Frühling spielen

Als bedau­erns­wertes Schlüs­selkind im Alter von 6–14 Jahren konnte ich den Winter, der in Bonn nur selten hart und eisig war, nicht ertragen; mit Macht sehnte ich mich nach dem Sommer. Mein Heil­mittel dagegen, ich erwähnte es schon einmal, war das Imi­tieren des Sommers an fros­tigen, doch hellen Tagen. Ich drehte die Heizung so hoch es nur ging, legte ein Handtuch und ein Kissen auf den sonnigen Boden­ab­schnitt, stellte mir Chips, Scho­kolade und Äpfel zurecht und warf mich selbst in den Bade­anzug. Bei geschlos­senen Augen fühlte es sich fast echt an. Nach einer halben Stunde war meine Stimmung besser und ich konnte dem uner­träg­lichen Winter gefasst begegnen.

Seit etwa 10 Jahren aller­dings komme ich mit der typi­schen Bonner Hitze nicht mehr zurecht und so spiele ich heute — kalt und sonnig wie es vor den Fenstern ist — Frühling. Der uns doch schon so nah schien während der letzten Wochen. Näh­tech­nisch ist er auf jeden Fall inspi­rie­render als der unent­schiedene Winter, der sich jetzt auch nicht mehr um Erscheinen bemühen muss.

Und wie zele­briert man das Frühjahr? Ohne Strümpfe, mit hoch­ge­bun­denen Haaren, einer neuen Hose und einem locker-flattrigen Vis­ko­se­oberteil, dessen Schönheit ich natürlich nicht ein­fangen kann. Noch mal bügeln hätte geholfen …

 

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Die Hose ist — theo­re­tisch  zumindest — nach einem Bur­da­schnitt ent­standen; nach wie vor habe ich nicht die geringste Lust, einen Hosen­schnitt auf­zu­stellen. Vom Ori­gi­nal­schnitt ist nicht viel übrig geblieben, denn Schritt­kurve, Tail­lenhöhe, Bein­länge und –weite sind abge­ändert bis zum Geht-nicht-mehr. Der Stoff ist ein Glücks­griff vom letzten Stoff­markt: Tin­ten­blaue Baum­wolle mit Elasthan. Weiche, gebürstete, feste und ange­nehme Baum­wolle, die sich wun­derbar vernähen und tragen lässt. Logisch, dass ich seit dem Kauf des Stoffes und dem Abändern des Schnittes nichts anderes im Sinn habe, als einen ähn­lichen in anderer Farbe (dun­kellila, kirschrot) suche. Und — logisch — nicht finde.

 

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Das Oberteil ist vorne gerade und hinten in einem leichten Bogen länger geschnitten; die Abnäher von Achsel und Schulter sind als kleine Raf­fungen in den Aus­schnitt verlegt, der rundum 2 –3 cm tiefer gesetzt wurde. Ich denke, ich werde die Bluse irgendwann noch einmal knipsen müssen.

 

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Und damit man mal sieht, dass sich all die Ände­rungen an der Hose gelohnt haben, nehme ich den Blu­sensaum nur für euch mal hoch. Da muss meine Eitelkeit mal kurz schweigen. Viel­leicht sollte ich auch mal darauf ver­zichten, mich mit einer Kamera auf Hüfthöhe abzulichten …

 

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Aber wenn ich nicht schon Stunden in der Hose saß, dann sitzt sie wirklich unglaublich glatt in den üblichen Pro­blem­be­reichen. Und ich möchte bitte, bitte eine weitere nach dem Schnitt nähen. Weshalb nur ist es so unglaublich schwierige, gut Rock– und Hosen­stoffe zu bekommen? Und weshalb finde ich solche Stoffe nur noch in Dun­kelblau? Das ich liebe und das sich vor Jahren gar nicht finden ließ, aber irgendwann habe auch ich genügend Hosen dieser Farbe. Mit­telblau, Graublau, Tür­kisblau — ich nähme sie alle. Nur wo, wo sind sie?

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Und weitere Geisha-Ärmel

Heute ist es unglaublich üsselich da draußen; kalt, nieselnd, bewölkt, farblos. Was anderes also sollte ich tun, als den Wie­ver­fas­terler zu igno­rieren und meine Erfolgs­serie foto­gra­fi­scher Kunst fort­zu­führen? Eben. Genug neue Kleidung ist ja vor­handen und so kommt heute die schnelle Tunika dran; genäht nach dem gleichen Schnitt wie hier.

 

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Die dicken Socken sind besonders hübsch, aber mir ist sehr nach kuschelig und es demons­triert nebenbei schön, wie wichtig Schuhe für eine Kom­bi­nation sind. Und wie schwierig pas­sendes zu finden ist. Ich könnte nun noch meckern, wieso ich Kilos dort zunehme, wo ich sie nicht brauche anstatt sich auf den Waden nie­der­zu­lassen, wo ich sie immer schon haben wollte. Aber das erspare ich mir und euch. Auf die Bluse soll geschaut werden. Auch nicht zu genau, denn sie hing wohl etwas beengt im Schrank und hätte nichts gegen ein Auf­bügeln ein­zu­wenden gehabt. Also doch wieder auf die Socken schauen.  Oder auf die Bilder danach, da sieht es viel besser aus.

 

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Der Stoff ist eine wun­derbare Viskose mit Struktur in einem Tin­tenblau mit einem Hauch von flie­dergrau, bedruckt mit weiß-weinroten abs­trakten Blumen. Sehr angenehm auf der Haut, weich und fließend und dazu wirklich koope­rativ und griffig.

 

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Und was soll der Geiz — die Ärmel kommen natürlich in dieser Stellung am aller­besten zur Geltung und biete ich euch einen demü­tigen Gruß. Farblich kommt dieses Bild der Realität am nächsten.

Dass ich in den letzten Tagen wieder einmal alle Staffeln der Miss Fisher durch­ge­sehen habe, verrät die seltsame Pose, die ich einer Zau­bershow abge­schaut habe — ich sage ja, ich weiß nie, wohin mit mir.

