Los jetzt – Frühling!

Es ist der 23. Februar 2017, das Thermometer zeigt 10,6 °C, der Himmel hängt grau und tief. Und dennoch: auf dem Hundespaziergang singen die Vögel, die Zweige zeigen feine Knospen und die Laune sagt es aus. Es wird Zeit für den Frühling. Am liebsten sofort und am liebsten dürfte sich auch ein sehr früher Sommer bald zeigen. Gut, diese Hoffnung wird wohl enttäuscht werden und ich will es auch nicht übertreiben.

Aber was tut die schneidernde Frau? Sie näht sich die warme Jahreszeit herbei. In diesem Fall mit einem lässigen Jacket in nebenweiß.

 

 

Der Stoff ist eine grob gewebte Baumwolle mit einem leichten Schimmer, das Futter ein hellblauer Acetat.

 

 

Wer genau hinschaut, erkennt: ich war schon wieder faul. Wie auch beim letztem Jacket habe ich auf Knöpfe verzichtet. Da die Jacke eher weit als eng ist, werde ich sie nie geschlossen tragen. Weshalb also sollte ich mir die Arbeit machen? Eben 🙂

 

 

Ich bin sehr versucht, noch einige Jackets zu nähen. Wenn ich nur die Zeit fände, einen zweiten Schnitt zu zeichnen, der figurnäher ist – und der dann auch mal Knöpfe bekäme … achja, vielleicht sollte ich abwarten, bis der Winter ganz sicher entschwunden ist. Nur nähen ohne das Ergebnis gleich ausführen zu können, ist doch traurig, oder? Oder nicht? Oder doch? Na, solange ich mich nicht entscheiden kann, schaue ich mich beim Rums um 🙂

Achja, eines noch, weil ich in letzter Zeit immer mal auf die Küche hingewiesen wurde – weshalb knipse ich hier, wo doch der Hintergrund so unruhig/unfeministisch/profan sei: es gibt in unserem Haus schlicht keinen Ort, der ruhig/kämpferisch/besonders ist und dabei so viel Licht und Platz bietet. So traurig es ist, so ist es nun einmal bis auf weiteres.

Die Gewinnerinnen :-)

Am allerliebsten würde ich natürlich allen ein Buch senden und erfahren, ob ihr gerne darin geblättert habt, ob die zwei gegensätzlichen Seiten des Themas gut zusammen gewachsen sind und überhaupt und sowieso 🙂

Aber drei Bücher habe ich, drei Gewinnerinnen gibt es – heute morgen mit Katzenhilfe gezogen wurden: Annemarie, Maria und Jule – bitte seid so lieb und meldet euch.

Nun aber: Wer will gewinnen?

In eigener Sache zu schreiben fällt mir auch nach Jahren noch schwer, also kurz und knackig: Heute morgen sind fünf Exemplare des Buches bei mir eingetroffen, zu dem ich Texte geschrieben habe. Und drei davon verlose ich jetzt wie versprochen.

Wer also möchte gewinnen? Und weshalb musst du es unbedingt haben? Das schreibt ihr mir bitte in die Kommentare bis Montagabend und am Dienstagmorgen lasse ich dann das Los entscheiden.

Jetzt nur nicht schüchtern sein – drei Bücher suchen ein Zuhause. Sollte die Gewinnerin danach Lust haben, etwas darüber in ihrem Blog (so sie einen führt) zu schreiben, so freue ich mich doppelt – na ok, das hängt vermutlich vom Fazit ab 😀

Gewinnspiel?

Manchmal ist der Wurm drin und er will nicht recht heraus. Verständlich, er hat es sich gemütlich gemacht, lebt in seinem Apfel und stört sich nicht geringsten daran, was andere um diesen Apfel herum wohl wollen. Von ihm oder dem Apfel oder überhaupt. Das könnte ein wunderbarer, geradezu romantisch verklärender Anfang eines Märchens sein, dessen Hauptakteur weniger Apfel als orange ist …

Aber nein, heute will ich nicht politisch werden und ich wünschte, all diese häßlichen Männer würden aus meinem Sichtfeld verschwinden. Und deshalb mal etwas Schönes (und ich widerstehe dem Impuls „… solange es noch geht“ außerhalb dieser Klammern zu schreiben). Ich warte nach wie vor auf meine Exemplare, die längst unterwegs sein sollten und es wohl auch sind, aber einfach nicht zu mir finden. Das ist der Wurm im Apfel. Und längst wollte ich drei dieser Bücher hier unter euch verlosen. Solange sie aber nicht hier sind, kann ich nicht so recht loslegen, oder? Dabei möchte ich schon gerne wissen, was andere zu dem Werk sagen, das zwei ganz unterschiedliche Seiten desselben Themas zu vereinen sucht. Ich gebe zu, ich bin noch immer oder eigentlich jetzt erst recht aufgeregt.

Mads Rønnborg (et moi …) – 100 x Outfit of the day


Je nun … wie fange ich an? Wie bespreche ich ein Buch, an dem ich selbst beteiligt war? Vermutlich genauso subjektiv, wie ich es auch bei all den anderen Büchern tat, die ich rezensieren durfte. Wie es zu meiner Beteiligung kam, erzählte ich euch in der vorletzten Woche schon. Doch wie das fertige Werk aussehen würde, davon hatte ich nur eine ungefähre Ahnung und bis heute morgen endlich auch eines meiner Exemplare eintraf, fragte ich mich, wie meine Texte und die Bildstrecke zusammen gehen würden.
Kurz gesagt: gut. Sie gehen gut zusammen.

