Ingrid’s Handarbeiten

Gestern morgen habe ich meinen Kleinen (Tommy) bei seinen Großeltern abgeliefert und bin mit meinem Großen (Lenny) in die Innenstadt zum Frühstücken gefahren. Kaum saßen wir, als Lenny „Rühreier, Rühreier!“ durch den Laden brüllte. Was habe ich bestellt? Natürlich Rühreier. Lenny isst meist so schlecht, dass ich immer begeistert bin, wenn er ausdrücklich nach einem bestimmten Gericht verlangt. Und er hat den Teller leergeputzt! Satt und zufrieden war er und so lieb, dass ich meinte, einen Ausflug in ein Beueler Wollgeschäft riskieren zu können.
Wo liegt das Risiko?
Ein zweieinhalbjähriger Junge, der sich langweilt und nicht schüchtern ist, Regale voller Wolle in jeder Farbe und Größe und eine Mutter, die abgelenkt ist? Wer sich die Gefahr jetzt nicht vor Augen führen kann, hat weder ein eigenes Kind im Haus noch jemals irgendein Kind beobachtet …
Aber Lenny war entzückend und so habe ich mich auf die Suche nach Ingrid’s Handarbeiten gemacht. Die Adresse hatte ich von der ggh-Website; ich wollte mir das neue Garn namens „Cumba“ ansehen. Aus der neuen Rebecca hatte mir der Lochmusterpulli vom Titel gefallen(der fünfte Pulli), auch preislich. (Übrigens eine Verbesserung, dass nun die Preisangaben bei den Modellen stehen, finde ich).

Rebecca 34 Lochmusterpulli

Von außen ist Ingrid’s Handarbeiten kein Trendtreff und auch innen findet sich keine stylische Einrichtung. Dafür aber sind die Regal vollgestopft mit Wolle von ggh und Lang. Dazu eine ausgeprochen nette Besitzerin, die zu jedem einzelnen Knäuel eine persönliche Beziehung zu haben scheint und zu jeder Sorte ein großes, selbstangefertigtes Probestück besitzt. Damit aber nicht genug: es fand sich auch eine große Kiste mit Spielzeug, die Lenny ein- und ausräumte.
Natürlich habe ich nicht nur schauen können, Cumba durfte in hellgrau mit kommen. Cumba ist ein Schurwolle/Alpaka/PA-Gemisch und nicht allzu weich. Gut gefallen haben mir auch das Anthrazit und das dunkle Lila. Das Rot war sehr tomatig und an die anderen Farben kann ich mich nicht mehr erinnern.
Auf jeden Fall ist dieser Laden einen Besuch wert, da Frau Seelmann-Eggebert (ja, sie ist mit Rolf verwandt) ihr Fach versteht und es Spaß macht, mit ihr das Pro und Contra eines Designs durch zu sprechen. Leider hat sie keine Website …

Äpfel und Abenteuer

Vorgegeben war ein Bild, auf dem ein Junge in einen Apfel beißt, dazu – wie immer Grundkurs immer – die Begrenzung auf 1800 Zeichen + – 10%. Das ist daraus geworden:

