Mg 13 – Kartoffelkleid für Haus und Garten plus kleiner Brigitte-Rant und Überlegungen zu Kleidern

Der Titel zeigt mein Talent zum Sich-Kurzfassen. Tja, wo  fange ich an?

Als ich 2009 mit dem Nähen begann, hatte ich von Zeit zu Zeit auch noch die Brigitte im Einkaufskorb, einfach deshalb, weil ich als Kind mit ihr aufwuchs und die Mischung aus Mode, Pflege, Reportagen, Gewinnspielen, Rezepten und Selbermacherei sehr liebte. Sie war deutlich emanzipatorisch und scheute sich nicht vor Politik. Das hat sich seitdem sehr verändert: schaue ich mir allein den unsäglichen Onlineauftritt an, der sich offenbar an unterbelichtete, aufmerksamkeitsgeile 12jährige Lolitas richtet, die im heftig-Stil mit viral gegangenen Nichtigkeiten zugemüllt werden wollen (und ich möchte betonen, ich kenne solche Wesen nicht und wage ihre Existenz zu bezweifeln), dann weiß ich, ich bin als Zielgruppe uninteressant geworden. Am meisten stört mich der durchgehend zickig-beleidigte Ton der Redaktion, wenn sie wieder einmal auf Fehler hingewiesen wird; man erinnert sich mit Schaudern an den Verriß der deutschen Nähbiene. Halt nein, falsch, es war ein Verriß der Teilnehmerinnen, nicht der Sendung. Ein typisches Beispiel in meinen Augen.

Gut, dennoch hatte ich die Zeitschrift mitunter gekauft, meist dann, wenn Strickanleitungen enthalten waren, die früher einmal richtig gut und vor allem korrekt waren. Diesmal (also im Sommer 2009) waren es Nähanleitungen und mir gefiel einiges, aber wagte mich noch nicht ran, da die Anleitungen schon sehr spärlich waren. Irgendwann im letzten Jahr endlich entsorgte ich das Heft, nur um in diesem Jahr noch einmal auf diese Schnittmuster gestoßen zu werden durch Ette – die gar nichts dafür kann! Wie damals stach mir dieses Kleid ins Auge und nebenbei fiel mir auf, wie wenig sich Mode in den letzten Jahren wandelt, wie unglaublich viele Stile heute selbstverständlich nebeneinander existieren, wie vielfältig wir uns aus dem Gestern und dem Heute bedienen können, ohne damit als zu verschroben aufzufallen … aber mäandert wird jetzt nicht! Also dieses Kleid sprach mich an:

 

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Ein Klick aufs Bild bringt euch übrigens zur Anleitung – auf eigene Gefahr!

Ja … ich las durch die Beschreibung, stolperte über die Anmerkung, es sei für Anfänger geeignet (mit gedoppeltem Oberteil und Trägern – ernsthaft?), da Vorder- und Rückenteil identisch seien. Sofort sprang meine innere Konstrukteurin auf, wedelte mit den Armen und jammerte, dass das auf gar keinen Fall ginge, die Balance könne dann niemals stimmen, ich würde mit einem Kleid enden, das vorne hochschwappt und hinten runterrutscht. Ich solle sofort die Finger davon lassen, sofort!

Nun fragt sich die geneigte Leserin, warum ich auf diese Stimme nicht hörte? Weil eine andere Stimme viel vernehmlicher sprach, dass doch mit Sicherheit eine ECHTE Schnittdirektrice diesen Schnitt entworfen habe und sicherlich besser wisse, wie man ein solches Kleid erstellt als ich, die sich all das selbst angeeignet hat und – ganz entscheidend! – an einem simplem Kimonomantelschnitt bald verzweifelt ist. Also Klappe und Ruhe! Ich druckte mir den Schnitt aus, kopierte die drei Teile – denn Rücken- und Vorderteilpasse waren dann doch zwei Teile und schaute mir alles genau an. Die Konstruktionsstimme wollte nicht verstummen; die Armausschnitte waren viel zu identisch. Fragt mich nicht, ich wollte es jetzt wissen und schnitt zu.
Und nun ratet einmal …

 

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Je nun … ich war immerhin schlau genug, die kurzen Schulterschrägungen meiner eigenen Schulter anzupassen, hoffte ansonsten aber, dass eine Passe, die oberhalb der Brust endet mit eben dieser keine Probleme haben würde. Falsch gedacht, wie man am rutschenden rechten Träger bemerkt. Viel seltsamer aber ist – ach, alles eigentlich.