Im Grunde ist es ein Wunder, denn auf den ersten Blick haben meine Meinung zu den Themen Kleidung, Schönheit und Selbstbewußtsein wenig gemein mit dem auf Instagram & Co. gebräuchlichen #ootd. Ich bin nicht hip und schick und trendy und keine Freundin altbekannter und wiedergekäuter Stylingtricks – also vielleicht das Gegenteil dessen, was der Hashtag verspricht und bietet. Zehn Themen haben wir, die Projektleiterin und ich, gewählt, zu denen ich schreiben sollte, was mir einfiel (da sei ich frei, man wolle etwas anderes als das Übliche):

 

 

 

Guter Stil, Stilregeln, Figur und Charakter, Image und Persönlichkeit, Komfort, Die richtigen Farben, Trends und Klassiker, Mode und Inspiration, Styling no-Gos – diese Texte sind mein Beitrag zu diesem bunten Buch voller verrückter, ungewöhnlicher, klassischer, sportlicher, und und und Inspirationen.

 

 

Und all diese Outfits hat Mads Rønnborg zusammen gestellt. Ich behaupte mal, euch als Selbermacherinnen geht es ähnlich wie mir und so gestehe ich zu meiner ewigen Schande, dass mir der Name nichts sagte, als er mir nach dem Schreiben der ersten Texte genannt wurde als derjenige, der für den aufwändigen Bildteil verantwortlich sein würde. Mads hatte vor einiger Zeit eine Stylingshow im Frühstücksfernsehen (da lässt sich einiges bei youtube finden), er arbeitet beim Magazin Barbara als Stylist, daneben kleidet er Prominente ein und sorgt für perfekte Outfits in Werbekampagnen. Und diese Bandbreite von schlicht bis schillernd, alltäglich bis aufregend bringt er in die hier gezeigten Kombinationen mit ein. Ein kluger Dreh erscheint mir übrigens der Verzicht auf Models: so bleibt jeder von uns Platz genug, ihren eigenen Körper gedanklich in die Vorschläge einzukleiden, ohne sich mit der Figur des Models zu vergleichen – hier schließt sich der Kreis zwischen meinen Texten und seinen Vorschlägen gelungen.
 

 

Nun ist dieses Buch – trotzdem es in einem der großen Handarbeitsverlage erschienen ist – nicht unbedingt an Hobbyschneiderinnen und -strickerinnen gerichtet. Weshalb also sollte es in euren Bücherschrank? Mal abgesehen davon, dass ich äußerst geschmeichelt wäre, wenn ich dort stehen dürfte …
Schaue ich in meinen Schrank, so finden sich dort neben all den Strick-, Näh-, Schnittmuster- und Konstruktionsbüchern noch einmal genau so viele Bücher zu Kostümgeschichte, Filmmode, Strickhistorie und Stilikonen. Dabei kommt auch der Mode selbst ein großer Anteil zu und viele dieser Bücher stammen aus England oder genauer gesagt: von Trinny und Susannah und Gok Wan. Und ich blättere sie auch nach Jahren immer wieder gerne durch, weil sie mich inspirieren. Mal ist es der Gürtel zur Jeans, mal die flachen Schuhe zum Bleistiftrock – immer wieder finde ich etwas, was den Prozess des Nähenwollens in Gang setzt. Es ist ein angenehm warmes Gefühl, nun ein ähnliches Buch auf Deutsch in der Hand zu halten, in dem ich mich (also ICH – wahrhaftig ICH, es ist surreal) über verkrustete Regeln hermachen darf. UND gleichzeitig habe ich jetzt ganz aktuell Lust, wieder einen Bleistiftrock zu nähen, weil mir Mads‘ Auswahl Appetit gemacht hat. Wenn ihr also ähnlich gestrickt seid wie ich, dann habt ihr Spaß an diesem Band.

Das Buch 100 x Outfit of the day ist ein DinA4-Hardcover mit herrlich festen und mattglatten Seiten (gut, für mich hätte sich jetzt ALLES toll angefühlt :-D), es kommt auf 160 Seiten daher und erscheint im Topp-Verlag für 19,90 €.

PS: Achso und achja – sobald ich mehr Zeit habe, kommt auch die Verlosung noch 🙂

Pullover 1920-50er unterscheiden und stricken

Ich schrieb es schon auf fb: innerhalb kürzester Zeit stellten mir einige Frauen auf verschiedenen Wegen diese Frage. Und so dachte ich mir, schreib es hier auf, bevor du es vergißt.

Insgesamt habe ich knapp 80 Vintagepullis gestrickt, gleichmäßig verteilt auf Anleitungen und eigene Entwürfe. Und nachdem zu Beginn meiner Vintagepulliliebe mir jedes Modell ähnlich vorkam, bemerkte ich doch bald, dass es große Unterschiede in Schnitt, Passform und Technik zwischen ihnen gab. Wer von euch also am Anfang seiner Strick- und Vintageliebe steht oder im Stil einer der Dekaden entwerfen will, bekommt jetzt und hier und heute eine Übersicht:

 

Die goldenen Zwanziger

Nachdem Kaiser- und Königreiche im ersten mit modernen Waffen geführten Krieg verschwanden und Fischbein-Korsetts und lange Röcke mitnahmen, war weibliche Kleidung vor allem zweierlei: bewegungsfreundlich und schnitttechnisch einfach.

Statt Taille und Busen betonte die Mode nun Beine, Hüfte und Arme, das Ideal war eine sportliche Frau, schlank, groß und gerade so jungenhaft, um ihre Weiblichkeit zu betonen. Neben fließenden Kleidern, voluminösen Mänteln und kleinen Hütchen, die das Gesicht umrahmten und vom Bubikopf nur die Spitzen freiließen, griff die neue Frau auch in den Kleiderschrank des Freundes – der boyfriend style ist wirklich keine Erfindung der letzten Jahre. So kamen lose geschnittene Jackets, die ersten Hosen und auch Strickpullover in unseren Kleiderschrank. Durch die simplen Schnittformen, die durch die Materialien, Stickereien, Volants und Schmuck aufgewertet wurden, brach eine Selbstmachwelle aus: überall gab es Schnittmuster, Strick- und Häkelanleitungen, Stoffe und Wollen und das oft zu sehr günstigen Preisen.