Lennart klopfte Ruben auf die Schulter: “Leg dich schlafen, ich übernehme.“
„Aye, Captain. Bin ordentlich müde nach der Nacht. Keine Spur von der „Maria“.
„Die kriegen wir schon.“ Lennart sah Ruben „Blackeye“ nach, wie er in der Kajüte verschwand, dann warf er einen prüfenden Blick in den Himmel. Es nieselte, die Sonne wurde immer wieder von Wolken verdeckt. Die Gischt spritzte hoch auf, als die „Great Ginger“ durch die Wellen schoss. Auf allen sieben Weltmeeren war sie der schnellste Dreimaster; ihre Besatzung war stolz auf sie. Die „Ginger“ war wieder auf Kaperfahrt. Es galt, die „Infanta Maria“ aufzubringen, die sich auf dem Weg nach Port Hidalgo befand. An Bord sollten sich kostbare Stoffe, seltene Gewürze und edler Schmuck befinden – die Aussteuer einer Prinzessin, die bald ihre Hochzeit feiern würde. Solche Waren würden auf den Märkten der Mittelmeerhäfen gutes Gold bringen.
Lennart atmete tief ein; er liebte den frühen Morgen an Deck, wenn ihm eine steife Brise die salzige See ins Gesicht sprühte. Das Steuer fest in der Hand, drehte er sich um: „Hey, Tom! Was kannst du erkennen?“
„Keine Fregatte in Sicht! Aber am Horizont braut sich was zusammen!“ rief Tom, „the monkey“ aus seinem Krähennest, dem Ausguck oben am höchsten Schiffsmast.
Mittlerweile war aus dem leichten Schauer ein kräftiger Regen geworden, trotz des frühen Vormittags verdunkelte sich der Himmel. Lennart zog die Stirn kraus und umgriff das Steuerrad fester. Was er sah, gefiel ihm nicht.
„Da!! Die „Maria“! Steuerbord, Captain!!“ Mit dem Fernrohr suchte der Schöne Leo genannte Lennart den Horizont ab. Ja, das war sie: groß und schwerfällig wie die meisten spanischen Schiffe.
„Alle Mann auf die Posten! Wir haben sie!!! Tom, haben sie uns schon gesehen? Können die Spanier noch entkommen?“
„Die haben noch nichts bemerkt, und weg können die auch nicht mehr!!! Die haben wir sicher!“
„Hisst die Flagge! Sie sollen wissen, mit wem sie es zu tun haben!“
Es würde nicht mehr lange dauern, dann wiederholte sich das immer gleiche Spiel: Die reich beladene Fregatte mochte sich mit ihren Waffen und Soldaten in Sicherheit wähnen. Wenn jedoch die „Ginger“ unvermutet am Horizont auftauchte, war es zu spät. Noch bevor die Crew die Kanonen in Stellung gebracht hatte, hatten die Piraten das Schiff geentert. Hatte der Schöne Leo dem parfümierten Fregattenkommandeur erst seinen Säbel unter das gepflegte Spitzbärtchen gehalten, so ergab sich die Mannschaft des besetzten Schiffes vor Angst bebend augenblicklich.
Voller Vorfreude und Erregung stand Lennart inmitten seiner Piraten an der Reling, die Enterhaken bereit zum Auswerfen, als beide Schiffe wieder auseinander getrieben wurden.
„Was zum Teufel?! Tom!!! Was ist los?“
„Der Orkan rast auf uns zu. Lass wenden, wir müssen so schnell es geht an Land!!!“
„Und die „Maria“ aufgeben?“ Lennart schlug mit der Faust auf die Reling. „Ist es wirklich so heftig?“
Tom hangelte sich die Sprossenleiter herunter. „Da oben schwankt es schon zu stark, ich konnte mich kaum noch halten. Wendemanöver einleiten?“
Noch bevor Lennart antworten konnte, schleuderte eine Sturmböe die Piraten auf die glitschig-nassen Planken; die „Ginger“ geriet in Schieflage. Riesige Wellen schlugen mit lautem Brausen über dem Schiff zusammen. Von einer Woge erfasst rutschte Tom auf die Reling zu. „Lennart!!!“ Im letzten Augenblick bekam Lennart Toms Bein zu fassen und zog ihn zurück. Die zwei Freibeuter schlitterten auf den Hauptmast zu und klammerten sich an ihm fest. „Du, das war knapp. Danke!“
„Schon klar, hättest du auch getan! Los, alle Mann unter Deck, bevor noch einer von euch dem Klabautermann begegnet! Ich komme nach!“ Damit rutschte Lennart zum Steuerrad, das er mit seinem Gürtel festband, bevor er Tom in die Kajüte folgte.
Ruben sah hoch. Er saß am Tisch vor dem Fenster und hatte die Wassertropfen beobachtet, die einer nach dem anderen über die Scheibe liefen. „Na, haste geträumt?“ Lennart knuffte seinen Freund in die Schulter. „Sieht nicht gut aus. Der Sturm da draußen wird die Segel zerfetzen und wer weiß, wo wir stranden.“
„Wir werden es schon schaffen. Haben wir immer. Hier!“ Ruben war aufgestanden und warf Lennart eine warme Decke zu, „wärm dich auch auf. “
„Danke“, rief Lennart. Er nahm sich einen Apfel vom Tisch, bevor er sich zu Tom in die Koje warf, „ich hab einen Mordshunger.“ Mit einem lauten Krachen biss er in die Frucht. Das tat gut.
Mittlerweile war es fast schwarz vor den Fenstern, der Regen trommelte ohrenbetäubend auf das schräge Dach. Die kleine Lampe auf dem Tisch warf ein warmes, gemütliches Licht in den Raum. Tom kuschelte sich tiefer in seine Decke und schnappte sich sein Schmuseferkel: „Gibt es noch was anderes als Äpfel?“
„Wart mal.“ Lennart sprang aus dem Bett, öffnete die Türe und brüllte in den Flur: „Mama, haben wir auch noch Chips?“

Warum ich schreiben lernen will

Es mag für manch eine lächerlich klingen, eine Schreibschule zu absolvieren, aber es macht Spaß. Wann immer ein Arbeitsheft durchgearbeitet ist, macht man sich an seine Hausaufgabe, sendet sie ein und erhält etwa zehn Tage später die Korrektur zurück.
Und warum mache ich das? Das war die erste Aufgabe und so habe ich sie gelöst:

Ich sitze auf meinem Bett, in die Kissen gelehnt, das Notebook vor mir und grübele. Runzele meine Stirn, höre Vogeltriller durch das geöffnete Fenster – und weiß keine Antwort. Will ich schreiben lernen? Ja. Warum will ich es? Das weiß ich nicht. Ich bin nicht sicher, ob ich genügend Phantasie, genügend Ehrgeiz oder auch nur einen Funken Talent habe. Von der nötigen Disziplin ganz zu schweigen.
Für mich ist das Schreiben nicht immer schon die einzig mögliche Ausdrucksform gewesen. Sicherlich habe auch ich einmal Tagebuch geführt – unregelmäßig, uninteressiert, mit dem Gefühl der Peinlichkeit. Natürlich war ich gut im Aufsatzschreiben, im Interpretieren, im Nacherzählen, bin in Schülerzeitungen abgedruckt worden. Aber so geht es wohl den meisten, die das Schreiben lernen wollen. Für mich kein Grund, an meine „Berufung“ zum Schriftsteller zu glauben.