Zunächst einmal sind die eingezeichneten Faltenpass- und Richtungszeichen eine Katastrophe, vor denen ich wie vernagelt saß und versuchte, sie übereinander zu legen – also so, wie sie markiert waren. Der Gatte kam vorbei und wurde gezwungen, mit draufzuschauen. Er war klug genug, die Markierungen zu ignorieren und sich auf die Schnittform zu konzentrieren und konnte so wahrhaftig die Falten richtig legen. Da schrie meine innere Konstrukteurin erneut auf und schalt mich, weil ich wie ein Schaf wohl alles glaube, was man mir aufmale? Ich radierte stillschweigend die falschen Linien hinfort und ersetzte sie durch die neu ermittelten. Und dann, ich sagte es, schnitt ich zu und legte als erstes die Rockteile in perfekte Falten. Die im übrigen nicht in die Richtung zeigen, wie es das Modellbild behauptet, sondern sehr deutlich die Seitenlinien verformen.

Mit viel Liebe nähte ich die Passe an die Rockteile, verstürzte sie mit dem Innenleben, stichelte noch etwas mit der Hand und probierte an. Und gratulierte mir zu dem Erfolg. Bzw. gratulierte meiner inneren Chefkonstrukteuse, die offenbar viel besser ist als gedacht.
So fragte ich den Gatten heute morgen, ob ich mir vielleicht auf dem Gebiet doch ein klitzekleines bißchen mehr zutrauen solle als bisher?
Der Gatte bedachte mich eines spöttischen Blickes und fragte mit einem Blick auf meine Falten, wieviele Jahre ich sonst wohl noch warten wolle?
Ich wollte sicher gehen und bat um Genauigkeit.
Er erinnerte mich daran, dass ich schon bei den Falten gemeckert hätte und die Konstrukstionskünste der Brigitteentwurfsmannschaft bezweifelt hätte und dass ich mit meiner Einschätzung, wie das Kleid sitzen würde, doch recht gehabt habe.
Männer, sowas soll wohl hilfreich sein? „Herrgott, jetzt sag doch mal: hätte ich das mit einem eigenen Schnitt besser hinbekommen? Hilf mir doch mal!“
Der Gatte verließ den Raum und jetzt weiß ich nicht so recht …

 

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Dieses Foto sollte meine Frage beantworten 😀 Es sind sowohl vorderes als auch hinteres Armloch bis auf einen halben Zentimeter gleich lang – dieses arme Kleid kann gar nicht anders, als nach hinten zu rutschen. Was es tut. Intensiv. Was man nicht sieht: es ist dazu auch noch unbequem unter den Armen, weil es mir am liebsten noch viel, viel weiter den Buckel runterrutschen möchte. Ändern lässt sich das nicht mehr und da mir der Stoff zu wild ist, schmerzt es mich auch nicht zu sehr. Ich habe in diesem Kleid heute morgen das Bad geputzt, es war luftig und nicht im Weg und nachdem es sich einen bequemen Platz an meinem Körper gesucht hatte, kniff es mich auch nicht mehr unter den Achseln. Für schwüle Tage ist es perfekt. Also innerhalb des Hauses oder des eigenen Gartens. Für den Weg bis zur Mülltonne … ziehe ich mich um.

 

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Dass ein O-Kleid nicht unbedingt ein Figurschmeichler ist, wenn es einem um Kurven und Taille und inszenierte Weiblichkeit geht – geschenkt. In diesem Fall allerdings geht es weit über mein Ziel heraus, dass da lautet: ich habe es nicht (mehr?) nötig, meine Figur immer so deutlich wie möglich zu zeigen. Das Kleid hier scheint eher von Selbsthass als von Selbstbewußtsein zu zeugen. Was nicht an der Schnittidee, sondern an dem verkorksten Schnittmuster liegt. Wo auch immer meine körperlichen Unzulänglichkeiten eine Rolle spielen mögen, auch mit der perfekten Figur kann dieses Kleid nach diesem Schnitt nicht sitzen. Und nun, wo ich mich davon überzeugt habe, sehe ich auch den Originalbildern ein wenig von dieser Problematik an. Obwohl dort sicherlich mit Wäscheklammern getrickst wurde, ist die vordere Mitte leicht angehoben.