Die meisten Strickanleitungen dieser Jahre folgen derselben Form: einem T, das in einem Stück vom vorderen Saum über die Ärmel und den Halsausschnitt bis zum hinteren Saum gestrickt wird. Das Bündchen ist meist in einem besonders plastischen Rippenmuster gestrickt oder besteht aus einer angesetzten Häkelborte, gerne zweifarbig gearbeitet, bestickt oder mit Bändern durchzogen. Der Körper ist untailliert, gerne gestreift oder quer gemustert und reicht von der Hüfte aus relativ hoch in die Achseln. Dort werden Maschen für die Ärmel angeschlagen, die recht eng anliegen. Die Halsausschnittform war vielfältig: leicht eckig, tief und spitz oder gerade waren die beliebtesten Form, die sich leicht durch abketten und wieder anschlagen erreichen ließen. Nach dem Zusammennähen erhielten sowohl Ärmelsäume als auch Halsausschnitt entweder schmale Bündchen oder Häkelränder.

Die verwendeten Garne lagen meist im Bereich von 16-24 Maschen auf zehn Zentimetern, beliebt waren kräftige Farben ebenso wie sehr zarte. Natürlich gab es neben dieser Standardform auch Pullover, die mit Armkugeln und raffinierten Mustern aufwarteten, vor allem zum Ende des Jahrzehntes. Aber wer einen typischen Zwanzigerjahrepulli stricken möchte, schlägt die benötigte Maschenanzahl an, die der mittleren Hüfthöhe entspricht, strickt etwa 8 cm Bund und arbeitet sich dann im gewünschten Muster – eher plastisch-grafisch als liebliches Ajour – hoch und wieder runter.


Die glamourösen und bitterarmen Dreißiger

Natürlich lassen sich die Dekaden nicht haargenau voneinander trennen: zum Ende der Zwanziger wurden die Röcke wieder etwas länger und die nach wie vor langen Oberteile erhielten kleine Gürtel, die mit jeder Saison etwas weiter in die Taille rutschten. Die Kleider der Jahre 1930-33 etwa haben nach wie vor viel Verzierung um die Hüfte herum, liegen aber enger am Körper, spielen mit Volumen am Oberarm und zeigen dadurch eine Hinwendung zu einer gemäßigten Sanduhrfigur, die lang und schmal erscheinen sollte.

Auch den Strickanleitungen dieser frühen Dreißiger merkt man die Zwanziger noch an: Noch immer ist der Körper gerade hoch gestrickt, jedoch deutlich kürzer und reicht nur noch bis in die Taille, die durch breite Bündchen betont ist. Weiterhin beliebt sind graphische Einstrickmuster und eckige Ausschnitte, aber immer öfter tauchen zarte Ajours auf, die mit deutllich feineren Garnen gestrickt sind und Seidenhemdchen nötig machen – Transparenz ist das große Thema dieser Jahre.

Die Ärmel sind entweder kurz und voluminös oder lang und schmal wie in den Jahren zuvor. Sie werden zwar nicht mehr in einem Stück angestrickt, bleiben aber weiterhin im 90°-Winkel, was sich an den für die Zeit typischen Diagonalfalten unter der Achsel bemerkbar macht. In den Sommermonaten sind gerade hochgestrickte Lochmusterpullis mit überfallender Schulter und geradem Ausschnitt beliebt.

Zum Ende des Jahrzehntes werden die Anleitungen deutlich raffinierter, die Büste wird betont und eine gerade, starke Schulterlinie der bisherigen weichen Linie vorgezogen – ein Stil, der in den Vierzigern zur Perfektion gebracht werden wird. Wer einen Pulli entwerfen will, der typisch Dreißiger sein soll, schlägt die nötige Maschenzahl für die Oberweite mit einer deutlich dünneren Nadel an und strickt ein möglichst festes Bündchen über zehn Zentimeter Länge und wechselt danach auf eine dem Garn angemessene Nadelstärke. Nun geht es hoch mit etwa zwei Zentimeter Abstand zum Achselpunkt. Die nötige Maschenabnahme für das Armloch erfolgt in der Regel in einem Gang, Schulter und Halsausschnitt werden in einem gerade abgekettet für einen Ubootausschnitt. Nach dem Zusammennähen werden die benötigten Maschen aus dem Armloch aufgenommen, an der Schulter gerne die doppelte Anzahl für den Puffärmel, der in einem engen Ärmelbündchen ausläuft – dafür in der letzten Reihe vor dem Bündchen die Mehrweite zusammenstricken. Als passende Garne bieten sich schlichte Wolle mit einer Maschenprobe von 24 – 28 Maschen auf zehn Zentimeter an, sehr beliebt waren aber Angora und selbstmusternde Garne dickerer Stärke.

 

Die starken Vierziger

Diese Jahre waren überall durch den Krieg geprägt und das sich erneut wandelnde Frauenbild: Frauenkleidung musste nun praktisch, haltbar und dennoch weiblich sein – Frauen sollten jederzeit anpacken können, ohne durch lange Säume, hängende Ärmel oder flatternde Volants behindert oder gar gefährdet zu werden. Und sollten gleichzeitig einen netten Anblick bieten, um den kämpfenden Männer Motivation und Ansporn zu sein. An Material war nur schwer und selten zu kommen und so wurde umgeschneidert, zusammen gesetzt, geribbelt und neu gestrickt. So entstand eine Mode, die körpernah, kurz und bunt war.

