Schwarze Katzen …

Momo

… sind für einen Profi wie mich nicht fotografierbar, es sei denn als Suchbild. Momo – pure Freundlichkeit in zierlichste, scheue Katzenform gegossen, das süßeste Mädchen im Haus, das verschmusteste und kuscheligste Katzenkind überhaupt. Und Katzenkind wird sie bleiben, mag sie auch 20 Jahre alt werden. Kaum ein Besuch hat sie je gesehen und wie man sieht: sieht man nichts.

Schwarze Katzen hat man mit Hexen, Gefahr und Unglück in Verbindung gebracht und ihnen magische Kräfte zugesprochen. All meine Aufforderungen an Momo, doch mal etwas zu zaubern, irgendetwas, blieben vergeblich. Sollte das mit der Magie, mit den Dingen zwischen Himmel und Erde nun doch nur ein Märchen sein, ein Hirngespinst, ein Irrglaube, eine vergebliche Hoffnung? Und wie komme ich nur darauf?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, aber seit ein paar Tagen erinnere ich mich an das Mädchen, das ich einmal war. Und an Geschichten, die ich erlebte und sah und hörte. Es kann also nun wieder sehr lang hier werden und an die LESERINNEN unter meinen Besucherinnen ergeht somit die Aufforderung: schnapp dir eine Tasse Warmgetränk und ein Stück Weihnachtsgebäck und komm auf mein Sofa. Vergiß die Hektik und den Ärger und gönn dir ein halbes Stündchen. Zum Gucken gibt es heute leider nichts …

Denjenigen, die in den 80ern in der näheren und weiteren Umgebung des Rheinlandes lebten, dürften die kölschrockenden Bap nicht entgangen sein, führte ihr Erfolg doch dazu, dass Scharen an Schülern, die der rheinischen Zunge bis zu diesem Zeitpunkt nicht mächtig waren, nun wie wild diese fremde Sprache erlernten – ich hatte einen kleinen Vorteil, da meine Tante Tinni regelmäßig mit ihrem Mopedroller über den Standstreifen der Autobahn von Köln-Sürth nach Bonn-Duisdorf rollte, um dann mit meiner Mutter auf kölsch sich über allerlei auszutauschen. Das hatte mich immer schon fasziniert und ihr merkt, ich nehme schon gleich die erste Abzweigung weg von der Hauptstraße, mäandere mal wieder vor mich. Aber ich wende, denn dort will ich nicht hin. Bap sang nicht nur auf kölsch, sie sprachen auch all das aus, was uns friedensbewegte, feministische, wütende Jugendliche bewegte und was einen so umtrieb. Und im Lied “Wenn et bedde sich lohne dät” kommt ein Satz vor, den ich auf Hochdeutsch zitiere:

Ich bin neidisch auf die, die glauben können, doch was soll’s, ich jage doch kein Phantom.

Da fand ich mich nach all meinen inneren Glaubenskriegen endlich wieder. Nicht nur, was den Gottglauben anbelangt, sondern das Glauben als Tätigkeit überhaupt. Ich stellte endgültig fest, dass ich zu denen gehöre, die lieber wissen als glauben wollen. Aber leider, leider gibt es Dinge, die sich nicht wissen lassen. Vielleicht auch eine rheinische Krankheit; da hole ich mal den Herrn Beikircher hervor, der vom Rheinländer irgendwann und irgendwo einmal sinngemäß sagte, er sei der geborene, echte Zweifler. So isses. An allem, was ich hoffe und glaube und weiß, findet sich doch immer noch ein Häkchen, an dem ich herum zweifeln kann.

Begonnen hat das schon früh – und jetzt hole ich mal weit, weit aus:

Als Kind von 5-10 Jahren etwa habe ich es genossen, wenn ich abends nach dem Abendbrot mich im bodenlangen Nachthemd in die Häkeldecke aufs Sofa kuscheln und mit Kopfhörern meinen Märchenlangspielplatten lauschen durfte. Mein Siamkater Mucki drückte sich dabei gerne neben mich an meine Hüfte und schlief, während ich schon damals nicht nur eine Sache tun konnte, sondern mir dazu meist noch einen Bildband aus dem Schrank meiner Eltern nahm. Und eines Abends entstand eine große Liebe.
zauber

Meine Lieblingsplatte war “Die Töpfchenhexe”, eine Geschichte um eine freundliche Hexe und ihre Katze Schnurribumbi. Außerdem war ich fasziniert von dem Buch “Zauber vergangener Reiche” – und ich muss schnell mal dazwischen schieben, ich bin ziemlich beeindruckt von meinem Gedächtnis, denn eine schnelle Suche ergab: ich habe mich an die Namen richtig erinnert.  In diesem Band wurden die Inkas, das Reich der Mitte, die Inder und Ägypten mit seinen Bildern, Skulpturen, Gebäuden und Totenritualen gezeigt, vorweg gab es eine mehrseitige Einführung, damit der geneigte Leser das ihm gezeigte auch bitte richtig einordnen würde können. Das las ich mit sechs dann doch noch nicht.