Nun überlegte ich, ob ich dennoch etwas aus diesem Schnitt machen solle? Ich könnte es noch einmal selbst nachkonstruieren, könnte den Ausschnitt vorne anheben (es gibt nämlich keinen BH in meiner Schublade, der da nicht mit dem Cup herausragen würde), könnte das hintere Rockteil faltenfrei zeichnen und die Träger etwas mehr zur Mitte hinlegen. Aber will ich überhaupt da hin, nun nur noch sehr, sehr weite Kleider mit viel Entfernung zum Körper zu tragen? Das kann ja leicht in die esoterische Lass-uns-drüber-reden-Ecke abrutschen und das ist nun gar nicht meine Welt. Es soll luftig sein, es soll mich umspielen, aber nur noch an mir wallen soll und muss es ja nun auch nicht. Die nächsten Kleider dürfen etwas mehr Figur zeigen, mehr mit Falten und Längen spielen und es gibt so einiges, was ich noch nähen will, da braucht dieser Schnitt keine zweite Chance. Für mich ist nun die Brigitte endgültig durch, mit einem leisen Weh zwar, wenn ich an die Sommer meiner Kindheit denke und den heißen Wunsch, endlich das himbeerfarbene Brigitte-Holland-Rad zu gewinnen, aber nun habe ich gelernt, dass man dort von Schnittmustern genauso viel Ahnung wie von vernünftiger Hautpflege hat und die letzte Attraktion ist gestorben. Hach.

 

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Mg 12 – noch ein Kleidchen

Es fällt mir schwer, die kurzen, weiten Kleider ohne Abnäher, ohne eingesetzte Ärmel, ohne Kragen, ohne nix als Kleider zu bezeichnen; ich bin noch in meinen alten Denkenmustern gefangen und meine Beine so zu zeigen gelingt mir eigentlich nur, weil ich mir sage: Mit Ende 40 guckt da keiner mehr hin, das kannst du ruhig tun, wenn es warm ist.

Es ist natürlich nicht warm, sondern ausgesprochen frisch, wenn es auch für den morgigen Feiertag besser werden soll. Vielleicht kann ich mich dann entspannt in einem dieser Kleidchen im Garten entspannen? Sicher. Weil ja ein Gatte und zwei Söhne dafür größtes Verständnis hätten und mit ein paar selbstgeschmierten Toasts glücklich wären …

Gestern vormittag nähte ich nun also Kleid Nummer 2 und diesmal ohne die Kellerfalten und ich denke, ich kann den Saum noch deutlich weiter einstellen für Kleid Nummer 3, das vermutlich aus einer dunkelgrauen Viskose entstehen wird. Dieses obersimple Nähen kann süchtig machen, man sei gewarnt!

 

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Der Stoff ist übrigens online gekauft, beschrieben als nahezu knitterfreier Hosenstoff aus Viskose mit leichter Ripsstruktur. Das nenne ich eine Beschreibung mit viel Fantasie: die Rispsstruktur sieht eher aus wie die Rückseite eines Jerseys, während die eigentliche Rückseite leicht angerauht ist und mehr Schimmer hat – und so wurde sie zur Vorderseite, zumal sich die etwas gröbere Seite angenehm frisch auf der Haut trägt.

Was aber die Befähigung des Stoffes zur Hose anbelangt oder seine angebliche Knitterfreiheit: das kann nur eine Verwechslung sein. Ein strenger Blick und das Material kräuselt sich schutzsuchend zusammen. So, als sehr weites und sehr loses Kleidchen, stört es mich nicht zu sehr; aber eine Hose aus solchen einem Stoff ohne Charakter und Rückgrat? Unvorstellbar. Das sind die Herausforderungen des Onlinestoffkaufs …

 

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Hach, Waden haben – das wäre ja was. Ich würde mich deutlich wohler fühlen, wären meine Beine rundlicher. Aber wenn ich das ändern könnte, dann stünde gleich das nächste auf der Liste und am Ende würde ich mich nicht wiedererkennen und das fände ich dann auch wieder nicht gut. Also arbeite ich stattdessen an meiner Einstellung zu meinen Beinen. Seit Jahrzehnten. Aber hey, nach 20 Jahren sind meine Knie mal wieder an der Luft. An der Sonne wäre es mir noch lieber 😀

 

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Nummer drei schneide ich vielleicht heute noch zu, danach kommt ein neuer Schnitt – noch bin ich mir nicht sicher, was das sein könnte. Vorschläge?