Was an Material nicht zu bekommen war, wurde mit verfeinerter Stricktechnik wettgemacht: Pullover reichten bis knapp über den Nabel, betonten Taille, Busen und Schultern, waren hochgeschlossen und kurzärmelig. Fair-Isle-Muster waren beliebt, weil so aus Resten noch ein komplettes Kleidungsstück entstehen konnte, ebenso wurden Streifen oder Pullis mit andersfarbigen Ärmeln und Bündchen gearbeitet. Die verwendeten Garne lagen in der Regel bei 28 – 32 Maschen auf zehn Zentimetern, bevorzugt wurde reine Wolle, die dicht gezwirnt war, um dem Strickstück Haltbarkeit und ein solides Aussehen zu verleihen.

Für einen Vierziger-Pulli braucht es mehr an Berechnung und Überlegung: Die Vorderseite wird breiter gestrickt als die Rückseite, um einerseits Platz für den Busen zu machen (Büstenhalter waren mittlerweile eher Büstenheber) und um andererseits die Seitennähte in die perfekte Position zu bringen. Außerdem wird eine Sanduhrform betont und geschaffen durch regelmäßige Zunahmen von der Taille bis zur Unterbrustweite. Auch die sehr hoch sitzenden Armlöcher (sie gehen bis in die Achsel – dadurch wird der Oberkörper optisch gestreckt und verschmälert) und die Schultern werden gleichmäßig geschwungen gearbeitet, der Halsausschnitt ist gerne rund und hoch, was ein sehr genaues Arbeiten des Halsbündchens erfordert – zwei Maschen zu wenig und es lässt sich nicht mehr über den Kopf ziehen. Die Ärmel werden von unten gearbeitet und verlangen perfekte Armkugeln für einen faltenfreien Sitz. Mein bester Rat für alle, die einen solchen Klassiker stricken wollen: eine gute Anleitung suchen und sollte der Sitz wie gewünscht ausfallen, werden alle künftigen Pullis danach berechnet.

Die Fünfziger – spießig und modern zugleich

Die Mode der Fünziger ist vielfältiger, als es uns der Rockabillytrend weismachen will: schaue ich in die Vogue Knitting der Fünfziger, dann sehe ich sehr schlanke, hoch elegante Frauen in sehr weiten und groben und in sehr schmalen und zarten Pullis, ich sehe Pastell und Schwarz und Knallbunt. Aber wenn ich die Reihe der Pullientwicklung logisch fortführen will, schaue ich mir den typischen kleinen Pulli an.

Die Fünfziger sind in mancher Hinsicht das Gegenteil der Zwanziger: feierte man dort die Befreiung vom Fischbein, so quetschte man sich nun wieder hinein. Waren die Zwanziger gerade, so waren die Fünfziger geradezu hyperkurvig und nicht weniger unrealistisch: die Taille war extrem schmal, der Busen spitz zur Seite geformt, die Hüften hoch und gerne ausgepolstert, die Schulten weich und abfallend. Und der typische kleine Pulli folgt: er reicht wie in den Dreißigern bis in die Taille, das Bündchen ist nun jedoch sehr schmal und wird gerne in den Rockbund gesteckt. Die Seitenneigung geht sehr stark nach außen und läuft gerne in kleine Kimonoärmelchen, die stark geschwungen zur Halsöffnung führen. Der Pulli ist hochgeschlossen mit einem kleinen Stehkragen, der im Nacken mit Knöpfchen geschlossen wird. Das verwendete Garn ist deutlich zarter als zuvor – Anleitungen, die eine Maschenanzahl von 38 – 50 Maschen auf zehn Zentimeter angeben, sind keine Seltenheit. Beliebt sind für diesen Pulli klassische Farben wie hellgrau, hellblau, beige, sand, rehbraun, aber auch rosa, hellgrün und tanne sind häufig zu sehen. Alles, was einen adretten und wohlerzogenen Eindruck macht, steht hoch im Kurs. Auch hier würde ich raten, erst einmal mit einigen Anleitungen zu arbeiten, wenn es solch ein Pulli werden soll.

Fazit:

Wie ich schon sagte, gibt es neben diesen typischen Vertretern ihrer Dekade unglaublich viele andere Modelle – auch in den Achtzigern haben wir nicht nur Säcke gestrickt und vor allem in den Fünfzigern lassen sich unglaublich tolle Modelle finden, die modern, klassisch und kein bißchen spießig sind. Aber diese Auswahl hier zeigt die typischsten Formen, mit denen ihr euch den Geschmack der Zeit zurück stricken könnt. Meine persönliche Vorliebe sind hier – wie bei den Kleidern auch – die späten Dreißiger und frühen Vierziger: perfekt angepasste Pullover ohne Bewegungseinschränkung oder optisch störende Diagonalfalten unter den Armen, die leicht an die eigene Figur angepasst werden können und keine spezielle Unterwäsche verlangen. Aber was auch immer ihr vorhabt, ich wünsche viel Spaß dabei.

So ganz langsam doch aufgeregt …

Irgendwann im Frühsommer letzten Jahres erhielt ich eine Mail, die ich auf den ersten – offenbar durch Erfahrung nicht vorurteilsfreien – Blick auf den Betreff für die folgende Art von Spam hielt, die wir als Bloggerinnen kennen und hassen gelernt haben:

„Liebe xy (hier steht selten der richtige Name, da der eine Klick zu Impressum/Über mich entschieden zu viel verlangt ist für die wichtige Person, die uns hier schreibt)
Dein/Ihr Blog fiel mir auf und wir könnten uns eine Zusammenarbeit gut vorstellen (wer „Wir“ ist, wird nur selten erschöpfend dargelegt). Daher möchte ich wissen, wieviel es kosten würde, einen Artikel bei Ihnen zu veröffentlichen und/oder ein Banner zu besetzen (Das sind dann übrigens schon die guten Angebote, durchaus kommt es vor, dass für die Veröffentlichung dreier Lobartikel ein Anleitungsheftchen für gehäkelte Babysöckchen drin ist …)“ …

Anfangs schrieb ich artig zurück, bedankte mich für das Angebot und lehnte ab. Irgendwann, als es überhand nahm, tat ich das nicht umgehend und als einer daraufhin drängelte und unhöflich wurde, machte ich es offiziell: Nein, danke, ich möchte keine Werbung auf meinem Blog. Etwas empfehlen, beschreiben und zeigen ist eben doch eine ganz andere Nummer als ständige Kaufmich-Artikel und als überzeugte Adblockerin fände ich es auch nicht fair, es woanders zu hassen und es selbst zu tun.

