Unsere Welt

FAR Ich bin 1968 in Bonn geboren; hier wuchs ich auf, hier ging ich zur Schule. Mein Gymnasium lag im Bannkreis der Hardthöhe und spätestens nun war Politik Teil meines Lebens – in Bonn kam man daran kaum vorbei.
Meine Großmutter führte einen Schreibwarenladen in der Innenstadt, den meine Mutter nach deren Tod noch einige Jahre weiterführte. Das hat insofern eine Bedeutung für mich, als dass ich mit sechs Jahren nicht nur zum Schulkind, sondern auch zum Schlüsselkind wurde, das sich seine Nachmittage mit Freundinnenbesuchen, Barbiespielen, Hausaufgaben oder Lesen vertrieb. Gelesen habe ich alles, was mir in die Finger kam, so auch die Zeitungen, die jeden Abend in unsere Wohnung gelangten: da waren die Bonner Tageszeitungen Generalanzeiger und Rundschau, natürlich Bild und Express und die Magazine Stern, Quick, Bunte und Spiegel. Viel verstanden habe ich vermutlich nicht, aber ich erinnere mich deutlich an mein diffuses Gefühl von Angst, wann immer ich RAF oder Baader-Meinhof las – wer genau diese Menschen waren und was sie wollten, blieb mir schleierhaft; sicherlich habe ich vor allem die Bildzeitung durchgeblättert dank der kurzen Sätze und der kurzen Logik darin.
Es gab Nachmittage, die ich verrammelt in meinem Zimmer verbrachte, weil ich ein Geräusch gehört hatte und glaubte, Andreas Baader käme jeden Augenblick durch unsere Wohnungstür gestürmt – ja, ich habe manchmal geübt, was ich wohl kluges und verständnisvolles würde sagen können, um nicht als Feind wahrgenommen zu werden. Sicherlich: das waren im Laufe eines Jahres kaum eine Handvoll an Tagen, aber das Gefühl von Bedrohung während der 1970er-Jahre ist mir noch ebenso gegenwärtig wie die scheinbar ewigwährenden Sommer, die angefüllt waren mit Gummitwist, Federball und rückenfreien Tops.

Weshalb ich das jetzt erzähle, jetzt daran denke? Eine Polizistin soll auf die Frage, ob sie (die Polizei allgemein) auf dem rechten Auge blind sei, geantwortet haben, dass das besser sei, als auf dem linken Auge nichts zu sehen. Ich weiß nicht mehr, wo ich es las, ob diese Aussage stimmt und in welchem der Orte, in denen Notunterkünfte brennen, sie Dienst tat – das Lesen dieser Antwort triggerte ganz vieles in mir an. Beispielsweise versuchte ich, die klassische Salonkommustin, diese Aussage zu verstehen. Damals, während des RAF-Terrors, handelte es sich um linke Gewalt. Vielleicht erklärt das manches. Zumindest dann, wenn man sich nicht gerne zu intensiv Gedanken machen mag und nicht in der Lage ist zu differenzieren. Was auch vieles andere erklären könnte: beispielsweise die Vorstellung, jede Frau mit Kopftuch müsse eine fanatische Islamistin sein, die eine Kalaschnikoff im Strumpfband trägt. Dann erscheint es sicherlich auch logisch, dass Menschen, die mit nicht viel mehr als ihrem Leben und – im besten Falle – einem Teil ihrer Familie und einem Handy sich hierher geflüchtet haben, das taten, um hier ein Vermögen und Luxusgüter angedient zu bekommen.

Als ich 13 war, haben wir im Religionsunterricht über das Dritte Reich, über die Weiße Rose und über Anne Frank gesprochen; unser Lehrer war ein deutsch-polnischer Pater, der als junger Mann vieles in Warschau miterlebt hat. Er sprach mit Humor und Verzweiflung und Trauer und Vergebung über diese Dinge. Ich stürzte mich daraufhin auf alles, was ich dazu finden konnte – schwierig war das nicht, denn ich gehöre zu der Generation, die während der Schulzeit in eigentlich jedem Fach und in jedem Jahr auch mit den grausamsten Fakten und Bildern konfrontiert wurde. Mir reichte das nicht aus; ich versank fast in all den Büchern, die ich nachts las. Ich weinte nächtelang, war wütend, sprachlos und rachsüchtig. Wieder malte ich mir aus, was ich hätte tun können, um diese Zeit anständig zu überleben, bewunderte Sophie Scholl und andere wie sie und war mir gleichzeitig sicher, niemals so mutig und uneigennützig wie sie sein zu können. Was mich am stärksten belastete, war mein Unverständnis: konnte es wirklich Menschen geben, die so unmenschlich sind? Die ungerührt Männer, Frauen und Kinder töteten? Die ihre Mitmenschen als Dreck ansahen und behandelten und sich dabei im Recht fühlen konnten? Deren Fantasie und Vorstellungsvermögen so mickrig waren, dass sie nicht mitlitten, weil sie sich das Leid nicht vorstellen konnten? Gab es wirklich Menschen, die kein natürliches Gefühl für das Richtige und Gute und Wahre hatten?
Dass es noch immer Menschen gab, die all die Begebenheiten dieser Zeit leugneten, die billige Ausreden parat hatten für Antisemitismus, Menschenhass und rohe Gewalt – das sah ich natürlich. Aber in meiner direkten Umgebung gab es solche Menschen nicht und so konnte ich mir einreden, es seien nur wenige, die so dächten. Gleichzeitig war ich immer schon ein Snob, der insgeheim glaubte, ein zu großer Teil der Menschheit sei entweder zu dumm oder zu egoistisch, um diese Welt zu einem wirklich guten Ort zu machen. Mit jedem Jahr, das ich lebe, stelle ich fest: mein jugendlich-arroganter Snobismus war vor allem naiv, aber nicht unbegründet.

