Miesmacher

Ich hasse, hasse, hasse das Fotografieren. Die dämliche Kamera, die falschen Farben, die verzerrte Darstellung und mein unglaubliches Untalent – vor und hinter der Linse. Vor allem verdirbt diese Chose mir Laune und Freude an Kleidungsstücken, die mir gefallen. Gefielen. Bis ich sie digital verarbeitet vor mir sehe.

Der Versuch gerade eben im Kellerflur, ein Bild von dem zu nehmen, was ICH sehe, wenn ich anprobiere, scheiterte grandios an meiner Unfähigkeit, die Kamera still zu halten. Was durch Mechanik und Technik des Mistdings eh verhindert wird: um ein scharfes Bild zu erhalten, muss ich den Auslöseknopf drei Sekunden lang auf halber Position zwischen Vögelchen und Nest halten und dann drücken. Witzig.

Danach habe ich die Bilder bzw. die entstandenen Silhouetten – Kellerspiegel und Selbstauslöser – verglichen und wie bei diesen “Finde-den-Fehler”-Bildern (den wirklich guten, bei dem Gemälde der letzten Jahrhunderte verfälscht werden) sitze ich davor und denke, das sieht anders aus, nur weshalb und wo? Natürlich, die Seitenumkehrung spielt eine Rolle, aber dann spielte ich in Gimp mit horizontalen Spiegelungen und der Effekt blieb. Weshalb gefällt mir etwas im Spiegel, doch auf dem Bild kaum? Weshalb sehen manche Stoffe, Frisuren, Effekte im wahren Leben vollkommen anders aus? Das beschäftigt mich deshalb, weil ich es schwierig finde, mich vom häßlichen Digibild zu trennen und mich, mein digitales Ich (mein wahres Ich?) freundlicher zu sehen. Wollte ich mir darüber heute morgen, nach zwei Wochen Krankheit und noch leicht rekonvalsezent, Gedanken machen? Hier stehen vier Körbe Wäsche, auf der Leine hängt noch mehr, das große Kind ist schon wieder leicht kränkelnd zu Hause geblieben, Bad, Böden und Betten schreien nach Pflege und ich wollte “nur mal eben” eine neue Kleiderschrankergänzung zeigen. Eine, in der ich mich sehr wohlfühle, da nichts einengt, alles weich fließt und in der ich mich schön fand – soweit mir das gegeben ist, hahaha.

Nun ja, genug jetzt, weshalb sollte ich auch gute Laune haben bei dem Saustall, den ich hier zu beseitigen habe? Eben.

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Yepp, da ich besagte Wäschekörbe erst aus dem Weg hätte räumen müssen, um Bilder im Warmen zu schießen, ging ich raus. Hat sich gelohnt … alle Mängel hoch 10. Wie gestern schon gesagt, die Schulterbreite ist viel zu lang; daraus resultieren die Falten von oben zur Brust. So kann eben auch der Eindruck von zu eng an der Brustlinie entstehen, denn im Vergleich zu Taille und Achselhöhe habe ich an der Oberweite lediglich eine Mehrweite von 10 cm (wieso das mit Punto di Roma geht, aber bei einem Blusenschnitt drei Nummern zu groß wäre – Rätsel der Menschheit!) während die anderen beiden Regionen gute 20 haben mögen.

Aber obwohl es auf dem Bild schlimm aussieht, ist es mir doch egal. Nahezu. So gut wie.

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Als ganz besonders nervend hat sich die schwache Batterie der Kamera erwiesen (und keine passenden im Haus, logisch): der Blitz lud und lud und lud. Und ich stand und stand und stand. Lachte, lächelte, grinste, fror ein. Bild verwackelt, Spiel von vorne. Auf den Bildern, die nichts wurden, lächelte ich holdselig und hoffnungsfroh.

