Wirklichkeiten

Als ich, durchfroren aus dem Regen kommend, durch den ich dank des Hundes, der nach regelmäßigem Auslauf verlangt, hindurch musste, das montägliche Haushaltschaos, welches dem gemütlich im Kreise der Familie verbrachten Wochenende geschuldetet war, betrachtete, das ich zu ordnen gedachte, empfand ich zu eben dieser Tätigkeit eine gewiße Unlust, dank derer ich mir ein Brötchen aufbuk, es belegte und mit zum Sofa nahm, auf welches ich mich niederließ, um mein petit déjeuner zu verspeisen, während ich das Fenster zur Welt öffnete, um mich an den Gedanken meiner Mitmenschen zu erlaben.

Dieser Satz diene als Beweis: nicht nur Thomas Mann kann lange und epische Sätze verfassen. Ich kann das auch. Nachdem das endlich geklärt ist, und es waren Jahre, in denen uns diese Frage, ob es möglich sei, Mann’sche Sätze in die Gegenwart zu ziehen, quälte, komme ich zum eigentlichen Grund dieses Aufsatzes. Nicht schlagen, ich höre schon auf! Also …

Beim Hopphopp-Frühstück las ich Lenas Kommentar zum Ambivalenzkleid:

Mir gefällt das Kleid so wie es ist! Ich finde auch Gürtel und Schuhe passen wunderbar dazu 😉

„Hmm,“ so dachte ich bei mir (weil ich ja, s.o., heute sehr viel denke), “ ist es nicht gar seltsam, dass ein und dasselbe Kleidungsstück an ein und derselben Frau eben soviele unterschiedliche Meinungen hervorruft, wie es Kommentare gibt?“ Denn ob hier oder auf Fb – eine jede hatte eine andere Idee dazu. Manchen gefiel es gut, wenn es nur ein wenig kürzer oder ein wenig tiefer ausgeschnitten wäre. Oder ohne Gürtel, dafür mit Stiefeln kombiniert würde. Oder deutlich länger, vielleicht mit Rüschen oder mehr Schmuck. Am besten sähe es vielleicht an einer anderen aus oder in der Tonne. Und Lena eben gefiel es so, wie es ist.

Wo will ich damit hin? Ich könnte wieder einmal darüber lamentieren, dass Fotos eben nicht die Wirklichkeit ablichten, sondern sie in ein flaches Bild verwandeln – also wahrhaftig abflachen, verziehen und verzerren und farblich dazu noch lügen. Fotos geben eine Ahnung von dem, was ist, doch nicht die Wahrheit. Da will ich aber nicht hin.

Ich könnte auch gar trefflich darüber philosophieren, in welch mißlicher Lage ich mich befände, ginge mein Streben danach, es jeder Leserin und Kommentatorin, ja überhaupt allen rechtmachen zu wollen. Wie könnte ich das Kleid kürzen und es dennoch mit einer bodenlangen Rüsche versehen, wie es zugleich bis zum Bauchnabel schlitzen und dabei viktorianischer erscheinen lassen, wie es verbannen und dennoch tragen? Wäre ich „Profi“-Blogger, hätte also ein wachsames Auge auf Werbekunden und Leser-, nein Gefolgschaft, so hätte ich am Ende des letzten Beitrages wohl fragen müssen, was ihr so davon haltet, von dem Kleid und überhaupt und sowieso  – und hätte die Antworten entweder nonchalant ignoriert oder einen zweiten Beitrag hinterhergeschoben mit einer Abstimmung in der Art von „Kürzen – Rüsche dran – in die Tonne“ und so noch einen dritten Beitrag aus dem kleinen Kleid heraus gequetscht, in dem ich das berüscht-gekürzte Kleid in der gesponserten Tonne zeige. Aber auch dort will ich nicht hin.

Worüber ich in der Tat nachdachte (ja, es ist der Tag der großen Gedanken, im Augenblick denke ich, dass es unglaublich spät geworden ist und die Treppen noch immer nicht gefegt sind, aber DA will ich erst recht nicht hin) ist der Fakt, dass Frauen unterschiedlich sind, aussehen, ticken, gucken, denken und sich äußern. Jaja, das wird uns von den einschlägigen Magazinen und Onlinejournalen auch immer gesagt: „Ihr seid so einzigartig und unterschiedlich, hurra, jubel, jubel, und ihr seid alle besonders und schön und individuell, finden wir ganz klasse, aber noch schöner wäret ihr ja, wenn ihr ein bißchen weniger besonders wäret.“ Am Ende werden wir immer wieder aufgefordert, uns zu vergleichen, unsere Problemzonen (es fällt mir schwer, diese Vokabel unkommentiert zu lassen) auszugleichen und uns letzten Endes anzugleichen. Vergleichen – ausgleichen – angleichen. Das Mantra der Zeit an die Frau. All das fiel mir ein, als ich innerhalb dreier Sekunden deinen Kommentar las, liebe Lena.

