Mg 13 – Kartoffelkleid für Haus und Garten plus kleiner Brigitte-Rant und Überlegungen zu Kleidern

Der Titel zeigt mein Talent zum Sich-Kurzfassen. Tja, wo  fange ich an?

Als ich 2009 mit dem Nähen begann, hatte ich von Zeit zu Zeit auch noch die Brigitte im Einkaufskorb, einfach deshalb, weil ich als Kind mit ihr aufwuchs und die Mischung aus Mode, Pflege, Reportagen, Gewinnspielen, Rezepten und Selbermacherei sehr liebte. Sie war deutlich emanzipatorisch und scheute sich nicht vor Politik. Das hat sich seitdem sehr verändert: schaue ich mir allein den unsäglichen Onlineauftritt an, der sich offenbar an unterbelichtete, aufmerksamkeitsgeile 12jährige Lolitas richtet, die im heftig-Stil mit viral gegangenen Nichtigkeiten zugemüllt werden wollen (und ich möchte betonen, ich kenne solche Wesen nicht und wage ihre Existenz zu bezweifeln), dann weiß ich, ich bin als Zielgruppe uninteressant geworden. Am meisten stört mich der durchgehend zickig-beleidigte Ton der Redaktion, wenn sie wieder einmal auf Fehler hingewiesen wird; man erinnert sich mit Schaudern an den Verriß der deutschen Nähbiene. Halt nein, falsch, es war ein Verriß der Teilnehmerinnen, nicht der Sendung. Ein typisches Beispiel in meinen Augen.

Gut, dennoch hatte ich die Zeitschrift mitunter gekauft, meist dann, wenn Strickanleitungen enthalten waren, die früher einmal richtig gut und vor allem korrekt waren. Diesmal (also im Sommer 2009) waren es Nähanleitungen und mir gefiel einiges, aber wagte mich noch nicht ran, da die Anleitungen schon sehr spärlich waren. Irgendwann im letzten Jahr endlich entsorgte ich das Heft, nur um in diesem Jahr noch einmal auf diese Schnittmuster gestoßen zu werden durch Ette – die gar nichts dafür kann! Wie damals stach mir dieses Kleid ins Auge und nebenbei fiel mir auf, wie wenig sich Mode in den letzten Jahren wandelt, wie unglaublich viele Stile heute selbstverständlich nebeneinander existieren, wie vielfältig wir uns aus dem Gestern und dem Heute bedienen können, ohne damit als zu verschroben aufzufallen … aber mäandert wird jetzt nicht! Also dieses Kleid sprach mich an:

 

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Ein Klick aufs Bild bringt euch übrigens zur Anleitung – auf eigene Gefahr!

Ja … ich las durch die Beschreibung, stolperte über die Anmerkung, es sei für Anfänger geeignet (mit gedoppeltem Oberteil und Trägern – ernsthaft?), da Vorder- und Rückenteil identisch seien. Sofort sprang meine innere Konstrukteurin auf, wedelte mit den Armen und jammerte, dass das auf gar keinen Fall ginge, die Balance könne dann niemals stimmen, ich würde mit einem Kleid enden, das vorne hochschwappt und hinten runterrutscht. Ich solle sofort die Finger davon lassen, sofort!

Nun fragt sich die geneigte Leserin, warum ich auf diese Stimme nicht hörte? Weil eine andere Stimme viel vernehmlicher sprach, dass doch mit Sicherheit eine ECHTE Schnittdirektrice diesen Schnitt entworfen habe und sicherlich besser wisse, wie man ein solches Kleid erstellt als ich, die sich all das selbst angeeignet hat und – ganz entscheidend! – an einem simplem Kimonomantelschnitt bald verzweifelt ist. Also Klappe und Ruhe! Ich druckte mir den Schnitt aus, kopierte die drei Teile – denn Rücken- und Vorderteilpasse waren dann doch zwei Teile und schaute mir alles genau an. Die Konstruktionsstimme wollte nicht verstummen; die Armausschnitte waren viel zu identisch. Fragt mich nicht, ich wollte es jetzt wissen und schnitt zu.
Und nun ratet einmal …

 

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Je nun … ich war immerhin schlau genug, die kurzen Schulterschrägungen meiner eigenen Schulter anzupassen, hoffte ansonsten aber, dass eine Passe, die oberhalb der Brust endet mit eben dieser keine Probleme haben würde. Falsch gedacht, wie man am rutschenden rechten Träger bemerkt. Viel seltsamer aber ist – ach, alles eigentlich.

Zunächst einmal sind die eingezeichneten Faltenpass- und Richtungszeichen eine Katastrophe, vor denen ich wie vernagelt saß und versuchte, sie übereinander zu legen – also so, wie sie markiert waren. Der Gatte kam vorbei und wurde gezwungen, mit draufzuschauen. Er war klug genug, die Markierungen zu ignorieren und sich auf die Schnittform zu konzentrieren und konnte so wahrhaftig die Falten richtig legen. Da schrie meine innere Konstrukteurin erneut auf und schalt mich, weil ich wie ein Schaf wohl alles glaube, was man mir aufmale? Ich radierte stillschweigend die falschen Linien hinfort und ersetzte sie durch die neu ermittelten. Und dann, ich sagte es, schnitt ich zu und legte als erstes die Rockteile in perfekte Falten. Die im übrigen nicht in die Richtung zeigen, wie es das Modellbild behauptet, sondern sehr deutlich die Seitenlinien verformen.