Farben stimmen auch nicht, das Ganze ist etwas grünlicher, tiefer, glänzt nicht und vor allem der Stoff des Rockes ist einfach sagenhaft:

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Das Unverständliche ist, dass ich diesen Stoff seit über einem Jahr immer wieder beiseite gelegt hatte: nicht, weil er mir zum Anschneiden zu schade gewesen wäre, sondern weil er mir zu laut, zu billig, zu aufdringlich erschien. Ich schob diesen Fehlkauf auf geistige Umnachtung, auf das Verlangen, unbedingt Beute zu machen, wenn auch nichts zu finden war, auf das schlechte Licht in der Stoffabteilung. Letzten Endes nahm ich ihn für diesen Schnittversuch – zu dem ich heute nichts mehr sagen mag, obwohl es darum heute hätten gehen sollen – und schon beim ersten Steppen leistete ich Abbitte; auf einmal zeigte er sich edel, strukturiert, interessant und tief. Es ist eine Woll-Viskose-Poly-Mischung vom Karstadt-Angebotstisch und hat mich maßlose 2,- € gekostet …
Dass es mir nun nicht gelingt, Rock und Stoff in ihrer wahren Schönheit zu zeigen … erwähnte ich, dass ich verärgert bin und frustriert vom Fotomist? Eventuell könnten Arlett und Sabine bestätigen, dass er schön ist. Der Rock, nicht der Mist.

PS: Habe übrigens einen Fehler gefunden.Nein, nicht einen Fehler, DEN Fehler: Ich fühle mich vor der Kamera so unwohl, dass ich schief und schräg stehe. Immer noch. Dank Gimp und meiner Bilderdreherei weiß ich mehr:

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Kamerabild und mein Spiegelbild. Wie ich mich von Bildern und wie vom Spiegel kenne – vielleicht etwas weniger verschwommen.

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Kamera und gedrehtes Spiegelbild. Immer noch finde ich den Spiegel irgendwie anders und netter.

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Drehe ich beides spiegelverkehrt, so ist mir das umgekehrte Digibild vollkommen fremd; erst hier fällt mir auf, ich stehe komplett gekippt – was keine Absicht war: Das Bild war dazu gedacht, einmal ungepost gerade zu stehen, damit man die Schnitte erkennen kann. Stehe ich vorm Spiegel (und ich stehe gerne davon, auch wenn ich mich mal nicht mag), so stehe ich gerade.
Kein Wunder, wenn ich auf Bildern immer Falten finde, die sonst nicht da sind. Habe gerade statt aufzuräumen mal andere Bilder gespiegelt. Yepp. Wie Kaninchen vor Schlange. Der schlimmste Beruf der Welt: bestimmt Model!

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18 Kommentare

  1. Ich bestätige hiermit das der Rock in echt wirklich grandios aussieht. Deshalb gehe ich davon aus das auch das Oberteil in Wahrheit besser sitzt als die Fotos vermuten lassen.
    Toll gemacht!
    Liebe Grüße
    Arlett

    • Naja, das Top ist schon suboptimal, aber einen Schnitt von einem gekauften Uraltshirt in 5 Minuten abnehmen – das birgt ein gewißes Fehlerpotential 😀

  2. Gut zu hören, dass auch andere Probleme beim fotografieren haben. Vor dem Spiegel kann ich posieren wie ein Weltmeister, aber wenn die Kamera an ist versteif ich mich sofort. Was hilft ist, den Mann die Fotos mit Serienaufnahme machen zu lassen und sich ein wenig zu bewegen. Da kann ich dann immer noch viel sofort löschen, aber die restlichen wirken weniger Kaninchen-mäßig. Leider kann ich Selbstauslöser und Serienaufnahme nicht kombinieren, das wär wohl mein heiliger Gral, so eine Kamera.
    Der Rock gefällt mir,der Stoff hat von nahem Ähnlichkeit mit dem Chanel-Bouclé. Und auch das Oberteil ist sehr schön geworden. Ich sehe was du mit den Falten meinst. Ich würde ja dem Schnitt in der vorderen Mitte ein V einfügen und aus der Not eine Tugend, sprich einen leichten Wasserfall-Ausschnitt machen. Das ist vielleicht nicht nach Lehrbuch aber dann kann man sich selber sagen “das muss so”. 😀
    lg ette

    • Das wäre natürlich eine Lösung, aber wie oft hat dein Mann wohl Zeit und Lust, bei mir vorbei zu schauen? 😉 Wenn mein Mann mich knipst, dann wird es erst richtig schlimm: nach einiger Zeit mutiert er zum Starfotografen und gibt mir Anweisungen, die bar jeglicher Anatomiekenntnisse sind – ich strenge mich dann an, die Ehe gerät in die Krise, weil ich nicht das liefere, was er will und wenn ich die Bilder sehe – dann fühle ich mich wieder wie : häßlich und unglücklich 😀
      Die ersten Bilder auf ravelry, falls du da bist – der Gatte …

  3. vielleicht liegt es auch daran, dass die Kamera in einer anderen Höhe steht, als man sonst mit den Augen “schaut”. Ich finde dadurch sehen die Proportionen andes aus.

