Vom Glück, eine dünne Frau zu sein – oder?

Hachja, seit Tagen denke ich darüber nach, endlich Marie Antoinette vor Gericht zu stellen, bin aber ständig über Gebühr müde und erschöpft – ein Hashimoto-Schub ist wohl wieder einmal in Gange mit dem üblichen kratzigen Druck um die Schilddrüse herum und der fast schon schmerzhaften Müdigkeit.

Nur ganz kurz gestern schreckte ich auf, weil es um Körperbilder, um Frauenkörper, um Emanzipation/Feminismus und um Schönheit ging; die Meisten werden es irgendwie mitbekommen haben und wer nicht, hat eigentlich auch nichts verpasst. Denn das Ganze ist hier und jetzt nur Anlass für meine ganz persönlichen Gedanken und Körpererfahrungen, die ich ja immer mal wieder im Laufe der Jahre beschrieben habe. Und ich stellte fest, dass manch unschöne Erfahrung deutlich weniger verschütt gegangen ist als gedacht und sich ganz ganz schnell wieder an die Oberfläche emporarbeiten kann, wenn sie nur ordentlich getriggert wird.

Als ich 14 war, war ich dünn. Ich war schon in etwa so groß wie heute – 173 cm – und wog dabei 48 kg. Wohlgemerkt, ohne jemals magersüchtig oder sonstwie seelisch verletzt oder kontrollsüchtig zu sein. Ich hatte die langen Beine und Arme meines Vaters geerbt und den leicht runden Bauch meiner Mutter, war, obwohl ich mich immer als sehr unsportlich erlebt habe, doch oft in Bewegung: wenn ich nicht stundenlang las und dabei gemeinerweise Schokolade, Lakritz und Chips aß, dann spielte ich Federball mit der Freundin, gummitwistete, raste mit Rad durch die Straßen, spielte Fangen und Jagen, schaukelte am Trapez, kletterte über Zäune oder sprang Seil, bis ich mindestens bis 500 gezählt hatte. Und was nützten Schoki, Lakritz und Chips, wenn ich mich beim Essen vor allem ekelte, was vom toten Tier kam und mich von einem sehr vollen Teller sehr bedroht fühlte. Ging ich mit meinen Eltern essen, so lockte mein Papa mich gerne mit Geld, wenn ich meinen Teller leer äße. Ich habe es sehr selten einstecken können, denn mein Sättigungsgefühl war derart, dass mir bei vollem Magen schlicht schlecht wurde und ich – eben für kein Geld der Welt – mehr hätte herunter würgen können.

Da ich aber mittlerweile in der Pubertät war, kamen nicht nur Blicke, sondern eben auch Sprüche von allen Seiten. Andere Mädchen bekamen Kurven – manche nicht unbedingt da, wo sie von BHs eingepackt werden konnten – ich halt nicht. Was mit 10 und 12 Jahren niemanden gestört hatte, war nun immer wieder Gegenstand von unglaublich witzigen und humorvollem Bemerkungen. Ich denke, wüßte beispielsweise mein damaliger Klassenkamerad Bernard, dass mir sein durch die Klasse gerufener Kommentar noch heute wortwörtlich gegenwärtig ist, es würde ihn überraschen und verwundern. Ich stand an der Tafel, wo ich mittlerweile nur noch sehr ungern stand, wollte ich doch am liebsten unsichtbar sein, um weder auf meine blühende Akne noch meine klappernden Knochen angesprochen zu werden, und schrieb mit dem Rücken zur Klasse, als Bernard glucksend fragte, wo ich denn wohl später meinen Ehering tragen wolle? Am Oberarm?

Und nun bin ich selbst überrascht und hoffe, euch nicht zu erschrecken, aber da rollen mir doch glatt 34 Jahre danach noch die Tränchen. Ihr solltet wissen, dass Bernard ein ziemlich toller Junge mit Idealen war, der dazu noch gut aussah und charmant war. Und ich war immer mal wieder sehr verguckt in ihn, insbesondere, als er sich eines Winters auf einen Realschüler der gegenüberliegenden Straßenseite stürzte, weil dieser uns mit steingefüllten Schneebällen bewarf und mich an der Wange traf. “Wage das nie wieder, meine Klassenkameradin anzugreifen! Nie wieder!” Ja, hach …

Ich bin also sicher, dass er das mit dem Ehering nicht böse meinte; am späten Nachmittag, nachdem ich nicht mehr ständig meinen Kater anheulte, pulte ich mir das Positive heraus: immerhin ging er davon aus, dass mich irgendwann irgendwer heiraten würde. Das war doch schon was, oder? Das war doch was.

In der Zeit stand ich täglich vor dem Spiegel und auf der Waage. Ich fütterte mich täglich mit Milchmixgetränken aus Milch, Erdbeerpulver, Vanilleeis, Sahne und Schokostreuseln und bemühte mich, zu essen, was und wann immer es ging. Alle Welt kommentierte mich – mal in kleinen Nebensätzen, die unbewußt fielen, wie von Schulfreundinnen, die mich in den Arm nahmen und Dinge sagten, ich fühle mich an wie ein kleines, zerbrechliches Vögelchen, Mütter von Schulfreundinnen, die mir nachmittags ungefragt Kuchen mit Sahne hinstellten (ich kann Kuchen nicht leiden, wenn, dann bitte Marzipan-Nougat-Torten) und dann traurig den Kopf schüttelten, wenn ich nur die Hälfte ihn mich hinein bekam, oder Freundinnen meiner Mutter, die meinten, mich aufmuntern zu müssen – mit Weisheiten wie “Mädchen, die schon viel Busen haben, haben später Hängebrüste.”, “Du wirst mal Mannequin!” (so hieß das damals noch) oder “Du siehst aus wie eine Französin!”

Man kann gerade den mir zugetanen Nenntanten nicht unterstellen, sie hätten falsch gelegen: sobald ich auch nur einen halben Zeh nach Frankreich setzte, war man erstaunt, in mir keine Landsmännin zu sehen und dank meiner Schulwahl war Französisch ja auch meine erste Fremdsprache. In meinen 20ern bin ich insgesamt dreimal von Modelscouts entdeckt worden, von denen zwei sogar irgendwie seriös waren – da meine Kamerascheu und mein sichtliches Untalent hier ja sehr bekannt und sichtbar ist, könnt ihr euch vorstellen, mit welcher Panik ich geflohen bin. Heute, aus der Nachsicht, so als mittelalte Frau, bin ich trotz all meiner kritisch-feministischen Ablehnung dieser Modelbranche gegenüber doch ein klein wenig stolz, es mal hätte machen zu können und wünschte nur, ich hätte mich damals nicht ständig dünn, hässlich und unzureichend gefühlt.

Denn so fühlte ich mich für den Großteil meines Lebens. Es ist eben doch sehr traumatisch-prägend, mit 14, 15 an Supermarktkassen zu stehen, und den direkt nachstehenden Frauen (und es waren immer Frauen!) zuhören zu müssen, was sie so über mich dachten. Klar, ich hatte Magersucht oder Krebs, klar, das war wirklich unglaublich häßlich und belastend, mich so sehen zu müssen, mit einem kleinen Zack könnte man mir den Arm brechen, tja schade, dass ich wohl mit den Pickeln und dem Klappergestell niemals einen Kerl abbekäme, es spielten nur Hunde mit Knochen und Männer wollten ja was in der Hand halten. Aus den Augenwinkeln erhaschte ich die Sprecherinnen und nein, es ist kein fat shaming, wenn ich sage: es waren immer Frauen, die wenigstens doppelt so weit vom Normalgewicht entfernt waren wie ich – nur eben in der entgegengesetzten Richtung. Mir gingen auch schon einmal bösartige Repliken durch den Kopf, die ich aber aus zwei Gründen herunterschluckte: zum Einen weil ich mich schlicht nicht traute, hatte man sich doch schon Gedanken gemacht, wie leicht man meine Gliedmaßen brechen könne. Und zum Anderen weil ich niemandem so weh tun wollte, wie es mir gerade geschah. Und es wäre ja auch nicht ehrlich gewesen, denn ich fand die Dicken nicht so belastend zu betrachtend. Ich beneidete sie ja. Weniger, da mus sich ehrlich bleiben, weil auch ich dick sein wollte, sondern weil ich ganz naiv dachte, wie leicht ich dann bei einem normalen Gewicht anlangen könne. Meiner persönlichen Speiseaufnahmekapazität waren Grenzen gesetzt und schlug ich eine Zeitschrift auf, so fand ich keine Tipps zur Gewichtszunahme, sondern Diäten. Die würde ich ja nur anwenden müssen, wäre ich zu dick. Übrigens war ich zu dem Zeitpunkt schon als ausgesprochen unnachgiebig und kämpferisch in Sachen Gleichberechtigung bekannt. So schüchtern ich sonst war, hier geriet ich in Wallung und redete jedes, damals ausschließlich männlich hervorgebrachte Argument in Grund und Boden. Ich sah auch nie einen Widerspruch in meinem Wunsch nach normaler Figur und Feminismus, genauso wenig wie schöne Kleidung, Make up und Giggeleien mich dabei störten.

