|
|
Ideal oder Wahn?
Das Thema "Schönheit" - und vor allem die weibliche Schönheit - beschäftigt uns schon seit Anbeginn der Menschwerdung. Kein Wunder: das Sehen ist einer unserer wichtigsten Sinne. Bevor wir jemanden berühren, hören und riechen, können wir ihn sehen - der berühmte erste Eindruck beruht auf diesem einen Blick, und er bestimmt oft, ob wir einen Menschen sympathisch finden oder nicht.
Zwar können wir unser Urteil mit dem Kennenlernen revidieren, aber dennoch: Welche Frau möchte auf die Frage, ob ER sie beim ersten Treffen hübsch gefunden habe, hören, dass dies eher nicht der Fall gewesen sei? Es ist den meisten von uns wichtig, von anderen Menschen als attraktiv wahrgenommen zu werden - viele können besser mit einem abfälligen Urteil über die Intelligenz klar kommen denn als unterdurchschnittlich attraktiv zu gelten.
Manche Frau (und auch mancher Mann) wird von der Angst, nicht schön genug zu sein, schwer belastet. Und heutzutage, wo Schönheit - scheinbar! - machbar ist, nehmen die Bemühungen um ein hübsches Äußeres mitunter bedenkliche und ungesunde Formen an. So haben von den ~ 60.000 Personen, die sich im Jahr 2003 das Fett haben absaugen lassen, 0,02 % diese Operation mit ihrem Leben bezahlen müssen - das sind 14 Menschen, die unnötig gestorben sind ...
Schönheit im Wandel
In den letzten Jahrhunderten haben sich die Vorstellungen, was schön ist, oft gewandelt, zumindest in den Details. Mal war die ideale Frau blond, mal war sie dunkelhaarig. Mal war sie knabenhaft, mal breithüftig. Im Kern aber blieben die Ansprüche die selben. So wünschte man(n) sich:
- ein gleichmäßiges Gesicht
- eine schlanke Taille,
- zarte Hände,
- seidiges und weiches Haar und
- einen reinen Teint.
Und zu allen Zeiten, in denen neben Grundbesitz, Vermögen und guter Familie vor allem die Schönheit darüber entschied, ob eine Frau einen passenden - also sie versorgenden - Ehemann bekam, waren Frauen bereit, viel dafür zu tun, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Verständlich, wenn die Alternative zur Ehe ein Leben in Armut bedeuten konnte.
Und dennoch: die damaligen Ansprüche waren um ein Vielfaches geringer, als sie es heute sind. Viele der berühmten Schönheiten am Hof von Versailles würden heute Mühe haben, auch nur als annehmbar zu gelten. Sie mussten sich nicht an mit digitaler Technik retuschierten, 18jährigen Berufsschönheiten messen - sehr oft entsprachen die Damen der Gesellschaft, deren Kleider und Frisuren so eifrig von ihren Bewunderinnen kopiert wurden, nicht einmal dem aktuellen Schönheitsbild, sondern bestachen mit Eleganz, Geist, einem zarten Teint und einer ausgewachsenen Hakennase ...
In all diesen Jahrhunderten haben Männer bestimmt, was weibliche Schönheit ist - und Frauen haben diesen Begriff im Rahmen ihrer Möglichkeiten ausgefüllt. Die Mode war einheitlicher und dadurch hilfreicher bei dem Versuch, dem Ideal zu entsprechen - Mieder, Reifrock, Absatzschuhe, Hüftpolster, Fichus und Perücken verbargen mehr, als sie enthüllten.
Heutzutage jedoch ist Mode individueller und vielfältiger; für jeden Typ ließe sich das Passende finden. Frauen brauchen keinen Versorger mehr, sind finanziell meist unabhängig, folgen dem eigenen Geschmack - und dennoch haben Frauen nie mehr Risiken und Mühen auf sich genommen, um einander ähnlich zu werden. Warum?
Tricks und Retusche
Schlage ich als Frau nicht gerade die "Emma", sondern jede andere Zeitschrift auf, so werden mir Frauen entgegenschauen, um für ein Produkt zu werben. Waren in den 80er und frühen 90ern viele Models geradezu überirdisch schön und glamourös, so sind nun eher Models vom Typ des "Mädchens von nebenan" gefragt - nur viel perfekter.
