Ein schöner Rücken kann auch entzücken

0053In diesem Fall handelt es sich um Beatrix’s Rücken, der gestern Nacht beendet wurde. Langsam wächst Beatrix mir ans Herz, denn obwohl ich etwa 40 Reihen für 10 cm benötige, geht es doch gut voran und das Ergebnis ist das ungewohnte Arbeiten mit den zarten Nadeln wert. Wenn Beatrix so wird, wie sievermuten lässt, dann wird dieses Jäckchen mit Sicherheit die Krönung meiner Strickerei werden.

Bislang habe ich genau zwei Knäuel der Felted Tweed verbraucht und statt Größe S habe ich XS gewählt, da ich meinen Maschen nicht traue und damit scheine ich richtig zu liegen, denn wenn ich sie mir anhalte, ergibt sich genau das Bild das erwünscht ist.

Ich hatte übrigens Bedenken, Beatrix zu kaufen, da auf der Schemazeichnung eine Länge von 41 cm für Größe S angegeben war und ich das für sehr kurz hielt. Aber meine Gier hatte gesiegt und ich durfte feststellen, dass sich diese Längenangabe auf den Körper OHNE das Schößchen bezieht – perfekt. Ich ahnte, dass man KH vertrauen darf 🙂

0062 Zwar kann ich kaum abwarten, Beatrix fertig zu stellen, aber länger als zwei Stunden halte ich die dünnen Nadeln nicht aus. Nun bleibt aber nach erledigter Hausarbeit, dem Spaziergang in den Ort, dem Kochen und Mitspielen noch viel Zeit, die ich als Aufpasserin und Schiedsrichterin meiner beiden Jungs sitzend und möglichst unsichtbar auf dem Sofa verbringe. Also habe ich zweites Projekt begonnen, das mit 4er Nadeln gestrickt wird. Das Vorderteil ist dabei das Spannendste, da es auf der linken Seite ein Blattmuster hat. die anderen Teile werden glatt links gestrickt – noch so eins meiner Angstgestricksel, da ich meine linke Seite immer sehr unschön fand.
Aber wächst man nicht an seinen Aufgaben? Mir jedenfalls bereitet das Stricken täglich mehr Vergnügen und das Gefühl, etwas zu herzustellen,ist auch nicht verachten 🙂

00320041 Bevor ich es vergesse: in der letzten Woche habe ich mich an dem widebrimmed Hat aus der VK versucht; auf eine Maschnprobe habe ich lässig verzichtet. Das Ergebnis ist dennoch ok. Eigentlich bin ich davon überzeugt, dass mir Mützen und Hüte nicht stehen, aber der Wunsch nach warmen Ohren und einem raschen Projekt war stärker als die Eitelkeit.
Was mir an dem Design nicht gefällt: innerhalb der Krausrippen muss regelmäßig abgenommen werden, aber ich habe keine Möglichkeit gefunden, das unsichtbar zu tun. Es entstehen Knubbel und Lücken, die das Strickbild trotz aller Sorgfalt unschön aussehen lassen. Vielleicht werde ich diesen Hut noch einmal in einem anderen Garn stricken und dann statt der Krausrippen auf Perlmuster wechseln. Das sollte einen ähnlichen Effekt in Bezug auf die Standfestigkeit der Krempe haben, aber schöner aussehen.

p11
Und erwähnte ich oben nicht, dass das Stricken mit kleinen Nadeln mir gefällt?

Ich hoffe, das bleibt so, denn obwohl ich mehr als genug Wolle habe, habe ich mich nun endlich von Janette verführen lassen und gleich zweimal zugeschlagen: Zum einen noch einmal Felted Tweed in Watery (könnte daraus eine Zwillingsschwester für Beatrix werden? Diese und weiteren Fragen in der nächsten Folge von „Michou goes crazy!“) und 4 Ply Soft in Victoria (was wohl? Aubergine-Pflaume …) für das nebenstehende Pullöverchen aus dem ‚Buch Vintage Knits von Sarah Dallas….

So, das sollte erst einmal reichen.

Fünf Dinge, die mich ärgern!

