Vor etwa einer Vier­tel­stunde fand ich in unserem Brief­kasten einen Som­mergruß. Einen, über den ich mich sehr, sehr freue:

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Liebe Anne,

ich stimme nicht ganz zu: zwar mag dein Geschenk nach unseren Plau­de­reien der letzten Tagen nicht ganz über­ra­schend gekommen sein, aber niemals hätte ich damit gerechnet, dass du mei­net­wegen nun auch noch los­läufst und nur für mich mehr von diesem herr­lichen Stoff besorgst. Ich bin ganz beschämt und gerührt und freue mich wie eine Schneekönigin!

Ich danke dir von Herzen und werde mich anstrengen, deinen For­de­rungen gerecht zu werden. So lieb von dir, you made my day!

  

Ich habe keine Ahnung, wirklich keine Ahnung, wie ich das gemacht habe. Naja, eine Ahnung viel­leicht doch, aber das ist mir noch nie passiert:

Jedes Teil dieses Mantels — jedes, ernsthaft — hat eine andere Länge als das daneben. Das Problem liegt als erstes mal am Schnitt, den ich am Sonntag gebaut habe. Am grau­blauen Versuch stellte ich fest, dass ich viel zu viel Weite habe und außerdem einen zu großen Hals­aus­schnitt hatte. Das habe ich am Grund­schnitt geändert — Mini­mi­niän­de­rungen, der Taillen– und Hüfthöhe kaum betraf (ich habe alles gleich­mäßig höher gesetzt). Und dann habe ich am letzten Sonntag, bei herr­lichstem Wetter drinnen sitzend mit Schmerz­ta­bletten und Wärm­flasche, den Schnitt für den Mantel erstellt.

Es stellte sich gestern heraus, dass ich dabei eine Linie irr­tümlich als meine Saum­linie ansah und so den Vor­der­teilen mal eben 10 cm zu viel spen­dierte. Wodurch — da ich die Weite am Saum zugab — das Vor­derteil auf der rich­tigen Länge nun weniger weit ist als das Vor­derteil. Darüber durfte ich mich schon mal ärgern und mich heute an die not­dürftige Änderung begeben. Hmm, ja …

Irgendwie war das alles noch nicht so richtig rund und schön und sah selt­samst vorm Spiegel aus. So zwang ich das große Kind, mir rundum Taille und Hüfte mit Nädelchen zu mar­kieren und den Saum abzu­pusten. Aus zehn Längs­teilen besteht der Schnitt — also fünf Schnitt­teilen, die alle nach­ge­messen und über­abeitet werden müssen. Und eigentlich müsste der Grund­schnitt doch einmal bis zur Hüfte pro­be­genäht werden — hätte ich noch Pro­be­stoff im Haus. Außerdem muss ich den Stoff wohl an der einen oder anderen Stelle aus­ge­bügelt haben; anders kann ich mir die massiven Län­gen­un­ter­schiede nicht erklären. Was das Anpassen des Papier­schnittes nicht leichter macht, denn was weiß ich, wo es stimmt und wo nicht?

ABER: dafür ist der Sitz ansonsten deutlich besser. Ich hatte beim Grau­blauen den Papier­schnitt nach­ge­messen und fest­ge­stellt, dass ich statt der gewünschten 6 cm rundum der Taille 11 und der Hüfte 13 mehr spen­diert hatte. Weil ic die Zugaben im Grund­schnitt mal eben igno­riert hatte. Die nun, da ich schon wieder abge­nommen habe, sowieso völlig unnütz sind. Hurra, so macht das richtig Spaß und näh­tech­nisch ist dieses Jahr die größte Her­aus­for­derung überhaupt. Könnte ich drauf ver­zichtet haben …

Ich habe — mutig, mutig — die 6 cm an der Brust behalten und die Taille auf 5 cm redu­ziert, ebenso die Hüfte. Fühlt sich besser an und sollte auch mit dem Futter noch passen, zumal ich auf den Bildern noch einen dicken Gürtel drunter habe. Farbe stimmt nicht, aber das ist egal heute.

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Der Blitz war sehr, sehr hell; ich sehe jetzt noch Sternchen. Details werden alles ver­schluckt, aber in Wirk­lichkeit schmiegen sich die Tei­lungs­nähte sehr schön an, der Stoff fällt sehr glatt und fal­tenfrei nach unten — das ist schon mal das Plus. Aller­dings sind beide Vor­der­seiten ver­schieden lang, was mich extrem irri­tiert und unlustig stimmt, weiter zu machen. Die Taschen würde ich so nicht mehr machen und die fehlende Weite ärgert mich ebenfalls.

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Wie man sieht, bringt mein regel­mä­ßiges Fit­ness­training nicht viel; ich bleibe krumm. Aber hey, schnitt­tech­nisch bin ich weiter, denn diese Kurven — vorne wie hinten — nehme ich mitt­ler­weile spielend.

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Da ich den Rücken weiter gelassen habe — damit Strick­jäckchen darunter passen — und die Schul­ter­partie nocht keine aus­rei­chende Unter­stützung hat, wirkt der Rücken noch immer ein wenig zu lang. Das muss so, Punkt. Nur den Abnäher, den ich aus dem Arm habe kommen lassen, werde ich im Schnitt noch ein wenig breiter nehmen, da kann noch was weg.
Und dann muss ich mich ent­scheiden, ob ich die Weite vom hinteren Rockteil so erhalten und auf die Vor­der­seite über­tragen will oder anders­herum. Nachdem dieser Mantel ja nur so halb geliebt werden wird, gebe ich natürlich nicht auf und mache mich irgendwann in diesem Jahr gleich an den nächsten.

