Wir sind alle schön. Sind wir alle schön?

Blumengruß
Sind wir nicht. Punkt. Aus. Basta. Ups – das sage ich?

Gerade fuhr ich den Gatten zur Arbeit und auf dem Heimweg sang Whitney Houston “Learning to love yourself is the greatest love of all” – ein wenig pathetisch-amerikanisch, aber durchaus nicht unverkehrt. Wieviele Frauen habe ich kennengelernt, die sich selbst nicht mochten? Das bezog sich vordergründig auf das Äußere, aber man musste nicht einmal graben, um zu erkennen, dass es meist tiefer ging. Fast immer gab es eine Unsicherheit, wie weiblich man denn sei, sein dürfe, sein müsse, sein wolle und was weiblich (=schön) denn nun eigentlich sei.
Für viele Frauen ist Weiblichkeit, besonders die eigene, sehr schwer zu definieren; es mixt sich so vieles: Die Familie, der erste Freund, die gesellschaftliche Erwartung, die gesellschaftliche Nicht-Erwartung, der Spiegel, die Werbung, das eigene Ideal, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Ängste – ja, eine ganz tolle Mischung, aus der unser sechzehnjähriges Ich jetzt mal eben schnell und ordentlich unser Selbstbild zu zimmern hat. Wir immerhin (also diejenigen über 30) hatten wenigstens nicht auch noch die Bürde, Topmodel als echte Karrieremöglichkeit einplanen zu müssen.

Wie die ideale Frau sein sollte, darüber müssen wir gar nicht erst reden; die lange Liste von schön bis erfolgreich, von Mutter bis Vamp und was sonst alles darauf gekritzelt wurde, kennen wir ja alle. Und die meisten von uns haben sicherlich schon länger beschlossen, das so nicht mitzumachen. Sich davon nicht beeinflussen zu lassen, ist allerdings schwierig – es steckt wohl in jeder Frau, sich selbst verrückt zu machen.

Nun wird ja gerne die mediale Überpräsenz von schönen Frauen für unseren Eindruck des eigenen Ungenügens verantwortlich gemacht. Oder das Schönheitsbild der Modemachenden. Oder manchmal auch die schöne Frau selbst. Und so gibt es Gegenbewegungen, die uns nun seit ein paar Jahren erzählen, wir seien alle schön. Jeder Mensch sei schön. Hmmm. Ganz ehrlich: ich bin schon einigen Exemplaren unserer Gattung begegnet, die ich ganz und gar nicht schön, sondern ausgesprochen abstoßend fand. Muss ich mich dafür schämen? Ich glaube nicht, denn in den allermeisten Fällen war es eher eine innere Häßlichkeit, die nach außen strömte, als dass ich mich an einer Hakennase gestört hätte.

Wie komme ich jetzt zu dem Thema? Ich durfte am Samstag Drehumdiebolzeningenieurin kennenlernen und da wir ihre Farben austesteten, lag ein Gespräch über das Aussehen auf der Hand; wie wichtig Blogs sein können, um Vielfalt sichtbar zu machen. Es ist wichtig, Frauen jeder Form und Farbe zu zeigen, denn sie gehören selbstverständlich zu unserem Alltag. Da ich zu den Frauen gehöre, die grundsätzlich jede Frau – oder ehrlicherweise: jede KLUGE Frau – attraktiv finden, möchte ich am liebsten, dass alle anderen das auch so sehen.

Und genau da stellte ich für mich fest: ich möchte gar nicht alle Menschen SCHÖN finden – das fände ich schade. Ich möchte, dass reine, wahre, echte, umwerfende, klassische, atemberaubende Schönheit wieder als etwas gesehen werden kann, was Freude bereitet, glücklich macht, inspiriert, anregt, Bewunderung erregt und einen dazu bringt, etwas wunderbares tun zu wollen – sie soll für mich einzigartig sein, etwas nicht alltägliches, der Glanzpunkt des Tages, der Woche, des Jahres. Ganz egal, ob es sich dabei um Pflanze oder Tier, Gebäude oder Natur, Kunst oder Mensch handelt.
Was ich für uns alle möchte, ist etwas ganz anderes: ich will, dass wir alle sehen können, wenn jemand attraktiv, anziehend, besonders ist, auch wenn dieser Mensch nicht schön – also nicht schön-schön, sondern “nur” individuell-schön ist.