Ein erstes kleines Highlight in meiner vom Dünnsein überschatteten Jugend war eine neue Klassenkameradin namens Ulrike, die mich beim ersten Wandertag nach ihrem Eintreffen darüber aufklärte, dass sie ein Riesenfan Audrey Hepburns sei und dass sie gleich gedacht habe, wie ähnlich ich ihr sei. Ich wäre fast den Abgrund herunter gekippt und klärte sie darüber auf, dass ich sie (also Audrey) natürlich auch liebte – alle dünnen Mädchen taten das, war sie doch Beweis, dass man vielleicht doch auch als Frau wahrgenommen werden konnte, obwohl man dünn war – aber eine Ähnlichkeit ja keinesfalls bestehen könne. Als ich mit 21 dank Kosmetikausbildung endlich meine Akne in den Griff bekommen hatte und beruflich bedingt statt Brille Kontaktlinsen trug – und bevor man jetzt denkt, man habe ich mich aus optischen Gründen dazu gezwungen: nein, nur Brille und Staub und Öl und Creme und Dampf vertragen sich unglaublich schlecht – also als ich zwei meiner verhassten “Makel” losgeworden war und mir dann ja auch Ute auf Norderney begegnetete, die mich aus den 12.000 weiten Kleidungsschichten herausschälte, also als all das geschehen war, fiel der Audrey-Vergleich extrem oft. Es war quasi der klassische Einstiegssatz, wollte mich ein Typ anbaggern. Ich lernte, dass ganz und gar nicht alle Männer was in der Hand haben wollten oder nur Blondinen Spaß haben konnten. Vielleicht war es wirklich der Audrey-Effekt, aber der Großteil der Männer, die ich kennen lernte, war klug, gebildet und sehr darum bemüht, mich mit Witz und Höflichkeit zu beeindrucken. Der echten Audrey Hepburn hat sicherlich auch nur selten einer auf den Hintern geklatscht oder sie gleich zum Poppen aufgefordert, wie es Marilyn Monroe über sich ergehen lassen musste. Verglich ich meine Erfahrungen mit denen meiner blonderen und kurvigeren Freundinnen, dann war ich mir zum ersten Mal sicher: ja, dünn sein kann von Vorteil sein. Kann, muss nicht – all die Schwachmaten und Übergreifer, die wir alle kennen lernten, blieben auch mir nicht erspart. In meinen 20ern nahm ich auch endlich ein klein wenig zu – dank Pille und mehr Appetit. Ein klein wenig hieß: 52 kg bei nach wie vor 173 cm.

An dem niedrigen Gewicht waren aber nicht (nur) irgendwelche Gene schuld – sowohl meine Eltern als heute auch mein Bruder sind/waren nicht schlank. Mein Vater behielt sein Leben lang die dünnen Arme und Beine und erabeitete sich dazu ganz ordentlich Bauchumfang; ein Erbteil, auf das ich gerne verzichtet hätte. Nein, schuld am Gewicht waren nach wie vor meine Unfähigkeit, über den Hunger hinaus essen zu können und mein Talent, Appetit von Hunger unterscheiden zu können und das alles bei nicht unerheblicher körperlich anstrengender Arbeit. Bei knapp 50 Stunden die Woche, die ich mit Körpermassagen, Wäsche schleppen, Fußpflegen und Gesichtsbehandlungen verbrachte, unterbrochen von einer einstündigen Mittagspause, blieb einfach nicht viel hängen. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte: Frühstück gab es zwar keines – bis heute eine Mahlzeit, die ich unerträglich finde – dafür um 10:00 das erste Marzipanteilchen, zwischendurch die üblichen Lakritze und dann mittags die Reste vom Abendessen. Nachmittags das nächste Teilchen, heruntergeschlungen in den 5 minütigen Wartepausen, in denen Kundinnen ihre Füße badeten oder Pflegemasken einziehen ließen, und abends dann frisch Gekochtes oder drei- bis viermal die Woche essen gehen. 52 kilo, dabei blieb es, solange ich diesen Beruf ausübte. Längst hatte ich mir angewöhnt, wenn ich irgendwo mein Gewicht angeben musste, es auf 54 hoch zu schummeln, das klang irgendwie besser und sorgte für nur eine hochgezogene Braue des behandelnden Arztes. Und ja, auch hier gab es den Dünnenvorteil, da fast reflexartig jedes medizinische Fachpersonal zwar seufzte, aber dann meinte, das sei ja immerhin besser als zu dick zu sein und meine Werte seien ja ausgezeichnet.

Nun bekam ich zwischen 21 und 34 (dann lernte ich den Gatten kennen und war nur noch selten alleine anbaggerbar) im Grunde täglich Komplimente: von Kundinnen und Kunden, von Kollegen, von Polizisten (fragt nicht), von allen möglichen Männern und Frauen aus den unterschiedlichsten, egoistischen wie altruistischen Gründen. Ich sei ja schlank wie eine Tanne, hätte eine solche Porzellanhaut, sei ja so elegant, eine wahrhaft klassische Schönheit – und ich wand mich vor Pein und Panik. Es ist schwierig, dass so zu erzählen, aufzuzählen, weil es unglaublich arrogant und verlogen klingt, nicht wahr – aber ich sah das nicht. Ja, ich merkte, dass ich Aufmerksamkeit bekam, ich wußte, dass ich mir, wenn ich wollte, Männer aussuchen konnte, ich erlebte gerade als Farmleiterin im Hotel, dass ich einen Draht zu Frauen hatten und sie genau dieses Aussehen auch von mir erwarteten, es verlangten geradezu, und dass mir oft Türen geöffnet wurden, weil man mich schön, aber nicht bedrohlich, kühl, aber nicht unnahbar fand. Mann und Maus erzählten mir ihre Geschichten und Gedanken, denn, es nimmt heute wunder, das zu hören/glauben, ich hörte mehr zu als dass ich sprach – dienender Beruf halt. ABER nach wie vor war ich das Mädchen, das klappert und seinen Ehering am Oberarm würde festschweißen müssen, damit sie ihn nicht verliert. Ich war häßlich, picklig, dürr, klapprig, schwächlich, keine echte Frau,bestenfalls ein Spizelzeug für Hunde.

Ich war sehr zwiegespalten. Ich unterstellte anderen nicht, dass sie mich anlügten, wenn sie mir nettes sagten. Ich ging nicht davon aus, dass mich Männer aus Mitleid anmachten. Aber irgendwie glaubte ich, da sei ein Schleier um mich, der anderen nicht erlaubte, mein wirkliches Ich zu sehen. Gingen Gespräche einmal tiefer und offenbarte ich meine Verunsicherung, so wurde das gerne weggelacht oder als verlogenes Geschwätz dargestellt. Einzig, wenn ich unvermutet einer anderen Dünnen gegenüber stand …

