Kehrtwende marsch!

2807151255So militärisch-harsch gehe ich nicht mit mir um. Oder nur äußerst selten. Aber es mag von außen betrachtet ähnlich abrupt wirken wie eine Militärparade vor dem Buckingham Palace: erst läuft alles stur nach rechts und ups, zack, peng rast alles nach links. Oder konkreter und persönlicher: erst versinkt Michou immer tiefer in alten Zeiten und Kleidern und in der nächsten Sekunde steht sie in kurzen Hosen vor einem Kleiderschrank, in dem sich seit einigen Tagen zwei Kunstlederhosen, ein Kunstlederrock, eine Husbandjeans, zwei blaue Röhrenhosen und zwei Riesenpullis befinden. Damit nicht genug, habe ich mich von 13 Röcken, 5 Oberteilen und mittlerweile 6 Kleidern (von denen zwei in liebevolle Hände wandern werden) getrennt. Ähm, ja, wie bitte? Nun, von innen betrachtet ist die Wende weder plötzlich noch ist sie wirklich eine Drehung um 180°. Ein bißchen von ganz vielem ist es: ein wenig „zurück zu den Wurzeln“, eine Prise Lernlust, ein Teil Entwicklung – in der Summe bin es immer noch ich, etwas älter, etwas runder, etwas entspannter (hoffentlich).

Noch nie sagten mir übertrieben dekorierte, berüschte und glitzernde Kleidungsstücke zu; es waren immer die weichen, aber klaren Linien, die mich anzogen. Und immer schon gefielen mir die eleganten Silhouetten der 20er-40er oder alles, was Audrey Hepburn trug – das dünne Mädchen, das trotzdem alle schön und elegant fanden. Kein Wunder, dass sie das Idol meiner Jugend war. Als ich dann mit 23 der besten Stylistin überhaupt in die Hände fiel – falls sie es durch Zufall lesen sollte: ja, Ute, du! – war das eine Art Erweckung. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich in enge Hosen, weite Hosen, kurze Röcke, Parkas und Hüllenmäntel, Bodies, Rollis und Zeltpullover steckte, ständig mit eng und weit, mit lässig und streng, mit hell und dunkel an mir experimentierte, einmal hier zupfte, dort krempelte und da zog – das hat mich beeindruckt. Sie nahm mich unter ihre Fittiche und erklärte mich irgendwann für flügge; ja, ich wurde so gut, dass ihre Chefin mich einstellen wollte – am liebsten sollte ich ihren jüngsten Sohn heiraten, da die Schwiegertöchter ja selbstverständlich in den Boutiquen mitarbeiteten.  In dieser Zeit war mein Kleiderschrank trotz nicht zu üppigen Gehaltes gefühlt mit einigen ausgewählten Jil Sander-Stücken, unzähligen Girbaudhosen, Pullovern italienischer und türkischer Designer gemixt mit Benetton, Jet Set und HM-Schnäppchen.

Als ich nach Bonn zurückkehrte und das eigene Geschäft hatte, kam ich ähnlich wie auf Norderney in den Genuss des Händlerprinzips:
„Kaufst du bei mir, kauf ich bei dir, gibst du mir Prozente, gebe ich dir Prozente, schickst du mir Kunden, schicke ich dir Kunden.“
Hieß: drei Boutiquen, ein Schuhgeschäft und zwei Buchhandlungen lagen im erschwinglichen Rahmen. Als ich dann den Beruf wechselte, genoß ich es sehr, all die feinen Dinge in meinem Schrank nicht mehr nur abends und am Wochenende tragen zu können. Dann lernte ich den zukünftigen Gatten kennen: im dunkelgrauen, engen Rolli zur cognacfarbenen Lederhose mit schwarzen hohen Schuhen, die Haare lang und windzersaust kam ich zu spät dank akuter Parkplatznot und forderte ihn auf, sein volles Bierglas stehen zu lassen, da ich sonst Eintritt würde zahlen müsse. Was ich nicht wollte, ich wußte ja noch nicht, ob er das gute Geld auch wert sein würde. Offenbar war ich eindrucksvoll genug, dass er nur einmal kurz nippte und dann ohne zu Zögern mitkam.

Ganz bald begann unser anfangs recht aktives Leben auf meinen Kleiderschrank abzufärben – Australier sind wahrhaft nicht bekannt für ihren guten Stil! Immer öfter schlichen sich Turnschuhe und Jeans ein, immer noch mit Blazer und Bluse, aber eben praktisch für stundenlange Spaziergänge. Schwanger werden, 30 Kilo mehr wiegen und stillen sind auch eher ungünstige Faktoren für eine klassisch-elegant-rockige Garderobe. Mir ging es wie vielen: erst einmal ist man froh, überhaupt von Zeit zu Zeit geduscht und sauber gekleidet zu sein. Und noch bevor ich mein ursprüngliches Gewicht oder mein vorheriges Selbstverständnis wieder gewonnen hatte, war Kind zwei schon unterwegs. Eigentlich unnötig zu sagen, dass mit zwei sehr kleinen Kindern es nicht leichter geworden war. Selbst als ich zwei Jahre später mein altes Gewicht, sogar etwas weniger, zurück hatte, war nichts mehr wie zuvor: meine Figur hatte sich geändert und sehr schweren Herzens gab ich einige sehr schöne Teile zu ebay. Bis mein alter Kleiderschrank nur noch eine blasse Erinnerung war.

