Sommerliche Freitagsgedanken einer Endvierzigerin

Als ich noch sehr jung war und sehr dünn – wir sprechen von 15, 16 Jahren und 48 kg bei 173 cm – liebte ich besonders den Sommerschlußverkauf. Das Modehaus Blömer vor allem hatte ich im Visier: Eine junge und moderne Abteilung im Erdgeschoß mit all den angesagten Marken von Fruit of the loom bis Vanilia, angenehmes Ambiente (schon damals ging mir das dauernde Gewummere in den Läden auf die Nerven) und auch meine Mutter wurde fündig und konnte so immer mal wieder zum gemeinsamen Einkaufen überredet werden. Denn wirklich günstig war das Geschäft natürlich nicht.

Doch im SSV sanken die Preise und Verkaufsständer in unendlicher Menge standen vor allen Schaufenstern, die voll waren mit Kleidungsstücken, die das Haus egal wie verlassen sollten. Und damals war es so, dass dort vor allem die Stücke in den unüblichen Größen hingen – also 34 und 36 und von 48 an aufwärts. Gut, für die 36 musste ich mich beeilen, es schlichen dann gerne andere sehr Schlanke um die Ständer – die 36 war damals ein klein wenig enger geschnitten als heute; 34 ging selbst mir nicht weiter als bis an den Oberschenkel.

Nun war ich heute in der Innenstadt – hat sich natürlich gerecht, die Zahnlücke pocht, puckert und pulst ohne Ende – weil mich die Sucht nach hauchzarten, lässig hängenden Trägertops trieb und der Wunsch, einige hübsche Stoffe für die weiteren Nähpläne zu finden. Stoffkauf ist zur Zeit nicht spaßig, das muss ich mal sagen – selbst Karstadt hat nun kaum anderes als Jerseys und überteuerte Patchworkstoffe zu bieten. Aber gut, ich hielt mich dann beim Schweden und bei einem der Franzosen schadlos, die mir mit Freude das Gesuchte zu reduzierten Preisen anboten. Jeden negativen Gedanken an die Schlechtigkeit der Welt verdrängend, wühlte ich mich von Bügel zu Bügel und frage mich, was sich verändert hatte und was ich wohl nicht so recht verstünde.

Denn sowohl bei HM als auch bei Promod empfinde ich die Oberteile als eher weit gearbeitet – mit tiefen Armlöchern und viel Platz unter der Achsel, nicht unbedingt viel Platz für Busen allerdings – so dass ich hier wahrhaftig mit einer 36 auskomme. Gab es aber beim Schweden überhaupt nicht. Es fing im besten Fall mit 40 oder M an, was aber eine Ausnahme war – von 14 Tops gleicher Farbe waren 12 in XXL, eines in L und eines in M, das mir eine andere Frau schnell wegschnappte. Insgesamt 11 Teile hätten mir gefallen können, zwei davon fand ich M – ich habe beide gekauft und werde mich an Wochenende daran machen, die Träger zu kürzen und die Seiten zu verschmälern. Lässig ist ja schön, aber Ausschnitte, die den BH komplett freilegen, sind mir dann doch zu viel.

Bei Promod war es ganz ähnlich – vier Oberteile gefielen mir sehr, die kleinste Größe war eine 44. Ich stöberte weiter und fand genau das Top, das ich mir vorgestellt hatte – in 36. Meins! Ha. Eine junge Frau, die hinter mir stand, griff ebenfalls in den Ständer und musste feststellen: Die anderen waren in – tadaa! – 44.