Kragen muss auch neu kon­struiert werden; den runden ersten Versuch mag ich nämlich auch nicht zu sehr. Schon gar nicht zur Nichtfrisur.

  

Seit etwa zwei Wochen gehe ich mit einem Beitrag zum Thema schwanger; immer wieder formen sich (Ab)Sätze, Gedanken und Tiraden, während ich nähe, koche, spa­zieren gehe. Viele unter­schied­liche Stränge, doch bis jetzt morgens früh um fünf ver­wei­gerte ich mich dem Wunsche des Ver­standes, das auch bloggen zu wollen. Wohl­wissend, dass das lang und aus­ufernd werden könne. Aber nun bin ich seit anderthalb Stunden wach, statt Minusch liegt nun Momo schnurrend auf mir und was sonst soll ich mit dieser geschenkten Zeit beginnen?

Nun bin ich ja grund­sätzlich und seit wenigstens 38 Jahren Femi­nistin — bevor ich 8 war, kannte ich den Begriff nicht. Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Handvoll Auf­kleber, die– auf welchen Wegen auch immer — bei uns gelandet waren und die ich meinem kleinen Bruder auf sein Bett klebte. Auf jedem waren Bilder von Frauen bei einer Haus­arbeit, während ein Mann sinnlos im Hin­ter­grund umher­lun­gerte. Diese Auf­kleber waren rund, bunt und oben und unten beschriftet: "Sei im Haushalt nicht nur Pascha, sondern Partner."
Ich fand es ziemlich unge­recht, dass immer nur ich beim Abspülen und Abtrocknen helfen musste, mein Bruder nur an Ostern und Weih­nachten. Bis er eine Gabel zu Boden fallen ließ.
Da formte sich in mir zum ersten Male bewußt heraus, dass das nicht richtig sein konnte. Gut, ich half im Haushalt angeblich nur, weil ich die Große und die Kluge war und er noch zu klein. Daran änderte sich aber selt­sa­mer­weise nie etwas und bei all meinen Freun­dinnen, so eben­falls mit kleinen Brüdern geschlagen, war das ähnlich.

Aber auf meine per­sön­liche Erwe­ckungs­ge­schichte will ich gar nicht hinaus (obwohl es spannend wäre, von anderen zu hören, wann sie für sich ent­deckten, den gleichen Wert wie männ­liche Wesen zu haben). Sondern auf zwei andere Aspekte:

Was alles ist Femi­nismus und was nicht?
Und weshalb spielt er für uns alle überall eine viel größere Rolle, als manche denken?

Ent­zündet hatte sich mein aktu­elles Grübeln und meine momentane Wut an einem Abschnitt eines Artikels aus der FAZ; es ging um eine Jauch-Sendung, die ich grund­sätzlich wegen Anti­pathie nicht mehr schaue. Es ging um Isla­mismus und um den Auftritt eines Imams, der die Sendung wohl an sich gerissen haben musste. Im Grunde war es die pure Lan­ge­weile, die mich dazu einige Artikel nach­lesen ließ.

Und dann ent­flammte mein gerechter Femi­nis­tin­nenzorn durch diese Passage, die wohl nur ein Mann hatte schreiben können:

… Nur meinte Jauch in diesem Frau­enbild eine Ver­fas­sungs­wid­rigkeit im Sinne der FDGO fest­stellen zu müssen. Nur ist die katho­lische Kirche ein Ver­fas­sungs­feind, weil sie das Recht auf freie Berufswahl für Frauen ein­schränkt? Es ist wirklich grotesk, wie mitt­ler­weile gewisse gesell­schafts­po­li­tische Über­zeu­gungen zur ver­pflich­tenden Leit­linie für alle gemacht werden sollen. Das geringste Problem am mili­tanten Isla­mismus ist wirklich sein reak­tio­näres Frauenbild.

Ich lasse das jetzt mal so stehen und komme später, hof­fentlich fäden­ver­knüpfend und schläfrig, darauf zurück. Viel­leicht nehmt ihr euch eine Sekunde Zeit, um eure eigenen Gefühle beim Lesen dieses Zitats zu erforschen.

Vor einigen Monaten startete eine per­sische Jour­na­listin im Londoner Exil eine Aktion über Facebook, die es inter­na­tional bis in die Presse geschafft hat und die in diesem Moment 675.608 likes hat: My stealthy freedom.
Schon alleine in Erin­nerung an eine meiner liebsten Mit­schü­le­rinnen zu Aus­bil­dungs­zeiten — klug, warm­herzig, gebildet, schön und persisch — und auch wegen all der wun­der­baren Mus­li­minnen, die ich kennen durfte und denen ich nahe war/bin, gehört mein like dazu. Und es ist mir Ehre und Freude zugleich, den dort erschei­nenden Bildern meinen Daumen zu schenken und besonders nahe­ge­hende Texte zu teilen.
Auf dieser Seite geht es darum (falls eine von euch noch nichts davon gehört haben sollte, denn allzu großes Aufsehen hat es hier in der Presse nicht gegeben), ira­nische Frauen ohne ihren auf­ge­zwungen Hijab zu zeigen. Bilder, die heimlich auf­ge­nommen wurden; per Selbst­aus­löser, von Freun­dinnen, vom Ehemann, vor bedeu­tenden Gebäuden, mitten in der Stadt, auf dem Lande, tags wie nachts. Manche Frauen zeigen sich groß, klar und frontal, manche von der Seite und vor­sich­tigere von hinten. Und immer wehen die Haare frei im Wind, erzählen sie von ihren Wünschen, Hoff­nungen und Sehn­süchten. Vom Traum, im Meer baden zu dürfen, unbe­helligt durch ihre Heimat gehen zu können, von der Zukunft der kleinen Tochter.

