Mads Rønnborg (et moi …) – 100 x Outfit of the day


Je nun … wie fange ich an? Wie bespreche ich ein Buch, an dem ich selbst beteiligt war? Vermutlich genauso subjektiv, wie ich es auch bei all den anderen Büchern tat, die ich rezensieren durfte. Wie es zu meiner Beteiligung kam, erzählte ich euch in der vorletzten Woche schon. Doch wie das fertige Werk aussehen würde, davon hatte ich nur eine ungefähre Ahnung und bis heute morgen endlich auch eines meiner Exemplare eintraf, fragte ich mich, wie meine Texte und die Bildstrecke zusammen gehen würden.
Kurz gesagt: gut. Sie gehen gut zusammen.

Im Grunde ist es ein Wunder, denn auf den ersten Blick haben meine Meinung zu den Themen Kleidung, Schönheit und Selbstbewußtsein wenig gemein mit dem auf Instagram & Co. gebräuchlichen #ootd. Ich bin nicht hip und schick und trendy und keine Freundin altbekannter und wiedergekäuter Stylingtricks – also vielleicht das Gegenteil dessen, was der Hashtag verspricht und bietet. Zehn Themen haben wir, die Projektleiterin und ich, gewählt, zu denen ich schreiben sollte, was mir einfiel (da sei ich frei, man wolle etwas anderes als das Übliche):

 

 

 

Guter Stil, Stilregeln, Figur und Charakter, Image und Persönlichkeit, Komfort, Die richtigen Farben, Trends und Klassiker, Mode und Inspiration, Styling no-Gos – diese Texte sind mein Beitrag zu diesem bunten Buch voller verrückter, ungewöhnlicher, klassischer, sportlicher, und und und Inspirationen.

 

 

Und all diese Outfits hat Mads Rønnborg zusammen gestellt. Ich behaupte mal, euch als Selbermacherinnen geht es ähnlich wie mir und so gestehe ich zu meiner ewigen Schande, dass mir der Name nichts sagte, als er mir nach dem Schreiben der ersten Texte genannt wurde als derjenige, der für den aufwändigen Bildteil verantwortlich sein würde. Mads hatte vor einiger Zeit eine Stylingshow im Frühstücksfernsehen (da lässt sich einiges bei youtube finden), er arbeitet beim Magazin Barbara als Stylist, daneben kleidet er Prominente ein und sorgt für perfekte Outfits in Werbekampagnen. Und diese Bandbreite von schlicht bis schillernd, alltäglich bis aufregend bringt er in die hier gezeigten Kombinationen mit ein. Ein kluger Dreh erscheint mir übrigens der Verzicht auf Models: so bleibt jeder von uns Platz genug, ihren eigenen Körper gedanklich in die Vorschläge einzukleiden, ohne sich mit der Figur des Models zu vergleichen – hier schließt sich der Kreis zwischen meinen Texten und seinen Vorschlägen gelungen.
 

 

Nun ist dieses Buch – trotzdem es in einem der großen Handarbeitsverlage erschienen ist – nicht unbedingt an Hobbyschneiderinnen und -strickerinnen gerichtet. Weshalb also sollte es in euren Bücherschrank? Mal abgesehen davon, dass ich äußerst geschmeichelt wäre, wenn ich dort stehen dürfte …
Schaue ich in meinen Schrank, so finden sich dort neben all den Strick-, Näh-, Schnittmuster- und Konstruktionsbüchern noch einmal genau so viele Bücher zu Kostümgeschichte, Filmmode, Strickhistorie und Stilikonen. Dabei kommt auch der Mode selbst ein großer Anteil zu und viele dieser Bücher stammen aus England oder genauer gesagt: von Trinny und Susannah und Gok Wan. Und ich blättere sie auch nach Jahren immer wieder gerne durch, weil sie mich inspirieren. Mal ist es der Gürtel zur Jeans, mal die flachen Schuhe zum Bleistiftrock – immer wieder finde ich etwas, was den Prozess des Nähenwollens in Gang setzt. Es ist ein angenehm warmes Gefühl, nun ein ähnliches Buch auf Deutsch in der Hand zu halten, in dem ich mich (also ICH – wahrhaftig ICH, es ist surreal) über verkrustete Regeln hermachen darf. UND gleichzeitig habe ich jetzt ganz aktuell Lust, wieder einen Bleistiftrock zu nähen, weil mir Mads‘ Auswahl Appetit gemacht hat. Wenn ihr also ähnlich gestrickt seid wie ich, dann habt ihr Spaß an diesem Band.

