fraudrhüberleinMeine Damen, lassen Sie mich Ihnen ein herz­liches Will­kommen zurufen und gestatten Sie, dass ich mich Ihnen vor­stelle:
Frau Dr.h.c. Hüberlein, Haus­wirt­schafts– und Schön­heits­ex­pertin und Rat­ge­berin in allen Frau­en­fragen. Sicher haben Sie schon von mir gehört und so begrüße ich Sie heute im Heim von Frau Stephen Instone, deren freudige Über­ra­schung ihr lebhaft in ihr rei­zendes Antlitz geschrieben war, als ich heute morgen vor ihrer Türe stand. Ich habe es mir zur hehren Aufgabe gemacht, die Frauen Deutsch­lands zurück zu ihrer Bestimmung und damit zum wahren Glück zu führen, indem ich ihnen mit Rat und Hilfe zur Seite stehe.

In den letzten Jahren ist eine Ent­wicklung zu beob­achten, die mich äußerst betrübt: Frauen, die Zierde und Schönheit des Men­schen­ge­schlechtes, meinen, sich mit dem kämp­fe­ri­schen und starken Manne messen zu müssen und ver­nach­läs­sigen dabei auf sträf­liche Weise ihre Pflichten Familie und Haushalt, ja gar der Gesell­schaft gegenüber. Der Haushalt wird als lästig wahr­ge­nommen, Kinder sich selbst über­lassen und das eigene Äußere ver­nach­lässigt. Nein, dahin wollen wir es doch nicht kommen lassen: es ist alles nur eine Frage der Einstellung!

Unter uns wollen wir nicht so formal sein und so dürfen wir unsere Gast­ge­berin vertraut mit Frau Andrea ansprechen. Ich habe sie bei ihrer Arbeit heute begleitet und dabei mit guten Rat­schlägen nicht gespart und bin mir sicher, dass sie nun schon auf dem Wege zur glück­lichen und aus­ge­gli­chenen Hausfrau ist, die sich ihrer Bestimmung bewußt ist und sich so Respekt und Liebe ihrer Familie verdient.

Nun, Frau Andrea war an diesem Samstag erst um acht Uhr erwacht; eine Krankheit, die sie unter der Woche zum Ruhen zwang, mag hier als Ent­schul­digung gelten. Sie hustete ein wenig vor sich hin und beklagte sich sehr, dass sie alleine für dieses wahrlich sehr ver­nach­läs­sigte Haus zu sorgen haben solle. Aber meine Damen, mit diesen billigen Ausreden wollen wir von nun an Schluß machen — eine kleine Erkältung muss uns und unseren Aufgaben wahrlich nicht im Wege stehen: in solchen Fällen empfehle ich alte Haus­mittel; 5–6 Fie­ber­ta­bletten auf­gelöst in einem halben Liter Klos­terfrau Melis­sen­geist oder einem anderen Stär­kungs­mittel wirken wahre Wunder. Denn wir wollen unserem Gatten doch nicht zumuten, in ein unor­dent­liches Haus abends zurück zu kehren oder gar hart erar­bei­tetes Geld für eine Haus­halts­hilfe ausgeben zu müssen, nur weil seine Frau meint, sich als große Dame gebären zu müssen, nicht wahr? Also hopphopp, schnell ins Bad, ein wenig Puder auf die Nase, die Haare frisch frisiert und dann in ein adrettes Haus­kleid geschlüpft, die gestärkte Schürze angelegt und an die Arbeit.
Und hier noch einmal die Mahnung an alle Frauen, denen an einer guten Ehe und einem glück­lichen Gatten gelegen ist: lassen Sie sich nicht gehen, denn auch andere Mütter haben hübsche Töchter! Bieten Sie immer einen ange­nehmen Anblick, damit Ihr Mann stolz auf Sie sein kann und Sie jederzeit mit Wohl­ge­fallen anblickt. Glauben Sie mir: auch Sie selbst werden mit mehr Schwung und Freude an die Arbeit gehen, wenn Sie wissen, dass Sie jederzeit gepflegt und hübsch sind. Besonders wird es Sie daher freuen, zu hören, dass nichts auf der Welt dem weib­lichen Körper, einer straffen, schlanken und jungen Figur zuträg­licher ist als die mit Schwung aus­ge­führte Haus­arbeit. Sie formt die Taille, hält Sie beweglich und elas­tisch und sorgt für weib­liche Anmut, ohne dass sich häßliche Muskeln aus­formen, die uns einen männ­lichen Anschein geben.

Frau Andrea stand nun endlich bereit und so ging es los — ich sah zu und wies sie auf kleine Fehler und Unter­las­sungen hin,was sie dankbar ent­ge­gennahm. Zunächst ging es an das Fegen der Treppen; achten Sie bitte immer darauf, dass Sie in einem mehr­stö­ckigen Haus von oben nach unten arbeiten. Eine gute Orga­ni­sation ist schon die halbe Arbeit. Für das Fegen der Treppen habe ich zehn Minuten ver­an­schlagt, danach greifen wir uns den Staub­sauger und wirbeln ein Liedchen träl­lernd von der obersten zur untersten Etage und lassen dabei keine Ecke aus. Ja meine Damen, achten Sie auch auf soge­nannte Woll­mäuse, die sich unter Türen und Stühlen ansammeln können. Für diese Arbeit rechnen wir mit einer knappen Stunde und Sie werden merken, wie Ihre Lebens­geister sich erheben — ein stän­diges sich Beugen und Erheben und die Schritte vor, zurück und zur Seite — betrachten Sie diese ange­nehme Tätigkeit als einen Tanz und schon strahlen Sie den ganzen Tag.

