Manche Garne werden zu Recht nicht mehr hergestellt …

Als ich November 2007 mein allererstes Vintage-Strickprojekt anschlug und beendete, hatte ich Anfängerglück, denn mein erstes 4ply-Garn mit LL 175m/50g war Rowan 4ply soft. Ein Merinogarn, dem ich wohl für die kommenden Jahrzehnte hinterher trauern werde: perfekte Definition der Maschen (sei es Ajour oder Struktur, Zopf oder glatt), wunderbare Farben, drehte sich nicht auf, splittete nicht, pillt bis heute so gut wie gar nicht, behält die Form auch nach Jahren wie am ersten Tag. Weshalb Rowan diese Wolle aus dem Programm nahm und sie dann durch eigentlich nichts ersetzte – ich weiß es nicht, nehme es aber persönlich.

Da sich seit diesem November 2007 nur noch Garne im Bereich von 26-30 Maschen auf 10 cm für mich behaupten können, bin ich immer, immer auf der Suche nach würdigem Ersatz und dabei habe ich schon alles mögliche durchgetestet. Wage mir jetzt keiner mit der Drops Baby Merino zu kommen: schöne Farben und extremst günstiger Preis wiegen die völlige Charakterlosigkeit dieses Garns nicht auf. Pillt schon beim Stricken, leiert unberechenbar, Knäuel löst sich bei den ersten Metern schon auf. Vergleiche ich einen im letzten Jahr gestrickten Pulli mit der Daliet Blouse von 2007 … na, gute Nacht. Da zeigt sich deutlich, was Qualität und was Masse ist. Aber immerhin: mit der Drops Baby Merino kann man stricken.

„Na, das ist ja wohl das Mindeste!“, mag sich die Eine oder Andere denken. Unterschreibe ich sofort. Was also kann man von einer Wolle halten, die sich einem schon beim Nadeln in den Weg wirft? Genau: nix. Und warum schreibe ich das? Weil großer Ärger manchmal raus muss.
Mit dem Stricken ging es hier in letzter Zeit nicht so voran; ich litt unter extremer Anstrickeritis, doch nichts gefiel mir so recht bis auf den Ajourpulli, den ich in meinen sogenannten Urlaub mitnahm. Und dessen Musterrapport über 24 Reihen geht und sich auch nach 30 cm Höhe weder einprägen noch sinnvoll erschließen lassen wollte. Mein Fehler, es dennoch versuchen zu wollen, als ich mit schmerzendem Fuß und Wut im Herzen mutterseelenallein in meinem Leihbett lag. Das konnte nur schief gehen und danach war ich nicht mehr in der Lage, Sinn in das Gewirr zu bringen. Nun also will/wollte (?) ich diesen Strickfluch brechen, schnappte mir vorhandene silbergrau-melierte Wolle und ein Vogue Knitting-Modell aus den 50ern und legte los.

Oder so ähnlich. Dieses Garn – smc select extra soft Merino fino – ist fies. Und wie ich soeben über eine Ravelrysuche heraus fand, es wird nicht mehr hergestellt; eine Entscheidung, die ich für sehr klug halte. Warum es sich in meinem Besitz befindet? 175m/50g, Merino, silbergrau und es lag irgendwann irgendwo an meinem Wege – es hätte ja sein können, nicht wahr? Nun bin ich von Schachenmayr eh nicht begeistert, was mich traurig stimmt, denn immerhin ist es eine Traditionsmarke.

Was also stimmt nicht? Alles. Eigentlich.
Ich schlug also an und empfand schon das als Qual, denn das Garn will nicht über die Finger gleiten. Nun finde ich das Anschlagen eh schon lästig, also habe ich es nicht weiter beachtet. Auch die erste Reihe machte keine Freude, aber auch das geht mir häufig so. Also weiter mit dem Bündchen. Aber es lief und lief nicht; ständig musste ich das Garn neu um meinen Führungsfinger wickeln und ständig wurde dieser an die Nadel herangezogen. Entsprechend unruhig und krüselig sieht das 1/1-Bündchen auch aus:

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Nach drei oder vier Maschen muss ich den Faden neu legen; da gleitet wirklich nichts:

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Nun im Ajourteil ist es noch schlimmer; Vergnügen ist etwas anderes. Mittlerweile ist das Knäuel dermaßen aufgelöst, dass sich bei jedem Ziehen am Faden ganze Partien lösen:

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Was das Ganze richtig ätzend macht: der Faden wickelt sich um sich selbst. Wer sich noch an Festnetzfernsprechapparate und ihre Spiralkabel erinnert, der kennt das Bild genau. Lustig wird es, wenn der Faden also nachgezogen wird und die Schlaufen sich nicht lösen, sondern sich um den kleinen Finger wickeln.