Doch dieser Betreff jetzt lautete neben „Kooperationsanfrage“ eben auch „Styleratgeber“ und das machte mich zumindest neugierig. Kurz zuvor hatte ich meine Kleiderschrankserie geschrieben, die ja nun das genaue Gegenteil von einem Ratgeber ist. Ich las die Mail – die mit meinen Realnamen und einer wirklichen Kenntnis meines Blogs punktete – einmal, dreimal, siebenmal und war verwirrt, erfreut, geschmeichelt, mißtrauisch und seltsam aufgeregt. Ich fragte genauer nach und fand mich in einem Telefonat wieder, das entspannt, professionell und persönlich war und ehe ich mich versah, hatte ich zugestimmt, einige Texte für ein Buch zu verfasssen, das eigentlich die Quadratur des Kreises sein müsste: Outfitideen mit Texten, die NICHT von ständiger Figuroptimierung und Verboten handelten.

Als ich die ersten Kapitel beendet hatte, sandte ich sie ein, innerlich noch immer davon überzeugt, ich habe etwas falsch verstanden und man wäre nun enttäuscht von meiner Arbeit. Das Gegenteil war der Fall, wenn ich den Antworten und dem jetzigen Erscheinen des Buches glauben soll. Zwar ist mein Anteil daran nur ein kleiner, aber hoffentlich einer, der den Käuferinnen des Buches gefallen wird und ihnen Mut macht, mehr von sich – von ihren Vorlieben und ihrer Persönlichkeit, nicht unbedingt von ihrem Busen! – zu zeigen. Nächsten Mittwoch wird es erscheinen, irgendwann um diesen Zeitpunkt herum erhalte ich meine Belegexemplare und sollte bei euch Interesse bestehen, könnte ich eine Verlosung arrangieren. Es ist kein ausgesprochenes Handarbeitsbuch, sondern eines, in dem es sich um 100 Outfits dreht – aber ich habe in den Varianten einiges gefunden, was mich auf Ideen brachte. Vielleicht geht es euch ja auch so.

Puh, jetzt bin ich schon etwas weniger nervös und werde euch in der nächsten Woche mehr davon zeigen können – ob ihr wollt oder nicht …

Die letzte Vier in blaukariert

Hachja, mein Jubeltag und dann noch der letzte Vierer und wie sieht es aus? Gestern gab es in Dauerschleife Stress mit Server und Blog und die Nachricht, mein geliebter Max werde für die nächsten drei Wochen Antibiotika schlucken müssen, womöglich ist heute der kälteste Tag des Monats und morgen wird ein amerikanischer Präsident eingesetzt – achwas, womöglich krönt er sich selbst – der mir wenig Hoffnung auf den nächsten Geburtstag mit der ersten 5 macht. Entsprechend ruhig lasse ich es heute angehen: zur Feier des Tages bleibt der Haushalt mitsamt seinem Staub einfach liegen.

Letzte Woche hingegen sah alles recht rosig aus: ein tolles Angebot, eine schöne Idee und Zeit, etwas zu nähen. Auf aufwändiges Konstruieren hatte ich keine Lust, dafür aber auf den karierten, sehr festen Jerseycoupon, der dank eines kreisrunden Riesenloches für ganz kleines Geld zu haben war. Und je länger ich ihn ansah, umso weniger wollte ich mich und ihn quälen: er sollte so wenig wie möglich zerschnitten werden und so habe ich das simpelste Oberteil überhaupt daraus genäht. Ein T mit Seitennähten und je einem geraden Streifen für Ärmelaufschläge und Stehkragen.

 

 

Da ich nur wenig Stoff zur Verfügung hatte, hat es bei den Ärmelbündchen nicht ganz so gut hingehauen mit dem versetzten Muster: das Karo ist ungleichmäßig und ich habe es senkrecht gegen den waagerechten Musterlauf gesetzt. Am Kragen kam es sich gut aus, an den Ärmeln treffen die Streifen leider fast aufeinander an einigen Stellen.

 

 

Nachdem sonst Maxi sich ins Bild schleicht, war heute Minusch wieder an der Reihe – da will ich ihr den Auftritt nicht verderben.

 

 

Und weil es mir sonst mit dem Simpelschnitt gar zu langweilig gewesen wäre, habe ich den Saum von gerade auf geschwungen geändert.

 

 

Ob ich das Oberteil viel tragen werde, hängt vom kommenden Frühjahr ab – aber einfach einmal in den Stoff hineinzuschneiden und mit wenigen Nähten auszukommen, hat mir Spaß gemacht. Und weil ich es ganz alleine nur für mich gemacht habe, trage ich das Karoteil beim heutigen Rums mit ein.

Erstaunlicher Fund

Ihr Lieben, die ihr vielleicht einmal einen Kommentar hinterlassen habt – vor allem zur Kleiderschrankserie – und euch gewundert/geärgert haben mögt, dass er nicht erscheint: gerade eben fand ich 13 Kommentare aus dem letzten Jahr, die mir ganz neu waren und es waren tolle Kommentare von bekränzt und Stella und anderen auch.

Gestern gab es ein Serverproblem und nach Wiederherstellung meiner Seite hatte ich auf einmal einen vollen Spamordner und wie auch immer ihr dort herein gekommen seid und wo immer ihr euch bis gestern versteckt hattet – nun seid ihr online, wie es sich gehört. Wenn auch ewig spät. War mir wichtig, das kurz mitzuteilen 🙂

Podcast bei Muriel

Oh, bibber, bibber, bibber … heute ist mein (für mich sehr unterhaltsames) Gespräch mit Muriel online gegangen und wenn ich schon mit Bildern von mir fremdele – mit meiner Stimme und meinem mitunter aus der Bahn springendem Enthusiasmus noch viel mehr.

