Stilistisch gesehen

Als ich heute Morgen aufwachte, stand sofort die Frage fordernd vor mir: “Und? Wie führst du das Thema Stil nun fort?” und grinste hämisch. Mir fielen die Stichworte Blaugrün, apart und Authenzität ein, außerdem Unsicherheit und Verkleidung. Tja,hmmm, wie nun …?

Letztendlich möchte, muß ich etwas klären – noch einmal, sicher ist sicher: es geht mir ü-ber-haupt rein gar nicht um Stilregeln oder gar Stilbefehle. Und ich will niemanden vorschreiben, wie sie auszusehen hat. Aber dennoch packt es mich manchmal beim Wandern durch unsere Bloglandschaft, beim Spaziergang durch die Stadt. Ich sehe eine Frau und denke: “Oweh, geht gar nicht!” Oder: “Hach, was man aus der alles machen könnte …” (Es ist sinnlos, mich zu fragen, wo, wann und bei wem ich das dachte 😉 ) Es ist einfach der professionelle Ehrgeiz, der mich dann gepackt hat. Ich habe so unendlich viele Frauen kennengelernt und manche von ihnen kamen direkt mit dem Wunsch nach Hilfe auf mich zu. Sie konnten ein blaues Rot nicht von einem braunen unterscheiden, wußten nicht, ob rosa und ocker besonders schön zusammen waren oder eher nicht oder ob der Rock ihnen stand. Die eine belastete es, die andere weniger, aber sie wünschten sich Regeln, um entspannter mit der Bekleidungsfrage umgehen zu können.
Andere erzählten, wie unwichtig, langweilig, nutzlos, häßlich und traurig sie sich fühlten. Da könnte man sich Hilfe für die Seele holen; aber ich habe nun einmal eine Schönheitsfarm geführt und war gefragt worden. Und durfte lernen, dass eine Frau, die gerne in den Spiegel schaut, einen Raum selbstbewußter betritt, dadurch anders wahrgenommen und behandelt wird und letztendlich zufriedener werden kann (nicht muß!). Das waren ganz klar die Fälle, an denen ich Spaß hatte, in die ich Stunden meiner Freizeit investierte und oft mit langjähriger Freundschaft belohnt wurde. Da gibt sich jemand in deine Hände und du findest die perfekte Nagel- und Brauenform, rufst deine Friseurin an und organisierst eine abendliche Boutiquenrunde, du findest die perfekten Farben, peelst, cremst, badest und massierst, bringst sie dazu, sich rundum wohl und glücklich zu fühlen und zeigst ihr das Endergebnis – ein Anfang war gemacht, dem natürlich eines fehlte: das ganz Eigene, was dir niemand, niemand geben kann. Beim Besuch im nächsten Jahr war es dann meist da. Und da schließe ich am letzten Beitrag endlich an:
Guter Stil lässt sich lernen, den Eigenen muss man finden.

Ich hatte euch Links zu ganz unterschiedlichen Bloggerinnen gegeben und wenn ihr sagen müsstet, was sie verbindet, wäret ihr dann mit mir einig, dass das Authenzität ist? Nicht die authentische Kleidung der Vierziger oder die echte Marke – sie tragen ihre Persönlichkeit, ihre Essenz verwandelt in Hosen, Röcke, Kleider. Von Kopf bis Fuß sind sie stimmig und ein Ausrutscher, der jeder immer mal wieder dazwischen kommt, wird nicht nur von ihr, sondern auch von uns gleich erkannt: nicht, weil ihr etwas nicht steht, weil irgendeine Regel übertreten wurde – sondern weil sie es nicht ist. Was so leicht klingt, ist schon schwer zu erklären: wie, das ist sie nicht? Müsste man den Finger darauf legen, was an einer falschen Hose, einem ungeliebten Kleid nicht stimmt – es ist manchmal nicht zu sagen. Es fühlt sich nur einfach falsch an.
Eigener Stil braucht Zeit und vor allem eines: Persönlichkeit bzw. das Wissen um die eigene Persönlichkeit. Mit Anfang 20 sind die meisten von uns noch nicht so weit, einen eigenen Stil zu haben. Oft ist man im besten Falle gut angezogen, manchmal einfach nur schräg (was mit “Eigenem Stil” verwechselt werden kann), weil man noch gar nicht weiß, wohin es mit einem so gehen soll. Weil man testet, probiert und spielt. Auch wenn das Leben sich ändert – Kinder kommen, die Wechseljahre, eine Krankheit – kann das so sein. Man verliert sich selbst schon einmal aus den Augen, hadert mit dem Altern oder aber findet sich sein ganzes Leben nicht so recht, bleibt in einer Testphase stecken, verrennt sich immer weiter und hofft nun auf ständige Bestätigung von außen: kann ich das Hängerkleidchen mit den süßen Prilblümchen noch tragen? Bin ich noch zu jung für den Smoking? Gehen Karnevalskleider an Weihnachten als originell und eigen durch? Schwierig, schwierig – oder?