 

Mg 11 – Krempelliese und endlich selbstgenäht

Die eine oder andere erinnert sich mit Schaudern – ich selbst auch – mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen hatte, bevor ich den simpelsten all meiner Mäntel konstruiert und genäht hatte. Diese Schwierigkeiten waren hausgemacht, saßen nur in meinem Kopf, der sich nicht an den Gedanken gewöhnen wollte, dass es auch einfach geht. Ganz, ganz einfach. Heute ist mir das verständlich, denn mein Wunsch, eigene Schnitt entwerfen zu können, entstand mit dem ersten Blick in Harriet Pepins „Modern Pattern Design“ – und letztenendes habe ich es mir mit diesem Buch ein gutes Jahr später auch beigebracht. Was heißt: meine Ausbildung fand 1941 statt. Figurbetont, mit Abnähern, die an die unvorstellbarsten Ecken geschoben und in unglaubliche Raffungen und Falten aufgelöst werden, mit Schrägschnitt, unterschiedlichen Fadenläufen und möglichst mit einer Passform, die sich auch in der Bewegung kaum auflöst.

Nun könnte man meinen, wenn man gleich mit solchen Raffinessen beginnt, dann sollte einem alles Einfachere leicht fallen. Vielleicht liegt es nur an mir und ich bin im Simplen mies und im Schwierigen zumindest besser. Aber ich glaube, auch andere haben das erlebt: mein erstes Kleidungsstück, das nach einen Reißverschluss verlangte, erhielt einen unsichtbaren. Einfach, weil das auf dem Umschlag stand und ich natürlich keinen Schritt von der Anleitung abwich. Es war eine Tortur, aber irgendwann war er drin und ich der Meinung, so sei das halt mit Reißverschlüssen. Einen nach dem anderen nähte ich ein, mehr oder weniger gut, aber zunehmend leichter und sicherer. Bis irgendwann einmal eine zu mir meinte: „Was soll denn die Qual, als Anfängerin könntest du doch viel besser normale Reißverschlüsse verwenden?“

Ähm, wie … normale? Es gibt noch andere? Und siehe da, im nächsten Projekt wurden solche verlangt, ganz ohne Spezialfüßchen. Hach, hatte ich es mir unnötig schwergemacht? Um das folgende Elend abzukürzen: ich kann die angeblich viel einfacheren normalen RVs bis heute nicht einnähen. Und sie gefallen mir auch nicht, das macht es unproblematisch. Nahtfeine sind deutlich unkomplizierter, schneller und schöner zu verwenden und wie immer beim Nähen wähle ich den leichten Weg.

Ähnlich ging es mir mit dem Kochen: als Schlüsselkind großgeworden, war ich daran gewöhnt, mir mittags erst das Essen des gestrigen Abends aufzuwärmen, es irgendwann auch zu strecken, zu verändern und etwas neues dazu zu geben. Ich fing an zu experimentieren und bekam mit acht ein Kochbuch für Kinder, aus dem ich mit Wonne für meinen kleinen Bruder und mich kochte, wenn unsere Eltern abends einmal aus waren. Der Navajo-Eintopf ist bis heute unvergessen, jagte jedem Erwachsenen einen Schauder über den Rücken und schmeckt heute meinen Jungs und mir (der Gatte schaudert …). Meine ersten eigenen Gerichte waren also Eintöpfe, chinesische Pfannenrührereien und Aufläufe. Wie sollte es anders sein: es dauerte zwei Jahrzehnte, bevor ich in der Lage war, etwas angeblich simples wie krosse Bratkartoffeln (bis heute Glückssache) oder ein nicht zerlaufenes Spiegelei hinzubekommen.

