Wer bin ich? Das bin ich.

Manchmal stehe ich unter der Dusche oder bin beim Einkauf oder sitze im Auto und es kommt mir ein Gedanke, über den ich gerne schreiben möchte, will, muss. So auch heute. Seit Sonntag abend bin ich dabei, meine Woll­voräte — Stoff war letzte Woche dran — zu sor­tieren und dabei fielen mir neun Pullis in die Hände, die ich schon seit Jahren ribbeln will. Zwei liegen noch vor mir; eine wirklich mühsame Ange­le­genheit, bei der ich alberne TV-Shows schaue und ansonsten meine Gedanken treiben und kreisen lasse. Irgendwann fiel mir auf, dass ich nun Mitte 40 bin und sich doch einiges getan hat. Auch in Punkto Ehr­lichkeit und Akzeptanz mir selbst gegenüber.

Denn wer bin ich? Oder besser: welche Eigen­heiten, welche Gefühle, welche Vor­stel­lungen machen mich aus?

Meiner Per­sön­lichkeit treu bleibend beginne ich mit dem Nega­tiven (also mit den nega­tiven Dingen, dich ICH wahr­nehme, da habe ich bestimmt noch was vergessen …).

Ich bin unglaublich lär­m­emp­findlich. Selt­samer erster Punkt, so möchte man meinen, aber aus dieser Lär­m­emp­find­lichkeit ent­wi­ckelt sich viel anderes. Mir bereitet Lärm kör­per­liche Schmerzen und see­lische Qualen; ich träume von einem herrlich stillen Tag, an dem nichts anderes als ein Mix aus Regen, Wind, Vögel­ge­zwit­scher und schnur­renden Katzen zu hören ist. Kein Baulärm, keine nach­bar­liche Schrott­musik mit Wum­mer­bässen, keine krei­schenden Bremsen und keine schrei­enden, eigene Kinder.
Nun hatte ich von Februar letzten Jahres bis vor einem guten Monat keine zehn Meter von mir entfernt eine Bau­stelle — ein höchst unpro­fes­sio­nelle — mit Arbeit von Mon­tag­morgen bis Sams­tag­abend. Keine Mit­tagsruhe, keine Pause, kein Nichts. An den hei­ßesten Tagen saß ich mit heu­lenden Kindern (auch ihnen war es zu laut, vor allem bei den Haus­auf­gaben) in einem her­me­tisch abge­rie­gelten Raum mit Kopf­hörern auf den Ohren. Das hat mir nicht gut getan, der Haß floß aus jeder Pore, denn ich wurde aggressiv und aus­fallend, unge­duldig, böse und unge­recht. Was mich sehr erschreckt hat.

Ich halte mich eh für recht unge­duldig, da ich mich weigere, Dinge öfter als dreimal zu erklären. Ich bin eher schnell als genau, hasse Termine, die meine freie Zeit bestimmen (Besuch mal aus­ge­nommen), mit über­trie­bener Vehemenz, ticke zu schnell mal aus, werde täglich fauler und bequemer, setze mich mit unwich­tigen Dingen unter Druck und sehe wich­tiges zu ent­spannt und — am schlimmsten — arbeite nicht gut genug daran, das zu ändern. Ich bilde mir meine Meinung sehr schnell, sage sie entweder sofort oder nie und bin eine Mama, die nicht bastelt. Ich verbeiße mich in manche Projekte so sehr, dass anderes darunter zu leiden hat, oder pfeffere nicht auf Anhieb gelin­gendes zu schnell in die Ecke. Ich erwarte gute Ergeb­nisse, ver­weigere aber mitunter eine adäquate Anstrengung meinerseits.

Das sind so die Dinge, die mich an mir am meisten stören, die ich aber auch nicht in den Griff bekomme und zu denen ich mitt­ler­weile stehe. In früheren Jahren sah ich nur dieses Negative an mir, gemixt mit meiner Nörgelei an meinem Äußeren. Kom­pli­mente, Lob und Prei­sungen anderer bei­spiels­weise durch Kunden-Dankeskärtchen, Freun­din­nen­mei­nungen und Date-Reaktionen blieben mir wei­test­gehend unver­ständlich und sorgten für ein Gefühl von Pein­lichkeit und Hochstapelei.

