Hilfe! Ich bin ein Freak!

Seit ich meine Schnitte selber mache, hatte ich vergessen oder gar verdrängt, dass ich ein Freak bin. In den nächsten Tagen werde ich dieses glückliche Vergessen wieder mit Mühe und Anstrengung herbei führen müssen. Wieso es mir wieder einfiel?

Mir fehlen im Schrank ja Hosen. Ich benötige sie nicht oft. Nur manchmal, da ist mir danach. Und ich hatte mir versprochen, auch einen Hosengrundschnitt zu erarbeiten. Leider weiß ich schon, wie lange das dauern wird, wie genervt ich sein werde und wie sehr meine Familie darunter wird zu leiden haben. Was also tut man, tue ich dann? Ich greife – bitte jetzt nicht erblassen, verschlucken oder umkippen, es wird gräßlich! – zu einem Fertigschnitt. Da! Jetzt ist es heraus! Wir wischen jetzt mal den umgeschütteten Kaffee von der Tastatur, bevor Schlimmeres geschieht, holen tief Luft und sagen uns, so schlimm sei das nicht. Passiert den Besten unter uns.
Nun bin ich nicht so abgrundtief verdorben, dass ich zu einer schmalen Dreiviertelhose gegriffen hätte – obwohl ich eine solche unbedingt haben möchte – oder mich nach engen schwarzen Lederhosen zurück sehne (was ich immer mal wieder tue), sondern ich habe zu einer weiten Hose mit geradem Bein, hoher Taille und abgesteppten Bundfalten gegriffen – unter allen Hosenschnitten der vielleicht Dankbarste und Unkomplizierteste.

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Gewählt habe ich Simplicity 4044, seit Urzeiten in meinem Bestand und glücklicherweise nie zugeschnitten. Alles brav ausgemessen und dann von Taille in Größe 12 auf Größe 14 gewechselt ab Bauchhöhe. Die Taille um einen Zentimeter erhöht, auf Kniehöhe fünf Zentimeter eingefügt und dann ein Probemodell zusammen gestichelt – nein, Bilder habe ich davon nicht gemacht, aber vielleicht können und wollen Simone, Tina und Arlett bestätigen, dass diese Hose im zerkruschelten, ungebügelten Zustand ganz gut saß. Vielleicht aber haben sie eine halbe Stunde unseres Nachmittags aus ihrem Bewußtsein gestrichen – Gastgeberinnen, die unvermittelt einen Strip – ohne Tease! – hinlegen, sind nicht leicht zu verkraften. Aber ich bekam ein “Los, näh’ die!”.

Wie in letzter Zeit fast schon normal, hat sich der latente Wunsch nach einer weiten Hose (in – ratet mal! – Dunkelblau) in massives Habenwollenmüssen verwandelt, nachdem ich Constanzes Version einer Burdahose gesehen habe:

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Im Heft, das ich sogar besitze, ist mir dieser Schnitt gar nicht besonders aufgefallen, weil mir die zu kurzen Hosenbeine stärker ins Auge stachen als alles andere. Aber bei Constanze fielen mir sofort die Knöpfe und Bundfalte ins Auge – im Grunde nichts als eine raffinierte Schummelei, um einen Seemannslatz vorzutäuschen. Abgesteppte Bundfalten habe ich auch, Knöpfe sind ebenfalls vorhanden und so wird sich Constanze wieder einmal wundern dürfen, dass ich mit einem ähnlichen Modell um die Ecke komme. Hasse mich nicht; es eint uns eben ein sehr ähnlicher Geschmack, dem du immer wieder zuvor kommst 🙂

Warum ich aber ein Freak bin? Weil, nachdem ich schon fünf Zentimeter Mehrlänge zugefügt hatte und den Drei-Zentimeter-Saum nicht umgenäht hatte, feststellen musste, dass es dieser Hose immer noch an Länge fehlt, vor allem mit höheren Schuhen. Der Papierschnitt sieht absolut albern aus, als wolle ich eine Giraffe oder ein junges Fohlen einkleiden. Kein Wunder, dass ich mit Fertigschnitten nicht klarkam: selbst wenn mir das Maßband sagte, da muss noch eine Menge ran, war ich zurückhaltend, das auch zu tun – sooo abnorm kann ich doch gar nicht sein?? Und wirklich groß bin ich auch nicht … aber dieses Mal habe ich mich überwunden und hoffe insgeheim, dass ich diesen Schnitt noch abwandeln kann, um um das Konstruieren wenigstens eines Hosenschnittes herum zu kommen. Meine Geduld ist dafür zur Zeit nicht ausreichend. Also, Daumen drücken!

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