 

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Irgendwie frustig

In Kom­bi­nation von Weih­nachten und Geburtstag bekam ich vom Gatten Wolle — dreifach sogar. Ich wollte unbe­dingt mit dicker Wolle in Luxus­aus­führung stricken und so erhielt ich drei Farben der Lana Grossa-Brigitte-Mischung (aus­ge­rechnet diese Zeit­schrift muss sich ein­mi­schen — schon mal bemerkt, wie sich deren Portal gewandelt hat? Offenbar sind die Lese­rinnen zwölf­jährige Idio­tinnen, die nix anderes im Sinn haben, als irgend­welchen Männern zu gefallen. Brigitte, wie tief bist du gesunken. Übrigens kenne ich keine idio­ti­schen Zwölf­jäh­rigen …). Aber egal, Haupt­sache das Garn ist weich und fein. Ist es. Als Merino-Kaschmirmischung kann man das auch erwarten. Eben­falls erwarten muss man ein unglaub­liches Pill– und Flus­ver­halten. Es gibt hier nun ein Unterhemd und ein Kissen, die sich trotz einiger Wäschen nicht mehr von den petrol-grau-blauen Fuseln befreien lassen.

 

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Aus der dun­kel­blauen Kuschel­wolle wollte ich etwas asia­tisch inspi­riertes stricken und habe kurz­ent­schlossen einfach hoch­ge­strickt: A-Linie für Körrper und Ärmel, Raglan mit Betonung und gewebte Rippe für Bündchen und Steh­kragen. Und bis ich diese Fotos knipste, war ich in diesen Pulli sehr, sehr, sehr verliebt. Nach den Bildern möchte ich am liebsten ins Bett zurück kriechen und für die nächsten 20 Jahre dort bleiben.

Damit nicht genug, wollte ich endlich wieder einmal eine gerade/weite Hose haben und weil mir nach wie vor die Lust, die Zeit, die Dring­lichkeit fehlt, mich selbst an die Kon­struktion zu begeben, sah ich meine Schnitt­mus­ter­be­stände durch und traf auf Sim­p­licity 2925. Statt des vor­ge­sehen Schräg­bandes habe ich einen Beleg gezeichnet und freihand und probelos ein paar Ände­rungen ein­gefügt: Schrittnaht tiefer, hinteres Hosenbein an der Innen­seite deutlich ver­schmälert und — weil der Schnitt nur bis Größe 14 ging — die Naht­zu­gaben auf 1 cm reduziert.

Hier muss ich jetzt noch einmal jammern und mit­teilen, dass ich seit Herbst letzten Jahres von 60 auf 63 kg gewachsen bin und mich das nun doch sehr stört, denn über­haupt rein gar nicht will ich nun all meine im letzten Jahr gekauften Klei­dungs­stücke zur Seite legen, weil ich nicht mehr hinein passe. Und ja, es stört mich auch, dass ich mich gar nicht mehr wieder erkenne. Klar erkannt habe ich aber, dass durchaus die Neigung zu weniger Bewegung und mehr Ost­frie­sentee (Zucker! Sahne! 3x täglich!) und mehr Früh­stück und mehr Snacks und mehr Sahne im Essen und mehr über­haupt von allem — dass also diese Dinge wohl doch zu dem Mehr­ge­wicht bei­trugen. Also habe ich all das vor einer guten Woche gestrichen und bin zumindest anderthalb Kilo runter. Was mich ein bißchen glück­licher macht, obwohl ich mir nach wie vor fremd bin. Puh, das musste mir mal von der Seele, damit ich brav und artig bei der viel gesün­deren Ernährung bleibe. Deutlich fitter fühle ich mich schon.

Die erste Hose nach dem Schnitt sah ganz wun­derbar aus — glaube ich, von hinten habe ich sie gar nicht sehen können — aber sie trocknet auf der Leine vor sich hin. Die zweite Hose hier ist aus einem etwas har­scheren Woll­stoff mit ein wenig Stretch in einem feinen Blaugrau, den ich von Arlett geschenkt bekam. Da er viel fester ist als Stoff Nummer 1, hatte ich Befürch­tungen, es könne zu eng werden. Was für die zwei oberen Zen­ti­meter auch zutrifft. Für alles darunter … hmmmm …

 

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Hmm, hier geht es fast noch, obwohl weder Pulli noch Hose schmei­chelhaft zu sein scheinen. Nun war es draußen doch über­ra­schend kalt und so bin ich ins Warme geflohen, noch davon über­zeugt, wenigstens ein gutes Bild erhalten zu können.

 

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Um wenigstens etwas hübsches zeigen zu können, habe ich Momo auf den Bildern belassen. Ganz klar merkte ich, dass ich mich schon lange nicht mehr foto­gra­fiert habe und über­haupt rein gar nicht weiß, wo hin mit mir und meinen Armen, Händen, Beinen, Füßen und dem Zeug dazwi­schen. Hilft natürlich gar nicht.

Aber viel erstaunter war ich, dass der Stoff offenbar auf einmal ein Eigen­leben führte — gestern noch, während ich ihn ver­ar­beitete, schrieb ich Arlett, dass er wun­derbar sei, ganz und gar koope­rativ und unbockig. Lediglich die Abnäher ließen sich nicht gut aus­bügeln und eine leichte Tendenz zum Leiern um gebü­gelte Stellen herum zeigte sich, die ich mit einer freund­lichen Runde in der Wasch­ma­schine in den Griff zu bekommen meinte. In der Tat sah die trockene Hose heute morgen glatt und artig aus, auch ließen sich die Naht­zu­gaben und die Abnäher fein bügeln. Doch auf einmal schien die Hose um den Schritt herum in die Breite zu wachsen. Ich legte die Naht tiefer, fasste ein wenig Weite mit hinein und für 10 Minuten sah alles perfekt und glatt aus.

Dann besah ich die Bilder und irgendwie … da war doch schon wieder zu viel Stoff?

 

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Gut, ich trug Baum­woll­strümpfe und eine Wollhose und beides hing lie­bevoll anein­ander, das erklärt sicherlich einige der Dreh­falten um mich herum, aber da war Stoff nach­ge­wachsen, ein­deutig. Mit ungutem Gefühl drehte ich mich, um ein Bild der Rück­seite — immer mein Problem bei Hosen — zu machen. Heiliges Blech. kein Wunder, dass ich bald 10 cm zu beiden Seiten der tiefen Hüfte fassen kann:

 

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Wohin ich mit dem Stoff soll und wie es mir gelingen kann, jemals eine weite Hose zu nähen, die von der kräf­tigsten Stelle aus gerade nach unten zu fallen, wenn ich solche Mengen an Stoff nicht sortiert bekomme, es ist mir noch ein Rätsel. Ok, am rechten Fuß klebt die Hose so richtig fest und sicherlich beein­flußt das das Ergebnis, aber viel mehr als Frust ver­spürte ich beim Anblick der Bilder erst mal nicht.