Nun stand ich in der Kabine und wunderte mich. Zum Einen sind die deutschen Frauen schwerer geworden; so trägt die Durchschnittsfrau Kleidergröße 44 (interessant, wie die deutsche Durchschnittsfrau ansonsten so drauf sein soll – bislang habe ich mich ja für sehr durchschnittlich gehalten, aber jetzt fühle ich mich deutlich fremd :-D). Also genau die Größe, die ich auch in anderen Geschäften fand. Was heißt das denn nun? Wird mittlerweile vor allem diese Größe in solchen Massen hergestellt, dass zwangsläufig ein großer Überschuß bleibt? Oder traut sich diese Frau nicht in zarten Tops und engen Hosen vor die Türe? Was mir unverständlich ist und bleiben wird, denn zur selben Zeit klagen ja durchaus manche Frauen jenseits der 38 darüber, dass es für sie keine modernen und sexy Klamotten gäbe – also zur Zeit hängen sie in Hülle und Fülle in den Läden. Selbst bei Zara, die nun wirklich sehr eng schneidern und sich auf die junge, hippe, modesüchtige Narzisstin mit Selfiedrang spezialisiert haben (wobei ich da schon gerne schaue … mea culpa), hängen vor allem die größeren Größen (also maximal eine 40 …), während die Fähnchen, in denen ich schon an den Knien stecken bleibe, längst in irgendwelchen Kleiderschränken hängen. Sind die Schlanken und Dünnen doch nicht so arg in der Minderheit, wie die Statistiken es zeigen? Woher kommen diese Zahlen überhaupt – wieviele Frauen werden da alle Jubeljahre nach der Zahl ihrer Liebhaber und der auf ihrer Waage befragt? In meinem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis ist Kleidergröße 36/38 am häufigsten anzutreffen, danach 44/46 und eine 50/52. Zwei Bekannte sind supersupersuperschlank, viel zu sportlich für meinen Geschmack sind die meisten, bildschön sind sie alle. Was die Zahl der Liebhaber anbelangt, kann ich allerdings nichts verlässliches berichten … 6,7 erscheint mir allerdings – nunja, lassen wir das.

Weshalb also hängen wunderschöne, durchaus elegant-verführerische Oberteile in den Läden, die an wunderschönen „Durchschnittsfrauen“ noch verführerischer wirken könnten, wenn gleichzeitig die „Durchschnittsfrau“ beklagt, nichts elegant-verführerisches finden zu können? Es nähen ja nicht alle alles selbst, nicht wahr?

Und während ich also bei HM in der Kabine stand und Kaufkleidung probierte, fiel mir endlich auf, was in den letzten zwei Jahren geschehen war und weshalb ich beim Anblick meines vollen Stoffschrankes und meiner Nähmaschine ein schlechtes Gewissen hatte. Vor drei Jahren noch war meine Garderobe – bis auf Schuhe, Strümpfe, Schlüpfer – zu 100% handgemacht. Heute kommt der Anteil Selbstgenähtes auf etwa 30-35%. Selbst für Nicht-Mathematiker ein deutlicher Unterschied. Das liegt zum einen daran, dass ich überhaupt gar keine Lust habe, mir enge Jeans und Röhrenhosen selbst zu nähen, wobei es dazu geeignete Stoffe eh kaum zu finden gibt, und zum anderen an der Tatsache, dass mir momentan einfach vieles ganz gut passt, was mir in den Läden angeboten wird. Kleider, Mäntel und längere Oberteile mit Ärmel sind die Kleidungsstücke, die nicht optimal sitzen und die ich nach wie vor selber fertige. Aber da stellt sich die Frage, wieviele Kleider, Mäntel und Blusen ich wirklich brauche … und so ist auf einmal das Nähen wieder Hobby geworden, nur hatte mein Gewissen das noch nicht so recht mitbekommen bis  heute.