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Aber so, wie ich nun das Negative annehmen kann, kann ich heute auch zum Posi­tiven stehen:

Ich bin groß­zügig, gebe gerne, was andere besser brauchen können, teile, was sonst nicht zu haben ist, erkenne eine große Band­breite an Schönheit und Ein­stellung anderer an, kenne keinen Neid und keine Mißgunst, freue mich über Erfolge anderer, stehe loyal zu jeder Freundin, kann nachts um 3:00 für jeden Kummer ange­rufen werden und bin ehrlich, in dem, was ich sage und ver­spreche. Ich bin mit­fühlend, hilfs­bereit und alt­mo­disch höflich, wenn es um das tägliche Mit­ein­ander geht. Ich habe und hatte Freun­dinnen aus allen Teilen der Welt, mit jeder mög­lichen Haut­farbe und jeder mög­lichen Religion und bemühe mich, meine Vor­ur­teile aus dem Weg zu räumen, wenn sie mir doch noch einmal auf­fla­ckern sollten. Ich liebe meine Tiere und die der anderen und bin eine 60/40-Vegetarierin/Veganerin, da mir Lei­chen­berge jeder Art ein Horror sind. Ich möchte für jeden Menschen mehr als nur eine Wahl­mög­lichkeit und ein Höchstmaß an Chan­cen­gleichheit, wohl wissend, dass das leider utopisch ist, was mich aber dazu bringt, zumindest per Wahl­stimme mich überall dort ein­zu­setzen, wo es anderen viel schlechter geht als mir. Das Wissen um den Zustand unserer Welt geht mir sehr nahe.

Dann gibt es auch einfach die Dinge, die weder positiv noch negativ sind:

Ich stehe gut links von der Mitte, empfinde aber auch meine Stamm­partei als nicht mehr ganz für mich passend, was traurig ist. Ich bin vor allem Hausfrau und dennoch altes Eman­zen­ur­ge­stein, finde nicht alles, was Alice sagte und tat, fan­tas­tisch, ihre Person aber nach wie vor. Ich lese, seit ich drei bin und das vor allem in meinem per­sön­lichen 3K-Bereich: Krimi, Komik, Klassik und kenne mich vor allem in letz­terem Bereich ziemlich gut aus. Ich liebe Jane Austen, ver­ab­scheue aber den Kult der­je­nigen um sie, die in ihren Büchern nur die Romanze sehen. Ich höre kaum noch Musik, da (s.o.) schon genug Geräusch um mich ist, aber wenn, werde ich wohl schon alter­snost­al­gisch und lege vor allem 80iger, Chanson und Rock auf gemixt mit Händel, Mozart, Vivaldi, Telemann, Beet­hoven und Bach. Ich liebe Filme, die entweder aus den 30er-50er stammen oder aber in dieser Zeit spielen und schaue mir sogar ganz miese zu Ende an — notfalls ohne Ton — wenn die Kostüme ein Traum sind. Ich liebe Serien wie Black Adder, Pushing Daisies, Doctor Who, Buffy, Foyle's War, Poirot, Miss Fisher's Murder Mys­teries oder Büro, Büro und Drei sind einer zu viel (wieder Alter­snost­algie, ganz gewiß). Ich war eine schüch­terne, selbst­zwei­felnde und miese Schü­lerin, die nur in Deutsch, Religion und Geschichte Einsen und Zweien ein­heimsen konnte, habe einen IQ von über 135 (was mir aber auch nicht genutzt hat) und lerne für mich alleine gerne, sorg­fältig und viel. Solange es mich inter­es­siert, ansonsten bin ich gerne mal schwer von Begriff und nicke freundlich mit dem Kopf. Ich lese gerne vor und habe schon manch einen Besuch unver­mutet zum Zuhören gezwungen, stehe sehr, sehr ungern im Mit­tel­punkt, habe kein Problem damit, eine Rede vor einer Gruppe zu halten, stehe auch nicht gerne am Rande alleine, hasse große Gruppen, finde aber immer zwei, die ticken wie ich und fühle mich dann wohl. Mit Prü­fungs­si­tua­tionen kann ich nicht umgehen, was erstaunlich für mich ist, da ich ja Seminare abhalten konnte, ohne vor Angst zu zer­fließen. Als Kind habe ich vor allem gelesen und gemalt und später gezeichnet und bereue, dieses (sehr kleine) Talent nicht aus­gebaut zu haben, denn mitt­ler­weile bin ich in dieser Kunst unfähig. Ich würde gerne singen können, kann meine Stimme nicht leiden, rede entweder wie ein Was­serfall oder schweige nickend vor mich hin.Ich möchte einen gemüt­lichen Krimi schreiben, wage mich aber nicht voran. Ich mag Vor­ge­dachtes, Vor­de­si­gnetes, Mas­sen­taug­liches meist nicht, habe mich aber doch in einige Monster-High-Püppchen verliebt (und bin daher in den Augen der Freun­dinnen des großen Sohnes eine ziemlich tolle Person). Ich mag Farben, hasse Schwarz, bevorzuge heute das Wetter in Frühling und Herbst, komme mit dem Sommer nun schlechter und dem Winter ein wenig besser klar als noch vor einigen Jahren. Ich habe zwei Kinder im Bonner Geburtshaus in der Wanne zur Welt gebracht, was ich mir nie zuge­traut hätte, aber fan­tas­tisch klappte. Bin dem Eso­te­ri­schen gegenüber eigentlich nicht auf­ge­schlossen, habe aber dennoch drei nahezu über­sinn­liche Erleb­nisse gehabt, an deren Ein­ordnung ich nach wie vor arbeite. Ich finde mich abwech­selnd ziemlich häßlich und eini­ger­maßen hübsch, kann mit Kom­pli­menten noch immer nicht umgehen, freue mich aber sehr darüber. Ich laufe durch die Stadt und sage Frauen, die mir gefallen, dass sie mir gefallen und empfinde dabei viel Glück. Ich laufe durch die Stadt und sage heute manchen Menschen sogar mal, dass es höf­licher gewesen wäre, mir die Türe nicht vor der Nase zufallen zu lassen und erschrecke dann über meine eigene Unver­schämtheit. Ich fange leicht und schnell Gespräche mit Fremden an und bin schüchtern auf eine extro­ver­tierte Art und Weise. Ich stelle all meine Kleidung selbst her und habe zur Zeit nur zwei Teile, die mir noch passen. Und deshalb sollte ich nun aufhören, schnell den Haushalt erle­digen und endlich, endlich wieder mit dem Nähen beginnen.