Es war dann aller­dings der Zeit­punkt gekommen, an dem Frau Andrea sich erneut beklagte: der Hunger plage sie. Bedenken Sie, meine Damen, dass es noch nie geschadet hat, ein klein wenig zu hungern; ihre Taille wird es Ihnen danken. Zu häufige und früh­zeitige Pausen sorgen nur für eine größere Unlust, die nötige Arbeit wieder anzu­gehen. Wenn Sie einmal begonnen haben, dann arbeiten Sie durch und belohnen sich hernach mit einem gesunden Imbiss bestehend aus einem Apfel und einem frisch belegten Brot — lernen Sie die ein­fachen Dinge wieder zu schätzen und das gute Gefühl, sich eine Mahlzeit wahr­haftig verdient zu haben. Und so scheuchte ich Frau Andrea weiter, die mir einen dank­baren Blick zuwarf.

Ich sah mich um und gab ihr dar­aufhin eine Liste der zu erle­di­genden Aufgaben: da war der Esstisch, der gewischt und neu geölt werden musste, die Back­bleche mussten gereinigt werden, das Bad geputzt, Alt­papier sortiert, leere Glas­fla­schen entsorgt, der Kühl­schrank und die Küchen­schränke gereinigt und der Kat­zen­ess­platz versorgt werden. Für all diese Aufgaben braucht eine flotte Frau nicht länger als gute drei Stunden. In diesem Punkte kann ich Frau Andrea nichts vor­werfen: flott ist sie, allein an guter Laune lässt sie es ermangeln. Zwi­schen­durch mussten noch ein Geschenk ein­ge­packt und die Einkäufe (erledigt vom treu­sor­genden Gatten — das nenne ich groß­zügige Unter­stützung der Hausfrau!) weg­sor­tiert werden.

Meine Damen, Sie sind sicher auf­merksam genug, zu bemerken, dass es noch unendlich viel mehr zu tun gegeben hätte, alleine auch Frau Andrea gehört zu jenen Frauen, die der Meinung sind, das Nötigste müsse manchmal aus­reichen. Aber ist das wirklich so? Ich denke, die Betten hätten noch frisch bezogen und gelüftet werden müssen und einige Hemden und Socken gebügelt werden können, bevor sich unsere reizende Gast­ge­berin ihren Imbiss verdient hätte. Auch die Fenster waren nicht in allen Zimmern strei­fenfrei klar und von einem frisch gekochten Essen waren wir auch noch weit entfernt: die Familie sah sich gezwungen, eine Brotzeit zum Mittag ein­zu­nehmen. Immerhin hat Frau Andrea ver­sprochen, heute abend ein Kartoffel-Ricotta-Gratin und einen gesunden Salat zu bereiten. Sicher, nach getaner Arbeit hat auch die Hausfrau das Recht, die Beine für einige Minuten hoch­zu­legen und in einer Illus­trierten zu blättern. Aber wir wollen es damit auch nicht über­treiben. Auch der Blick in den Spiegel sollte zur Pflicht werden, damit wir jederzeit adrett und gepflegt aussehen.

Frau Andrea sitzt also nun auf dem Sofa und erholt sich und nachdem sie noch nicht ganz gesund ist, sei ihr dies auch gestattet — aber das wollen wir nicht zur Gewohnheit werden lassen, nicht wahr? Und ich schließe mit dem Angebot an alle Damen diesen Landes, mich jederzeit in ihr Heim ein­zu­laden, um die hohe Kunst des Haus­haltens zu lernen und zu lieben. Damit ver­ab­schiede ich mich und entlasse Sie, meine Damen, zurück an den hei­mi­schen Herd. Ver­gessen Sie den Lip­pen­stift nicht!

Ihre Frau Dr.h.c. Hüberlein

  

12052015… beschäftigt mich; nicht alles davon ist schön. Und so treffe ich Ent­schei­dungen, überlege, wo es hingehen soll und darf und kann und muss. Eine davon betrifft das Studio, das ich aufgeben werde, weil es mir wich­tiger erscheint, die Fürsorge und Pflege, die ich dort anderen ange­deihen ließ, an Mann und Kinder und Katzen und Haus umzu­leiten — das sollte einiges ent­spannen. Aber eine schöne Ent­scheidung ist es eben nicht.
Dazu kommen die üblichen Ärger­nisse, die man im Alter von Mitte/Ende Vierzig wohl erwarten muss: eine mich über­fal­lende Regel alle drei Wochen, die mich schlaucht und schafft und eine Figur, in der ich mich kaum wie­der­er­kenne. Ehrlich: ich hasse es und habe an manchen Tagen das Gefühl, dass ich mich in eine unsichtbare Frau ver­wandele. Immer müde, immer erschöpft, immer unscheinbar. Nun ist es ja nicht so, dass ich früher der Vamp schlechthin gewesen wäre, aber ein gewißes Maß an Auf­merk­samkeit empfand ich als selbst­ver­ständlich. Was mir heute anmaßend erscheint. Sowohl in der Rück-Sicht, aber auch, was meine heutige Erwar­tungs­haltung anbe­langt: die liegt nämlich mitt­ler­weile bei null. Wird diese Erwartung über­troffen, neige ich spontan dazu, dem mir eine Höf­lichkeit erwei­sendem Wesen Mitleid mit der alten, kranken Frau zu unter­stellen. Womit meine aktuelle Geis­tes­haltung mir selbst gegenüber aufs schönste dar­ge­stellt und bewiesen ist.
Grabe ich ein wenig tiefer, dann finde ich Gründe, die nichts mit dem Alter zu tun haben, sondern mit den Gescheh­nissen der letzten drei Jahre, ange­fangen mit der Krankheit meines Vaters und dem fatalen Sommer 2012. Seitdem gab es so viele andere Scheuß­lich­keiten, die mir zu schaffen machten — im Grunde ein Wunder, dass ich mich im Spiegel über­haupt noch so gerade eben wieder erkennen kann.

