Na endlich! Hoffentlich …

Glamour ist hier nicht zu erwarten: Das Wohnzimmer ist ein stoff- und wäscheübersätes Schlachtfeld, ich bin ungeschminkt und mit nassen Haaren zugange, die Jungs haben Sommerferien und zwei Tage Dauerregen liegen hinter uns. ABER es sieht so aus, als hätte ich am Montag endlich, endlich, ENDLICH meinen Grundschnitt hinbekommen. (Jetzt bitte in euphorischen Jubel ausbrechen.)

Was ich tat und machte in den letzten sieben Wochen: es wollte und wollte nicht gelingen. Ich will da nicht noch einmal in ermüdenden Details mich ergehen; es liegt zum Glück ja hinter mir. Also hoffentlich. Nur nicht dran rühren. Alles ist gut. Wie auch immer.

Letzten Donnerstag war der tiefste Punkt erreicht, als ich versuchte, aus einem eilends bei Karstadt erstandenen Baumwollstoff eine Art tragbares Versuchskleid ohne größere Abwandlung zu nähen. Und der Rücken zwar recht nett saß, aber dafür nun vorne gar nichts mehr ging. Erst bei der Anprobe und der sich anschließenden Verzweiflungswüterei fiel mir ein, dass ich mir versprochen hatte, keine halbfesten Baumwoll-Elasthan-Stoffe mehr zu vernähen: Abnäher lassen sich nicht immer glatt ausbügeln oder werden dabei überdehnt und die richtige Menge zwischen eng genug, um den Elasthan eine Daseinsberechtigung zu geben, und weit genug, um anständige Schlüsse auch dem Schnitt ziehen zu können, erreiche ich damit nie.

Dann kam die Zwangspause dank Arbeit, Ikeabesuch und Hochzeitskleid nähen. Am Montag begab sich der Gatte auf Dienstreise, was mir immer eine gewiße Entspannung verschafft: ich kann Stoff und Papier und Garn auf den Boden fallen lassen und mute diesen Anblick niemanden bei der abendlichen Heimkehr zu. Clever, wie ich ja nun mal bin, dachte ich samstags beim Schweden sogar daran, mir einen festen, nicht dehnbaren Baumwollstoff mitzunehmen. Wie das Schicksal es wollte, lag ein bereits zugeschnittenes und ausgezeichnetes Reststück parat, das meinen Ansprüchen genügte und zudem häßlich genug war, um kein Mitleid bei mir ob seines elenden Schicksals zu erregen – die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit schleimigem Getier und fetten Käfern auf der Brust würde flanieren wollen, ist in Worten kaum fassbar.

Im ersten Schritt habe ich den Rock angepasst und ihm einen vorderen Abnäher spendiert, der bei Pepin eigentlich nicht vorgesehen ist. In mühevoller Piddelei und Steckerei habe ich die Hüftkurve angepasst, Taillen gehoben und gesenkt, bis der Rock all das tat, was ich wollte. Nun ja, nahezu: wenn ich möchte, dass die einknickende deutliche Kurve unter meinem Bauch nicht zu sehen ist, muss der Rock von der kräftigsten Stelle herunterfallen. Erst an den Oberschenkeln trifft er wieder auf – dazwischen schwebt der Stoff. Und neigte dazu – trotz superviel Weite und Länge – gemeine Sternchenfalten um die Bauchmitte zu zeigen. Ob die nun wirklich komplett eliminiert sind? Wieder greift das Prinzip Hoffnung. Aber insgesamt kam ein Rock heraus, der meiner sich verändernden Figur und ja, auch meinen Alter Rechnung trägt. Diese ganze Neukonstruktionsaktion hat mich nicht nur einiges an Nerven gekostet, sondern wurde auch mit dem Eingeständnis all dieser Veränderungen bezahlt. Gar nicht immer so leicht.

Im zweiten Schritt ging es ans Oberteil, das mir ingesamt schon gut gefallen hatte. Doch wo lag die vordere Taille, war die hintere Taillenlinie nun an der richtigen Stelle und hatte das Verlegen des Schulterabnähers in den Halsausschnitt funktioniert? Und sollte die Schulterlinie nicht doch einen Zentimter länger werden? Fragen über Fragen, da kommt keine 80er-Jahre-Soap mehr mit bei so viel Aufregung und Spannung.

