Pullover 1920-50er unterscheiden und stricken

Ich schrieb es schon auf fb: innerhalb kürzester Zeit stellten mir einige Frauen auf verschiedenen Wegen diese Frage. Und so dachte ich mir, schreib es hier auf, bevor du es vergißt.

Insgesamt habe ich knapp 80 Vintagepullis gestrickt, gleichmäßig verteilt auf Anleitungen und eigene Entwürfe. Und nachdem zu Beginn meiner Vintagepulliliebe mir jedes Modell ähnlich vorkam, bemerkte ich doch bald, dass es große Unterschiede in Schnitt, Passform und Technik zwischen ihnen gab. Wer von euch also am Anfang seiner Strick- und Vintageliebe steht oder im Stil einer der Dekaden entwerfen will, bekommt jetzt und hier und heute eine Übersicht:

 

Die goldenen Zwanziger

Nachdem Kaiser- und Königreiche im ersten mit modernen Waffen geführten Krieg verschwanden und Fischbein-Korsetts und lange Röcke mitnahmen, war weibliche Kleidung vor allem zweierlei: bewegungsfreundlich und schnitttechnisch einfach.

Statt Taille und Busen betonte die Mode nun Beine, Hüfte und Arme, das Ideal war eine sportliche Frau, schlank, groß und gerade so jungenhaft, um ihre Weiblichkeit zu betonen. Neben fließenden Kleidern, voluminösen Mänteln und kleinen Hütchen, die das Gesicht umrahmten und vom Bubikopf nur die Spitzen freiließen, griff die neue Frau auch in den Kleiderschrank des Freundes – der boyfriend style ist wirklich keine Erfindung der letzten Jahre. So kamen lose geschnittene Jackets, die ersten Hosen und auch Strickpullover in unseren Kleiderschrank. Durch die simplen Schnittformen, die durch die Materialien, Stickereien, Volants und Schmuck aufgewertet wurden, brach eine Selbstmachwelle aus: überall gab es Schnittmuster, Strick- und Häkelanleitungen, Stoffe und Wollen und das oft zu sehr günstigen Preisen.

Die meisten Strickanleitungen dieser Jahre folgen derselben Form: einem T, das in einem Stück vom vorderen Saum über die Ärmel und den Halsausschnitt bis zum hinteren Saum gestrickt wird. Das Bündchen ist meist in einem besonders plastischen Rippenmuster gestrickt oder besteht aus einer angesetzten Häkelborte, gerne zweifarbig gearbeitet, bestickt oder mit Bändern durchzogen. Der Körper ist untailliert, gerne gestreift oder quer gemustert und reicht von der Hüfte aus relativ hoch in die Achseln. Dort werden Maschen für die Ärmel angeschlagen, die recht eng anliegen. Die Halsausschnittform war vielfältig: leicht eckig, tief und spitz oder gerade waren die beliebtesten Form, die sich leicht durch abketten und wieder anschlagen erreichen ließen. Nach dem Zusammennähen erhielten sowohl Ärmelsäume als auch Halsausschnitt entweder schmale Bündchen oder Häkelränder.

Die verwendeten Garne lagen meist im Bereich von 16-24 Maschen auf zehn Zentimetern, beliebt waren kräftige Farben ebenso wie sehr zarte. Natürlich gab es neben dieser Standardform auch Pullover, die mit Armkugeln und raffinierten Mustern aufwarteten, vor allem zum Ende des Jahrzehntes. Aber wer einen typischen Zwanzigerjahrepulli stricken möchte, schlägt die benötigte Maschenanzahl an, die der mittleren Hüfthöhe entspricht, strickt etwa 8 cm Bund und arbeitet sich dann im gewünschten Muster – eher plastisch-grafisch als liebliches Ajour – hoch und wieder runter.


Die glamourösen und bitterarmen Dreißiger

Natürlich lassen sich die Dekaden nicht haargenau voneinander trennen: zum Ende der Zwanziger wurden die Röcke wieder etwas länger und die nach wie vor langen Oberteile erhielten kleine Gürtel, die mit jeder Saison etwas weiter in die Taille rutschten. Die Kleider der Jahre 1930-33 etwa haben nach wie vor viel Verzierung um die Hüfte herum, liegen aber enger am Körper, spielen mit Volumen am Oberarm und zeigen dadurch eine Hinwendung zu einer gemäßigten Sanduhrfigur, die lang und schmal erscheinen sollte.

Auch den Strickanleitungen dieser frühen Dreißiger merkt man die Zwanziger noch an: Noch immer ist der Körper gerade hoch gestrickt, jedoch deutlich kürzer und reicht nur noch bis in die Taille, die durch breite Bündchen betont ist. Weiterhin beliebt sind graphische Einstrickmuster und eckige Ausschnitte, aber immer öfter tauchen zarte Ajours auf, die mit deutllich feineren Garnen gestrickt sind und Seidenhemdchen nötig machen – Transparenz ist das große Thema dieser Jahre.