Diese Seite, diese Jour­na­listin, diese Frauen werden von allen Seiten ange­griffen und der in meinen Augen hin­ter­häl­tigste und gemeinste und dümmste Angriff lautet, ob diese Frauen (Weiber, Tussis, Spat­zen­hirne) denn nichts Wich­ti­geres als ihre Kleidung hätten, um sich darüber auf­zu­regen, um sich dafür zu enga­gieren. Zack.

Und da sind wir wieder beim obigen FAZ-Zitat. Frau­en­fragen können schlicht nicht das Wich­tigste sein. Erschöpfen sich offenbar ja eh nur in Äußer­lich­keiten, Eitel­keiten und Bana­li­täten. Hallo, wir haben eine Ebola-Epidemie, Isla­misten bedrohen die freie Welt, die Kon­junktur zieht nicht stark genug an und die Bahn streikt und die Frauen haben nichts Besseres zu tun, als über Kleinkram zu nörgeln? Es geht um die Menschheit, nicht um Rock­längen! Und jetzt durfte so eine welt­ver­bes­sernde Jung­schau­spie­lerin auch noch vor den Ver­einten Nationen über so ein Zeugs reden? Kein Wunder, dass wir das mit der Frau­en­quote noch mal ver­schieben müssen — die Weiber sind einfach nicht reif fürs wahre Leben! So!

Es wäre mir sehr lieb, wenn die­je­nigen, die noch dran geblieben sind, nochmals ihre eigenen Gefühle sor­tierten und ehrlich überlegen, ob sie nicht — auch als Frau — ähnliches gedacht haben? Ich schweife nochmals ab und lasse mein rotes Fädchen hier in euren Händen liegen; ich hole es gleich wieder ab.

Schaue ich mir meine vier engsten Freun­dinnen an, so sehe ich zwei, die ganz klar für sich in Anspruch nehmen, Femi­nis­tinnen zu sein. Übrigens sehen das die dazu­ge­hö­rigen Ehe­partner für sich selbst ähnlich — sie sind Femi­nisten, ganz so, wie Miss Watson es sich mit ihrer Kampagne HeForShe wünscht. Für diese beiden Frauen hat sich die Frage nie gestellt; beide sind enga­giert in allem, was sie tun, beide sind deutlich arti­ku­liert in ihrer poli­ti­schen, reli­giösen und gesell­schaft­lichen Meinung und beide wollen das Beste für alle Menschen,
Schaue ich meine anderen beiden Freun­dinnen an, so scheint das Thema Femi­nismus erst mal keines zu sein — keines, über das man sich die Köpfe heiß redet. Beide sind sehr feminine Frauen mit Spaß an Kleidung, Filmen, Büchern, beide bewäl­tigen einen Alltag mit Kindern, Teil­zeitjobs, Haushalt und dienst­rei­senden Ehe­männern. Sich als Femi­nistin zu bezeichnen, quasi beim Ken­nen­leren, kann ich mir für beide nicht vor­stellen. Bei den beiden anderen durchaus.

Nun wollen wir aber mal weiter schauen, denn welch Über­ra­schung: Frauen neigen ja dazu, viel­schichtig und kom­pli­ziert zu sein und darüber hinaus dunkle Geheim­nisse zu hüten. Meine beide erkenn­baren Femi­nis­tinnen inter­es­sieren sich genauso fürs Hand­ar­beiten, für Mode­ge­schichte und für leckeres, selbst zu kochendes Essen wie sich die beiden Femi­ninen gegen miß­ver­ste­hende Kollegen, falsche Ansprüche anderer an sie und Ungleich­be­handlung zur Wehr setzen. Der Unter­schied liegt nur in einem — und das ist etwas, was ich bei so vielen Frauen sehe! — Punkt begründet: während die Femi­nis­tinnen das Wort an sich ("Femi­nistin") als wertfrei betrachten, tun sich die anderen beiden damit viel­leicht etwas schwerer.
Denn dieses Wort ist über die Jahr­zehnte durchaus absichtlich von einer kleinen, men­schen­feind­lichen Clique von ewig Gest­rigen gleich­ge­setzt worden mit einer Art män­ner­feind­lichem Kampfhuhn, das aus Frus­tration über das eigene unat­traktive Äußere und die eigene geistige Min­derheit nun Lärm schlägt und Probleme schafft, wo doch eigentlich alles in schönster Ordnung war. Die Femi­nistin als Kari­katur einer Frau, die nicht in der Lage ist, Kerle abzu­schleppen und sich in einem Job hochzuschlafen.