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Heißt: nochmal wickeln, Faden sortieren, drei Maschen stricken, neu wickeln, stricken, Faden entwirren, wickeln, stricken und immer so weiter. Gut, ich stricke erst seit 1982, was also weiß ich darüber, aber es ist doch verblüffend, dass ich noch niemals solch einen massiven Verstrickt-Unwillen eines Garns erlebt habe. Aber damit ist es noch nicht genug, denn jede 6. Masche etwa darf ich doppelt abstricken, da das Garn auch noch zum Splitten neigt.

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Ich habe hier anderthalb Fäden auf der linken und einen halben auf der rechten Seite. Macht gerade bei Ajour viel Spaß.

Nun könnte es aber wirklich genug sein und wäre diese Wolle so, wie sie einmal angepriesen wurde – nämlich dank welcher unglaublich großartigen Verfahrenstechnik auch immer sagenhaft weich, von höchster Qualität – dann würde sich die Qual wohl lohnen. Aber unter weich verstehe ich etwas anderes. Die weicheste Merino ist sicherlich die Drops Baby Merino, was sicher auch ihre sonstige Unsäglichkeit erklärt. Die Rowan 4ply soft war vieles, aber nicht wirklich weich. Aber eben angenehm fest und kooperativ beim Stricken und Tragen. Aber dieses Zeug hier … weich? Es ist ein relativ harsches Garn, das zu wenig versponnen ist, um als Paketschnur durchzugehen. Gut, das mag übertrieben sein, aber es sieht grob aus, verstrickt sich grob und fühlt sich auch so an.

Da ich aber meinen Strickfluch überwinden will, muss ich da nun durch. Ich rede mir ein, dass das Ajour durch die etwas gröbere Optik besonders reizvoll wirkt und hoffe auf ein deutliches Aufblühen nach der Wäsche. Da das Garn für eine reine Merino recht viel Halo zeigt, könnte das klappen. Eine Ravelryrecherche ergab im übrigen, das auch andere ganz ähnliche Erfahrungen und Empfindunen beim Stricken hatten.

Sollte ich dieses Projekt zu Ende bringen, so werde ich mich fühlen, als hätte ich einen mehrköpfigen, feuerspeienden Drachen im Vorbeigehen erledigt. Strickheilig, sozusagen. Noch sehe ich es nicht …

PS: Wer nun noch einen tollen Ersatztipp hätte … das wäre sehr willkommen. Alles, was ich fand und für gut befand, ist mittlerweile auch schon wieder aus dem Programm geflogen. Das ist nicht witzig!

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10 Kommentare

  1. Mhhh, zu weiches Garn finde ich auch doof. Die Drops durfte ich mal anstricken und habe jegliches Kaufinteresse sofort at acta gelegt, egal was die Mehrheit der Bloggerinnen so sagt. Alpaca so wieso nicht. Im Moment stricke ich mit Fischer Feinstrumpf einen Herren Lumberjack. Das Garn ist etwas sperrig, aber nicht strick unwillig. Fischer hat eine Fein-Merino Maschenzahl 26-30 im Programm, ich habe a ber noch nicht getestet. Lanna Grossa Merino neigt zum pillen, nach der 2 Wäsche (die rote Strickjacke, falls Du Dich erinnerst).
    Liebe Grüße Janine

    • Fischer hatte ich noch gar nicht auf dem Plan, da muss ich mal schauen.
      Die Lana Grossa schafft zumindest ein sehr schönes Strickbild und tolle Maschendefinitionen, aber wie du sagst: neigt zum Pillen. Wobei es besser wird, wenn man sie mit wirklich kleiner Nadelzahl strickt.
      Für dein ad acta legen der Drops liebe ich dich dann mal wieder 😀

      Ich werde meine Suche dann noch mal ausweiten … sag mal, wann sehen wir uns denn mal wieder?