Aber an diesem Abend schlug es ein: ÄGYPTEN. Kurz darauf las ich ein Kindersachbuch über Katzen – ich las es Mucki vor, da ich es für wichtig hielt, er wisse etwas über seine Geschichte. Er war sichtlich beeindruckt. Und in diesem Buch lernte ich, dass ich meine Hauskatze den Ägyptern zu verdanken habe. Kluge Menschen, die sofort erkannten, wie wichtig eine Katze für die Welt ist. Von da an gab es kein Halten mehr, ich las alles, was ich finden konnte und lebte die Hälfte des Tages zwischen Isis und Osiris, stand zwischen Horus und Anubis und verehrte Bastet. Ich konnte sämtliche Pharaonen in der richtigen Reihenfolge herunter beten, wußte mit acht, dass es nur ein Leben als Ägyptologin für mich geben könne und las letzten Endes auch DEN Klassiker “Götter, Gräber und Gelehrte” von C.W. Ceram, als ich neun war. Diese Welt des Alten und Neuen Reiches war für mich real. Selbst meine Barbiepuppen waren drei Engel für Osiris – ich konnte mich nicht so recht zwischen Geheimagentin und Ägyptologin für sie entscheiden, zumal sie zwischendurch als Mannequin undercover zu ermitteln hatte.

Nun traf es sich ungünstig, dass ich zur gleichen Zeit mit meinem Kommunionsunterricht begann. Mein Gefühl der Kirche gegenüber war immer schon zwiespältig: in einem katholischen Kindergarten untergebracht, waren mir sämtliche Feiertage wohl vertraut – in den frühen Siebzigern im Rheinland nicht ungewöhnlich. Und die schönen Seiten der Geschichte, in denen Menschen geheilt, Kinder beschenkt, Kriege beendet wurden, machten mich sehr glücklich und andächtig. Vieles andere verstörte mich eher: die Löwengruben, die ans Kreuz geschlagenen Menschen, die ermordeten Babies. Im Kommunionsjahr kamen nun noch die sonntäglichen Kindermessen, die freitägliche Beichte, die auswendig zu lernenden Gebete hinzu.

Ich wollte das alles sehr gerne glauben und zimmerte mir mein eigenes Bild zurecht, wandte mich vornehmlich an Maria in meinen abendlichen Fürbitten, erfand eifrig Geschichten, die ich würde beichten können und freute mich auch darauf, in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen zu werden. Still und alleine in der Kirche sitzend empfand ich sehr viel von der Hoffnung und Freude, die man als gläubiger Mensch doch empfinden sollte, ich wünschte mit Inbrunst aller Welt und jedem Mensch und jedem Tier Frieden und Glück. Jedoch wenn die Messe begann, ich unendlich lang auf der Bank zu knien hatte, mir der Weihrauch fast die Sinne nahm und ich den endlosen, mir absolut unverständlichen Predigten lauschen musste, dann fühlte ich mich fremd und verloren; hier gehörte ich nicht hin, das stimmte alles nicht. Die Schuld suchte ich bei mir und betete jeden Abend fleißig und erhoffte wahrhaftig ein Zeichen. Vorsichtshalber, weil mir meine besondere Eifrigkeit selbst unheimlich wurde, schob ich als größte Bitte immer eines hinterher:
“Lieber Gott, bitte lass mich nicht berufen sein!” – nein, ins Kloster wollte ich auf gar keinen Fall!

Mittlerweile hatte ich mich aber auch so intensiv mit den Glaubensvorstellungen der Ägypter befasst, dass ich in einen Zwiespalt, in eine wirkliche Glaubenskrise versank: Isis und Bastet waren die beiden Göttinnen, die ich als meine Haus- und Schutzpatroninnen erwählt hatte – es wurde ja nie erwartet, dass nun jeder Ägypter jedem Gott immer  und ständig zu danken und zu opfern hatte; das Göttliche wurde im Alltäglichen gesehen und das Alltägliche war oft schon Ehrerbietung genug. Und so dauerte es gar nicht lang, bis ich mich eines fragte:

Wenn wir heute so unglaublich sicher sind, dass die ägyptischen Götter – die mir ja viel logischer und zugänglicher erschienen – nichts als Folklore und Irrglauben waren, werden sich dann die Menschen in 1000 Jahren unserem Glauben gegenüber ebenso sicher zeigen? Und wenn der eine Gott nicht existiert, wer sagt mir denn, dass der andere real ist? Das hat mich beschäftigt, so sehr, dass ich bald anfing, nach jedem Gebet an Maria nicht nur die Bitte um Klosterfreiheit, sondern auch einen kurzen Nebensatz an Isis hinter her zu werfen – im Sinne von “Ja, ich weiß, dich gibt es auch, nimm das mal nicht so ernst.” Sicher war sicher; ich wollte mir alle Wege offen lassen. So lange, bis ich merkte: ich will wissen, nicht glauben. Da ich aber auch nicht wissen kann, dass ein Gott nicht existiert, bin ich nun also die ewige Zweiflerin an allem und jedem. In der Praxis sieht es so aus, dass ich mir die Hoffnung gönne … denn wäre es nicht schön, es gäbe eine höhere Macht, die uns wohlgesonnen ist und unsere Schritte behutsam weg vom Abgrund leitet? Wenn es sie gibt, so ist sie leider nicht allzu erfolgreich. Gleichwohl: hoffen ist erlaubt und lässt uns mehr Freiheit und mehr Verantwortung als das bloße Glauben.

Wo ich aber eigentlich hinwollte, ist etwas ganz, ganz anderes. Aber dafür ist es heute zu spät. Da gibt es diese Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir sicher alle schon erlebt haben und die etwas magisches und hoffnungsfrohes an sich haben. Wie schwarze Katzen eben. Aber vielleicht findet sich in den nächsten Wochen noch mehr Heißgetränk und Gebäck ein und wir machen dort weiter, wo ich nun ende.

 

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