Und so höre ich immer wieder Frauen in tiefster Über­zeugung von sich sagen:
"Femi­nistin — bin ich nicht. Femi­nismus — damit habe ich nichts zu tun. Alice Schwarzer — betrifft mich nicht. Ich mag Männer und ich schminke mich gerne und ich bin zufrieden mit meinem Leben."

Hmmm, meist nicke ich nur oder sage viel­leicht noch, dass ich unter Femi­nismus etwas anderes verstehe, aber weil ich nicht den Eindruck erwecken möchte, ihr nun streit­süchtig ihr Leben zer­stören zu wollen, unter­lasse ich jede ernst­hafte Dis­kussion. Wahr­scheinlich auch, weil ich nach all den Jahren so vieler Dinge müde geworden bin, mein poli­ti­sches Enga­gement sich auf die Teil­nahme und Wei­tergabe durchaus wich­tiger, aber keinen kör­per­lichen Einsatz for­dernder Onlineak­tionen beschränkt. Was übrigens ein Weg ist, den man doch leicht gehen könnte, wenn man sich für mehr als nur sich selbst inter­es­siert — das nur mal nebenbei.

Aber ich denke, dieses Wort — Femi­nismus — müssen wir zurück­er­obern. Denn was ist eine Femi­nistin?
Das ist nicht nur Alice Schwarzer (deren Verstand und Mut und Schreibe ich per­sönlich sehr schätze und genieße und dennoch nicht immer ihrer Meinung bin — das geht :-D ). Das ist nicht nur die aka­de­misch Gebildete, die sich elitär und etwas von oben herab mit den Pro­blemen anderer Frauen beschäftigt, die sie selbst nicht (mehr) hat und die gerne mal bei der von ihr Belehrten Unwillen erregt. Das ist auch nicht die Jour­na­listin, die eher schlecht als recht schreibt und sich als Feindbild die Sel­ber­ma­che­rinnen aus­ge­sucht hat (ja, der Brigitte-Rant — aber mal ehrlich, was kann man von DER Zeit­schrift schon anderes erwarten?). Eine Frau, die andere Frauen dermaßen ein­di­men­sional wahr­nimmt, eine Jour­na­listin, die sich mit der gezeigten Ober­fläche als Wahrheit zufrieden gibt, ist nicht wirklich eine Feministin.

Eine Femi­nistin ist eine Frau, die glaubt, weiß, dass eine Frau und ein Mann den gleichen Wert haben. Die für beide die gleichen Chancen möchte und die will, dass beide ihr Leben so gestalten können sollten, wie es ihnen ent­spricht. Und sie ist eine Frau, die nicht nur Frauen in Füh­rungs­po­si­tionen oder Frauen in soge­nannten Män­ner­be­rufen als adäquate und ernst­zu­neh­mende Gesprächs­part­nerin akzep­tiert; die andere Lebens­ent­würfe nicht ver­teufelt, auch wenn sie nach außen wie das gelebte Rol­len­kli­schee erscheinen müssen. Es geht darum, dass Frauen die gleichen selbst­ver­ständ­lichen Rechte haben wie jeder Mann und darum, dass auch Männer ein freieres und selbst­be­stimm­teres Leben führen können sollten. Wo Frauen nicht sie selbst sein dürfen, kann es auch der Mann nicht. Wo Mädchen keinen Freund haben dürfen, haben Jungs keine Freundin. Simpel, nicht wahr?

Ich gehe davon aus, dass die meisten von euch das so unter­schreiben könnten. Und Schock: Lie­belein, auch mit deinen blut­roten Lippen, dem glän­zenden Haaren, den hohen Schuhen — nun bist du eine Femi­nistin. Eine, die dieses Wort zurückholt aus seiner Ver­teu­felung. Schnucki, mit deinem gepflegten Eigenheim, deiner ent­zü­ckenden Kin­der­schar, dem reisenen Gatten und dem Zweit­wagen — wenn du für deine Tochter jede Wahl­mög­lichkeit möchtest, dann bist du eine Femi­nistin und befreist das Wort von seinen Zwängen. Sehr verehrte Vor­stands­vor­sit­zende, mit deinem Busi­ness­anzug, dem Teil­zeit­ge­liebtem und deiner Ver­achtung für Tussis — wenn du es hast schaffen können, dann glaube nicht, du wärest die Ausnahme unter all den anderen Frauen, sondern sag es allen, die es wissen wollen: Frauen können das, denn du bist eine Femi­nistin, die es allen gezeigt hat.

Und jetzt hole ich mir mein rotes Fädchen wieder ab.

Hier in Deutschland schreibt also ein Mann, dass das reak­tionäre Frau­enbild das geringste Problem des mili­tanten Islams sei. Ich nehme an, er denkt, der Mili­ta­rismus, die Bru­ta­lität, die Bedrohung des Westens seien wesent­licher? Und er hält Frau­en­fragen eh für unnötig?

Dann möchte ich eines sagen (und das mag pathe­tisch werden, ich bin in Fahrt, in Rage und ich sollte schlafen) : dieses Frau­enbild bedeutet was konkret?