Und genau das ist das Perfide: Kaum eine Frau hatte ernsthaft den Ehrgeiz, sich mit Linda Evangelista oder Christy Turlington zu messen - die beide übrigens keine Gesichter hatten, die sich in ein Schema pressen ließen - : die Werbebilder und ihre Göttinnen dieser Zeit hatten zu offensichtlich nichts mit dem Alltag zu tun. Dennoch stieg der Druck: Die Aerobic- und Fitnesswelle erklärte dem allzu weiblichen Körper den Kampf. Rundungen: ja gerne, aber schlank und fest sollten sie sein. Und das Werbebild einer Kosmetikfirma, auf dem eine Anticellulite-Produkt angepriesen wurde, hatte einen enormen Einfluss auf das weibliche Selbstbewußtsein:
Man sah die rückseitigen Oberschenkel einer Frau von Knie bis Taille, die in einem weißen, kurzen Höschen steckten - glatt, straff, zart gebräunt. So sollte frau aussehen - und mit diesem Bild in der Hand haben viele Frauen die Parfümerien gestürmt. Nicht wissend, dass das Model gerade einmal 18 Jahre alt, Leichtathletin und Sportstudentin war ... und damit noch nicht genug, wurde sie im Abendlicht der untergehenden Sonne an einem Karibikstrand fotografiert, mit den Füßen an einem Gerüst nach unten hängend, so dass die Schwerkraft wahrhaftig aufgehoben wurde. Dazu noch die übliche Menge an Make up und ein wenig Retusche. So "wenig" ist also nötig, um so auszusehen. Im Vergleich zur heutigen Methode der digitalen Komplettbearbeitung allerdings ist diese Methode der Wirklichkeitsverzerrung harmlos.
Aber heute sehen Models nicht mehr so umwerfend aus wie noch vor 15 Jahren - Heidi Klum ist hübsch, aber nicht überdurchschnittlich. Und so können wir uns viel leichter mit ihr identifizieren: Wenn doch all die netten Mädchen von nebenan aus der Margarinewerbung einen so klaren und zarten Teint haben können, einen so knackigen Po, so eine feste Taille und so glänzendes Haar, dann muss das doch auch mir gelingen können! Nur mittlerweile ist die Technik des Retuschierens so weit fortgeschritten, dass Models nur noch als Grundlage für das Endprodukt dienen; was immer ihr auch zur Perfektion fehlt, es kann hinzugefügt oder weggenommen werden. Und so laufen wir einem Phantom hinterher.
Wir haben uns an diese perfekte und gleichmäßige Schönheit so gewöhnt, dass sie uns das Maß aller Dinge zu sein scheint. Und uns mit der eigenen Erscheinung hadern lässt.
Leitbilder
Stars und Sternchen haben uns immer als Ideale gedient und immer schon hofften Frauen, durch die Kopie von Marlenes Augenbrauen, Jean Harlows Blond, Audrey Hepburns kurzen Haaren, Sophia Lorens Katzenaugen oder Jackie Kennedys Stil ein wenig von der Schönheit und Eleganz des Originals für sich beanspruchen zu dürfen. Das Besondere an diesen Leitfiguren war, dass sie oft über etwas Wesentliches verfügten: Eine Mischung aus Eleganz, Stil, Charakter und Individualität.
An solchen Idealgestalten herrscht heutzutage ein Mangel - viele der Stars, die von - vor allem jungen - Mädchen und Frauen angehimmelt werden, haben eines gemeinsam: Künstlichkeit. Die Haare zu dunkel oder zu hell, das Make up zu plakativ, dazu die Unterstützung durch Schönheitschirurgen. Durch diese Frauen wird uns die Machbarkeit von Schönheit bewiesen: weder Verona Feldbusch noch Melanie Griffith oder Pamela Anderson verfügen über ein natürlich-attraktives Äußeres. Das wird wettgemacht durch Auffälligkeit. Und wenn diese Frauen damit erfolgreich sind und als schön gelten, was sollte uns alle davon abhalten, uns operieren zu lassen?
Schön durch Skalpell
Was ließe sich nicht alles machen, um uns komplett zu verwandeln? Wenn wir uns das mal vorstellen, wird es unheimlich. Fangen wir mal "unten" und ganz harmlos an:
Eine regelmäßige Pediküre macht aus verhornten Tretern zarte Füße und die wollen wir alle haben. Perfekt und dazu auch noch gesund. Nicht schlecht für den Anfang.
