Vom Glück, eine dünne Frau zu sein – oder?

Hachja, seit Tagen denke ich darüber nach, endlich Marie Antoinette vor Gericht zu stellen, bin aber ständig über Gebühr müde und erschöpft – ein Hashimoto-Schub ist wohl wieder einmal in Gange mit dem üblichen kratzigen Druck um die Schilddrüse herum und der fast schon schmerzhaften Müdigkeit.

Nur ganz kurz gestern schreckte ich auf, weil es um Körperbilder, um Frauenkörper, um Emanzipation/Feminismus und um Schönheit ging; die Meisten werden es irgendwie mitbekommen haben und wer nicht, hat eigentlich auch nichts verpasst. Denn das Ganze ist hier und jetzt nur Anlass für meine ganz persönlichen Gedanken und Körpererfahrungen, die ich ja immer mal wieder im Laufe der Jahre beschrieben habe. Und ich stellte fest, dass manch unschöne Erfahrung deutlich weniger verschütt gegangen ist als gedacht und sich ganz ganz schnell wieder an die Oberfläche emporarbeiten kann, wenn sie nur ordentlich getriggert wird.

Als ich 14 war, war ich dünn. Ich war schon in etwa so groß wie heute – 173 cm – und wog dabei 48 kg. Wohlgemerkt, ohne jemals magersüchtig oder sonstwie seelisch verletzt oder kontrollsüchtig zu sein. Ich hatte die langen Beine und Arme meines Vaters geerbt und den leicht runden Bauch meiner Mutter, war, obwohl ich mich immer als sehr unsportlich erlebt habe, doch oft in Bewegung: wenn ich nicht stundenlang las und dabei gemeinerweise Schokolade, Lakritz und Chips aß, dann spielte ich Federball mit der Freundin, gummitwistete, raste mit Rad durch die Straßen, spielte Fangen und Jagen, schaukelte am Trapez, kletterte über Zäune oder sprang Seil, bis ich mindestens bis 500 gezählt hatte. Und was nützten Schoki, Lakritz und Chips, wenn ich mich beim Essen vor allem ekelte, was vom toten Tier kam und mich von einem sehr vollen Teller sehr bedroht fühlte. Ging ich mit meinen Eltern essen, so lockte mein Papa mich gerne mit Geld, wenn ich meinen Teller leer äße. Ich habe es sehr selten einstecken können, denn mein Sättigungsgefühl war derart, dass mir bei vollem Magen schlicht schlecht wurde und ich – eben für kein Geld der Welt – mehr hätte herunter würgen können.

Da ich aber mittlerweile in der Pubertät war, kamen nicht nur Blicke, sondern eben auch Sprüche von allen Seiten. Andere Mädchen bekamen Kurven – manche nicht unbedingt da, wo sie von BHs eingepackt werden konnten – ich halt nicht. Was mit 10 und 12 Jahren niemanden gestört hatte, war nun immer wieder Gegenstand von unglaublich witzigen und humorvollem Bemerkungen. Ich denke, wüßte beispielsweise mein damaliger Klassenkamerad Bernard, dass mir sein durch die Klasse gerufener Kommentar noch heute wortwörtlich gegenwärtig ist, es würde ihn überraschen und verwundern. Ich stand an der Tafel, wo ich mittlerweile nur noch sehr ungern stand, wollte ich doch am liebsten unsichtbar sein, um weder auf meine blühende Akne noch meine klappernden Knochen angesprochen zu werden, und schrieb mit dem Rücken zur Klasse, als Bernard glucksend fragte, wo ich denn wohl später meinen Ehering tragen wolle? Am Oberarm?

Und nun bin ich selbst überrascht und hoffe, euch nicht zu erschrecken, aber da rollen mir doch glatt 34 Jahre danach noch die Tränchen. Ihr solltet wissen, dass Bernard ein ziemlich toller Junge mit Idealen war, der dazu noch gut aussah und charmant war. Und ich war immer mal wieder sehr verguckt in ihn, insbesondere, als er sich eines Winters auf einen Realschüler der gegenüberliegenden Straßenseite stürzte, weil dieser uns mit steingefüllten Schneebällen bewarf und mich an der Wange traf. “Wage das nie wieder, meine Klassenkameradin anzugreifen! Nie wieder!” Ja, hach …

Ich bin also sicher, dass er das mit dem Ehering nicht böse meinte; am späten Nachmittag, nachdem ich nicht mehr ständig meinen Kater anheulte, pulte ich mir das Positive heraus: immerhin ging er davon aus, dass mich irgendwann irgendwer heiraten würde. Das war doch schon was, oder? Das war doch was.