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Das bin ich. Wer bist du?

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Geht zu — passt! Mal herzlich gelacht …

Es ist schon eine Weile her, dass ich in einer Damen­ober­be­klei­dungs­um­klei­de­kabine stand. Mein mona­te­langer Frust mit den Grund­schnitten gemixt mit der momen­tanen Hitze und dem Ausflug nach Maas­tricht brachte mich heute vor­mittag dazu, mich in diverse Geschäfte zu begeben, um mich zu quälen. Oder meine Nählust ans­zu­sta­cheln, alles eine Frage der Sichtweise.

So stand ich zunächst bei Zara in der Umkleide. Zara hatte ich 97 oder 98 für mich entdeckt als der erste Beklei­dungs­an­bieter, dessen Hosen mir nicht zu kurz waren. Für mich absolut sen­sa­tionell und mit meinen dama­ligen 52 kg passte ich relativ pro­blemlos in die haus­eigene 38. Da zu dem Zeit­punkt auch alles in der Hüfte saß, musste ich mir zumindest um das Taillen-Hüft-Verhältnis keine Gedanken machen; Kleider jedoch waren noch eine Mög­lichkeit für mich: zu eng, zu kurz, zu weit, zu alles. Dennoch war Zara für mich der Anbieter, der für mich am pas­sendsten schnei­derte und auch ein Angebot hatte, das zwischen Klassik und Moderne alles hatte, was ich wollte. Fast alles zumindest.

Heute griff ich dann gleich zu L, was einen kurzen Augen­blick lang ein befremd­liches Gefühl war. Ich schnappte mir einen über­knie­langen, blauen Blei­stiftrock mit großen, hellen Blüten, ein rosa Kleid mit engem Rock, eine blaue, enge Hose und einen dun­kel­blauen Strick­fal­tenrock. Ja … was kann ich sagen?

Am Blei­stiftrock hätte ich in der Taille gute 10 cm ent­fernen müssen und für einen Augen­blick lang war ich sehr versucht, das auch wirklich zu tun — solche Stoffe bekommen wir Selbst­nä­he­rinnen einfach nicht: Viskose-Baumwoll-Mischung mit ein klein wenig Elasthan, knit­terfrei, fest, angenehm. Aller­dings hätte ich aus den NZ der Hüfte nicht genügend heraus bekommen; mein Profil wurde eher unschmei­chelhaft betont :-D

Der Strickrock … wäre ich auf Kon­fektion ange­wiesen, so wäre nun mein Tag gelaufen. Es lässt sich kaum beschreiben, was dieses Ding mit mir tat. Zum ersten Mal in eminem Leben kam ich mir wirklich, wirklich füllig vor. Dass ich kein zartes Rehlein mehr bin, weiß ich wohl, aber das war ein Walroß, das mir schnaufend entgegenblickte.