Schauen wir uns jetzt um, so herrscht an viel zu vielen Stellen dieser Erde Krieg, von dem viel zu viele von uns meine, er beträfe sie nicht. Wie eigenartig, mit Selbstverständlichkeit Kiwis aus Neuseeland essen zu können und dabei zu meinen, Syrien sei weit weg. Oder der Balkan, der immer noch glimmt. Oder die Ukraine. Oder oder oder. Und dann auf einmal kamen die Dummen, die Egoisten, die Herzlosen aus ihren Höhlen gekrochen, von ihren Bäumen geklettert und kommentierten: unter Zeitungsartikeln, auf Facebook, auf twitter, in Blogs – wo immer man sie ließ. Und immer lief es auf das Selbe hinaus:

„Ich bin ja kein …, ich bin ja nicht …, ABER … und das wird man ja wohl mal sagen dürfen“

Anfangs anonym, trauten sie sich auf einmal mit Klarnamen zu schreiben. Sicher, schaut man sich die Rechtschreibung und den Satzbau an, so liegt die Vermutung nahe, dass sie sich dessen gar nicht bewußt waren. Aber ich und viele andere fragten sich, was denn nur geschehen sei? Wie konnte es sein, dass manche sich das überhaupt wagten? Schlimmer noch: wie konnten manche das wirklich glauben, was sie da vor sich hinstotterten? Wie krank und abgebrüht und innerlich häßlich musste denn jemand sein, dass er Witze über das Sterben und Leiden von Tausenden machen konnte? Dass manche sogar von sich behaupteten, sie würden mit Wonne selbst zur Waffe greifen? Woher kommen diese „Menschen“?
Ganz schlimm wird es, wenn man Videos schaut. Nicht nur, weil dort Abschaum spricht. Sondern weil sie mich und euch dazu bringen, sie als solchen zu bezeichnen. Ich höre egoistisches, dummes und gemeines Gegreine, üble Drohungen und sehe häßliche Menschen, die sich als die Krönung der Schöpfung begreifen und ich muss feststellen, dass sie etwas in mir auslösen: Hass. Wut. Rachsucht. Wäre Gott real, wäre nun nicht der Zeitpunkt, Feuer vom Himmel fallen zu lassen? Wohlgezielt?
Dann erschrecke ich vor mir, denn so bin ich nicht, so will ich nicht sein. Aber was kann man tun? Lesen können die meisten wohl nicht, das macht ihre Ausdruckskunst deutlich. Gefühl für andere besitzen sich nicht. Ihr eigenes Leben ist nicht rosig. Wie also kann man diese Mitbürger (wie es schon schmerzt, das anzuerkennen!) erreichen? Geht das überhaupt?

Ja, in unserer Gesellschaft stimmt auch vieles nicht; die Schere zwischen arm und reich ist zu weit geöffnet, Frauen haben ihre Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht, die Wirtschaft ist unser höchstes Gut, wir rennen und rennen immer schneller und zählen als Mensch immer weniger. Wir haben eine Regierung, die zu den falschen Themen den Mund aufmacht und Europa scheint ein ferner Traum zu sein. Ganz vieles müsste sich ändern und keiner weiß wie. ABER all das ist KEIN Grund, Mitmenschen vor unseren Türen stehen zu lassen. Unser Staat ist genauso verantwortlich für all das Schlimme um uns herum, wie jeder andere auch, der nur an Profit und Wachstum interessiert ist. Wer Waffen liefert, darf sich nicht über Opfer wundern.

