Tanya Whelan – Kleider nähen

All diejenigen, die schon einmal mit mir genäht haben oder auch nur länger auf meinem Sofa saßen und das Thema anschnitten, wissen, dass ich immer, immer, immer versuche, ihnen das Kaufen einander sich ähnelnder Schnittmuster auszureden und sie stattdessen für das Selbstkonstruieren oder zumindest für das Abwandeln zu begeistern. (Und das war jetzt mal ein Satz, der schon bald halb so lang war wie einer von Thomas Mann.) Meist nickt die so Angesprochene mit dem Kopf, pflichtet mir bei, windet sich aber dann heraus, in dem sie von mangelnder Zeit, zu wenig Ahnung oder unnötiger Arbeit spricht. Andere hingegen, deren eigenes inneres Stimmchen schon länger ähnliches murmelte, legen sofort los und beginnen mit einem Grundschnitt. Während dessen Erstellung sie mich verfluchen, ich kann das deutlich spüren. Aber wenn es denn vollbracht ist und sich die neue Welt der freien Gestaltung öffnet (nunja, zumindest gibt es WENIGER Begrenzungen …), dann streichelt man mir über den Scheitel, krault mich unterm Kinn und gesteht mir zu, gar nicht einmal so falsch gelegen zu haben. Achja, welch ein Moment, wenn sie flügge werden.

 

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Wie also könnte ich an einem Buch vorbeigehen, das all die begeisterten Kleidernäherinnen und Wiederholungskäuferinnen genau dort abholt, wo sie stehen und sich nicht weiter fortbewegen (können, wollen, mögen)? Es handelt sich um Kleider nähen, ein Buch, das euch vielleicht schon einmal in den englischsprachigen Blogs unter dem Namen “Sew many dresses, sew little time” über den Weg gelaufen ist. Und am besten zitiere ich Miss Whelan mit ihren eigenen Worten:

“Wenn Sie eine Nähmaschine bedienen können und Ihre eigenen Kleider entwerfen und nähen möchten, dann ist dieses Buch genau richtig für Sie. Fortgeschrittene Anfängerinnen finden hier simple Schritt-für-Schritt-Schnittmuster und Anleitungen zum Nähen attraktiver, klassischer Kleider. Kompetenten Näherinnen, die mit Schnittmustern bereits Erfahrung gesammelt haben, wird ein komplettes Set mit verlässlichen, frei kombinierbaren Schnittmustern für Oberteile und Röcke geboten, aus denen bis zu 219 verschiedene Kleider genäht werden können. Und falls Sie neugierig darauf sind, Schnittmuster zu entwerfen, zeige ich einfache Techniken zum Variieren von Schnittmustern. Sie möchten lernen, wie Sie ein Schnittmuster verändern können, damit das Nähprojekt die individuell beste Passform hat? Auch das wird in diesem Buch gezeigt.”

 

Das Inhaltsverzeichnis könnt ihr in groß lesen, wenn ihr das Bild anklickt.

Das Inhaltsverzeichnis könnt ihr in groß lesen, wenn ihr das Bild anklickt.

Wie in den meisten Schnittmusterbüchern gibt es ein Kapitel, das sich mit den Grundlagen beschäftigt, so auch hier: es werden die benötigten Materialien ebenso aufgelistet wie mögliche Kleiderstoffe; es geht um Fadenlauf, Nähstiche und Probemodelle und es hört bei selbstgefertigten Schneiderbüsten noch nicht auf. Eine erfahrene Schneiderin wird sich an diesem Kapitel nicht stören und vielleicht noch brauchbare Tipps finden, die oben zitierte fortgeschrittene Anfängerin wird dankbar sein, alles noch einmal kompakt an der Hand zu haben. Übrigens werden alle, die mit diesem Buch arbeiten werden, dankbar für Format und Bindung des Buches sein: wie eigentlich alle Bücher aus der Edition Michael Fischer, die ich in der Hand hatte, ist es hochwertig gearbeitet und – am allerwichtigsten – es bleibt geöffnet liegen. Es benötigt so wenig, um mich glücklich zu machen.

Und dann geht es auch gleich los: zunächst mit den Oberteilen, die alle so geschnitten sind, dass ihre Taillenabnäher und Seitennähte mit jedem der später gezeigten Rockschnitte überein stimmen – ein Arbeitserleichterung für alle, die gerne verschiedene Schnittmuster miteinander frankensteinen und damit oft mehr Arbeit haben als vorhergesehen. Eben weil sämtliche Nahtlinien passend gestellt werden müssen.
Wer mit diesem Buch arbeiten möchte, sollte also zunächst den Basis-Oberteilschnitt nähen und anpassen. Und hoppla, schon ist man bei der ersten Variation: einem einschultrigen Oberteil mit Raffungen und schon diese Variante stellt die Leserin unter Anleitung selbst aus dem Basisschnitt her. Ganz unbemerkt ist man beim Schnittdesign gelandet …