Als ich ausschließlich selbstgenäht getragen habe, und das in körpernahen Vintageschnitten, stand ich permanent unter Druck, bestimmte Bedürfnisse des Alltags befriedigen zu müssen und jede noch so geringe Zunahme oder einige Wochen mehr Sport führten dazu, dass die Kleider und Röcke nicht mehr richtig saßen. Halbjährlich passte ich an, halbjährlich nahm ich zu, bis ich es leid hatte – sowohl das ständige Ändern als auch das ständige Zunehmen. So recht gefiel ich mir nicht mehr, denn – lassen wir mal die immer noch dünnen Arme und Beine beiseite – aus dem Spiegel schaute mich mittlerweile eine recht kurvige Person an, der Körperlichkeit eine andere war als die, mit der ich aufgewachsen war. Aber diese Frau gefiel mir durchaus. Sie gefiel nur eben überhaupt nicht in Vintage.

Denn Vintage hatte für mich nichts mit Kurven und Üppigkeit zu tun – meine Liebe zu Vintage entstammt ja ebenfalls meinen Jugendtagen, als ich eben dünn war und mich damit quälte, dicker werden zu wollen. Was mich anzog, waren ja nicht nur Hollywoodfilmchen, sondern es waren die Modezeichnungen der 20er und 30er, auf denen hochgewachsene, hüftlose Frauen von makelloser Eleganz zu sehen waren, die nicht sexy, sexy, sexy sein wollten, sondern süffisant sich über die armen Frauen früherer Jahrzehnte mokierten, die in Korsetts eingeschnürt zum Klischee von Weiblichkeit wurden mit all ihren Rüschen, Schleifen und Schleppen. Es waren biegsame Frauen auf diesen Zeichnungen zu sehen, die anderes im Leben wollten, als sich über die Wünsche irgendwelcher Männer zu definieren und die selbst die schönste Kleidung trugen, als sei sie Nebensache und nicht beworbenes Produkt. Dass mir Vintagekleidung dabei durchaus auch an fülligen Frauen gefällt, spielte für mich selbst, also für die Person im Spiegel keine Rolle – mein Äußeres hatte einfach zu wenig Verbindung zu meinem Inneren. Es mag übertrieben klingen, aber ich hatte in dieser Zeit zum ersten Mal das Gefühl, Transgender nicht nur zu akzeptieren und für normal zu halten, sondern wirklich vollkommen zu verstehen – dein Inneres schaut dir im Spiegel einfach nicht entgegen.

Oh, ich mäandere, nicht wahr? Aber bätsch, wer bei dem Beitragstitel freiwillig liest, darf sich hier nicht wundern 🙂

Nun, ich gebe zu, es ist ein albernes halbes Kilo, das ich gerne noch loswäre – das ist der halbe Zentimeter, der im einen oder anderen Hosenbund kneift. Es macht mich nicht unglücklich, dass er noch da ist, es wird sich nichts von Bedeutung ändern, wenn er weg ist. Aber dass die „fremden“ Kilos weg sind und ich  – zur Zeit – ein wenig mehr  Spaß an Fitness habe, hat etwas verändert. Ich erkenne mich wieder, fühle mich zuversichtlicher, was mich wirklich erstaunte über die letzten Wochen, in denen ich mich ja auch ans Schreiben gewagt habe, egal, ob etwas daraus wird oder wie sehr ich mich blamieren mag.

