Ich werde jetzt Grinsekatze – und eine Art „Aufruf“ zum Thema Schönheit, Selbstbewußtein und Unsicherheit

Seit einigen Jahren schon habe ich zwar einen Instagram-Account, den ich allerdings nur zum Folgen und Begucken anderer Nutzerinnen angelegt hatte. Da ich auch kein Handy besitze, war ich so ziemlich außen vor, bis der große Sohn – ab nun Leonard genannt – mich fotografierte und der kleine – Tom mit Namen – es ihm gleichtat. Nach der H+H bekam ich einen Riesenpacken an Bildern, auf denen ich mehr oder weniger vorteilhaft zu sehen war. Auch die Bilder meiner Söhne, geschossen in urlaubsentspannten Abhängmomenten, trugen nicht eben zu meinem Wohlbefinden bei: Was mir in den letzten Monaten verstärkt auffiel, war nun deutlich sichtbar. Ich war ganz schön alt geworden. Die Betonung liegt auf „alt“, nicht auf „schön“ …

Und da ich seitdem immer wieder kränkelnd im Bett liege, wirbelten Gedanken, Gefühle und Grübeleien nur so herum in meiner Langeweile. In letzter Zeit las ich immer wieder so viele widersprüchliche Aussagen und Halbsätze von Frauen, die

  • super zufrieden mit sich waren, aber die Umwelt blöd fanden,
  • sich schöner fühlen wollen und an sich arbeiteten,
  • jeden Gedanken an Äußerlichkeiten von sich wiesen, weil sie wahrlich wichtigeres zu tun haben,
  • stolz auf sich sind, aber das nicht zu sagen wagen,
  • gegen Bodyshaming sich engagieren und dann im dritten Satz einer Brandrede von „dürren Hippen“ und „magersüchtigen Pseudojungs“ sprachen,
  • resigniert meinten, sie seien halt häßlich,
  • behaupteten, jede Frau sei schön – wenn sie halt nicht fett und faul sei,
  • sich mochten und selbstbewußt auftraten,
  • zweifelten, grübelten, lachten und weiterlebten.

Der ganz alltägliche Wahnsinn also. Und irgendwie – es mag aber nur mein eigenes, leicht verqueres Empfinden sein – fehlt mir in dem Thema der Blick hinter die Fassade. Wir, die wir in einer nicht ganz kleinen Blase vor uns hinbloggen und uns austauschen, einander lesen und sehen, scheinen uns darauf geeinigt zu haben, dass wir nicht von gängigen, jahrhundertealten Schönheitsidealen abhängig sind, dass wir, die wir uns benähen, uns knipsen und uns zeigen, zu uns stehen und uns nehmen, wie wir sind. Größtenteils verstehen wir uns wohl als emanzipiert, politisch interessiert und dabei eher Mitte-links stehend als CSU-nah. Und wir nehmen uns als tolerant, gebildet und offen war. All das zumindest scheint durch Gespräche, Blogbeiträge, Kurzmitteilungen. Klingt ziemlich klasse, oder?

Wie unzufrieden, wie traurig oder wie unsicher darf eine Solche also eigentlich sein, wenn es um ihr eigenes Äußeres geht? Ein bißchen ist ok, Frauen, die sich ihrer zu sicher sind und ständig betonen, wie toll sie sich finden, sind suspekt und arrogant. Frauen aber, die trotz all ihrer Talente, ihrer Klugheit und ihrer – von anderen so wahrgenommenen – Attraktivität auf einmal loslegen, ihre Weiblichkeit zu tunen und davon erzählen … weshalb hat das soviel Bezug auf uns andere?

Das ist jetzt alles ein wenig Wischi-Waschi, ich weiß und ich befürchte, das hier wird länger. Wann immer ich konkret werden will, spreche ich über mich ganz persönlich. Ein besseres Beispiel, das dazu niemanden außer meiner eigenen Person vorführt, kann ich nicht finden.

Für mich war mein eigenes Äußeres immer ein Thema und selten eines, dass mir Freude bereitet hätte. Irgendwie war ich nicht richtig: Zu dünn, zu picklig, zu still, zu unsportlich. Dass es andere Stimmen gab, die von besseren, kommenden Zeiten für mich sprachen, dass besonders ältere Herren und Frauen, die ich bewunderte, mich „apart“ (auch eines der Worte, die so ganz verloren gehen) nannten, dass man mir Stil und Geschmack attestierte – ja, geschenkt. Ich litt ja nicht an dem Schönheitsideal der Menschen um mich herum, sondern an meinem eigenen.