Und so bitte ich euch gar herzlich: seid lieb und nachsichtig mit mir, wenn ihr reinhört. Und jetzt werde ich mir die Kopfhörer aufsetzen, Wäsche falten und Küche aufräumen und mir selbst zuhören. Vermutlich werde ich mich danach in der Badewanne wälzen und nie wieder heraus kommen wollen …

Aber egal, Muriel war wirklich fantastisch, einfühlsam und lustig und sollte sie eine von euch um ein Gespräch bitten: ziert euch nicht, macht es einfach.

So, genug der nervösen Vorrede: hier ist der Podcast.

Liebe Muriel, vielen Dank für deine Geduld, deine liebevolle Vor- und Nachbereitung und die Mühe, die du dir jedes Mal machst 🙂

Rosen im Winter

Ich möchte ja sehr gern wieder öfter und mehr nähen und so blätterte ich in meinen gesammelten Schnittkonstruktionsanleitungen herum. Und verliebte mich in dieses Kleid aus einer Mrs. Stylebook.

 

 

Wobei ich schon gedanklich anfing, Abstriche zu machen: ein bißchen länger dürfte es für mich sein, der Kragen kann eh weg und ob die langen Ärmel wirklich so günstig bei dieser Kleiderform an mir sein würden? Beim Blick auf die Anleitung bzw. das Schnittendergebnis verstärkten sich sowohl meine Zweifel als auch meine Lust, diesen Schnitt zu zeichnen und zu testen; ein dunkelgrauer Scuba mit Rosenmuster sollte dafür herhalten – das Grau ist eigentlich viel zu grün für mich, so wäre ein Mißerfolg nicht zu dramatisch.

 

 

Wer sich die Faltenlegung und das Vorderteil anschaut, wird es gleich sehen: Niemals würden sich die Falten so legen lassen, wenn man den Stoff so zuschneidet. Also habe ich erst gezeichnet, viel Rand am Halsausschnitt gelassen und die Falten dann an der Puppe getestet und gelegt. Auch wegen der Rockweite war ich skeptisch: Sähe es nicht besser aus, wenn der Saum nach unten hin zuläuft?

Nunja, ich zeichnete, ich schnipselte, ich schnitt zu und ich nähte. Und herrje, was werde ich immer langsamer. Für ein Kleid mit vier kleinen Fältchen, keinen Abnähern und zwei Seitennähten aus einem Stoff, der nicht versäubert werden muss – da hätte ich noch vor drei Jahren anderthalb Stunden gebraucht. Heute … gerne würde ich mir einreden, dass ich sorgfältiger geworden sei. Stimmt aber nicht. Nur blinder und langsamer.

Nun, es ist fertig und ich bin ambivalent. Es ist vor allem der zu grünliche Ton, der mich stört. Die Faltenpartie hingegen gefällt mir sehr und ich überlege, wo ich sie übernehmen könnte. Vielleicht den Ausschnitt etwas mehr in die Breite ziehen und mit luftigen Stoffen zu einer Bluse wandeln? Wie auch immer, hier das Kleid:

 

 

Der Stoff ist übrigens unglaublich weich und glatt, aber leider lädt er sich auch stark auf, weshalb kein Kleid mit mehr Länge oder mehr Saumweite möglich war. Tragen tut es sich aber gut und wären es nur ein paar Grad mehr, wäre es sogar kuschelig.

 

 

Und bei der Anprobe gab ich mir recht: das Rockteil muss enger zulaufen – ich habe versucht, eine Art Ei zu formen – hier kann man es erahnen – aber da der Scuba sich wirklich  nicht sehr vom Bügeln beeindrucken lässt, fällt die Seitennaht eher blasig. Und die Saumweite könnte noch kleiner sein.

 

 

Auch die langen Ärmel lassen die Silhouette schon sehr geschlossen und massiv wirken – hochgeschoppt sieht es für mich deutlich besser aus.

 

 

Am Ende war es ein nettes Experiment mit neuen Erkenntnissen und der Möglichkeit, etwas aus dem Schnitt zu machen – vielleicht auch als Sommerkleid ohne Ärmel. Die Zeit wird es zeigen. Und ich zeige mich heute noch einmal beim Creadienstag.

„Stilphilosophie“

Vor noch nicht gar so langer Zeit lief mir Nicole mit ihrem Blog Art & Stil über den Weg und seit heute macht sie sich Gedanken zu Kleidung und was sie genau mit uns zu tun hat. Ausgangspunkt war ein Buch, über das ich persönlich nicht viel weiß – schon weil ich mittlerweile Wochen brauche, um etwas komplett durch zu lesen – aber dessen Inhalt sie zu eben jener Reihe angeregt hat.

Vier Fragen sind es, die sie sich und uns heute stellt und wer Spaß daran hat, trägt sich in die Linkliste ein.

Welche Unterhaltung über Mode oder Stil hat Dich verändert?

Keine und jede vermutlich. Kleidung war schon als Kind für mich eine Sache von Stimmung, Wetter und Anlass, daran hat sich durch keine Unterhaltung jemals etwas geändert. Was sich geändert hat, ist der Blick auf mich selbst. Jedes Gespräch mit Ute, die ich hier schon oft erwähnt habe, hat das bewirkt.

Mit wem redest Du über Kleider?

Über meine eigenen eigentlich nur mit einer Freundin, die sich selbst nicht so arg viel daraus macht. Ansonsten rede ich mit jeder Freundin über Kleidung, die darüber reden mag. Wobei es dabei entweder um das Selberherstellen geht, um die historische Entwicklung oder um die Frage, ob es ihr steht.