Das Buch 100 x Outfit of the day ist ein DinA4-Hardcover mit herrlich festen und mattglatten Seiten (gut, für mich hätte sich jetzt ALLES toll angefühlt :-D), es kommt auf 160 Seiten daher und erscheint im Topp-Verlag für 19,90 €.

PS: Achso und achja – sobald ich mehr Zeit habe, kommt auch die Verlosung noch 🙂

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Constanze Derham – Stoff und Faden

Draußen regnet es bitterlich und durchdringend; das weiß ich genau, denn ich war mit Maxi draußen und sitze nun hier – drinnen, aber nass. Die frostigen Füße auf der Heizung, die nassen Haare im Handtuch und mit Bademantel über der Skiunterwäsche des Gatten. Was sonst könnte ich tun, als mich Büchern zuzuwenden? Eben.

Wie viele andere habe ich mich noch vor Weihnachten über eine Ergänzung der Nähbibliothek freuen dürfen – vielen lieben Dank an dich, Constanze. Die die meisten von euch kennen durch ihren Blog Nahtzugabe, der für die Nähgemeinschaft in etwa das ist, was Tichiro für die Strickenden war – eine Anlaufstelle für alle möglichen Infos rund um unser Hobby. Regelmäßig durchforstet Constanze das Netz und Magazine, bewertet kritisch und lobt freudig und macht damit Lust auf mehr.

Und mehr gibt es jetzt: Stoff und Faden heißt ihr neuestes Buch, das sogar eine eigene Webpräsenz erhalten hat – Ehre, wem Ehre gebührt. Bemerkenswert finde ich, dass sie sich dabei auf Freunde und sich selbst verlassen hat und das Buch im Selbstverlag herausbringt: das ist mal echte Handarbeit. Für renommierte Verlage wäre das Büchlein vermutlich zu klein, zu speziell, zu wenig publikumswirksam gewesen: welche Hobbyschneiderin würde sich wohl für Materialien interessieren?

Ich behaupte mal: jede, die etwas länger als ein Jahr näht und anderes herstellt als nur Federmäppchen und Handyhüllen. Wer für sich selbst näht, kommt gar nicht drumherum, sich mit dem Stoff zu beschäftigen. Wir haben es alle erlebt, wie das mühsam zusammen gestoppelte erste Kleid zwickte und zwackte, weil sich Quiltstoffe eben nicht für elegante Etuikleider eignen. Wie sich der mit Liebe handgesäumte Tellerrock knisternd um die Beine wickelte, weil Poly nicht die beste Wahl war. Oder wie das perfekte Weihnachtskleid sich nach der Wäsche als Putzlumpen präsentierte, weil es zu heiß gewaschen oder gebügelt wurde.

 

 

Nun finden sich  in den meisten Nähbüchern auch Stofflexika. Doch da geht es mir so wie mit meinen Konstruktionsbüchern: alle erzählen mir vom gleichen Thema, aber keines nimmt sich der Sache vollständig an. In Buch eins erfahre ich verblüffend viel über Samt und Seide und wie ich sie nähe, aber kein Wort über Bügeltemperatur oder Leinen. Dazu brauche ich Buch zwei und drei und vier. Und hier finde ich Constanzes Lexikon viel hilfreicher: statt Bild über Bild von Cloqué und Crêpe zu zeigen, erzählt sie von Herstellungsverfahren, Erscheinungsbild, Historie und vergißt Wasch- und Bügelanweisungen nicht, sogar Nadelstärken empfiehlt sie.