Und mittlerweile dürfte dir, liebe Leserin, klar geworden sein, dass das hier lang wird – ich selbst sehe gerade schwarz für meine Haushaltschaosbeseitungspläne – und das weitere Lesen nur mit Kaffee, Keks und Kissen zu überstehen ist. Ach, wer weiß, vielleicht bin ich auch gleich fertig, nur nie die Hoffnung aufgeben.

Als ich im letzten Jahr meinen Stil änderte – was hier im Blog vermutlich radikaler und plötzlicher erschien, als es in Wirklichkeit geschah – erhielt ich Kommentare und Mails, die das entweder sehr entschieden lobten oder ebenso entschieden betrauerten. Von manchen Linklisten wurde ich gestrichen, auf anderen tauchte ich auf. Dabei ging es nur vordergründig um Vintage oder modern: während manche vor allem den Stil sahen oder eben nicht mehr sahen, gab es andere, die persönlicher wurden – und ich gebe zu, dass ich manche Aussage als übergriffig empfand, weil ein anderes Schönheitsbild, ein anderes Weltbild dahinter stand, als es mein eigenes ist. Es ist der alte Unterschied, ob ich von langen Beinen oder einem kurzen Oberkörper spreche. Ob ich vor allem nicht-genormtes wahrnehme und ändern will oder ob ich das Gesamtbild wichtiger finde. Ja, ich weiß, das klingt irgendwie nebulös, kryptisch und ungenau. Also versuche ich es konkreter und dabei geht es nur beispielhaft um mich; mir geht es um Frauen und ihre individuelle Schönheit überhaupt.

Mein ästhetisches Empfinden war immer schon angezogen von der Kleidung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (drei Genitive hintereinander, eieieiei). Während alles von 1900-1920 aus Gründen der Beweglichkeit ausschied, boten sich die 20er-40er schon deshalb für eine Neuinterpretation an, weil in diesen Jahren die weibliche Kleidung, wie wir sie heute kennen, geboren wurde: weite Hosen, knielange Röcke, Strickpullis, Hemdblusen, Trenchcoats, Jackets – alles hat seinen Ursprung in jenen Jahren. Die Silhouetten war weiblich, alltagstauglich und elegant zugleich. Und da Mode in früheren Jahrzehnten tyrannisch waren, trugen alle Frauen, also alle Figuren, zumindest ähnliches. Nur weil eine nicht die schmalen Hüften oder die langen Beine der Modezeichnungen hatte, hieß das noch nicht, dass sie den kleinen Pulli nicht trug – es blieb ihr gar nichts anderes übrig, wollte sie nicht nackt und bloß gehen. Und mit genau diesen Gedanken ging ich auch an die Verwirklichung meiner eigenen Vintagegarderobe: weshalb sollte ich mir dieses oder jenes verbieten und verwehren, nur weil mein von der Natur gegebenenes Becken breiter war als das manch anderer Frau? Weshalb sollte ich deswegen meine schmale Taille, die wiederum manch andere vielleicht gerne gehabt hätte, umspielen? Wieso, weshalb, warum sollte ich nicht einfach tragen dürfen, was mir im Gesamtbild – auch an mir selbst! – gut gefiel, nur weil damit etwas betont wurde, was als Makel galt und gilt? Weshalb sollte ich das von anderen Frauen erwarten? Weshalb muss das dicke Mädchen ständig mit aufgeknöpftem Decollete erscheinen, nur weil ihr eingeredet wird, dass diese Partie das einzig Schöne an ihr sei? Weshalb muss die Dünne sich in gepolsterte Daunen hüllen, damit andere sich nicht an ihren spitzen Ellebogen stoßen?