Nur noch mal zur Erin­nerung: so sah die Hose 10 Minuten vor dem oberen Bild aus. Außerdem kommen die Pul­liärmel in Gei­s­ha­haltung am besten zur Geltung 😀

 

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Auch hier schon zuviel Stoff, der sich aber recht glatt nach unten fallen ließ. Das ist übrigens das erste Mal, dass mir eine Hose am Bund zu eng und an der Hüfte zu weit ist. Klingt ver­teufelt nach Wech­sel­jahren. Wie auch immer, ich war eigentlich gedanklich schon dabei, ganz viele schöne Stoffe für diesen Hosen­schnitt finden zu wollen, aber irgendwie bin ich nun verunsichert …

PS: Vor einer halben Stunde kehrte ich heim, nachdem ich ein­kaufen war und in der Wohung meiner Mutter einen Hand­werker beim Fluchen beob­achten durfte (nächste Woche muss ich dann noch einmal hin, weil — leider, leider — er nicht das richtige Material dabei hatte). Ich zog den Mantel aus, hielt mich an der Wand fest, um die Schuhe von den Füßen zu ziehen und mein Blick fiel auf die Sei­ten­an­sicht der Hose. Ja … die Rück­seite hängt mir nun auf den Ober­schenkel, die Abnäher sind kleine Beulen und Höcker und die Beine sind komplett zer­knittert. Sehr schade, sehr umschmei­chelhaft, aber nun kann ich mir wenigstens einreden, auf einen Stoff­hoch­stapler her­ein­ge­fallen zu sein und mich als Opfer fühlen. Nicht als komplett unfähig. Hat alles sein Gutes.

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Das Ärmel-Plumeau live und in Farbe

Schon vor bald zwei Monaten habe ich eine Woche damit ver­bracht, den sim­pelsten Man­tel­schnitt über­haupt zu zeichnen, zuzu­schneiden und zu nähen. Und bis zu Beginn dieser Woche war es zu warm, um den Mantel zu tragen. Gut, stimmt nicht ganz, denn ich habe ihn immer mal wieder abends über­ge­worfen, wenn ich die Jungs zum Training brachte. Ob also die Mischung zwischen locker gewebtem Woll­stoff, einer Lage thin­sulate und Vis­ko­se­futter plus weiter Sil­houette win­ter­tauglich ist, kann ich noch nicht sagen. Aber tragen lässt er sich wun­derbar wolkig weich.

 

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Ver­gleiche ich das Bild mit der Pla­nungs­zeichnung, dann muss ich sagen: hat funk­tio­niert. Etwas fülliger ist der Mantel viel­leicht, was ich der Wat­tierung zuschreibe.

 

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Ordentlich Masse um mich herum. Und wei­terhin starke Asso­ziation zu den 80ern: enger genähte Jeans, knö­chelhohe Schuhe, über­schnittene Mäntel aus groben Woll­stoffen — das hatte ich doch schon mal? Mit etwas mehr Make up, etwas mehr Haar­spray und einigen Kilos weniger, aber irgendwie … passend. Auch die Welt­schmerz­musik der Zeit passt perfekt zur Weimarer End­zeit­stimmung dieser Tage und dudelt deutlich häufiger um mich herum.

Wie auch immer, wenn auch die Sil­houette nach wie vor unge­wohnt ist an mir, mag ich ohne diesen Mantel nicht mehr sein und verbuche ihn unter Erfolg. Unter Mißerfolg aller­dings führe ich den Über­zieh­pulli, der darunter hervorlugt:

 

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Farblich lässt sich leider nichts ori­gi­nal­getreu wie­der­geben; dabei ist die Farbe das Einzige, was glücklich macht. Ansonsten habe ich stri­ckend gerade mit einer mir neuen Pro­ble­matik zu kämpfen. Während all die feinen, kleinen Vin­ta­ge­pullis vor dem Waschen und nach dem Waschen die gleiche Größe auf­wiesen (außer bei Drops Baby Merino), so habe ich nun trotz gewa­schener Maschen­probe keine Chance auf anständige Berechnung des End­er­geb­nisses gehabt. Zweimal ist mir das nun schon passiert; einmal bei wirklich kost­barer Wolle.

Offenbar verhält sich ein mit dickeren Nadeln (so ab 4), dickeren Garnen (18 Maschen und weniger auf 10 cm) und mehr Länge als tail­lenkurz gestrickter Pullover sehr hin­ter­hältig beim Waschen. Selbst, wenn die Wolle, die ver­wendet wurde, wie in diesem Falle schon einmal ver­strickt, gewa­schen, geribbelt, gewa­schen, gewi­ckelt und wieder gestrickt wurde. Die gewa­schene Maschen­probe zeigte kei­nerlei Unter­schied bis auf ein regel­mä­ßi­geres Strickbild. Der Über­zieher hingegen … heiliges Blech.

VOR dem Waschen reichte er bis kurz vor die Hüfte, die über­schnit­tenen Ärmel gingen bis an den Oberarm und einen relativ hohen Steh­kragen gab es auch. NACH dem Waschen — naja, ein Blick auf das Bild reicht. Eine gar wun­dersame Garn­ver­mehrung hat statt­ge­funden mit einer Ver­län­gerung um satte 18 cm. Gar nicht, gar nicht, gar nicht meine Länge. Sehr frus­trierend im Ergebnis und sehr unkleidsam. Ähn­liches ist bei einer grauen Tunika passiert, wobei ich da erst beim Abketten der letzten Masche fest­stellte, dass ich die falsche Nadel erwischt hatte; das rief nach Unglück.

Noch ein anderes Problem habe ich mit dickeren Garn­stärken bzw. den daraus gestrickten Pull­overn: sie knittern. Für mich ein neues Phänomen. Sehr unschön bei dem unge­wollten Mini­kleid, das Sitz­falten zeigt. Ist das normal?

Und um meiner Eitelkeit genüge zu tun, ende ich mit einem schö­neren Bild vom schö­neren Mantel, bevor ich mich auf die Suche nach neuen Ideen und vor allem nach neuer Moti­vation zum Nähen mache.