In der Zeit stand ich täglich vor dem Spiegel und auf der Waage. Ich fütterte mich täglich mit Milchmixgetränken aus Milch, Erdbeerpulver, Vanilleeis, Sahne und Schokostreuseln und bemühte mich, zu essen, was und wann immer es ging. Alle Welt kommentierte mich – mal in kleinen Nebensätzen, die unbewußt fielen, wie von Schulfreundinnen, die mich in den Arm nahmen und Dinge sagten, ich fühle mich an wie ein kleines, zerbrechliches Vögelchen, Mütter von Schulfreundinnen, die mir nachmittags ungefragt Kuchen mit Sahne hinstellten (ich kann Kuchen nicht leiden, wenn, dann bitte Marzipan-Nougat-Torten) und dann traurig den Kopf schüttelten, wenn ich nur die Hälfte ihn mich hinein bekam, oder Freundinnen meiner Mutter, die meinten, mich aufmuntern zu müssen – mit Weisheiten wie “Mädchen, die schon viel Busen haben, haben später Hängebrüste.”, “Du wirst mal Mannequin!” (so hieß das damals noch) oder “Du siehst aus wie eine Französin!”

Man kann gerade den mir zugetanen Nenntanten nicht unterstellen, sie hätten falsch gelegen: sobald ich auch nur einen halben Zeh nach Frankreich setzte, war man erstaunt, in mir keine Landsmännin zu sehen und dank meiner Schulwahl war Französisch ja auch meine erste Fremdsprache. In meinen 20ern bin ich insgesamt dreimal von Modelscouts entdeckt worden, von denen zwei sogar irgendwie seriös waren – da meine Kamerascheu und mein sichtliches Untalent hier ja sehr bekannt und sichtbar ist, könnt ihr euch vorstellen, mit welcher Panik ich geflohen bin. Heute, aus der Nachsicht, so als mittelalte Frau, bin ich trotz all meiner kritisch-feministischen Ablehnung dieser Modelbranche gegenüber doch ein klein wenig stolz, es mal hätte machen zu können und wünschte nur, ich hätte mich damals nicht ständig dünn, hässlich und unzureichend gefühlt.

Denn so fühlte ich mich für den Großteil meines Lebens. Es ist eben doch sehr traumatisch-prägend, mit 14, 15 an Supermarktkassen zu stehen, und den direkt nachstehenden Frauen (und es waren immer Frauen!) zuhören zu müssen, was sie so über mich dachten. Klar, ich hatte Magersucht oder Krebs, klar, das war wirklich unglaublich häßlich und belastend, mich so sehen zu müssen, mit einem kleinen Zack könnte man mir den Arm brechen, tja schade, dass ich wohl mit den Pickeln und dem Klappergestell niemals einen Kerl abbekäme, es spielten nur Hunde mit Knochen und Männer wollten ja was in der Hand halten. Aus den Augenwinkeln erhaschte ich die Sprecherinnen und nein, es ist kein fat shaming, wenn ich sage: es waren immer Frauen, die wenigstens doppelt so weit vom Normalgewicht entfernt waren wie ich – nur eben in der entgegengesetzten Richtung. Mir gingen auch schon einmal bösartige Repliken durch den Kopf, die ich aber aus zwei Gründen herunterschluckte: zum Einen weil ich mich schlicht nicht traute, hatte man sich doch schon Gedanken gemacht, wie leicht man meine Gliedmaßen brechen könne. Und zum Anderen weil ich niemandem so weh tun wollte, wie es mir gerade geschah. Und es wäre ja auch nicht ehrlich gewesen, denn ich fand die Dicken nicht so belastend zu betrachtend. Ich beneidete sie ja. Weniger, da mus sich ehrlich bleiben, weil auch ich dick sein wollte, sondern weil ich ganz naiv dachte, wie leicht ich dann bei einem normalen Gewicht anlangen könne. Meiner persönlichen Speiseaufnahmekapazität waren Grenzen gesetzt und schlug ich eine Zeitschrift auf, so fand ich keine Tipps zur Gewichtszunahme, sondern Diäten. Die würde ich ja nur anwenden müssen, wäre ich zu dick. Übrigens war ich zu dem Zeitpunkt schon als ausgesprochen unnachgiebig und kämpferisch in Sachen Gleichberechtigung bekannt. So schüchtern ich sonst war, hier geriet ich in Wallung und redete jedes, damals ausschließlich männlich hervorgebrachte Argument in Grund und Boden. Ich sah auch nie einen Widerspruch in meinem Wunsch nach normaler Figur und Feminismus, genauso wenig wie schöne Kleidung, Make up und Giggeleien mich dabei störten.

