Und noch mehr Farben, noch mehr Du, noch mehr Fragen – oder Antworten?

Ich gebe zu: ich habe den Überblick verloren, was die noch offenen Fragen anbelangt. Wenn heute noch Antworten offen bleiben sollten: schreit! Ich möchte ja mein Bestes tun, um einen süßen kleinen Teil der weiblichen Deutschsprechmenschheit vor dem ewigen Schwarz (der Verderbnis, der Hölle – außer für die, die phänomenal darin aussehen!) zu retten. Oder – schlimmer noch – vor Fehlfarbberatungen. Das Problem bei mir ist meine Neigung zum Dahinschreiben und da liest die Eine oder Andere verständlicherweise nicht genau: Tut es euch nicht an, irgendwelchen Onlineberatungen zu sehr zu vertrauen. Ich habe mir gestern nacht die Zeit genommen, mich auf etwa 14 Seiten zu testen und keine Einzige dieser Seiten hat mir wirklich das gesagt, was auf mich zutrifft. Natürlich bin ich einige Male korrekt als Sommer identifizier worden, die Eine oder Andere hat mir auch – trotz Fehlkategorisierung als Herbst oder Frühling – viele richtige Farben gezeigt und verschiedentlich wurde das Ganze dann sofort in eine Stilberatung gewandelt: der Sommer ist wahlweise rüschig oder konservativ-spießig. Es gab gar Seiten, die sich an die Analyse meiner Persönlichkeit wagten (unergründlicher Eisberg und so Zeug – ich lach mich weg) und wieder Andere, die sich um mein Seelenheil sorgten, da mir das lebenswichtige Orange fehlen würde und ich zur Vermeidung von Krankheiten unbedingt diese Farbe im Wohnbereich einsetzen müsse. Also bitte: nehmt das nicht zu ernst. Es ist mir ein Rätsel, wie eine wirkliche Farbberaterin solche Tests in ihre Homepage einbauen kann: weshalb soll ich noch zu ihr gehen und wie kann sie mir später erklären, dass ich doch ein anderer Typ bin? Und wieso sind fast alle Make up-Empfehlungen für meinen Typ rund um Schweinchenrosa aufgebaut?

Deshalb möchte ich ein kurzes Fazit ziehen, wo wir bis jetzt stehen:

  1. Das Farbspektrum lässt sich in warme, also gelbstichige und in kühle, nämlich blaustichige Farben unterteilen. Diese beiden Gruppen wiederum lassen sich in leuchtend-klare und in gedeckte Töne trennen, so dass wir vier Grupppen erhalten: warm-leuchtend, warm-gedeckt, kühl-gedeckt und kalt-leuchtend.
  2. Gleiches gilt für unsere persönlichen Farben – also für Haut und Haar: hier entscheidet ein Melanin über kühl und warm und die Verteilung/Häufigkeit desselben zusammen mit Durchblutung, Haut- und Haardicke über die Tiefe und Leuchtkraft dieser Farben. Wiederum erhalten wir die vier o.g. Gruppen.
  3. Auch wenn manche Seiten es gerne herunter beten: es gibt keine Mischtypen. (Das ist genauso wie der idiotischste Ausdruck von allen: Mischhaut! Lasst mich kurz schreien, so ein Schwachsinn, aber wenn ich hier erst anfange, bin ich vor Ende des Jahres nicht am Ende…) Aber dazu – zu den Mischtypen gleich mehr.
  4. Nicht jeder Typ hat alle Farben! Hier kommt die Angst der Verkäufers ins Spiel: wenn ich meiner Kundin, die Braun liebt, sagen muss, dass in ihrer Palette kein Braun ist – kauft die dann was?  Da sage ich doch lieber: alle Paletten habe alle Farben, es kommt nur auf die Nuance an … Blödsinn. Alle Typen haben viele Farben und es kommt auf die Nuance an, aber der Sommer wird nie irgendeine Form von Orange haben, der Winter nie irgendein Braun, der Herbst keinen Blauton und der Frühling keine Form von Rosa. Basta! Das ähnlichste zu diesen Farbbeispielen ist das ganz zarte Zitronengelb für den Sommer, Neonorange oder Schwarz für den Winter, deutlich grünes Petrol für den Herbst und Lachs/Apricot für den Frühling. Und jede, die gelernt hat, mit ihren Farben umzugehen, wird den Mangel nicht oft vermissen.
  5. Haare färben, starkes Make up, Sonnenbank können zwar bei knapp danebenliegenden Farben ausgleichen, aber verändern den eigenen Farbtyp nicht – eine falsche Haarfarbe wird nur dafür sorgen, dass man älter, müder, trauriger aussieht. Und dass die Idealfarben sich mit den Haaren beißen … Kommt dir der Friseur mit: “Wie wäre es mit einem frischen Goldton?”, wenn deine Haare eher aschig-gräulich wirken – dann nichts wie weg, es gibt keinen sicheren Weg, als sich in Zukunft Komplimente über die frische Haarfarbe einzufangen. Und die freundliche Nachfrage, ob es einem denn nicht gut ginge …

