Sexy – unerhört wichtig! Oder doch nicht?

Bild321Vor etwa zwei Stunden fand ich mich müde auf dem Sofa wieder – kaum haben die Schulferien angefangen, ist die Mutter erschöpft! – und schaltete den Fernseher an. Ich hatte noch einen halben Saum zu befestigen und wie passend: es lief auf einem dieser Sky-Spartensender “Project Runway”. Das Ideenfinden und Nähen nimmt nur noch wenig Platz ein, aber im Vergleich zum Tatort doch noch einiges. Den Anfang hatte ich verpasst, aber offenbar stammten die Materialien dieses Mal aus der Gartenabteilung des Baumarktes, denn es wurden Blumen und Blätter, Seile und Rankhilfen verarbeitet; durchaus zu sehenswerten Modellen.
Einer der Teilnehmer, ein junger, bebrillter Mann, fertigte aus einem grauen und steifen Netz eine Art A-Linienkleid oder Mantel, da war man sich nicht einig. Während alle anderen Teilnehmer Kleider mit definierter Taille und betonter Büste bastelten, betrachtete er sein Werk skeptisch und sprach dann den folgenden Satz in die Kamera:

“Ich bin nicht der Meinung, dass jedes Kleid sexy sein muss.”

Immer, wenn eine Selbstverständlichkeit laut ausgesprochen wird (also selbstverständlich für mich zumindest), horche ich auf und stelle fest: die Selbstverständlichkeit ist eben keine, wenn sie noch Thema ist. Das ist wie mit der Gleichberechtigung: solange die meisten mir einzureden versuchen, sie sei erreicht, liegt sie noch in der Ferne.

Hätte der junge Mann hier mehr Selbstbewußtsein gezeigt, hätte er vielleicht auch seine Teamkollegen überzeugen können, doch er schob ein “Oder doch?” hinterher. Gut, dieses Kleid aus dem sehr steifen Material war nicht unglaublich schön, aber es wurde als unförmig, unschmeichelhaft, unverständlich und sowieso komplett falsch von der Jury erkannt und der junge Mann flog raus aus der Runde. Übrig blieben die Kleider, die entweder eng oder kurz oder tief ausgeschnitten oder sonstwie sexy waren. Bestimmt ein Zufall …

Diese kurze Episode traf mich deshalb, weil ich erst vor wenigen Tagen über die Frage nachdachte, wie wichtig sexy heute eigentlich ist. Offenbar sehr. Da müssen wir gar nicht zu Frau Klum und ihrer Show schauen, in der stolze Eltern ihre Sechzehnjährige vor einem Millionenpublikum halbnackt in die Kamera blinzeln lassen. Oft reicht schon das Durchblättern eines x-beliebigen Modekataloges, um alle paar Seiten zum Sexysein aufgefordert zu werden. Ein Blick in manche Kleinmädchenabteilung lässt mich manchmal dermaßen erschauern, dass ich fast froh bin, meine Wunschtochter nie bekommen zu haben. So höre ich von einer Freundin Geschichten über deren Tochter und die Clique des Nachbarmädchens, bei denen mir das kalte Kotzen kommt (ja, wenn ich mich mal so ausdrücke, dann fühle ich mich auch so). Ihre Tochter wird nämlich gerne von den anderen beleidigt und gehänselt. Weil sie dunkelhaarig, bebrillt und sehr schmal ist und somit nicht hübsch sei. Das ist in dieser Gruppe der wichtigste Wert. Hört sich nach amerikanischem Highschooldrama an, findet aber in der ersten Klasse einer deutschen Grundschule statt. Klar, da spielen noch andere Gründe eine Rolle, beispielsweise, dass meine schlaue Freundin keine Lust auf diese Zwangs- und Zweckgemeinschaft anderer Nachbarsmütter hat, deren Kinder Nachmittag für Nachmittag verplant sind mit Unterricht, Sozialkontakten und Kulturevents. Aber in der Gruppe der kleinen Nachbarskönigin, die über 12 eifrige, kleine Dienerinnen verfügt, zählt Schönheit nun schon am stärksten. Schönheit und Gehorsam. Ich kann mir leicht vorstellen, wie sich das irgendwann in einen Wettbewerb der Sexiness ausweitet. Oder bin ich da zu pessimistisch?

Gut, ich bin ein wenig von meinem Pfad abgewichen; wie das so ist, wenn die Gedanken wandern. Was ich mich frage: wann hat sich das so entwickelt? Seit wann ist Sexiness ein Wert an sich, seit wann ist es ein Pfund, mit dem täglich und überall gewuchert werden muss? Müssen Frauen sexy sein, damit sie sich im Falle der Fälle problemlos nach oben schlafen können? Müssen Frauen, die diesen Eindruck nicht erwecken wollen, folgerichtig ständig aufpassen, auf gar keinen Fall auch nur im geringsten sexy zu sein? Rennt demnächst die eine Hälfte im Ledermini unter gemachten Brüsten umher, während die andere schlecht geschnittene Hosenanzüge trägt? Oder sind wir so weit, dass unter allem, was wir sagen, tun und tragen, unsere Fähigkeit erkennbar sein muss, Männer und/oder andere Frauen zu erregen? Ihr seht, ich bin verwirrt und hilflos, sowohl was die Definition von “sexy” anbelangt als auch dessen Sinn, Nutzen und Ziel.