Ein erstes kleines Highlight in meiner vom Dünnsein überschatteten Jugend war eine neue Klassenkameradin namens Ulrike, die mich beim ersten Wandertag nach ihrem Eintreffen darüber aufklärte, dass sie ein Riesenfan Audrey Hepburns sei und dass sie gleich gedacht habe, wie ähnlich ich ihr sei. Ich wäre fast den Abgrund herunter gekippt und klärte sie darüber auf, dass ich sie (also Audrey) natürlich auch liebte – alle dünnen Mädchen taten das, war sie doch Beweis, dass man vielleicht doch auch als Frau wahrgenommen werden konnte, obwohl man dünn war – aber eine Ähnlichkeit ja keinesfalls bestehen könne. Als ich mit 21 dank Kosmetikausbildung endlich meine Akne in den Griff bekommen hatte und beruflich bedingt statt Brille Kontaktlinsen trug – und bevor man jetzt denkt, man habe ich mich aus optischen Gründen dazu gezwungen: nein, nur Brille und Staub und Öl und Creme und Dampf vertragen sich unglaublich schlecht – also als ich zwei meiner verhassten “Makel” losgeworden war und mir dann ja auch Ute auf Norderney begegnetete, die mich aus den 12.000 weiten Kleidungsschichten herausschälte, also als all das geschehen war, fiel der Audrey-Vergleich extrem oft. Es war quasi der klassische Einstiegssatz, wollte mich ein Typ anbaggern. Ich lernte, dass ganz und gar nicht alle Männer was in der Hand haben wollten oder nur Blondinen Spaß haben konnten. Vielleicht war es wirklich der Audrey-Effekt, aber der Großteil der Männer, die ich kennen lernte, war klug, gebildet und sehr darum bemüht, mich mit Witz und Höflichkeit zu beeindrucken. Der echten Audrey Hepburn hat sicherlich auch nur selten einer auf den Hintern geklatscht oder sie gleich zum Poppen aufgefordert, wie es Marilyn Monroe über sich ergehen lassen musste. Verglich ich meine Erfahrungen mit denen meiner blonderen und kurvigeren Freundinnen, dann war ich mir zum ersten Mal sicher: ja, dünn sein kann von Vorteil sein. Kann, muss nicht – all die Schwachmaten und Übergreifer, die wir alle kennen lernten, blieben auch mir nicht erspart. In meinen 20ern nahm ich auch endlich ein klein wenig zu – dank Pille und mehr Appetit. Ein klein wenig hieß: 52 kg bei nach wie vor 173 cm.