So und nun erschreckt euch nicht – es krabbelt, fleucht und bibbert auf diesem Kleid recht vielfältig:

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Es gab einiges an kleinen Änderungen, die ich alle auf die Schnitte übertragen habe, unter anderem werde ich die Schultern um den erwähnten Zentimeter verlängern, was deutlich angezogener und auch besser proportioniert wirkt – habe ich mit angesteckten Stoffstreifen getestet. Bis hierhin bin ich jetzt endlich einmal zufrieden und hoffe, den Status quo zumindst für die nächsten zwei oder drei Jahre halten zu können – mit kleinen Gradierungen, aber ohne wiederholte Neubeginne. Hätte ich vor knapp zwei Monaten geahnt, wie sich das „Ich mache das jetzt mal eben!“ entwickelte … wahrscheinlich hätte ich es dennoch getan. Reines Muß, denn mir passt wirklich gar nichts mehr 🙁

Und nun bitte wieder einmal Daumen drücken, nachdem ich hier aufgeräumt haben werde, schneide ich die erste Abwandlung – ein schlichtes Röckchen aus einem alten Reststoff – zu …

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29 Kommentare

  1. Hurra, es ist (endlich) geschafft!! Ich freue mich mit dir und jubel laut – jetzt dauert es bestimmt nicht mehr lange und es gibt wieder schicke Kleider & Röcke zu sehen (die habe ich in der letzten Zeit vermisst).
    Wenngleich der Stoff wirklich unglaublich häßlich ist (wer entwirft nur so etwas? Den würde ich mir noch nicht mal ins Gartenhäuschen hängen), es passt wie angegegossen!
    Liebe Grüße, Bettina

    • Frag mich nicht – ich sah ja erst nur Dunkelblaun (ich weiß, du verstehst …) und mein Verstand nörgelte sofort herum: „Dunkelblau, da kannst du ja nichts erkennen und außerdem heulst du dann wieder herum, wenn es versaut ist!“
      Dann bemerkte ich das weiße Muster erst und dachte, es ist ja ein viel zu großes Muster, das ginge doch vielleicht und nahm noch an, es sei etwas maritimes – was ja dann doch ein echtes Kleid würde werden können.
      Ich schlug den Stoff auf und hätte beinahe laut „Iiiiiih!“ gerufen und es vor Ekel fallen lassen 😀 Aber der Verstand brüllte sofort, das ginge nun sehr gut, die Dicke und die Webart und die Häßlichkeit des Stoffes und bei so viel Weiß würde ich Linien dennoch gut erkennen können.
      Als ich dann noch das Preisschildchen sah und ich wußte, ich müsste mich nun nicht zum Abschneiden und Wiegen anstellen müssen – Ikea! Samstags! Sommerferien! – und das Ding auch noch die benötigte Länge von 1,40 m hatte – na, was konnte ich da tun?
      Aber es sieht doch aus, als brüte ich eine ganze Alienkolonie aus, oder? Brrrrrrr…..

  2. Schnitt ist gut – Stoff ist häßlich 🙂

    Aber stell dir das mal umgekehrt vor – dann doch lieber ein Augenbrennen ertragen, oder?

    Hm, mit meinem Rock komme ich nicht weiter (es fehlt mir so an Motivation), ich bewundere immer Deine Hartnäckigkeit. Das Du Woche über Woche, Tag über Tag weiter an dem Schnitt feilst.

    Liebe Grüße

    Sabine

  3. Also wenn man die Pusteblumen in Brusthöhe und diese bohneförmigen Wasauchimmers über dem Po platziert, kann man bestimmt hochinteressante ungewollte Effekte erzielen 3:) Und wenn das Muster auf dem Stoff ungefähr 100mal kleiner wäre, könnte man es ertragen. IKEA hat manchmal wirklich seltsame Sachen.