Natürlich blieb ich auch nicht unberührt, wenn immer mal wieder jemand meinte sagen zu müssen, dass ja also gerade dieses Outfit, dieses ganze Vintagezeugs so gar nichts für mich und meine Hüften sei und dass das meinen kurzen Oberkörper noch weiter quetschen würde und dass das alles grundfalsch sei. Es gab dann Teile, in denen ich mich nicht mehr so recht wohlfühlte, bis eine Freundin vielleicht genau darüber in Begeisterung ausbrach, weil wow, was hast du Kurven, oh, das ist soo weiblich, mönsch, was ist das toll an dir. Und beide hatten recht, nur sind die Blickwinkel, das, was ihnen selbst wichtig ist, unterschiedlich. Für die Freundin oder den Gatten waren meine Hüften kein Schönheitsfehler, sondern schlicht schön und was könnte schöner sein, als das Schöne zu betonen. Für die Kritikerin waren sie eben nicht schön, sie störten ihre Ästhetik, ihren Blick auf mich – genau das ist auch, was die klassische Stilberatung ausmacht, was Grundlage all der Frauenjournale und Onlinemagazine ist. Wieder das Vergleichen – Ausgleichen – Angleichen. Wir hatten darüber schon einmal beim wunderbaren Kleiderschrank gesprochen und statt meiner Hüften boten sich Lotties schöne, starke Schultern zum Beispiel an. Wenn wir alles tun, um unsere Körper mit seinen Proportionen in eine einzige Schablone zu quetschen – Sanduhr: Schultern, Busen und Hüften in etwa gleich breit, Taille deutlich, dazu aber bitte schlanke Arme und Beine, nicht zu lang, nicht zu kurz, Busen groß, aber nicht gewöhnlich, Hals zart und nicht zu lang, etc. etc. – dann können wir nicht zeitgleich für mehr Vielfalt in der Schönheit sorgen. All das Gerede von Einzigartigkeit und Besonderheit und Individualismus: für die Katz, wenn wir immer nur daran arbeiten, unsere Schultern zu polstern oder zu verbergen und Busen kleiner oder größer zu quetschen.

Ja, holla, ich bin doch ein wenig weiter vom ursprünglichen Weg abgekommen, ich ärgere mich mal wieder vor mich hin. Dazu habe ich heute morgen vor dem Gang in das nasse Draußen noch in für mich fremde Blogs geschaut, die unglaublich viel von all diesen Stilregeln halten, tendenziell belehrend dozieren und es fertig bringen, zeitgleich Ausrufezeichen en masse zu verstreuen und dennoch behaupten, viel für Wohlbefinden und Schönheit und INDIVIDUALISMUS zu tun. In all meinem Zynismus erwächst in mir der leise Verdacht – genährt durch viele Quellen – ich sei am Ende doch ein naives Lämmchen, das einfach nicht glauben will, was so offensichtlich wahr sein muss: der Mensch will starre Regeln und wir Frauen noch viel mehr. Wir wollen partout eingeengt und eingeschränkt sein, wollen von anderen gesagt bekommen, was wir wann wie und wo zu tragen oder nicht zu tragen haben. Und nur ihr und ich, wir kleines unbeugsames Grüppchen, wir stellen uns gegen die Heerscharen des Cäsars und haben Angst, dass uns der Himmel auf den Kopf … ach nein, das ist eine andere Geschichte.

Nun hat dieser unbedingte Freiheitswille, mein ganz persönlicher Wunsch, dass alle Frauen sich schön fühlen mögen und durch dieses wunderbar-warme Gefühl zu besseren Menschen werden, die auch allen anderen nur das Beste wünschen (wow, dieser Zynismus ist wahrlich triefend – mäh, mäh, mäh, ich bin doch ein Lämmchen), nun das alles hat auch eine Kehrseite. Die sich immer dann zeigt, wenn ICH auf ein Bild oder eine Wirklichkeit draußen auf der Straße treffe, die meinem ästhetischen Empfinden zuwider laufen. Bin ich also eine Heuchlerin, so frage ich mich selbst gequält? Sollte sie nicht anziehen dürfen, was sie mag? Bin ich denn nicht verpflichtet, sie darin schön zu finden und ihr Lob auszusprechen? Eines, das nicht in so zweischneidigen Aussagen gipfelt wie „Na du kannst das ja tragen …!“? Ein moralisches Dilemma, zumal ich ja bei Farbberatungen auch durchaus einmal in die Stilberatung hineinrutschte. Tja, da habt ihr mich erwischt, oder? Kann es etwa sein, dass auch ich, die Frauen grundsätzlich wohlgesinnt und ihnen gegenüber neidfrei ist, am Monitor sitze, mit Entsetzen in den Augen und hysterischem Lachen in der Kehle? Rufe auch ich einmal aus, dass das dort vor mir scheußlich ist, grauenvoll und unfassbar? Zweifele ich anderer Frauen Geschmack etwa auch mal an?