In meiner ersten Stelle wäre mir das beinahe zum Verhängnis geworden – als ob diese Chefin nicht schon Schicksal genug gewesen wäre. Ich musste das Modellieren von Fingernägeln erlernen, was mir nicht sonderlich gefiel; ich fand diese Krallen albern. Nun war besagte Chefin eine wirkliche Könnerin und ihre Nägel samt und sonders edel und perfekt. Dennoch – das war nicht meines, aber da musste ich durch. Ich bekam die simpelsten Hände mit perfekten Nagelbetten, deren Nägel einfach nur zu dünn waren. Ich übte und entwickelte sogar Spaß daran, aber so schnell ich auch wurde und so gut sie auch aussahen: meine Nägel hatten eine Halbwertzeit von anderthalb Wochen. Zum Verzweifeln. Bis eines Tages eine der Problemkundinnen mit abgebissenen Krallennägeln (der Horror für meine Chefin) und Arthritis als Notfall in den Laden schneite – samstags, wenn meine Chefin mich alleine ließ in einer menschenverlassenen Gegend und einem abgeschlossenen Fernsprechapparat, damit ich nicht rund um den Globus telefonieren würde. Dazu könnte ich jetzt zur Schwangeren überleiten, aber das ist eine andere Geschichte. Nun saß sie da, mit einem großen Empfang am Abend (Bundeshauptstadt, man erinnert sich ungern) und einer komplett ruinierten Hand, die sie keinem Kanzler entgegenstrecken wollte. Chefin nicht erreichbar, also tun wir unser bestes. Entweder ich sah in dieser Hand einen Sinn oder ich kann nur kompliziert, aber diese Nägel waren wunderschön und sie hielten. Hielten noch, als sie vier Wochen später wieder kam. Zwei Monate danach hatte meine Chefin noch mehr Freizeit und ich alle Problemfälle. Hätte ich dort auch nur einigermaßen anständig verdient und sie sich ein wenig netter verhalten, dann wäre ich niemals auf dem Sowjetdampfer gelandet …

Gut, nun wollte ich am Freitag also eine ganz schlichte, bereits angepasste Hose nähen; das ging schief und ich war gefrustet wie schon ewig nicht mehr. Auf FB jammerte ich vor mich hin, bekam Ermutigung und Klapse und von Svea handfeste Tipps für Modelle, die sie sich für mich vorstellen könnte (und dazu eine Unterhaltung, die ich sehr anregend fand und zu der ich noch ein paar Überlegungen habe …). Und so riß ich mich zusammen, schnappte mir eine der beiden COS-Blusen, weit mit Kimonoärmeln ohne jedes Tamtam, und malte ihre Umrisse ab. Daraus sollte ein Kleid mit leichter Eiform und zwei Kellerfalten werden, ähnlich, wie Svea mir eines zeigte.

Gestern dann wagte ich mich ran und schnitt mutig zu. Und Mut brauchte ich, denn der Schnitt sah aus, wie ihn ein Kind zeichnen würde. Das Ergebnis: der Gatte ist in der Lage, sogar in diesem weiten Büßerhemd Sexiness zu sehen – und wir wissen, wie ich dazu stehe, der große Sohn ist ehrlich und findet es seltsam und der kleine findet es ziemlich schön, aber lustig von der Seite. Ich finde es vor allem unglaublich bequem und eine Mischung zwischen angezogen und sehr luftig; gewöhnungsbedürftig ist für mich weiterhin das Freilegen meiner Beine. Ich glaube, ich könnte 150 kg wiegen und hätte noch immer keine Waden …

 

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Die Küche, trotz ihrer scheinbar antifeministischen Ausstrahlung, hat für den Moment gewonnen: das sehr kühle Licht hier steht mir deutlich besser als die sehr warmgefärbte Umgebung des Wohnzimmers. Schummeln mit meinen eigenen Farben tun sie beide.

 

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Ja, die Balance stimmt nicht ganz, aber bei einem sehr grob von einem Kaufshirt abgenommenen Schnitt sehe ich das entspannt und eigentlich gefällt mir die lustige Silhouette auch. Mit ein wenig Glück nähe ich heute nachmittag ein weiteres Leinenkleid – entweder ohne die Kellerfalten oder eines, das die Kellerfalten zum kompletten Aufspringen zwingt und nach unten hin enger wird. Beides will ich ausprobieren.