 

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Wie die Zeit vergeht …

Satt und müde liege ich auf dem Sofa — der Gatte hat ein Luxus­waf­fel­eisen besorgt und auch selbst den Teig ange­rührt und die Waffeln gebacken, um meinen Ehrentag kurz vor Ende noch gebührend zu feiern. Ansonsten mache ich mir schon lange nichts mehr aus Geburts­tagen: bitte kein Tamtam und großes Bri­mabam­borium. Statt­dessen habe ich mir vom Haushalt frei­ge­nommen, mich gepflegt, ein wenig gespielt, etwas gelesen und mit der dritten Staffel von "Miss Fisher's murder mys­teries" begonnen — einer aus­tra­li­schen Serie, die in den 20ern spielt und wun­derbar aus­ge­stattet ist. Die Bücher, die als Vorlage dienten, sind übrigens nicht zu emp­fehlen: grau­enhaft geschrieben und nicht halb so charmant wie das, was im Fern­sehen daraus wurde. Es kommt selten vor, dass mir eine Ver­filmung besser gefällt als der zugrunde liegende Roman, aber in diesem Fall ist es so.

Wie auch immer: ich bin nun end­gültig eine End­vier­zi­gerin und pünktlich heute morgen zeigte sich das auch deutlich im Spiegel …

 

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Naja, ganz so weit bin ich dann doch noch nicht, aber ich fange an, mich an den Gedanken zu gewöhnen 😀 Aber die Anlagen dazu sind da, und sie per Gimp noch einmal so richtig raus­zu­holen und zu ver­schärfen, das ist eine gar nicht so schlechte Übung gegen falsche Eitelkeit.

So sah ich übrigens nach der Zufuhr von Feuch­tigkeit und Strom wieder aus; das ist im Moment noch ver­trauter, oder?

 

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Die nackte Wahrheit zugedeckt

In diesen Tagen schwanke ich zwischen zwei­erlei: Ich will die Welt ver­bessern. Oder sie igno­rieren. Viel­leicht sollte ich weniger schwanken in Gedanken, sondern nach dem Lust­prinzip handeln. Und so ist mir heute, nach wilden, apo­ka­lyp­ti­schen Träumen, nach Spiel und Tändelei zumute.
Was passt da besser, als die neue Blog­serie von Julia (die meine momentane Ver­wirrtheit übrigens leidvoll erfahren musste) von cut and baste? Immerhin lässt sich die Welt mit Schminke zumindest optisch auffrischen …

 

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Ich bin ja keine Anhän­gerin massiver Ver­än­derung durch Make up — je älter ich werde, umso weniger geht es mir um Ver­bes­se­rungen meiner Imper­fek­tionen, sondern um Ver­meidung der "Bist du krank? Siehst du schlecht aus! Zu wenig geschlafen? Ist was passiert?"-Attacken, wenn ich aussehe, wie ich nun mal aussehe heut­zutage: pig­ment­fleckig, augen­schattig, schlupflidrig, bin­de­ge­webs­weich und ab über­morgen 48 Jahre alt. Mal ganz abge­sehen davon, dass ich mir ohne etwas Make up fremd bin, gehört für mich Make up zur Kleidung dazu. Anders­herum ginge ich auch niemals geschminkt in Sauna oder Schwimmbad.

Bei mir geht es für alltags relativ flott: Reinigen, Pflegen, Grun­dierung, Abdeck­creme, Kon­tu­ren­stift für Auge und Lippen, Puder, Rouge, Schimmer, Mascara. Wenn ich mich dabei nicht knipse, dann braucht das etwa 11 Minuten. Ver­tretbar, finde ich — das sind nämlich 11 Minuten, die ganz alleine mir gehören und mir zugute kommen. Aber bevor ich jetzt zu sehr in meine Berufs­phi­lo­sophie abgleite (das ist dann nicht mehr Spiel und Tändelei), ende ich mit meinen ganz per­sön­lichen Kurz­tipps für ein natürlich-angezogenes Make up:

  • Harte Konturen ver­meiden — schwarzer Eyeliner sieht nur bei sehr wenigen und sehr jungen Frauen gut aus.
  • In einer Farb­fa­milie bleiben — Rouge in apricot zu Lippen in altrosé, rot­ge­färbte Haare zu schwarz getuschten Augen sehen künstlich, angemalt und nicht gekonnt aus.
  • Wenn Farbe auf Lippen und Augen kommt, dann auch Grun­dierung auf die Haut, ansonsten sieht die Haut unru­higer aus, als sie ist.
  • Weniger ist immer mehr.
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Zwischen Schwarz und Weiß liegen Welten!

[120116]
Tja, eigentlich …

Eigentlich hatte ich mich schon darauf gefreut, endlich wieder die Familie in Schule und Büro zu wissen, einmal gründlich durchs Haus zu wischen und danach in Ruhe etwas schönes zu bloggen — da sind ja noch der Mantel, eine Hose, zwei Pullis, bald drei, ein wun­der­schönes Freun­din­nen­ge­schenk und Marie Antoi­nette hängt nun schon seit Wochen in Paris fest. Hatte ich vor, habe ich mich drauf gefreut. Soll natürlich so nicht sein.

Was soll ich sagen, was will ich schreiben? Ich wünschte, unsere Welt wäre nicht so, wie sie ist, denn dann fühlte ich mich nicht so getrieben, etwas ver­mutlich sehr langes und wirres in diesen Blog zu schreiben. Aber ich kann nicht ver­stehen, will es auch gar nicht, dass es nicht möglich sein soll, ver­nünftig über unsere Gegenwart zu reden, um unsere Zukunft sicher zu stellen.

Was geschehen ist, wissen wir alle; die Stich­worte "Köln" und "Sil­vester" reichen aus. Aber was daraus entsteht, macht mich fas­sungslos. Es sind Frauen — zum Großteil ver­mutlich deutsche Frauen — von Männern (zum Großteil wohl von aus­län­di­schen Männern) massiv bedrängt, ange­griffen und sexuell miss­braucht worden. Es dauerte einige Tage, bis das bekannt wurde; dafür dauerte es nur Stunden, bis die Opfer dieser Straf­taten keine große Rolle mehr spielten.
Statt­dessen sprangen unsere Nazis auf die Bühne — die zwar mutig und laut ihre Parolen skan­dieren, aber nach wie vor zu feige sind, um zu ihrem Nazitum zu stehen — und for­derten, alles aus unserem Staat bzw. ihrem Reich heraus zu werfen, was hier nix verloren habe: das sind natürlich sämt­liche Flücht­linge (Asy­lanten genannt), sämt­liche dun­kel­häutige Männer und ihre Familien (gerne als Kanaken, Molukken, Drecks­schweine und ihre Sipp­schaft bezeichnet ) und natürlich und sowieso alles was mus­li­misch (also isla­mis­tisch, rück­ständig, unzi­vi­li­siert, triebhaft, dreckig etc.) ist.

