Emma Schumacher

Lasst mich euch von Emma erzählen, denn sie ist der Grund, weshalb ich den Blog gar grausam-gräßlich vernachlässige. Gut, auch die Sommerferien und meine Schnittzeichnungsunlust tragen dazu bei, aber hauptsächlich ist es doch diese junge Dame, die mich abhält. Zwar trage ich sie seit zehn Jahren schon mit mir herum, doch erst nun hatte sie es satt, brav und still im Hintergrund zu warten, und so drängte sie sich ungewohnt tatkräftig in den Vordergrund.


Emma kam am 31. Oktober 1906 auf diese Welt. Diese Welt, das bedeutete für die Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer englischen Adeligen das Bonn der Kaiserzeit, einer recht reichen Stadt mit einer renommierten Universität, vielen Pensionären und viel Natur um sich herum. Keine sich weit ausdehnende Stadt, doch eine, deren Ursprünge zwei Jahrtausende zurückreicht und in der die Streitereien kleiner und großer Herrscher immer schnell ihre Auswirkungen zeigten; egal, ob es sich um Deutsche (oder was man aus der heutigen Sicht als Deutsch empfinden mag) und Franzosen handelte oder um Katholiken und Protestanten. Oft war Bonn  gestümrt und besetzt, niedergebrannt und zertrümmert worden, doch noch immer stand es. Und seine Bürger standen gut da, im Großen und Ganzen, wenn man nicht eben das Pech hatte, der Unterschicht mit ihren Tagelöhnern, Dienstmägden und Knechten anzugehören. Ein selbstbewußtes Bürgertum, dass weder der höheren Bildung noch dem Handel abgeneigt war, bestimmte die Geschicke der Stadt.

Und aus solch einer bürgerlichen Familie stammte Emmas Vater her, von dem ich nun noch nicht zu viel erzählen mag. Man hatte es zu einem gewissen und soliden Wohlstand gebracht; ein Haus in der Arndtstraße 13 a bewohnte die Familie, zu der außerdem die Schwester des Professors zählte, deren Unterhalt man sich leisten konnte.

Emmas Mutter hingegen, deutlich jünger als ihr Gatte, kam aus dem englischen Landadel; auf einer ihrer Reisen, die sie gegen den Willen ihres Vaters unternahm, lernte sie den Professor kennen und blieb in Bonn, um nach einigen kinderlosen Jahren Emmas Mutter zu werden.

Emma wuchs heran, glücklich, zufrieden, geliebt. Der Erste Weltkrieg brach aus; auch in Bonn war er gegenwärtig. Oft gab es Luftalarm, doch nie, nicht einmal, fielen Bomben, nur selten war Feindflieger zu sehen. Die Versorgung der Bürger mit Nahrungsmitteln war schlecht und zu allem Überfluß brach auch die Spanische Grippe aus, die viele Opfer verlangte. Auch Emma steckte sich an und wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod. Endlich, kurz vor ihrem 12. Geburtstag, erholte sie sich langsam. Ihre Mutter suchte an Schmuck zusammen, was sie finden konnte und machte sich am 31. Oktober 1918 auf den Weg in die nahe Innenstadt, wo sie Zutaten für Emmas “Geburtstags- und Genesungskuchen” eintauschen wollte. Sie bekam alles, was sie benötigte und freute sich, ihrer Tochter einen herrlichen Tag zu bereiten.

Wieder ertönte der Fliegeralarm, als sie eben über den Friedensplatz ging; keiner der anderen Passanten schaute auch nur in den Himmel – längst hatten sich die Bonner daran gewöhnt, den Alarm zu ignorieren. Doch an diesem Tag verirrten sich einige englische Flieger und warfen die erste und einzige Bombe auf Bonn. Emmas Geburtstag war der Todestag ihrer Mutter.

Nach Kriegsende gab der Professor seine Tochter zu seiner Schwiegermutter nach England; so sehr hatte  diese darum gebeten und ihm dargelegt, wie ungeeignet ein alter Mann für die Erziehung einer jungen Dame sei.  So wuchs Emma in London und Edinburgh heran, wo ihre Großmutter ein Haus besaß, das ihr Bruder ihr überlassen hatte. Und sehr beschützt wuchs sie heran, die Freiheiten der Zwanziger erfuhr sie nur durch Zeitschriften und Bücher.

