Noch mehr Gekauftes.

Heute vormittag hatten wir das Ergotherapievideoanalysegespräch. Ergotherapie, weil der große Sohn Lenny Schwierigkeiten mit seinen Hausaufgaben bzw. mit deren Erledigung oder noch besser mit deren Sinnhaftigkeit hat. Was in der Regel mit einer schlampigen, fehlerhaften Ausführung und miesester Laune im Haushalt endet(e?). Da wir natürlich alle dazu beitrugen – zur Laune und Stimmung – wurden wir beim Spielen und Planen und Arbeiten gefilmt. Ich muss gestehen: das Schlimmste für mich daran war die Anwesenheit einer Kamera. Das heutige Ansehen einiger Ausschnitte hat mich entsprechend gebeutelt. Nicht wegen des Verhaltens, sondern wegen meines Äußeren. Schlimm, nicht wahr? Ich konnte mich erst im zweiten Durchgang auf das Wesentliche konzentrieren, so abgelenkt war ich von meinem ungelenken Unwohlsein, meinem krummen Rücken und den dünnen Ärmchen. Von meinem kinnlosen Profil und den Altersfalten am Hals will ich gar nicht erst sprechen.

Als wir auf dem Nachhauseweg waren, dachte ich allerdings: “Was soll´s? Der Tag ist eh verloren, da kann mich das kleine Kind Tommy doch noch einmal in Kaufsachen knipsen.”
Was er mit professioneller Ernsthaftigkeit tat, aber etwas ratlos vor meiner Aufforderung stand, erst zu drücken, wenn ich gut aussähe. Er knipste dann einfach drauflos, denn so lange konnte und wollte er nicht warten müssen. Da die heutige Analyse Lenny zu schaffen machte, bestand er darauf, mit auf’s Bild zu kommen. Und in den Blog! Was ich nicht mag und ihm die Gründe dafür auch nannte. Unser Kompromiss bestand wie beim letzten Mal auch schon darin, dass ich nur die Bilder nehme, nach denen ihn ein Fremder nicht würde erkennen können.

 

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Das zweite Bild ist ungeschnitten und sollte mir ein für alle Mal klarmachen, dass Bilder, je nachdem, wie sie aufgenommen wurden, lügen. Egal, wo ich mich wie auf unsere Terrasse stelle: niemals bekomme ich diesen seltsamen Winkel zu Gesicht, in dem Terrasse, Büsche und Wiese so zueinander treffen wie auf diesem Bild. Unter Umständen sehe ich selbst also auch nicht immer so eigenartig aus wie auch manchen Bildern. (Aber der Horrorfilm heute morgen sagt die Wahrheit, da bin ich mir sicher – ich arbeite jetzt an der Verdrängung)

 

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Tommy konnte sich nicht entscheiden, welches Bild ihm am besten gefällt und wie immer in solch einem Fall nehme ich alle. Aber weshalb zeige ich die gekauften Kleidungsstücke überhaupt? Gute Frage, keine rechte Antwort. Ich will mich auch an andere Formen gewöhnen, herausfinden, was ich tragen mag, was sich kombinieren lässt und wo ich stehe. Nach wie vor findet ein Teil von mir das Altern unangenehm, schwierig, nervtötend und auch irgendwie unschön: da hat man sich im Laufe von zwei Jahrzehnten an sein Gesicht und seinen Körper gewöhnt, hat all die kleinen und ineinander greifenden Veränderungen mitgetragen und akzeptiert, um auf einmal mit immer größeren und rasanteren Mutationen klarkommen zu sollen. Der größte Teil meines Verstandes und Gefühls macht mit, aber Gewohnheit und ja, auch mein ästhetisches Empfinden stellen sich quer und nörgeln mir pemanent Schmähungen ins Ohr. Gegen die ich nicht resistent bin.

Als ich gestern mit Lenny spätnachmittags in der Innenstadt unterwegs war (um nach mehr Hosen für mich zu suchen – eine Schande, nicht wahr?), fiel mir auf – und dass muss ich jetzt kühl-nüchtern sagen – dass der Großteil der Menschen nicht schön ist. Schön wie ein klassizistisches Gebäude beispielsweise. Schön wie ein Botticelli. Schön wie Audrey Hepburn oder Grace Kelly oder Sofia Loren oder oder oder. Sondern dass die Menschen um uns herum allesamt zu dünn, zu dick, zu lang, zu kurz, zu alt, zu jung, zu gerade, zu krumm oder sonstwie zu ungenormt sind. Und dass diese Feststellung – gestern zumindest – unglaublich befreiend auf mich wirkte. Denn auf den zweiten Blick fand ich zumindest mehr als die Hälfte attraktiv: da waren tolle eigene Farben, gut geformte Beine, weiche Haut, strahlende Augen, glänzende Haare, anmutige Hände und zarte Taillen zu sehen. Ein aufrechter Gang, gute Laune, lebhafte Unterhaltung, passende Kleidung taten bei vielen das Übrige. Ja, es gab eine Handvoll an Menschen, die mir nicht gefiel. Die ungepflegt, miesgelaunt, unfreundlich und lustlos wirkten und die ihre eigene Schlechtwetterwolke über sich spazieren trugen. Aber unter den Hunderten von Menschen, die mir gestern entgegenkamen zählen vier oder funf nicht weiter, denn wieder einmal stellte ich fest, wie wichtig der Unterschied zwischen schön und attraktiv ist. Denn wenn auch der Großteil der Menschheit vom hehren Ideal wahrer Schönheit weit entfernt sein mag, so ist doch der große Teil dieser Mehrheit in seiner Vielfalt und Individualität höchst attraktiv. Und das sollte doch für jede und jeden eine Nische bedeuten, in der wir ganz für uns und die Menschen, die wir lieben, die uns lieben, wahrhaft schön sein können.

Holla, das war jetzt aber viel Pathos. Das schieben wir mal darauf, dass ich heute nacht wieder einmal viel zu wenig Schlaf bekommen habe und zudem eine Ausrede für das Zeigen von Kaufkleidung brauche 😀

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