Shoppen machte auch keinen rechten Spaß mehr: vieles wollte nicht passen, manches konnte ich nicht gebrauchen und mit einem abgelenkten Gatten und zwei quengelnden Söhnen war langes Aus- und Anprobieren auch nicht drin. Es ergab sich also durchaus glücklich, dass ich wieder mit dem Stricken begonnen hatte, denn daraus entwickelte sich nach dem endgültigen Abstillen ein echtes Hobby und eine Möglichkeit, eigene Vorstellungen zu entwickeln – im Grunde hatte ich die 80er über ständig gestrickt. Und ich hatte es schon oft erzählt: auf einmal geriet ich an Strickanleitungen aus den 30ern und war verliebt. Was das Nähen nach sich zog. Und den Wunsch, zueinander passendes zu stricken und zu nähen. Und den Ehrgeiz, nach alten Anweisungen selbst zu konstruieren, altes wieder auferstehen zu lassen. Dabei bin ich, was Make up, Unterwäsche und Strümpfe anbelangt, immer im heute geblieben – Authenzität war mein Thema nicht.

Hier kann ich jetzt einen kurzen Bogen schlagen zu Julias zu Recht vielbeachtetem Beitrag: ich bin immer weiter in der Zeit zurückgegangen, weil der Ehrgeiz, etwas in Form und Aussehen Originales nachzuarbeiten, treibend war – ich wollte mir beweisen, dass das auch machbar ist. Das habe ich für mich erreicht. Dabei müsst ihr euch vorstellen, wie ich ticke: wenn ich mich mit einem neuen Projekt beschäftigt habe, dann habe ich dazu Musik der Zeit gehört, Filme dieser Jahre oder über diese Jahre geschaut, passende Bücher gelesen und Pinterestboarde angelegt. Ich habe auch das Negative nicht ausgeblendet, weshalb ich zu manchen der jetzt aussortierten Kleidungsstücke ein ambivalentes Verhältnis hatte – die meisten allerdings waren mir jetzt schlicht zu knapp oder sie wurden nicht getragen, weil sie nichts weiter als Übungsteile waren.

ABER irgendwann im letzten Jahr stellte ich fest, dass mir einige Seiten meiner Persönlichkeit im Schrank fehlten. Ich bin eine überzeugte Anhängerin der Idee, sich mit Kleidung auszudrücken – da ich nicht sonderlich exzentrisch oder abgedreht bin, kann ich mit dem Ergebnis gut leben. Weshalb aber fehlten diese Seiten? Schlicht deshalb, weil ich als Schneiderin und Konstrukteurin Lehrling bin und üben muss, Zeit brauche, mich auf ein Ziel konzentrierte, konzentrieren musste. Einige halbherzige Versuche, Modernes mit Altem zu kombinieren und Zwitterteile zu entwerfen, waren – welch ein Wunder – frustrierend. Zum einen, weil sie von vorneherein ein mieser Kompromiss waren, zum anderen weil ich schlicht nicht wußte, wie ich etwas abseits vom gewohnten zu konstruieren hatte oder mich nicht traute.

Weshalb traue ich mich jetzt? Der Grund ist entsetzlich banal: Ich fand und finde es zunehmend schwierig, beispielsweise einen Rock mit Taillenbund so zu schneidern, dass er im Stehen nicht schlabbert, im Gehen nicht dreht und im Sitzen nicht einschneidet. Wenn ich ganz ehrlich bin, so hatte ich meist alle drei Probleme auf einmal: zu weit beim Stehen und Gehen, zu eng im Sitzen und Liegen. Einige Zeit lang habe ich mir erfolgreich eingeredet, dass das an meinem mangelnden Talent und Wissen läge. Was natürlich Unsinn ist – nicht, weil ich so gut bin in dem, was ich tue. Sondern weil nachts nun einmal die Sonne nicht scheint: Ein Kleidungsstück aus unelastischem Webstoff kann nicht tun, was ich von ihm wollte. Das Problem lag woanders und ich wüßte zu gerne, ob es anderen ähnlich geht: Es ist meine sich verändernde Körperlichkeit. Sehe ich im Stehen und Bewegen noch leidlich schlank und glatt aus, so schieben sich Hüft- und Bauchspeck im Sitzen hinterhältig zusammen. Meine Taille im Stehen liegt irgendwo zwischen 74 und 72 cm – im Sitzen komme ich auf 80 cm … wie ein fester Bund diese 8 cm flexibel umspielen soll, ist eine Frage ohne Antwort, oder?
Und das hatte ich satt, ganz gründlich satt. Es ist nicht so, dass meine Röcke, Kleider und Pullis nicht zu meinem Alltag passen – als Wieder-Hausfrau und Mutter und Schreiberin kann ich tragen, was mir gefällt. Auch meine Umgebung störte sich nicht daran, im Gegenteil. Was ich nicht mehr konnte, das war sitzen! Oder, je nachdem, einkaufen gehen, ohne permanent den Rock gerade und/oder hoch zu ziehen. Sehr, sehr lästig. Und frustrierend, denn durch die eigene Kleidung ständig auf das sich verändern hingewiesen zu werden, ist alles andere als charmant.