Wie dem auch sei: ich bin mal wieder auf der Suche nach mir selbst und nachdem, was ich möchte. Und einen Wunsch habe ich schon aus­ge­macht und das ist endlich, endlich ein wirklich luftiges Som­mer­kleid.
Ja, peng, damit hat man jetzt nicht gerechnet. Ist ja auch ein Ding. Logisch, das mein Blick auf die 20er fiel und eben­falls logisch, dass ich mir dabei per­manent selbst im Wege stehe. Weshalb? Die Schnitt­führung der 20er ist die sim­pelste über­haupt seit dem frühen Mit­tel­alter, ins­be­sondere ver­glichen mit den drei, vier Jahr­zehnten zuvor mit all den Schnü­rungen, Tour­nüren, Fisch­beinen, Unter­röcken und auf Figur geschnit­tenen Klei­derskulp­turen. Auf einmal gab es ein Rechteck hier, ein Rechteck da, hier eine Raffung, dort eine Falte et voilà — une robe très élégante et soignée.

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Nunja, oder auch nicht. Früher, als ich 15, 16 Jahre alt war und dünn trotz täg­licher Chips­ver­schlin­ge­reien und Eisorgien, da schaute ich oft sehn­suchtsvoll auf die Mode­zeich­nungen der 1920er, auf denen alle Frauen so schmal und groß und zart und kur­venlos waren, wie ich mich fand. Das wäre doch meine Zeit gewesen, so dachte ich mir, da hätte ich gewiß viel besser aus­ge­sehen. Und so war die Mode dieser Jahre meine erste große Vintage-Liebe.
Nun hat sich seitdem ja einiges getan, ins­be­sondere an Hüfte und Ober­weite. Natürlich nicht an Beinen und Armen, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Noch so ein Grund, mit dem Schicksal zu hadern, wenn es nicht zu sinnlos und zeit­ver­nichtend wäre. Leider sind Hüfte und Ober­weite mit einem simplen Recht­eck­schnitt nicht gut zu kleiden — glaubt mir, ich habe in den letzten Wochen so einiges versucht, was Freundin Arlett in einer sehr diplo­ma­ti­schen Aussage so beschrieb: "Ohne Taille siehst du seltsam aus."
Das mag jetzt hart klingen, ist aber das freund­lichste, was man zu dem Pro­besack sagen konnte. Ein form­loses Etwas, das einige Beulen aufwies und mich doppelt so breit erschienen ließ. Bei aller Sehn­sucht nach Luf­tigkeit, so voll­kommen fremd wollte ich auch nicht aussehen.
Aber Ruhe geben mochte ich auch nicht und so stie­felte ich heute los, um einige weitere Kleider zu testen und mir die Schnitt­führung anzu­sehen. Wären diese Kleider nicht alle zu kurz und zu bunt und zu poly gewesen, so hätte ich wohl eines gekauft, denn es funk­tio­nierte: sie umflossen mich, ver­bargen Bauch und Hüften und waren dennoch nicht formlos. Und ich stellte fest: wenn es darum geht, einen Schnitt zu erstellen, der nicht auf die Figur gemeißelt wird, bin ich nicht frei genug.

Denn entweder halte ich mich an meinen Grund­schnitt oder aber ich kon­struiere nach Ori­gi­nal­an­lei­tungen der jewei­ligen Zeit. Das funk­tio­niert in den aller­meisten Fällen, aber für manches versagt es. Immer dann nämlich, wenn eine gewiße Läs­sigkeit mit dem Klei­dungs­stück einher geht — einen Grund­schnitt, der für eine Ober­weite von 70F (also schmaler Brustkorb, tiefe Körbchen) aus­gelegt ist, in etwas wenig geformtes ver­wandeln zu wollen, führt fast immer zu Zelten oder selt­samen Zwittern, die der Figur zu sehr folgen. Was diese Kleider nicht taten: kleine Bru­st­ab­näher plus moderate Mehr­weite mit sim­pelsten Mitteln brachte den Erfolg. Wie ich das dupli­zieren kann, weiß ich noch nicht so genau, aber als ich an einem wild bedruckten Stoff vor­beikam, war der Ehrgeiz geweckt:

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Hei­de­witzka, das ist mal etwas anderes, nicht wahr? Ich habe eine vage Vor­stellung, die viel mehr mit Dra­pieren als mit Kon­stru­ieren zu tun hat, mit in Falten gelegter Mehr­weite, mit einem Mix von Vor­arbeit und spon­tanem "das müsste doch klappen" — also mit einem viel freieren Arbeiten, als ich es mir sonst gestatte. Es ist der Stoff, der mich leiten soll. Und außer einem ver­rückten Flap­per­flat­ter­kleid kann ich mir daraus nicht vieles vorstellen.

Jetzt hatte ich mich eigentlich hinlegen wollen, um wieder fit zu werden (schon wieder Hals­schmerzen vom Kinde mit nach Hause gebracht bekommen!), bin aber so von dieser Idee gepackt, dass ich mal schauen will, was machbar ist.