Aber die leidige Frage nach dem Mischtyp ist noch offen. Auch der Fakt, dass manche in jeder Farbe gut auszusehen scheinen. Wie denn, wo denn, was denn – kann das sein? Eigentlich nicht. Hier spielen einige andere Faktoren mit:

Bei Kindern ist es sehr oft nur schwer zu erkennen, was ihnen steht und was nicht. Ihre Haut ist fast immer prall, glatt, rosig, die Haare fast immer hell und flaumig. Alles, was sie tragen, ist schlicht nebensächlich: die Augen leuchten immer und sind stärker als alle Farben drumherum. Es ist nur manchmal so, dass sie in einigen Kleidungsstücken BESONDERS leuchten und in manchen etwas quengeliger wirken, aber ist man bei Kleinkindern nicht eh immer mit anderem beschäftigt als mit dem Erforschen der Idealfarben besagten Kindes?

Dann gibt es aber Erwachsene, bei denen die Bestimmung auch schwierig sein kann und hier gibt es zwei Varianten: die Einen scheinen in allem zu strahlen, die Anderen sehen immer ausgewaschen aus.  Und auch das kann an zweierlei liegen: die Person ist insgesamt eher farblos. Oder sehr strahlend. Und das gilt für die Farben wie die Persönlichkeit … 🙂 Diese beiden Varianten haben wieder die beiden Möglichkeiten: es steht ihnen scheinbar alles. Oder nichts. Also:

Person A ist sehr still, sehr blass, sehr unauffällig. Mit der richtigen Farbe könnte aus der Stille Zurückhaltung, aus der Blässe Zartheit und der Unauffälligkeit Eleganz werden – und diese Verwandlung ist intensiver als es sich anhört! Es könnte aber – wenn sie zu unserer Problemgruppe gehört – sein, dass sie

  • sich wie ein Chamälion jeder Farbe anpasst und darin aufgeht, lebendiger wirkt
  • oder jede Farbe sie zu erschlagen scheint – was oft an der Unsicherheit der Person selber liegt, ohne nun hier zu pseudopsychologisch herumspielen zu wollen.

Das ist aber beides sehr, sehr selten. Erlebt habe ich das wohl dreimal. Etwas öfter habe ich gesehen, dass jemand insgesamt sehr “laut” war, also sehr starke eigene Farben hatte und dazu einen extrovertierten Charakter. Person B: Ein tiefroter, großer Mund, sehr große türkisblaue Augen, ganz helle Haut, schwarze Haare mit grauen Strähnen, viel Figur, ausladende Gesten, immer ein Lachen dabei – diese Frau hat jeder Farbe noch etwas abgegeben. Auch da ist es schwer, sie einzuordnen: den Farben nach ganz klar ein Winter (ja, manchmal lässt sich das sagen), aber spätestens wenn sie in Wasserleichengrün, Silbergrau und Ocker noch toll aussieht, kommt man ins Grübeln 😉 Es gibt einfach Menschen, deren eigene Farbgebung und deren Wirkung auf ihre Umwelt sie in keiner Farbe wirklich elend aussehen lassen – hier muss man ganz genau nach dem Extraschuß an Leuchtkraft schauen, um die idealen Farben benennen zu können. Aber auch das ist sehr selten.