Die Ärmel sind entweder kurz und voluminös oder lang und schmal wie in den Jahren zuvor. Sie werden zwar nicht mehr in einem Stück angestrickt, bleiben aber weiterhin im 90°-Winkel, was sich an den für die Zeit typischen Diagonalfalten unter der Achsel bemerkbar macht. In den Sommermonaten sind gerade hochgestrickte Lochmusterpullis mit überfallender Schulter und geradem Ausschnitt beliebt.

Zum Ende des Jahrzehntes werden die Anleitungen deutlich raffinierter, die Büste wird betont und eine gerade, starke Schulterlinie der bisherigen weichen Linie vorgezogen – ein Stil, der in den Vierzigern zur Perfektion gebracht werden wird. Wer einen Pulli entwerfen will, der typisch Dreißiger sein soll, schlägt die nötige Maschenzahl für die Oberweite mit einer deutlich dünneren Nadel an und strickt ein möglichst festes Bündchen über zehn Zentimeter Länge und wechselt danach auf eine dem Garn angemessene Nadelstärke. Nun geht es hoch mit etwa zwei Zentimeter Abstand zum Achselpunkt. Die nötige Maschenabnahme für das Armloch erfolgt in der Regel in einem Gang, Schulter und Halsausschnitt werden in einem gerade abgekettet für einen Ubootausschnitt. Nach dem Zusammennähen werden die benötigten Maschen aus dem Armloch aufgenommen, an der Schulter gerne die doppelte Anzahl für den Puffärmel, der in einem engen Ärmelbündchen ausläuft – dafür in der letzten Reihe vor dem Bündchen die Mehrweite zusammenstricken. Als passende Garne bieten sich schlichte Wolle mit einer Maschenprobe von 24 – 28 Maschen auf zehn Zentimeter an, sehr beliebt waren aber Angora und selbstmusternde Garne dickerer Stärke.

 

Die starken Vierziger

Diese Jahre waren überall durch den Krieg geprägt und das sich erneut wandelnde Frauenbild: Frauenkleidung musste nun praktisch, haltbar und dennoch weiblich sein – Frauen sollten jederzeit anpacken können, ohne durch lange Säume, hängende Ärmel oder flatternde Volants behindert oder gar gefährdet zu werden. Und sollten gleichzeitig einen netten Anblick bieten, um den kämpfenden Männer Motivation und Ansporn zu sein. An Material war nur schwer und selten zu kommen und so wurde umgeschneidert, zusammen gesetzt, geribbelt und neu gestrickt. So entstand eine Mode, die körpernah, kurz und bunt war.

Was an Material nicht zu bekommen war, wurde mit verfeinerter Stricktechnik wettgemacht: Pullover reichten bis knapp über den Nabel, betonten Taille, Busen und Schultern, waren hochgeschlossen und kurzärmelig. Fair-Isle-Muster waren beliebt, weil so aus Resten noch ein komplettes Kleidungsstück entstehen konnte, ebenso wurden Streifen oder Pullis mit andersfarbigen Ärmeln und Bündchen gearbeitet. Die verwendeten Garne lagen in der Regel bei 28 – 32 Maschen auf zehn Zentimetern, bevorzugt wurde reine Wolle, die dicht gezwirnt war, um dem Strickstück Haltbarkeit und ein solides Aussehen zu verleihen.

Für einen Vierziger-Pulli braucht es mehr an Berechnung und Überlegung: Die Vorderseite wird breiter gestrickt als die Rückseite, um einerseits Platz für den Busen zu machen (Büstenhalter waren mittlerweile eher Büstenheber) und um andererseits die Seitennähte in die perfekte Position zu bringen. Außerdem wird eine Sanduhrform betont und geschaffen durch regelmäßige Zunahmen von der Taille bis zur Unterbrustweite. Auch die sehr hoch sitzenden Armlöcher (sie gehen bis in die Achsel – dadurch wird der Oberkörper optisch gestreckt und verschmälert) und die Schultern werden gleichmäßig geschwungen gearbeitet, der Halsausschnitt ist gerne rund und hoch, was ein sehr genaues Arbeiten des Halsbündchens erfordert – zwei Maschen zu wenig und es lässt sich nicht mehr über den Kopf ziehen. Die Ärmel werden von unten gearbeitet und verlangen perfekte Armkugeln für einen faltenfreien Sitz. Mein bester Rat für alle, die einen solchen Klassiker stricken wollen: eine gute Anleitung suchen und sollte der Sitz wie gewünscht ausfallen, werden alle künftigen Pullis danach berechnet.