Was mich beschäftigt und ärgert: wann eigentlich hat es begonnen, dass wir alle schön zu sein haben? Nicht klug, nicht freundlich, nicht begabt, nicht hübsch, nicht besonders – sondern einfach nur schön? Mal abgesehen davon, dass das langweilig ist, wenn jeder nun schön ist: wir werden unser ästhetisches Empfinden nicht davon überzeugen können, nun jedes mögliche Körperbild schön zu finden – ich denke, da haben uns die letzten Jahrtausende noch fest im Griff von wegen gesunde Nachkommenschaft und so. Und ich weiß nicht, warum, aber da fällt mir ein Satz von Heilwig von der Mehden ein – ich glaube, es war aus “Ehret die Frauen, aber übernehmt euch nicht”, ein Sammelbuch einiger ihrer Kolumnen, die ich als Mädchen wahnsinnig gern las und ich denke, ich muss dieses Buch jetzt sofort und unbedingt besorgen, also wie nun auch immer … ja, das Zitat: es geht in der Kolumne um all die wunderbaren Schönheitstipps, die Frauen in Zeitschriften und Ratgebern erhalten und in denen immer wieder stehen wird, man solle doch die Schönheitsfehler in einen Vorzug, eine persönliche Note verwandeln. Und sie fragt sich, wie das gehen solle: “Haben Sie schon einmal Raffzähne oder ein fliehendes Kinn in einen Vorzug verwandelt?” Nunja, zurück zum Thema.

Wir haben unseren Blick, unsere Möglichkeiten offenbar drastisch eingeschränkt: schaue ich mir die Vogue-Models der 50er an, so sind die noch ätherischer, noch zarter, noch unerreichbarer als jeder Wäsche-Engel im Diamanten-BH. Das hat aber, so erzählten mir Kundinnen, die in der Zeit jung waren, niemanden sonderlich verrückt gemacht oder das eigene Selbstbild angekratzt. Denn es gibt ja etwas viel wichtigeres als “nur” Schönheit: Schönheit funktioniert stumm (und wir haben bestimmt alle schon erlebt, dass manch schöner Mensch im Gespräch auf Normalmaß runter sauste).

Attraktivität aber bietet ein viel größeres Angebot:
Ein attraktiver Mensch, nein, eine attraktive Frau – Männer können das bitte für sich ausmachen 😀 – eine attraktive Frau ist doch viel interessanter. Das ist nicht nur eine hübsche Hülle, sondern eine Persönlichkeit, ein einnehmendes Wesen, ein interessanter Charakter – jemand, der einem im Kennenlernen immer mehr ans Herz wächst. Weshalb reicht uns das nicht? Weshalb sollte ich schön sein wollen, wenn ich attraktiv wählen kann? Attraktivität kommt in vielen Formen und Farben und alle können ihr Plätzchen finden. Alle, die sich selbst kennen, sich selbst mögen und sich nicht vernachlässigen – weder geistig noch optisch.

Aber vielleicht verwechseln viele Frauen Schönheit und Attraktivität? Die meisten Frauen, die ich kennenlernte und die unzufrieden mit ihrem Äußeren waren, haben sich immer verglichen: mit Schauspielerinnen, mit Models, mit Kolleginnen, mit Freundinnen – mit jeder Frau, die sie selbst als schön wahrnahmen. Und die alle ganz anders aussahen als sie selbst. Es wird immer jemanden geben, der schlanker, größer, kurviger oder blonder ist. Und es ist ganz wundervoll, in anderen Frauen Schönheit zu erkennen. Irgendwann jedoch sollte für jede Frau der Moment kommen, in dem sie in den Spiegel schaut und nur sich selbst sieht. OHNE eine andere Frau. Hier gibt es keinen Vergleich, sondern nur das eigene Aussehen und dann sollte man feststellen können, worin die eigene Schönheit besteht: vielleicht ist es bei derjenigen, die sich immer nur zu klein fühlte, genau ihre Zierlichkeit? Vielleicht sogar doch die Raffzähne und das fliehende Kinn?

Ach, wo will ich eigentlich hin? Diese Frage stelle ich mir ja öfter und wie immer lautet die Antwort: Ja, woher soll denn ich das wissen? Ich möchte die Quadratur des Kreises, die grünkarierte Maiglöckchen fressende Wollmilchsau. Ich möchte Schönheit als ein Ideal erhalten, das mich nicht einschränkt und ich möchte alle Frauen dazu bringen, sich selbst schön zu fühlen, ohne diesem Ideal entsprechen zu müssen. Kümmert euch um euch, schaut euch richtig an, seid ehrlich zu euch, pflegt euch, verwöhnt euch, lest gute Bücher und vergesst mal Neid und Eifersucht. Gönnt anderen Frauen ihre Schönheit und gönnt euch eure. Achwei, ich glaube, ich wollte eigentlich ganz woanders hin, aber wenn man schon mit Whitney Houston anfängt …

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