"Raus mit dem Gesindel! Schützt unsere blonden (arischen) Frauen! Steht auf, wehrt euch! Hängt die Merkel! Stellt die Antifas an die Wand! Öffnet die KZs zum Duschen wieder!", …

Letz­teres, wenn ich das mal ein­werfen darf, die For­derung nach der Wie­der­er­öffnung der Bade­be­triebe in Dachau & Co., ist eine Geis­tes­leistung, die unüber­troffen ist: bislang hörte ich aus derlei Grup­pie­rungen immer nur, dass es diese Dusch­an­lagen zur Mas­sen­ver­nichtung gar nicht gegeben habe, dass all dies nur eine Lüge der Allierten sei (die, es wird in diesem Satz noch kom­pli­zierter, bis heute unser Land besetzt halten, weshalb unsere Ver­fassung nicht für die neuen Reichs­bürger gilt, weil nämlich … ähja …), dass also all das Gerede von Auschwitz nichts als Pro­pa­ganda des Feindes sei. Hmm, da stehe ich Dummchen etwas verwirrt da — wie eröffne ich denn etwas wieder, wenn es doch nie existierte?

… so also brüllt der Mob. Mit hass­ver­zerrten Fratzen rennen sie durch die Stadt, spielen sich als Schutz­truppe der deut­schen Frau auf und reißen damit das Gespräch über die Tat an sich.

Nun haben Staat und Polizei und Medien (aka Volks­ver­räter, Bullen und Lügen­presse) lange über dieses Geschehen geschwiegen — wahr­scheinlich aus einer Mischung von Schock und Vorsicht heraus. Denn es war klar, was pas­sieren würde, wenn die Natio­na­lität oder der eth­nische Hin­ter­grund der Täter benannt würde. Was ja auch geschah.
Durch das zu lange Zögern wurde es sicher noch schlimmer, denn jetzt kamen wieder die Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker zum Zuge: wir wissen ja alle, dass die bösen Asy­lanten hier alles dürfen, dass sie tag­täglich ver­ge­wal­tigen, morden, brand­schatzen, mit ihren Horden über das Land reiten und sich dem Suff und der Wolllust hingeben, wir hören alle das Klackern der Hufe und sehen die Säbel und … oh, halt stopp, das waren die Hunnen; da bin ich kurz ins falsche Jahr­hundert geraten. Kann ja mal pas­sieren, wer wird so kleinlich sein. Aber so wird es kommen, jawohl! Wenn wir uns nicht retten und uns endlich einen starken Führer suchen — bei­spiels­weise ein von Natur aus eher farb­loser Mann, der sich mal als Lehrer durch­schlug, böte sich da sicher gerne an; gerade was die blonden deut­schen Frauen anbe­langt, scheint er kom­petent zu sein.

Doch nicht nur die ganz Ultra­rechten, sondern auch die­je­nigen, die sich als besorgt und frei­denkend betrachten, wie bei­spiels­weise die Anti­fe­mi­nistin Kelle, die in weib­lichem Vor­aus­ge­horsam männ­licher Wunsch­träume ihren Schwestern gerne ehrlich die Meinung sagt — wenn wir die Bluse zulassen, grapscht auch keiner rein — warfen sich sofort in die "Dis­kussion": ähnlich, wie bei den KZ-Leugnern, die KZs wieder öffnen wollen, fragt sie verwundert-besorgt, wo denn bitte jetzt der #auf­schrei der Femi­nis­tinnen sei?
Und sie hat die Antwort schon parat: da alle Femi­nis­tinnen links-grün-versiffte Frust­schlampen (ich habe Schwie­rig­keiten mit dem kor­rekten Voka­bular, ist doch richtig so, oder?) sind, die dazu noch als Gut­men­schen Will­kommen klatschten, könnten diese natürlich nichts sagen. Sie müssten ja sonst zugeben, dass all die fried­lie­benden Kul­tur­ver­tei­diger, die in Dresden auf die Straße drängen, recht gehabt hätten. Schlüssige Beweis­kette. Daraus lernen wir ganz viel, vor allem aber, dass es voll­kommen ok ist, wenn einem ein besof­fener Auf­recht­deut­scher an den Po grapscht, nicht aber, wenn das ein besof­fener Algerier tut. Was Frau Kelle und Kon­sorten daraus nicht lesen möchten: dass es NIEMALS ok ist, wenn einem irgendwer irgend­wohin grapscht, egal, wie offen die Bluse sein mag. DAS ist eine Dis­kussion, die sie nach wie vor nicht führen wollen.

Und so erleben wir nun staunend, dass sich die übelsten Frau­en­ver­ächter hin­stellen und für unseren Schutz sorgen wollen. Diese feinen Herren wollen nicht erleben, dass wir unter den Tschador gezwungen werden und nur noch im eigenen Heim exis­tieren sollen, wo wir dem Manne untertan sind — nein, er möchte uns befreien von den Musel­manen und ihrem Frau­enbild. Weil: viel besser wären wir auf­ge­hoben, wenn wir unver­schleiert zu Hause blieben und dem Manne zu willen seien … Dann holen wir doch schon mal alle die Blon­dier­creme raus, üben uns im Ja-Sagen und besinnen uns auf unseren Platz. Mit ein bißchen Glück lässt sich bald auch wieder eine Müt­ter­ehrung erarbeiten.