 

 

In Aufmachung und Layout, Größe und Handlichkeit und nicht zuletzt in dem als selbstverständlich vorausgesetzten Anspruch der Hobbyschneiderin, sich auch mit der materialtechnischen Seite des kreativen Prozesses zu befassen, erinnert mich das Buch sehr positiv an meine Handarbeitsbücher aus den 50er/60ern – nicht ohne Grund kam mir Marlene Esser in den Sinn. Über die auch Constanze schon einiges zu erzählen wußte. Dabei kommt Constanze ohne den leicht amüsiert-belehrenden Ton der Genannten aus.

 

 

Zu dem Eindruck der Nostalgie tragen auch die Illustrationen bei: Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die – meiner Meinung nach – viel deutlicher als jede Fotografie das Gewünschte zeigen. Doch obwohl meine Vintageliebe sich mit diesem Büchlein gestreichelt fühlt, es ist ein Lexikon, das auf dem allerneuesten Stand ist. Sollte es jede Hobbyschneiderin besitzen? Ich denke schon …

Stoff und Faden ist im Selbstverlag erschienen, kostet 14,- € und ist über die o.g. Webseiten direkt von Constanze erhältlich; aber auch über Buchhandlungen und Amazon sollte es beziehbar sein.

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Meike Rensch-Bergner – Nählust statt Shoppingfrust

Gestern, kurz vor Mittag, traf das Buch von Frau Crafteln hier ein, doch zu mehr als es einmal durchzublättern und zu befassen, reichte die Zeit nicht aus. Erst am sehr späten Abend nahm ich es wieder zur Hand. Und las es durch bis kurz vor 1:00 Uhr.

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Nählust statt Shoppingfrust: Selber nähen macht glücklich! ist, wie Meike selbst sagt, kein Nähbuch, das sich an uns Hobbyschneiderinnen richtet. Wer also sonst soll angesprochen werden, um was geht es? Im Grunde sind alle Frauen angesprochen, die Interesse an gutsitzender Kleidung haben und es leid sind, frustriert und entnervt aus Umkleidekabinen zu treten. Und das ist ein Gefühl, das wohl die meisten von uns kennen: da hat man sich in ein Kleidungsstück gequält, das gleichzeitig zu kurz, zu eng und zu weit ist und sieht eine fremde Frau vor sich mit Pusteln und strähnigem Haar, die offenbar nur noch Säcke tragen und die Umwelt nicht mit ihrem Anblick verschrecken sollte. Weshalb also nicht endlich damit beginnen, sich Kleidung selbst zu schneidern?

Und so nimmt Meike die Noch-nicht-Näherin bei der Hand und zeigt ihr die Möglichkeiten, nimmt ihr die Angst vorm Lernen und Ausprobieren, verführt sie mit ihrem „Kopfkleiderschrank“ und fordert zum Träumen und Trauen auf. Dabei verschweigt sie auch nicht die Hürden und kleinen Rückschläge, aber lockt weiter mit Selbsterfahrung und Ermächtigung. Doch sie macht nicht nur Werbung für das Nähen, sondern auch fürs Bloggen und fordert die sicher schon fast überzeugte Neu-Näherin dazu auf, sich nicht nur Hilfe im Netz zu suchen, sondern sich zu beteiligen – weiterzugeben, zu teilen, unser Bild von Schönheit umzudefinieren. Und da möchte ich noch einmal persönlich werden:

Vor einiger Zeit einmal stellte Meike bei einer meiner 80er-Jahre-Erinnerungen fest, sie hätte immer wieder einmal das Gefühl, wir müssten wohl die gleiche Schulklasse besucht haben – was wir nicht taten, aber in der Tat fühlt es sich manchmal so an. 68er Jahrgang halt, das verbindet. Und genau dieses Gefühl hatte ich gestern nacht, als ich mit dem Lesen begann. Denn das erste Kapitel sagt mit ihren Worten das, was auch ich immer wieder versuche zu vermitteln – zuletzt in meinem gestrigen Beitrag. Da hatte ich um 23:24 das Gefühl, ich säße bei Baileys und Sambucca mit ihr auf der Couch. Ein guter Grund, um weiter zu lesen. Und ein Grund, weshalb dieses Buch sich dann doch auch an uns, die nähenden, strickenden und lesenden Bloggerinnen richtet: beim Lesen hatte ich schon das Gefühl, dabei auch „eine von uns“ zu unterstützen. Also eine der Frauen, die sich freimachen von scheinbar unüberwindbaren Schönheitsidealen und -regeln und den Mut haben, sich zu zeigen; die freimütig von Mißgeschicken und Glücksmomenten berichten und ihre Entwicklung live dokumentieren. Um diesen Aspekt zu verstärken, haben sich auch andere Bloggerinnen, beispielsweise meine sehr verehrte Dodo, bereit erklärt, über ihre Näh-Erweckung zu berichten.

 

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Aber zurück zum Buch: ist die Leserin also nun überzeugt, so bietet Meike ihr einen simplen A-Linien-Rock als erstes Projekt an und erklärt ihr Schritt für Schritt sowohl die Schnitterstellung wie auch das Nähen des ersten Rockes aus eigener Produktion. Und verführt gleich wieder mit der Andeutung, was sich alles erreichen und zaubern lässt, wenn man nur dranbleibt. All das ist recht kompakt und in hohem Tempo beschrieben, was die Lust, loszulegen, steigert. Wer von uns Freundinnen hat, die immer wieder beteuern, sie könnten derlei nie, dabei gleichzeitig versuchen, uns zum Nähen ihrer Garderobe zu bewegen – nun, bald ist Weihnachten und da kann man der lieben Freundin dieses Bändlein Ermunterung unter den Baum legen.

 

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Was mir gestern nach Eintreffen des Buches als erstes auffiel, waren die Mischung aus Format und Haptik des Buches: während es klassisches Taschenbuchformat hat, ist der Einband fest, die Seiten sind aus einem kräftigeren Papier und die Bindung genäht – wie es dem Thema angemessen ist. Das gefiel mir sehr gut und machte aus diesem Buch genau das Geschenk, das es sein sollte: schön, doch handfest.
Ich hoffe sehr, dass die Buchhändler schlau genug sind, diesen Band nicht nur zu den Handarbeiten zu legen, wo es die eigentliche Zielgruppe – die an Kleidung interessierte Frau mit Shoppingfrust, die ans Selbermachen noch nicht denkt – kaum finden wird. Ganz klar gehört es in die Modeabteilung und auf die Weihnachtstische, die in den nächsten Tage überall entstehen werden.

Nählust statt Shoppingfrust hat gute 150 Seiten und kostet erschwingliche 14,99 €.

Und nur, um einmal zu zeigen, wie schwierig es ist, anständige Buchbilder zu erhalten:

 

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Und wer auf der Suche nach Näh- und Strickliteratur ist, hier habe ich einige Vorschläge.

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Harumi Maruyama – Oberteil-Grundschnittvariationen