Wäre ich nun ein Maskulinist, der auf diesen Text stieße, dann wäre schon klar, weshalb ich das schreibe: ich bin natürlich eine frustrierte, häßliche, lustfeindliche und alte Feministin, die dem Männerhass verfallen ist, weil sie keinen abbekommen hat und neidisch auf all die tollen Frauen ist, zu deren Bildern er sich – wie soll ich das gewohnt charmant ausdrücken? – ein wenig Erleichterung und Freude verschafft. Und jetzt will ich am liebsten all den anderen, den “echten” Frauen ein Silikon-, Lippenstift- und Minirockverbot auferlegen. Für mein Selbstbewußtsein ist es also schon gut, solche Männer nicht zu meiner Leserschaft zu zählen – ich bevorzuge in dieser Hinsicht kluge Frauen, die hier ja in Massen sich tummeln. Und so kann ich vielleicht heraus bekommen, was manche Frauen – vermutlich eher unter der 40er-Grenze – dazu bringt, dieser Forderung nach Sexiness nachzukommen. Diese 40er-Grenze ziehe ich übrigens nicht des Alters wegen, sondern wegen des unterschiedlichen Zeitgeistes der Jahrzehnte, in denen wir groß wurden. Ich kann den 80ern vieles nachsagen, aber “sexy” war nicht, was ständig von mir gefordert wurde.

Für mich war es immer so, dass “sexy” dem Verführerischen, dem Provokanten, dem Geheimnisvollen gegenüberstand. Das Versprechen von Verfügbarkeit schien es mir zu enthalten, sexy war simpel, offenherzig, platt, ja, es war billig. Ganz offenbar hat sich der Wert dieser Vokabel verwandelt; ich wuchs ja auch in einer Zeit auf, in der wir das Wort “geil” als Begriff für alles Tolle verwendeteten, uns aber seiner eigentlichen und schockierenden Bedeutung bewußt waren – weshalb wir es ja auch nutzten, keine Frage. Sexy hingegen war irgendwie beleidigend, so wie es niedlich, süß und Fräulein auch waren. Sei Weibchen und halt den Mund, so klang es für mich und meine Freundinnen.

Bis heute ist mir dieses Wort und seine Implikationen verdächtig und unangenehm. Zumal es so aussieht, als dürfe Frau zwar vielleicht zu dünn, zu dick, zu alt oder zu jung sein (also im Rahmen selbstverständlich, wir wollen es ja nicht übertreiben!), aber niemals dürfe sie aufhören, sexy zu sein: In ihrer Kleidung, in ihrer Frisur, in ihrem Gang soll wohl ein Leben lang der Ruf nach dem Mann erkennbar sein.

Dass wir uns richtig verstehen (und deshalb das Passwort): ich habe überhaupt gar nichts gegen Spielchen zwischen Mann und Frau (oder Frau und Frau, aber ich weiß nicht, ob das Problem dann dasselbe ist), aber so platt und schlicht und simpel? Ich mag es lieber figurbetont, auch wenn ich meine Figur nicht mag; ich denke, dass dem Wissen um die eigene Verführungskraft viel Stärke liegt, die man nutzen darf, wann immer man will, und ich komme nun leider in das Alter, in dem einem nicht mehr ganz so viel Ritterlichkeit und Aufmerksamkeit seitens der männlichen Bevölkerung zufliegen, aber dennoch: sexy? Das ist doch … ja, ich weiß es auch nicht. Ich wollte in meinem Leben vieles sein, wäre gerne umwerfend schön gewesen, hätte für einen runderen Po gemordet, wollte Kurven und schönere Zähne und mehr Mut, aber sexy sein – das war etwas, was mir nie eingefallen wäre. Wofür auch? Wie heißt es bei Schiller:

“Es kostet nichts, die allgemeine Schönheit zu sein, als die Gemeine sein für alle!”

Genauso klang Sexiness für mich immer: der kleinste gemeinsame Nenner zwischen mir als Frau und einer gesichtslosen Masse Durchschnittsmann, der mich doch nie interessiert hat. (Pfui, wie arrogant). Was bringt das an Vorteil, an Gewinn, an Selbstbewußtsein? Nicht viel, würde ich vermuten.