Bis dahin war von Staat und Polizei und Medien noch nicht so arg viel zu hören: Frau Reker, als Kölner OB, war gezwungen, sich als Erste zu äußern und was fielen sie alle über sie her. Es ist auch viel, viel ein­facher, sich über die "Armlänge Abstand" zu echauf­fieren als selbst mit Lösungen anzu­tanzen. Gar keine Frage, diese Pres­se­kon­ferenz konnte unglück­licher gar nicht ablaufen, denn es entstand der Eindruck, dass Frauen selbst etwas tun könnten, um derlei Über­griffe zu ver­meiden. (Auch ich habe mich darüber lustig gemacht, was ein gutes Ventil für all die Sorgen, Ängste und Frus­tra­tionen war)
Wenn wir aber ehrlich sind, dann ist Rekers Rat ein Abbild unserer täg­lichen Wirklichkeit:
Frau­en­park­plätze bei­spiels­weise gibt es nicht deshalb, damit Männer mit dicken Autos sich ärgern (was sie dadurch kundtun, dass sie genau dort parken), sondern weil wir alle wissen, dass die meisten Frauen kör­perlich schwächer als die meisten Männer sind und es in Park­häusern gerne einmal zu Über­griffen kommt. Deshalb liegen diese Park­plätze näher am Ausgang, näher an der Park­haus­auf­sicht, sind heller beleuchtet, mit Not­fall­knöpfen und Kameras aus­ge­stattet — zumindest dort, wo man das Thema ein bißchen ernst nimmt.
Auch kenne ich nur wenige Frauen, die ent­spannt nachts alleine durch die Stadt gehen. Die meisten von uns wechseln auf die andere Stra­ßen­seite oder haben schon einmal einen langen Umweg in Kauf genommen, um Män­ner­an­samm­lungen (ab 1 Mann) zu umgehen — egal, ob die Männer nordisch-blond oder südlich-dunkel sind.
Die meisten von uns über­legen sich gut, was sie anziehen, selbst wenn wir sagen, dass auch der kürzeste Rock keine Ein­ladung ist.
Und von all diesen neuen Frau­en­rechtlern männ­lichen Geschlechts bekommen wir nach wie vor zu hören, dass wir an allem, was uns geschieht, selbst schuld sind. Außer eben an Sil­vester, da war der mus­li­mische Mann schuld.

Wer mal schauen will, wie weit deutsche Männer in Sachen Gleich­be­rech­tigung sind, kann sich ja mal den twitter-hashtag #fal­schesgrau anschauen. Hübsch widerlich. 

Insofern hat Reker nur das wie­derholt, was wir Frauen eh oft tun: Abstand halten. Mehr fiel zu diesem Zeit­punkt nie­mandem ein. Aber welch eine wun­derbare Ablenkung, dass man sich nun über diesen Fauxpas zer­flei­schen konnten und manche der Netz­fe­mi­nis­tinnen nun anderen Frauen erklären konnten, ob diese femi­nis­tisch seien oder nicht. Da geht es noch darum, wer bestimmen darf, wer was warum ist.
Frauen, die also nun sagten: "Ich meide manche Situa­tionen lieber, obwohl es mich wütend macht und mich ein­schränkt" bekamen zu hören, dass das absolute Scheiße sei und dass wir statt­dessen Männern zu sagen hätten, wie man sich benimmt — es könne nicht angehen, dass wir alleine ver­ant­wortlich seien. 

Ja, richtig: das Problem (= die Schuld) liegt nicht bei der Frau, die ange­griffen wird, sondern bei dem Mann, der dies tut. Problem dabei ist, dass sein Problem zu ihrem wird und sie den größeren Schaden hat. 

Und da stehe ich zum ersten Mal in diesem Text bei der Über­schrift: hier soll ich gezwungen werden, eine Seite zu wählen und diese mit all ihren Aussagen zu über­nehmen. Entweder du bist Femi­nistin und läufst also jetzt im Bikini durch die Bahnhöfe nachts um drei oder du bist keine und hälst dich vom wahren Leben fern. Das macht mich dermaßen wütend! Bis wir irgendwann in sehr, sehr ferner Zukunft einmal so weit sein werden, dass jeder Mensch unge­achtet seines Geburts­ortes und seines Geschlechtes und seines Aus­sehens gleich behandelt wird, müssen wir mit der Realität umgehen und die zeigt: es gibt Idioten, Schwach­maten, Zeit­bomben und es ist eine saublöde Idee, denen über den Weg zu laufen, wenn dir dein Leben lieb ist. Ebenso ist es eine saublöde Idee, sich statt­dessen immer aus allem raus­zu­halten und den Mund nie auf­zu­machen — dann ändert sich auch nichts. Ich kann Femi­nistin UND vor­sichtig sein. Ich kann zu Hause bleiben UND meine Stimme erheben. Und vor allem — gerade als Frau — mal endlich aufhören, Femi­nistin sein als etwas unna­tür­liches und män­ner­feind­liches zu betrachten!

Aber diese Schwarz-Weiß-Denke zieht sich durch die Debatte durch: während die Sofort-Los-Schreier auf gar keinen Fall über rape culture und Gleich­be­rech­tigung dis­ku­tieren wollen, sondern so tun, als wäre hier in unserem Lande ja immer schon alles ganz klasse gewesen, …

abge­sehen von den medi­en­geilen Auf­merk­sam­keits­schlampen, die pro­mi­nenten und nicht-prominenten Männern die Karriere versauen wollen, indem sie Ver­ge­wal­ti­gungs­ge­rüchte in die Welt setzen (und was könnte es schö­neres für eine Frau geben, als ihr Bild wochenlang in jeder Zeitung zu sehen und das über einem Text, der detail­genau ihren Körper und dessen Miss­brauch beschreibt, wohl­wissend, wie erregend das manche finden werden — hach, welch Wonne, welch Mäd­chen­traum: erst Model werden und dann erlo­genes Ver­ge­wal­ti­gungs­opfer)

… möchten alle sehr gerne über das "eigent­liche" Problem dis­ku­tieren: also nicht die weib­lichen Opfer, die aus­nahms­weise einmal nicht selbst schuld waren, sondern über die Flücht­linge, über die Isla­misten. Das ist viel wich­tiger als weib­liche Belange. Und ver­blüffend, aber wahr: da stimme ich mal zu.
Es ist im Augen­blick das bren­nendste und drin­gendste Problem, das wir haben. Denn auf diesem Boden wächst die Zustimmung zum modernen Natio­nal­so­zia­lismus und der bedroht die Frau­en­rechte ebenso wie das Recht auf Frieden und Demo­kratie. Nicht nur bei uns, sondern überall. Und in anderen Ländern heißen die Gefahren nun einmal nicht AfD, Pegida oder weiß der Henker, wie. Dort sind es eben die isla­mi­schen Gesell­schafts­struk­turen, die aus jungen Männern frus­trierte Frau­en­ver­folger und aus Frauen Opfer machen. Und natürlich ist das ein Problem auch für uns. Aber das ist eine Dis­kussion, die offenbar kaum geführt werden kann, ohne Schwarz oder Weiß zu brüllen.