Öhm. Ja. Kommt vor.

„Das Publikum stöhnt entsetzt auf, die hintere Reihe strömt dem Notausgang zu, Rufe werden laut, Tomaten fliegen“

Selten zwar, aber dann kurz und heftig. Und dann schaue ich mir das Ganze genauer an. Oft komme ich zur Erkenntnis, dass es eben nicht die Figur der Trägerin ist, sondern die Aussage der Kleidung, die so gar nicht zur – von mir so wahrgenommenen! – Persönlichkeit der Trägerin passt. Vielleicht ist es die Farbe, die der Trägerin den Krieg erklärt hat, vielleicht ist es einfach eine Zusammenstellung, die mich nervös und unruhig macht. Aber nie ist es die Frau selbst, der ich vorwerfe, sich nicht angemessen „ausgeglichen“ zu haben. Ganz klar, es gibt Kleidung, in der wir toll aussehen und andere, die das nicht schafft und natürlich streben wir nach der Kleidung, die uns schön macht. Doch da Schönheit im Auge des Betrachters entsteht, ist das eben unterschiedlich. Wenn eine Frau ihren kleinen Busen sehr mag und betont, dass dort eben nichts wogt und bebt, dann findet sie sich schön. Diejenige aber, die viel Busen für das einzig Wahre hält, wird nichts Schönes sehen und ihr raten, doch mal ein wenig mehr Watte zu verwenden oder lieber ihren Po zu betonen, da wäre wenigstens was dran.

Wenn wir ernsthaft erreichen wollen, nicht mehr nur ein Schönheitsideal zu sehen, dann müssen wir offener werden, uns von engen Regeln verabschieden und neue Regeln erstellen, die uns mehr erlauben. Regeln, die mehr Empathie verlangen, Regeln, die uns die Wahl zwischen verbergen und betonen lassen, Regeln, die ohne Ausrufezeichen auskommen. Ein Kleidungsstück, das die Figur zeigt, wie sie ist, sollten wir nicht als entstellend wahrnehmen, nur weil es eine Besonderheit NICHT verbirgt. Ein Kleidungsstück, das uns so aussehen lässt, wie wir aussehen wollen, hat seine Berechtigung. Nur ein Kleidungsstück, das unseren Körper zu etwas macht, was wir  nicht sind und nicht sein wollen – das gehört in die Tonne. Wieder nebulös, nicht wahr? Nochmal konkret:

Ein Kleid, das die Figur umspielt und zeigt, wo Bauch und Po, Busen und Hüfte sind, auch wenn die Hüfte schmal, der Bauch rund ist – weshalb sollte das nicht schön sein, wenn wir zu dem stehen, was wir so haben?

Ein Kleid, das die gleiche Figur ein wenig formt, weil ich eben meinen Bauch nicht so sichtbar präsentieren will, das mit dem Ausschnitt den Blick lenkt oder mit dem Schnitt den Po hebt – wenn ich genau das will und mich darin stark und schön und sicher fühle, dann ist es ein perfektes Kleid.

Ein Kleid, das den Körper einschnürt und verformt, den Busen wegdrückt und den Bauchnabel abzeichnet, das mich quetscht und das verrutscht und Dellen formt, die es nicht gibt – das macht jede und immer häßlich. Hinfort mit dem Miststück.

Das sind meine Regeln: alles, was mich schöner macht, alles, was die Wahrheit zeigt, darf bleiben. Alles, was mich entstellt, fliegt raus. Aber schaue ich mir Zeitschriften an (und ich habe zu Recherchezwecken über den Sommer viele, viele gelesen), dann zählt nur das Verschönern, denn so, wie wir sind, sind wir niemals gut genug, es gibt immer was zu tun. Ich habe das gründlich satt. Können wir nun bitte endlich auf die Barrikaden gehen?

 

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3 Kommentare

  1. wahrhaftig herrlich. Selten so viel Spaß beim lesen gehabt, Tomaten gibt es keine. Schönen Bogen hast Du zwischen Freiheit und Aussehen geschlagen – das Thema wäre eventuell einer weiteren Vertiefung würdig.

  2. Ein guter Text – schlau und reflektiert. Deshalb komme ich hier immer wieder gerne vorbei – egal, ob vintage oder modern .

  3. Großartiger Text. Das Lesen hat Spaß gemacht und ich habe mich in einigen Stellen wiedererkannt. Lg Mathilda

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