Die Fünfziger – spießig und modern zugleich

Die Mode der Fünziger ist vielfältiger, als es uns der Rockabillytrend weismachen will: schaue ich in die Vogue Knitting der Fünfziger, dann sehe ich sehr schlanke, hoch elegante Frauen in sehr weiten und groben und in sehr schmalen und zarten Pullis, ich sehe Pastell und Schwarz und Knallbunt. Aber wenn ich die Reihe der Pullientwicklung logisch fortführen will, schaue ich mir den typischen kleinen Pulli an.

Die Fünfziger sind in mancher Hinsicht das Gegenteil der Zwanziger: feierte man dort die Befreiung vom Fischbein, so quetschte man sich nun wieder hinein. Waren die Zwanziger gerade, so waren die Fünfziger geradezu hyperkurvig und nicht weniger unrealistisch: die Taille war extrem schmal, der Busen spitz zur Seite geformt, die Hüften hoch und gerne ausgepolstert, die Schulten weich und abfallend. Und der typische kleine Pulli folgt: er reicht wie in den Dreißigern bis in die Taille, das Bündchen ist nun jedoch sehr schmal und wird gerne in den Rockbund gesteckt. Die Seitenneigung geht sehr stark nach außen und läuft gerne in kleine Kimonoärmelchen, die stark geschwungen zur Halsöffnung führen. Der Pulli ist hochgeschlossen mit einem kleinen Stehkragen, der im Nacken mit Knöpfchen geschlossen wird. Das verwendete Garn ist deutlich zarter als zuvor – Anleitungen, die eine Maschenanzahl von 38 – 50 Maschen auf zehn Zentimeter angeben, sind keine Seltenheit. Beliebt sind für diesen Pulli klassische Farben wie hellgrau, hellblau, beige, sand, rehbraun, aber auch rosa, hellgrün und tanne sind häufig zu sehen. Alles, was einen adretten und wohlerzogenen Eindruck macht, steht hoch im Kurs. Auch hier würde ich raten, erst einmal mit einigen Anleitungen zu arbeiten, wenn es solch ein Pulli werden soll.

Fazit:

Wie ich schon sagte, gibt es neben diesen typischen Vertretern ihrer Dekade unglaublich viele andere Modelle – auch in den Achtzigern haben wir nicht nur Säcke gestrickt und vor allem in den Fünfzigern lassen sich unglaublich tolle Modelle finden, die modern, klassisch und kein bißchen spießig sind. Aber diese Auswahl hier zeigt die typischsten Formen, mit denen ihr euch den Geschmack der Zeit zurück stricken könnt. Meine persönliche Vorliebe sind hier – wie bei den Kleidern auch – die späten Dreißiger und frühen Vierziger: perfekt angepasste Pullover ohne Bewegungseinschränkung oder optisch störende Diagonalfalten unter den Armen, die leicht an die eigene Figur angepasst werden können und keine spezielle Unterwäsche verlangen. Aber was auch immer ihr vorhabt, ich wünsche viel Spaß dabei.

Diese Beiträge könnten dich interessieren:



5 thoughts on “Pullover 1920-50er unterscheiden und stricken”

  • Toll! Vielen Dank für die Ausführungen, war sehr interessant zu lesen! Ich mag auch am liebsten 30er und 40er, wobei ich auch die geneigten aus den 50ern sehr schön finde.
    Liebe Grüße,
    yacurama

    • Eigentlich hätte ich es gerne genauer und hilfreicher gestaltet, aber dann hätte ich für jede Dekade einen Beitrag gebraucht und viel mehr Zeit … 🙂

  • Danke für die Befriedigung meiner Neugier! 😀 Ich hatte zwar nicht gefragt, aber meiner Ansicht nach kann kein Mensch genug Wissen in sich hineinsaugen.

    Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich eher nicht so der Vintagetyp bin. Meine Sehnsucht nach Vergangenem hält sich stark in Grenzen, was jedoch der eigenen Geschichte anzulasten wäre.

    Nichtsdestotrotz finde ich Deine Ausführungen interessant und anschaulich dargestellt.

    Und wenn ich es mir genau überlege, schlummert in den Tiefen meines Kleiderschranks ein Strickstück, dass man, geht man vom Schnitt aus, zu den Zwanzigern zählen würde. Gerade Kastenform mit ganz kurzen angeschnittenen Ärmeln. Wenn das Baumwollgarn, das ich damals verwendet habe, nicht so irrsinnig dick wäre, würde ich das Teil im Sommer öfter tragen. Dabei sind da Blümchen drauf! *lach* Nichts, was ich mir kaufen würde, aber den Pulli fand ich damals (lang, lang ist’s her!) schön und das hat sich nicht geändert.

    Bequeme Kleidung ziehe ich immer vor, aber schlabbern sollte sie nicht.

    Danke für das Malen, Schreiben und Teilhaben lassen an Deinem Wissen.

    Ariana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 530.845 bad guys.