Meike Rensch-Bergner – Nählust statt Shoppingfrust

Gestern, kurz vor Mittag, traf das Buch von Frau Crafteln hier ein, doch zu mehr als es einmal durchzublättern und zu befassen, reichte die Zeit nicht aus. Erst am sehr späten Abend nahm ich es wieder zur Hand. Und las es durch bis kurz vor 1:00 Uhr.

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Nählust statt Shoppingfrust: Selber nähen macht glücklich! ist, wie Meike selbst sagt, kein Nähbuch, das sich an uns Hobbyschneiderinnen richtet. Wer also sonst soll angesprochen werden, um was geht es? Im Grunde sind alle Frauen angesprochen, die Interesse an gutsitzender Kleidung haben und es leid sind, frustriert und entnervt aus Umkleidekabinen zu treten. Und das ist ein Gefühl, das wohl die meisten von uns kennen: da hat man sich in ein Kleidungsstück gequält, das gleichzeitig zu kurz, zu eng und zu weit ist und sieht eine fremde Frau vor sich mit Pusteln und strähnigem Haar, die offenbar nur noch Säcke tragen und die Umwelt nicht mit ihrem Anblick verschrecken sollte. Weshalb also nicht endlich damit beginnen, sich Kleidung selbst zu schneidern?

Und so nimmt Meike die Noch-nicht-Näherin bei der Hand und zeigt ihr die Möglichkeiten, nimmt ihr die Angst vorm Lernen und Ausprobieren, verführt sie mit ihrem “Kopfkleiderschrank” und fordert zum Träumen und Trauen auf. Dabei verschweigt sie auch nicht die Hürden und kleinen Rückschläge, aber lockt weiter mit Selbsterfahrung und Ermächtigung. Doch sie macht nicht nur Werbung für das Nähen, sondern auch fürs Bloggen und fordert die sicher schon fast überzeugte Neu-Näherin dazu auf, sich nicht nur Hilfe im Netz zu suchen, sondern sich zu beteiligen – weiterzugeben, zu teilen, unser Bild von Schönheit umzudefinieren. Und da möchte ich noch einmal persönlich werden:

Vor einiger Zeit einmal stellte Meike bei einer meiner 80er-Jahre-Erinnerungen fest, sie hätte immer wieder einmal das Gefühl, wir müssten wohl die gleiche Schulklasse besucht haben – was wir nicht taten, aber in der Tat fühlt es sich manchmal so an. 68er Jahrgang halt, das verbindet. Und genau dieses Gefühl hatte ich gestern nacht, als ich mit dem Lesen begann. Denn das erste Kapitel sagt mit ihren Worten das, was auch ich immer wieder versuche zu vermitteln – zuletzt in meinem gestrigen Beitrag. Da hatte ich um 23:24 das Gefühl, ich säße bei Baileys und Sambucca mit ihr auf der Couch. Ein guter Grund, um weiter zu lesen. Und ein Grund, weshalb dieses Buch sich dann doch auch an uns, die nähenden, strickenden und lesenden Bloggerinnen richtet: beim Lesen hatte ich schon das Gefühl, dabei auch “eine von uns” zu unterstützen. Also eine der Frauen, die sich freimachen von scheinbar unüberwindbaren Schönheitsidealen und -regeln und den Mut haben, sich zu zeigen; die freimütig von Mißgeschicken und Glücksmomenten berichten und ihre Entwicklung live dokumentieren. Um diesen Aspekt zu verstärken, haben sich auch andere Bloggerinnen, beispielsweise meine sehr verehrte Dodo, bereit erklärt, über ihre Näh-Erweckung zu berichten.

 

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Aber zurück zum Buch: ist die Leserin also nun überzeugt, so bietet Meike ihr einen simplen A-Linien-Rock als erstes Projekt an und erklärt ihr Schritt für Schritt sowohl die Schnitterstellung wie auch das Nähen des ersten Rockes aus eigener Produktion. Und verführt gleich wieder mit der Andeutung, was sich alles erreichen und zaubern lässt, wenn man nur dranbleibt. All das ist recht kompakt und in hohem Tempo beschrieben, was die Lust, loszulegen, steigert. Wer von uns Freundinnen hat, die immer wieder beteuern, sie könnten derlei nie, dabei gleichzeitig versuchen, uns zum Nähen ihrer Garderobe zu bewegen – nun, bald ist Weihnachten und da kann man der lieben Freundin dieses Bändlein Ermunterung unter den Baum legen.

 

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Was mir gestern nach Eintreffen des Buches als erstes auffiel, waren die Mischung aus Format und Haptik des Buches: während es klassisches Taschenbuchformat hat, ist der Einband fest, die Seiten sind aus einem kräftigeren Papier und die Bindung genäht – wie es dem Thema angemessen ist. Das gefiel mir sehr gut und machte aus diesem Buch genau das Geschenk, das es sein sollte: schön, doch handfest.
Ich hoffe sehr, dass die Buchhändler schlau genug sind, diesen Band nicht nur zu den Handarbeiten zu legen, wo es die eigentliche Zielgruppe – die an Kleidung interessierte Frau mit Shoppingfrust, die ans Selbermachen noch nicht denkt – kaum finden wird. Ganz klar gehört es in die Modeabteilung und auf die Weihnachtstische, die in den nächsten Tage überall entstehen werden.

Nählust statt Shoppingfrust hat gute 150 Seiten und kostet erschwingliche 14,99 €.

Und nur, um einmal zu zeigen, wie schwierig es ist, anständige Buchbilder zu erhalten:

 

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Und wer auf der Suche nach Näh- und Strickliteratur ist, hier habe ich einige Vorschläge.

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3 Kommentare

  1. Kluge Gedanken. Ich frage mich die ganze Zeit, wie so ein Buch thematisch für Männer aussehen könnte. Vielleicht was zu Statussymbolen und warum sie sinnlos sind. Oder sind sie das gar nicht?

    Grüße,
    Ralf

    • Spannende Frage. Die Antwort kommt wohl sehr auf den Mann an; ich habe genügende kennengelernt, die der Symbolen hinterher hetzen, aber die Namen ihrer Kinder erst nach mehreren Sekunden heraus stottern konnten. Und andere, die all das hinter sich gelassen hatten – WEIL sie die Namen ihrer Kinder nicht sofort wußten.
      Ich glaube, es hängt auch sehr mit dem Weltbild ab; ich könnte es sogar auf die Einstellung zum Feminismus (als selbstverständliche GleichWERTUNG beider Geschlechter) zurückführen: Männer mit massiven Statusbedarf erhoffen sich dadurch ja gerne mehr Sex, um es platt zu sagen. Frauen mit einem überzogenen Schönheits- und Optimierungs (Silikon)bedarf hoffen dafür auf genau diese Männer. Und beide haben sich aus der schlichten Denke nicht befreien können.

      Aber das ist jetzt so eine spontane und undurchdachte Theorie, die mich vom Kochenmüssen abhalten soll 😀

  2. Vielen Dank für deine wunderbare Rezension!

    Ich denke auch, dass es ein Geschenkbuch ist, bezweifele es aber, ob das die Buchhändlerinnen rechtzeitig vor Weihnachten entdecken. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und Rezensionen wie diese, helfen ganz sicherlich. Also vielen Dank, für deine Unterstützung!

    Viele Grüße Meike

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