Ganz, ganz simpel

Am Freitag ist Zahn Nummer drei gezogen worden und ich habe Aua. Der Kreislauf sprang im Dreieck, wenn er überhaupt hoch kam, ich pendelte zwischen Bett und Sofa und ernähre seitdem von salzigen, weichgekochten Aufguß-Fertiggerichten und Schmerztabletten. Immerhin bin ich seit gestern abend wieder in einer senkrechten Version zu haben – es geht also aufwärts.

Doch zwischendurch, wenn ich stundenlang online war oder brav an einem weiteren Kapitel bastelte, trieb mich der kindliche Übermut; der Gatte nannte es dumm und kindisch und das waren die harmlosesten seiner gemurmelten Worte. Aber ich bin sicher, hier verständnisvollere Mitmenschen zu treffen. Irgendwann hat man das eigene Leid doch so leid, dass man es ignoriert und sich in eine Arbeit stürzt, die ablenkt. Der kreative und intelligente Mensch – Frau genannt – setzt sich dann gerne an die Nähmaschine. Oder? ODER? Eben, vielen Dank!

Am Donnerstag hatte ich einen Schnitt der zweitsimpelsten Sorte nach einer Stylebook-Anleitung gezeichnet und auch schon zugeschnitten (Zuschneiden mit Zahnschmerzen ist nicht zu empfehlen, das weiß ich schon). Und am späten Samstagnachmittag setzte ich mich dann hin und steckte die fünf Teile zusammen, schob sie unter die Nähmaschine, bügelte mehr recht als schlecht und tackerte zu guter Letzt noch den Saum an, der ein klein wenig wellig wurde – nie habe ich behauptet, unter Schmerz und Droge gut nähen zu können, nur, dass ich es trotzdem tat … gebraucht habe ich etwa vier Stunden, was ich ausnahmsweise auf meinen elenden Zustand schieben darf und nicht auf meine nachlassende Geschwindigkeit.

Vermutlich werde ich den Schnitt noch einmal oder zweimal verwenden, weil er sich wunderbar für Stoffreste von etwa einem knappen Meter eignet – oder weniger, wenn die Belege aus einem anderen Stoff geschnitten werden. Es ist im Prinzip ein Rechteck, das mit geformten Armlöchern und angepasster Schulterlinie aufwartet und wie ein überschnittenes T-Shirt wirkt. Der Halsausschnitt könnte etwas breiter und tiefer sein; eine Version mit kleinen Seitenschlitzen wäre ebenfalls nett anzusehen.

Gestern habe ich übrigens einen weiteren Schnitt aus dem selben Magazin gezeichnet und vielleicht fühle ich mich heute nachmittag wieder kindisch und albern genug, um ihn zuzuschneiden. Heute vormittag jedenfalls, nachdem ich mit dem Gatten und den Hunden bis in den Ort hinunter wankte und dort mit zwei Frauenzeitschriften und einem Frühstück belohnt worden war, fühlte ich mich fit und munter genug, um mich vor die Kamera zu werfen und das ganz, ganz simple Top zu knipsen.

 

 

Jo, ne – so viel zu fit und munter … ich versichere, es ist Ibuprofen, das mich in diesen Zustand versetzt. Es ist gar nicht auszudenken, wie ich bekifft gucken würde.

 

 

Das ist doch schon viel netter, nicht wahr? Und ist es nicht wunderbar, dass wellige Säume heutzutage einfach lässig weggesteckt werden können?

 

 

Und immerhin auf einem Bild lässt sich die überschnittene und nach oben gerundete Schulterlinie erahnen. Der Stoff ist ein uralter Rest einer zarten Baumwolle in weiß-hellblauen Webstreifen, der zu eigentlich allem in meiner Garderobe passt.

Was ich euch auch hatte zeigen wollen: Wie sich diese schlichten Schnitte ohne Abnäher verhalten, wenn darunter ein anständiger BH getragen wird – also einer, der hebt und formt und teilt. In meinen Augen sieht das nämlich unglaublich gräßlich aus. Weil ich diese Schnitte aber sehr liebe – sowohl nähend wie auch tragend – habe ich mittlerweile zwei Sorten BH im Schrank. Die formenden für alles Taillierte und die, die eigentlich nur minimal heben (was leider mittlerweile nötig wird, meckermecker) und eher – höhöhö – die Bälle flach halten.

So, und nun – solange die Sonne noch nicht ganz hinter den aufziehenden Wolken verschwunden ist – setze mich mit einem ausgewogenen Nudelgericht in Plastikdose auf den roten Sessel und schreibe an Kapitel 12. Und das hört sich nun wirklich an, als wüßte ich, was ich da tue 😀

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Kommentare

  1. joanna

    Deine Arbeitsecke sieht sehr einladend aus, es wundert mich nicht dass Du schon bei Nummer 12 bist.
    Shirts von dieser Sorte kann man nie zu viel haben (auch wenn der Sommer wohl in andere Gegenden abgezigen ist, meckermecker) und chapeau, dass Du unter Drogen und mit Schmerzen etwas sinnvoles zustande bringen kannst (neidvolles meckermecker)

  2. Du arme!!du tuest mir ja so leid..zahnschmerzen sind echt übel.
    Das teil istschön, aktuell und voll im trend. ich ahbe mir vor kurzem auch sowas simples genäht, allerdings ist es ein kimono mit einem brustabnäher,was selten vorkommt,mir aber mehr gefällt wegen der situation im brustbereich.
    nach welcher ausgabe hast du den top genäht?

    • Michou

      Das müsste das aktuelle Heft sein – vorne ist eine weiße Bluse mit freien Schultern. Morgen mache ich mich vielleicht an eine Bluse aus dem selben Heft, ebenfalls ohne Abnäher, aber mit Ärmeln, auf die ich sehr gespannt bin.

      Kimonotop habe ich bei dir aber noch nicht gesehen, oder? Dafür aber das Zwanzigerkleidchen – sehr hübsch!

      • nein, ich schaffe es kaum zu fotografieren,was ich alles nähe, geschweige vom bloggen:-).aber den top hab ich schon fotografiert. muss noch schreiben. aktuell kriegt meine mum ein teil nach dem anderen. ich bin dann irgendwo dazwischen,trotzem, ich habe irre viel genäht, inkl. dein streifen kleid umgenäht.
        ja,die ausgabe hab ich schon im netz bei russen gesehen:-)
        muss noch ein blick drauf werfen.

        • Michou

          Oh, das Streifenkleid möchte ich aber bald sehen!
          In der Ausgabe habe ich sehr vieles gefunden, was mir gut gefällt und das Top hier ist das erste von den ganz einfachen Schnittformen, die ich getestet habe. Mir gefällt, dass sie noch einfacher wirken, als sie sind. Und schön, dass deine Nählust wohl wieder zurück ist 🙂

  3. Gefällt mir sehr gut das Top, steht Dir gut! Ich mag diese einfachen Schnitte auch gerade ganz gerne und brauche auch unbedingt noch so ein Kimonotop.
    Gute Besserung an die Zähne, Zahnschmerzen sind echt fies.

    LG Rock Gerda

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