So im Trend

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Ende letzter Woche habe ich einen Ultraeinfachmantelschnitt konstruiert, um den von Stoffflausen gespendeten Stoff zu verwenden – den fertigen Mantel seht ihr an der Puppe; aber dazu ein andermal mehr. Und weil ich das Mantelnähen liebe und jedes Jahr wenigstens einen produziere, habe ich mich gleich an den nächsten begeben. Wenn der Gatte dienstreist, steht mir das Wohnzimmer auch abends zur Verfügung und das muss genutzt werden. Nun ist er wieder da und muss mit dem noch blockierten Eßtisch leben.

Da es zeitlich sehr aufwendig ist, einen Mantelschnitt zu zeichnen, ist es verständlich, dass ich keine Lust dazu hatte. Ich sah mein Mantelarchiv (hängt unten in der Garderobe) durch und entschied, ich könne aus Mrs. Snape etwas zurechtzaubern. Am Montag also habe ich den grauen Mantel – fluchend! – beendet, am Dienstag den Mantelschnitt kopiert, gekürzt und verschmälert, gestern dann habe ich Oberstoff und Steppfutter zugeschnitten. Als es nachmittags immer gemütlicher wurde mit dunklem Himmel und Wasserfluten, die herunterbrachen, warf ich mich ins Auto und holte Honigkuchen, Kekse, Chips und die neue InStyle (eine Zeitung, die mir herzlich unsympathisch ist, aber als Inspirationsquelle doch nutzbar – wenn auch oft als Negativbeispiel). Das kleine Kind und ich haben es uns vor dem Fernseher bequem gemacht und all die gesunden Nährstoffe verschnabuliert, während ich in der Zeitschrift blätterte. Und was sah ich?

 

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Eisblaue Mäntel. Wie passend. Und was musste ich erfahren? Sie seien leider nicht alltagstauglich. Ähm, ja, das ist normalerweise auch der Zeitschrift wichtigstes Kriterium. Ein heller Mantel ist selbstverständlich wesentlich unpraktischer als ein Lederfransenrock oder Sandaletten mit 14-Zentimeter-Absatz zum Pelzmantel. Ich sehe das ein und werde das Projekt sofort beenden.

Oder auch nicht. Den Stoff habe ich seit vier Jahren im Besitz und weil es ein sehr feiner, wenn auch eher dünner Wollflanell in einer meiner Lieblingsfarben ist, war ich – man kennt das – sehr zurückhaltend mit seiner Verplanung. Dazu ist er ein Jahreszeitenzwitter: hatte ich ihn im Sommer in der Hand, erschien er mir dick, warm, wintermanteltauglich. Im Herbst erschien er mir ideal für ein Winterkleid – was mir aber wirklich zu unpraktisch für die Führung eines Haushaltes erschien. Kam der Winter, war ich der Meinung, er müsse dem Frühjahr vorbehalten sein. Doch kaum grünte und blühte es, behauptete der Stoff, er sei ein verzauberter Wintermantel. Klar war nur: er war mein Streichelstoff, der auf gar keinen Fall verdorben werden dürfe. Ob das gelingt, ist noch nicht raus. Nun wird er ein Mantel mit Steppfutter und ich bin gespannt, wie beides zusammen arbeiten wird.

Und weil ich gerade so trendaffin zu sein scheine: über der Stuhllehne hängt ein Stoff, der nun auch schon zwei Jahre bei mir lebt. In einer ähnlichen Farbe, etwas grautürkiser. Gekauft hatte ich ihn online, wo er als Wollcrêpe annonciert wurde. Ich konnte gar nicht so schnell jubeln, wie ich bestellte. Als der Paketbote mir den Karton in die Hände legte, war ich mild erstaunt ob des Gewichtes. Ich riß das Klebeband ab und den Inhalt heraus, wunderte mich noch einmal über die Schwere, sah nur Farbe und Struktur und war hingerissen. Dann breitete ich den Stoff aus und da traf mich der Schlag: hä?

Die Crêpeseite dürfte wohl als Innenseite gedacht sein, denn was fand sich auf der anderen Seite: ein seltsam gelblich verfärbter Wollflausch von beträchtlicher Dicke. Eindeutig ein Mantelstoff, von dem ich nun nur 2 m für ein Kleid besaß. Ich dachte darüber nach – im Ernst für einige Sekunden – ob es möglich wäre, den Flausch abzurasieren. Danach lag der Stoff in meinem Schrank. Nun endlich werde ich ihn verarbeiten: mit dem Flausch innen soll er eine Cabanjacke werden, die – es ist kaum zu fassen – angeblich das absolute Must have der Saison sein soll. Macht nichts, ich nähe sie dennoch. Wenn ich mich zum Konstruieren aufraffen kann; im Augenblick überholen sich meine Pläne und Ideen gegenseitig.