Und auch das fiel mir dann heute morgen ein, als ich an einem Café vorbeikam: In diesem Café saß ich im Frühjahr 2001 an einem sehr warmen Tag und war sehr, sehr glücklich und unglaublich zuversichtlich und geradezu irrsinnig mutig (oder leichtsinnig). Ich hatte einige Wochen zuvor mein Gewerbe abgemeldet und meine Kosmetikliege und alles Zubehör verkauft, weil ich die Selbstständigkeit satt und mich gerade aus einer Depression heraus gezogen hatte. Ganz hatte ich mit der Branche noch nicht brechen wollen und die Außendienstlerin der Firma, mit der ich arbeitete, hatte alles daran gesetzt, mich zu erhalten – wer will schon gerne Kunden mit gutem Umsatz verlieren? Und so hatte sie mich überall wärmstens empfohlen und in der Tat flatterten Angebote ohne Ende ein. Ich wollte aber in Bonn bleiben, nicht wieder in den Norden oder nach München, selbst ein Angebot ans Mittelmeer konnte mich nicht reizen – ich wollte endlich seßhaft werden. Doch nicht zu weit entfernt gab es ein Hotel, dessen neuer Direktor große Pläne hatte. Ich stellte mich vor, er war angetan und es ist NICHT arrogant, dass ich das in Vorstellungsgesprächen gewohnt war, und ich erklärte mich bereit, einige Tage Probe zu arbeiten. Die beiden Angestellten, die dort waren, waren fachlich eher unsicher – gut, das bekäme ich in den Griff. Die Abteilung war unorganisiert und die Angebote unübersichtlich – jeder Reiseveranstalter hatte sich etwas eigenes zusammen gestellt und die Preise schwankten zwischen zu niedrig und astronomisch. Das Material war von minderer Güte, die Hygiene verbesserungswürdig. In kürzester Zeit hatte es hier einiges an Personalwechsel gegeben und eine Chefin war schon lange nicht mehr da. Wir sprachen lange über all diese Probleme und ich fand es durchaus reizvoll, wieder eine Farm zu leiten. Ich stieg also probehalber ein. Zweieinhalb Tage lang. In dieser kurzen Zeit tröstete ich im Halbstundentakt weinende Mitarbeiter, stritt mich mit der Rezeption, die selbständig Behandlungstermine doppelt und dreifach belegte, erfuhr, dass die Direktion mitnichten daran dachte, rostige Zangen zu ersetzen oder das Depot aufzunehmen, das mich vermittelt hatte. Als man mir dann noch erklärte, man sei davon ausgegangen, ich wolle hier etwas erreichen und daher doch sicherlich in den ersten drei Monaten auf freie Tage verzichten – und damit war genau das gemeint: 24/7 – aber man mir dazu nicht einmal eine Wohnung auf dem Gelände zur Verfügung stellen konnte, und als ich dann auch abends von den Angestellten angerufen wurde, die mir ihr Leid klagten – da war ich durch. Ich mochte mich nicht einmal mehr auseinander setzen: Ich schickte frühmorgens ein Fax mit der Nachricht, dass das Probearbeiten zu erhellend gewesen sei und daher den Vertrag nicht unterschreiben wolle. Dann floh ich in die Stadt und gönnte mir ein Frühstück, ohne zu wissen, wie ich meine Miete weiterhin würde zahlen können.

Nachmittags schrieb ich dann an vier verschiedene Zeitarbeitsfirmen Bewerbungsmails und hatte zwei Tage später einen Job. Und diese Zuversicht, die hatte ich vollkommen vergessen. Nein, heute würde ich das nicht mehr wagen und die Zeiten sind auch nicht mehr so, dass Quereinsteiger gute Chancen hätten – aber mich wieder ein wenig was trauen, MIR wieder ein wenig mehr zutrauen, das will ich auch wieder schaffen. Dann darf mich aus dem Spiegel ruhig eine alternde, müde Frau anschauen – mit der werde ich auch noch fertig 😀

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Kommentare

  1. joanna

    danke für den Satz „dein Inneres schaut dir im Spiegel einfach nicht entgegen“ :-).
    Sehr zutreffend.

    … man kann den Zustand (manchmal) ändern … das ist das schöne am Altern (oder Reifen) dass das Spiegelbild dem Innerem ähnlicher wird. Oder es nicht mehr überdeckt….

  2. Danke. Ich hoffe ich denke an diesen Artikel wenn es gegen Ende der Elternzeit geht (theoretisch noch 4 Jahre…). Ich glaube ich drucke ihn mir aus, denn wenn einen die Zukunftssorgen erst mal kann frau solche Gedanken als Anstubser brauchen. Von selbst kommt man in dem Zustand dann nämlich nicht drauf.
    LG
    Martina

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