bedachte mich eines spöttischen Blickes und fragte mit einem Blick auf meine Falten, wieviele Jahre ich sonst wohl noch warten wolle?
Ich wollte sicher gehen und bat um Genauigkeit.
Er erinnerte mich daran, dass ich schon bei den Falten gemeckert hätte und die Konstrukstionskünste der Brigitteentwurfsmannschaft bezweifelt hätte und dass ich mit meiner Einschätzung, wie das Kleid sitzen würde, doch recht gehabt habe.
Männer, sowas soll wohl hilfreich sein? „Herrgott, jetzt sag doch mal: hätte ich das mit einem eigenen Schnitt besser hinbekommen? Hilf mir doch mal!“
Der Gatte verließ den Raum und jetzt weiß ich nicht so recht …

 

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Dieses Foto sollte meine Frage beantworten 😀 Es sind sowohl vorderes als auch hinteres Armloch bis auf einen halben Zentimeter gleich lang – dieses arme Kleid kann gar nicht anders, als nach hinten zu rutschen. Was es tut. Intensiv. Was man nicht sieht: es ist dazu auch noch unbequem unter den Armen, weil es mir am liebsten noch viel, viel weiter den Buckel runterrutschen möchte. Ändern lässt sich das nicht mehr und da mir der Stoff zu wild ist, schmerzt es mich auch nicht zu sehr. Ich habe in diesem Kleid heute morgen das Bad geputzt, es war luftig und nicht im Weg und nachdem es sich einen bequemen Platz an meinem Körper gesucht hatte, kniff es mich auch nicht mehr unter den Achseln. Für schwüle Tage ist es perfekt. Also innerhalb des Hauses oder des eigenen Gartens. Für den Weg bis zur Mülltonne … ziehe ich mich um.

 

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Dass ein O-Kleid nicht unbedingt ein Figurschmeichler ist, wenn es einem um Kurven und Taille und inszenierte Weiblichkeit geht – geschenkt. In diesem Fall allerdings geht es weit über mein Ziel heraus, dass da lautet: ich habe es nicht (mehr?) nötig, meine Figur immer so deutlich wie möglich zu zeigen. Das Kleid hier scheint eher von Selbsthass als von Selbstbewußtsein zu zeugen. Was nicht an der Schnittidee, sondern an dem verkorksten Schnittmuster liegt. Wo auch immer meine körperlichen Unzulänglichkeiten eine Rolle spielen mögen, auch mit der perfekten Figur kann dieses Kleid nach diesem Schnitt nicht sitzen. Und nun, wo ich mich davon überzeugt habe, sehe ich auch den Originalbildern ein wenig von dieser Problematik an. Obwohl dort sicherlich mit Wäscheklammern getrickst wurde, ist die vordere Mitte leicht angehoben.

Nun überlegte ich, ob ich dennoch etwas aus diesem Schnitt machen solle? Ich könnte es noch einmal selbst nachkonstruieren, könnte den Ausschnitt vorne anheben (es gibt nämlich keinen BH in meiner Schublade, der da nicht mit dem Cup herausragen würde), könnte das hintere Rockteil faltenfrei zeichnen und die Träger etwas mehr zur Mitte hinlegen. Aber will ich überhaupt da hin, nun nur noch sehr, sehr weite Kleider mit viel Entfernung zum Körper zu tragen? Das kann ja leicht in die esoterische Lass-uns-drüber-reden-Ecke abrutschen und das ist nun gar nicht meine Welt. Es soll luftig sein, es soll mich umspielen, aber nur noch an mir wallen soll und muss es ja nun auch nicht. Die nächsten Kleider dürfen etwas mehr Figur zeigen, mehr mit Falten und Längen spielen und es gibt so einiges, was ich noch nähen will, da braucht dieser Schnitt keine zweite Chance. Für mich ist nun die Brigitte endgültig durch, mit einem leisen Weh zwar, wenn ich an die Sommer meiner Kindheit denke und den heißen Wunsch, endlich das himbeerfarbene Brigitte-Holland-Rad zu gewinnen, aber nun habe ich gelernt, dass man dort von Schnittmustern genauso viel Ahnung wie von vernünftiger Hautpflege hat und die letzte Attraktion ist gestorben. Hach.

 

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