Glaubst du, du hast Geschmack oder Stil? Was ist dir wichtiger? Was verstehst Du darunter?

Für mich greift beides ineinander, daher kann ich die Frage so nicht beantworten. Ob ich Geschmack und Stil besitze? Das liegt wohl im Auge des Betrachters. Ich habe ein Auge für Farbe und gelte allgemein als gut angezogen – da gibt es gute und schlechte Tage.

Stil ist für mich etwas, was mit dem Charakter und der Persönlichkeit zu tun hat und mit der Bereitschaft, davon etwas nach außen zu tragen. Oder eben auch nicht. Stil kann aus Brüchen entstehen, durch Eigenarten oder durch Anpassung. Geschmack ist für mich natürliches, ästhetisches Empfinden, das nach Harmonie strebt.

Wenn Du Dich nur mit Klamotten beschäftigen würdest, und man dich als Expertin nach deiner Stil-Philosophie fragen würde, was würdest du sagen?

Ganz schwierige Frage das, denn ich kann mir gar nicht vorstellen, mich mit nur einer Sache zu beschäftigen. Aber da ich ja auch stilberatend tätig war und man mich gefragt hat, muss ich mir das nicht vorstellen. Für mich war immer wichtig, eine gute Mischung aus den Wünschen meiner Kundin oder Freundin, dem, was ihr besonders gut stand und ihrer Persönlichkeit hinzubekommen. Während wir also vor dem Spiegel Farben testeten, ihren Kleiderschrank sortierten und von Geschäft zu Geschäft zogen, sprachen wir über vieles und am Ende kam immer ein Ergebnis heraus, das uns beide glücklich machte und ihr Komplimente einbrachte.

In den Spiegel zu schauen und sich so zu sehen, wie man sich selbst sehen möchte – das ist das Schönste, was man erreichen kann. Einfach mal bass vor Erstaunen über die fremde Frau zu sein, die man im Innersten schon ewig kennt, ist unbezahlbar.

 

4. – 6. Januar

Ich liege in der Sauna, lasse mich von Pfefferminz umwabern und kämpfe mit der Minitastatur des Kindle. Mühsam! Sehr!

Wieder liegen unaufgeregte Tage hinter mir, die ich den guten zuschlage – schlechte werden noch genügende folgen, da bin ich sicher.

Maxi taut seit gestern weiter auf, fordert mehr Streichelei und Aufmerksamkeit und übt sich in Bester-Hund-der-Welt-Posen. Sehr überzeugend, wie ich finde. Fast könnte ich mir einreden, die Welt sei gut und schön … aber da ich auf FB kommentiere, wo Dummböses verbreitet wird, bin ich wenig optimistisch in Bezug auf 2017. Einen Tag nach meinem 49. wird Trump Präsident – ich würde meinen 50. gerne sicher wissen. Nun ja, aber heute genieße ich diesen rundum faulen Tag. Sohn 2 hat Waffelteig bereitet …

Schlicht, einfach, simpel – und rot!

Kirschroter Stoff, also mit einem deutlichen Blauanteil und gedämpft-leuchtend, findet sich nicht leicht. Wann immer es mir gelang, kannte ich nur ein Ziel: ein schönes Kleid daraus zu fertigen. Und ich kann nicht mehr zählen, wieviele wirklich herrliche Rotstoffe mit dem Umweg über die Nähmaschine traurig im Müll landeten. Ein einziges Mal gelang es mir, mittlerweile schon vor über vier Jahren … es ist nicht verwunderlich, dass ich Rotfunde heute lange horte und streichle, bevor ich mich heranwage.

Nun, dieses Mal bin ich zufrieden. Den kirschroten Viskose-Elasthan-Crêpe fand ich im letzten Frühjahr auf dem Godesberger Stoffmarkt: sehr feinkörnig, recht zart und hoch elastisch; einer der Stoffe, die bei jedem Schritt auf und ab wippen und sich tragen als trüge man des Kaisers neue Kleider.  Und heute, nach Tagen des Hausarbeitens und der Unlust, habe ich mich vor die Kamera geschleift.

 

 

Ich kann es ja anstellen, wie ich mag – egal, mit welcher Kamera, mit welcher Einstellung: meine Bilder werden nie detailscharf. Das muss ein genetischer Defekt sein, ähnlich wie meine Backunfähigkeit. Selbst Fertigmischungen im eigenen Schälchen verbrennen mir außen und bleiben innen roh – egal, mit welchem Backofen. Leben wir als damit. Wenigstens ist das Licht in der Küche so, dass es farblich nah ran kommt.

 

 

Neben einem Fotografie-Kurs böte es sich auch an, vor dem Knipsen richtig zu bügeln. Das Kleid hing nun eine Woche auf der Puppe und trug dabei einige zu ändernde Teile über der linken Schulter – die Falten dort sind also keine asymetrischen Raffungen.

 

 

Auch einmal von hinten, hier kann man den Fadenlauf in der Seitennaht gut erkennen: die (geringe) Weite fällt in die Mitte. So fällt der Rock schmal, hat aber in der Bewegung viel Bewegung.

Und dann – dann kam der Hund um die Ecke getrabt. Wie immer mit zwei Schritten vor, einem zurück. An vernünftige Fotos war nicht mehr zu denken, aber die Hauptrolle geht jetzt an Maxi. Von unsichtbar zu Mittelpunkt in 55 Sekunden:

 

 

 

 

Und weil es gerade so schön passt, nehme ich einfach einmal am RUMS teil.

Constanze Derham – Stoff und Faden

Draußen regnet es bitterlich und durchdringend; das weiß ich genau, denn ich war mit Maxi draußen und sitze nun hier – drinnen, aber nass. Die frostigen Füße auf der Heizung, die nassen Haare im Handtuch und mit Bademantel über der Skiunterwäsche des Gatten. Was sonst könnte ich tun, als mich Büchern zuzuwenden? Eben.