An dem niedrigen Gewicht waren aber nicht (nur) irgendwelche Gene schuld – sowohl meine Eltern als heute auch mein Bruder sind/waren nicht schlank. Mein Vater behielt sein Leben lang die dünnen Arme und Beine und erabeitete sich dazu ganz ordentlich Bauchumfang; ein Erbteil, auf das ich gerne verzichtet hätte. Nein, schuld am Gewicht waren nach wie vor meine Unfähigkeit, über den Hunger hinaus essen zu können und mein Talent, Appetit von Hunger unterscheiden zu können und das alles bei nicht unerheblicher körperlich anstrengender Arbeit. Bei knapp 50 Stunden die Woche, die ich mit Körpermassagen, Wäsche schleppen, Fußpflegen und Gesichtsbehandlungen verbrachte, unterbrochen von einer einstündigen Mittagspause, blieb einfach nicht viel hängen. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte: Frühstück gab es zwar keines – bis heute eine Mahlzeit, die ich unerträglich finde – dafür um 10:00 das erste Marzipanteilchen, zwischendurch die üblichen Lakritze und dann mittags die Reste vom Abendessen. Nachmittags das nächste Teilchen, heruntergeschlungen in den 5 minütigen Wartepausen, in denen Kundinnen ihre Füße badeten oder Pflegemasken einziehen ließen, und abends dann frisch Gekochtes oder drei- bis viermal die Woche essen gehen. 52 kilo, dabei blieb es, solange ich diesen Beruf ausübte. Längst hatte ich mir angewöhnt, wenn ich irgendwo mein Gewicht angeben musste, es auf 54 hoch zu schummeln, das klang irgendwie besser und sorgte für nur eine hochgezogene Braue des behandelnden Arztes. Und ja, auch hier gab es den Dünnenvorteil, da fast reflexartig jedes medizinische Fachpersonal zwar seufzte, aber dann meinte, das sei ja immerhin besser als zu dick zu sein und meine Werte seien ja ausgezeichnet.

Nun bekam ich zwischen 21 und 34 (dann lernte ich den Gatten kennen und war nur noch selten alleine anbaggerbar) im Grunde täglich Komplimente: von Kundinnen und Kunden, von Kollegen, von Polizisten (fragt nicht), von allen möglichen Männern und Frauen aus den unterschiedlichsten, egoistischen wie altruistischen Gründen. Ich sei ja schlank wie eine Tanne, hätte eine solche Porzellanhaut, sei ja so elegant, eine wahrhaft klassische Schönheit – und ich wand mich vor Pein und Panik. Es ist schwierig, dass so zu erzählen, aufzuzählen, weil es unglaublich arrogant und verlogen klingt, nicht wahr – aber ich sah das nicht. Ja, ich merkte, dass ich Aufmerksamkeit bekam, ich wußte, dass ich mir, wenn ich wollte, Männer aussuchen konnte, ich erlebte gerade als Farmleiterin im Hotel, dass ich einen Draht zu Frauen hatten und sie genau dieses Aussehen auch von mir erwarteten, es verlangten geradezu, und dass mir oft Türen geöffnet wurden, weil man mich schön, aber nicht bedrohlich, kühl, aber nicht unnahbar fand. Mann und Maus erzählten mir ihre Geschichten und Gedanken, denn, es nimmt heute wunder, das zu hören/glauben, ich hörte mehr zu als dass ich sprach – dienender Beruf halt. ABER nach wie vor war ich das Mädchen, das klappert und seinen Ehering am Oberarm würde festschweißen müssen, damit sie ihn nicht verliert. Ich war häßlich, picklig, dürr, klapprig, schwächlich, keine echte Frau,bestenfalls ein Spizelzeug für Hunde.

Ich war sehr zwiegespalten. Ich unterstellte anderen nicht, dass sie mich anlügten, wenn sie mir nettes sagten. Ich ging nicht davon aus, dass mich Männer aus Mitleid anmachten. Aber irgendwie glaubte ich, da sei ein Schleier um mich, der anderen nicht erlaubte, mein wirkliches Ich zu sehen. Gingen Gespräche einmal tiefer und offenbarte ich meine Verunsicherung, so wurde das gerne weggelacht oder als verlogenes Geschwätz dargestellt. Einzig, wenn ich unvermutet einer anderen Dünnen gegenüber stand …