Es erzählen Frauen ara­bi­scher und per­si­scher Herkunft seit Jahr­zehnten von Greu­el­taten: von Stei­ni­gungen, von Zwangs­heirat, von Ver­ge­wal­ti­gungen, Ent­füh­rungen — die Men­schen­rechte werden vor allem für Frauen in den Ländern, in denen der Islam Staats­re­ligion ist, beschnitten und gestrichen ohne Ende. Von uns aus hieß es dazu meist, dass seien halt "Tra­di­tionen", "Bräuche", "fremder Länder Sitten" — noch nie hat sich deswegen jemand Sank­tionen ein­fallen lassen, was auch dazu geführt hat, dass hier in unserem Rechst­staat Zwangs­ver­hei­ra­tungen und Ehren­morde eher lasch verfolgt wurden.
Es ist sexis­tisch wie ras­sis­tisch zugleich: zum Einen sind die Menschen in diesen fremden Ländern offenbar allesamt so unter­ent­wi­ckelt, so weit zurück, dass man sie am besten gewähren lässt, denn mit uns hat das nichts zu tun. Und zum Anderen ging es halt um Frauen und die machen ja immer Stress, hahaha, das kennen wir doch alle.
Dass Frauen dort nicht unver­hüllt aus dem Haus dürfen, man­cherorts noch nicht einmal dann — herrje, das fällt unter Mode­fragen, es gibt wirklich wich­ti­geres (darüber habe ich schon einmal geschrieben). Wich­ti­geres? Nein, eigentlich nicht. Wenn ein Klei­dungs­stück darüber ent­scheidet, wie ich als Frau gesehen werde, welche Chance habe ich dann? Es zählen nicht mein Können, mein Cha­rakter, mein Benehmen, sondern es ent­scheidet ein Rock oder ein Hijab, was ich bin. Und wenn ich nicht einmal frei ent­scheiden kann, was ich trage, wie kann ich dann erwarten, über mein Leben oder meinen Körper ent­scheiden zu dürfen? Gar nicht und genau das ist auch beabsichtigt.

Und da bin ich beim nächsten Punkt, an dem es wieder nur dies oder das gibt: ich habe im Laufe meines Lebens Freun­dinnen (und Freunde) aus aller Herren Länder gehabt.
Nahid aus Afgha­nistan, die vor den erstar­kenden Taliban geflohen ist, nachdem ihr Vater, ein Poli­tiker, erschossen und sie mit viel Pampam ver­hei­raetet wurde — ihre Hoch­zeits­bilder zeigen unver­schleierte Frauen, aber eine unglück­liche Braut mit einem jungen Mann, der sie im Klam­mer­griff hielt.
Sima aus Persien, deren Familie das Land verließ, nachdem Aya­tholla Khomeini an die Macht kam und die immer wieder einmal hinfuhr, aber erleichtert nach Bonn zurück kam und die selbst im Winter keine Mütze trug, weil das Gefühl von Stoff auf ihrem Kopf uner­träglich war.
Meine erste beste Freundin Ilknor aus Ankara, deren Eltern das Rei­sebüro unserem Schreib­wa­ren­laden gegenüber hatten und die heute Ärztin ist — weil ihr Vater wollte, dass sie es viel besser haben sollte; sowieso ein ganz toller Mann, der — wie kann es nur sein — trotzdem gläu­biger Muslim war.
Meine liebe Soumaya aus Tunesien, die ich viel zu selten sehe und die als einzige von vielen, die ich kannte und liebte, Kopftuch trägt. Was irgendwie ein Problem und irgendwie auch wieder keines ist.

Ich per­sönlich lehne das ab, diese Ver­schleierung und Ver­hängung von Frauen, damit Männer sich ihr gegenüber benehmen (können). Wir haben darüber gesprochen und ja, sie trägt es, weil sie gläubig ist, tut es für Allah. Sagt aber auch, der Hin­ter­grund ist natürlich der, dass gesagt wird: weib­liches Haar erregt Männer; eigentlich errege alles an der Frau den Mann, und deshalb sei es ihre Pflicht, ihn nicht von den wich­tigen Dingen des Lebens abzu­lenken, in dem sie ihn verführe allein durch ihre bloße Anwe­senheit. Das ist die gleiche Argu­men­tation wie sie hier ja auch her­ge­betet wird, wenn auch noch ver­schärfter. Und es ist ein zutiefstes feind­liches Frau­enbild, das dem zugrunde liegt und dem sie sich durch das Kopftuch beugt. Schön ist da auch das Statement von Muslim-Stern zu lesen, das zeigt, wie wenig bereit manche Muslime sind, ihre eigenen Werte und Regeln zu hinterfragen. 

Es ist natürlich auch ein zutiefst män­ner­feind­liches Bild, das da ent­worfen ist, denn im Grunde ist der Mann ent­würdigt zum trieb­haften Tier. Aller­dings, schaue ich mir oben genannten hastag an, dann unter­liegen wir Frauen hier wohl einem großen Miß­ver­ständnis. Während wir ernsthaft glauben, dass doch kein Mann sich selbst so würde sehen wollen, scheinen es einige zu kurz gekommene Esel mit Wonne zu zele­brieren: "Ja, ich bin borniert, eng­stirnig und kann nix richtig auf der Welt, deshalb bin ich Frau­en­grap­scher." Scheint auch eine Lebens­ein­stellung zu sein. Eine, die in einer zivi­li­sierten Gesell­schaft keinen Platz hat.

Übrigens sagte Soumaya auch, dass dieses sich Ver­hüllen für Männer genau so gälte, aber: "Die tun es halt nicht …"
Was viel­leicht daran liegt, dass es eher selten geschieht, dass eine Frau sich beim Anblick der sich in haut­engen Jeans abzeich­nenden Fami­li­en­ju­welen nicht mehr halten kann und zupackt. Auch kennen die meisten Männer keine Angst, wenn sie an Frau­en­gruppen vorbei gehen, wenn sich auch bestimmt manche unwohl fühlen mögen. Ein Hotel­kollege auf Nor­derney ist einmal von einer Menge ange­trun­kener Kegel­schwestern ange­macht und begrapscht worden und saß danach leicht trau­ma­ti­siert auf meinem Sofa — von ihm waren nie wieder sexis­tische Sprüche zu hören.

