Mein Stil? 2. Teil

Weshalb setze ich ein Fragezeichen hinter “Mein Stil”? Weil ich, obwohl ich klug vom Gegenteil spreche, für mich selbst noch immer nach dem passenden Aufkleber suche? Weil ich gar nicht immer das Gefühl habe, angekommen zu sein – denn ich bin hineingerutscht, in das, was ich so trage. Aber so wird es manchen von uns gehen: für Außenstehende sind manche Kleidungsstücke, Farben, Schmuckstücke oder Schuhe ganz klar diese oder jene Bloggerin, Freundin, Kollegin, ja, das habe ich doch sofort erkannt, das bist du! Hmm, bei manchen Dingen war man sich selbst nicht so sicher und manchmal werden einem Dinge unterstellt … so sprach mich vor längerer Zeit eine Bloggerin aus fernen Landen an, die mir versicherte, wir seien Zwillingen, unbedingt. Neugierig betrachtete ich mir ihren Blog und war bass erstaunt, entsetzt, schockiert: all diese Polyjerseyteile in psychedelischen Paisleymustern auf beigefarbenem Untergrund? Miniröcke und Blockabsätze? Gefärbtes Blondhaar? Hatte sie die Falsche angeschrieben? Sehe ich mich falsch? Ehrlich, ich war aufs Tiefste erschüttert …

Nun schätzen wir uns selbst gerne falsch, oft zu negativ, ein; ich für mich benutze das Wort spießig gerne, wohlwissend, dass meine Geisteshaltung eine latent andere ist. Als in der letzten Woche eine meiner “längsten” Freundinnen durchklingelte, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, fragte sie auch – in einem Atemzug: von außen wird mein handarbeitliches Werkeln und mein Befinden wohl eng verbunden – was denn die Näherei so mache. Ich fand es leicht deprimierend, nicht sagen zu können, ich säße gerade an einem sehr aufregenden kirschrotem Kleid, sondern an einem grauen Flanellfaltenrock und einem ebensolchen Bleistiftrock. Beides klingt doch mehr als nur spießig. So langweilig, unoriginell, konservativ … und obwohl wir uns, meine Freundin und ich, nun seit Jahrzehnten kennen, war ich doch erstaunt, ein spontan-fröhliches “Oh, wow, das wird bestimmt toll, wann kann ich gucken kommen?” zu hören? Toll?? Ich bemühte sie von der Spießigkeit meines Unterfangens zu überzeugen, aber ihrer Meinung nach – und sie neigt nicht zum Schmeicheln, was ich grundsätzlich jeder positiven Aussage unterstelle, mißtrauisch, wie ich bin (also ehrlich, keine Ironie!) – also ihrer Meinung nach wäre das an mir eben null spießig, sondern elegant und schön. Punkt. Hmmm, so dachte ich wieder einmal bei mir, denn ich hmmmse mir recht oft etwas.

Wie ich zu den kurzen Pullis und den selbstgenähten Röcken kam, hatte ich schon ausgeführt. Taillenkurz sind sie übrigens deshalb, weil meine Figur bei längerem sprich hüftlangem Strick nicht mitmacht: nicht nur sieht eine Hüfte dann am breitesten aus, wenn man sie zu verstecken sucht oder wenn ein Oberteil an der dicksten Stelle endet, nein, auch ein komplett angepaßter Pulli dieser Länge sitzt bei mir nur so lange wie ich mich nicht bewege. Wenn meine Hüften in Schwung geraten, was sie unweigerlich tun, sobald ich einen Fuß vor den anderen setze (ihr kennt das Video vermutlich, ich tue das nicht absichtlich!), zieht sich auch der perfekt taillierte, perfekt sitzende Strickpulli nach oben; weg von all diesen Wellen. Genau da wollen wir Strick ja auch haben: zusammengeknüllt in der Taille. Juhuu!
Aus dieser Tatsache heraus entwickelten sich zwei weitere Vorlieben: entweder den Pulli knapp unterhalb der Taille enden zu lassen oder aber, wenn er doch einmal zehn Zentimeter länger sein sollte, ihn mit einem Gürtel am spazieren gehen zu hindern und auch den Blick wieder von der Hüfte nach oben zu ziehen. Manchmal ergibt das ein gutes Gesamtbild, manchmal stimmt was nicht so ganz. Meist liegt es an einem zu tiefen Ausschnitt, wenn es nicht gut aussieht. Ha! Da habe ich noch eines meiner Geheimnisse gelüftet. Es ist nicht mein unglaubliches Talent für Accessoires, das eher unterentwickelt ist – zeigt mir zehn Bilder von mir mit Schmuck… – Nein, es ist ein billiger Notbehelf. So kann also nicht nur aus Faulheit, sondern auch aus Schummelei ein eigener Stil entwickelt werden. Kein Wunder, dass ich ein Fragezeichen setze, wenn es um meinen eigenen Stil geht 🙂

