Frieden schließen – mit mir selbst …

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Frieden wünsche ich ja, wie jeder “Gutmensch”, der ganzen Welt; würden wir uns alle um uns selbst so kümmern wie um andere und um andere so, wie um uns selbst, dann wäre es erreichbar. Klingt etwas kryptisch, dürfte aber urkatholisch sein: in der Kindheit gelernte Kommunionsweisheiten ankern fest und tief im Grund. So sprach unser Pfarrer einmal davon, was Nächstenliebe beinhalte: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” spräche eben nicht nur von der Sorge um andere, sondern auch darum, sich selbst zu schätzen. Nicht höher als andere, aber auch nicht niedriger. Und ich denke, da sind Frauen anfällig: sich selbst zu gering zu schätzen, sich selbst herunter zu machen, an sich selbst zu mäkeln. Ob ich mich mit der Gründerin der Huffingtonpost vergleiche, wenn es um meinen beruflichen Erfolg geht, mit einem Unterwäschen-Model vier Wochen nach der Geburt des Kindes, mit Jil Sander, wenn es um Schnittentwurf geht – ich werde schon immer eine Frau finden, der ich unterlegen sein kann, wenn ich mich nicht gleich mit Maskulinisten gemein mache und alle Frauen für minderwertig halte. Also mal so als Beispiel.

Mir geht es da nicht anders. Wenn mir auch die Meinung anderer in vielen Bereichen herzlich egal ist und war, so gehen diese Meinungen auch an mir nicht spurlos vorbei. Mein bester Feind aber war immer ich selbst. Obwohl ein Teil in mir immer schon fest davon überzeugt war (und ist), dass jede Frau Schönheit besitzt, sofern sie charakterlich anständig ist, obwohl ich aus dieser Überzeugung einen Beruf machte und Glück empfand, wenn ich für unsichere, schüchterne oder unzufriedene Frauen eine Verbesserung ihrer Meinung zu sich selbst erreichte (puh, welch ein Satz), war der andere, kleinere Teil in mir mäkelig: ich liebe Schönheit in jeder Form und an mir selbst konnte ich sie nie sehen. Da schaute der Ästhet in mir, der kalte, fiese Meckerer, an meinem Spiegelbild auf und ab und zuckte verächtlich mit den Schultern. Er gestand mir zu, dass ich ganz ordentliche Grundlagen mitbekommen hätte – lange Beine, ovales Gesicht, zarte, feingliedrige Hände, anmutigen Hals, volle Lippen – aber dass es eine Schande sei, dass ich daraus nichts machen könne: mit der Akne, den fehlenden Kurven an der richtigen Stelle, dem gebärfreudigen Becken, dem Dreimonatsbäuchlein, den Hängelidern, den langweiligen Haaren, den dünnen Waden und spitzen Knien. Da hätte man sich die zwei, drei guten Eigenschaften sparen können, dann wäre es vielleicht alles stimmiger.

Ich denke, ich stand von 13 bis 21 täglich dreimal auf der Waage und hoffte, dass sich all die Chips, die Schokoladen, die Lakritze, Bonbons, belegten Brötchen, Michshakes und Marzipanteilchen endlich einmal bemerkbar machen würden. Ständig stand ich vorm Spiegel und verzweifelte an meiner Dünnheit, an meinen Pickelchen, der blöden Brille und den schiefen Zähnen. Woher das kam? Es kam aus mir heraus. Ich fand mich zu still, zu schüchtern, zu ängstlich, zu dumm. Und nicht schön genug. Models, sie hießen sogar noch Mannequins in meinen Kindertagen, waren kein Thema für mich – Schönheitsvorbilder, wenn ich sie denn hatte, waren eher Filmschönheiten wie Grace Kelly und Audrey Hepburn (beide schlank, aber voller als ich damals – also ein erreichbareres Ideal als Sophia Loren) oder Serienheldinnen wie die Drei Engel für Charlie. Aber auch mit denen verglich ich mich nicht wirklich; nein, eigentlich ging ich sogar davon aus, dass diese Art der Weiblichkeit (tough, schnell, selbstsicher, elegant, klug, gutaussehend) von ganz alleine mit dem Erwachsensein käme.

In mir war ein Bild von Schönheit gewachsen, das sich aus sehr unterschiedlichen Quellen speiste – was es dem größeren Teil in mir wohl möglich machte, Schönheit in jeder Form sehen zu können. Das waren ägyptische Abbildungen von Göttinnen, menschlich wie tierisch; es waren Bilder der Madame de Pompadour oder Reine Margot; es waren Modezeichnungen und Illustrationen der 20er-50er, die ich in den Kinderbüchern meiner Mutter fand; es waren Filme derselben Zeit; es waren Gemälde von Botticelli, Boucher, Monet – all die Dinge, die mich anzogen. Vielleicht sollte ich noch mal erwähnen, dass ich ein sogenanntes Schlüsselkind mit einer Leidenschaft für Bücher und Zeitschriften war: viel Zeit, viel Leidenschaft, viel Phantasie waren vorhanden.