Ich denke, wie gut man dieses Buch findet, hängt von den Erwartungen ab, die man beim Kauf gehabt hat. Das gilt sicher für viele Käufe, aber im Bereich Sachbuch ist es mir noch nie so stark aufgefallen wie bei diesem hier.
Als ich Oberteil-Grundschnittvariationen von Harumi Maruyama als Neuankündigung bei dem von mir regelmäßig gestalkten Stiebner-Verlag entdeckte, wollte ich es sofort in Händen halten. Nun ließe sich ja von unberufener Seite einwenden, ich habe schon ausreichend Literatur zum Thema Schnittkonstruktion (so wie es beispielsweise der Gatte tat in sträflichem Leichtsinn). In der Tat, ein kurzer Gang vom Sofa zum Fachregal ergibt: es sind 41 Bücher von 1908 bis heute. Das mag dem genannten Unberufenem viel erscheinen. Wir wissen es besser. Denn das Geheimnis einer größeren Auswahl ist die Tatsache, dass sich in jedem guten Buch zumindest ein Satz, eine Erklärung findet, die alles bislang nicht Verstandene erleuchtet und erhellt. Dieser wunderbare Moment, wenn man ein Buch durchblättert, an einer Stelle hängen bleibt, diese drei- bis viermal durchliest, weil endlich eine neue Welt des Verstehens sich aufgetan hat. Ja, das ist pathetisch, aber es ist ja auch ein großer Moment. Und so sind 41 Sätze nicht viel und kaum ausreichend. Dazu muss man auch ein wenig verstehen, wie ich gestrickt bin: grundsätzlich gehe ich davon aus, dass ich nichts weiß. Bücher, die mir nichts neues zeigen, enttäuschen mich daher zutiefst und so bin ich immer auf der Suche nach dem nächsten Buch.

Gut, zurück zum Thema. So sah ich den neuen Titel und wollte das Buch besitzen und hatte es einen Tag, nachdem es veröffentlicht wurde. Was mir gar nicht aufgefallen war: es kommt mit Schnittmuster. Normalerweise interessieren mich fertige Schnitte nicht, aber in diesem Fall war das anders. Denn ebenso wie bei den Mrs. Stylebook-Magazinen, den Pattern Magic-Bänden und einigen anderen Japanbüchern ist der zugrunde liegende Basisschnitt der Grundschnitt des Bunka Fashion College in Tokio, in dem einige bekannte Designer gelernt haben. Wer sich mit Schnittkonstruktion beschäftigt und dazu im Internet gesucht und gewühlt hat, kommt an Bunka nicht vorbei.
Nun habe ich schon mit einigen Methoden herumgetändelt (für Anfänger finde ich Metric Pattern Cutting for Women’s Wear von Aldrich sehr geeignet, weil es klar, knapp und einfach ist); einige weisen schon mit dem ersten Probemodell ein gutes Ergebnis auf (Aldrich, Pepin), andere haben für mich gar nicht funktioniert (Hofenbitzer oder Apparel Making in Fashion Design, die an mir zu schlecht saßen, um sie gut anpassen zu können). Vom Bunkaschnitt ließ ich die Finger: zum einen aus Faulheit, denn der Grundschnitt wird mit 10 Abnähern dem Oberkörper angepasst und zum anderen aus der Erfahrung heraus, dass Schnitte, deren Proportion allein aus der Oberweite abgeleitet wird, an mir nicht funktionierten – schmaler, gerader Brustkorb und größerer Busen führten in der Regel zur sackigen Katastrophe.

Andererseits sahen die Ergebnisse oft sehr überzeugend aus und als ich den Schnittbogen entdeckte und diesen in für japanische Verhältnisse riesigen Größen (bis 104 cm Brustweite, während die Obergrenze bei japanischen Schnitten oft schon bei 86 cm liegt), war klar: ich erstelle mir einen neuen Grundschnitt für die moderne Linie, die ich zur Zeit verfolge, denn lässige Schnitte aus einem eng anliegenden Vintageblock zu entwickeln ist nervtötend. Und ich würde nicht zeichnen müssen, sondern nur kopieren. Bevor ich nun aber endgültig abdrifte: trotz komplett anderem Schnittaufbau war der erste Versuch so gut, dass nur kleine Änderungen an Schulter, Brust und Hüfte nötig waren, um daraus passendes abzuleiten. Und damit hatte dieses Buch schon seine Daseinsberechtigung in meinem Regal bewiesen.

Allerdings hatte ich etwas vollkommen anderes erwartet, als das, was ich bekam. Grundlagenbücher gibt es viele, aber wenige Bücher beschäftigen sich mit Abwandlungen, die zu wirklich tragbaren und modernen Kleidungsstücken führen. Und genau das suggerierte mir der Titel: ein bißchen Grundschnitt und dann viele Varianten, die mir die eigene Designarbeit abnehmen würden. Und das tut dieses Buch nicht. Die einzigen vorgestellten Modelle sind die fünf, die schon auf dem Deckblatt zu sehen sind und sie sind nur als Beispiel vorgestellt für die vielen Möglichkeiten, die man hat, wenn man sich auf das Selbstkonstruieren einlässt.