Dünne sind selten im Vergleich zu Dicken. Auf der Schönheitsfarm hatte ich einmal im Monat eine Kundin, die zu dick war und drei Kundinnen pro Woche, die sich zu dick fanden. Dünne kamen zweimal im Jahr und immer machte es sofort Klick zwischen uns. Immer auch übrnahm ich die Dünne für mich als Behandelnde. Und immer, immer waren die Geschichten, die wir uns erzählten, die Selben. Es waren immer die selben Sprüche, die selben Blicke, die selben Unsicherheiten. An eine erinnere ich mich sehr deutlich, weil mir ihre Verunsicherung so unverständlich war. Sie war, wie viele Frauen ganz unterschiedlichen Gewichtes, die ich kennen lernte, eine unglaublich schöne Frau mit einer Ausstrahlung, die regelrecht vibrierte. Im Gegensatz zu mir wirkte sie elfenhaft, war zierlich, klein und bewegte sich sehr, sehr schwebend durch einen Raum – ich hatte mir schon früh einen sehr schnellen Gang mit großen und bestimmten Schritten angewöhnt. Und am ersten Abend, als sie leicht verspätet durch den Speisesaal schritt, war sie sich ganz offensichtlich nicht gewahr, dass alle, wirklich alle im Raum nach ihr schauten. Als wir später mit der ganzen Gruppe noch an der Bar saßen, war sie sich der mittlerweile recht begehrlichen Blicke der männlichen Gästeschar nicht bewußt. Erst als unser Barkeeper sie darauf aufmerksam machte, dass mittlerweile einige Gläser Wein und Schnaps für sie bestellt worden waren mit den allerbesten Empfehlungen, blickte sie sich überhaupt um, errötete heftig und lehnte ab. Im Laufe der Woche zeigte sich, wie unglaublich verknackst ihr Blick auf sich selbst war. Für sie zählte nur das zu dünn, das sie zur Nichtfrau abstempelte. Denn wie kommt man auch gegen die Sprüche der wohlgeformten Damen an, die da meinten, Männer wollten halt was in der Hand haben? Welchen Konter gleichen Kalibers konnte es geben?

Ich hatte es ja nie gewagt, überhaupt jemals zu kontern. Bis auf den einen Tag, an dem wirklich alles schief ging, ich rasende Kopfschmerzen und eine unglaubliche Wut auf alles und jedes in mir trug. Überstunden hatte ich auch machen müssen, unbezahlt natürlich, und die Ubahn war weg. Ich war 19 und alles war doof. Als ich endlich in den Bus nach Hause einstieg, gab es nur noch Stehplätze und ein unglaubliches Gequetsche. Ich stand an der Tür und da ging es wieder los, das Kommentieren meiner Figur. Ich brodelte. Neben mir eine ältere Dame, die mich aufmunternd anlächelte und wohl gerade sagen mochte, ich solle gar nicht hinhören, als der Satz fiel – Männer, die was in der Hand haben müssen. Es hielt mich dieses eine Mal nicht mehr, ich drehte mich mit Wucht um, wahrscheinlich blitzte der gerechte Zorn aus meinen Augen und ich zischte gut hörbar, ob die beiden Damen wohl schon einmal etwas von Emanzipation gehört haben? Ich für mein Teil sei nicht auf der Welt, damit jeder dahergelaufene Hinz und Kunz seine Pfoten an mir wärmt und ich sei dem Schicksal sehr dankbar, meine Eigenständigkeit auch in Form meiner Figur sichtbar gemacht zu haben. Einen kurzen Augenblick des Schweigens gab es, in dem ich mich rasch wieder umdrehte und ernsthaft Angst hatte, mir nun die Knochen gebrochen zu haben. So schlimm wurde es dann nicht, ich wurde mit einem “Die dürre Hippe ist nicht nur häßlich, die ist auch noch arrogant. Die kriegt eh keinen ab, die muss ja so ne Scheißemanze sein.”

Gut, beim Aussteigen haben mich die beiden neuen Bekannten noch auf die Straße gezwungen und sich höhnisch kaputt gelacht, aber immerhin blieben meine Knochen heil und die ältere Dame streichelte mir die Hand und lobte mich, das habe ich fein gemacht und die seien ja nur neidisch. Der übliche Trost, den dünne Frauen erhalten, wenn sie sich darüber beklagen, dass alle Welt gemein zu ihnen sei – die sind alle nur neidisch. Das glauben wir natürlich auch nicht und so leiden wir weiter. Und amüsieren uns manchmal in unserer Ratlosigkeit. Wenn beispielsweise die wohlmeinende Bekannte, die uns bei jedem, JEDEM Treffen schon von weitem laut fragt, ob wir etwa schon wieder abgenommen hätten, selbst wenn wir mal zwei Kilo mehr drauf haben. Die uns ständig erklärt, wir sollten mal anständig essen, sich aber sofort beklagt, wenn wir es tun – denn vor ihren Augen essen, wo sie doch so aufpassen müsse, das sei wirklich das Allerletzte.

Und irgendwann sind wir, wenn es gut läuft, groß und erwachsen, nehmen vielleicht etwas zu, vielleicht sogar freiwillig wieder ab, weil wir feststellen, dass das ehemals so erträumte Mehrgewicht so gar nicht zur eigenen Persönlichkeit passt. Vielleicht finden wir uns irgendwann schön oder zumindest annehmbar oder finden das ganze Thema einfach gar nicht mehr so wichtig. Vielleicht antworten wir auf blöde Sprüche mal ebenso garstig, vielleicht nehmen wir Platz ein auf andere Art und Weise als allein durch Körperlichkeit. Vielleicht haben wir ein Schönheitsbild, das liebt, was wir nicht sind, vielleicht gefällt uns das, was wir sind, besser als anderes.
Weshalb erzähle ich das, abgesehen von persönlicher Verarbeitung hochgeschwemmter Erinnerungen? Weil bei vielen Fatacceptance-Texten manchmal zwischen den Zeilen, manchmal ganz deutlich behauptet wird, die Gesellschaft könne es nicht dünn genug haben, liebe das Dünnsein und somit ist es dann erlaubt, anderen Frauen das Frausein abzusprechen. Da wird gerne von Kasteien gesprochen, von Verzicht und Freudlosigkeit, vom Kalorienzählen, da wird suggeriert, dass wir im Grunde alle dick, gesund und glücklich wären, gäbe es nur den Schönheitszwang nicht, der von wem auch immer uns aufgezwungen wird und so wird die Dünne oder das Model oder eigentlich auch nur die schlanke Frau ganz schnell ausgeschlossen, sogar als Gegenbild dargestellt. Ich gebe gerne zu, dass das nicht immer so gemeint ist, aber es wird eben auch klar, dass all diese Texte sich nur insofern an mich richten, als dass ich entweder als Schreckgespenst herhalten soll oder aber als Teil einer Gesellschaft, die sich endlich angeblich realistischerer Frauenbilder bedienen müsse. Seit Jahren lese ich die Forderungen, man möge in Zeitschriften, gerade im Bereich Mode und Nähen, doch endlich echte Frauen zeigen – man mag es glauben oder nicht: auch Models sind echte Frauen. Ebenso wie jede, die als Frau geboren wurde oder sich als Frau fühlt. Schlage ich schon mal Nähzeitschriften auf, die diesem Wunsch nachkommen, so fühle ich mich oft eben nicht mehr angesprochen – nicht, weil ich das rundere Model nicht hübsch fände, sondern weil ich eben keinen Bezug dazu habe und mir eben nicht vorstellen kann, wie dieses Kleid an mir aussähe. Statt also einfach das eine durch das andere zu ersetzen, würde meine Forderung lauten, so mir diese Zeitschriften wirklich wichtig wären: das gleiche Kleid an drei verschiedenen Frauen, nur dann grenze ich nicht aus, sondern beziehe ein.

Und überhaupt: Es ist, mit Verlaub, shitegal, wen oder was wir schön oder richtig oder falsch finden, solange wir nur endlich lernen, uns gegenseitig zu nehmen, wie wir sind, ohne uns ständig zu bewerten. Wenn eine Frau künstliche Titten will, finde ich persönlich das scheußlich, aber das hindert mich nicht daran, sie dennoch attraktiv oder klug oder sympathisch zu finden und es hindert sie nicht daran, feministisch oder ultrarechts oder frigide zu sein. Es ist uns allen erlaubt, manche Menschen anziehend oder weniger anziehend zu finden, ohne deshalb gleich zu glauben, in ihren Kopf hinein schauen zu können. Ja, das ist alles verdammt schwierig und geht selten ohne persönliche Verstimmungen und Blessuren ab, aber sind wir jetzt erwachsen oder im Kindergarten? Herrgott, im Augenblick greift der Faschismus um sich, an allen Ecken der Welt wird willkürlich gezündelt und ich zumindest habe panische Angst, meine Söhne irgendwann in einen sinnlosen Krieg ziehen zu sehen. Ja, es tut gut, sich davon abzulenken und sich um derlei hier Gedanken zu machen, aber bitte zieht jetzt keine Gräben, die auf Äußerlichkeiten und die unterschiedliche Nutzung des Internets beruhen.

Puh, das war aber wirklich superlang und ich habe mich echt nackig gemacht. Aber schreiben als Therapie – läuft.

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31 Kommentare

  1. Vielen Dank für deinen Text, in manchem habe ich mich wiedererkannt, wurden meine Beine doch immer mit denen von einem Storch verglichen. Den Vergleich mit den Knochen und dem Hund kenne ich auch. Und als ich in der Pubertät dann Kurven und eine große Körbchengröße bekam. Hat man sich darüber lustig gemacht, natürlich waren es Frauen die selbst eine viel kleinere Größe hatten. Ich mag deine Texte sehr, du schaffst es immer meine Gedanken in Worte zu fassen. Ich selbst war die letzten zwei Tage einfach nur wütend und hätte mich am liebsten aus diesem Internet und allen Kanälen gelöscht. Diese Diskussion ob dick oder dünn, abnehmen oder nicht erinnert mich an stillen oder nicht. Ich habe gerne und lange meine Kinder gestillt, ich hatte allerdings auch nie Probleme beim stillen, ich habe auch nie mit erhobenem Zeigefinger gestillt oder Mütter die ihren Kindern die Flasche geben verurteilt. Jede wie es für sie das Richtige ist. Und trotzdem musste, solange ich gestillt habe mir Frauen ungefragt erklären warum sie nicht stillen, nie gestillt haben oder früh aufgehört haben. Es war als ob sie sich angegriffen fühlten weil ich stillte und sie nicht. Dabei habe ich nie ein Grund dafür gegeben. Genauso empfinde ich diese Diskussion jetzt.
    Lg Mathilda

    • Ja, ans Stillen hatte ich auch gedacht. Oder an die Tatsache, dass ich seit 20 Jahren vegetarisch lebe außer in den Schwangerschaften. Allein die bloße Erwähnung führt entweder zu Entschuldigungen oder Sticheleien.
      Sehr schade, wenn man sich auch nur eine Sekunde lang überlegt, sich aus dem öffentlichen Raum, den man sich genommen hat, den man ausfüllt und einnimmt, zurück zu ziehen. DAS kann einfach nicht sein; ich hoffe doch sehr, dass du diesen Gedanken ad acta gelegt hast 🙂
      Danke dir für deine lieben Worte, schon auf twitter – wenn ich so vor mich hinschreibsele, ist es ein gutes Gefühl zu erfahren, andere denken ebenso 🙂

  2. Danke Andrea! Ich finde die Diskussion auch als sehr müßig. Warum müssen sich Frauen immer vergleichen und kommentieren. Jede soll so leben, essen, sich anziehen dürfen wie sie möchte. Wenn mir auch manches nicht gefällt, muss man ja nicht übergriffig werden.
    Wir haben, weiß Gott andere Probleme.
    Lg Dana

    • Weißt du, was ich daran besonders schwierig fand und finde? Den Versuch, das Ganze auf eine andere, scheinbar höhere und bedeutsamere Ebene zu hieven – auf der das sicherlich auch ablaufen kann. Letztenendes aber spielte es für die gescholtenen Betroffenen woanders und genau da wurden sie auch getroffen und verletzt. Herrje, das klingt so kryptisch und verklausuliert, aber die Geschichte spinnt sich zwei verschiedene Richtungen aus und hinterlasst ganz klar Gräben. Und zwar nicht zwischen politisch und gesellschaftlich weiterdenkenden und denjenigen, die im Privaten eben nichts politisches sehen wollen, sondern für alle rein optisch sichtbar zwischen denen, die dünn/schlank sind/werden wollen und denen, die es nicht sind. Was richtig, richtig Scheiße ist. Denn es ist nicht viel anders als die Unterteilung in Schwarz und Weiß, Hetero und Homo. Brauchen wir das wirklich?

  3. Danke, liebe Michou, für diesen wunderbaren Artikel!
    Ich habe mich in Vielem wiedererkannt! Fatshaming ist ja in aller Munde – auch richtig so. Dass Dünne Ähnliches durchmachen, war mir bis vor Kurzen nicht einmal bewusst, obwohl ich mir jahrelang selbst dumme Sprüche anhören musste.
    Ich habe lange Zeit über den Hunger hinaus gegessen um ein Gewicht zu erreichen, mit den ich weniger auffiel.
    Das Gewicht bewegte sich dabei immer im unteren Bereich von leicht übergewichtig. Damit entsprach ich offenbar soweit der Norm, dass ich keine Bemerkungen mehr zu meiner Figur erhielt.
    Erst im letzten Jahr- das Lesen des Buches “Fettlogik überwinden” hat mir dabei sehr geholfen- habe ich den Mut gefasst, zu meiner ursprünglichen Figur zu stehen. Ich habe bereits 10kg abgenommen. Bin aktuell bei einem BMI von 22,5, also genau in der Mitte von normal – und es geht schon wieder los: Ich hätte wohl Magersucht, mein eingefallenes Gesicht spräche ja wohl Bände, usw.
    Ich gebe einfach nichts mehr drauf. Ich habe meiner Meinung nach immer noch ein klein wenig zu viel auf den Rippen, aber ich werde nie-nie mehr essen, wenn ich keinen Hunger habe und nur das, was mir schmeckt und wer mich blöde anmacht, kriegt eben nen Spruch zurück.
    Das zur Theorie.
    Aber der Vorsatz fürs neue Jahr ist klar umrissen.
    Dürrklapprige Grüße von Spaghetti Kari (Spitzname in der Schule)

    • Das war mein Ziel ja über viele Jahre hinweg auch: Zunehmen, um bloß nix dämliches mehr zu hören. Dass du das geschafft hast und quasi life ausgetestet hast, ab wann ein Körper als normal empfunden wird – du meine Güte, das ist echt Energie, die da vergeht 🙁 Dass ein klein wenig zuviel auf den Rippen wesentlich stärker akzeptiert wird als reines Schlanksein, das habe ich im Laufe der Jahre auch erfahren.
      Nach den Schwangerschaften bzw. währenddessen ging mein Gewicht ordentlich hoch und danach nur langsam herunter – das war mir eine Zeitlang egal, doch nach dem zweiten Kind konnte ich mich ein Jahr nach der Geburt nicht mehr sehen. Noch immer waren 10 der 30 Kilos da und ich stellte in einem wachen Moment fest, dass ich mich optisch nicht mehr kannte und mich entsprechend fremd behandelt und gekleidet hatte – diese fremde Frau und ich, wir wurden nicht warm. Das führte nicht dazu, dass ich bewußt abnahm, sondern dazu, dass ich mehr auf mich achtete und endlich wieder spürte, ob mir warm oder kalt war, ob ich satt oder hungrig war. Und ab da gab es dann schon mal – ausschließlich Personen des weiteren Bekanntenkreises – die am liebsten jedes Gramm an mir festkleben wollten, weil ich sonst sicherlich nicht in der Lage wäre, mich um meine Kinder zu kümmern …

      • Ja, im Moment kommt es mir so vor, dass auf-sich-selbst-achten gesellschaftlich geächtet wird. Eine Mechanik, die mir erst im fortgeschrittenem Alter bewusst wird. Gut, dass der Altersstarrsinn dazukommt.😉
        Mal sehen, ob das zu einem zufriedeneren Selbst führt!
        Dank Dir für Deine differenzierte Antwort!
        weihnachtliche Grüße von Kari

  4. Vielen Dank, dass du diese sehr persönliche Geschichte geteilt hast!

    Ich finde sie zeigt sehr deutlich, dass nicht eigentlich das Gewicht das Problem ist, sondern die übergrifflichkeit von manchen Menschen. Diese übergrifflichkeit trifft sehr oft Dicke und das ist natürlich nicht ok, aber in diesem Verletztsein und im sich Verteidigen, sind es dann oft genau dieselben Dicken, die wiederum übergrifflich sind, wenn jemand die Figur hat, die sie vemeindlich haben sollten.

    Was mich – nicht hier, sondern in den Blogartikeln, die in den letzten Tagen erschienen sind – allerdings am meisten gestört hat, war nichtmal die übergrifflichkeit auf den Körper (abnehmen ist nicht ok), sondern die viel weiter gehende übergrifflichkeit auf die Person (du nimmst ja ab, weil du dich gesellschaftlichen Konventionen unterwirfst, damit verrätst du unser gemeinsames politisches Ziel).

    Bevor es ausartet und ich etwas völlig anderes kommentiere… nochmal danke fürs Teilen! Ich hoffe sehr, dass dieser Beitrag für mehr Empathie bei allen führt und nicht “nur” diejenigen bestärkt, denen es schonmal genauso gegangen ist.

    • Das ärgerte mich auch – der größere Zusammenhang und die damit verbundene Erwartung, sich bei der Auswahl seiner Themen auf irgendeinem sozialen Kanal quasi selbst zu zensieren zum Wohle einer – vielleicht gar nicht so empfundenen – Gemeinschaft. Und mich damit ja auch einer Gruppe zu unterwerfen, die sich an meinen Worten bzw. meinem Verhalten gestört fühlt. Ein klein wenig kam mir das auch unehrlich vor: ich kann nachvollziehen, dass eine Person sich gestört fühlt, wenn einige um sie herum etwas tun, was sie selbst nicht tun möchte – das ging mir mit den Fatacceptance-Artikeln, die zu hunderten auf mich einströmten, nicht anders – es zeigte mir, dass ich noch immer unter dem gleichen Klischee litt wie vor Jahrzehnten (keine echte Frau zu sein). Aber das war eine rein persönliche Angelegenheit, die ich nicht gesellschaftspolitisch überhöht habe – eine Minderheit grenzt eine noch kleinere Minderheit komplett aus und macht mich zum Sündenbock.
      Ach, du merkst, ich komme auch wieder in alle möglichen Gedankenschienen, die dem Thema eigentlich viel zu viel Bedeutung beimessen – denn in meinem “echten” Alltag ist gar kein Platz für ständige Figurproblemchen. Ich schaue mittlerweile ganz gerne in den Spiegel, akzeptiere mich und auch meine gesteckten Ziele und Ideale und habe ansonsten viel zu viel Ärger mit Haus und Kind, um mich ernsthaft zu quälen.

  5. Liebe Andrea,
    ich möchte Dir sagen, wie furchtbar ich Deine Erfahrungen finde. Ich weiß zwar nicht genau, auf welche aktuelle Onlinediskussion Du Dich beziehst, aber ich denke, ich habe da nicht viel verpasst.
    Ich verabscheue die allgemeine Akzeptanz von Bodyshaming. Die Opfer sind wir alle, denn die Urteilenden bewerten jeden Körper und kein Körper kann perfekt sein. Ich fürchte jeder Mensch, jedes Geschlechts, jedes Alters und jeder Körperform kann von hässlichen Situationen berichten. Ich selbst hatte das Glück in der Pubertät von einem Tag auf den anderen, von einem dicken kleinen Mädchen zu einer großen schlanken Frau zu entpuppen. Aber ich wurde immer und zu jeder Zeit aufgrund meines Körpers angegriffen. Bis heute erfahre ich, dass Menschen sich das Recht rausnehmen, meinen (inzwischen erfutterten) kleinen Bauch zu bewerten (nein – ich bin wirklich nicht schwanger, nur etwas fett, aber danke der Nachfrage). Kommentare, die mich nicht mehr verletzen, denn heute kann ich einschätzen, was ich wirklich an meinem Körper habe und bin auf ein externes Urteil nicht mehr angewiesen.
    Es tut mir leid, dass Dir niemand gesagt hat, dass Körper etwas ist, was nur Dir gehört, immer richtig ist und immer schön, als Du das noch nicht einschätzen konntest. Es tut mir leid, dass Dich niemand empowert hat, Dich anzunehmen wie Du bist, denn Du bist eine wunderschöne und starke Frau, die ich sehr bewundere.
    Ich habe für mich beschlossen, dass ich mich jedes Mal, wenn ich erlebe, dass ein Mensch diese Erfahrung machen muss, einmischen werde, dass ich den Mund aufmachen werde und ein Gegengewicht zu Hass und Häme bilden werde. Vielleicht wäre das eine Option – ein Aufstand der Anständigen – auch in diesem Kontext?
    Danke für Deine Wort.
    Liebe Grüße
    Julia

    • Ein Aufstand der Anständigen ist immer und überall das Richtige, aber die sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich zu befleischen 🙂
      Ansonsten machst du mich mit deinen Worten und deiner Botschaft gerade sehr sprachlos und hilflos, weil es so lieb und hilfreich und irgendwie schützend auf mich einwirkt. Danke dir sehr für deine Empathie und die Fähigkeit, das einfach mal so zu sagen. Vielen vielen Dank.

  6. Petra Oelschlägel

    Guter Artikel, aber irgendwie ist die ständige Diskutiererei um dieses Dick-/ Dünn-Thema tatsächlich ermüdend. Das Thema “Gewicht” ist nur ein Teilbereich aller Themen, die sowohl Frauen als auch Männer anderen Personen gegenüber in diskriminierender Weise ansprechen, um sich selbst- weil nicht betroffen- in ein positives Licht zu setzen. Wenn es das nicht ist, ist es etwas anderes.
    Als ich “normalgewichtig” war, charakterisierte man mein Hinterteil in der Schule mit “Catharina Valente, hat ‘nen A… wie ‘ne Ente”.
    Heute wird JLo damit zum Sex-Symbol und andere lassen sich mein vermeintliches Makel an-operieren…
    Als ich zum ersten Mal übergewichtig war und abnahm wurde mein starker Wille und Charakter gelobt, der mir vorher auf Grund der Gewichtszunahme abgesprochen worden war.
    Nun bin ich seit Jahren übergewichtig, man hat sich dran gewöhnt.
    Jetzt wird mein von Rosazea geplagtes Gesicht, insbesondere die Nase, mit Bemerkungen über erhöhten Alkoholkonsum kommentiert.
    Dieses ganze Hervorheben körperlicher Eigenschaften unterstützt lediglich die Begründung eines gesellschaftlichen Ausleseprozesses, da es ja mit der “Leistungsgesellschaft” an sich nicht (mehr) weit her ist. Da müssen halt andere Dinge herhalten.
    Und da fängt dann persönliche Häme an , politisch zu werden.
    Vielleicht ist es lohnenswerter darüber nachzudenken.

    Petra

    • Da bin ich wieder ambivalent. Ich sehe meine politische Bühne und Verantwortung woanders – einfach, weil das Thema Diskriminierung in Verbindung mit Lookism etwas zu sein scheint, was unabhängig von Medien und Moderne existiert. In früheren Zeiten, die noch nicht so arg lang her sind, sind Menschen ganz ernsthaft und pseudowissenschaftlich davon ausgegangen, dass deine Optik deine Seele und deinen Charakter spiegelt – und es nur recht ist, jeden danach zu behandeln und nicht nur zu diskrimieren, sondern auch zu kriminalisieren. Davon sind wir mittlerweile weit entfernt und gestatten uns, schaue ich mir Straßenbilder heute und Straßenbilder vo 50 Jahre an, deutlih mehr Individualität.
      Wenn ich das ganze in einen politischen Rahmen setze und somit jedes persönliche und privaten Handeln auch und gerade am eigenen Körper – von Abtreibung über Schönheitschirurgie, Make up bis Abnehmen – politisiere, es in Bezug auf die Gesellschaft setze: wieviel Entscheidungsfreiheit hat die einzelne dann noch? Erst darf sie nicht mehr über Dinge reden, dann sie nicht mehr tun und irgendwann ist Volkeswohl das wichtigere Kriterium vor Individualität.
      Das klingt jetzt geradezu dystopisch … ich denke, es lässt sich ganz trefflich über die politische Bedeutung philosophieren, aber es fährt all denen, die sich rein auf sich selbst in dieser einen Sache besinnen wollen, ein wenig über den Mund. Dabei können wir in unserer schönen neuen Welt so wenig wirklich beeinflußen, dass Kontrolle über den eigenen Körper ein kleiner Hoffnungsschimmer sein kann – wenigstens etwas, was ich gesunden und verändern kann 🙁

      • Petra Oelschlägel

        Das ist m.E. ein Missverständnis. Ich meinte nicht, dass man bei jeder individuellen Handlung das Große und Ganze mit bedenken sollte. Vielmehr ist es so, dass eine allgegenwärtige Be- und Verurteilung (und auch Vereinnahmung) privatester Eigenheiten und persönlicher Einstellungen durch einzelne oder Gruppen stattfindet, die letztendlich, ob gewollt oder nicht, gesellschaftlich relevant wird/ist.
        So reicht es heutztage beispielsweise eben offensichtlich nicht, zu den Anständigen (Toleranten, Feministen, Körperakzeptanten, Körperverändern etc.) zu gehören (es gab Zeiten, da wusste jeder, welche Werte gemeint waren), sondern man muss zu den “richtigen Anständigen” usw. gehören. Wobei die “richtigen Anständigen” schon mal bar jeglichen Anstandes voller Häme den “falsch Anständigen” die Meinung geigen.
        Wenn du blauen Lidschatten auflegst, muss erst mal geklärt werden, wer die Deutungshoheit hat und ob du damit irgendwelche Interessen bedienst und welches Statement du setzen willst.
        Und da fängt es an, politisch zu werden, weil sich in jedem Falle die Falschen die Hände reiben.

        • Ah, da hatte ich dich mißverstanden – so macht es mehr Sinn. Gerade das Wort der Deutungshoheit kam mir in den letzten Tagen auch oft in den Sinn; manchmal allerdings auch die Schweine, die gleicher sind 😀 Ohne dass das wieder abwertend gemeint sein soll.
          Letztenendes führt doch nur eines zu einem einigermaßen zufriedenen und anständig gelebtem Leben: sich selbst erkennen, zu seinen Prinzipien stehen und ein dickeres Fell anlegen, wenn es zu persönlich wird. Dann kann man sich vielleicht auch des politischen Bezugs ein wenig entziehen …

          Danke für die Aufklärung, da bin ich ganz und gar bei dir 🙂

  7. Traurig, zu lesen, wie du mit deinem Körper gehadert hast … generell ist es traurig, wieviele Frauen sich selbst durch so einen verzerrten Spiegel sehen.
    Ich finde es auch furchtbar, dass bestärkende Kommentare zu dicken Frauen oft darin bestehen, dünne Frauen abzuwerten. Das ginge doch problemlos auch anders!

    Ich liebe ja an der Ottobre, dass Frauen jeden Alters, jeder Figur, jeder Größe, jeder Proportion die Kleidung präsentieren – interessant, dass du sagst, du könntest dich dann nicht in der Kleidung vorstellen. So einfach mit den 3 Konfektionsgrößen, wie du es vorschlägst, wär es mMn nicht – da gibt es immer noch sehr große und sehr kleine Frauen, schlanke Frauen mit massig Busen und fast busenlose dicke Frauen, Frauen mit enormer Hüfte und schmalem Oberkörper … ein bisschen Fantasie gehört einfach dazu beim Schnittmusterauswählen 😉 Ich persönlich orientiere mich lieber an den technischen Zeichnungen als an den Tragefotos – an mir als kleine Frau sieht sowieso alles anders aus als an den langbeinigen Gazellen, die die Kleider präsentieren. Auch wenn’s echte Frauen sind …
    Deshalb würde ich mir mehr der Ottobre-System wünschen: Von allem etwas, so ist für jede Frau mal ein Model dabei, dass ihre Figur repräsentiert, und der Rest muss eben die Vorstellungskraft bemühen.

  8. 😀 Nein, so einfach geht das natürlich überhaupt nie und je mehr Auswahl man als Herstelller und Händler bieter, umso mehr wird erwartet und umso eher segelst du in die Pleite. Und da ich keine Schnittmusterzeitschriften kaufe, fordere ich eigentlich gar nix – da bin ich mal auf der sicheren Seite. Was ja auch manchmal vorkommen soll …
    Für mich ist es so: je untragbarer, verrückter die Mode ist, die ein Magazin präsentiert, umso schlanker, jünger, gephotoshoppter dürfen die Models meinethalben sein – das Ganze ist nur als Kaleidoskop künstlerischer Fantasie zu betrachten und jede Form von “Realität” stört nur 😀 Ansonsten, für all die Zeitschriften, die zeigen, was ich an jeder Ecke erstehen oder zu Hause selbst nähen kann: Schnappt euch Familien und deren Freunde. Ladet im Mai die Müllers und im Oktober die Maiers ein samt Schwiegermutter, Schwippschwager und schwarzem Schaf und zieht sie an. Dann habe ich jedes Alter und jede Figur und ein Kaleidoskop der Realität und dazu vermutlich eine gute Stimmung im Heft. Und zeigt die Klamotten mit technischen Zeichnungen und in Details an der Puppe. Du siehst, wir zwei würden das ganz anders wuppen als Burda und co 😀

  9. Ich halte mich aus der ganzen Diskussion zwar heraus, aber habe deinen Text gerne gelesen. Schön, wie du über dich und deine Körpergeschichte Bescheid weisst und erkannt hast, was dir gut tut! Das ist doch das Wichtigste überhaupt, dass du dich wohlfühlst. Schade finde ich, wie viel du erleben musstest, wie viele negative Kommentare auf die eine oder andere Seite – das habe ich so selber nie erlebt.

    Bei mir war es eher umgekehrt: ich mag es nicht, wenn Leute meinen Körper als “Vorbild” sehen, weil es das nicht ist. Das ist meine Veranlagung, mein Körperbau, meine Vorliebe für gesundes Essen (und keine Einschränkungen!) und viel Sport. An anderen bewundere ich eine schöne grosse Oberweite – finde ich wirklich attraktiv- oder schöne Kurven, schöne Haare…die ich nicht habe. Kommentare wie “ja ich zeige meinen Bauch nicht, ich habe halt nicht so einen wie du” stimmen mich sehr traurig und da kommt bei mir dann Wut auf die gängigen Körperbilder auf! Wenn junge hübsche Frauen soo unzufrieden sind und sich quälen, weil sie nicht einem Idealbild entsprechen (für das ihr Körper vielleicht auch gar nicht gemacht ist). Das ist so schade und macht mich wütend.

    Mir ist es jedenfalls sehr wichtig, meiner (gerade sehr sehr wild kickenden, as usual) Tochter ein gesundes Körperbewusstsein vorzuleben…

    Liebe Grüsse, Lottie
    (P.S.: ich achte übrigens auch in der Schwangerschaft auf die Ernährung bzw. esse meist ziemlich gesund und bewege mich nach wie vor viel. Ist ja immer noch mein Körper und ich muss mich wohlfühlen!)

    • Oh, das wirst du deiner Tochter mit Sicherheit vorleben und zeigen können, da mache ich mir keine Gedanken. Und ich verstehe dich gut: du wirst mit deiner den sportlich-gesunden Idealen entsprechenden Figur nicht weniger vereinnahmt wie alle anderen und solltest du abweichen, wird das nicht weniger mißtrauisch beäugt werden.
      Unter meinen Freundinnen befinden sich auch ein paar, die so selbstverständlich sportlich und ernährungsbewußt sind, ohne sich jemals mit irgendwelchen Ernährungstheorien beschäftigt oder sich Schönheitsidealen unterworfen zu haben – das ist einfach das, was ihr Körper ihnen “vorschreibt” 🙂

      Und es gibt davon abgesehen wirklich dümmeres, als sich in der Schwangerschaft gesundheitsbewußt zu ernähren 😀 Wann soll es denn so weit sein?

  10. Hey, ich kenn dich vom Stricken und hab dich gerade auf FLÜ gelesen, da musste ich doch eben mal rüberhüpfen.

    Ich sag’s mal ganz platt: Ich bin diesen ganzen Fat Acceptance-Quatsch so leid. Ich veröffentliche Anleitungen auf Ravelry, und bekomme für meine Photos schon mal Kommentare wie: “Das ist doch gar keine richtige Frau” oder “An so einem Stöckchen mag das ja gut aussehen, aber niemand über 30 kann so was tragen” (wohlgemerkt, ich bin 40).
    Bei einem meiner Workshops vor ein paar Wochen betrat ich den Raum und das erste, was ich hörte, war: “Ach guck mal, was ist das denn für ein Püppchen”. Ich hätte mich ja gern umgedreht und gesagt: “Ach guck mal, was ist das denn für ein Walfisch” – aber damit verjagt man wahrscheinlich Kunden.
    Wer dicke Frauen abwertend kommentiert – gerade in einer Community, in der es sehr viele dicke Frauen gibt – wird sofort sozial gemaßregelt. Wer dünne Frauen abwertend kommentiert, bekommt Applaus von allen Seiten.

    Was mich an derlei Kommentaren besonders anpisst, sorry für den Vulgärausdruck, aber ich kann’s nicht anders beschreiben, ist, dass ich einen fitten, durchtrainierten, fähigen und gesunden Körper habe – ich kann 10 km laufen, stundenlang schwimmen, ich kann fast mein eigenes Körpergewicht heben, mich verteidigen, usw. – und bei diesen Kommentaren heißt es immer “Püppchen, Elfchen, halbes Portiönchen, Kleine, Dürre, Mädelchen, keine richtige Frau”, und das hat so null und gar nichts mit meiner Eigenwahrnehmung zu tun, und auch nicht mit den objektiven Daten.
    Unsere Gesellschaft hat mittlerweile ein völlig verzerrtes Bild von Körpern, vor allem von Frauenkörpern. Nix “Magerwahn”, sondern wenn man durch die durchschnittliche Fußgängerzone geht, ist die große Mehrheit der Leute mindestens leicht übergewichtig und außer Form, und das gilt einfach als normal. In der Strick- und Nähcommunity wird man für verrückt erklärt, wenn man sich gern körperlich bewegt, denn die meisten kokettieren mit ihrer Faulheit und Unsportlichkeit und posten lieber Memes, dass sie auf dem Mars ja nur 37 Kilo wiegen würden.

    • Bevor es peinlich wird – kennen wir uns von Ravelry oder haben wir uns getroffen? Im Augenblick rast mir dein Name durch den Kopf und ich weiß, ich kenne ihn, aber ich versage komplett beim Zuordern und das ist wirklich, wirklich peinlich. Hilf mir 🙂

      Du beschreibst, was ich oft genauso empfunden habe, aber eben auch zugunsten einer echten Anerkennung unterschiedlicher Figuren zur Seite geschoben habe – wobei es dann ja doch nur um die Anerkennung dicker Schönheit geht. Und darum, dick zu normal zu machen, was kontraproduktiv ist. Und ja, schaut man sich um, dann ist eigentlich nicht ganz ersichtlich, von wem aus das Fatshaming eigentlich betrieben wird? In der Argumentationskette tut sich für mich auch oft ein Logikfehler auf, der nie erklärt wird: auf der einen Seite habe ich also gelernt, dass der ganze “Schlankheitswahn” ja komplett an der Mehrheit der Frauen vorbeigeht, da kaum eine in der Lage sein, ein solch “unrealistisches Ideal” zu erreichen und zu erhalten. Also sind die Übergewichtigen in der Mehrheit? Gleichzeitig aber wird das Übergewicht immer weiter herunter gerechnet – da fällt mir gerade ein Satz aus einem Film der 90er ein (Abgeschminkt): “Aber 80 kilo sind doch nichts für eine Frau deiner Größe!”
      Und bevor das mißverstanden wird: Ob 40, 80 oder 120 – wenn du dich wohlfühlst, auf andere offen zu gehst, dann wirst du als attraktiv wahrgenommen und keiner hat das Recht, an deiner Figur herum zu nörgeln. Auch nicht bei der mit 40 kilo!
      Aber zurück zu meiner Überlegung: wenn also irgendwie alle Frauen übergewichtig sind, dann ist das ja keine Minderheit mehr, als die die Fatacceptance-Bewegung ja auftritt: arme Minderheit, die von fehlgeleiteter Mehrheit gemobbt wird. (Und nochmal: Fatshaming ist Mist!). Diese Mehrheit rechnet nun noch “Mitglieder” raus, weil ja Übergewicht nur noch das zu sein hat, was deutlich über dem Durchschnittsgewicht liegt. 2 Kilo unterm Gewicht ist bedenkliche Magersucht, 35 Kilo drüber ist halt einfach nur Zeichen einer überbordenden Lebensfreude. Ich komme da durcheinander und verstehe eigentlich nicht mehr, wem es um was eigentlich geht. An den blöden und ständigen sehr verletzenden Sprüchen Dünnen gegenüber hat sich auf alle Fälle in den letzten 50 Jahren gar nix geändert. Auf entsprechende Hinweise reagierte manch Fatacceptance-Aktivistin im großen weiten Netz mit weiteren Beleidigungen und Sprechverboten – es ginge hier nicht um die überpriviligierte, hochgelobte und vielgeliebte Dünne, die mit ihren Klagen einfach nur peinlich sei – hier ginge es um echte Frauen! So einige Male in amerikanischen Zirkeln gehört und erlebt. Hmmm, das kann doch nicht der gemeinsame Weg sein?

      Mittlerweile, das muss ich zugeben, höre ich solche Dinge nicht mehr und sie würden mich auch nicht mehr belasten, ein Vorteil des Alters vermutlich.

  11. Danke für Deinen Artikel.
    Ich bin seit ich 10 bin oder so Opfer von Body-Shaming. Nicht wegen meines Übergewichts, auch wenn ich das mindestens genauso lange habe, sondern wegen meiner Größe. Mit fast 1,90 fühlt sich jeder bemüßigt, meine Größe zu kommentieren, wobei es mit dem Alter besser wird und meistens nur mehr so Sprüche kommen wie “Schön mal mit einer Frau auf Augenhöhe zu diskutieren.”. Und ich sage mittlerweile auch klipp und klar, wenn mich etwas stört (z.B. wenn man mit dem Finger auf mich zeigt und sagt “Du bist ja riesig.”).
    Das Gewicht – wurde nicht kommentiert, außer von meiner Mutter und meinem Freund, und die dürfen das beide. Außer jetzt, wo ich dünner werde, da scheint plötzlich jeder das Recht zu haben, darüber zu reden. Was dazu führt, dass ich sogar abstreite, Gewicht verloren zu haben (das ist das gute an meiner Größe, es ist nicht sooo auffällig, wenn man abnimmt oder zunimmt, da es viel Platz hat, sich zu verteilen).
    Ich bin aufgrund der ganzen Diskussion zugegeben etwas ratlos. Niemand wurde gezwungen, irgendetwas zu ändern oder es kam auf irgendeine Art und Weise bodyshaming von den Abnehmenden. Nur ein ehrliches “ICH fühle mich in meinem Körper nicht mehr wohl.” Und da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man ändert seine Einstellung und versucht sich in seinem Körper wohlzufühlen oder man ändert seinen Körper, so dass man sich darin wieder wohlfühlt. Und jede sollte verdammt noch mal das Recht haben zu entscheiden, welche der beiden Möglichkeiten sie wählt, ohne dass das gleich als Verrat gewertet wird.

  12. Ich gebe zu, jetzt habe ich auch gerade laut “ups” gesagt – irgendwie hatte ich dich als irgendwo bei 1,65 eingeordnet, keine Ahnung warum 😀
    Ja, und wegen der Körpergröße blöde Sprüche loszulassen, ist ja noch viel sinnvoller als es wegen des Gewichtes zu tun – sicherlich ist das als konstruktive Kritik gedacht, damit du endlich schrumpfst??
    Und du hast vollkommen recht: man kann nur die Einstellung zur Figur oder eben die Figur ändern (im Rahmen dessen, was normal und machbar ist, wir reden hier ja beide nicht vom Verlängern der Beine oder dem Aufpumpen der Oberweite). Und je weiter man in dieses Thema einsteigt, umso verwirrter kann man werden. Denn nimmt man Bodyacceptance ernst, dann geht es dabei ja nicht man nur um die eigene Einstellung, sondern man will auch die Einstellung aller anderen ändern. Diejenigen, die sich hier über ihre Abnehmwünsche ausgetauscht haben, haben das nicht getan – sie haben sich nur miteinander unterhalten und sich Hilfestellung gegeben. In der gleichen, halböffentlichen Weise, wie sich andere eben über Bodyacceptance laut unterhalten …

    Ja, ich negiere dabei mögliche Einflüsse auf eine wie auch immer geartete Gemeinschaft – ich möchte nämlich glauben, dass eine jede erwachsen und reif genug ist, sich abzugrenzen.

    Bin ich naiv?

