Kristina Schröder

Ganz klar: Meine Ministerin ist sie nicht. Ich weiß nicht, in welchem Land sie lebt, welche Zeitungen sie liest, welche Frauen sie kennt, welchen Kindergarten ihr Kind besuchen wird, wieviel sie ihren Hausangestellten zahlt, wann sie einkaufen geht, ob sie einkaufen geht oder ob sie jemals in ihrem Leben über andere Lebenssituationen anderer Frauen einen Gedanken verloren hat – außer, dass ja alle selbst schuld sind an ihrer Lage – aber es ist mir auch egal. Denn was auch immer dazu geführt hat, dass sie sich aufführt, wie sie sich aufführt; uninteressant, ob es Arroganz, Blindheit oder Naivität ist, die sie zu ihren Aussagen bringt:

Ich will sie nicht als Ministerin haben, die Interessen vertreten soll, die sie nicht interessieren. Wie würde denn eine Welt aussehen, die sie möchte? Hat sie das jemals zu Ende gedacht?

Also: alles ist eine Frage der persönlichen Entscheidung und des Verhandlungsgeschickes – das wiederholt sie immer und immer wieder und wahrscheinlich auch in ihrem Buch. Meine Lieblingsbeispielsfrau – die Verkäuferin von Milchprodukten oder Fußbekleidung – hat sich natürlich einfach falsch entschieden. Sie hätte ja auch etwas mehr für ihre Noten tun können, hätte sich eine anständige Ausbildung gegönnt und wäre dann selbstbewußt aufgetreten und säße nun heute im Vorstand eines DAX-Unternehmens. Sie hätte eine Frau, die ihr Haus putzt, eine andere, die die Kinder von der Schule abholt und versorgt und vielleicht noch eine weitere, die bei Notfällen einspringt. Alles nur eine Frage der Organisation und des Geldes. JEDE Frau hätte sich ja nur so entscheiden brauchen – so läppische Dinge wie unterschiedliche Ausprägungen von Intelligenz, Ehrgeiz, Zukunftswünschen, Lebensentwürfen, Persönlichkeit und Charakter oder gar solch zu ignorierende Schwierigkeiten wie behindertes Kleinkind, zu pflegende Eltern, schwere Krankheit – na, die müssen und dürfen und können doch bei einer solchen Entscheidung keine Rolle spielen.

Schwierig wird es nun, wenn wirklich JEDE Frau so denkt: wo bekommen wir dann alle unsere Putz- und Kinderfrauen her? Wer verkauft uns die Lebensmittel, wer liefert die Post, wer repariert die Stromleitung, wer entsorgt den Müll und wer versorgt unsere Wunden? Hach, aber wie glücklich sind wir, wenn wir feststellen dürfen: es gibt ja immer noch die Dummen, die glauben, sie könnten sich ein Kind leisten, obwohl sie damals heilfroh waren, wenigstens einen Ausbildungsplatz bei Aldi zu bekommen – müssen wir deshalb etwa für Kindergärten und Schulen sorgen, die länger als bis halbvier betreuen? Selbst schuld, hat sie ja keiner gezwungen, ganztags an der Kasse zu sitzen. Und die andere dumme Nuss, die sich vom prügelnden Alkoholiker scheiden ließ, obwohl sie im vierten Semester ihr Studium abgebrochen hat und mit drei Kindern nun alleine klar kommen muss – ich meine, ehrlich: wie dumm kann man sein? Verliebt war sie, schwanger war sie? Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren, hatte Schwierigkeiten mit dem Stillen und das erste Kind war krank? Ja, was habe ich damit zu tun? Wie jetzt, Solidargemeinschaft? Was soll der Schwachsinn? Jede hat es doch selbst in der Hand. Da spart halt mal ein bißchen mehr, da geht man halt nachts arbeiten, dann kann man das Kind doch ganz fein mittags von der Schule abholen – immer dieses “Geht nicht, geht nicht”. Ehrlich, das ist alles nur eine Frage des Verhandlungsgeschickes. Ok, du bekommst für deinen Ganztagsjob hinter der Käsetheke also einen Nettolohn von 1100,- € – das ist doch Geld. Gut, da zahlst du halt die Hälfte für Miete und Strom, und noch ein bißchen für Essen und Trinken (bist eh zu dick und Wasser kommt doch fast umsonst aus der Leitung), und für Schulbücher und Kleidung – da sparst du noch ein bißchen und gehst mal zu deinem Chef mit deinem Verhandlungsgeschick und dann kannst du sicher noch die 8,-€ pro Stunde an die Tagesmutter zahlen, die dein Kind von vier bis halbacht betreut. Und vergiß nicht, etwas für die Rente zurück zu legen! Gut wäre ja noch die Abendschule, gute Kräfte werden doch immer gesucht. Alles nur eine Frage der persönlichen Entscheidung und des Verhandlungsgeschickes …

Sicherlich spielen persönliche Entscheidungen eine Rolle, zum Glück! Aber sicher nicht dort, wo gnä’ Frau sich weigern, etwas zu tun. Das könnt ihr der Guten auch freundlich mitteilen:

Nicht meine Ministerin

Danke an Cat für Link und Anstoß.

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