Die blaue Hose kam ohne RV aus und endete knapp vor dem Bauch­nabel — ich denke, DIE Zeiten sind nun wirklich vorbei, aber sie passte. Irgendwie. Und vor zehn Jahren hätte ich sie wahr­scheinlich ein­ge­packt, wohl wissend, dass ich nichts besser sit­zendes bekommen würde.

Das Kleid machte mir dann end­gültig klar, wie wun­derbar das Sel­ber­machen ist. Das Gute: es saß in der Taille perfekt. Das Schlechte: das war aber auch die einzige Stelle, an der es keine böse Über­ra­schung gab. Vor meinem inneren Auge lief der depri­mie­rende Film ab, der von Krisen in Umkleiden und Zusam­men­brüchen vorm hei­mi­schen Spiegel sprach. Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und irgend­etwas zu nähen. Theo­re­tisch zumindest, denn in der Realität stand ich sofort in der Küche und nun ist mir warm und müde zumut'.

  

Smaragdgrün …

… ist eigentlich etwas zu leuchtend für mich, aber da ich sämt­liche Blau­grüntöne für mich in Besitz genommen habe, fühle ich mich dennoch sehr wohl im Pfau­en­fe­der­pulli. Oder würde mich darin wohl fühlen, wäre es nicht viel zu heiß für Strick.
Als nun aber heute morgen es sint­flutete, setzte ich mich unter das Ter­ras­sendach und knipste Bilder, bevor es wieder heiß und schwül werden würde. Außerdem hatte ich die — ver­geb­liche — Hoffnung, frühes Tages­licht würde die Farbe korrekt wie­der­geben. Nein, bleibt unfo­to­gra­fierbar. Und auch der Versuch, das mit Gimp in den Griff zu bekommen, war ver­geblich. Deshalb kommen nun ent­setzlich viele Bilder, alle mit unter­schied­lichem Far­beffekt und irgendwo dazwi­schen liegt die Wahrheit.

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Und nein, ich würde nor­ma­ler­weise nichts weißes darunter tragen, aber kurz­ent­schlossen, wie ich war, konnte ich auf derlei Fein­heiten keine Rück­sicht nehmen. Sonst hätte ich wohl auch meine noch feuchten Haare lie­bevoll in Form gebracht. Aber wenn die Muse ruft, hahaha.
Aber von derlei Neben­säch­lich­keiten einmal abge­sehen bin ich mit dem Sma­ragden sehr zufrieden; besonders gut gefällt mir, dass ich vor dem Anstricken lange genug nach­ge­dacht hatte, um die Anleitung so zu modi­fi­zieren, dass Ärmel und Arm­aus­schnitt das Muster fort­laufen lassen — es sind doch die kleinen Freuden, die den Alltag so erträglich machen :-)

Die rote Variante ist bei den Achseln ange­langt, weiter kam ich noch nicht, denn wir waren von Don­ners­tag­morgen bis Frei­tag­nacht in bzw. bei Maas­tricht. Wo es freitags einen Stoff­markt gibt … den ich trotz Tommy-Geburtstag und Wahn­sinns­hitze besuchen durfte. Und auch fündig wurde, wenn auch nicht so wie gewünscht:

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Nun geht es — wie immer, keine Über­ra­schung hier — an den Haushalt: Noch eine weitere Ladung Wäsche wartet, Essen will gekocht und Treppen gefegt werden und wenn es mir dann noch gelingt, die Män­ner­runde aus dem Haus zu bekommen, dann kann ich mich mit meinem Rock­schnitt beschäftigen.

  

Trockne! Schneller!

Obwohl — es ist warm, fast schon heiß und ich brauche alles, nur keinen kleinen Woll­pulli. Aber nachdem ein Teil fertig gestrickt und vernäht, gewa­schen und zum Trocknen in Form gebracht vor mir liegt, werde ich unge­duldig. In wirklich kalten Wintern muss ich dann etwa zwei Tage warten, bevor ich den Pulli in seiner ganzen Pracht sehen und tragen kann; heute könnte es sein, dass er schon heute abend so weit ist — nur, um dann in der Schublade zu ver­schwinden, bis die ersten Blätter fallen. Dennoch: los, trockne!