So, dass muss sein. Es gibt da etwas, worüber ich mich kariert ärgere:

  1. Autofahrer, die mit 50 oder mehr durch 30er-Straßen rasen! Wir wohnen in einer solchen und mit uns und um uns herum sehr viele sehr kleine Kinder und ältere Menschen. Dazu kommen viele grüne Büsche, eine enge und steile Straßen und unübersichtliche Kurven – diese Geschwindigkeitsbegrenzung hat einen Sinn! Warum stehen hier keine Radarkontrollen?
  2. Paketboten, die – obwohl wir alle zu Hause sind – Benachrichtigungsscheine in den Briefkasten werfen, ohne vorher zu klingeln und mich damit zwingen, auf mein Paket nicht nur länger zu warten, sondern es auch selber schleppen zu müssen.
  3. Paketstationen, die auf der Rückseite eines Postgebäudes aufgestellt sind – auf einem Parkplatz, den ich als Frau nach Einbruch der Dunkelheit nicht alleine betreten mag.
  4. Callcenterangestellte, die mich genervt und schlechtgelaunt „begrüßen“, um dann mit Inkompetenz zu glänzen.
  5. Meine Kinder, wenn sie den frischgewischten Boden mit Eiern und Orangensaft verschönern!
  6. So und jetzt frage ich euch: Welche fünf Dinge bringen euch in Rage?

Angst

Ich habe soeben 15 Maschen für Beatrix angeschlagen und stelle fest: ich habe mich eine Woche lang gedrückt, sie erneut zu beginnen, weil ich Angst habe. Jawohl! Vor so einem kleinen Ding? Jein. Es ist so, dass ich fürchte, sie nicht zu schaffen. Sie nicht zu Ende zu bringen, sie zu versauen (Entschuldigung, mir fällt kein besseres Wort ein) oder dass sie mir einfach nicht steht.
Und das gleiche Gefühl mit gleichem Effekt habe ich, was meine Emma anbelangt – ich habe einen ganzen 20erJahre-Krimi im Kopf und glaube, dass die Geschichte gut ist. Nicht blutrünstig, etwas nostalgisch, aber (hoffentlich) nicht zu oberflächlich. Aber weitermachen bzw. einfach mal loslegen, will mir nicht gelingen – aus den gleichen Gründen, die Beatrix am Entstehen hindern. Dabei: was soll denn schon so Schlimmes geschehen?
Es könnte die Erkenntnis folgen: Das kann ich nicht. Es gibt 20.000 Dinge, die ich nicht kann und die mich nicht belasten – bin ich Ballerina, Sopranistin, Model oder Geschäftsführerin eines Börsenunternehmens? Springe ich 10 m weit oder hoch und lande mit einem doppelten Axel? Nö! Aber stricken und schreiben sind zwei Dinge, die ich gerne gut könnte …

Ok. Beatrix hat 15 Maschen, Emma 15 neue Zeilen – mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Die Phildarjacke ist nahezu fertig, es fehlen nur die Knöpfe, aber um die richtige Platzierung zu finden, brauche ich einige ganz ruhige Minuten. Dann folgen Bild und Erläuterung 🙂

Der Anfang eines 1. Kapitels (meine G6)