Mein Wunsch, schreiben zu lernen, ist vielmehr aus meiner Leidenschaft für Bücher entstanden. Als ich vier Jahre alt war, habe ich das Lesen entdeckt. Meine Mutter betrieb einen kleinen Schreibwarenladen in der Bonner Innenstadt; mein Kindergarten war nur vormittags geöffnet. So saß ich nachmittags in dem kleinen Hinterraum des Geschäftes, malte, spielte mit meinen Puppen oder tippte wild auf der großen Schreibmaschine herum. Sobald meine Puppen mich langweilten, griff ich nach den reichlich vorhandenen Comics, in denen von Bussibär, Fix und Foxi und Donald erzählt wurde.
Wann immer sie Zeit hatte, las meine Mutter mir daraus vor und bald konnte ich „Knall“ von „Peng“ unterscheiden. Ein geschriebenes Wort war kein Geheimnis mehr für mich. Ich konnte, mühsam und stockend zwar, lesen. Den Großteil des Nachmittags saß ich in meiner mit Kissen eingerichteten Kuschelecke, stapelte Puppen, Kekse, Saft und Bonbons um mich herum und las. Nachdem meine Mutter merkte, dass ich wirklich alles las, was im Angebot war, durfte ich immer wieder einmal mit fünf Mark in der Rocktasche bis zum Buchhändler an der Ecke gehen, um mir ein Kinderbuch zu kaufen. Eines der ersten Bücher war „Die Reise zu den Sternenhexen“, bis heute unvergessen.

Mit 12 Jahren notierte ich in mein Tagebuch: „Das Gute ist: ich besitze genau 350 Bücher. Mist ist: Das Regal ist eben von der Wand gefallen.“

Schon zwei Jahre später war ich der Kinderliteratur entwachsen und auf der Suche nach Büchern, die mich länger fesselten, die komplexer, spannender, anders waren. Ich wusste nicht so recht weiter, bis eine australisch-britische BBC-Serie in den dritten Programmen ausgestrahlt wurde. Ich besaß einen eigenen – sehr kleinen, sehr alten – Fernseher, so dass ich mich nicht mit Eltern und Bruder um das Programm streiten musste. Wer weiß, ob ich sonst jemals Jane Austen entdeckt hätte? Denn bei der Serie handelte es sich um „Stolz und Vorurteil“. Ich fieberte mit, jubelte insgeheim bei Lizzies scharfzüngigen Repliken. Und achtete zu Beginn der dritten Folge auf den Namen der Autorin, der mir nichts sagte.
Am nächsten Tag nach Schulschluss fuhr ich in die Stadt, rannte in die Buchhandlung, blätterte das Gesamtverzeichnis durch und fand, was ich suchte. Aber ein Reclambuch? Die waren so … gelb, hässlich und meistens voll mit langweiliger, moderner Literatur, die in Klausuren tot interpretiert werden musste. Ich war enttäuscht, suchte mir das Buch aber dennoch heraus. Ich las die erste Seite, blätterte dann zum Nachwort und stutzte: Vor fast 200 Jahren wurde „Stolz und Vorurteil“ geschrieben? War „so was Gammeliges“ denn überhaupt lesbar für eine Vierzehnjährige? Offenbar schon, denn als ich eine halbe Stunde später aus dem Bus stieg, hatte ich die ersten 11 Kapitel verschlungen. Dieses Buch war mein Urknall und genau diese Ausgabe, zerfleddert, schmutzig und zerlesen, habe ich heute noch in meinem Schrank stehen. Sie darf so aussehen, denn ich habe sie seit dem Kauf gute 50 Mal gelesen …

Mittlerweile habe ich einen Bücherschrank, der voll gestopft ist mit nach Erscheinungsjahr sortierten Klassikern, alphabetisch eingeräumten Krimis und englischer Chick Lit, farblich geordneten Biographien, Erinnerungen und Briefen, gestapelten Kinderbüchern. Um moderne Literatur nach 1935 mache ich einen großen Bogen; sie liegt mir nicht. Damit bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich entweder meine Bücher immer und immer wieder lese (was ich tue). Oder aber mich selber am Geschichten erzählen versuchen muss. Dazu muss ich lernen:
Lernen, meine Gedanken zu ordnen und meine Ideen auszuarbeiten.
Lernen, meinen eigenen Stil zu finden.
Lernen, mich deutlich auszudrücken.
Lernen, diszipliniert zu arbeiten.
Lernen, den Leser mitzunehmen in eine Welt, die nicht seine alltägliche ist.
Lernen, mich nicht zu schämen, wenn ich etwas Eigenes vorzeige.
Vieles mehr, von dem ich noch nichts weiß.

Warum ich schreiben lernen WILL? Ich will es eben. Punkt.
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