Irgendwann waren die Pickel weg (weshalb ich noch heute froh bin, die Ausbildung bei der besten aller Schulleiterinnen gemacht zu haben, die die Branche damals kannte), ich wog vier Kilo mehr, die verhasste Brille war gegen Kontaktlinsen eingetauscht und ich leitete eine Schönheitsfarm. Ich kann bis heute das kaum sagen, ohne innerlich zusammen zu zucken und mich wie eine Hochstaplerin zu fühlen. In den sechs Jahren dort bekam ich ausnahmslos positive Rückmeldungen, was meine Arbeit und meine Person anbelangte. Und mein Äußeres.  Ich fand das peinlich, ich fand es schwer auszuhalten, und war die Beziehung zur Kundin freundschaftlich, so konnte ich mich nicht enthalten, zu gestehen, dass ich das ganz anders sähe. Aber irgendwann, mit Mitte 20, stellte ich auf einmal fest, dass all die Komplimente und Nettigkeiten ihre Wirkung nicht verfehlt hatten: Ich war dann doch ganz zufrieden mit mir. Bzw. der Person, die andere sahen. Ich trat recht selbstbewußt auf, bekam die Stellen, auf die ich mich bewarb, lernte die Männer kennen, die ich kennen lernen wollte. Ich huschte nirgendwo hinein, ich trat auf. Alles, solange ich nicht in einem kleineren, nur privaten Kreis auf neue Menschen traf. Dieses Hochstaplergefühl hielt sich hartnäckig.

Dann machte ich mich selbstständig, der Laden lief, ich war Anfang 30 und war komplett mit mir im Reinen. Ja, ich könnte einen runderen Po haben und gerne dickere Waden, weniger Hüfte und geradere Schultern. Aber insgesamt fand ich mich schön und schaue ich mir die Bilder an, dann sehe ich: Ja, ich war schön. Und ich fühlte mich sicher und gut gewappnet gegen alles, was noch kommen würde. Von all meinen Kundinnen jeden Alters hatte ich unglaublich viel gelernt und wenn ich eines nicht wollte, dann weder gegen das Altern mit jedem Mittel anzukämpfen noch einfach nur resigniert Schminkpinsel und schöne Kleidung zu den Akten zu legen. Und das ging gut. Bis …

… bis eben all die Bilder auftauchten von der Messe, geknipst nicht von mir selbst, sondern von anderen. Und ich stellte fest: Es macht mich unendlich traurig, wie mein Gesicht sich verändert. Wie die Wangen einfallen, die Ringe unter den Augen immer dunkler werden, immer mehr Pigmentflecken sich breit machen, das Gewebe absackt, die Lider tiefer und tiefer rutschen und wie sich Make up so gar nicht mehr so verhält, wie ich es will. Und auf einmal identifizierte ich ein Gefühl, das sich in mir breit gemacht hatte über lange Zeit – so selbstverständlich, dass es mich im Griff hatte, noch bevor ich es überhaupt bemerkte hatte: Ich schämte mich.

Scham dafür, dass ich nicht mehr aussehe, wie ich aussah. Nämlich nicht mehr jung. Als ob ich das hätte verhindern können, als ob es noch nie zuvor geschehen sei und als ob es nicht alle betreffen würde, früher oder später. Ich schaute in mein Gesicht und sah all die Schmerzen der letzten Jahre und die Trauer und die Müdigkeit und den Sohnschulstress und die Weltsorgen. Nichts davon hatte ich hergebeten und nichts davon konnte ich wegwischen. Ich ertappte mich dabei, wie schrecklich ich es fände, alten Lieben zu begegnen, die sicherlich drei Kreuze schlagen würden, dass es mit uns nicht geklappt hat. Ich merkte, wie sehr ich darüber nachzudenken begann, wie lange ich dieses oder jenes wohl noch würde tragen können, ohne mich lächerlich zu machen. Ich schaute meine Bilder an und fand eine fremde Frau vor. Fast war ich soweit, mich bei meinem Mann dafür zu entschuldigen, dass ich so schlecht altere und nicht so gut, wie ich es vielleicht erwartet hatte.