Der Prolog weiter vorne steht übrigens – Überraschung – vor diesem Kapitel .. 😉

„Du bist sicher, dass du nicht mitkommen willst? Jean-Marie meint es ernst, das weißt du, ja? Dein Französisch ist gut und Toulouse ist wunderschön. Und dass wir genug Arbeit für dich haben, kannst du dir vorstellen …“ Christel Duffort legte einen weiteren Kleiderstapel in den Koffer.
„Tante Tinni, bitte! Ihr möchtet mir helfen, aber ich will es alleine schaffen. Es haben sich immer andere um mich kümmern müssen.“
„Kümmern müssen? Unsinn! Du warst doch noch ein Kind und weder ich noch Lady Asquith oder gar dein Vater haben dich als Last empfunden.“
Emma reichte ihr die zusammengerollten Leinenhemden und liess sich neben den Koffer auf das Bett sinken. „Möchtest du mir noch einmal einen Vortrag halten?“
„Ja, das will ich. Ich finde es nicht passend, dass du alleine wohnst und dein Geld als Tippmamsell verdienst. Jaja, ich weiß, die jungen Frauen heutzutage tragen kurze Röcke, verdienen ihr eigenes Geld und flirten anstatt sich zu verloben. Aber so bist du nicht.“
„Vielleicht wäre ich gerne so? Ich möchte nicht wieder weg. Ich bin hier geboren, ich besitze dieses Haus, und ich habe eine Arbeit gefunden, die mir Spaß macht. Außerdem bin ich weder leichtlebig noch dumm. Weshalb solltest du dir Sorgen machen?“
„Du bist hübsch und allein, das ist Grund genug, um mich zu sorgen. Kannst du das nicht verstehen? Siehst du nicht, wie schwer du es dir machst?“
„Traust du mir gar nichts zu?“
„Doch, Kind, aber es kommt alles so schnell und du weißt doch kaum, wie man ein Ei kocht oder die Gasrechnung bezahlt oder …“
„Zeit, dass ich es lerne! Wenn ich es nicht schaffe, dann werde ich zu euch kommen, ich verspreche es. Du musst dir keine Sorgen um mich machen, bestimmt nicht.“
Christel seufzte und strich Emma über die roten Locken, als Jean-Maries Bass durch das Haus drang: „Allez, allez, Essen ist auf dem Tisch!“
„Hopp, beeil dich, der General wird etwas Besonderes zum Abschied gekocht haben.“

Das Essen war köstlich gewesen; Jean-Marie verstand sein Handwerk. Der Duft der provenzalischen Kräuter seiner Heimat lag noch in der Luft. Emma zog ihn tief ein. „Deine Gäste haben es gut, Jean-Marie. Ich werde euch und dein herrliches Essen vermissen. So gut werde ich es niemals hin bekommen.“
Jean-Marie erhob sein Glas: „Liebe Emma, du weißt, wo du uns findest. Solltest du Hilfe brauchen, dann schreibe uns oder setze dich in den Zug. Darf ich sagen: auf ein baldiges Wiedersehen?“
Nun kribbelte es doch in Emmas Nase; jeden Moment würde sie weinen müssen. In ihrem Leben hatte es schon zu viele Abschiede gegeben und manche waren für immer gewesen, ohne dass sie es hatte ahnen können. Lebewohl zu sagen, machte ihr Angst.
„Ah non, nicht weinen. Es wird schon alles gut werden, eh? Du hast dieses schöne Haus, du hast Arbeit, du bist hübsch und jung … was soll schon passieren?“ Jean-Marie lachte und Emma musste mitlachen.
„Frag deine Frau, was passieren kann. Tante Tinni hat Angst um mich.“
„Ah, sie denkt daran, was sie selbst tun würde, eh Chérie? Aber Emma, wirst du mit dem Geld hinkommen?“
„Eine Zeit lang schon. Ich werde versuchen, die oberen Zimmer wieder zu vermieten, vielleicht finde ich eine Mitbewohnerin. Hätten diese Studenten nicht einen solch verdrehten Sinn für Anstand, dann ginge es mir wunderbar. Mit einer jungen Frau unter einem Dach – nein, nein, gnädiges Fräulein, wir wollen doch ihren guten Ruf nicht schädigen, blablabla. Aber mich verhungern lassen ohne die Mieteinnahmen, das können sie mit ihrem Gewissen vereinen.“
„Ja, die hatten es eilig, hier aus zu ziehen. Wer weiß, was sie von dir befürchtet haben.“ Jean-Marie schüttelte den Kopf.
„Burschenschaftler!“ Christel schnaubte. „Dass du mir solche nicht ins Haus nimmst, Emma. Eine nette junge Frau, das wäre das Richtige. 40 Mark solltest du schon nehmen können, zusammen mit dem Geld von Lady Asquith und deinem Lohn würde das ausreichen. Gas und Strom haben wir schon für dich bezahlt – jaja, ist schon gut.“
Christel stand auf. „Wir brechen morgen sehr früh auf. Wir sollten zu Bett gehen. Kommst du, Jean?“