Sicher, Hüfthosen bringen ganz andere Probleme mit sich, aber die lassen sich relativ entspannt lösen. Hoffe ich. Denn im Prinzip stehe ich nun zum ersten Mal seit langer Zeit vor einem wirklich leeren Kleiderschrank. Oder vor einer weißen Leinwand. Neu erfinden will ich mich nicht, denn ich mag mich, wie ich bin (ok, mehr oder weniger, aber der echte Rheinländer zweifelt immer an allem und jeden – das gehört zu mir). Aber noch einmal hervor zu holen, was mich früher ausgemacht hat, kann auch spannend sein. Und kleine Ausflüge in die 30er werde ich als Besonderheit genießen.

Teufel aber auch, viertel vor eins? Die Kinder haben Hunger und ich mache mich jetzt ans Apfelflammkuchen backen, bevor ich endlich mein Kleid zu Ende nähen werden – ohne Taille, aber mit viel Schwung 😀

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Kommentare

  1. Ich finde das auch gar nicht so abrupt – und schon gar nicht „Kehrt marsch“-ig, mehr wie ein Mäandern am Hauptweg des persönlichen Stils entlang 😉 , wie ich aber überhaupt die Vorliebe für Vintage auch nie als Gebot ansehe, das frau befolgt oder nicht, sondern mehr als Geschmacksrichtung. Meiner Erfahrung nach lässt sich das aber nie ganz leugnen: so hatte ich mich kürzlich durch ein paar Arbeitsprojekte endlich mit meiner Strickmaschine angefreundet und in meiner neu erwachten Begeisterung gleich ein paar sehr schlichte, überhaupt nicht vintage-angehauchte Modelle gearbeitet, nur für mich, ziehe also probeweise mal ein feinmaschiges, ganz gerades, vollkommen schnörkelloses Kleid an – kommt die Tochter vorbei und sagt: Perfekter Hippie-Stil … da war es wieder! Lag an den Farben und an der Frisur, kannste nix machen … ich bin gespannt, wohin der Weg bei Dir geht!

  2. Ich finde das hast du gut zusammen gefasst. Du kennst doch diese Matrioschkas? Es wirkt als hättest du gerade eine neue frei gelegt. Im Kern immer noch du, nur die Optik ist etwas anders.

  3. Pingback: Bonner Linktipps am Mittwoch: über Facebook-Nachlässe, Vintage-Mode und Beethoven | Bundesstadt.com

  4. Ich finde Du wirkst deutlich entspannter in deinem „neuen“ Look. Mir gefällt es 🙂
    Mir geht es in einigen Punkten ähnlich, mein Kleiderschrank leert sich auch ziemlich. Alles was nicht mehr oder auch nie wirklich gepasst hat, fliegt zur Zeit raus. Einige neue Sachen in anderer Silhouette werden getestet… Stillstand ist nie gut.

  5. In meinem Urlaub kann ich mir endlich mal die Zeit nehmen, mich rückwärts durch deinen Blog zu lesen und zu kommentieren. Was ich bisher von deinem „New Look“ gesehen habe, gefällt mir sehr gut, die schlichten lässigen Teile bringen deine figurlichen positiven Seiten optimal zur Geltung.
    Du machst mich grade sehr nachdenklich, was meinen eigenen Stil angeht. Bis zu welchem Alter kann man die Vintage-Klamotten überhaupt durchziehen , bevor es entweder peinlich oder altbacken wirkt ?
    Liebe Grüße, Ingrid

    • Michou

      Das ist eine Frage, die bei mir so ganz langsam auch hochkam und die ich nicht zulassen wollte – gibt ja auch genug Beispiele, wo es toll klappt. Was nicht mehr so ganz ging, war das Innere und das Äußere zusammen zu bekommen; es fühlte sich nicht mehr richtig an. Das passte dann auch zu meiner Lust an etwas Neuem. Sollten wir uns mal gemeinsam Gedanken machen, denn am Ende bin ich damit noch nicht 🙂

      Hoffentlich tut dein Urlaub dir rundum gut!

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