  

Jajaja, seit ich mich listig und tückisch den 30ern nicht nur genähert, sondern sie fast schon erobert habe, gibt es hier kaum noch anderes zu sehen. Da ich im Augen­blick einen Schlachtplan entwerfe, wie ich mir auch die 20er zu eigen, ach was, untertan machen kann, muss das nicht so bleiben. Nur mal so als kleiner Hoffnungsschimmer …

Den zuletzt gezeigten Rock­schnitt habe ich kurze Zeit später umge­setzt und ich ärgere mich ein wenig, wenn ich den fertigen Rock betrachte. Da war ich auf dem Stoff­markt und hatte endlich einmal wieder Jagd­glück und ver­ab­säume es dann, vom abso­luten Traum­stoff mehr als den guten Meter mit­zu­nehmen. Viskose in einer Qualität, die allen Wünschen gerecht wird: fließend, nicht dünn und rutschig, sondern mit Griff, dazu ein Tra­ge­gefühl — ja, ich seufze gerade vor mich hin. Zu meiner Ent­schul­digung kann ich nur sagen, dass ich statt meiner besten Bera­terin Arlett meine beiden Söhne dabei und ihnen ver­sprochen hatte, es würde nicht länger als 20 Minuten dauern. Also alles: aus­steigen, hin­laufen, alles anschauen, alles anfassen, schneiden lassen, bezahlen und auf dem Rückweg sein. Ich habe das Ver­sprechen erfüllt. Und schmachte der vertanen Chance hinterher.

Ein klein wenig mulmig war mir, aus­ge­rechnet diesen Stoff für einen so schlichten Rock zu ver­wenden. Und vor allem mit dem Blüschen auf dem Bild ist es in der Tat kein auf­re­gendes Ensemble geworden, aber unglaublich weich, luftig und fließend.

Das Blüschen, wie könnte anders sein, ärgert mich auch. Nein, das ist falsch, ich ärgere mich natürlich über mich, nicht über die unschuldige Bluse. Als Grundlage für den Schnitt habe ich einen Grund­schnitt ver­wendet, der längst hätte ange­passst werden müssen; stand sogar darauf — mit vier Aus­ru­fe­zeichen und in knallrot: noch nicht geändert!!!! Aber offenbar eine zu subtile Bot­schaft meines ver­gan­genen Ichs an mein blu­sen­zeich­nendes Ich. Und so sitzt die Schulter nicht perfekt und die ganze Bluse rutscht ein wenig nach hinten. Aber, siehen oben: weich, luftig und fließend.

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Jaha! Zumindest einen Blu­sen­schnitt habe ich nun in meinem Schnit­t­archiv, mit dem ich arbeiten kann. Für eine Basis­gar­derobe viel­leicht unge­wöhnlich, aber zu meinen Röcken passt diese Bluse ganz wun­derbar. Und noch besser: ich fühle mich ebenso wun­derbar in ihr.

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Fast lassen sich Details auf diesem Bild erkennen — dank des herr­lichen Som­mer­wetters und der Frei­luft­knip­serei. In die erste Bluse nach diesem Schnitt war ich schon verliebt, in diese nun noch mehr, weil kleine Fehler fehlen und auch, weil mir die Ärmel — diesmal an Schulter und Saum gekräuselt — besser gefallen. DAS ist mein per­fekter Basis­blu­sen­schnitt und wohl bald die Hälfte meiner Blu­sen­stoffe sehe ich schon darin. Wenn ich nur nicht immer das Gefühl hätte, noch anderes testen zu müssen.
An einer anderen Blu­senart arbeite ich heute noch, weiß aber schon, dass sie mich nicht über­zeugen wird; schon alleine wegen eines dummen Fehlers in der Kon­struktion. Aber ich bin bereit, mich über­ra­schen zu lassen. Aber zurück zu diesem Blüschen:

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Eigentlich hatte ich vor, sie mit jedem Rock in meinem Schrank zu zeigen — na, mit den meisten — denn sie ver­ändert ihre Wirkung enorm mit Farbe und Form des Unter­teils. Aber gleich möchten Essen gekocht, Unkraut gezupft und Blusen genäht werden und so ver­schiebe ich dieses hehre Vorhaben auf einen späteren Zeitpunkt.

Der Rock hier ist übrigens aus einem Woll-Leinen-Fischgrat, der relativ steif ist, aber von dem ich gerne viel mehr hätte. War leider ein Rest­coupon. Und weil ich den Rock mit dieser Bluse auch sehr mag und vom Post­boten ein "Sie sehen heute so beschwingt aus!" erntete, darf er mit auf die nächsten Bilder.

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Ja, beschwingt ist passend. Dieser herr­liche Son­nen­schein, eine geglückte Bluse, ein netter Rock, dazu Haus­arbeit, die zum Großteil gestern erledigt wurde — viel besser kann es nicht sein, oder? Und jetzt dürfen alle meckern, weil ich heute nichts zu meckern hatte.

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Ohne lange Vorrede geht es los mit Eli­sabeth Tudor, Königin von England, nach der als erster ein Zeit­alter benannt wurde und die England zur Seemacht führte.

