Harumi Maruyama – Oberteil-Grundschnittvariationen

Ich denke, wie gut man dieses Buch findet, hängt von den Erwartungen ab, die man beim Kauf gehabt hat. Das gilt sicher für viele Käufe, aber im Bereich Sachbuch ist es mir noch nie so stark aufgefallen wie bei diesem hier.
Als ich Oberteil-Grundschnittvariationen von Harumi Maruyama als Neuankündigung bei dem von mir regelmäßig gestalkten Stiebner-Verlag entdeckte, wollte ich es sofort in Händen halten. Nun ließe sich ja von unberufener Seite einwenden, ich habe schon ausreichend Literatur zum Thema Schnittkonstruktion (so wie es beispielsweise der Gatte tat in sträflichem Leichtsinn). In der Tat, ein kurzer Gang vom Sofa zum Fachregal ergibt: es sind 41 Bücher von 1908 bis heute. Das mag dem genannten Unberufenem viel erscheinen. Wir wissen es besser. Denn das Geheimnis einer größeren Auswahl ist die Tatsache, dass sich in jedem guten Buch zumindest ein Satz, eine Erklärung findet, die alles bislang nicht Verstandene erleuchtet und erhellt. Dieser wunderbare Moment, wenn man ein Buch durchblättert, an einer Stelle hängen bleibt, diese drei- bis viermal durchliest, weil endlich eine neue Welt des Verstehens sich aufgetan hat. Ja, das ist pathetisch, aber es ist ja auch ein großer Moment. Und so sind 41 Sätze nicht viel und kaum ausreichend. Dazu muss man auch ein wenig verstehen, wie ich gestrickt bin: grundsätzlich gehe ich davon aus, dass ich nichts weiß. Bücher, die mir nichts neues zeigen, enttäuschen mich daher zutiefst und so bin ich immer auf der Suche nach dem nächsten Buch.

Gut, zurück zum Thema. So sah ich den neuen Titel und wollte das Buch besitzen und hatte es einen Tag, nachdem es veröffentlicht wurde. Was mir gar nicht aufgefallen war: es kommt mit Schnittmuster. Normalerweise interessieren mich fertige Schnitte nicht, aber in diesem Fall war das anders. Denn ebenso wie bei den Mrs. Stylebook-Magazinen, den Pattern Magic-Bänden und einigen anderen Japanbüchern ist der zugrunde liegende Basisschnitt der Grundschnitt des Bunka Fashion College in Tokio, in dem einige bekannte Designer gelernt haben. Wer sich mit Schnittkonstruktion beschäftigt und dazu im Internet gesucht und gewühlt hat, kommt an Bunka nicht vorbei.
Nun habe ich schon mit einigen Methoden herumgetändelt (für Anfänger finde ich Metric Pattern Cutting for Women’s Wear von Aldrich sehr geeignet, weil es klar, knapp und einfach ist); einige weisen schon mit dem ersten Probemodell ein gutes Ergebnis auf (Aldrich, Pepin), andere haben für mich gar nicht funktioniert (Hofenbitzer oder Apparel Making in Fashion Design, die an mir zu schlecht saßen, um sie gut anpassen zu können). Vom Bunkaschnitt ließ ich die Finger: zum einen aus Faulheit, denn der Grundschnitt wird mit 10 Abnähern dem Oberkörper angepasst und zum anderen aus der Erfahrung heraus, dass Schnitte, deren Proportion allein aus der Oberweite abgeleitet wird, an mir nicht funktionierten – schmaler, gerader Brustkorb und größerer Busen führten in der Regel zur sackigen Katastrophe.

Andererseits sahen die Ergebnisse oft sehr überzeugend aus und als ich den Schnittbogen entdeckte und diesen in für japanische Verhältnisse riesigen Größen (bis 104 cm Brustweite, während die Obergrenze bei japanischen Schnitten oft schon bei 86 cm liegt), war klar: ich erstelle mir einen neuen Grundschnitt für die moderne Linie, die ich zur Zeit verfolge, denn lässige Schnitte aus einem eng anliegenden Vintageblock zu entwickeln ist nervtötend. Und ich würde nicht zeichnen müssen, sondern nur kopieren. Bevor ich nun aber endgültig abdrifte: trotz komplett anderem Schnittaufbau war der erste Versuch so gut, dass nur kleine Änderungen an Schulter, Brust und Hüfte nötig waren, um daraus passendes abzuleiten. Und damit hatte dieses Buch schon seine Daseinsberechtigung in meinem Regal bewiesen.

Allerdings hatte ich etwas vollkommen anderes erwartet, als das, was ich bekam. Grundlagenbücher gibt es viele, aber wenige Bücher beschäftigen sich mit Abwandlungen, die zu wirklich tragbaren und modernen Kleidungsstücken führen. Und genau das suggerierte mir der Titel: ein bißchen Grundschnitt und dann viele Varianten, die mir die eigene Designarbeit abnehmen würden. Und das tut dieses Buch nicht. Die einzigen vorgestellten Modelle sind die fünf, die schon auf dem Deckblatt zu sehen sind und sie sind nur als Beispiel vorgestellt für die vielen Möglichkeiten, die man hat, wenn man sich auf das Selbstkonstruieren einlässt.