Als Emma im Bett lag, ließ sie die letzten Wochen noch einmal vorüber ziehen: der Brief ihres kranken Vaters, der Emma nach Bonn rief, sein Tod. Das Angebot Frau von Zanitz’s, bei Dezière als Sekretärin zu arbeiten, ihre ersten Wochen dort, die neuen Kolleginnen, ihr Chef. Und nun? Ab morgen würde sie mit 23 Jahren zum ersten Mal auf sich allein gestellt sein. Sie freute sich. Keiner würde ihr vorschreiben, wann sie zu essen, was sie zu tragen oder wen sie zu kennen hätte. Natürlich hatte sie Angst, aber das würde sie vor ihren Verwandten nicht zugeben. Hätte sie gezaudert, so hätte Jean-Marie sie in seinen Schrankkoffer gepackt und nach Toulouse verfrachtet. Oder sie wäre zurück nach England gesandt worden. Nein, nun sollte ihr eigenes Leben anfangen. Morgen war Mittwoch und das Atelier hatte nachmittags geschlossen. Diesen freien Nachmittag wollte Emma nutzen, um sich die Haare endlich abschneiden zu lassen. Voller Vorfreude schlief Emma ein.
—–

Fortschritt, Rückschritt, Wechselschritt …

004

Die Phildarjacke besteht mittlerweile aus dem Rückenteil und beiden Vorderteilen und lässt sich sehr entspannt stricken: glatt rechts, zwei Abnahmen, NS 5 – eine angenehme Abwechslung nach meinem Kampf mit Beatrix. Auch die extra zu strickenden Blenden lassen sich geradezu meditativ anbringen.
Die Farbe ist übrigens ein Pflaumenblau, genau in der Mitte von dunkellila und dunkelblau, aber fotografieren lässt sie sich nicht. Also nicht erschrecken, so knallig wie auf dem Bild wird das Jäckchen nicht werden.

Und hier mein aktueller Stand bei Beatrix …

0052

Es ist nichts zu sehen? Das stimmt nicht ganz, denn das Knäuel Felted Tweed ist aufgerollt. Am Sonntag noch habe ich Beatrix aufgeribbelt, da sie zu weit wurde. Gestern kam die Antwort von Kathleen (KH’s Mutter und Geschäftspartnerin); freundlich und kompetent wie immer.
Sie hat mich darauf hingewiesen, dass der Moss Stitch fest gestrickt werden muss und mir angeboten, kleinere Nadeln zu senden, falls ich das nicht hinbekäme. Ich habe mich sehr bemüht, aber wie ich es auch versuche, ich stricke nicht fest genug. Also habe ich gestern Nadeln in 2,5 besorgt, mit denen ich hinkomme. Heute oder morgen werde ich Beatrix erneut anschlagen. Ich ahnte es, Beatrix ist ein Abenteuer – allerdings keines für eine Nacht …

zp301399Gestern war Steve sehr großzügig: obwohl der Fehlkaufmantel noch nicht nach Frankreich zurück gekehrt ist und ein Verlustgeschäft (wegen des doppelten und sehr hohen Portos) ist, hat er mir diesen Mantel gegönnt. Das Bild stammt von der Promod-Homepage und wer den Mantel nach diesem Foto zu kaufen bereit ist, muss schon sehr risikofreudig sein, denn nur mit Phantasie lässt sich erkennen, wie schön er ist – meiner Meinung nach.

Das Material ist schwarzer Wollfilz, die Länge endet kurz über dem Knie, aber das Schönste ist das Detail im Brust-Schulterbereich: es erinnert an die Herrenhemdbrust Anfang des letzten Jahrhundert. Beschreiben fällt mir schwer. Der Mantel ist trotz dieser verspielten Applikation schön schlicht und sieht zu Hosen und Röcken gleichermaßen gut aus.

Moral: Nie wieder in Frankreich bestellen, sondern brav abwarten und in die Stadt gehen – vorzugsweise mit meinem geliebten Mann, der nun schon dreimal innerhalb von sechs Wochen Spaß hatte am Ankleiden seiner Gemahlsgattin 😀 Ich hoffe, diese Lektion endlich gelernt zu haben – sollte hier noch einmal die Rede von Frankreich – Bestell – Lust sein, dann schlagt mir auf die Finger.
Ähm, ausgenommen sind natürlich Notkäufe bei Bergère de France und Phildar (wie heute nacht – glaubt mir, ich erröte…)