Was aber bietet es nun? Zwar nicht das von mir Erwartete, aber dafür viel mehr als das. Auch hier finde ich die üblichen Abnäherverlegungen, die verschiedenen Ärmel-und Kragenvarianten und den Weg dorthin. Aber ich bekomme nicht nur die schematische Aufstellung, sondern ich sehe auch jede Variante in ihrer Nesselform, was bei der Entscheidung „Wie soll mein Teil aussehen?“ sehr hilft.

 

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Für mich aber noch viel interessanter waren die einzelnen Variationen der Variationen (sozusagen). Je nachdem, aus welchem Jahrzehnt meine Anleitung stammt, wird die Konstruktion erfolgen: sehr enganliegend, betont locker, klassisch, bieder, ausgefallen und wird meinem Schnitt eine Anmutung verleihen, die so vielleicht nicht gewollt war. Was Frau Maruyama hier an Beispielen zeigt:

 

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Beispielsweise ein schlichter Stehkragen: wie wird er sitzen, wie wirken, wenn die Neigung der vorderen Mitte erhöht wird? Die meisten Konstruktionsbücher bieten nur eine Variante, hier sehe ich verschiedene Möglichkeiten nebeneinander, was mir mehr Freiheit verschafft, eigene Vorstellungen umzusetzen. Ebenso zeigt sie das für Ärmel oder auch für unterschiedliche Stoffe:

 

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Wer nun schon eine stattliche Sammlung der Mrs. Stylebook-Magazine besitzt und fließend japanisch spricht, wird sicherlich vieles wiedererkennen und kann sich dieses Buch sparen, das im Prinzip all diese Erkenntnisse zusammenfasst. Da diese Magazine aber sehr teuer sind und direkt aus Japan bestellt werden müssen, ist es unwahrscheinlich, dass hier allzu viele von uns schon ausreichend versorgt sind. (Außerdem siehe oben: ausreichend gibt es ja nicht)

 

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Das Buch ist vom Aufbau wohl an Selbstlerner gerichtet, die sich in mehreren Lektionen (oder Stunden, wie es hier genannt wird) das nötige Wissen zum Erstellen eigener Kreationen aneignen möchten – die Reihenfolge finde ich persönlich oft seltsam. Aber es zwingt mich ja keiner, es in der vorgesehenen Reihenfolge zu verwenden, zumal das hier vermittelte Wissen mir ja nicht neu ist. Nur erhellender.

So gibt es einige Seiten, die zeigen sollen, wie ich verschiedene Elemente zu einem einheitlichen Ganzen zusammenstelle – allerdings ist dieser Teil so knapp gehalten, dass er einer reinen Anfängerin mehr eine Ahnung als wirkliches Können vermitteln kann. Danach folgen die schon erwähnten fünf Modelle und im Anschluß geht es noch einmal um die eigentliche Konstruktion, falls man mit den eigenen Maßen nicht in die fertigen Schnittmuster passen sollte; auch die verwendeten Begriffe werden nun genau erklärt und schematisch dargestellt.

 

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Nun, ich habe lange und viel geschrieben (was auch daran liegt, dass das kleine Kind seit zwei Stunden mit einem Freund lauthals am Computer Städte baut und zerstört und ich mich mit musikbeschallten Kopfhörern zurück gezogen habe und nichts besseres zu tun hatte, als zu erzählen …) und es wird Zeit für ein Fazit. Da kehre ich zum Anfang zurück: wie zufrieden euch dieses Buch machen wird, hängt davon ab, was ihr von dem Buch wollt.