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Denn ich brauche ein Erfolgs­er­lebnis. Aus dem Rock­grund­schnitt habe ich einen leicht aus­ge­stellten Rock gebaut, in dem ich den vorderen Abnäher komplett und einen der beiden hinteren um die gleiche Weite zuge­dreht habe. Aber irgend­etwas stimmte noch immer nicht: der Abnäher wollte und wollte nicht sitzen und die Weite habe ich doch an die falsche Stelle gedreht. Alles ver­suchen und trennen und nähen der letzten drei Tage half nicht: es wollte nicht werden oder — wie der Gatte meint — war nur mir nicht gut genug. Da liegt eine Mei­nungs­ver­schie­denheit in der Luft …

Wie auch immer, ich bin noch nicht so ganz glücklich und gerate langsam klei­dungs­tech­nisch massiv unter Druck. Wir wollen in den nächsten Tagen immer mal wieder kleine Ausflüge unter­nehmen und es wird schwierig für mich, dabei bekleidet zu sein. Der Gatte will das immer noch als das übliche "Ich habe nichts anzu­ziehen!" miß­ver­stehen. Anzu­ziehen hätte ich genügend — so ich denn hin­ein­passte. Oder wir mit einem frühen Win­ter­ein­bruch zu rechnen hätten. Aber ich werde mir nun bis nächste Woche eine Nähpause gönnen und die Gedanken sor­tieren und vor allem Pulli zwei mit einem Pfau­en­fe­der­muster beginnen. Wird ja doch wieder schnell kalt als gedacht.

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Pfauenfederpulli — geht auch voran

Es war ja nicht nur das Nähen, das mich ärgerte, sondern das Stricken ebenso: ange­fangen hatte ich einiges, aber nach den ersten Reihen gefiel mir, was ich sah, meist nicht mehr. Entweder war das Garn unfreundlich und unan­genehm oder das Muster war öde und langweilig.

Das Muster des Peacock Feather Jumper aber hat es mir angetan, ebenso das mys­te­riöse Abendstern-Garn in der unfo­to­gra­fier­baren Sma­ragd­farbe. Leider, leider kam ich in den letzten zwei­einhalb Wochen kaum zum Stricken, sonst wäre der Pullover schon längst beendet, denn trotz der 130 Maschen wächst das Muster rasant. Und es gefällt mir so gut, dass ich noch eine Abwandlung in him­beerrot plane: statt Umschläge sollen es auf­ge­nommene Maschen werden und die Mitte der Raute komplett glatt sein. Naja, Pläne, Pläne, Pläne — erstmal fertig werden, wäre gut …

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Na endlich! Hoffentlich …

Glamour ist hier nicht zu erwarten: Das Wohn­zimmer ist ein stoff– und wäsche­über­sätes Schlachtfeld, ich bin unge­schminkt und mit nassen Haaren zugange, die Jungs haben Som­mer­ferien und zwei Tage Dau­er­regen liegen hinter uns. ABER es sieht so aus, als hätte ich am Montag endlich, endlich, ENDLICH meinen Grund­schnitt hin­be­kommen. (Jetzt bitte in eupho­ri­schen Jubel ausbrechen.)

Was ich tat und machte in den letzten sieben Wochen: es wollte und wollte nicht gelingen. Ich will da nicht noch einmal in ermü­denden Details mich ergehen; es liegt zum Glück ja hinter mir. Also hof­fentlich. Nur nicht dran rühren. Alles ist gut. Wie auch immer.

Letzten Don­nerstag war der tiefste Punkt erreicht, als ich ver­suchte, aus einem eilends bei Karstadt erstan­denen Baum­woll­stoff eine Art trag­bares Ver­suchs­kleid ohne größere Abwandlung zu nähen. Und der Rücken zwar recht nett saß, aber dafür nun vorne gar nichts mehr ging. Erst bei der Anprobe und der sich anschlie­ßenden Ver­zweif­lungs­wü­terei fiel mir ein, dass ich mir ver­sprochen hatte, keine halb­festen Baumwoll-Elasthan-Stoffe mehr zu vernähen: Abnäher lassen sich nicht immer glatt aus­bügeln oder werden dabei überdehnt und die richtige Menge zwischen eng genug, um den Elasthan eine Daseins­be­rech­tigung zu geben, und weit genug, um anständige Schlüsse auch dem Schnitt ziehen zu können, erreiche ich damit nie.