 

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So geht es weiter: abwechselnd werden Schnitte verwendet, die auf einem der drei doppelseitig bedruckten Bögen sind oder es werden Abwandlungen daraus erstellt. Tanya zeigt, wie man aus dem Basisschnitt einen Schnitt für Kräuselungen, einfache Blusen (ähnlich dem, den ich gestern gezeigt habe) oder Schnitte mit Passen erstellt, bevor es an Krägen, Ärmel und Röcke – ebenfalls mit Abwandlungen – geht. Jeder Schritt ist klar und deutlich erklärt, auch ein Kapitel zur Lösung der häufigsten Passformprobleme fehlt nicht. Der Ton ist durchgehend freundlich und entspannt und schon nach kurzer Lektüre dürfte jede Leserin davon überzeugt sein, das Kleidernähen meistern zu können.

 

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Tanya Whelan bloggt übrigens in ihrer Eigenschaft als Autorin und Designerin für Stoffe, Schnitte und Papierwaren unter grand revival design; dort finden sich sicherlich noch mehr Bilder der im Buch enthaltenen Schnitte. Kleider nähen: Das große Buch für mehr als 200 individuelle Kleider ist bei EMF erschienen und kostet 24,99 € – also gerade einmal 2,5 neue Schnittmuster und ist meiner Meinung nach jeden Cent wert.

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10 Kommentare

  1. danke für die ausführliche und klare Rezenssion! Ich war skeptisch, als ich zuerst von dem Buch las. Genau wie dir geht es mir manchmal mit den Damen, die in jedem neuen Schnitt das Himmelreich ersehnen.

    • 😀 und doch jedes Mal enttäuscht sein werden …
      Einmal richtig Arbeit in einen Schnitt stecken und etwas mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten macht viel glücklicher; das haben wir wohl beide im Laufe der letzten Jahre festgestellt 🙂

  2. Ach ja, ich bin ja auch eine derjenigen, die immer sagt, sie habe keine Zeit für sowas :-D. Und ich kann den glitzernden Fertigschnitten immer schlecht widerstehen, aber im Grunde genommen ist es doch alles immer wieder dasselbe und wenn ich mal so zurückblicke auf die letzten Monate, habe ich fast alles, was ich genäht habe aus meinem geliebten Hemdblusenkleiderschnitt abgeleitet. Vielleicht sollte ich ja doch mal … hm…
    Schwankende Grüße, Ingrid 🙂

  3. ich glaube dieses Buch dürfte auf meine Wunschliste … wenn ich den eine hätte. 😉
    Danke für die Empfehlung!

  4. liebe michou, das buch habe ich auch neulich sehr interessiert in der buchhandlung durchgeblättert, irgendwann fiel mir aber auf, dass die schnitte alle keine taschen enthalten, und auch im inhalts/stichwortverzeichnis gab es keinen verweis auf taschen in kleidern und röcken – oder täusche ich mich und verwechsele den titel? natürlich kann frau sich taschen in die schnitte hereinbasteln – aber basteln kann ich diese auch irgendwie in bereits vorhandene schnitte – ein buch, in dem bei den schnitten auch mal die die konstruktion verschiedener taschen in kleider und röcke berücksichtigt wird, kenne ich nicht – du vielleicht? ich habe gerade nur solche vor augen, in denen das thema allenfalls mit “taschenbeutel aufnähen” gestreift wird…liebe grüße, claudia

    • Hmm, Taschen nehmen in den meisten Büchern nur wenige Seiten ein – mir ist das nicht einmal aufgefallen, weil ich Taschen in Röcken und Kleidern nicht vermisse: bei mir tragen sie zu sehr auf und ich neige dazu, ständig die Hände hinein zu stecken 😀
      Du müsstest mal bei den englischsprachigen Antiquarischen schauen: in einigen Büchern aus den 60er und 70er Jahren habe ich da schon mal was gefunden, aber in der Regel ist es auf Nahttaschen und aufgesetzte beschränkt.

      • …das mag ich gerade an Taschen: Hände hinein und bequem stehen. 🙂
        Nach antiquarischen englischen Titeln habe ich noch gar nicht gestöbert – bisher nur bei den aktuelleren -, aber auf deinen Tipp hin zwei meiner älteren dt Flohmarktfunde noch mal genauer angeschaut (“Wir schneidern und nähen” -mitunter eher Sitten- als Nähbuch – und ein siebziger Burda-Büchlein) – und tatsächlich: hier ist das Thema Taschen immerhin etwas näher angerissen und nicht völlig ignoriert. Danke für deinen Tipp und liebe Grüße, Claudia

        • Sehr gerne. Wenn du eine spezielle Frage hast, dann maile mich mal an und ich schaue in meiner Konstruktionsbuchsammlung einmal nach 🙂

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