Das sollte die Frage nach: Steht mir nicht doch alles? in etwa abgehandelt haben, oder? 🙂

Da war noch die Frage “Was tue ich, wenn meine Persönlichkeit und meine Palette so gar nicht übereinstimmen wollen?” Finde ich ganz spannend und ich behaupte mal, dass das vor allem eine Frage ist, die sich auf Wintertypen bezieht. Sommer und Frühling verfügen beide über die weitesten Möglichkeiten in Bezug auf Dezenz und Auffälligkeit und sollten immer etwas finden können, das ihrer momentanen Gefühlslage entspricht. Der Herbst könnte sich über die sehr gedeckte Palette Gedanken machen, aber wird hier mehr Drama gewünscht, so lässt sich das mit den Beerentönen und auffälligem Schmuck in Gold und Bronze leicht erreichen. Aber der Winter mit all seinen leuchtenden Divafarben, mit seinem Platinschmuck? Das kann schon mal schwierig sein im Beginn, denn wir haben uns daran gewöhnt, Smaragdgrün, Knallpink, Stahlblau, Diamanten und schwarze Katzenaugen mit dem ganz großen Auftritt zu verbinden. Wer bei dieser Aufzähling nicht MM in pink singend, Elizabeth Taylor mit Riesencolliers und überhaupt die Oscarverleihung vor Augen hat, der hat in den letzten drei Jahrzehnten nie beim Friseur in Zeitschriften geblättert oder den Fernseher angestellt. Wie gehe ich damit im Alltag um, wie damit, dass ich auffalle? Hmm, ich neige dazu, zu sagen: Da musst du durch. 🙂

Du kannst es dir leicht machen und das heute so unauffällige Schwarz tragen. Oder weiß. Oder beides. Und daran schuld sein, dass nach deinem Anblick im schlichten schwarzen Rolli zu Caprihosen oder im weißen Shiftkleid mit schwarzer Applikation sämtliche Frauen, die einen Blick auf dich warfen, loseilen, um sich selbiges zu besorgen, weil Farbe hin oder her, Schwarz eben doch das Schönste überhaupt ist. Was ärgerlich ist, denn nur DU siehst darin wirklich umwerfend aus. Du bist die Einzige, die nicht blass, krank, langweilig oder verhuscht wirkt, wenn sie es trägt. Die Einzige, die im schwarzen engen Rock zur weißen Bluse NICHT um die Getränkekarte gebeten wird. Und ich habe das wirklich oft erlebt, dass Frauen, frisch als Winter diagnostiziert, sich nur dank Schwarz und Weiß mit ihrem harten Schicksal versöhnen liessen, denn auf den ersten Blick ist die Winterpalette nicht nur (scheinbar!) weniger alltargsgeeignet, nein, die Palette ist auch viel begrenzter als es beispielsweise der Sommer ist mit seinen Endlosvarianten an Grau und Blau oder als der Herbst mit all seinen Nuancen. “Aber immerhin: wenigstens Schwarz und Weiß darf ich tragen …!” so schluchzte das arme Opferlämmchen wohl gerne einmal. Wie schön, dass damals auf dieser Farm die allermeisten meiner Kundinnen Jahr für Jahr wieder vor mir standen und ich erleben durfte, was sich da so tat … glaubt mir: ich habe einige Jahre mit meinem Beruf gehadert, der als so oberflächlich und nutzlos galt/gilt. Aber keine femistische Errungenschaft, so weh es tut, wird Frauen dazu bringen, so ganz und gar bei sich selbst zu hin wie das Bewußtsein erreicht zu haben: “So bin ich, so bin ich gut und ich habe das Möglichste aus MIR gemacht – wo immer ich hinkomme, kann ich andere gelten lassen, weil ich mich mag.” Hört sich mächtig an? Mächtig übertrieben? Mädels, ehrlich, ich könnte Geschichten erzählen, da heult ihr vor Rührung.

