Die Wahrheit lässt sich nicht abbilden

1886
Von mir nicht, von meiner Kamera nicht. Ich bin eh schon übelster Laune, weil ich keine meiner anstehenden Aufgaben ohne eine funktionierende Internetverbindung erledigen kann. Heute nachmittag erwarte ich den Techniker, der alles retten und verbessern soll. Noch sind meine Hoffnungen hoch …

Dass diese meine Laune vielleicht nicht die beste Ausgangslage darstellt, um Bilder von einem der neuen Kleider zu knipsen – hätte ich darüber nachgedacht, so wäre es mir aufgefallen. Da ich mich aber habe überreden lassen, an den nächsten zwei Vormittagen zu arbeiten, bleibt mir gar nicht so viel Zeit in dieser Woche wie angenommen. Also ging es los. Und zwar gleich gut und richtig: alles verschwommen und verzerrt. Egal, mit welcher Einstellung, egal, ob mit Blitz oder ohne und auch egal, ob die Schneiderpuppe als Platzhalter für die Schärfeeinstellung fungierte oder nicht. Zwei erkennbare Bilder kamen heraus. Dann erst einmal Einkäufe erledigen und danach mit der Kamera noch einmal an den alten Platz umziehen. Brachte auch nicht mehr außer einer mirakulösen Vermehrung meiner Haarpracht durch seltsamen Schattenwurf im Blitzlicht – eine 60er-Jahre-Betonfrisur scheine ich zu haben, die hält, ob es regnet, stürmt oder schneit. Oder ein Klavier drauf fällt. Nach insgesamt 45 Bildern blieben 5, mit denen ich einigermaßen leben kann und auf denen man irgendetwas sehen kann. Erkennen wäre zu viel gesagt. Dass meine Stimmung sich seitdem gehoben hätte, kann ich nicht behaupten; ja, ich vermute sogar, dass ich ein wenig Mißmut und Unlust austrahle.

27115

Was mich aber wirklich ärgert: man kann wirklich nicht sehen, dass es ein hübsches Kleid ist. Man kann nicht einmal ahnen, dass es mir vielleicht doch steht. Stattdessen kann man ahnen, dass ich in der letzten Woche älter geworden bin; man darf sich wundern, wie ich es dabei auf mehr als ein Jahr plus bringen konnte. Was man vielleicht sehen kann, sind die kleinen Fehler des Grundschnittes, die ich dank dieses Kleides erkennen und ausmerzen konnte:

Ich hatte ja im letzten Jahr sehr lange am neuen Grundschnitt gebastelt und wollte dabei vor allem mein Uralt-Problem loswerden: die Falten im Rücken und der seltsame hängende Hinterrock. Dabei hatte ich dann ALLES, vom Vorderteil bis zum Rock an den Rücken angepasst und dabei in Kauf genommen, dass die genähte Taille höher war als die figürliche. Als ich die 62 kg hatte, saß sie ja auch ein wenig höher. Nun schwanke ich wieder zwischen 59 und 60,5 kg und sie sitzt tiefer. Über einen Zentimeter tiefer. Schön konnte man das auch beim dunkelblauen Kleid mit dem Pünktcheneinsatz sehen, dass dadurch fast schon eine A-Linienform bekam.

Wie nun auch immer, ich erwarte sekündlich (hahaha) den rettenden Engel und werde nun für die Brut ein Essen zubereiten, bevor ich mich an ein echtes Frühlingskleid setze. Mittlerweile hätte ich noch vier weitere fertige Teile zu zeigen, aber ich gefalle mir auf diesen Bildern gerade so wenig, dass meine Motivation kurz und knapp unter Null liegt. So eitel bin ich denn doch. Diesmal siegte noch das schlechte Gewissen …

Diese Beiträge könnten dich interessieren: