Weitere Stilgedanken

Ich komme mit meiner gedanklich geplanten Chronologie, was ich wann anspreche, ins Schleudern, denn von euch kommen fantastische Stichworte, die mich in alle möglichen Richtungen treiben. All eure Kommentare lese ich sehr sorgfältig und bringen mich weiter, aber auch weiter weg; dann sitze ich am Heiligen Abend noch hier und versuche zum Kern zu gelangen – das will ich euch nicht antun. So habe ich mir überlegt, ich werde am Ende meiner ungemein bedeutenden Betrachtungen einen Beitrag schreiben, der eben jene Stichworte aufgreift, die so inspirierend sind. Also: gebt mir Feuer!

Man könnte sich fragen, weshalb – zum Henker nochmal! – erzählt sie mir nun nicht endlich, wo ich meinen eigenen Stil herbekomme. Oder erklärt mir, welche Listen ich abarbeiten muss. Oder warum das wichtig sein soll. Oder wie das mit dem Alltag vereinbar ist. Und welche Teile ich im Schrank haben muss.

Weil, gehe ich davon aus, dass sich manche der vielleicht stillen Leserinnen diese Fragen stellen, ich merke, wir sind noch nicht soweit 🙂 Lasst mich wie immer meinen Disclaimer einwerfen: alles nur meine Meinung und auch meine Definition bekannter Begriffe. Das soll euch anregen und inspirieren, euch die Zeit vertreiben, zum Widerspruch anregen oder bestätigen – und so zwei-, dreimal im Jahr ist es mir ein Bedürfnis, etwas zur Diskussion bereit zu stellen und nicht nur Bildchen von mir zu zeigen, wie ich kamerascheu und genervt vorm Bügelbrett stehe. Also: meine Begrifflichkeit von Stil ist nicht zwangsläufig die, die ihr in der Vogue oder der Brigitte finden werdet. Disclaimer Ende.

Über meine Unterscheidung Guter Stil – Eigener Stil habe ich schon gesprochen und für mich führt diese Unterscheidung und die erbetene ehrliche Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit – NICHT der Figur! (erstmal nicht) – zum nächsten Punkt:
Der gute Stil lässt sich mit klassischen Versatzstücken, also den üblichen weißen Blusen, kleinen Schwarzen, Bleistiftrock, perfekt sitzende Jeans in dunkler Waschung etc., erlernen; seine Quintessenz ist nach meiner Definition: Außenwirkung! Ich will mit meinem Anblick niemanden weh tun oder Angst machen, ich will keine Begeisterungsstürme einer hysterischen Modemeute hervorrufen, ich will mich in die Gesellschaft einfügen, nicht herausstechen, ich will einen angenehmen, sympathischen Anblick bieten, ich will einen gewißchen Bildungsstand und soziale Kompetenz ausstrahlen. Das nicht aus einer Gesellschaft heraus stechen ist für die gut gekleidete Dame (schreit die Auflistung nicht geradezu nach dieser Vokabel? Dame?) schwierig zu erreichen – in den meisten Stadtbildern fällt solch eine Person auf. Punkt. Aber angenehm.

Im Grunde ist der gute Stil eine Stilrichtung unter vielen, aber eben die bestimmende, der gemeinsame Nenner; es ist ein bißchen wie mit der Sprache: das Hochdeutsche ist eine Variante der deutschen Sprache, ebenso wie Bönnsch und Alemannisch und Bayrisch und Plattdüütsch – aber eben diejenige, die alle verstehen, alle irgendwie sprechen könnten und die keinem wehtut. Und beides trägt zur Außenwirkung – wie nehmen andere mich wahr? – bei. Und diese Außenwirkung ist es, die mit unserer Persönlichkeit in Zusammenhang steht: wieder kommt der ehrliche Blick in der Spiegel, bei dem ich mich fragen muss, wie wichtig mir diese Wahrnehmung meiner Person ist. Und jetzt bitte nicht gleich denken: so wichtig ist mir das nicht, wer mich nicht mag, soll halt weggucken! Das wäre nicht ehrlich. so hätten wir es gerne alle, aber gleichzeitig wollen wir doch, dass wir mit dieser Haltung als tolle Person betrachtet werden: so unabhängig, so freundlich, so gut aussehend, so individuell – hach … oder? Was soll ich sagen: da steht die eierlegende Wollmilchsau auf der grünen Wiese mitten in der Stadt und frißt grünkarierte Maiglöckchen im September.

Denn wir leben alle miteinander, helfen einander, stehen in Konkurrenzsituationen, erbitten Hilfe, gewähren sie – und das äußere Erscheinungsbild spielt immer eine Rolle (über den Umgangston haben wir schon gesprochen). Dem einen Menschen ist es wichtig, unauffällig zu bleiben, der andere will unbedingt wahrgenommen werden. Der eine ist schüchtern, der andere eine Rampensau. Bin ich nun im Grunde meines Herzens jemand, der froh ist seine Ruhe zu haben, dann werde ich mit einem exzentrischen Kleidungsstil eben das kaum erreichen können. Auch der Unterschied: lebe ich in einer vielleicht sehr engstirnigen Dorfgemeinschaft oder in dem unglaublich hippen Künstlerviertel, spielt eine Rolle. Will ich in beiden unauffällig bleiben, dann passe ich mich an, trage eben vielleicht Jeans und T-Shirt oder knallbunte Wallewallegewänder – wie meine Nachbarn. Will ich in beiden Umgebungen herausstechen, so wäre ein Kleidertausch – Wallewalle im Dorf und Jeans im Künstlerviertel – vielleicht schon die Lösung. Ihr seht: mit eurem Stil seid ihr nie alleine.

Aber in den meisten Fällen sind wir nicht so extrem, dass wir nie gesehen werden wollen oder immer auffallen müssen. Und die meisten von uns leben mit ganz normalen, netten Menschen zusammen, die die gleichen Probleme haben wie wir. Und meistens den gleichen Inhalt im Kleiderschrank. Also höchst individuell. Meist in einem Stil, der sich mit Namen kaum benennen lässt, eher schon mit Uniform: irgendeine Jeans, irgendeinen bequemen Schuh, irgendein Oberteil und irgendwas drüber. Der eigene Stil wird dann vielleicht mit einem Ohrstecker, einem versteckten Tatoo oder eher in der Einrichtung ausgelebt. Sind wir nun nicht wieder sehr, sehr traurig? 😉

Also steht nun an, neben die ehrlich betrachtete Persönlichkeit die ebenso ehrliche Antwort zu stellen: Wie sollen eure Mitmenschen euch wahrnehmen? Ist euch wirklich wichtig, irgendwie anders zu sein? Denn auch das muss man ehrlich betrachten: es gibt Menschen, die wollen nicht einmal gut gekleidet sein, weil es viel zu auffällig (geworden) ist. Es gibt Frauen, die vollkommen damit glücklich sind, ihren guten Stil zu haben. Es gibt andere, die auf alle Fälle auffallen wollen. Und wieder andere, die das vielleicht nicht wollen, aber damit leben können, damit Inneres und Äußeres deckungsgleich sind. Und alle, alle sind gleich wertvoll. Was davon wollt ihr, willst du für dich haben?

Denn der eigene Stil ist ein weites Feld: nehme ich den Guten Stil als Basis (und egal, was ich im Absatz vorher gesagt habe – das ist bei fast allen, die nähen, sticken, stricken, häkeln der Mindestanspruch 😉 ) und gebe ein theatralisch geschminktes Gesicht mit einem knallroten Ballerinaknoten im Nacken dazu – dann habe ich schon einen sehr eigenen Stil. Diese Frau begegnet mir in unserem Stadtteil alle drei Monate; ich nehme stark an, dass sie vor gut 20 Jahren auf der Bühne stand. Sie fällt auf, trotz der eher zurückhaltenden Kleidung. Oder ich nehme eine aparte (Eva, ich liebe dieses Wort auch sehr!) Frau, die immer gut gekleidet ist in edlem Kaschmir, in Anzug und Kostüm, schlicht geschminkt, Haare perfekt geschnitten und gebe ihr einen Tick mit: immer zu allem etwas Grünes dabei zu haben, weil das ihren inneren Frieden sichert. Das ist der grüne Jadering, der grüne Gürtel, das grüne Armband, ein grüner Schal – es ist nicht jeden Tag das gleiche, aber begegnet dir diese Frau täglich im Bus, bei der Arbeit, dann wird es irgendwann offensichtlich und du beginnst schon zu suchen, was es heute ist, das grüne Teil. Ganz eigener Stil. Diese Frau war eine meiner ersten Kundinnen, insgesamt eine tolle Person und sie hat sich gefreut, dass ich sie irgendwann darauf ansprach. Oder nehmen wir die große, schlanke Frau mit den aufregenden Kurven, die Tag für Tag im strengen Anzug und den flachen Schuhen stecken – aber die sehr langen blonden Haare wellen sich über Arme und Rücken und das mit der größten Selbstverständlichkeit, ohne dass ständig daran gezuppelt und gedreht wird. Ganz eigener Stil.

Der eigene Stil kann also schon in Kleinigkeiten bestehen. Aber nicht in der Idee, ich motze mein Businessoutfit einfach mit einer Tonne Modeschmuck auf – es ist die Kleinigkeit, die euch wichtig ist. Die Brosche mit der Kamee von der Großmutter, die egal, ob passend oder nicht, täglich aufgesteckt wird. Selbstgestrickte Schals in bunten Farben. Oder eben – einfach für uns eigentlich – die Kleidung, die selbsthergestellt neben der Mode oder einer Strömung herläuft. Der fünfzehnte Valeskarock ist also nur in den seltensten Fällen eigener Stil. Was er aber auch gar nicht sein muss oder will.

Ein eigener Stil kann einem aber auch aufgedrückt werden; Steffi hat es irgendwie angedeutet: falle ich körperlich aus einer Norm heraus, dann werde ich immer auch auffallen. Und damit muss ich umgehen lernen. Bin ich 1,95 groß, kann ich mit flachen Schuhen, knickebeinig und bucklich herumlaufen – ob das aber weniger auffällig ist? Bin ich sehr dünn, dann muss ich sehr lautes Getuschel ertragen lernen. Bin ich sehr dick, dann folgen mir die Blicke und jeder Bissen wird mir in den Mund gezählt. Meiner Meinung nach hilft da eben nur, nach vorne zu preschen: ich werde aus einer solchen Gabe der Natur nur selten das Gegenteil zaubern können. Auch Beschwerden in Richtung böse Gesellschaft, böse Schuh- und Bekleidungshersteller helfen mir nicht weiter: wir Menschen sind von der Natur darauf geeicht, Norm und Durchschnitt (die Gesundheit und Fruchtbarkeit widerspiegeln) schön zu finden, uns bei diesem Anblick wohl und sicher zu fühlen. Alles außerhalb der Norm bringt Verunsicherung, Ablehnung oder zumindest Neugierde mit sich. Es tut mir leid, damit müssen wir uns abfinden. Punkt. Wer betroffen ist, sollte wirklich, wirklich versuchen, daraus einen Pluspunkt zu machen, es als Herausforderung zu betrachten: Mutter Natur will, dass du auffällst 🙂

So, wie immer habe ich mich treiben lassen und das alles für eine Aussage, die sich leicht zusammen fassen ließe: Macht euch Gedanken darüber, wie ihr gesehen werden wollt. Und denkt daran, dass wir nicht das Traumbild unserer Kindheit werden wollen, sondern wir wollen als die Person gesehen werden, die wir sind. Wieviel ihr davon zeigen wollt, was davon sichtbar sein darf – das entscheidet über die Art, in der wir uns präsentieren. Bin ich eine romantische Person und möchte das zeigen, dann ist ein puristischer Look eine Verkleidung. Bin ich ein nüchterner Mensch, der schnell kühle Entscheidungen fällen muss und laufe dann in rosa Rüsche herum, so werde ich vermutlich als Heuchler wahrgenommen, der sich einschleimen will, um dann zu verletzen (Dolores Umbridge 😉 ).
Also macht euch Gedanken. Und teilt sie mit mir.

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