Wenn also ein Jahr später die eher schüchterne Dame, die auf gar keinen Fall ohne Beige und Braun auskommen will, am Begrüßungsabend in einem rasanten stahlblauem Rock mit weißer Bluse vor dir steht und den Willkommenscocktail ablehnt, weil sie schon von diversen Herren mit Schampus abgefüllt werden sollte, wenn sie die Blicke, die da kommen, lässig mit einem Lächeln quittiert, wenn die “dicken” Beine, die sie im letzten Jahr so hasste, nun liebevoll mit schönen Strümpfen versorgt werden – ist das nicht klasse? Manchmal braucht es vielleicht nur einen kleinen Schubs und nur ganz wenig Mut, um sich zu trauen, anders zu sein – letztendlich sind wir doch alle stolz darauf, nicht nur Masse zu sein, oder?

Von hier aus komme ich ganz leicht zu dem letzten Punkt: Manchmal ist uns aber danach, zu verschwinden. Manchmal fühlt man sich elend, krank, traurig, einsam, wütend – was auch immer und will das auch zeigen (na, oder eben auch nicht, sondern einfach nur untertauchen). Will man sich dann überhaupt sorgfältig zurechtmachen, toll aussehen? Nein. Das sind dann die Tage, an denen das braune Shirt, die alten Jeans, die maustotgraue Mütze heraus gezogen werden. Und soll ich euch was sagen? Wenn das eine (fast) bewußte Entscheidung ist und nicht zu einer Routine wird, aus der man Jahre später erstaunt und traurig erwacht, dann ist das nicht nur ok, sondern meiner Meinung nach gesund. Jawohl! Wenn es mir beispielsweise krank und elend zumute ist, ich aber unbedingt eine Arbeit im Büro beenden will – warum eigentlich soll ich dann so tun, als wäre alles ok und mich in eine strahlende Schönheit verwandeln, die dynamisch und kompetent wie immer ihren Job erledigt? Dankt mir das einer, wird das als Leistung wahrgenommen? Komme ich stattdessen mal mutig ungeschminkt in dem beigen, weichen Pulli, der mich auch noch krank aussehen lässt, mich aber warmhält, dann werde ich zehnmal gefragt, ob ich denn nicht besser im Bett bliebe. Aber ich bin tapfer, erledige die wichtige Arbeit, verabschiede mich danach mit vielen herzlichen Besserungswünschen und bleibe am Tag danach zu Hause. Und komme gesund und strahlend in meinem Farben wieder und heimse Komplimente ein 😉 Macht doch Sinn, oder?

Oder ich bin in Liebeskummer versunken und will niemanden sehen? Dann will ich nicht in den Spiegel schauen und mich toll finden – ich will ein paar Tage darin baden, will mich elend fühlen und gefälligst auch so aussehen. Solange, bis ich mich nicht mehr sehen KANN und den Idioten, der mich dazu gebracht habe, in die Hölle geschickt habe und wie Phönix aus der Asche steige. So stellen wir uns das vor! 😉

Aber wie immer fällt mir noch was ein: sich selbst zu analysieren, vorm Badezimmerspiegel mit diversen Stoff- und Kleidungsfetzen, ist nahezu unmöglich. Es ist wie mit Parfum kaufen: die Nase kann maximal drei Düfte unterscheiden, danach riecht alles gleich. Bin ich ungeübt, dann sehe ich nach kurzer Zeit auch keinen Unterschied mehr, dazu braucht es doch etwas Anleitung. Es ist natürlich gemein, so ausführlich über das Thema zu schreiben und dann nicht zu sagen: “Simsalabim, und du bist ohne jeden Zweifel … dies, das und jenes.” Dafür kann ich mich nur entschuldigen, wenn ihr nun mit wässrigem Mund dasitzt. Und abschließend (so nicht noch Fragen kommen) möchte ich mich auch bedanken:

Für all die lieben Danksagungen und Beiträge von eurer Seite, ich habe ehrlich nicht geahnt, dass das Thema so interessant ist, weil es für mich so selbstverständlich ist. Ich war ernsthaft gerührt, dass so viele den Wert meiner Zeit mit einem ausdrücklichen Danke geehrt haben. Es war mir aufrichtig eine Freude. Wofür bloggen wir denn, wenn nicht, um auch ein klein wenig zurück zu geben?

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