Es ist ein wenig seltsam: ich sitze nun hier und schreibe all das und hatte es doch gar nicht vor. Offenbar ist es nötig, heute, jetzt, hier. Man möchte doch meinen, dass ich nun, 35 Jahre später, aus all meiner Mäkelei und Unzufriedenheit mit mir selbst, herausgewachsen sein dürfte. Sollte. Bin ich auch. Irgendwie. Allerdings ist es mehr eine Akzeptanz des Unabwendbaren gewesen: so bist du halt gebaut, so bist du eben gemacht und hey, das Altwerden gehört eben auch dazu. Ich bin durchaus zufriedener mit mir als noch vor drei Jahren. Aber heute vormittag habe ich etwas bemerkt …

Gestern musste der große Sohn zum Augenarzt. Getropft wurde auch noch, was heißt, wir waren gute zwei Stunden beim Arzt und danach bekam das Kind schulfrei, weil es nichts mehr lesen und schreiben konnte. Was uns nicht davon abhielt, in die Innenstadt zu wandern, um endlich zu frühstücken. Und danach war der Sohn bereit, mit mir durch ein oder zwei Läden zu schauen, eigentlich auf der Suche nach schlichten Unterziehshirts.
Wie es so ist, bekam ich Lust, ein enges Strickkleid zu probieren – wenn das Kind mitmacht. Tat er und er fand das Kleid toll. Dass es komplett transparent war, störte ihn nicht und ich sah es erst heute vormittag. Aber er war so begeistert, dass ich dieses Kleid kaufte – mehr, um ihm eine Freude zu machen als für mich. Er ist sehr stolz auf seine Einkaufsberatung und ich werde den Teufel tun, das zu zerstören. Meine Schwiegertochter wird mich lieben dafür!
Nun, ich warf dieses Kleid heute vormittag schnell über, trat vor den Spiegel und … zweifelte. Was sonst. Es hat ja schon seine Gründe, weshalb ich einen Stilwechsel vornahm: nicht nur Langeweile mit dem bisherigen, sondern auch ein Körper, dessen Form sich zu ändern beginnt: was im Stehen schön und bequem ist, ist es im Sitzen schon länger nicht mehr. Und dieses Kleid nun sitzt doch betonter als vermutet. Und die anderthalb Kilo, die von wer weiß woher zu mir kamen, lassen mich deutlich – wie sagt man so schön in Wechseljahrsnähe? – fraulicher wirken. Nicht weiblicher, nicht femininer: weicher, gerundeter, reifer – eben fraulich …

 

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Der eine Teil in mir sagte: wäre es eine Fremde, so fändest du es völlig ok und sehr weiblich und perfekt gefällt dir eh nicht. Der kleine Teil nölte rum: boah ey, ganz schöne Kiste! Und von der Seite!!! Häng doch wenigstens ‘ne Jacke drüber!

Und dann stand ich da und bemerkte zum ersten Mal, wie unsagbar unverschämt der nölende Ästhet ist, der von Nächstenliebe so gar nichts zu verstehen scheint. Muss ich immer optimal aussehen? Muss ich mich wahrhaftig schämen, wenn ich hinter seinen Ansprüchen zurück bleibe, weil ich diese Ansprüche von Natur aus noch nie erfüllen konnte? Er muss sich wirklich keine Sorgen machen, dass ich mich nun faul in die Ecke fläze und mich gehen lasse, nein, ich halte schon auf mich und tue es meistens gerne – weil es mir gut tut. Aber darf ich mit bald 48 nicht einfach mal ein unglaublich bequemes Kleid tragen, das Pölsterchen nicht verbirgt? Muss ich meine Hüften hassen? Werde ich mich jemals mit meinem Profil nicht nur arrangieren, sondern sagen: Gehört zu mir wie alles andere auch?

 

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Dem Gatten wird es gefallen, wie es wohl so ziemlich jedem Mann gefällt, wenn seine Frau enges trägt – das ist also kein Kriterium (ok, gesehen hat er es noch nicht, vielleicht sollte ich ihn vorwarnen, damit er nichts falsches sagt). Der Sohn ist knapp 11 und hält weibliche “Sieht das nicht blöd an mir aus?”-Fragen für bescheuert. Der jüngere Sohn ist da kritischer: es muss eine unserer Lieblingsfarben sein, damit er ein wohlwollendes Urteil abgibt. Meine Freundinnen gehören eh zu der Sorte, die sich an Kleinigkeiten nicht aufregen und das meiste schön an mir finden – geht mir andersherum ja ebenso; ich bin ja immer wieder überrascht, wie toll die aussehen können, wenn auch Frau Klum anderer Meinung sein dürfte.

Darf ich mir nun also endlich die Erlaubnis geben, auch mich selbst schön zu finden? Nicht nach den Maßstäben des Nölers in mir, sondern so, wie ich andere Frauen auch mit Wohlwollen betrachte? Da entgehen mir “Fehler” ja auch nicht, aber oft genug tragen sie zu dem bei, was ich schätze: individuelle Persönlichkeiten in netter Hülle und mit Ausstrahlung. Sollte ich das Prinzip der Nächstenliebe wirklich endlich nicht nur verstanden, sondern verinnerlicht haben?

 

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Es war übrigens nicht so leicht, diese Bilder zu knipsen: Ich hatte einen Hund ausgiebig gekrault und meine Katzen waren sehr verwirrt. Während ich hier stand, saß Minusch vor dem Laptop und musterte mich streng, Momo hingegen ging mir um die Beine, um den Geruch zu überdecken. Beide patrouillieren nun an den Fenstern, denn irgendwo muss das stinkend-fremde Wesen doch lauern, um uns zu überfallen …

 

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Es geht mir jetzt nicht um Komplimente! Sondern um Selbstakzeptanz – also an Komplimente von dir an dich!

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