Und dann schämte ich mich ein zweites Mal: Ist das nicht super peinlich, super oberflächlich, sich über eine solche Selbstverständlichkeit des Lebens so viele Gedanken zu machen? Immer mal wieder grübelte ich halböffentlich darüber nach, bekam liebe Antworten, die eher auf persönliche Tröstung abzielten als auf Erleuchtung. Ich dachte an all die früheren Kundinnen im Klimakterium, die mir jungen Frau rieten, meine Dreißiger zu genießen als die besten Jahre meines Lebens. Und an all die, die deutlich darüber hinaus waren und mir versicherten, wenn man es erst einmal hinter sich habe, dann sei es wieder toll, weil so viele neue Freiheiten auf einen warteten. Daran habe ich mich in den letzten Jahren immer sehr festgehalten. Tue es noch.

Ganz klar hat für mich wieder eine neue Zeit begonnen – ich hoffe ja weiterhin fest, dass auch der Menstruationsmist bald endlich vorbei sein wird! – und ich habe ja nicht vor, wieder so traurig und mich häßlich fühlend wie in der Pubertät im Kämmerlein zu hocken. Also was tun? In den letzten Tagen habe ich mich getraut, auch die letzten Reste von Eitelkeit beiseite zu schieben und habe Bilder von mir, krank, ungeschminkt, ohne günstigen Winkel und schönes Licht, auf instagram geteilt. So eine Art Konfrontationstherapie könnte man es nennen. Bestimmt hat die Eine oder Andere mit leicht fasziniertem Entsetzen darauf gestarrt. Aber mir hat das in der Tat einen Hauch von noch mehr Freiheit beschert.

Bei all diesen Überlegungen kam ich aber immer wieder zu all den anderen Frauen zurück. Jede empfindet Schönheit anders, jede hat andere Schwächen, andere Unsicherheiten. Wie spielen all diese Dinge in euer Selbstbewußtsein, wie ehrlich könnt ihr mit all dem umgehen? Wirklich ehrlich? Abseits von der scheinbaren Einigkeit? Ich hatte auf fb und twitter mal gefragt, wer Interesse daran hat, Fragen dazu zu beantworten, sich zu zeigen und damit vielen anderen zu helfen. Denn das habe ich in all den Jahren gelernt: Das Äußere spielt immer eine Rolle, auch, wenn es bewußt unwichtig sein soll. Und diese Rolle interessiert mich.

Nun war das ein langer Text, wie es beim freien Schreiben oft vorkommt – in die hoffentlich kommende Serie bringe ich mehr Struktur und darüber würde ich mir gerne mit jeder, die Interesse hat, Gedanken machen. Es soll nicht um ein inszeniertes Selbstbild gehen, sondern um den Blick dahinter – der fast immer eine viel interessantere und schönere Frau zeigt. Einige hatten sich schon gemeldet und ich habe glatt den Überblick verloren – wer nach dieser Litanei noch Interesse hat, ruft noch einmal hier.

Achja, und die Grinsekatze: Ich habe dann doch den ultimativen Trick gegen meine einfallenden Wangen gefunden. Immer breit lachen und grinsen 😀

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19 Kommentare

    • 🙂 Da bist du wieder – fein. Ich habe es ja noch nicht ganz konkret, aber was ich mir vorstelle: Vielleicht gebe ich dir zwei, drei Fragen, die du nach eigenem Gusto beantwortest und dazu hätte ich gerne ein paar Bilder von dir, von denen du denkst, sie zeigen, was du denkst, sagst, fühlst. Dazu schaue ich deinen Blog durch nach Zitaten oder Eindrücken. Wie fändest du das?

      • Prima :-). Ich blogge ja schon eine kleine Ewigkeit, wenn auch in den letzten Jahren weniger weil die Blogs hinter Facebook „versinken“ und kaum noch jemand kommentiert. Das wäre ein schöner Anreiz wieder viel mehr zu machen :-). LG

  1. Meine Liebe, wie ich schon sagte: Ich mag zu diesem Thema gern etwas schreiben/sagen – Photos kann ich dir allerdings keine geben. Das hat mit meinem Beruf zu tun und mit diesem Leben, das – leider – in eine Privat- und eine Berufsexistenz auseinanderfällt. Es ist eine komplizierte Geschichte. Magst du trotzdem einen Text zum Thema von mir haben?