Dann kam die Zwangs­pause dank Arbeit, Ike­abesuch und Hoch­zeits­kleid nähen. Am Montag begab sich der Gatte auf Dienst­reise, was mir immer eine gewiße Ent­spannung ver­schafft: ich kann Stoff und Papier und Garn auf den Boden fallen lassen und mute diesen Anblick nie­manden bei der abend­lichen Heimkehr zu. Clever, wie ich ja nun mal bin, dachte ich samstags beim Schweden sogar daran, mir einen festen, nicht dehn­baren Baum­woll­stoff mit­zu­nehmen. Wie das Schicksal es wollte, lag ein bereits zuge­schnit­tenes und aus­ge­zeich­netes Rest­stück parat, das meinen Ansprüchen genügte und zudem häßlich genug war, um kein Mitleid bei mir ob seines elenden Schicksals zu erregen — die Wahr­schein­lichkeit, dass ich mit schlei­migem Getier und fetten Käfern auf der Brust würde fla­nieren wollen, ist in Worten kaum fassbar.

Im ersten Schritt habe ich den Rock ange­passt und ihm einen vorderen Abnäher spen­diert, der bei Pepin eigentlich nicht vor­ge­sehen ist. In mühe­voller Piddelei und Ste­ckerei habe ich die Hüft­kurve ange­passt, Taillen gehoben und gesenkt, bis der Rock all das tat, was ich wollte. Nun ja, nahezu: wenn ich möchte, dass die ein­kni­ckende deut­liche Kurve unter meinem Bauch nicht zu sehen ist, muss der Rock von der kräf­tigsten Stelle her­un­ter­fallen. Erst an den Ober­schenkeln trifft er wieder auf — dazwi­schen schwebt der Stoff. Und neigte dazu — trotz superviel Weite und Länge — gemeine Stern­chen­falten um die Bauch­mitte zu zeigen. Ob die nun wirklich komplett eli­mi­niert sind? Wieder greift das Prinzip Hoffnung. Aber ins­gesamt kam ein Rock heraus, der meiner sich ver­än­dernden Figur und ja, auch meinen Alter Rechnung trägt. Diese ganze Neu­kon­struk­ti­ons­aktion hat mich nicht nur einiges an Nerven gekostet, sondern wurde auch mit dem Ein­ge­ständnis all dieser Ver­än­de­rungen bezahlt. Gar nicht immer so leicht.

Im zweiten Schritt ging es ans Oberteil, das mir ingesamt schon gut gefallen hatte. Doch wo lag die vordere Taille, war die hintere Tail­len­linie nun an der rich­tigen Stelle und hatte das Verlegen des Schul­ter­ab­nähers in den Hals­aus­schnitt funk­tio­niert? Und sollte die Schul­ter­linie nicht doch einen Zen­timter länger werden? Fragen über Fragen, da kommt keine 80er-Jahre-Soap mehr mit bei so viel Auf­regung und Spannung.

So und nun erschreckt euch nicht — es krabbelt, fleucht und bibbert auf diesem Kleid recht vielfältig:

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Es gab einiges an kleinen Ände­rungen, die ich alle auf die Schnitte über­tragen habe, unter anderem werde ich die Schultern um den erwähnten Zen­ti­meter ver­längern, was deutlich ange­zo­gener und auch besser pro­por­tio­niert wirkt — habe ich mit ange­steckten Stoff­streifen getestet. Bis hierhin bin ich jetzt endlich einmal zufrieden und hoffe, den Status quo zumindst für die nächsten zwei oder drei Jahre halten zu können — mit kleinen Gra­die­rungen, aber ohne wie­der­holte Neu­be­ginne. Hätte ich vor knapp zwei Monaten geahnt, wie sich das "Ich mache das jetzt mal eben!" ent­wi­ckelte … wahr­scheinlich hätte ich es dennoch getan. Reines Muß, denn mir passt wirklich gar nichts mehr :-(

Und nun bitte wieder einmal Daumen drücken, nachdem ich hier auf­ge­räumt haben werde, schneide ich die erste Abwandlung — ein schlichtes Röckchen aus einem alten Rest­stoff — zu …