    Ich finde das Ensemble sehr schön.

    LG Melanie

    • Das ist bestimmt auch ein Grund. Was habe ich da schon versucht, aber ich bin hoffnungslos – total.

      Das Ensemble mag ich auch – nur nicht im Garten 😀

  4. mir gefällt sowohl der Rock als auch das Shirt sehr gut an dir !! Ohne Deine Kommentare und Deinen geschulten Nähblick wären mir die “Mängel” nicht aufgefallen. Ich war gerade in der Stadt – auf der Suche nach einer neuen weißen Bluse (so weit reichen meine Nähkünste noch nicht) – und ich habe schon lange nicht mehr so viele schlecht sitzende (von der Qualität der Stoffe spreche ich erst gar nicht ) Blusen gängiger Modemarken zu netten Preisen (keine Schnäppchen) anprobiert. Seit dem ich selber angefangen habe zu nähen, ist mein Blick da natürlich noch viel kritischer gewoden. Aber das, was da heute auf den Bügeln hing, wäre bei mir im Müll gelandet – eine absolute Zumutung.
    Also sei nett zu Dir !!!! Deine Garderobe ist mit soviel Aufmerksamkeit und Mühe genäht, das sieht man und sitzen tut sie deutlich besser als dass, was in den meisten Läden zum Kauf angeboten wird.
    Ich lese Deinen Blog schon länger und lerne viel aus Deinen Gedanken zu den unerwünschten “Falten und Beulen” Deiner Kleidung. Mir geht es mit meinen Teilen (auch wenn ich erst ganz am Anfang bin) auch nicht anders.
    Liebe Grüße von der Ostsee

    Frauke

    • Da sagst du zwei für mich wichtige Dinge: zum Einen verliert man mit der Zeit wirklich einen Blick fürs Wichtige – nämlich der Vergleich zu all dem, was ich kaufen könnte und wie das säße.
      Und das andere freut mich, denn das ist immer meine vage Hoffnung: wenn ich hier “zugebe”, was mich stört, was falsch ist, was ich ändern könnte – dann hoffe ich dabei auf den richtigen Tipp und darauf, dass eine andere einen Nutzen daraus zieht. Und wenn es manchmal nur das Gefühl ist, andere können es auch nicht 😀

  5. als ich noch jung war und studierte hatte mal ein Professor behauptet, dass Frauen keine genialen Architekten sein können, weil sie sich zu sehr in Details verlieren statt das Große und Ganze im Blick zu behalten…
    Offenbar hatte es nicht nur in Bezug auf Architektur Recht 😉 (Zaha Hadid ausgenommen) – sowohl der Rock als auch der Pulli sind wunderschön und stehen Dir sehr gut!T

    Joanna
    (mit Männerblick gesegent – aber nicht wenn es um meine eigenen Projekte geht :-P)

    • Deinem Professor würde ich zu widersprechen wagen: zum Einen, weil ich mir sehr sicher bin, dass genügend Frauen in der Lage sind, das Große und Ganze zu sehen und zum Anderen, weil Details das auschlaggebende Momentum sein können, das über Erfolg oder Mißerfolg entscheidet. So!

      Was mich eben stört, ist diese immerwährende Ernüchterung, sobald ich etwas oder mich oder beides knipse. Wie ette oben schon schreibt: vorm Spiegel bin ich locker und entspannt, vor der Kamera ein Stück Holz und schief und krumm. Aber es erklärt, warum ich mit Schnittänderungen aufgrund von Schrägzügen und Falten auf den Bildern nciht weiter komme – endlich was kapiert 😀

      Wie geht es dir denn überhaupt, Schatz?

  6. Eine Frage, die mich beschäftigt:

    Warum sehen wireigentlich immer nur das Negative und zählen dies auch noch stundenlang auf? Viel besser wäre es doch, alles mal positiv zu sehen…!