Lange, schwarze Haare an den Beinen sind nur an Affen gestattet - am besten entfernen wir sie mit Wachs, was zwar nicht angenehm ist, aber länger vorhält. Und die zarte weiche Haut gefällt uns sehr gut. Nun noch regelmäßig eincremen und wir sind schon sehr gepflegt. Reicht das nicht schon?
Nein, denn die Beine könnten länger sein - wenn wir nicht allzu empfindlich sind und ein halbes Jahr zur Verfügung haben, dann lassen wir sie uns einfach einmal brechen und strecken. Das bringt bis zu 7 cm und ist in vielen asiatischen Ländern ein Renner.
Ja, aber an Oberschenkeln und Po versammelt sich so einiges, was dort nicht hingehört: Besenreisser und Orangenhaut und ausladendes Fett. Wir können mit Massagen beginnen, was wohltuend ist, aber nicht den einzig wahren Erfolg bringt. Eine dauerhafte Lösung bringt das Fettabsaugen, da lässt sich gleich noch alles in Form modellieren.
Der Bauch ist ja immer schon unsere Problemzone gewesen - wo wir schon dabei sind, lassen wir uns auch hier ein paar Kilo absaugen. Und wenn wir uns dann nochmal etwas wirklich Gutes tun wollen, gehen wir brav zum Schwimmen und zum Sport (aber ist das wirklich noch nötig?)
Nun haben wir diese wundervollen langen Beine mit den schmalen Hüften und der zarten Taille. Aber es sollte alles zusammenpassen und etwas mehr an Oberweite schadet nie. Von B auf D - sonst lohnt es ja kaum, wo wir doch schon einmal dabei sind ...
Und da der Chirurg unseres Vertrauens nun schon so nah an unserem Gesicht gearbeitet hat, hat er bestimmt einige Tipps parat: Kinn modellieren, Lippen auffüllen, Nase korrigieren, Augenlider straffen, Stirn glätten - ja, das könnte uns gut gefallen. Und Silikon, Collagen, Laserstrahlen und Botox können uns ja nicht wirklich schaden, nicht wahr?
Nach alldem gönnen wir uns eine Auszeit im Sonnenstudio - Erholung pur und in saftigem Braun sehen wir auch gleich viel gesünder aus.
Zum Abschluss dann noch einen Besuch im besten Friseursalon der Stadt: Blondieren und Haarverlängerung, dazu künstliche Fingernägel und ein Abend Make up - fertig ist das neue Ich, das uns ein glückliches und erfolgreiches Leben verschaffen wird.
Sicherlich gibt es Grenzfälle, in denen sich ein Mensch so verunsichert und unglücklich in seinem Äußeren fühlt, dass eine Schönheitsoperation einen echten Nutzen hat - aber wie oft ist das wirklich der Fall? Wie oft wird aus dem unsicheren Entlein ein schöner und stolzer Schwan und wie oft wird aus unsicheren Entlein einfach nur ein Gummipüppchen?
Der Wunsch, anders auszusehen sollte nicht zwangsläufig in einer Schönheitsoperation enden - sondern in der Erkenntnis, individuell und dennoch attraktiv zu sein. Denn die meisten Frauen sind genau das: Individuell und attraktiv.
Verzerrte Selbstwahrnehmung
Nur: wenn Frauen sich im Spiegel betrachten, sehen sie nicht immer die Realität - sie zerlegen sich in Einzelteile, die ihrem kritischen Auge nicht standhalten können. Hängende, glanzlose Haare, unreine Haut, faltiger Hals, zu kleiner Busen, schlechte Haltung, zu viel Speck um die Hüften, zu kurze Beine und überhaupt: nichts stimmt und von Eleganz und Charisma ist eh nichts zu entdecken. Und so verlassen viele Frauen trotz Intelligenz, Persönlichkeit, Humor und gutem Aussehen morgens schlecht gelaunt das Haus, um sich den Tag über immer wieder mit vermeintlich hübscheren Frauen zu vergleichen. Und werden wir entspannter, je älter wir werden?
Macht euch mal locker, möchte man(n) sagen. Meiner zumindest findet mich schön und reagiert genervt, wenn ich ihm mein Leid klage. Euch wird es kaum anders gehen. Beim nächsten Blick in den Spiegel lächeln wir uns bitte an und suchen nicht nach all den kleinen Fehlern, die wir zu unserer Karirkatur zusammen puzzeln, sondern sehen uns von Kopf bis Fuß als komplette Frau an - viel, viel besser!
© Andrea Instone
|
 |