Emma war eine zierlich-schmale Person mit langen, dunkelroten Locken, sicherlich nicht häßlich und vielleicht sogar hübscher, als sie selbst er erkennen konnte. Aber still, schüchtern und zurückhaltend war sie und es ist nicht klar, ob sie so ruhig war, weil sie überall ein wenig fremd war oder ob sie sich überall fremd fühlte, weil sie eine so in sich gekehrte Persönlichkeit besaß. Doch ihre mitunter linkische Schüchternheit sollte nicht täuschen: Ihre Gedanken und Urteile waren alles andere als schüchtern. Wessen sie sich oft genug schämte. Was wiederum oft zu fleckig-roten Wangen führte – ihr ständiges Erröten quälte Emma. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb sie meist lieber zu Boden schaut, als aufrecht ihre Meinung zu äußern. Nicht, dass sie zu Widerspruch und Störrischkeit erzogen worden wäre; eine Dame bemüht sich stets, ihre Gedanken zu verbergen und ihre Gefühle ebenso. Doch Emma kommt nach ihrer Mama, was sie selbst noch nicht so recht entdeckt hat. Erst kurz vor ihrem 20. Geburtstag beginnt ihre Reise zu sich selbst.


Weshalb erzähle ich euch  das? 

Zum Einen aus dem oben genannten Grund: Diese junge Dame beschäftigt mich sehr stark in den letzten Wochen und so bin ich kaum noch hier in meinem virtuellen Wohnzimme. Zum Anderen schadet es ja nicht, eine Hintergrundgeschichte laut und öffentlich zu notieren – das Fräulein Schumacher bekommt nun also endlich ihren Willen und darf die Hauptperson in meiner Geschichte sein. Seltsamerweise ist diese stille und unsicher Spätzünderin die Heldin eines Krimis. Oder, wie ich es eben behaupte, eines sanften Kriminalromans.

Vermutlich hätte Emma noch immer keine Chance auf Körperlichkeit, hätte mich der Topp-Verlag nicht im letzten Jahr um Texte gebeten – das hat mir einen Schubs gegeben, um den ich sehr dankbar bin. Wenn ich auch noch nicht weiß, was daraus wird, so ist das Emma – Schreiben doch eine ganz wunderbare Erfahrung, die zumindest der Gatte schon so ernst nimmt, dass er über den wirklich massiv vernachlässigten Haushalt hinweg sieht. Auch über meine Augenringe, denn mittlerweile ist mein Tagesablauf so weit verschoben, dass ich kaum mehr als fünf Stunden am Tag schlafe – so sehr renne ich all meinen Aufgaben und Wünschen hinterher: Die Hunde bekommen kurze Runden (obwohl, selbst darauf haben die beiden meist keine Lust – dem einen ist zu heiß, wenn es trocken ist, dem anderen zu nass, wenn es kühler ist – hoffnungslos, denn wenn der eine nicht rausmag, will der andere auch nicht und das passt mir gerade viel zu gut, um sie zu zwingen.), die Söhne nix zu essen (was auch daran liegt, dass er eine nur draußen mit seinen hypercoolen Freunden unterwegs ist und der andere schläft und liest und spielt und so kaum etwas braucht. Und vor halbeins bekomme ich sie eh selten zu Gesicht – also, auch das passt mir gerade in den Kram) und ich kurbele mein eh schon minimales Sportprogramm alle zwei Tage in zwanzig Minuten herunter.

ABER dafür habe ich gute zwei Drittel meiner Geschichte geschrieben, ein Viertel ist überarbeitet und korrigiert. Und ich liebe es. Drei, vier Damen durften reinlesen, in ganz unterschiedlichen Bearbeitungsstadien und die beste Freundin bekommt jeden Tag die letzten Ergüsse am Telefon vorgetragen.

Was soll daraus werden? Immer mehr stelle ich fest, dass ich vermutlich auf Agentur- und Verlagssuche keine Lust habe. Weil ich ungeduldig bin, nicht gut im Team arbeite und auch, weil ich mich ja nicht wirklich als Berufsschriftstellerin sehen kann. Und dann ruft auch das Softwarherumspiel-Mädel laut in mir, dass selbst veröffentlichen bestimmt Spaß macht und spannend ist.

Leider steht auch der Snob in mir auf und weist auf die wirklich vielen sehr – nunja – befremdlichen Erzeugnisse, die zu finden sind und fragt mich, ob ich wirklich zu denen gehören möchte, die egal wie, Ihr Geschreibsel irgendwem unter  die Nase schieben müssen.

Dann mischt sich die Leseratte ein und deutet auf zwei Krimireihen, die ich in den letzten Monaten mit Wonne verschlang – und die mir nun erst als selbstveröffentlicht auffielen. Die kleine Ratte warf mir auch drei Bücher vor die Füße, die ich nach zehn Seiten genervt auf Seite legte : Aus guten Verlagen, die aber offenbar gar kein Interesse mehr am korrigieren oder gar lektorieren haben. Ich beispielsweise hasse es, wenn der Autor mich für dämlich hält und mir jede Gefühlsregung jeder Person haarklein und komplett daneben schildert. Also so was in etwa:

“Nein!!!! Nein!!!”, schrie sie laut. Sie schüttelte sich, rollte mit den Augen, als sie in die Zitrone biss. Die Zitrone war sehr sauer und sie schmeckte ihr nicht. Lachend kam er auf sie zu, zog sie zärtlich in die Arme und küsste sie leidenschaftlich.