Dünne sind selten im Vergleich zu Dicken. Auf der Schönheitsfarm hatte ich einmal im Monat eine Kundin, die zu dick war und drei Kundinnen pro Woche, die sich zu dick fanden. Dünne kamen zweimal im Jahr und immer machte es sofort Klick zwischen uns. Immer auch übrnahm ich die Dünne für mich als Behandelnde. Und immer, immer waren die Geschichten, die wir uns erzählten, die Selben. Es waren immer die selben Sprüche, die selben Blicke, die selben Unsicherheiten. An eine erinnere ich mich sehr deutlich, weil mir ihre Verunsicherung so unverständlich war. Sie war, wie viele Frauen ganz unterschiedlichen Gewichtes, die ich kennen lernte, eine unglaublich schöne Frau mit einer Ausstrahlung, die regelrecht vibrierte. Im Gegensatz zu mir wirkte sie elfenhaft, war zierlich, klein und bewegte sich sehr, sehr schwebend durch einen Raum – ich hatte mir schon früh einen sehr schnellen Gang mit großen und bestimmten Schritten angewöhnt. Und am ersten Abend, als sie leicht verspätet durch den Speisesaal schritt, war sie sich ganz offensichtlich nicht gewahr, dass alle, wirklich alle im Raum nach ihr schauten. Als wir später mit der ganzen Gruppe noch an der Bar saßen, war sie sich der mittlerweile recht begehrlichen Blicke der männlichen Gästeschar nicht bewußt. Erst als unser Barkeeper sie darauf aufmerksam machte, dass mittlerweile einige Gläser Wein und Schnaps für sie bestellt worden waren mit den allerbesten Empfehlungen, blickte sie sich überhaupt um, errötete heftig und lehnte ab. Im Laufe der Woche zeigte sich, wie unglaublich verknackst ihr Blick auf sich selbst war. Für sie zählte nur das zu dünn, das sie zur Nichtfrau abstempelte. Denn wie kommt man auch gegen die Sprüche der wohlgeformten Damen an, die da meinten, Männer wollten halt was in der Hand haben? Welchen Konter gleichen Kalibers konnte es geben?

Ich hatte es ja nie gewagt, überhaupt jemals zu kontern. Bis auf den einen Tag, an dem wirklich alles schief ging, ich rasende Kopfschmerzen und eine unglaubliche Wut auf alles und jedes in mir trug. Überstunden hatte ich auch machen müssen, unbezahlt natürlich, und die Ubahn war weg. Ich war 19 und alles war doof. Als ich endlich in den Bus nach Hause einstieg, gab es nur noch Stehplätze und ein unglaubliches Gequetsche. Ich stand an der Tür und da ging es wieder los, das Kommentieren meiner Figur. Ich brodelte. Neben mir eine ältere Dame, die mich aufmunternd anlächelte und wohl gerade sagen mochte, ich solle gar nicht hinhören, als der Satz fiel – Männer, die was in der Hand haben müssen. Es hielt mich dieses eine Mal nicht mehr, ich drehte mich mit Wucht um, wahrscheinlich blitzte der gerechte Zorn aus meinen Augen und ich zischte gut hörbar, ob die beiden Damen wohl schon einmal etwas von Emanzipation gehört haben? Ich für mein Teil sei nicht auf der Welt, damit jeder dahergelaufene Hinz und Kunz seine Pfoten an mir wärmt und ich sei dem Schicksal sehr dankbar, meine Eigenständigkeit auch in Form meiner Figur sichtbar gemacht zu haben. Einen kurzen Augenblick des Schweigens gab es, in dem ich mich rasch wieder umdrehte und ernsthaft Angst hatte, mir nun die Knochen gebrochen zu haben. So schlimm wurde es dann nicht, ich wurde mit einem “Die dürre Hippe ist nicht nur häßlich, die ist auch noch arrogant. Die kriegt eh keinen ab, die muss ja so ne Scheißemanze sein.”

Gut, beim Aussteigen haben mich die beiden neuen Bekannten noch auf die Straße gezwungen und sich höhnisch kaputt gelacht, aber immerhin blieben meine Knochen heil und die ältere Dame streichelte mir die Hand und lobte mich, das habe ich fein gemacht und die seien ja nur neidisch. Der übliche Trost, den dünne Frauen erhalten, wenn sie sich darüber beklagen, dass alle Welt gemein zu ihnen sei – die sind alle nur neidisch. Das glauben wir natürlich auch nicht und so leiden wir weiter. Und amüsieren uns manchmal in unserer Ratlosigkeit. Wenn beispielsweise die wohlmeinende Bekannte, die uns bei jedem, JEDEM Treffen schon von weitem laut fragt, ob wir etwa schon wieder abgenommen hätten, selbst wenn wir mal zwei Kilo mehr drauf haben. Die uns ständig erklärt, wir sollten mal anständig essen, sich aber sofort beklagt, wenn wir es tun – denn vor ihren Augen essen, wo sie doch so aufpassen müsse, das sei wirklich das Allerletzte.