    • Wir müssten mal schauen, was geht – deine Fragen würden dann eher darauf abzielen, weshalb du meinst oder weißt, dass deine berufliche Existenz keine privaten Bilder oder Einblicke erlaubt. Das hat ja durchaus auch etwas mit Unsicherheit zu tun …

      • Manches in meinem Selbstbild und der Selbstkritik hat sicher mit Unsicherheit zu tun, diese Lage aber nicht. Es ist vielmehr so, daß in meinem Job mein Lebensalter ein Negativpunkt ist. Ungeschminkte klare Photos würden über die ausgefeilten Bildersuchmaschinen schnell gefunden, Privates mischte sich so mit Beruflichem – und eben dies möchte ich unbedingt vermeiden.

  2. Ich bin mit meinen Endezwanzig zu jung, um irgendwie fundiert übers Alter(n) zu sprechen. Aber ich werde gespannt mitlesen.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

  3. Hallo Michou,
    ich schreibe eigentlich nie Kommentare aber Dein Beiträge im Blog sind so herzerfrischend, nachdenklich machend und ich erkenne mich erschreckend oft wieder, danke dafür!!!

  4. Spannendes Thema. Und eines, an dem ich auch gerade rumknacke. Was mit fast 50 wohl auch ziemlich normal ist, denke ich, für mich gibt es einen Umschwung bei ca. 46/47, einen recht definierten Punkt, ab dem man eben nicht mehr jung aussieht.

    Wobei ich damit eigentlich sehr zufrieden bin. Außer, ich habe einen schlechten Tag und sehe dann nur „alt“.
    Meistens überwiegt die Neugier auf das, was jetzt kommt, aber eben nicht immer.

  5. ich bin sehr gespannt was daraus entstehen wird und freue mich diebisch aufs Lesen 🙂 😎

  6. Für mich (klein, rund und vollbusig) bist du das, was ich immer sein wollte. APART und ÄHTERISCH. Ich habe immer mit meiner Figur gehadert, aber mein Gesicht fand ich einigermaßen OK. Gut, nach wenig Schlaf, viel Stress gefalle ich mir auch nicht sonderlich, da sehe ich müde und faltig aus. Ja, und da wäre noch die rote Nase….. Aber niemals nie käme ich auf die Idee, an mir rumschnipseln zu lassen.
    Womit ich ein Problem habe, ist das Alter und zwar nicht das „Sichtbare“. Ich bin jetzt über Fuffzich und werde mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht weitere fünfzig Jahre leben. Die Erkenntnis des Endlichen macht mich traurig. Mit den Falten habe ich gelernt zu leben.

    LG Martina,
    die sich nie als richtig hübsch wahrgenommen hat.

    • Ich seufze und überlege – was du schreibst, bringt so vieles zum Klingen und du hast ganz klar recht: Es ist die Vergänglichkeit, nicht einfach das Äußere, was das Altern so garstig macht. Und du kannst ihm nicht entfliehen, weil du selbst beim Blick in den Spiegel daran erinnert wirst.

      Magst du nicht mitmachen bei der Serie? Das würde mich sehr, sehr freuen!

      • Also, hmh, ich weiß nicht so recht, aber JA.
        Wenn mich das Thema nicht interessieren würde, hätte ich ja auch nicht kommentieren müssen.
        Ja, ich mache mit und freue mich jetzt auch darauf.

        LG Martina

    • Das ist echt so eine Nummer mit Selbstbild und Fremdbild … War gerade auf deiner Seite, Martina, fiel direkt über die Bilder mit dem langen Rock und dachte ‚Woa, was für eine attraktive Frau!‘ Wie kommt es nur, daß wir immer wieder viel zu kritisch mit unser selber sind, innen wie außen?

      • Das ist lieb von dir.
        Ja, das mit der Selbstwahrnehmung ist schwierig. Ich denke mir, der Grundstein -wie wir uns wahrnehmen- wird sehr früh gelegt.
        LG Martina

  7. Ich lese deine Beiträge zu dem Thema sehr gerne und habe in letzter Zeit kaum Blogs gelesen, zum Glück bin ich darauf gestossen! Du bist wirklich sehr ehrlich und nie abwertend gegenüber anderen, gerade in dieser Diskussion finde ich das sehr wichtig. Ich habe vor Tagen ja mal etwas über den After-Baby-Body auf twitter geschrieben und wollte nur loswerden, dass es ein Tabuthema ist und habe eine regelrechte Lawine losgelöst (beweist ja: schwieriges Thema) und konnte gar nicht reagieren auf alle Beiträge. Deshalb finde ich ein vielfältiges und tieferes Begegnen mit dem Thema toll! Und jetzt brüllt mein Kind und hat Hunger 😉 ich bin dann mal weg

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