Wer einen eher entspannten Look kreieren und möglichst viel Kontrolle über das Endergebnis schon bei der Konstruktion haben möchte, wird bestimmt sehr zufrieden mit diesem Neuzugang sein. Wer sich lieber an genaue Vorgaben hält und nach Modellanleitungen sucht, wird sicherlich enttäuscht werden. Für mich war es ein Buch, dass mich in seinem Aufbau überrascht hat und von dem ich nicht weiß, wie ich zuvor ohne es auskam. Es kam zur rechten Zeit; im letzten Jahr hätte es mir sicher nicht so viel bedeutet. Ihr seht, ich bin so subjektiv, wie es nur gehen kann.

Oberteil-Grundschnittvariationen von Harumi Maruyama ist im Stiebner-Verlag erschienen und liegt mit 29,90 im mittlerem Preisbereich, behandelt dabei aber ausschließlich Oberteile.

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Joi Mahon – Die perfekte Passform

0334Lasst mich ausnahmsweise mit dem Fazit beginnen: Ich stehe diesem Buch unschlüssig gegenüber und bin nicht sicher, wem ich es am ehesten empfehlen würde …

Die perfekte Passform: Maßnehmen und Schnittkorrektur in der Praxis ist eines der Bücher, an denen ich nicht vorbei gehen konnte – und entgegen jede Erwartung: das kann ich. Für mich muss ein Buch immer schon sinnlich sein: es muss mich nicht nur mit seinem Inhalt, sondern auch mit seiner Sprache, seiner An-Sprache überzeugen und das erwarte ich auch von einem Sach- und Fachbuch.
Und da punktet das Buch von Joi Mahon auf alle Fälle: es ist auf amerikanische Art sympathisch, freundlich und motivierend. Typisch amerikanisch auch, dass hier aus einer nicht unbekannten Weise, Schnitte anzupassen, eine von der Autorin persönlich entwickelte Methode wird; eigentlich ist es eher ein neu erfundenes Rad, aber wenn der Weg zum Erfolg führt, soll es mir recht sein. Aber ihr seht: hier setzt meine Ambivalenz schon ein und ambivalent bleibe ich auch nach zweimaligem Durchlesen.

Joi Mahon ist eine studierte Modedesignerin, die seit ihrem 13. Lebensjahr näht und in allen möglichen Bereichen gearbeitet hat. Sie hat eine eigene Website (Designer Joi), gibt auch unter Craftsy zwei Passformkurse, die sich beide an Anfänger richten und beide gute Bewertungen erhalten haben, und dazu gibt es einige ihrer Designs unter McCall’s zu erwerben – übrigens dezent vintage-inspiriert, was sich auch in der Bebilderung des Buches zeigt. Also durchaus eine Frau, die weiß, wovon sie spricht. Und das tut sie in einem freundlichen Ton, mit dem sich Problemzonen gut ansprechen lassen.

Im Gegensatz zu den meisten Passformbüchern finden sich in diesem keine Bilder von schlechtsitzender Kleidung, anhand derer wir erkennen können, welcher Fehler wo und wie sichtbar ist und wie man ihn behebt. Zwar empfiehlt auch Joi das Nähen eines Probeteils und dessen Anpassung, aber ihre Methode besteht vor allem darin, erst sich selbst und dann den Schnitt gründlich zu vermessen, um ihn dann noch vor dem Zuschnitt anzupassen.

Nun habe ich schon oft in Blogs gesehen und gelesen, dass Schnitte genäht wurden, die als fertiges Kleidungsstück vorne und hinten nicht saßen und die Hobbyschneiderin unglücklich auf das Ergebnis blickte. Meist sind es Nähanfängerinnen, die sich Änderungen noch nicht zutrauten oder – so erinnere ich mich an meine ersten Versuche – gar nicht erst auf die Idee kamen, sie selbst könnten und dürften Hand anlegen an das Werk der Profis. Genau hier setzt das Buch ein: kontrolliere deinen Schnitt, bevor du in Papier und Schnitt schneidest, und dein Ergebnis wird dich überzeugen. Ich wünschte durchaus, ich hätte dieses Buch in Händen gehabt, nachdem ich die ersten zwei an mir herunterrutschenden Röcke fabriziert hatte – das hätte mich schneller und glücklicher nach vorne gebracht. Insofern kann ich sagen: für die gerne erwähnte „ambitionierte Nähanfängerin“ empfehle ich dieses Büchlein uneingeschränkt.