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Eli­sabeth als Dreizehnjährige

Eli­sabeth wurde am 7. Sep­tember 1533 als Tochter Anne Boleyns und Heinrich VIII. geboren und ihr erster Eindruck von dieser Welt muss wohl Ent­täu­schung gewesen sein: sie war nicht der erwartete männ­liche Thron­folger, ihr Vater kein lie­bender Beschützer und ihre Mutter würde nicht mehr lange für sie da sein — kein schöner Beginn. Und es blieb holprig, schwierig und gefährlich in ihrer Kindheit und Jugend.
Nach der Hin­richtung ihrer Mutter und der Geburt ihres Halb­bruders Edward wurde sie gemeinsam mit ihrer älteren Halb­schwester Maria Tudor von der Thron­folge aus­ge­schlossen und erst durch Betreiben Katharina Parrs, Hein­richs letzter Frau, wieder ein­ge­setzt. Katharina bemühte sich sehr um das ruhige, undurch­schaubare Mädchen, das schnell gelernt hatte, seine Gefühle und Gedanken zu ver­bergen — Eli­sabeth erkannte früh, dass ein unvor­sich­tiges Wort am falschen Platze den Kopf kosten konnte. Diese Fähigkeit, sich zu ver­stellen, Dinge unaus­ge­sprochen zu lassen und sie dennoch durch­zu­setzen, sollte cha­rak­te­ris­tisch für sie werden.
Und für die­je­nigen, die einer Frau den Thron nicht zutrauten, ein Beweis von Zaudern, Zagen und Ziel­lo­sigkeit des weib­lichen Geschlechtes sein.

Katharina Parr

Katharina Parr

Nun, 1547 starb ihr Vater und ihr neun­jäh­riger Bruder bestieg den Thron. Er und Eli­sabeth hatten als Erste der Königs­fa­milie eine pro­tes­tan­tische Erziehung erhalten, während ihre Schwester Maria eine sehr streng­gläubige Katho­likin war, die sich nach der Restau­ration des Glaubens sehnte — das wird für Eli­sabeth zur Feu­er­probe werden. Zunächst einmal aber lebt sie am Hofe ihrer Stief­mutter Katharina, die sich nun endlich mit Thomas Seymour ver­hei­raten kann — wir erinnern uns, sie gab ihn auf, als Heinrich ihr erklärte, sie habe seine Frau zu werden. Ob Thomas all ihr Sehnen und Schmachten wert war? Attraktiv soll er gewesen sein, an der Macht inter­es­siert und offenbar an jungen Mädchen.

Thomas Seymour

Thomas Seymour

Katharina war schwanger und Thomas hielt es für eine gute Idee, sich dem Schützling seiner Frau zuzu­wenden — ganz harmlos natürlich. Was konnte schon dabei sein, in das Schlaf­zimmer der noch schla­fenden Vier­zehn­jäh­rigen zu gehen, um sie dort durch­zu­kitzeln oder auf den Po zu klopfen? Sie war doch nur ein Kind und er übte gewiß nur für seine Vater­rolle. Seine Frau sah das nicht so und auch Eli­sa­beths Gou­ver­nante war empört.
Wie Eli­sabeth das erlebte — wie immer: wir wissen es nicht. Meist wird es so aus­gelegt, dass sie nicht abge­neigt gewesen sei, sich neu­gierig habe küssen lassen. In diesen Zeiten war sie nahezu hei­rats­fähig und sowieso genieße doch jedes Mädchen männ­liche Auf­merk­sam­keiten, aber wieder einmal habe ich Schwie­rig­keiten, mir das vor­zu­stellen: während deine geliebte Stief­mutter durch Schwan­ger­schaft an ihren Raum gefesselt ist, tritt ihr Mann dir immer wieder nahe, erscheint im Nachthemd — für diese Jahre mehr oder weniger nackt — an deinem Bett und schmei­chelt dir in einem fort …
Ich finde es ver­blüffend, dass man aus ihrem eher still­hal­tenden Ver­halten, ihrem Erröten nichts anderes als Ein­ver­ständnis hat ablesen können, obwohl sonst immer von ihrer Dop­pel­zün­gigkeit, ihrem geschmei­digen Oppur­tu­nismus die Rede war. Aber wie bei Maria Stuart: kommt erst einmal ein rich­tiger Mann daher, dann kann das Weib ja gar nicht anders, als sich wohlig seufzend zu ergeben.

Wie es auch gewesen sein mag: Katharina starb im Kindbett und Thomas zögerte nicht lange, Eli­sabeth seine Hand anzu­bieten. Dass Eli­sabeth nicht gleich ablehnte, dass über Notare die Ver­mö­gens­auf­stel­lungen beider abge­ge­lichen wurden, das schien Beweis dafür zu sein, dass Thomas Seymour ihre erste Liebe gewesen sei. Doch Ehe­schlie­ßungen des Adels mussten vom Kronrat abge­segnet werden. Dem der Lord­pro­tektor vorstand. Der, die Welt ist so klein, sein Bruder war. Thomas gönnte ihm die bevor­zugte Stelle als Lieb­lingsonkel des Königs nicht. Die Seymours hatten ja schon tüchtig nach­ge­holfen, Anne Boleyn für ihre Schwester Jane aus dem Weg zu räumen, nun gingen sie sich gegen­seitig an den Kragen, was mit der Hin­richtung Thomas endete. Sich einfach eine Prin­zessin unter den Nagel reißen zu wollen — das hätte er mal besser bleiben lassen. Sein Ende nahm Eli­sabeth recht gelassen hin, viel übler war für sie, dass sie nun ver­dächtigt wurde, keine Jungfrau mehr — also für den könig­lichen Hei­rats­markt wertlos — zu sein. Schlimmer noch: sie wurde ver­dächtigt, den Thron durch Mord an ihrem Bruder erhalten zu wollen.

