Schenk! Mir! Stoff!

Weihnachten naht, Wünsche werden erfragt und geäußert, Hoffnungen steigen. Nützt mir in der Regel nichts, denn ich wünsche mir mit unzerstörbarem Kinderglauben jedes Jahr dasselbe vom Gatten: feines Tuch, edle Wolle, Ballen und Knäuel. Ich sende ihm Links und Bilder, nenne ihm Adressen und Preise und … – ja und, nichts. Diese Zeit- und Aufmerksamkeitsfresser sind ihm nicht geheuer und er meint, es seien genügende von diesen Teufeln im Hause.

Nunja, gemessen an ihrer reinen Anzahl, an ihrem Gewicht, an dem Platz, den sie einnehmen, mag er nicht ganz unrecht haben, aber es ist – Fluch, der ewige – nie das da, was genau jetzt, nun, heute, morgen, ganz dringend, benötigt wird. Als manifestiertes schlechtes Gewissen oder als ewige Inspiration liegen manche Stoffe, stapeln sich einige Knäuel und ich schwanke bei ihrem Anblick zwischen “Daraus hätte ich schon längst etwas machen müssen!” und “Hach, wenn ich dich erst einmal verwende …” hin und her und her und hin. Es ist, so habe ich entschieden, immer gut, etwas für den Notfall im Hause zu haben: Spaghetti, Tomatenmark, Blümchenstoff und rauchblaue Merinowolle. Alles fein so.

Als Frau praktisch und vorausschauend denkend, kann ich nicht erwarten, dass der Gatte diese Organisation, die Perfektion und Schönheit meines Tuns erkennt. Bitte ich also um dringend benötigtes Material, so geht er dahin, um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Das hat – wie sage ich es … – zu Überraschungen geführt. Ein klassisches Synonym für Überraschung ist doch tendenzielle Enttäuschung?

Wie auch immer: ich will Stoff! Denn ich friere. Ich brauche Mäntel. Mäntel? Mehrere? Nicht Mantel? Wie EIN Mantel? Eigentlich gehe ich davon aus, dass ich keiner Leserin dieser Zeilen die Notwendigkeit mehrerer Mäntel erklären muss, aber falls der Gatte einmal mitlesen sollte: da draußen in der bösen Welt gibt es Wetter. Ganz unterschiedliches Wetter. Und hier drinnen gibt es Kleiderschränke. Mit ganz verschiedenen Kleidungsstücken in ihrem Inneren. In den unterschiedlichsten Farben und Formen. Beides zusammen ergibt – der Schüler im Gatten, der sich mit angewandter Mathematik beschäftigt hatte, wird das errechnen können – ein Unzahl von möglichen Kombinationen.
Addieren wir dazu eine Gemahlin, die aus allem das Meiste herausholen will und geistig schnell gelangweilt und unterfordert ist, so bedeutet das im logischen Schluß: Gib! Ihr! Stoff!

Aktuell bitte Mantelstoffe – es werden noch dunkles Lila und helles Grau benötigt, das ist doch nicht unbillig. Ein feines Dunkelblau wäre auch nicht verkehrt. Nachdem Lila und Grau eingetroffen sind. Meine Chancen auf Erfolg? Mäßig. Ein Aufruf an die Öffentlichkeit? Vielleicht an die Kooperationsanfrager, die bislang keine rechte Chance bei mir hatten? Mit einer 2,50 €- Sockenhäkelbroschüre hat man mich noch nicht zu Lobeshymnen verführen können, ein hellgrauer Tweed hingegen könnte mir ein Lächeln entlocken. Wieder die Frage nach der Chance auf Erfolg? Ich bettel den Gatten nochmal an, irgendwann muss es doch einmal gelingen. Ich könnte ihm versprechen, meine Haare wieder wachsen zu lassen …

Ups, nun ist es kurz vor 9:00 und ich habe mich hinreißen lassen. Hier wollte ich gar nicht hin. Was ich eigentlich wollte: Mäntelpläne diskutieren und günstige Stoffquellen erfragen.
An diesem Wochenende machte ich mich also – schweren Herzens, quasi als Lohnsklave meiner selbst – an das Abändern meines taillenkurzen Grundschnitts in einen hüftlangen Block. Aus diesem habe ich zuerst einen Blusengrundschnitt gebaut (zumindest hoffe ich das, zum Testen hatte ich weder Zeit noch Ruh’) und danach den Mantelblock. Den halben Tag lang habe ich Literatur von gestern und heute gewälzt, meine Notizen zu früheren Mantelschnitten gesucht und mich dann für eine Mehrweite von 6 Zentimetern entschieden und einer Armlochabsenkung von 2 cm.

Nun habe ich hier einen Mantelstoff liegen, der zwar schwer, aber leider nicht sehr dicht gewebt ist – gegen das Licht erscheint er fast netzartig. Die Farbe ist fantastisch blaugrau, aber das Material kratzt fies, fies, fies. Als Kragen könnte ich es nicht ertragen und ich bin noch nicht sicher, ob der Beleg nicht doch durch Pullis und Kleider kribbeln wird. Für einen echten Wintermantel scheidet dieser Stoff leider aus. Aber nicht als Herbst- und Probemantel. Sollten sich Schnittform und Weitenzugabe als mangelhaft erweisen, so werde ich diesem Stoff nicht zu sehr hinterher trauern. Es würde allerdings bedeuten, dass sich neben hellgrau, dunkellila und nachtblau noch eine blaugraue Lücke auftun würde, die gefüllt werden müsste – da schließt sich der Kreis: Schenkt mir Stoff!

Und weil ich, wie bereits gesagt, als gute und treusorgende Hausfrau, die ich nun einmal bin (bitte keine Tumulte in den hinteren Rängen!) aus allem so viel wie möglich rausholen will, will ich mir beweisen, wieviel ich aus einem einzigen Schnitt heraus zaubern kann mit kleinen Abwandlungen in Saumweite, Kragen, Gürtel und Taschen:

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Mein Schnitt hat eine Schulterpasse vorne und hinten, Teilungsnähte und ausgestellte Rockteile. Für den Kratzstoff wird kragen- und taschenlos gearbeitet; auch auf Knöpfe werde ich verzichten und ihn lediglich mit einem Bindegürtel schließen. Er wird von der Taille aus 80 cm lang sein und damit zweifingerbreit über meine Röcke reichen; dazu hat er eine moderate Saumweite von 36 cm mehr als Hüftweite. Daumen drücken wäre nett, denn wenn das klappt, wird der Schnitt noch einmal verwendet: mit einem leicht hochstehenden Etonkragen, angeknöpften Gürtelteilen, einer Erweiterung des Saumes um 12 cm und einer Kürzung um 2 cm, dazu schräge Taschen und vielleicht noch einer Ärmelspielerei.

Und für lila, grau und blau fiele mir sicher noch mehr ein. Nachdem ich den gestrigen Sonntag 8 Stunden am Schnitt saß und heute noch die Ärmel und das Futter zeichnen muss, müssen daraus wenigstens vier Mäntel werden können. Ja, doch, das macht alles Sinn. So soll es sein!

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