Was aber bietet es nun? Zwar nicht das von mir Erwartete, aber dafür viel mehr als das. Auch hier finde ich die üblichen Abnäherverlegungen, die verschiedenen Ärmel-und Kragenvarianten und den Weg dorthin. Aber ich bekomme nicht nur die schematische Aufstellung, sondern ich sehe auch jede Variante in ihrer Nesselform, was bei der Entscheidung „Wie soll mein Teil aussehen?“ sehr hilft.

 

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Für mich aber noch viel interessanter waren die einzelnen Variationen der Variationen (sozusagen). Je nachdem, aus welchem Jahrzehnt meine Anleitung stammt, wird die Konstruktion erfolgen: sehr enganliegend, betont locker, klassisch, bieder, ausgefallen und wird meinem Schnitt eine Anmutung verleihen, die so vielleicht nicht gewollt war. Was Frau Maruyama hier an Beispielen zeigt:

 

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Beispielsweise ein schlichter Stehkragen: wie wird er sitzen, wie wirken, wenn die Neigung der vorderen Mitte erhöht wird? Die meisten Konstruktionsbücher bieten nur eine Variante, hier sehe ich verschiedene Möglichkeiten nebeneinander, was mir mehr Freiheit verschafft, eigene Vorstellungen umzusetzen. Ebenso zeigt sie das für Ärmel oder auch für unterschiedliche Stoffe:

 

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Wer nun schon eine stattliche Sammlung der Mrs. Stylebook-Magazine besitzt und fließend japanisch spricht, wird sicherlich vieles wiedererkennen und kann sich dieses Buch sparen, das im Prinzip all diese Erkenntnisse zusammenfasst. Da diese Magazine aber sehr teuer sind und direkt aus Japan bestellt werden müssen, ist es unwahrscheinlich, dass hier allzu viele von uns schon ausreichend versorgt sind. (Außerdem siehe oben: ausreichend gibt es ja nicht)

 

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Das Buch ist vom Aufbau wohl an Selbstlerner gerichtet, die sich in mehreren Lektionen (oder Stunden, wie es hier genannt wird) das nötige Wissen zum Erstellen eigener Kreationen aneignen möchten – die Reihenfolge finde ich persönlich oft seltsam. Aber es zwingt mich ja keiner, es in der vorgesehenen Reihenfolge zu verwenden, zumal das hier vermittelte Wissen mir ja nicht neu ist. Nur erhellender.

So gibt es einige Seiten, die zeigen sollen, wie ich verschiedene Elemente zu einem einheitlichen Ganzen zusammenstelle – allerdings ist dieser Teil so knapp gehalten, dass er einer reinen Anfängerin mehr eine Ahnung als wirkliches Können vermitteln kann. Danach folgen die schon erwähnten fünf Modelle und im Anschluß geht es noch einmal um die eigentliche Konstruktion, falls man mit den eigenen Maßen nicht in die fertigen Schnittmuster passen sollte; auch die verwendeten Begriffe werden nun genau erklärt und schematisch dargestellt.

 

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Nun, ich habe lange und viel geschrieben (was auch daran liegt, dass das kleine Kind seit zwei Stunden mit einem Freund lauthals am Computer Städte baut und zerstört und ich mich mit musikbeschallten Kopfhörern zurück gezogen habe und nichts besseres zu tun hatte, als zu erzählen …) und es wird Zeit für ein Fazit. Da kehre ich zum Anfang zurück: wie zufrieden euch dieses Buch machen wird, hängt davon ab, was ihr von dem Buch wollt.

Wer einen eher entspannten Look kreieren und möglichst viel Kontrolle über das Endergebnis schon bei der Konstruktion haben möchte, wird bestimmt sehr zufrieden mit diesem Neuzugang sein. Wer sich lieber an genaue Vorgaben hält und nach Modellanleitungen sucht, wird sicherlich enttäuscht werden. Für mich war es ein Buch, dass mich in seinem Aufbau überrascht hat und von dem ich nicht weiß, wie ich zuvor ohne es auskam. Es kam zur rechten Zeit; im letzten Jahr hätte es mir sicher nicht so viel bedeutet. Ihr seht, ich bin so subjektiv, wie es nur gehen kann.

Oberteil-Grundschnittvariationen von Harumi Maruyama ist im Stiebner-Verlag erschienen und liegt mit 29,90 im mittlerem Preisbereich, behandelt dabei aber ausschließlich Oberteile.

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Kommentare

  1. Überzeugt. Ich kauf es. Habe ich doch gerade zum ersten Mal zwei Stylebook Winterhefte bestellt, bekommen und im Ferienhaus begeistert angeschaut (gelesen wäre zu viel gesagt). Gruß Mema

    • Michou

      Auch das aktuelle Heft? Das habe ich auch vor vier Tagen bekommen und ich finde das Buch hier dazu sehr hilfreich, denn die Schemata sind doch nicht immer soooo deutlich (wird schon einen Grund haben, dass die auch beschriftet sind). Ich bin gespannt, wie du das Buch finden wirst – ich denke, es sollte dir entgegen kommen in Aufbau und Anordnung 🙂

    • Michou

      Dann hoffe ich sehr, dass es dir genauso gut gefällt wie mir. Es ist zwar puristisch, aber hilfreich. Und ich habe nun nach diesem (angepassten) Grundschnitt eine Tunika und eine Jacke beendet und bin mit beiden sehr zufrieden 🙂

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