König Edward

König Edward

Doch Eli­sabeth war eine bemer­kens­werte junge Frau: galt schon ihre Mutter als gebildet, sie war es noch mehr. Sie sprach sechs Sprachen fließend, las und über­setzte phi­lo­so­phische und reli­giöse Abhand­lungen, musi­zierte, tanzte, ritt, war rhe­tho­risch nahezu unschlagbar und in der Lage, sich immer den gewünschten Anschein zu geben, musste also eine große Kon­trolle über sich haben. Dank all dieser Gaben konnte sie sich von jedem Verdacht befreien, doch immer wieder würde man diese alten Kamellen her­vor­holen, wenn es darum ging, ihr schaden zu wollen.
Ihr Talent als Stu­dentin führt übrigens zum ersten Mal dazu, dass sie als unweiblich wahr­ge­nommen wird: ihre Haus­lehrer, allesamt Meister ihres Fachs, loben sie in ihren Briefen ein­hellig, ihren scharfen Verstand, ihre schnelle Auf­fas­sungsgabe, ihren Geist, ihre Ausdauer — das alles sei über jedes Maß vor­handen. In diesen Dingen sei sie nicht das schwache Weib, sondern besitze geradezu männ­liche Gaben.
Eine denkende Frau beweist also nicht, dass Frauen denken können, sondern nur, dass eine von ihnen männ­liche Eigen­schaften habe. Eli­sa­beths spätere Insze­nie­rungen ihrer selbst werden immer zwischen diesen beiden Polen wandern: weib­liche Kör­per­lichkeit, männ­licher Geist.

Im Juli 1553 starb Edward und benannte Jane Grey, eine Kusine Marias und Eli­sa­beths zur Nach­fol­gerin und hier wird es — typisch für die eng­lische Thron­fol­gerei — kom­pli­ziert: alle sind irgendwie unter­ein­ander verwandt, alle haben irgendwie Anspruch auf den Thron. Da wären nun also vier Frauen, die Königin werden könnten: Maria Tudor, Eli­sabeth Tudor, Maria Stuart und Jane Grey. Wer sich inter­es­siert, kann nun für Wochen in dieses Durch­ein­ander ein­tauchen und ver­gleichen, wer weshalb wieviel Anrecht hat und wer nicht. Wie auch immer: die beiden Tudor-Schwestern sind zwar Thron­fol­ge­rinnen, aber dennoch hatte ihr gütiger und weiser Vater es ver­ab­säumt, sie auch wieder zu legi­ti­mieren, also als seine recht­mä­ßigen Töchter anzu­er­kennen. Edward war da, Edward sollte König werden, damit war für Heinrich alles geregelt.
Die junge Jane Grey bestieg als Pro­tes­tantin den Thron und machte sich noch in der gleichen Sekunde beim Volk durch hartes Durch­greifen unbe­liebt. Maria hingegen war bekannt und beliebt — schlicht deshalb, weil sie für den Großteil der ein­fachen Menschen die einzige echte Königs­tocher der einzigen echten Königs­ge­mahlin war. Maria pro­kla­mierte sich selbst zur Herr­scherin und nach kurzem Hin und Her und einigen Met­ze­leien zog sie gemeinsam mit Eli­sabeth in London ein; Jane Grey landet im Tower, wo sie ihr Ende unter dem Schwert finden wird — ein Ergebnis, das Maria Tudor nicht wollte. Auch hier können wir uns fragen, wie das auf Eli­sabeth wohl wirkte: immerhin hatte sie mit Jane gemeinsam bei Katharina Parr gelebt; Thomas Seymour soll übrigens auch Jane nach­ge­stellt haben.

Maria Tudor

Maria Tudor

Maria Tudor also saß nun auf dem Thron und ver­suchte, die Zeit zurück zu drehen: sie hei­ratete den spa­ni­schen König Philipp, der immer wieder einmal zu Besuch kam, und wollte England in den Schoß der Mutter Kirche Roms zurück führen. Damit war es aus mit der Beliebtheit beim Volk, das auf einmal wieder auf Latein beten sollte. Miß­trauisch ver­folgte sie jeden und bald war ihr auch Eli­sabeth ver­dächtig. So wie Jane Grey sterben musste, weil sie als Ikone der pro­tes­tan­ti­schen Bewegung galt, so war auch Eli­sabeth deren Idol — in den Augen der Pro­tes­tanten war Eli­sabeth die eigent­liche Königin. Immer wieder ver­langte Maria nach ihr, befragte sie scharf, verlor dabei auch die Con­tenance, schwankte zwischen ver­wandt­schaft­licher Loya­lität und Hass, der sich aus vielem heraus ent­zündete: Eli­sabeth als Tochter Anne Boleyns — has­senswert. Eli­sabeth als die Jüngere, die Kinder würde bekommen können — has­senswert. Eli­sabeth als die rein Eng­lische — has­senswert.
Noch vor Marias Heirat wurde eine Ver­schwörung auf­ge­deckt, die Eli­sabeth auf den Thron hätte hieven sollen; Eli­sabeth wurde in den Tower ver­bracht. Wie sie das empfand, welche Ängste sie gehabt mag — man weiß es nicht. Immer wieder wird behauptet, sie habe ihren Vater bewundert, verehrt, geliebt. Ich kann das kaum glauben: einen Mann, der sich kaum um sie kümmerte, der ihre Mutter töten ließ und nur an sich dachte? Es wird eher ein öffent­liches Bekenntnis gewesen sein, um ihren Thron­an­spruch zu unter­mauern: "Sehet her, ich bin die Tochter dieses wahren Königs!"
Aber im Tower fest­ge­halten wird sie wohl oft an ihre Mutter und deren Ende gedacht haben; sie besaß einen Ring Annes mit deren Portrait, den sie zeit­lebens trug und sorgte später immer für ihre Ver­wandten müt­ter­li­cher­seits. Hier zeigt sich wieder einmal ihre Fähigkeit, nach außen anders zu erscheinen als es nach innen zu sein.
Ihre Betei­ligung konnte nicht nach­ge­wiesen werden und Eli­sabeth wurde aus dem Tower ent­lassen; von Maria wei­terhin miß­trauisch beäugt. Eli­sabeth hielt still und sich aus allem heraus, erschien nach außen gar katho­lisch. Bis Ende 1558 musste sie dieses Schau­spiel durch­halten, dann starb Maria, geschwächt von vielen Schein­schwan­ger­schaften an Unter­leibs­krebs, weder von Volk noch Ehemann son­derlich betrauert.