Nein, ich weiß auch nicht, was zu tun ist. Wie vielen anderen geht es auch mir: an vielen Tagen will ich gar nichts mehr hören und sehen, denn ich ertrage es nicht. Ich kann mich nicht jeden Tag fragen, was kommen wird. Kann nicht jeden Tag lesen, welche Gräuel begangen werden. Mag mir nicht vorstellen, was genau in diesem Augenblick woanders geschieht. An manchen Tagen kaufe ich Hosen, Hosen, Hosen, erzähle lustiges, setze meinen Ehrgeiz in ein perfekt geputztes Haus, ärgere mich über meine Haare oder gammele vor mich hin. Und ja, ich freue mich über Banalitäten, versuche nach meinen schlechten, letzten drei Jahren alles auszukosten und zu genießen, weil ich eben auch nur dieses eine Leben habe. Aber wie hohl und krank wäre es, wenn das alles wäre? Das einzig Gute an all dem Schrecklichen ist: es empören sich unendlich viele und begehren gegen all den Dreck auf.

Nach so vielen Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte, mit all unseren Errungenschaften, der Literatur, den Filmen, der Musik, nach all den klugen Gedanken, den schlimmen Erlebnissen sind wir noch immer nicht so weit, einfach nur den Menschen zu sehen? Noch immer lassen sich so viele von gedachten Grenzlinien trennen, definieren sich über Hautfarben oder Glaubensbekenntnisse oder anatomische Unterschiede? Und dann bin ich wieder 14, weine die Nächte durch und kann es nicht verstehen. Auch ich kann gehässig, spöttisch oder gierig sein. Ich liebe nicht alle Menschen und wünsche nicht jedem nur gutes. Aber käme nun endlich einmal die gute Fee mit ihren drei Wünschen, dann reichte mir einer: Frieden und Freiheit überall und für jeden. Verdammter Mist nur, dass das wohl nie passieren wird.

Es ist spät, ich weiß gar nicht mehr so genau, was ich hier schrieb. Ein Gedanke ist noch übrig: es ist mir im Grunde längst egal, wer wo politisch steht – sei für die Maut oder dagegen, liebe den Euro oder hasse ihn. Aber bleib doch einfach ein Mensch, der seine guten Instinkte pflegt, nicht die niederen.

Nachtrag: Gerade eben sehe ich, es gibt eine Blogger-für-Flüchtlinge-Initiative, die uns alle dazu auffordert, nicht wegzuschauen und zu helfen, wo und wie wir können – beispielsweise wie es Muriel getan hat. Und wer sich unter den Bloggenden von den herrschenden Zuständen abgestoßen fühlt, sollte sich einen Ruck geben, und das auch einmal deutlich in seinem Blog sagen. Ein Satz reicht ja schon, um zu zeigen, dass wir uns die Verbrechen angeblicher Deutschlandretter nicht gefallen lassen und dass Menschlichkeit für uns wichtiger ist als Angst vor dem Anderen.

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4 Kommentare

  1. Du schreibst mir aus der Seele! Dieses Leid, Schmerzen und Hoffnung, dann kommen so dumme Menschen und verbreiten wieder Angst und Terror.

  2. Liebes, einfach -> Danke.

  3. An die RAF erinnere ich mich auch noch, weniger an ein Gefühl von Bedrohung. Ich kannte niemanden in Berlin, Frankfurt oder Heidelberg und war in keiner dieser Städte gewesen – das hätte damals auch auf einem anderen Stern stattfinden können. Heute ist das anders. In jedem Flugzeug, das vom Radar verschwindet, könnte jemand sitzen, den ich kenne, ein Reaktorunfall in Japan veranlasst mich ebenso, bei Freunden nachzufragen, wie ein Anschlag in den USA. Alles ist viel mehr zusammengerückt. Und ich verstehe die Leute auch nicht, die hier mit Dreck werfen. Dies ist eine Demokratie, hier darf jeder sagen, was er gut oder schlecht findet. Und ja, es mag vieles schwierig sein, wenn so viele Menschen kommen. Und es sind Konflikte vorgezeichnet, wenn so viele Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten auf engstem Raum untergebracht werden müssen. Aber inwiefern sollte es helfen, wenn das bisschen Infrastruktur, das aufgebaut wurde, zerstört wird? Dann sind die Menschen noch immer da, nur die Situation wird schwieriger. Macht also überhaupt keinen Sinn. Und gar nicht nicht begreifen kann ich die Gewalt, die hier eingesetzt wird. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Jeder hat das Recht, Kritik zu äußern, und niemand muss alles gut finden. Darüber lässt sich diskutieren. Aber die Zerstörung und die Gewaltbereitschaft ist absolut unentschuldbar. Da waren wir schon. Niemand von Verstand kann da wieder hinwollen.

  4. Danke für deine Worte! Ich stand als ganz junge Erwachsene heulend vor den rauchenden Überresten des von Nazis abegefackelten Hauses in Solingen. Ich kriege zur Zeit einen solchen Hass, weil klar ist, dass es früher oder später auch wieder auf Tote hinauslaufen wird. Und auch wenn ich nicht gerne Wut in mir trage, im Moment ist es einfach das passende Gefühl… LG mila

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