Man hat’s nicht leicht, doch …

… leicht hat’s einen. Schnell gerät man zu des Wahnsinns dicker, fetter Beute. Ich im besonderen. Wenn ich etwas anfange, von dem ich meine, es müsse sein, so beginne ich es dermaßen, dass ich nicht wieder heraus kann. Früher war das mein jährliches Buchsortieren: da stellte sich heraus, dass das einer Kategoire zugedachte Regal am Ende seiner Aufnahmekapazität war, während ein anders wider Erwarten noch Platz bot. Anstatt nun den Inhalt Boden für Boden auszutauschen, um nach einer Viertelstunde alles geregelt zu haben, warf ich alle Bücher auf den Teppich. Also wirklich alle. Weil ich auf einmal davon überzeugt war, dass die alphabetische Sortierung der Klassiker vielleicht doch schöner anzusehen sei als die Sortierung nach Jahren. Und weil die Krimis doch näher ans Bett wandern sollten. Und vielleicht die dicken Kunstbücher doch vom den sich durchbiegenden obersten Boden herunter sollten. Außerdem könnte man sie alle abstauben. Und mal wieder hinein schauen. So lange kann das auch nicht dauern … meist war das Wochenende gelaufen.

So ging es mir im letzten Jahr, als die Janome einzog und dafür den großen Arbeitsplatz vom Gatten spendiert bekam – nicht, dass dem guten Stück etwas geschieht. Von mal schnell einräumen kam ich schnell zu einer kompletten Stoffumzugsaktion. Bei der fast alle Stoffe gewaschen, gebügelt und neu gefaltet werden mussten. Und wir wollen jetzt mal nicht glauben, dass ich das strahlend, lächelnd, singend und im Kreise freundlicher Nagetiere und gefiedertet Freunde getan hätte. Oder ich das mal eben an einem Tag erledigt hätte. Nein, drei Tage später noch verfluchte ich die Person, die drei Tage zuvor wohl von mir Besitz ergriffen haben musste und mich zu derlei Fronarbeit gezwunden hatte.

Lerne ich daraus? Ja, natürlich! Heute lasse ich meine Bücher stehen, wo sie sind (zumindest, bis die Kinder in ihren eigenen Haushalt übergewechselt haben werden und eines der Zimmer neuem Sinn zugeführt werden wird), ja, ich lese sogar digital, da ist das mit dem Umsortieren von einem Fach in ein anderes mit zwei Klicks erledigt. Man sieht: gelernt!

Stoffe wasche ich jetzt wieder nach dam Kauf und nie mehr als drei auf einmal. Und wenn das Regal voll ist – dann stopfe ich sie halt woanders hinein. Man sieht erneut: gelernt!

Ob ich allerdings gelernt habe, das Prinzip: “Ich mache mir jetzt mal richtig Arbeit!” zu durchbrechen oder es zumindest nur dann zur Anwendung zu bringen, wenn es in meinen Zeitrahmen, zu meinem Gesundheitszustand oder zu einem anderen wichtigen Faktor wie Wetter, Geldbeutel oder Lust und Laune passt – also wenn man sich das fragt, dann sieht man: ähm, nicht gelernt.

ABER eine gute Idee ist eine gute Idee und wenn sie langfristig viel Ärger und Mühe und Zeit spart, dann muss sie umgesetzt werden. Ich, als besonders geduldiges Erdenwesen, habe mir zur Umsetzung eine Woche gelassen. Weil mein Rücken nicht mitmachte. Weil das nötige Material nicht beisammen war. Nicht, weil ich noch mal darüber nachdenken wollte – nein, ich war voll der freudigen Unruhe, endlich beginnen zu dürfen.
Hmm, ach ja, wer bis hierhin noch dabei ist, wird sich fragen: Ja, herrje, um was zum Teufel geht es? Na, um die Sicherung meiner passenden, für gut befundenen Schnitte für die Ewigkeit. Oder ein klein bißchen weniger lang.