Und irgendwann sind wir, wenn es gut läuft, groß und erwachsen, nehmen vielleicht etwas zu, vielleicht sogar freiwillig wieder ab, weil wir feststellen, dass das ehemals so erträumte Mehrgewicht so gar nicht zur eigenen Persönlichkeit passt. Vielleicht finden wir uns irgendwann schön oder zumindest annehmbar oder finden das ganze Thema einfach gar nicht mehr so wichtig. Vielleicht antworten wir auf blöde Sprüche mal ebenso garstig, vielleicht nehmen wir Platz ein auf andere Art und Weise als allein durch Körperlichkeit. Vielleicht haben wir ein Schönheitsbild, das liebt, was wir nicht sind, vielleicht gefällt uns das, was wir sind, besser als anderes.
Weshalb erzähle ich das, abgesehen von persönlicher Verarbeitung hochgeschwemmter Erinnerungen? Weil bei vielen Fatacceptance-Texten manchmal zwischen den Zeilen, manchmal ganz deutlich behauptet wird, die Gesellschaft könne es nicht dünn genug haben, liebe das Dünnsein und somit ist es dann erlaubt, anderen Frauen das Frausein abzusprechen. Da wird gerne von Kasteien gesprochen, von Verzicht und Freudlosigkeit, vom Kalorienzählen, da wird suggeriert, dass wir im Grunde alle dick, gesund und glücklich wären, gäbe es nur den Schönheitszwang nicht, der von wem auch immer uns aufgezwungen wird und so wird die Dünne oder das Model oder eigentlich auch nur die schlanke Frau ganz schnell ausgeschlossen, sogar als Gegenbild dargestellt. Ich gebe gerne zu, dass das nicht immer so gemeint ist, aber es wird eben auch klar, dass all diese Texte sich nur insofern an mich richten, als dass ich entweder als Schreckgespenst herhalten soll oder aber als Teil einer Gesellschaft, die sich endlich angeblich realistischerer Frauenbilder bedienen müsse. Seit Jahren lese ich die Forderungen, man möge in Zeitschriften, gerade im Bereich Mode und Nähen, doch endlich echte Frauen zeigen – man mag es glauben oder nicht: auch Models sind echte Frauen. Ebenso wie jede, die als Frau geboren wurde oder sich als Frau fühlt. Schlage ich schon mal Nähzeitschriften auf, die diesem Wunsch nachkommen, so fühle ich mich oft eben nicht mehr angesprochen – nicht, weil ich das rundere Model nicht hübsch fände, sondern weil ich eben keinen Bezug dazu habe und mir eben nicht vorstellen kann, wie dieses Kleid an mir aussähe. Statt also einfach das eine durch das andere zu ersetzen, würde meine Forderung lauten, so mir diese Zeitschriften wirklich wichtig wären: das gleiche Kleid an drei verschiedenen Frauen, nur dann grenze ich nicht aus, sondern beziehe ein.

Und überhaupt: Es ist, mit Verlaub, shitegal, wen oder was wir schön oder richtig oder falsch finden, solange wir nur endlich lernen, uns gegenseitig zu nehmen, wie wir sind, ohne uns ständig zu bewerten. Wenn eine Frau künstliche Titten will, finde ich persönlich das scheußlich, aber das hindert mich nicht daran, sie dennoch attraktiv oder klug oder sympathisch zu finden und es hindert sie nicht daran, feministisch oder ultrarechts oder frigide zu sein. Es ist uns allen erlaubt, manche Menschen anziehend oder weniger anziehend zu finden, ohne deshalb gleich zu glauben, in ihren Kopf hinein schauen zu können. Ja, das ist alles verdammt schwierig und geht selten ohne persönliche Verstimmungen und Blessuren ab, aber sind wir jetzt erwachsen oder im Kindergarten? Herrgott, im Augenblick greift der Faschismus um sich, an allen Ecken der Welt wird willkürlich gezündelt und ich zumindest habe panische Angst, meine Söhne irgendwann in einen sinnlosen Krieg ziehen zu sehen. Ja, es tut gut, sich davon abzulenken und sich um derlei hier Gedanken zu machen, aber bitte zieht jetzt keine Gräben, die auf Äußerlichkeiten und die unterschiedliche Nutzung des Internets beruhen.

Puh, das war aber wirklich superlang und ich habe mich echt nackig gemacht. Aber schreiben als Therapie – läuft.

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