Es bedeutet, dass ein Mann seiner Mutter, die ihn unter Schmerzen und Freude geboren hat, nicht genügend Kraft zutraut, um ihr Leben ohne Hilfe zu führen. Und dass sie nicht darüber ent­scheiden sollte, wie oft sie ein Kind zur Welt bringen sollte.

Es bedeutet, dass ein Mann seiner Schwester nicht die gleichen Frei­heiten zubil­ligen will, die er sich nimmt.

Es bedeutet, dass ein Mann von seiner Frau selbst­ver­ständlich jede Dienst­leistung erwartet, die er für sein Recht hält, eine wider­standslose Erfüllung der soge­nannten ehe­lichen Pflichten und sie ein Leben führen lassen will, das von seiner Laune, seinem Gut­dünken abhängt.

Es bedeutet, dass ein Mann seiner Tochter ein unfreies Leben wünscht und sie als min­der­wer­tiges Gut ansieht.

Es bedeutet, dass dieser Mann für die Menschen, die ihm am nächsten stehen, keinen Respekt, keine Liebe, keine guten Wünsche hat. Wie kann ich erwarten, dass er diesen Respekt, diese Liebe und diese guten Wünsche für Menschen auf­bringt, die ihm nichts bedeuten? Wie kann ich von ihm Zurück­haltung, Nächs­ten­liebe und Mäßigung erwarten, wenn er all das nicht für die Frauen in seinem Leben auf­bringen kann? Wie er sich diesen Frauen gegenüber verhält, ist Maßstab für sein Ver­halten der Welt gegenüber.
Wer jetzt noch sagen kann, dass die Art, wie Frauen ihr Leben zu führen haben — EGAL, wo in der Welt, unter welcher Regierung, welcher Religion! — nichts mit der Art zu tun hat, wie die Welt nun einmal ist — der ist ein Ignorant und Egoist. Ihm ist egal, dass der einen Hälfte eines Volkes die Betei­ligung am täg­lichen Leben und Erleben abge­sprochen und als unmündig ange­sehen wird. Und dass die andere Hälfte eines Volkes dadurch ohne ein normales Mit­ein­ander, ohne erste große Liebe und ohne Respekt vor Schwä­cheren und Anders­den­kenden auf­wachsen könnte.
Da aber Männer — offenbar entgegen der Meinung mancher mäch­tiger Männer, die meinen, Gewalt und Gefahr dadurch bannen zu können, in dem sie Frauen unsichtbar machen — keine wil­len­losen, trieb­haften Tiere sind, sondern fühlende, denkende, träu­mende, wün­schende, liebende Menschen sind mit Hoff­nungen auf eine bessere Zukunft, funk­tio­niert die Welt noch immer irgendwie. Und so können im großen Gefüge Men­schen­rechts­fragen nach wie vor als das unwe­sent­liche Detail "Frau­en­frage" abgetan werden.

So bekommt die ira­nische Frau­en­be­wegung eine ganz andere Bedeutung: in einem Land, in dem Frauen noch nicht einmmal ent­scheiden dürfen, wie sie vor die Türe treten, in dem sie mit kör­per­licher Gewalt und Gefäng­nis­strafen rechnen müssen, wenn sie ohne Hijab außerhalb ihres Hauses ange­troffen werden, ist das ein enormer und mutiger Schritt, der dem Regime (oder sprechen wir hier diplo­ma­tisch und bezie­hungs­auf­bauend von einer Regierung?) ganz und gar nicht gefällt, denn diese Aktion bringt einiges ins Wanken.
Stellt es euch doch einmal wirklich und intensiv vor: Wir hier bloggen über unsere Kleidung, zeigen uns sogar im Bade­anzug, füllen Seite um Seite mit unserem Ver­gnügen am Sel­ber­machen, am sich Anziehen, genießen unsere Vielfalt, unsere Auswahl und (ja, das muss jetzt noch mal sein, um es deutlich zu machen, sorry) und die meisten mögen sich dabei aus vielen Gründen nicht mit Gesicht zeigen. Dort sind Frauen, die all das nicht können, die sich ver­stecken müssen und sie zerren sich das Tuch vom Kopf und zeigen sich trotz der Gefahr. Das ist keine Klei­nigkeit, das ist eine Bewegung mit Macht und Kraft und Bedeutung.
Und es sind, das freut besonders, nicht alleine Frauen, die sie unter­stützen — es sind Männer, Iraner, die sich zu ihren Frauen und Schwestern und Müttern und Töchtern bekennen und es sind Männer überall in der Welt, die Worte finden, um ihre Hilfe anzu­bieten — HeForShe, ganz selbst­ver­ständlich, weil kluge Menschen überall wissen, dass es immer nur mit­ein­ander geht, um unser Leben reich und glücklich zu machen.
Es ist nur eine kleine Zahl an Unbe­lehr­baren, die den Femi­nismus in Miß­kredit gebracht haben — ich wünsche mir, dass sich Frauen davon nicht beirren lassen. Femi­nistin zu sein bedeutet ganz und gar nicht, von nun an mißmutig und häßlich wie die Nacht durch die Straßen zu ziehen und Kas­tration zu brüllen. Und es bedeutet auch nicht, nicht im geringsten, damit auf die Män­nerwelt abschre­ckend zu wirken. Sagen wir mal so, und damit ende ich auf der per­sön­lichen Note, mit der ich auch begann: als ich noch "auf dem Markt" war, habe ich aus meiner Ein­stellung nie ein Hehl gemacht, ich war nie eine der Frauen, die sofort kichern, wenn ein Mann einen Witz machte, hing nie bewun­dernd an Lippen, nur weil ihm das gefallen hätte. Denn Männer, die das brauchen, brauchte ich nicht. Statt­dessen hatte ich tolle Gespräche, spannend, tief­gehend, witzig mit Männern, die klug, emo­tional zugänglich und tough waren — und konnte mich über einen Mangel an Zuwendung und Auf­merk­samkeit, an Rit­ter­lichkeit und Höf­lichkeit doch nie beklagen. Obwohl mir "Femi­nistin" auf der Stirn stand.