    Aber davon mal abgesehen, das passt dir nun wirklich ausgezeichnet, besser geht es nicht. Der Grundsloper war jetzt nach Harriet Pepin, oder? Vielleicht sollte ich doch auch mal …

    Und ist das „Call the Midwife“ im Fernsehen?

    lg
    Ingrid

    • 😀 Ja, derlei Effekte hatte ich beim Zuschnitt fast schon befürchtet, da ginge einiges. Aber verblüffenderweise ist das so fast harmlos, obwohl es ein wenig aussieht, als wäre ich mit einer Amöbe – oder was immer das nierenförmige Ding sein mag – schwanger beim Ultraschall 😀

      Aber du fragst jetzt nicht MICH ernsthaft, ob du nicht auchmal anfangen solltest, eigene Schnitte zu bauen?? Die Antwort kannst du wohl erahnen und sollte es dich demnächst doch noch einmal in die Gegend hier verschlagen, dann könnte ich dich entweder ausmessen oder aber, solltest du richtig fleißig und unentschleunigt bis dahin gewesen sein, dir beim Anpassen helfen. Na, oder per Mail ein bißchen helfen. Ich finde Pepin gut und Aldrich ist ebenfalls ein sehr guter und simpler Einstieg. Aber für Vintage bietet sich erstere ja an 😀

  4. Welcher Stoff? Ich sehr nur eine hervorragende Passform! 😀

    • Ich hatte vorm Spiegel schon ein wenig Mühe, an den Schleimviechern vorbei zu schauen. Aber das Ding fühlt sich dazu auch noch richtig gut an.

  5. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!!
    Das Kleid sitzt von allen Seiten toll!
    Und ich mag ja auch den Stoff gerne- nur nicht als Kleid! Aber für Stoffkörbchen oder Kissenbezüge finde ich ihn toll!
    Allerdings bin ich auch Biologin und dementsprechend vorbelasted…wahrscheinlich hat Ikea den Stoff extra für mich entworfen.
    Ich bin gespannt auf die tollen Kleider aus unbiologischen Stoffen, die hoffentlich bald folgen werden!
    Liebe Grüße
    Marlene

    • Der Stoff ist auch als Stoff sehr schön, etwas fester, aber wäre durchaus für ein Kleid dieser Art geeignet. Und wäre das Muster viiiieeeel kleiner, dann ginge das auch noch.

      Aber so – so schicken wir dich zu Ikea und lassen dich passende Kissenbezüge für die passionierte Biologin daraus machen – auf einem hellen Sofa sähe das bestimmt gut aus 🙂

  6. Das Kleid sitzt toll an Dir. Und ich mag den Kriechviecherstoff, habe mir gerade selbst einen Rock daraus genäht. Gut, dass der Mann weg war, dass Du Dich vollends dem Schnitt widmen konntest. LG

    • Habe ich doch gleich mal geschaut – als Rock viel besser denn als Kledi 🙂 Außerdem balanciert dein Bauch das schön aus. Aber ich bin ganz neidisch: Hausgeburt! Das hätte ich zumindest beim Zweiten gerne gehabt. Viel Glück!

  7. Ha, ganz wunderbar sieht der Schnitt aus. Über den Stoff legen wir ein Deckmäntelchen des Schweigens.
    Ich freu mich so für dich und kann mir ein „hab ich es nicht gesagt!“ nicht verkneifen.
    Liebe Grüße
    Arlett

    • Ja, du hast es gesagt, aber du hast ja auch erlebt, wie unglaublich frustrierend der Weg war und wie oft man (ich/wir) ratlos vor der dicken Wand standen. Aber ich hoffe – noch immer zaghaft – dass es geschafft ist. Gehe jetzt mal aufräumen und dann zuschneiden …

  8. Dafür habe ich nur ein Wort: toll!!!!
    Das Kleid sitzt wie angegossen. Kompliment!!! Ich bewundere Deine Ausdauer, die es für den perfekten Schnitt brauchte.
    Viele Grüße
    Neumon

    • Danke dir 🙂 Schön, dass du kommentierst und ich dafür deinen Blog entdecken konnte – konnte gestern nacht nicht schlafen und habe einiges bei dir gelesen, so waren die Stunden doch nicht vertan – danke auch dafür 🙂

  9. mir gefällt’s auch ausgezeichnet (ich kann übrigens den Stoff bzw. sein Muster ganz gut leiden), aber die Passform ist der Hammer!!! Irgendwann werde ich mich doch an meinen Grundschnitt wagen, irgendwann mal 🙂