“Schatz, ich werde auf ewiglich auf dich achten und in Zukunft jede Zitrone mannhaft niedermetzeln, die deinen Weg zu kreuzen wagt!”, so flüsterte er zärtlich und sprach in ihr Ohr, mit dem sie ihn zu hören glaubte. Dann machte sie sich frei, als wolle sie nicht in seinen Armen liegen, und verlangte gebieterisch: “Dudeldu, mein Schnuckelprinzchen, magst du mir nicht vielleicht ein supersüßes niedliches weißes Schimmelchen schenken?”

Ihre jungfräulichen Wangen überzogen sich  rosa, während ihr Eisesblick sich wie ein blutroter Speer in sein pochendes Herz bohrte. Er ergab sich mannhaft und stapfte zögerlich durch den gefrorenen Schnee, dessen Eiskristalle wie Diamanten funkelten, die Frau Holle munter aus ihrem Bettzeug geschüttelt haben musste. Beeilen wollte er sich, um der Herzensdame ihre kleinen Wünsche zu erfüllen und schlurfte los. usw usw usw.

Ich mag mich täuschen und ich mag mit diesem Text übertreiben, aber hallo? Aber ihr dürft nun gerne die Augenbrauen hochziehen und fragen, ob ich denn glaube, das besser zu können? Und ich antworte ehrlich: Irgendwie schon, aber vielleicht auch nicht.

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7 thoughts on “Emma Schumacher”

  • alles klar 😉 Ich dachte schon Du wärest von etlichen Krankheiten geplagt, gut dass es nicht so ist!

    Zum Thema -> wieso denn nicht ein wenig von allem sein, und doch mit einem Verlag versuchen? (jaja, ich bin von allem doch der Snob, schon immer gewesen) Wenn es nicht klappt, kann man das Buch doch immer noch selbst verlegen, oder?

    • Aus einem ganz einfachen Grund: Selbst, wenn es klappen sollte und das sogar zügig – das sind dann etwa 2-4 Jahre, bis es erhältlich wäre. Die Chancen dafür liegen angeblich bei 1%…
      Ich bin ehrlich nicht sicher, dass ich, während ich auf Antwort warte, weiter schreiben würde und wollte, aber genau darauf habe ich Lust.

      • verstehe … ich dachte wahrlich nicht dass die zeitlichen Dimensionen so … großzügig sind …
        Dann grenzt es auch an einen Wunder dass es noch Menschen gibt die das wagen. Und manche (wieviele Promile sind das?) sogar Erfolg haben …

        Auf das Buch bin ich gespannt 🙂 (in einem gewissen Sinne hast Du jetzt eine Tochter, Tochter des Geistets eben – und die möchte ich unbedingt kennenlernen)
        Selbsverlegen würde also eBook bedeuten? Oder doch bzw. auch Druckbuch?

  • Die Vorstellung von Emma gefällt mir sehr.

    Aber bei dem mitgelieferten Textbeispiel rollten sich spontan meine Zehennägel nach oben, meine sämtlichen Haare standen senkrecht und aus meinem Mund löste sich ein lautes “Ööööööööhhhhhhhhhh!” *lach*

    Du kannst das besser, da bin ich mir absolut sicher! (Und wenn ich irgendwann genügen Muße finde, werde ich mich näher damit beschäftigen!)

    Fühl Dich gedrückt, falls Du magst!

    Lieben Gruß

    Ariana

    • 😀 😀 Ich bin aber jetzt ganz dolle fies beleidigt, gerade eben plante ich noch, ganz groß in das Schmonzettengeschäft einzusteigen 😀

      • Alleine bei der Vorstellung schüttelt es mich schon! 😀 😀

        Wobei meine Kinder mir schon ernsthaft vorgeschlagen hatten, dass ich einen Bestseller in Art der grauen Schattenvielfalt schreiben solle. Nach dem Motto: “Wenn die Leser so blöde sind, dafür zu bezahlen!”

        Sie verstehen nicht wirklich, dass sich alles in mir gegen eine solche Verhunzung meiner Sprache sträubt. Lieber kein Geld, aber EINE gute Kurzgeschichte, als Millionen zu kassieren für etwas, wofür ich mich schämen würde.

        Woran man wieder erkennt, dass ich nicht geschäftstüchtig bin! 😉

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