  

Minusch ist zur Zeit sehr anhänglich: dass sie sich in den Weg wirft, sobald Papier und/oder Stoff auf dem Tisch befinden, ist hin­länglich bekannt. Dass sie von Zeit zu Zeit kryp­tische Mel­dungen über FB ver­kündet, ebenso. Seit einigen Tagen aber darf ich mich nicht einmal in die Nähe des Sofas begeben, ohne dass sie mir um die Beine streicht und mich auf selbiges zu zwingen sucht. Nun sitze ich hier, will den Man­tel­versuch zeigen und beschreiben und kämpfe dabei sehr um Bewe­gungs­freiheit der Hände. Sie liegt auf meinen Unter­armen und streckt immer wieder die Hin­ter­pfoten aus im Versuch, den Laptop end­gültig von mir zu trennen. Even­tuelle Recht­schreib­fehler gehen heute zu ihren Lasten.

Gestern morgen schnitt ich den Kratz­stoff zu — beide Katzen sind verrückt nach ihm; einen besseren Beweis für die Abwe­senheit von kuschel­weich kann es nicht geben: Katzen lieben es kratzig und sie haben den Fuß­ab­tretet als umkämpften Lieb­lings­platz zugunsten dieses Man­tel­stoffes auf­ge­geben. Nachdem ich sie immer wieder run­ter­jagte und den Stoff endlich zuschneiden durfte, machte ich mich auch recht flott ans Nähen, denn ich wollte und musste schnellstens her­aus­finden, ob diese Kon­struktion brauchbar wäre.

Ich hatte mich an drei Methoden ori­en­tiert: Nathalie Bray, Ann Evans und am Hofen­bitzer, was das Zer­schneiden des Schnittes zwischen Mitte und Abnähern anbe­langt. Einige Maß– bzw. Kon­struk­ti­ons­an­gaben waren ir nicht geheuer und in der Tat werde ich diese Schritte zurückführen.

  • So habe ich die Arm­löcher um 2 cm abge­senkt — hier werde ich wieder um einen halben Zen­ti­meter hochgehen.
  • Die Schultern wurden vorne und hinten um jeweils 0,5 cm ange­hoben, um Platz für die Kleidung darunter zu schaffen — das ist für mich zu viel und ich neige dazu, das komplett zu streichen.
  • Der vordere Hals­aus­schnitt wurde an der Seite um 0,8 cm zur Seite verlegt — für mich viel zu weit. Dabei habe ich end­gültig fest­ge­stellt, dass der Hals­aus­schnitt meines Grund­schnittes dichter am Hals liegen sollte, da werde ich alle Schnitte noch einmal überarbeiten.
  • Dem Ärmel habe ich den 1 cm Mehr­weite an den Schultern in der Mitte zuge­geben; damit passte  er gut über dickere Strick­jacken. Wie ich diese Weite erhalte, wenn ich die Schultern wieder in die alte Position bringe, weiß ich noch nicht.
  • Rundum an Brust, Taille und Hüfte habe ich 6 cm zuge­geben.  Es ist schwierig, im jetzigen Zustand zu ent­scheiden, ob das nicht doch zu viel ist. Zumindest an der Hüfte könnte ich einen Zen­ti­meter weniger brauchen, da die Pro­por­tionen voll­kommen aus dem Ruder laufen.

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Das Bild erklärt sehr schön, weshalb ich keine ein­tei­ligen Kleider — also welche ohne Tail­lennaht — nähe und trage: selbst, wenn es ein engan­glie­gendes Kleid wäre, würde es mich ent­stellen und jede meiner "Schwach­stellen" in ein Disaster ver­wandeln. Ohne Tail­lennaht ver­schwindet meine Taille schlicht und ich bin ein busiges, hüftiges Salino.

Aber zum Mantel: auch wenn es hier nicht so aussieht, so ist der Verlauf der Tei­lungs­nähte gut. Was gar nicht geht, ist die zu lange Schulter und der zu weite/tiefe Hals­aus­schnitt. Durch die sehr tiefen Arm­löcher, die doch etwas zu weite Taille und den großen Hüft­bogen wirkt alles sehr gedrungen. Nun ist noch kein Futter im Mantel und darunter trage ich wolliges, an dem die Man­tel­hülle sehr klebte; dass ich mir am liebsten den Mantel herunter gekratzt hätte, spielt viel­leicht auch eine Rolle.