Wie viele andere habe ich mich noch vor Weihnachten über eine Ergänzung der Nähbibliothek freuen dürfen – vielen lieben Dank an dich, Constanze. Die die meisten von euch kennen durch ihren Blog Nahtzugabe, der für die Nähgemeinschaft in etwa das ist, was Tichiro für die Strickenden war – eine Anlaufstelle für alle möglichen Infos rund um unser Hobby. Regelmäßig durchforstet Constanze das Netz und Magazine, bewertet kritisch und lobt freudig und macht damit Lust auf mehr.

Und mehr gibt es jetzt: Stoff und Faden heißt ihr neuestes Buch, das sogar eine eigene Webpräsenz erhalten hat – Ehre, wem Ehre gebührt. Bemerkenswert finde ich, dass sie sich dabei auf Freunde und sich selbst verlassen hat und das Buch im Selbstverlag herausbringt: das ist mal echte Handarbeit. Für renommierte Verlage wäre das Büchlein vermutlich zu klein, zu speziell, zu wenig publikumswirksam gewesen: welche Hobbyschneiderin würde sich wohl für Materialien interessieren?

Ich behaupte mal: jede, die etwas länger als ein Jahr näht und anderes herstellt als nur Federmäppchen und Handyhüllen. Wer für sich selbst näht, kommt gar nicht drumherum, sich mit dem Stoff zu beschäftigen. Wir haben es alle erlebt, wie das mühsam zusammen gestoppelte erste Kleid zwickte und zwackte, weil sich Quiltstoffe eben nicht für elegante Etuikleider eignen. Wie sich der mit Liebe handgesäumte Tellerrock knisternd um die Beine wickelte, weil Poly nicht die beste Wahl war. Oder wie das perfekte Weihnachtskleid sich nach der Wäsche als Putzlumpen präsentierte, weil es zu heiß gewaschen oder gebügelt wurde.

 

 

Nun finden sich  in den meisten Nähbüchern auch Stofflexika. Doch da geht es mir so wie mit meinen Konstruktionsbüchern: alle erzählen mir vom gleichen Thema, aber keines nimmt sich der Sache vollständig an. In Buch eins erfahre ich verblüffend viel über Samt und Seide und wie ich sie nähe, aber kein Wort über Bügeltemperatur oder Leinen. Dazu brauche ich Buch zwei und drei und vier. Und hier finde ich Constanzes Lexikon viel hilfreicher: statt Bild über Bild von Cloqué und Crêpe zu zeigen, erzählt sie von Herstellungsverfahren, Erscheinungsbild, Historie und vergißt Wasch- und Bügelanweisungen nicht, sogar Nadelstärken empfiehlt sie.

 

 

In Aufmachung und Layout, Größe und Handlichkeit und nicht zuletzt in dem als selbstverständlich vorausgesetzten Anspruch der Hobbyschneiderin, sich auch mit der materialtechnischen Seite des kreativen Prozesses zu befassen, erinnert mich das Buch sehr positiv an meine Handarbeitsbücher aus den 50er/60ern – nicht ohne Grund kam mir Marlene Esser in den Sinn. Über die auch Constanze schon einiges zu erzählen wußte. Dabei kommt Constanze ohne den leicht amüsiert-belehrenden Ton der Genannten aus.

 

 

Zu dem Eindruck der Nostalgie tragen auch die Illustrationen bei: Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die – meiner Meinung nach – viel deutlicher als jede Fotografie das Gewünschte zeigen. Doch obwohl meine Vintageliebe sich mit diesem Büchlein gestreichelt fühlt, es ist ein Lexikon, das auf dem allerneuesten Stand ist. Sollte es jede Hobbyschneiderin besitzen? Ich denke schon …

Stoff und Faden ist im Selbstverlag erschienen, kostet 14,- € und ist über die o.g. Webseiten direkt von Constanze erhältlich; aber auch über Buchhandlungen und Amazon sollte es beziehbar sein.

3. Januar

Vor zehn Minuten noch lag ich in der Wanne, eine Lavendelmaske auf dem Gesicht, Maxi auf dem Vorleger und genoß die Wärme. Luxus pur – um diese Zeit und gemessen daran, wieviele Menschen überhaupt über eigene Badewannen oder auch nur fließend Heißwasser verfügen. Darf man sich immer mal wieder klarmachen.

Und ja, es war wieder ein guter Tag, wenn ich auch die aktuelle Debatte über polizeiinterne Ausdrücke fehlgeleitet finde – der Riesenschrei, wie rassistisch das gewesen sei, ist nichts weiter als Wasser auf den Mühlen der AfD, denn sie bleibt eine Antwort schuldig, wie genau man ein Ereignis wie im Jahr zuvor hätte vermeiden können. Vor, während und nach großen Fußballspielen wird versucht, gewaltbereite Hooligans aus der Menge heraus zu fischen, bevor wieder ein Bus abgedrängt oder ein Zug beworfen und beschossen wird. Geht leider auch nur, in dem alle Fußballfans beobachtet und gefiltert werden. Die meisten mit FC-Schal oder Schalke-Käppi sind harmlos und müssen leider ertragen, wegen einer kleinen Anzahl Idioten unter Verdacht zu stehen. Sehr viel anders ist die Situation auch nicht gewesen, sie fühlt sich nur – verständlicherweise! – ungut an. Doch wie sonst soll vorbeugende Polizeiarbeit funktionieren? Dass innerhalb dieser Berufsgruppe höchst seltsame Gewerkschaftsführer und Rechtsdenkende befinden, ist ein Fakt, der zu einer anderen Debatte gehört, die ernsthaft gefühlt werden sollte.

Aber ich habe es nicht so sehr an mich heran gelassen, habe eigentlich einen wiederholten Tag erlebt. Einen unauffälligen, aber guten.