 

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Was mich aber so ambivalent zurück lässt, sind zwei Dinge: zum Einen gibt es einen nicht kleinen Teil, der sich mit der Anpassung der Figur an den Schnitt beschäftigt. Ja, das habt ihr richtig gelesen. Auf der einen Seite finde ich es sehr lobenswert, auch wirkliche Problemfiguren mit Buckel und einseitiger Hüfte zu bedenken und da auch klar zu sagen, dass das Anpassen des Schnittes an die Figur dazu führen kann, dass die ungünstige Figur negativ betont werden kann. Auf der anderen Seite tue ich mich durchaus schwer damit, für jedes nicht perfekte Körperteil mit Auspolsterungen zu arbeiten. Vielleicht bin ich da überempfindlich, aber ich fühlte mich dabei ein klein wenig unwohl – es klingt so sehr nach genormter Schönheit. Andererseits: schaue ich mir Bilder von Joi an, so ist sie eine attraktive Frau mit verrückter Frisur und zwei Kilo mehr auf den Hüften, also dürfe die Gefahr, dass hier ein enges Schönheitsideal propagiert werden soll, äußerst gering. Vielleicht fiel es mir auch nur auf, weil ich wußte, ich würde dieses Buch rezensieren wollen.

Ansonsten aber geht Joi sehr intensiv auf jede nur mögliche Änderung ein und zeigt diese in großen schematischen Darstellungen, wie sie viele andere Bücher zu dem Thema vermissen lassen. Aber auch hier fehlt mir etwas: wenn es darum geht, überhaupt erst zu erkennen, dass es ein Problem mit der Passform gibt, muss die Hobbyschneiderin schon ein gutes Gefühl und Wissen besitzen – denn woran sie erkennt, dass ein Schnitt doch mehr Weite oder Länge braucht, das erfährt sie in diesem Buch nicht. Natürlich lässt sich vieles anhanden der genommen Maße ableiten, aber einer der schwierigsten Lernprozesse (zumindest für mich) war das Erkennen für die richtige Bequemlichkeits- oder auch Designzugabe; die lässt sich durch reines Messen nur schlecht erkennen. Joi gibt das auch zu, aber verweist da auf das Nähen eines Probemodells, das immerhin durch die zuvor vorgenommen Änderungen besser sitzen dürfte als ein Modell, das ohne Anpassungen herunter genäht wurde. Erforderliche weitere Änderungen dürften dadurch leichter zu erkennen sein, unter Umständen auch die nötige Mehrweite oder -länge.

Und so bin ich also weiterhin ambivalent: thematisch ist es ein Anfängerinnenbuch und zwar ein sehr gutes und angenehmes. Was das sichere Arbeiten mit dieser Methode anbelangt, sollte die Anfängerin allerdings nicht nur ambitioniert, sondern auch schon an dem Punkt sein, an dem sie Passformmängel sicher erkennt. Wer nun allerdings sich selbst erkennt in dem Fakt, dass neue Kleidung mit Begeisterung genäht, dass neue Schnittmuster mit der Hoffnung auf perfekte Passform zugeschnitten werden – wer dann etwas traurig vor dem Spiegel steht und sich über falsch laufende Abnäher, zu enge Taillennähte oder zu tiefe Armlöcher ärgert: nun, dann ist dieses Buch das absolut richtige, um sich weiter zu trauen und die ganz argen Ärgernisse zu vermeiden.

Die perfekte Passform ist wieder einmal in einem meiner Lieblingsfachverlage – stiebner – erschienen und kostet günstige 14,90 – was ja mal richtig schön ist 😀

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