  2. Erstmal hallo – ich lese hier neu mit und stricke viel Vintage-Mode 😉
    So feine Garne gibt es in dieser Qualität gar nicht so viele. Was smc select angeht – das ist die Modereihe von Schachenmayr, oft nur saisontrendig, nichts für dauerhafte Strickereien, eher mittlere Qualität. Die Garne von Rowan sind hochklassig, schlichtes Merino gibt’s da aber nicht so oft (das gehört alles zur selben Firma, zu coats, ich hatte damit mal beruflich zu tun). Sonst empfehle ich immer noch die Hamburger Wollfabrik, oder auch colourmart.com …

    • Hi Emma (einer meiner Lieblingsnamen und -heldinnen)

      Hamburger Wollfabrik – online habe ich da so oft geschaut und immer waren meine Farben ausverkauft bzw. habe ich nicht ausdauernd genug geschaut. Colourmart hatte ich gar nicht mehr auf dem Plan; von denen hatte ich viel gelesen, als nur strickte – da schaue ich doch nachher gleich einmal. Danke für den Tipp 🙂

      • Ja, Wollfabrik ist etwas unübersichtlich und hat auch sehr viel an Servicequalität verloren in den letzten Jahren, aber das, was es gibt, ist immer noch gut – vor allem, weil das Garn auch strickmaschinengeeignet ist und der Kampf mit zu fest oder zu locker verzwirnt und sowas ausfällt. Colourmart ist leider schlecht zum Nachkaufen, weil die Mengen immer begrenzt sind – aber was da ist, ist klasse, und die Preise sind okay. Dann gibt’s noch IGH-Wolle, auch in Hamburg, nicht so groß und etwas langsam im Versand, aber dieselbe Qualität wie die Wollfabrik. Der Vorteil bei den Konengarnen ist einfach, dass sie feiner sind und meistens ein schöneres Strickbild bei Mustern geben, weil sie nicht gezwirnt sind …. Die Knäuelware aus dem Laden ist echt Glücksache – und in richtig guter Qualität auch einfach gnadenlos teuer – wie bei Rowan zum Beispiel (und die machen wirklich schöne Sachen …)

        • Da werde ich mich noch mal durchwühlen; lieb von dir, so viele Tipps zu hinterlassen.

          Rowan, ja – das macht immer Spaß! Zwar finde ich die pure wool 4ply nicht so vintagegeeignet, aber die drei Sachen daraus pillen ebenfalls kaum und zeigen ein wunderbares Strickbild. Manchmal ist es doch schön, zu erleben, wenn Nichtgünstiges sich qualitativ behauptet.

          Was hast du denn bei Coats gemacht? Bin ja kaum neugierig 😀

          • Ich habe für Rowan Workshops gegeben. Ich stricke von beruflich und privat, vor allem Altes oder von Altem inspiriertes. Mit dem Wunsch, mir etwas aus den alten Heften zu nähen, bin ich bisher bis zum Erwerb einer neuen Nähmaschine gekommen. Also bewundere ich rückhaltlos die Kleider anderer 🙂

            • Das ist doch mal eine Aufgabe gewesen – wow!
              Das Nähen kommt jetzt neu dazu? Ich finde ja, es ist die ideale Kombination: wo sonst bekommt man immer passendes zu den tollen Pullis her?
              Also drücke ich mal kräftig die Daumen, dass die neue Maschine sich bei dir nicht langweilt!

  3. Ich hätte da noch Merci von Filcolana als Vorschlag – zwar nicht reiner Schaf, sondern mit Blümchen 😉 aber für eine Mischung Wolle/Baumwolle recht gut, denn weich und nicht lappig (auch nach einmaligem Ribbeln schönes Strickbild und ist nicht so schwer wie andere W/BW Mischungen die ich kenne).
    Dazu hätte ich noch zwei Garne die ich nur von Fühlproben kenne, die aber recht gute Noten bei Ravelry haben – GGH Merino Soft (GGH hat öfter interessante Farben) und Coast von Holst (Lauflänge zwar höher als von Dir gewünscht, aber der Faden hat Volumen, ist nicht so dünn wie man anhand der Lauflänge annehmen würde).
    Wenn Du magst kann ich Dir alle drei mal vorführen – als Fülproben, versteht sich …

    • Gerne, wobei die GGH hatte ich schon mal – rein optisch als Faden kommt sie der Rowan sehr nahe, verstrickt hatte ich ein sehr unruhiges Maschenbild und nachdem GGH in Bonn nicht mehr zu bekommen war, habe ich das auch aus den Augen verloren. Aber wäre einen Test noch mal wert.

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