Mich hat dieses Kopftuch immer ver­wundert: es sollte ja in einer isla­mi­schen Gesell­schaft dafür sorgen, dass Frauen unsicht­barer werden — durchaus auch in einem posi­ti­veren Sinne, also den Blicken fremder Männer ver­borgen und damit geschützter bleiben sollten. In einer Stadt, in der alle Frauen ver­schleiert her­um­laufen, macht das — leider — auch Sinn: du willst in Teheran oder Riad nicht auffallen.
Aber hier bei uns erreicht es ja immer schon das Gegenteil: so dämlich manch wenige unserer Männer auch sind und bleiben, mit ein paar flat­ternden Haaren im Wind oder einem kurzen Rock rufst du keine Wellen der Begeis­terung oder Empörung mehr hervor; da musst du in der west­lichen Welt schon an Amish oder Evan­ge­li­kalen vor­bei­mar­schieren. Heißt: wir sind im normalen Stra­ßen­alltag, tagsüber, in Men­schen­mengen ziemlich sicher. Mir sind schon einige unan­ge­nehme Dinge geschehen, aber niemals mittags in der Stadt. Was in Kairo bei­spiels­weise anders ist.

Wir hatten uns zwi­schen­zeitlich auch an die Kopf­tücher im Stra­ßenbild gewöhnt, wobei der Blick eben doch sehr auto­ma­tisch an diesen ver­schlei­erten Häupten hängen bleibt. Hier verbirgt dich ein solcher Hijab nicht vor Blicken, er stellt dich in den Mit­tel­punkt und schützt dich damit nicht, sondern gibt dich preis. Nun, wo wir massive Über­griffe ras­sis­ti­scher Natur befürchten müssen, würde es viel­leicht Sinn machen, wenn Imame ihren Schwestern ein west­li­cheres Outfit anraten würden. Nur mal so als Idee, denn vor wild­ge­wor­denen Nazis und Hools mit Kopftuch auf­zu­kreuzen, das kann kein gutes Gefühl sein. Aber da enden wir wieder bei Schwarz-Weiß: so wie du nur Femi­nistin sein kannst, wenn du jetzt erst recht durch Män­ner­gruppen läufst, bist du nur eine gläubige Muslima, wenn du deine Religion noch rigo­roser lebst und zeigst.

Lässt sich über­haupt noch darüber reden, dass es nicht ganz unge­fährlich ist, junge Männer, die teil­weise mit rigiden Vor­schriften, wenig per­sön­licher Freiheit und einem natürlich anderen Frau­enbild kommen, in unserer Gesell­schaft zu haben? Offenbar nicht: denn die einen brüllen sofort alles nieder und wissen ganz genau, dass die alle so sind, die anderen schweigen zu intensiv, weil das Thema zu unan­genehm ist.
Dabei ist es doch ganz klar: selbst­ver­ständlich sind es nur wenige, die brutal, frau­en­ver­achtend und kri­minell sind und viele, viele mehr, die in Frauen Mit­men­schen sehen, die Respekt ver­dienen — der Schnitt an soge­nannten guten und schlechten Menschen dürfte überall auf der Welt gleich sein.
Es stellt sich vielmehr die Frage, wie können wir sie wirklich auf­nehmen, wie können wir unsere Gesell­schaft weiter voran bringen, was können und müssen wir tun? Und dann sind wir ganz schnell doch wieder bei der Gleich­be­rech­tigung von Mann und Frau als das wich­tigste zu errei­chende Ziel weltweit, weil mehr daran hängt, als ein paar weib­liche Unter­neh­mens­füh­re­rinnen: Es gibt Unter­su­chungen, die zeigen, wie eine (erst zah­len­mäßig, dann wer­te­mäßig) männlich domi­nierte Gesell­schaft schneller mit Gewalt reagiert; Raub, Kör­per­ver­letzung, Zensur finden dort ihren Platz. Wenn wir den hierher Flüch­tenden nun den Zuzug ihrer Familien ver­weigern, machen wir uns nicht nur schuldig am Leid ihrer Frauen und Kinder in Flücht­lings­lagern in unsi­cheren Gebieten, wir schaffen auch bei uns ein Ungleich­ge­wicht zwischen Mann und Frau. Daran sind nicht die Flüch­tenden schuld, die auch eher nicht für eine kri­mi­nellere Atmo­sphäre hier sorgen werden, sondern unsere Politik, die sich von rechten Schrei­hälsen ein­schüchtern lässt.
Dass Männer, die Frauen angreifen und demü­tigen, bestraft werden müssen, sollte klar sein — das geht aber auch nur, wenn die Debatte "Gewalt gegen Frauen" ehrlich geführt würde, denn nur dann gäbe es endlich Gesetze, die wirklich schützen und strafen. Wie kann es sein, dass mir zwar von Experten wie Psy­cho­logen und Kri­mi­nalern geraten wird, im Falle des Falles eher passiv als aggressiv zu rea­gieren (weil der Angreifer im Regelfall viel stärker, viel gewalt­be­reiter und viel aggres­siver sein wird), gleich­zeitig aber mein "Nein" ohne massive kör­per­liche Gegenwehr (die den Gewalt­täter noch wütender und rück­sichts­loser machen kann) nichts zählt, wenn es um die Fest­stellung "Ver­ge­wal­tigung oder ein­ver­nehm­licher Sex" geht? Wenn mich die Ser­vice­kraft fragt, ob ich noch ewas zum Dessert möchte und ich antworte mit einem "Nein", dann wird auch davon aus­ge­gangen, dass ich das auch so meine. Ver­ge­wal­tigung aber steht wohl nur dann zwei­felsfrei fest, wenn ich mich geprügelt habe und tot auf dem Müll­platz gefunden werde.
Aber da Bestrafung ja nur aus ras­sis­ti­schen und nicht aus sexis­ti­schen Gründen vom Pack gefordert wird und Männer Gewalt gegen Frauen nicht ernst nehmen wollen, haben wir nun ein Problem damit, diese "nord­afri­ka­ni­schen" Männer ange­messen zu bestrafen. Mist, oder?

Das eigentlich Erschüt­ternde für mich ist die Tatsache, wieviele besorgte Mit­bürger bereit sind, prügelnd und mordend durch die Straßen zu rennen, einen Bür­ger­krieg her­bei­zu­reden und sich einem System zu unter­werfen, das keinen Platz für per­sön­liche Freiheit vorsieht. Zumindest glaube ich, dass das mein momen­tanes Fazit ist. Mit­ein­ander reden, ohne ständig reflex­artig in Schwarz-Weiß-Denken zu ver­fallen, ist das einzige, was helfen kann. Naja, und für einige wäre es nicht verkehrt, ihre Mensch­lichkeit zu ent­decken und sich wahrhaft christlich zu ver­halten. Da hilft es sehr, noch mal nach­zu­schlagen, was das eigentlich für Werte sind …

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