Eli­sabeth war nun die Herr­scherin eines Landes, das von Reli­gi­ons­zwisten zer­rissen, mit Frank­reich im Krieg und wirt­schaftlich am Boden war; all diese Schwie­rig­keiten löste sie in Rekordzeit, sozu­sagen als erste Amts­handlung. Wie Maria Stuart auch, war sie keine Fana­ti­kerin in reli­giösen Fragen, aber deutlich weniger tolerant: sie erhob die angli­ka­nische Kirche erneut zur Staats­kirche, schon alleine deshalb, um nochmals ihre Legi­ti­mität als Tochter des ersten pro­tes­tan­ti­schen Herr­schers und seiner ersten pro­tes­tan­ti­schen Frau zu unter­streichen. Auch ihre "Rein­ras­sigkeit" ohne jeden Tropfen aus­län­di­schen Blutes ließ sie gerne besingen. Über­haupt war sie Wer­be­maß­nahmen gegenüber nicht abge­neigt: sie erschien nach all den wech­selnden Königen und Köni­ginnen als ret­tender Engel, ihr eher unschein­bares und blasses Äußeres erhob sie als Licht aus der dunklen Masse heraus.

Elisabeth im Krönungsornat

Eli­sabeth im Krö­nungs­ornat 1559

Dem Land ging es schnell besser, Eli­sabeth machte ihre Sache perfekt, das konnte doch nicht so wei­ter­gehen. Immerhin war sie eine Frau, da musste man ja jeden Augen­blick mit einer Kata­strophe rechnen. Und einen Thron­folger brauchte man eben­falls. Also stand ganz schnell, im Grunde in der Sekunde ihrer Krönung, die wich­tigste Frage zur Debatte: Wen solle sie heiraten?
Für Eli­sabeth war sicher schon lange vor ihrer Thron­be­steigung klar, dass sie und sie alleine die Macht in Händen halten wolle und wenn man heute Schei­dungs­kindern zubilligt, Bezie­hungen gegenüber skep­tisch zu sein, um wieviel skep­ti­scher dürfte Eli­sabeth wohl sein? Eine Ehe war sicherlich nicht ihr größter Lebenstraum.

robert dudley

Robert Dudley, Earl of Leicester

Auf der anderen Seite aber war da Robert Dudley, ihr geliebter Robin, den sie seit Kin­der­tagen kannte, der ständig in ihrer Nähe war. Wäre er nicht schon ver­hei­ratet gewesen … wer weiß?
Doch der Kronrat bevor­zugte eh einen aus­län­di­schen Kan­di­daten, um Bünd­nisse (die selten die Flit­ter­wochen über­standen) zu schließen. Und wie in Schottland hätte kein Lord dem anderen die Königin gegönnt. Eli­sabeth hörte sich jeden Vor­schlag geduldig an, schien auf jeden ein­zu­gehen, spielte mit — und ent­schied sich für keinen. Sie tändelte hier, spielte dort, schickte Bildchen an diesen und Briefe an jenen, ließ Bewerber kommen, tanzte, plau­derte und flirtete, machte Prinzen und Kronrat Hoff­nungen und bedauerte dann zutiefst. Es war wie im Märchen vom König Dros­selbart: dieser zu katho­lisch, jener zu unbe­deutend, dieser zu jung, jener zu alt; dieser will England erobern, jener England aus­bluten und über­haupt habe sie gerade keine Zeit, — sie habe wich­ti­geres zu erle­digen.
Der Kronrat ver­zwei­felte, man machte ihr Vor­hal­tungen, denen Eli­sabeth ober­flächlich zustimmte: Ja, sie sei ein schwaches Weib, ja, sie sehne sich nach Mut­ter­schaft, jajajaja. ABER! Dieses Theater spielt sie sieben Jahre lang mit, dann ver­bietet sie ihrem Kronrat jede weitere Ein­mi­schung. Doch als sie schon weit über das Kin­der­krie­gen­können hinaus war und niemand mehr eine Heirat von ihr ver­langte, brachte sie selbst immer wieder einmal einen Kan­di­daten ins Spiel.

Königin Elisabeth mit etwa 50 Jahren

Königin Eli­sabeth mit etwa 50 Jahren

Wie keine andere, wie kein anderer, verstand Eli­sabeth es, sich gut zu ver­kaufen: keine gute Tat, keine Tat über­haupt blieb unbe­nannt und in Schriften, Flug­blättern und Pam­phleten weiter getragen. Bald schon sprach sie von sich als der könig­lichen Jungfrau, die nur mit England und England allein ver­hei­ratet sei, der ihr Volk die Kinder seien und die nichts anderes im Sinne habe, als sich mit Leib und Leben, mit Geist und Verstand für diese Kinder, diesen Boden ein­zu­setzen.
Im Laufe der Jahre ließ sich die Jungfrau — hold und rein und jung — schlechter dar­stellen: Eli­sabeth wandelte sich in ihrer Dar­stellung zur Feen­kö­nigin, die weise, edel und gut, als ein fast schon über­ir­di­sches Wesen über ihr Reich wachte. Immer wieder im Sommer reiste sie mitsamt ihrem Hofstaat durch das Land, um sich dem Volk ver­ständ­nisvoll und müt­terlich zu zeigen und dabei so manch einen Edelmann zu rui­nieren, indem sie bei ihm über­nachtete. Unkom­pli­ziert sei sie und er solle sich nicht anstrengen, ihr etwas Beson­deres zu kre­denzen, so ließ sie gerne wissen. Ihre Unter­ge­benen deuteten ihre Anspruch­lo­sigkeit richtig: mit simplen Genüssen und schlichter Wohn­statt wäre sie schnell unzu­frieden gewesen. Diese Rei­se­kö­nigin zieht noch heute als Queen Bess durch viele Anek­doten und es wimmelt von eng­li­schen Land­sitzen, die mit einem Schlaf­zimmer auf­warten können, in denen Eli­sabeth näch­tigte — bringt sicher ein gutes Pfund mehr im Ein­tritts­kar­ten­verkauf ein.