Mit viel Liebe nähte ich die Passe an die Rockteile, verstürzte sie mit dem Innenleben, stichelte noch etwas mit der Hand und probierte an. Und gratulierte mir zu dem Erfolg. Bzw. gratulierte meiner inneren Chefkonstrukteuse, die offenbar viel besser ist als gedacht.
So fragte ich den Gatten heute morgen, ob ich mir vielleicht auf dem Gebiet doch ein klitzekleines bißchen mehr zutrauen solle als bisher?
Der Gatte bedachte mich eines spöttischen Blickes und fragte mit einem Blick auf meine Falten, wieviele Jahre ich sonst wohl noch warten wolle?
Ich wollte sicher gehen und bat um Genauigkeit.
Er erinnerte mich daran, dass ich schon bei den Falten gemeckert hätte und die Konstrukstionskünste der Brigitteentwurfsmannschaft bezweifelt hätte und dass ich mit meiner Einschätzung, wie das Kleid sitzen würde, doch recht gehabt habe.
Männer, sowas soll wohl hilfreich sein? “Herrgott, jetzt sag doch mal: hätte ich das mit einem eigenen Schnitt besser hinbekommen? Hilf mir doch mal!”
Der Gatte verließ den Raum und jetzt weiß ich nicht so recht …

 

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Dieses Foto sollte meine Frage beantworten 😀 Es sind sowohl vorderes als auch hinteres Armloch bis auf einen halben Zentimeter gleich lang – dieses arme Kleid kann gar nicht anders, als nach hinten zu rutschen. Was es tut. Intensiv. Was man nicht sieht: es ist dazu auch noch unbequem unter den Armen, weil es mir am liebsten noch viel, viel weiter den Buckel runterrutschen möchte. Ändern lässt sich das nicht mehr und da mir der Stoff zu wild ist, schmerzt es mich auch nicht zu sehr. Ich habe in diesem Kleid heute morgen das Bad geputzt, es war luftig und nicht im Weg und nachdem es sich einen bequemen Platz an meinem Körper gesucht hatte, kniff es mich auch nicht mehr unter den Achseln. Für schwüle Tage ist es perfekt. Also innerhalb des Hauses oder des eigenen Gartens. Für den Weg bis zur Mülltonne … ziehe ich mich um.

 

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Dass ein O-Kleid nicht unbedingt ein Figurschmeichler ist, wenn es einem um Kurven und Taille und inszenierte Weiblichkeit geht – geschenkt. In diesem Fall allerdings geht es weit über mein Ziel heraus, dass da lautet: ich habe es nicht (mehr?) nötig, meine Figur immer so deutlich wie möglich zu zeigen. Das Kleid hier scheint eher von Selbsthass als von Selbstbewußtsein zu zeugen. Was nicht an der Schnittidee, sondern an dem verkorksten Schnittmuster liegt. Wo auch immer meine körperlichen Unzulänglichkeiten eine Rolle spielen mögen, auch mit der perfekten Figur kann dieses Kleid nach diesem Schnitt nicht sitzen. Und nun, wo ich mich davon überzeugt habe, sehe ich auch den Originalbildern ein wenig von dieser Problematik an. Obwohl dort sicherlich mit Wäscheklammern getrickst wurde, ist die vordere Mitte leicht angehoben.

Nun überlegte ich, ob ich dennoch etwas aus diesem Schnitt machen solle? Ich könnte es noch einmal selbst nachkonstruieren, könnte den Ausschnitt vorne anheben (es gibt nämlich keinen BH in meiner Schublade, der da nicht mit dem Cup herausragen würde), könnte das hintere Rockteil faltenfrei zeichnen und die Träger etwas mehr zur Mitte hinlegen. Aber will ich überhaupt da hin, nun nur noch sehr, sehr weite Kleider mit viel Entfernung zum Körper zu tragen? Das kann ja leicht in die esoterische Lass-uns-drüber-reden-Ecke abrutschen und das ist nun gar nicht meine Welt. Es soll luftig sein, es soll mich umspielen, aber nur noch an mir wallen soll und muss es ja nun auch nicht. Die nächsten Kleider dürfen etwas mehr Figur zeigen, mehr mit Falten und Längen spielen und es gibt so einiges, was ich noch nähen will, da braucht dieser Schnitt keine zweite Chance. Für mich ist nun die Brigitte endgültig durch, mit einem leisen Weh zwar, wenn ich an die Sommer meiner Kindheit denke und den heißen Wunsch, endlich das himbeerfarbene Brigitte-Holland-Rad zu gewinnen, aber nun habe ich gelernt, dass man dort von Schnittmustern genauso viel Ahnung wie von vernünftiger Hautpflege hat und die letzte Attraktion ist gestorben. Hach.

 

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