Was ich am Schnitt ändern werde — am Schnitt, nicht am Mantel, denn ich bin mir nicht sicher, dass ich ihn zu Ende bringen will — habe ich eingezeichnet:

vorderseitemantel

Schulter außen um einen Zen­ti­meter kürzen, innen einen halben dazu geben, Armloch um einen halben anheben, schönere Arm­loch­kurve zeichnen, Taille rundum um einen Zen­ti­meter ver­schmälern, Hüfte etwas flacher zeichnen.

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Von der Seite gab es schon schlim­meres als das hier; der Ärmel kann ein wenig mehr nach vorne gedreht werden, wobei sich das Problem viel­leicht erledigt, wenn die Schulter an der rich­tigen Stelle sitzt.

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Die beiden — für mich! — auf­fäl­ligsten Falten sind der Kleidung darunter geschuldet: oben am Rücken die drei­eckige Falte ist das Oberteil, das sich durch­drückt; der schräge Fal­tenwurf von der Hüfte zur Mitte kommt durch den Rock darunter und der Tatsache, dass ich mich bei meinem Selbst­aus­löser innerhalb einer Sekunde umdrehen können muss.

Der Rücken erscheint etwas zu lang: die erhöhte Schulter ist daran ebenso schuld wie (schon wieder und immer noch) das Kleben am Rock. Dazu fehlen eben noch Futter und Win­ter­kleidung darunter. Aber auch hier sieht man, die Schultern sind viel zu lang und obwohl zwischen den Arm­lö­chern auf Schul­ter­blatthöhe nur anderthalb Zen­ti­meter zuge­geben sind, erscheint es hier viel zu breit.

Zwischen Achsel und Taille ist im Grunde keine Form erkennbar und ich stelle in meiner Eitelkeit fest, dass ich viel­leicht doch lieber friere als auf eine unter­stüt­zende Form­gebung meiner äußeren Erscheinung zu verzichten.

Dabei könnte es helfen, die Mit­telnaht zur Taille hin noch ein wenig weiter ein­zu­stellen; hier hatte ich einen halben Zen­ti­meter verwendet.

rückenmantel

Was ich außerdem fest­ge­stellt habe: dieser vor­sichtige Weg zwischen irgendwie modern und irgendwie alt gefällt mir nicht wirklich. Ich wünsche mir einen Vier­zi­ger­mantel und überlege, was sich aus dem ein­ge­trof­fenen nächsten Man­tel­stoff machen könnte. Der übrigens in Sachen Farben nicht wirklich das ist, was ich mir wünschte. Aber wann im Leben ist das schon einmal so?

So ver­zweifele ich zur Zeit seit langen Jahren das erste einmal über meinen Haaren — diesmal ist es schlicht ver­schnitten und egal, wie lange ich daran her­um­bastele: ich bekomme nix anstän­diges damit hin. Dass ich dennoch heute Bilder nicht nur gemacht, sondern gar gezeigt habe, möchte ich bitte meinem Kar­ma­konto gut­ge­schrieben wissen — zuzu­geben, dass man eitel ist und sich dann so zu zeigen — also das muss doch mit einem Aufstieg im nächsten Leben belohnt werden.

  

Weih­nachten naht, Wünsche werden erfragt und geäußert, Hoff­nungen steigen. Nützt mir in der Regel nichts, denn ich wünsche mir mit unzer­stör­barem Kin­der­glauben jedes Jahr dasselbe vom Gatten: feines Tuch, edle Wolle, Ballen und Knäuel. Ich sende ihm Links und Bilder, nenne ihm Adressen und Preise und … — ja und, nichts. Diese Zeit– und Auf­merk­sam­keits­fresser sind ihm nicht geheuer und er meint, es seien genü­gende von diesen Teufeln im Hause.

Nunja, gemessen an ihrer reinen Anzahl, an ihrem Gewicht, an dem Platz, den sie ein­nehmen, mag er nicht ganz unrecht haben, aber es ist — Fluch, der ewige — nie das da, was genau jetzt, nun, heute, morgen, ganz dringend, benötigt wird. Als mani­fes­tiertes schlechtes Gewissen oder als ewige Inspi­ration liegen manche Stoffe, stapeln sich einige Knäuel und ich schwanke bei ihrem Anblick zwischen "Daraus hätte ich schon längst etwas machen müssen!" und "Hach, wenn ich dich erst einmal verwende …" hin und her und her und hin. Es ist, so habe ich ent­schieden, immer gut, etwas für den Notfall im Hause zu haben: Spa­ghetti, Toma­tenmark, Blüm­chen­stoff und rauch­blaue Meri­no­wolle. Alles fein so.

Als Frau prak­tisch und vor­aus­schauend denkend, kann ich nicht erwarten, dass der Gatte diese Orga­ni­sation, die Per­fektion und Schönheit meines Tuns erkennt. Bitte ich also um dringend benö­tigtes Material, so geht er dahin, um seiner Krea­ti­vität freien Lauf zu lassen. Das hat — wie sage ich es … — zu Über­ra­schungen geführt. Ein klas­si­sches Synonym für Über­ra­schung ist doch ten­den­zielle Enttäuschung?