Von hier aus ist der Übergang zu figürlichen Zwängen leicht, nicht wahr? Ich bin der festen Überzeugung, dass es NICHT möglich ist, eine Besonderheit des Körpers zu verstecken: wenn du sehr dünn, sehr groß, sehr klein, sehr dick bist oder einen großen Busen hast, einen sehr runden Po, eine Adlernase, zehntausend Sommersprossen hast, dann wirst du das nur mit sehr viel Aufwand verstecken können und dieser Aufwand wird das Ergebnis niemals rechtfertigen. Nun sehe ich persönlich auch keinen großen Nutzen darin, ein Leben lang gegen Sommersprossen, fehlende Zentimeter und treue Kilos anzukämpfen und sich nicht oder nur verkleidet unter die Menschheit zu begeben.
Versteht mich hier nicht falsch: ganz klar kann man vorzüglich unter dem leiden, was Mutter Natur einem ins Körbchen gelegt hat – ich bin die größte Jammerin unter der Sonne, breche gerne mal innerlich zusammen, wenn ich mich im Spiegel sehe oder Bilder von mir sichten muss. Irgendwie weiß ich aber auch, das bin ich nun mal und ich mag ich ja doch, irgendwie, manchmal, so’n bißchen 😉 Geht schon, halt. Und ich finde Frauen vor allem dann schön, wenn sie – auch abseits von gängigen Idealen – das Beste aus sich machen. Nur, was ist das Beste?
Da kann ich auf Nummer sicher gehen und mich brav nach all den Tipps richten, die sich überall finden lassen: bedecke dies, betone das, trage jenes, lass was anderes. Ich kann mich durch Listen für kurze Hälse, dicke Arme, dünne Beine, breiten Hüften, runde Pos und kleine Busen wühlen und dann verhüllen, verdecken, einschnüren, um all das, was ich so habe, dem ewigen Ideal der Sanduhr anzunähern. Ich kann das auch hübsch bleiben lassen – es kommt eben darauf an, wie wichtig mir die Wirkung nach außen ist. Und es ist vollkommen in Ordnung, sich entweder sehr darum zu scheren oder sich einen feuchten Dreck darum zu kümmern, was die anderen denken. Nur sich selbst ist man Rechenschaft schuldig, da sollte man schon ehrlich sein.
Wie ist das bei mir, wie wichtig ist mir die Außenwirkung? Es wäre mir beispielsweise sehr unangenehm, als ungepflegt zu gelten. Ich kann damit leben, also arrogant klassifiziert zu werden – was ich nur sehr selten bin. Graue Faltenröcke allerdings tragen zu einem solchen Eindruck bei. Auch meine “Spießigkeit”, mein Anderssein so ohne Jeans und Turnschuhe stört mich nicht. Es kommt vor, dass ich angeschaut werde – manchmal sehr freundlich, manchmal geradezu ängstlich, manchmal sauer. Die Motive für derlei Blicke sind vielfältig, und sind mir oft egal. Es gibt aber auch die unauffälligen Tage, an denen ich mich nicht wohl fühle und nur unsichtbar sein möchte – nun finde ich meine Kleidung alles andere als auffällig oder gar besonders. Und an solchen Tagen frage ich mich doch – sehr ängstlich und wütend – was die doofe Kuh gerade eben sich wohl gedacht haben mag, als sie mir mit diesem Sauertopfgesicht und kopfschüttelnd hinterschaute – was zum Teufel habe ich der eigentlich getan? Es hängt also von der Tagesform ab, wie ich wahrgenommen werde, ob ich wahrgenommen werden möchte und wie sehr es mich stört, wenn es passiert, nicht passiert. Als Tipp kann ich weitergeben für all diejenigen, die sich aus Jeans und Treter nicht heraus trauen: es hilft enorm, wenn man quasi ein Ziel hat. Nicht nur kleidungstechnisch oder philosophisch betrachtet, sondern wahrhaftig, wenn man in einem unüblichen Aufzug (Vintage? Enge Kleidung, üppige Kurven? Roter Mantel? Was auch immer) unterwegs sein will oder muss. Ich beispielsweise besorge in unserem Hobby-Garten-Baumarkt mein Nähgarn, wenn es schnell gehen muss. Mit hohen Hacken, wehendem Rock und türkisfarbenem Pulli plus rote Lippen bin ich da vielleicht auffälliger als ich es eigentlich möchte – zur Ehre der Besucher dort sei gesagt, dass ich meist freundlichst angelächelt werde 🙂 – und an manchen Tagen fühle ich mich exponiert. Also gehe ich ohne links und rechts zu schauen flotten (ähm klappernden Schrittes) auf meine Abteilung zu, schnappe mir, was ich benötige und stolziere arrogant (denn so muss es wohl wirken) wieder heraus. Das hilft an solchen Tage sehr, Arroganz ist der billigste Schutz und er ist verdammt gut.
An all den anderen Tagen schlendere ich mit nur 100 km/h, lächele jeden, der schaut, gnadenlos an und plaudere mit allem, was mir im Weg steht – und freue mich über all die positiven Reaktionen. Gestern beispielsweise war ich dort und richtig gut drauf und mir kam am Ausgang eine Dame entgegen mit graugewelltem Haar, zart geschminkten Gesicht und perfekt abgestimmter Kleidung in beige und grau, getoppt mit einem sehr fluffigen, zarten Rüschenschal; sie wird in ihren späten Fünfzigern zu sein. An ihrem Gesicht ließ sich ablesen, wie fehl am Platze sie sich vorkam, denn so ziemlich jeder blickte ihr nach oder zu ihr hin. Ich konnte gar nicht anders, als ihr im Vorbeigehen zu sagen, wie toll sie aussähe. Vollkommen verdattert erst, dann hocherfreut bedankte sie sich und ging dann wesentlich entspannter weiter. Ha, und jetzt bin ich für heute komplett vom Pfade gewichen 😉
Also Thema für die nächste Stunde ist dann Figur und Stil und wenn ihr schon mal was dazu sagen wollt: bitte her damit!

Damit ihr aber auch nicht neugierig bleiben müsst von wegen grauer Faltenrock:

Yepp, ich finde grau in grau schön 🙂

Und nur für euch: Schmuck. Nur wie zeigt man so etwas in einem Bild angemessen? Ich und posieren, das wird nichts mehr 😉

Grau kann auch anders, aber für mich funktioniert das nicht jeden Tag – heute eher nicht.

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