    • Beim Nähen dachte ich auch noch, vielleicht könnte er mir doch gefallen, denn das Blau ist so schön 🙂 Aber ein Blick in den Spiegel hat mich kuriert: mir zumindest steht das nicht und nach einiger Zeit hatte ich wirklich das Gefühl, alles an mir krabbelt und schleimt 😛

  10. Das Kleid sitzt !!! Zu dem Stoff muss ich, glaube ich, nichts mehr hinzufügen … Obwohl … als weiter Rock wäre es vielleicht sogar gegangen. Und du weisst, ich liebe schräg gemusterte Stöffchen 😉

    • Als sehr weiter Rock würde dieser von ganz alleine stehen können 😀 Das Muster in viel, viel kleiner könnte ich auch noch tolerieren, so nicht. Nicht an mir und nicht von oben bis unten, brrrr …

      Aber das Kleid sitzt wirklich sehr, sehr gut und ich finde, es macht dazu noch eine ganz gute Figur bei optimaler Bewegungsfreiheit – yay!

  11. Sehr schön! Sogar den Stoff könnte man ignorieren, denn der Sitz ist wirklich perfekt! Ich bewundere immer noch Deine Hartnäckigkeit, dass Du gegen alle Widrigkeiten Dich da so zäh hinarbeiten kannst … was bin ich froh, dass ich nur stricke, das ist bekanntlich elastisch und lässt sich immer noch ein bisschen nach hier oder da schieben 😉

    • Da ist nichts zu bewundern, es ist ja die schiere Verzweiflung und eine Andere und Begabtere hätte das sicherlich schneller hinbekommen 🙂

      Beim Stricken überlegte ich gerade gestern noch sehr ernsthaft, ob ich nicht doch mal den Versuch unternehmen sollte, einen Pulli angepasst zu stricken: also mit hinten längerem Armloch und unterschiedlichen Armkugeln für vorne und hinten – aber dann müsste ich mir alles genau notieren und mich konzentrieren, damit ich nicht mit zwei rechten Ärmeln und einem Buckel ende 😀

      • Emma Sommerfeld

        Hihi … das mache ich aber je nachdem auch. Den Rücken hinten etwas breiter und auf jeden Fall länger, und ein paar andere Details … aber es ist einfach so bei Strick: Das passt sich immer noch etwas an. Und vor allem passt es immer noch, und das bleibt hoffentlich so … Während ich aus allem Genähten mit bemerkenswerter Geschwindigkeit herauswachse, und dabei weit davon entfernt bin, dick oder auch nur füllig zu sein. Aber die Zierlichkeit schwindet, zusammen mit der Taille, und der neu entdeckte Sport verbreitert auch noch die Schultern und die Oberarme. Der Pullover passt sich dem brav an. Das Sommerkleid mit den kurzen Ärmeln bleibt da völlig unnachgiebig. Irgendwann sollte ich mal meine Nähmaschinen aktivieren 😉 Aber für diese Geduldsprobe bin ich noch nicht bereit.

  12. Wahnsinn! Ich bin ja immer wieder sprachlos wenn ich deine Grundschnitt-Posts lese, du steckst so viel Arbeit in diese winzigen Anpassungen.
    Aber die Mühe war es wirklich wert, das Kleid sitzt ja wie angegossen. Dann hoffe ich, dass du mit deinen Projekten in Zukunft wieder zufrieden sein kannst.
    lg ette

  13. Schicke Frau in gut sitzendem Kleid. Herzlichen Glückwunsch ! Bin gespannt auf das was da kommt….
    Liebe Grüße
    Janine
    PS. der Stoff ist gruselig…..

  14. Wahnsinn, WAHNSINN. Haben Sie je gesagt, Sie seien ungeduldig???
    Große Bewunderung mit Goldrand! Bin grünkariert vor Neid. Allerdings
    möchte ich mal eine Lanze für den Stoff brechen – ich sehe da eine Finca vor mir,
    Blick auf Bäume und Meer, mit Natursteinkamin, Terrakottafliesen auf dem Boden und
    dann dieser Stoff als Vorhang. Das wäre klasse, sag ich Ihnen!
    Ich freue mich auf Ihre nächsten Nähergebnisse …

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