Der Eigene Stil ist nicht festgemeißelt, er entwickelt sich aus den unterschiedlichsten Faktoren heraus, er geht mit eurem Leben mit. Phasen, in denen man vor dem Kleiderschrank und feststellt: “Wie zum Teufel kommt dieser Mist da hinein? Das bin ich doch gar nicht!” gehören dazu. Wie damit umgehen? Ein erster Weg wird wohl Meikes Kopfkleiderschrank sein. Ganz enthusiastisch wird dann geträumt, was man als Kind schon mochte, was man immer haben wollte und oft habe ich erlebt, dass dabei die kleine Blonde sich als die große Rothaarige sieht, die Dicke als die Dünne, die Dünne als die Sportliche, die Sportliche als Märchenprinzessin, die Prinzessin als Vamp, der Vamp als Kanzlerin, die Kanzlerin als … ähm, ja hier versagt auch meine Phantasie 😉
Was ich sagen will: in diesen Vorstellungen geht es oft um sich als eine völlig andere Person und nicht um das, was ich gerne AN mir als die Blonde, Dicke, Dünne, Sportliche, die ich nun einmal BIN, sehen würde. Meist wird dann in diesem Enthusiasmus ein Versuch gestartet, eben jenes Traumteil zu nähen, zu kaufen und zu tragen. Es fällt nicht schwer, sich die heftige Bruchlandung auf dem Beton der Wirklichkeit vorzustellen, wenn das Ergebnis betrachtet wird – und dann kommen die Wenn’s und Aber’s: “Hach ja, ich bin ja auch ständig auf dem Spielplatz, da muss ich doch Jeans tragen, es geht halt alles nicht, es ist zu traurig.” “Ich gehe ja gar nie auf den Opernball, da braucht es auch kein Kleid.” “Ich bin eben viel zu dünn, zu alt, dick, jung, rothaarig, unpraktisch, verantwortungsbewußt, langweilig, beschäftigt, blablabla… um so etwas zu tragen.”

Der Traum ist geplatzt, das Experiment gescheitert und als Fazit bleibt: Siehste, mir steht halt gar nichts, bleibe ich eben unsichtbar. Trage ich halt, was alle tragen. Dann bleibe ich unter meinen Möglichkeiten. Sind wir jetzt nicht alle ganz traurig, wenn wir uns das vorstellen? Denken wir nicht, wenn wir durch eine Innenstadt gehen, wie trist es doch aussieht? Fällt uns nicht jede noch so schlicht, aber gut gekleidetete Frau auf? Leuchtet nicht manchmal sogar eine heraus? Wem das so geht, der gehe bitte sofort wieder zurück in der Kopfkleiderschrank – und mistet aus! Denn neben diesen Kleiderschrank stellt ihr bitte einen großen Spiegel in einem hellen UND freundlichen Licht, lächelt hinein und seht die Person, die ihr SEID und nicht die, die ihr mit 8 Jahren einmal sein wolltet. Ich wollte entweder eine schwarzhaarige Zigeunerin mit dunkler Haut, eine ägyptische Pharaoin mit schwarzen Haaren und dunkler Haut oder eine Indianerin mit (huch, ich war wirklich originell!) schwarzen Haaren und dunkler Haut sein. Meine Barbies waren vor allem schwarz- und rothaarig, ich war mit meiner besten Freundin ein (schwarzhaariger??) Engel für Charlie, ich war megasportlich, wahnsinnig schön, tierisch gefährlich und unendlich clever. Hachja, manches davon bin ich ja heute noch … 😀
In der Zeit von 16 bis 21 hätte Gefahr bestehen können, in einen falschen Weg zu laufen und mich dort für immer zu verirren: ich habe mir die Haare, wenn auch nie Schwarz (so doof war ich nie, puh!), so doch dunkelbraun gefärbt und lag auch oft im Freibad (wo meine Haare dann irgendwie blonder wurden – es wollte einfach nie dunkelhäutig UND schwarzhaarig werden). Wir kennen den Typ Frau, der sonnenbankgegerbt mit stumpfgefärbtem Schwarzhaar schwer verwittert Discoklamotten um 9:00 morgens trägt – ehrlich: könnt ihr euch mich so vorstellen? Und wenn ihr mittlerweile eine erwachsene Frau von 35 Jahren seid, zwei Kinder habt, einen eigenen Betrieb, ein zu pflegendes Elternteil oder sonstwie Verantwortung für mehr als nur euch selbst tragt – wird es dann nicht Zeit, sich vom Wunschbild der süßen, schlauen und toughen Achtjährigen in euch zu verabschieden? Also: stellt euch vor den Spiegel und schaut hinein. Listet gedanklich einmal auf, wer ihr seid und wo ihr steht. Listet auf, was diese Frau braucht: im täglichen Leben, im Haus, in der Stadt, zum Wohlfühlen. Listet auf, wohin eure Blicke wandern, wovon ihr inspiriert seid. Unterzieht diese Inspiration einem Wirklichkeitstest. Und zwar einem doppelten:

Ich möchte nicht mehr hören, dass Mutti nur Jeans und Turnschuhe tragen kann, weil die Alternative “Kostüm und Stöckelschuhe” auf dem Spielplatz unpraktisch und lächerlich wäre. Und das – genau so! – habe ich in den letzten Jahren tausende von Malen gelesen, in Blogs, Kommentaren und Foren. Darf ich mal auflisten, was in diesem Satz alles falsch ist? Tue ich einfach:

Nicht jede Mutter, nicht jedes Kind will, muss, mag auf den Spielplatz, ja, es gibt nicht einmal überall einen, der nicht verrostet, verschissen (Hunde) oder abmontiert ist.
Jeans und Turnschuhe sind nicht die einzige Bekleidung auf der Welt, mit der man auf einen Spielplatz gehen kann und Kostüm und Stöckel nicht die einzige Alternative.
Sich lächerlich zu machen scheint eine ganz große Angst zu sein – wenn ihr euch von den Erwartungen anderer (fremder?) Menschen um euch herum nicht wenigstens in Bekleidungsfragen frei machen könnt, werdet ihr euren ganz eigenen Stil niemals finden. Fetter Punkt, tut mir leid.
Außerdem spricht da wieder das Vorurteil heraus, dass manche Frauen anderen Frauen gegenüber haben: kommt die mit ihren hohen Absätzen hierher, dann muss das eine doofe Kuh sein – klar. Weibliche Solidarität sieht anders aus, oder?

Habe ich etwas vergessen? Also: sagt nicht gleich, das oder jenes passt nicht in meinen Alltag, sondern denkt den Traum zu Ende. Macht euch frei davon, was andere denken mögen – in den allermeisten Fällen wird es nicht wahrgenommen oder positiv betrachtet. Und seid ehrlich, wenn ihr euren Charakter, eure Außenwirkung und euren Alltag betrachtet. Darf ich das für diejenigen, die noch suchen, als kleine Hausaufgabe mitgeben? (Bah, schon wieder Hausaufgaben!)
Und ich weiß schon, jetzt sind manche gar nicht glücklich, denn was schreibe ich hier nur wieder für ein seltsames Zeug? Was hat das denn mit Stil zu tun? Was mache ich denn nun mit meinen kurzen Stummelbeinchen, meinen Bingoflügeln, meinen Hängepo, dem Riesenbauch (alles Worte, mit denen sich Kundinnen vor mir beschrieben haben …)? Die sind erst einmal gar nicht so wichtig. Wir sind hier ja nicht bei einem Fünfzigerjahreseminar für die Braut, die lernen muss, ihrem Gatten ein Traumfigürchen vorzuspieln. Wenn es um den eigenen Stil geht, dann sind figürliche Besonderheiten zweitrangig. Optisch gut tragen kann man vieles Verschiedene, zur Persönlichkeit passt sehr viel weniger.

So jetz los, meckert und beschwert euch 😉

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