Zum Zeichnen, Schneiden und Kleben verwende ich das Seidenpapier von Burda, was dabei auch sehr nützlich ist. Weniger schön ist, dass dieses Papier spätestens nach dem ersten Feststecken auf einem Stoff Ermüdungserscheinungen zeigt – es knittert, reißt und wellt sich. Nach einer weiteren Benutzung kann man das Ende schon erahnen und mit Tesa retten ist nur eine kurzfristige Lösung: der Schnitt lässt sich dann nicht mehr glattbügeln. Folie, trotz all ihrer objektiven Vorzüge, ist nichts für mich. Packpapier ist zu steif und verbraucht zu viel Platz. Was also tun? Ich habe mich entschieden, beim Burdapapier zu bleiben, um Schnitte zu entwickeln, zu testen und abzuändern. Ist der Schnitt dann einer, der mir erhalten bleiben soll, so übertrage ich ihn auf ein etwas dickeres, leicht wächsern wirkendes Schnittpapier und bügele dann vor dem Zuschnitt Vlieseinlage auf. Die auch noch den Vorteil hat, dass sie auf dem Stoff nicht hin und her rutscht. Simpel, elegant, genau das, was ich wollte.

Papier in rauen Mengen kam an, günstige Vlieseinlage ebenso. Gestern abend dann, der Rücken war so weit wieder in Ordnung, keiner wollte im Wohnzimmer Fußball oder ähnliche Horrorsendungen schauen, fing ich an – das aktuelle Kleid sollte es sein plus der notwendigen Änderungen an Rockteil und Beleg. Nach einer Stunde war ich müde und mein Rücken meldete sich – aufgezeichnet hatte ich lediglich Vorder-und Rückenteil, die Belege und den Ärmel. Aber hübsch sah es aus. Nun lag alles auf dem Tisch und konnte nicht woanders hin. Also Türe von außen sichern, damit während der Nacht keines unserer Pfotentiere würde Schaden anrichten können. Heute morgen dann schnell die beiden Rockteile übertragen, flott die Einlage aufbügeln und mal eben ausschneiden – keine große Sache, das …

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Ja, nur: Rücken war nun richtig sauer und das monatliche Elend schlug elend fies zu. Aber was ich angefangen hatte, musste ja nun erledigt werden. Also ran und Zähne zusammen beißen. Nachdem die Rockteile aufgezeichnet waren, stellte ich fest: da hat es noch viel Platz auf dem Papier und wenn du schon dabei bist, dann mache es richtig. Also das Walliskleid. Noch ein Vorderteil, ein Rückenteil, zwei Belege und ein Ärmel mit vielen kleinen Kellerfältchen. Dauerte nun schon doppelt so lange wie mein gerade mal eben, das geplante. Dann die Erkenntnis: Papier und Einlage haben unterscheidliche Breiten, ich muss puzzlen. Und auf dem Bügelbrett liegen bleiben wollte die wächserne Seite auch nicht so recht und 1,50 mit Einlage zu verbinden ist nicht mal eben so getan. Im Gegenteil ist das eine ganz gemeine, langwierige, sehr rückenfeindliche Strafarbeit. Auch das Ausschneiden dauerte und dauerte und dauerte. Und das nochmalige Bügeln jedes einzelnen Schnittteiles war – es mag verblüffen – gar nicht so spaßig wie gedacht. Zumindest nicht mit meinem Rücken.

Aber: es hat sich gelohnt. Es sieht schön aus, fühlt sich gut an und ist haltbar. Bleibe ich also bei, nur suche ich mir dafür in Zukunft Tage aus, an denen ich beweglicher bin. Und an denen ein guter Film läuft. Heute war es der falsche Tag, deshalb liege ich schon wieder auf dem Sofa auf der Heizdecke auf drei Kissen und am Maikleid werde ich heute auch nicht arbeiten: Handsäumen? Heute? Niemals nicht. Aber ein Bild an der Puppe gönne ich euch – und wer den Fehler findet, darf ihn nennen und behalten 🙂

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