    • Ich denke, es gibt noch einen Unterschied zwischen “den eigenen Körper zu akzeptieren” und “den Körper von anderen Menschen zu akzeptieren”.
      Wobei ich da auch einen Unterschied machen würde. Ich würde niemandem das Recht zugestehen, jemand wegen seines Aussehens (wie auch immer das geartet ist) zu diskriminieren, zu diffamieren oder als schlechten oder minderwertigen Menschen zu sehen. Aber ich muss auch das Recht haben, bestimmte Dinge schlicht und einfach nicht attraktiv oder schön zu finden. Rein für mich privat, ohne es der ganzen Welt mitzuteilen oder die Menschen, die so aussehen dafür zu verurteilen. Also z.B. meine Größe nicht attraktiv oder schön zu finden ist vollkommen in Ordnung. Es mir lautstark – ungefragt – mitzuteilen, mich deswegen mit blöden Sprüchen zu überhäufen oder mich als minderwertige Menschen zu behandeln und nicht ernstzunehmen, ist nicht in Ordnung (letzteres ist mir leider auch schon passiert). Und schon gar nicht ist es in Ordnung, die Entscheidung zu einem bestimmten Äußeren, sofern es denn eine ist – bei meiner Größe ist es ja keine – infragezustellen oder zu hinterfragen.

      • Unterschreibe jedes Wort. Ich muss auch nicht alles gleich schön finden, das liegt in niemandes Macht, aber alle gleich behandeln – und zwar respektvoll – sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

  13. Ja, unsere Normen im Kopf.. Ich glaube von 100 Frauen sind 99 mit ihrer Figur unzufrieden. Ich habe für mich selbst das Zu-Dünn-Sein nie erlebt, ich bin ja eher am anderen Ende angesiedelt aber ich kann mir gut vorstellen, dass es genauso belastend ist wie das Zu-Dick-Sein. Ha, dieses Wort “Zu” – schon wieder selbst in die Falle getappt! Wer legt die Normen fest jenseits derer man zu dick, zu dünn, zu gross, zu klein, zu dumm, zu intellektuell, zu brav, zu schrill oder was auch immer ist. Woher kommt das, dass wir immer alles an einer Skala messen müssen? Ich habe die aktuelle Diskussion bisher kommentarlos verfolgt, aber ich kann nur feststellen, dass auch die vermeintlichen Predigerinnen der Akzeptanz diese nicht haben, ganz im Gegenteil. Sie sitzen zu Gericht über andere und verurteilen sie, nur weil sie ihr Leben vielleicht anders führen möchten, als es die Predigerinnen tun. Ich habe dieses Phänomen nun schon mehrfach auch zu anderen Themen beobachtet, ganz krass ausgeprägt war es bei den missionierenden Veganern und nun scheint die Welle auf das Gewicht und das Abnehmen oder nicht Abnehmen überzuschwappen. Offenbar wird die Figur nun gleichgesetzt mit politischer Überzeugung, Dicksein ist anscheinend plötzlich ein Ausdruck von Feminismus und der Wunsch, den eigenen Körper verändern zu wollen ist ein Zeichen dafür, dass man sich irgendwie anpassen will und sich zum Sklaven der Normschönheit macht.

    Ich finde es traurig und enttäuschend, dass es überhaupt keine Toleranz mehr gibt. Wir wundern uns, wo der ganze Hass und der Extremismus herkommt? Ich behaupte: genau DAHER. Er kommt davon, dass Leute der Überzeugung sind, dass sie einzig und alleine alles “richtig” machen, dass ihre Lebensweise, ihre Religion, ihr Aussehen, ihr Kleidungsstil und was weiss ich nicht noch alles das einzig Wahre und Richtige ist und dass alle andere es FALSCH machen. Und von diesem hehren Podest der Perfektheit herunter belehren sie uns grosszügig über unsere Unzulänglichkeiten und Verfehlungen, stellen uns an den Pranger für unser Missverhalten, unterstellen uns Absichten und Überzeugungen und lehnen sich lächelnd zurück im Hochgefühl, mal wieder allen gezeigt zu haben, wie man es macht. Herrjeh, ergibt das überhaupt noch Sinn? Egal, was ich eigentlich sagen wollte: ich stimme dir zu.

    Liebe Grüsse
    Ingrid

    • Gibt alles Sinn und ich sehe dich gerade vor mir auf dem Sofa, jedes Wort genau so sagend 🙂

      Ich verstehe auch nicht, warum irgendjemand glaubt, einzig und allein richtig zu liegen – ich meine, hallo? Es ist doch klar, dass nur ich recht haben kann 😀 Oder auch nicht … vielleicht ist es auch nur eine Frage des Tons oder der Ausdrucksweise, dass manches absoluter und rigoroser und unversöhnlicher klingt, als es eigentlich gemeint war? Ach, ich weiß es auch nicht, aber ich denke ebenfalls, wenn wir uns im Kleinen schon über Blödsinn zerfetzen, dann kann die Welt gar nicht anders aussehen 🙁

  14. Als mich jemand als tapezierte Knochen bezeichnete sollte das scheints nett gemeint sein.
    Letztes Jahr habe ich leider krankheitsbedingt das letzte bisschen Reseve abgenommen und wurde anschließend von einer älteren unzufriedenen übergewichtigen Kollegin stänig auf mein sehr geringes Gewicht angesprochen. Und die zwischenzeitlich beliebte Lücke zwischen den Oberschenkeln ist unnatürlich und da sollte man doch einfach mehr essen…
    Manche können sich nicht vorstellen dass auch schlanke Menschen nicht immer Kommentare zu ihrer zu schlanken Figur und ihrem vermeintlichen asketischen Leben hören möchten.
    Komischerweise verletzt mich auch das was die letzten Tage passiert ist. Muss ich mich als schlanke Person (die sich nicht für Fettlogik interessiert) dafür schämen wenn ich es toll finde wenn jemand mit viel Willenskraft und Ausdauer Gewicht reduziert. Darf ich kommentieren dass ich es gut finde? Oder wird es mir dann gleich so ausgelegt dass ich finde dass jeder schlank zu sein hat und maximal soviel wie ich wiegen darf?
    Viele liebe Grüße
    Elke

    • Mir ist jetzt gerade richtig die Luft weggeblieben: tapezierte Knochen? Das ist an Bösartigkeit kaum zu überbieten … 🙁

      Das vermeintlich asketische Leben, ja, das geht mir auch jetzt und heute noch auf die Nerven. Und warum? Nicht nur, weil es so falsch ist und ja gleichzeitig impliziert (wenn es nicht gar direkt gesagt wird) dass man freud- und genußlos sei, sondern weil sich jemand nicht mal die Mühe macht, sich wirklich in andere hineinzudenken. Nein, zum hundertausendstenmal: wir haben in unserem Leben noch nie leidend und hungernd vor einem Cremetörtchen gestanden, weil wir es unserer künstlichen Figur wegen nicht essen durften, wir haben es uns nicht versagt. Hatten wir wirklich Hunger darauf, dann haben wir es gegessen. Basta. Aber vielleicht haben wir eben nicht zwei oder drei gegessen, weil uns sonst übel geworden wäre, vielleicht sind wir danach aber noch wie immer die vier Bushaltestellen zu Fuß gegangen, sind über die Treppe statt mit dem Aufzug hoch gelaufen oder haben nach dem Törtchen schlicht für zwei Stunden gar keinen Hunger mehr. Da ist eben jeder Mensch anders gemacht. Wir sind keine hungernden Dicke, wir sind satte und genießende Dünne.
      Was diese Diskussion anbelangt, denke ich noch immer, dass sämtliche Empfindlichkeiten zum Teil auf Mißverständnissen beruhen, aber auf beiden Seiten. Wenn du eine Bekannte/Freundin lobst, weil sie sich wirklich sehr umgestellt hat für ein Ziel, das ihr wichtig ist – dann verhälst du dich so, wie es diese Freundin braucht. Drumherum wird auch sie mehr als genug Bekannte haben, die als Mahner vor Magersucht auf sie einreden.

      Und jetzt rege ich mich doch noch einmal kurz auf: Anorexie und Bulimie sind keine Krankheiten des Körpers, es sind Krankheiten der Seele. Eine kranke Seele in einer Frau, die abnimmt – ja die mag die Diät als Mittel zur Kontrolle begreifen. Aber eine Gewichtsabnahme führt nicht in die Anorexie, es ist die Seele.

      • Ohne jetzt das fettlogik-Buch in den Himmel loben zu wollen, genau das schreibt Nadja Hermann: Dünne haben eine ander Wahrnehmung dessen, was sie essen, sie neigen dazu, die aufgenommene Nahrungsmenge zu unterschätzen und erinnern sich nur daran, heute schon ein grosses Stück Sahnetorte gegessen zu haben. Dass es aber vor 8 Stunden war, vergessen sie. Und bei Dicken ist es genau umgegekehrt, die vergessen das Stück Sahnetorte komplett 🙂
        Alles im Kopf.

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