Ich bin eine eher spät Erblühte, war immer zu dünn, zu picklig, zu unsicher. Bis ich etwa 23 war, sich alle Teenieleiden verwachsen hatten und ich über Nacht eine Hotelabteilung zu leiten hatte. Und auf einmal merkte: frau muss nicht Männern hinterhersehnen und sich dämlich-kichernd in ein Weibchen der dümmsten Sorte verwandeln, um beachtet zu werden. Wenn mir ein Mann gefiel, dann habe ich ihn auch dazu bekommen, sich zu mir zu setzen; wenn ich war, wie ich bin und zu meiner Meinung stand, blieb mit Sicherheit eine genügend große Anzahl interessierter Männer übrig, mit denen man etwas anfangen konnte. Ich brauchte keinen Minirock und kein tiefes Decolleté, um in einer Kneipe aufzufallen – einmal mit starkem Schritt durch den Raum gehen und keinem Blick auszuweichen, reichte schon aus. Nach wie vor fand ich mich zu dünn, zu unsportlich, zu unkurvig, um meinem eigenen Ideal von Weiblichkeit zu entsprechen, aber Anerkennung und Bewunderung ernten, das ging eben dennoch, auch ohne Sexiness. Irgendwann habe ich mich auch von dem doch irgendwie anerzogenen Glauben abgewandt, durch diese Art der Aufmerksamkeit selbstbewußter und glücklicher werden zu können.

Mit dem einen oder anderen Exfreund hatte ich im Laufe der Jahre noch mal Kontakt und fand es immer spannend zu hören, was sie eigentlich zu sehen glaubten: da war von anstrengend, witzig, fürsorglich, bestimmt, grüblerisch, elegant, geistreich und launisch die Rede. Und von aufregend, verführerisch, verspielt und lockend. Das böse Wert “sexy” ist nie gefallen. Übereinstimmend spielte sich meine Sexiness allein in der vorauseilenden Phantasie ab: Haut gab es selten viel zu sehen, da musste doch mehr dahinterstecken?

Herrje, ganz schön unausgegoren und viel zu persönlich, aber ich habe nicht behauptet, die Lösung zu kennen. Ich neige nicht zu der These, dass wir alle von einem zu rigiden Schönheitsbild zu stark gegängelt werden. Wobei ich auch nicht das Gegenteil glaube 😀 Darum geht es auch nicht: es ist viel mehr erschreckend zu erkennen, dass der weibliche Körper – nein, die ganze Frau! – heute, im Jahre 2015, bald mehr denn je zum Allgemeingut geworden ist, zum Kampfplatz gar. Die Vorstellung, dass in den spießigen 50ern einer jungen Frau von einem Modehersteller empfohlen wird, sie solle sich so kleiden, dass schlichteste Begehrlichkeiten geweckt werden – unmöglich. Und das, obwohl es ein Jahrzehnt war, in dem Frauen wieder einmal darauf erzogen werden sollten, sich auf Heim und Familie zu beschränken und sich entsprechend geben mussten, um einem Spießer den Heiratsantrag zu entlocken. Sind wir denn gar nicht weiter gekommen? Ist das die wunderbare Pornokultur, die vordergründig so tut, als wäre sie Vorbild für eine starke und selbstbestimmte Frau? Wird uns nun wieder mit “Du spießige Spaßbremse”, “Zickige Feministin” und “Prüde Jungfer” gedroht, wenn wir nicht so aussehen wollen, als wären wir ständig bereit und willens? Sind wir wieder einmal an dem Punkt, an dem Frau es nur falsch machen kann? Verweigere ich die Sexiness als Leitmotiv (zumindest für den Inhalt meines Kleiderschrankes), bin ich dann die frustrierte Hausfrau? Mach ich mit, bin ich dann die Schlampe, die selbst schuld an Übergriffen ist?

Es ist natürlich illusorisch, auf Werbeüberschriften zu hoffen, die von jungen Mädchen fordern, sie solle klug, fröhlich, frech, eigensinnig oder stark sein. Wenn es denn sein muss, dann könnte die Botschaft lauten “Fühl dich schön in diesen Kleidern”, “Gib dich lässig in diesen Jeans” oder was auch immer, ätzend genug wäre das auch noch. Aber sexy? SEXY? Wäre ich Mutter einer Tochter, ich wüßte nicht, wie ich meinem Kind beibrächte, sich schön zu finden, seine Weiblichkeit zu entdecken und von den nach wie vor männlich geprägten Ansprüchen ungebrochen zu bleiben. Nur eine Frau, die sich mag, die andere Interessen als nur Jagd nach dem Mann hat, kann dann auch mit all den Elementen von Verführung, Macht und Sex spielen. SPIELEN und nicht ihren Lebensinhalt darin sehen, sexy, sexy, sexy zu sein. Wir erinnern uns an Bruce? Sexy, sexy, sexy – da klang es noch witzig. Heute ist es abgenudelt.

Irgendetwas reizt mich, das hier mit einem anderen Satz Mr. Darnells abzuschließen:

“Die Handetasche muss lebendig sein!”

PS: Gerade eben erst kam mir der gute Gedanke, doch mal zu schauen, welche Bilder mir google präsentiert, wenn ich nur das Wort “sexy” eingebe, ohne weitere Zugabe wie Frau, Mann oder Kleid. Das hier ist, was kommt. Im besten Falle Models von Dessousshops, meist aber ist die Frau selbst die Ware: kaum verpackt und sofort verfügbar. Mein Unbehagen könnte besser nicht dokumentiert werden. Und mit diesem Wort werden mir, der Frau, Schuhe, Schnittmuster und Kuchen angeboten …

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