    • Weil zumindest ich mich zu intensiv damit beschäftige, als dass ich mit einem minderwertigen Ergebnis glücklich zurück legen könnte. Außerdem sind mir/uns ja Menschen, die alles, was sie tun und machen und zeigen und es dann nur toll finden, äußerst suspekt sind

      • Aber immer nur zu lesen, wie schlecht alles ist, finde ich auch doof! Und leider läßt Du nie bzw. in sehr seltenen Fällen ein ‘gutes Haar’ an Dir. Schade 🙁

        • Soll ich lügen? Das wäre die Alternative in einer Zeit, in der nichts gelingt und man sich selbst sehr fremd geworden ist. Ich bin vieles, aber nicht unehrlich.
          Schöne Dinge bezeichne ich immer als schön und freue mich über sie, aber wo schon so langes nicht wahrlich schönes zu finden war, nagt es doch sehr an einem. So viel Streß und Ärger und Frust und Nerventod in diesem Jahr – annus horribilis, wieder einmal. Was du sehen musst und was ich als positiv bezeichnen würde: ich gebe nicht auf, an keiner Front 😀

  7. Mangelnde Ausdauer beim Fotografieren ist augenblicklich auch einer der Hauptgründe, warum es bei mir im Blog so wenig zu sehen gibt 😉
    Ich weigere mich, mir die Freude an einem neuen Kleid durch die Tatsache kaputt zu machen, dass auf den Bilder plötzlich tiefe Falten zu Schrägzüge zu sehen sind, die eben sonst nicht da sind. 😉

    Das sich der Rock toll trägt, glaube ich dir sofort. Ich habe nämlich gerade eben erst einen alten Rock von mir aus einem sehr ähnlichen Material auseinander getrennt, um ihn für mich wieder tragbar zu machen. War keine angenehme Aufgabe, das Garn war nahezu unsichtbar. Aber der Stoff trägt sich nun mal so schön.

    Auch wenn das bzw die Shirts noch verbesserungsfähig ist, helfen solche schnellen Projekte oft den Druck rauszunehmen. Lieber drei tragbare Teile mit kleinen Fehlern, als eine perfekte Bluse. Jetzt kannst du immerhin an drei aufeinander folgenden Tagen in verschiedenen Outfits aus dem Haus.

    Ich habe für mich übrigens festgestellt, dass mir Shirts besser passen, wenn ich das Vorderteil einen cm breiter zuschneide als den Rücken. Allerdings muss dann die Armkugel ein wenig angepasst werden.

    Liebe Grüsse Lucia

    • Liebe Michou,
      Wie erfrischend! Ich mag den Blog, ich mag die Mode. Ich mag..”ich hasse, hasse, hasse” weil ich es so gut nachfühlen kann ;o).
      Ich bin manchmal auch ein Rumpelstilzchen und finde irgendwas “mies, doof, Blöd, blöd, blöd”. Da kann man Atemübungen oder Yoga machen … oder das mal kurz rauslassen. Bin total bei dir. Und wer sich herzlich ärgern kann, der kann sich auch herzlich freuen, oder?
      Und: was bin ich froh dass ich in meinem Studium von solchen Professoren (s.o.) verschont geblieben bin. Ist auch erst 10 Jahre her und liegt evtl. am Fachbereich, aber so einen Pauschal-Schwachsinn hätte sich bei uns keiner öffentlich zu sagen gewagt.
      Herzliche Grüße,
      Anja

      • Liebe Anja,

        hach, wie schön, eine verwandte Seele – du fühlst dich dann im “zu Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt” auch erkannt, oder? 🙂
        Und es ist ja wie du sagst: es raus lassen ist eben neben Yoga auch eine Alternative. Und ob es bei Atemübungen komplett in rosa Dunst aufgeht, das fiese Ärgernis? Ich weiß es nicht.

        Ich schreibe mir Frust und Ärger und Trauer und Freude eben von der Seele und danach ist mir wohler. Rumpelstilzchen? Kann ich gut mit leben 😀 Danke für deine verwandte Seele, die aus deinen Worten spricht!

    • Ja, der Stoff und die Trennnadel passen auch nicht zueinander – durfte ich auch erfahren. Das Garn versinkt nahezu unsichtbar. Deshalb zippelt hinten der RV auch ein wenig, weil sich ein Stofffaden in den Zipper gezogen hat – entweder es zuppelt nun weiter oder ich schneide ihn ab und riskiere irgendwann ein Loch im Rock. Dann lieber Zuppelei. Aber ich hatte versucht, den RV zu trennen und habe es dann lieber aufgegeben 😀

      Bilder, sag ich doch, ein echter Hemmschuh 😛 Und die Oberteile sind genau deshalb entstanden: damit endlich irgendwas da ist.

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