Eli­sabeth schaffte vieles, war poli­tisch meist weit­sichtig, ging aus vielen Aus­ein­an­der­set­zungen als Siegerin hervor und begann sicher wie andere Herr­scher auch mit den besten Vor­sätzen, ja, sie begann sogar mit besseren per­sön­lichen Vor­raus­set­zungen als die meisten. Doch im Laufe der Jahre gab es immer wieder Unruhen und Eli­sabeth erwies sich als echte Tudor: immer strenger wurden die Gesetze, immer schärfer die Verbote, immer dra­ko­ni­scher die Strafen und bald reichte es nicht mehr aus, nur nette Schriften und feengleiche Abbild­nisse in Umlauf zu bringen — Streit­schriften und hämische Pam­phlete mussten ein­ge­sammelt und ver­nichtet werden, Schreiber, Verleger und Drucker zum Schweigen gebracht werden. Was noch weniger Freunde macht, noch mehr Druck erzeugt. Und da kommt Maria Stuart wieder ins Spiel, aber davon, liebe Kinder, berichte ich euch beim nächsten Mal (wer erinnert sich an diese Sendung?)

Elisabeth älter

Ganz Frau oder ganz Mann?

Unbe­stritten ist, sie hat ein mäch­tiges Reich, eine Seemacht und damit die Vor­rau­set­zungen für das Bri­tische Imperium geschaffen. Sie musste dabei gegen Vor­be­halte ankämpfen, denen sich kein König je stellen musste: sie hatte das falsche Geschlecht, war damit eine Got­tes­strafe für Thron und Land, und alles, was sie tat, wurde danach beur­teilt, dass sie eigentlich gar nicht könne, was sie tat.
Und wenn man schon nicht abstreiten kann, dass diese Herr­scherin großes für ihr Land leistete, dann kann man doch immerhin bestreiten, sie sei wirklich eine Frau gewesen. Es gibt wahr­haftig Thesen, die sie zu einem Herm­aphro­diten (das wäre ja auch zu schrecklich!) oder gleich zu einem Mann machen. Eli­sabeth sei als Kind schon gestorben und man habe dem lie­benden Vater einen rot­haa­rigen Jungen unter­ge­schoben, da dieses Kind ihr von allen ver­füg­baren am ähn­lichsten gewesen sei; ansonsten habe man den Zorn des Fürsten fürchten müssen. Man müsse sich ja nur ihre Por­traits anschauen: diese Nase, diese langen Händen, der Kör­perbau, der 90−60−90 so ganz ver­missen lasse, ihr deckendes Bleiweiß-Make up, die Perücken, die pompös über­la­denen Kleider. Wie immer kommt man zum Schluß, dass, wenn eine Frau etwas schafft, mit ihr etwas nicht stimmen könne. Schafft sie es nicht, so stimmt das Bild wieder, das da sagt, dass Frauen eben nichts schaffen können.

Wie Eli­sabeth selbst sich wahrnahm? Sie war eine sehr eifer­süchtig, wie auch ihr Vater es schon war. Durchaus von sich über­zeugt, aber typisch weiblich an ihrem Äußeren zwei­felnd und daher sehr begierig, sich immer gelobt und bewundert, geliebt und ange­betet zu sehen. In ihren späten Lebens­jahren wird diese Koket­terie, dieses Gieren nach Kom­pli­menten für Spott und Häme sorgen. Hinter ihrem Rücken natürlich, nach vorne hin wurde sie mit dem Gewünschten bis zur Lächer­lichkeit hin bedient; kaum ein Lob war ihr aus­ge­fallen oder über­trieben genug.

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Eli­sabeth mit etwa 60 Jahren

Ihr geliebter Robin starb 1588; ein zweiter Robert tauchte auf, der der alternden König den Hof machte und sie dann hin­terging, einen Aufstand anzet­telte und das mit seinem Leben bezahlte. Hat sie sich nach einer Beziehung gesehnt, hat sie eine oder mehrere unter­halten? Von Gegnern wurde ihr das vor­ge­worfen, verlogen und trieb­ge­steuert wie ihr Vater, unehrlich und ehr­geizig wie ihre Mutter sei sie. Eitel, ego­is­tisch, eigen­sinnig. Kritisch, kokett, klatsch­süchtig. Aber ver­mutlich auch oft sehr einsam, traurig und von der allei­nigen Ver­ant­wortung für einen Staat, der zwischen so vielen Ansprüchen zerissen war. In den letzten Jahren ihrer Regierung sehnte sich das Land nach einem frischen Wind. Im Alter von 69 Jahren starb Eli­sabeth I. am 24. März 1603 nach 45 Jahren Regie­rungszeit; die Legen­den­bildung um sie als der jung­fräu­lichen Feen­kö­nigin hatte schon lange vor ihrem Tode ein­ge­setzt und hält bis heute an.