Wie auch immer: ich will Stoff! Denn ich friere. Ich brauche Mäntel. Mäntel? Mehrere? Nicht Mantel? Wie EIN Mantel? Eigentlich gehe ich davon aus, dass ich keiner Leserin dieser Zeilen die Not­wen­digkeit mehrerer Mäntel erklären muss, aber falls der Gatte einmal mitlesen sollte: da draußen in der bösen Welt gibt es Wetter. Ganz unter­schied­liches Wetter. Und hier drinnen gibt es Klei­der­schränke. Mit ganz ver­schie­denen Klei­dungs­stücken in ihrem Inneren. In den unter­schied­lichsten Farben und Formen. Beides zusammen ergibt — der Schüler im Gatten, der sich mit ange­wandter Mathe­matik beschäftigt hatte, wird das errechnen können — ein Unzahl von mög­lichen Kom­bi­na­tionen.
Addieren wir dazu eine Gemahlin, die aus allem das Meiste her­aus­holen will und geistig schnell gelang­weilt und unter­fordert ist, so bedeutet das im logi­schen Schluß: Gib! Ihr! Stoff!

Aktuell bitte Man­tel­stoffe — es werden noch dunkles Lila und helles Grau benötigt, das ist doch nicht unbillig. Ein feines Dun­kelblau wäre auch nicht verkehrt. Nachdem Lila und Grau ein­ge­troffen sind. Meine Chancen auf Erfolg? Mäßig. Ein Aufruf an die Öffent­lichkeit? Viel­leicht an die Koope­ra­ti­ons­an­frager, die bislang keine rechte Chance bei mir hatten? Mit einer 2,50 €- Socken­hä­kel­bro­schüre hat man mich noch nicht zu Lobes­hymnen ver­führen können, ein hell­grauer Tweed hingegen könnte mir ein Lächeln ent­locken. Wieder die Frage nach der Chance auf Erfolg? Ich bettel den Gatten nochmal an, irgendwann muss es doch einmal gelingen. Ich könnte ihm ver­sprechen, meine Haare wieder wachsen zu lassen …

Ups, nun ist es kurz vor 9:00 und ich habe mich hin­reißen lassen. Hier wollte ich gar nicht hin. Was ich eigentlich wollte: Män­tel­pläne dis­ku­tieren und günstige Stoff­quellen erfragen.
An diesem Wochenende machte ich mich also — schweren Herzens, quasi als Lohn­sklave meiner selbst — an das Abändern meines tail­len­kurzen Grund­schnitts in einen hüft­langen Block. Aus diesem habe ich zuerst einen Blu­sen­grund­schnitt gebaut (zumindest hoffe ich das, zum Testen hatte ich weder Zeit noch Ruh') und danach den Man­tel­block. Den halben Tag lang habe ich Lite­ratur von gestern und heute gewälzt, meine Notizen zu früheren Man­tel­schnitten gesucht und mich dann für eine Mehr­weite von 6 Zen­ti­metern ent­schieden und einer Arm­lochab­senkung von 2 cm.

Nun habe ich hier einen Man­tel­stoff liegen, der zwar schwer, aber leider nicht sehr dicht gewebt ist — gegen das Licht erscheint er fast netz­artig. Die Farbe ist fan­tas­tisch blaugrau, aber das Material kratzt fies, fies, fies. Als Kragen könnte ich es nicht ertragen und ich bin noch nicht sicher, ob der Beleg nicht doch durch Pullis und Kleider kribbeln wird. Für einen echten Win­ter­mantel scheidet dieser Stoff leider aus. Aber nicht als Herbst– und Pro­be­mantel. Sollten sich Schnittform und Wei­ten­zugabe als man­gelhaft erweisen, so werde ich diesem Stoff nicht zu sehr hin­terher trauern. Es würde aller­dings bedeuten, dass sich neben hellgrau, dun­kellila und nachtblau noch eine blau­graue Lücke auftun würde, die gefüllt werden müsste — da schließt sich der Kreis: Schenkt mir Stoff!

Und weil ich, wie bereits gesagt, als gute und treu­sor­gende Hausfrau, die ich nun einmal bin (bitte keine Tumulte in den hinteren Rängen!) aus allem so viel wie möglich raus­holen will, will ich mir beweisen, wieviel ich aus einem einzigen Schnitt heraus zaubern kann mit kleinen Abwand­lungen in Saum­weite, Kragen, Gürtel und Taschen:

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Mein Schnitt hat eine Schul­ter­passe vorne und hinten, Tei­lungs­nähte und aus­ge­stellte Rock­teile. Für den Kratz­stoff wird kragen– und taschenlos gear­beitet; auch auf Knöpfe werde ich ver­zichten und ihn lediglich mit einem Bin­de­gürtel schließen. Er wird von der Taille aus 80 cm lang sein und damit zwei­fin­ger­breit über meine Röcke reichen; dazu hat er eine moderate Saum­weite von 36 cm mehr als Hüft­weite. Daumen drücken wäre nett, denn wenn das klappt, wird der Schnitt noch einmal ver­wendet: mit einem leicht hoch­ste­henden Eton­kragen, ange­knöpften Gür­tel­teilen, einer Erwei­terung des Saumes um 12 cm und einer Kürzung um 2 cm, dazu schräge Taschen und viel­leicht noch einer Ärmelspielerei.

Und für lila, grau und blau fiele mir sicher noch mehr ein. Nachdem ich den gest­rigen Sonntag 8 Stunden am Schnitt saß und heute noch die Ärmel und das Futter zeichnen muss, müssen daraus wenigstens vier Mäntel werden können. Ja, doch, das macht alles Sinn. So soll es sein!