 

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Und weshalb Krempelliese? Weil mir die unvergleichliche Ute aus meinen Norderneyertagen das Krempeln injiziert hat. Ich hatte sie schon oft hier erwähnt, weil nichts und niemand so prägend war wie diese tolle Frau. Sie war diejenige, die im Sommer die Jil Sander-Boutique der Insel betreute und sicherlich rührt auch daher meine neue Liebe zu COS (ja, jetzt dürft ihr mich schlagen, ich erwähne es nicht mehr wieder!). Sie zog mich an und zog mich um. Und ich kann gar nicht zählen, wie oft ich im ersten Jahr mit Blick auf das von ihr ausgesuchte Kleidungsstück mich ablehnend äußerte. Nicht, dass sie das interessierte; sie zog es mir dennoch über. Oft genug stand ich vor dem Spiegel und meckerte weiter, weil es einfach öde und langweilig und irgendwie zu weit, zu lang, zu kurz, zu irgendwas war. Nichts, was Ute nicht mit einer geschickten Krempelei, Knoterei oder Zieherei hätte beheben können. Dieses Kleid da oben ohne gekrempelte Ärmel … Büßerhemd trifft es schon. In meiner Wahrnehmung sind es die hochgeschlagenen Ärmel, die erst ein Kleid aus dem Säckchen machen. So klug bin ich mittlerweile, dass ich manche Sachen von vorneherein so konstruiere, dass das Krempeln möglich (oder nötig?) ist.

Hach, ein langer Beitrag mit wenig Inhalt, ich befürchte, ich kann das Kochen nicht länger herauszögern und das ist feministisch-emanzipatorischer als gedacht: ich bin eine fimschige Vegetarierin mit hohen Ansprüchen und dazu sehr lustbestimmt beim Essen – die Vorstellung, diese Arbeit aus der Hand geben und mich mit dem zufrieden geben zu müssen, was andere mir hinstellen: da schaudere jetzt ich. Es lebe der Navajo-Eintopf!

Mai-Garderobe 10 – gemixt

Ich erwähnte neulich en passant, wie unglaublich verliebt ich in COS bin – und wenn ich das noch einmal erzähle, sollte ich dafür bezahlt werden oder geschlagen! – und am Samstag begleitete mich der weltbeste Gatte in die Innenstadt. Zuvor hatten wir die Kinder zwecks Omahilfe zu selbiger verfrachtet, wo sie aufräumten, Müll entsorgten, einkauften und aßen, um später vollkommen geschafft zu Hause nölend zu „chillen“. Ich würde es gammeln nennen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Wir waren früh in der noch sehr ruhigen Stadt, gönnten uns einen Kaffee und etwas Süßes beim Starbucks, wo ich aus dem Fenster einen hervorragenden Blick auf die samstägliche Wanderung auf der Sternstraße hatte. Wie herrlich, das ohne die geliebte Brut mit einem entspannten Mann genießen zu können – fast wie früher, als wir noch in der Altstadt wohnten, in fünf Minuten zu Fuß mittendrin im Trubel waren und das Gefühl von ganz viel Zukunft vor uns hatten. Das ist jetzt marginal anders …

Und der Gatte war in Spendierstimmung, was immer wieder einmal vorkommt. Ich wollte ihm zeigen, was mich so begeistert hatte und weshalb ich mich in den Kleidungsstücken so neu-verwandelt und doch ganz bei mir fühlte (Stopp das, o Weib, diese enthusiasische Euphorie für Konsumgüter ist schamlos und befremdlich!). Und er hat es gesehen. Im noch ruhigen Geschäft saß er im ersten Stock mit Blick auf die Stadt und auf mich, wenn ich aus der Garderobe trat. Und ich trete ansonsten eher ungern vor die Umkleidetür. Selbst das erste Outfit, bestehend aus einer sehr weiten Dreiviertelhose und einem sehr, sehr weiten Fledermausoberteil schockierte ihn nicht. Ich war verblüfft. Sehr.

Ich zeigte ihm mein Lieblingskleid, ich zeigte ihm den Himbeer-OP-Kittel, ich zog die Khakiröhre an, das weiße Feenflattertop, ich trug das schöne, doch noch immer nicht passende Kleid, ich probierte etwas blaues, etwas weißes und auf Geheiß des Gatten auch zwei schwarze Kleider und eine blaue Bluse. Und nicht nur war er geduldig, sondern ich war, wie immer in diesen seltenen Fällen, freudig überrascht: auch nach Jahren noch ist er, obwohl er Kleidung für sehr nebensächlich hält, mein Stylist mit dem perfekten Händchen. Wenn er sich eine Stunde lang angesehen hat, was mir gerade so gefällt, dann kommt er auf einmal mit zwei, drei Dingen, von denen eines sofort ein „Oh ja!“ auslöst und zwei ein „Öhmmm, echt … also eigentlich ….“  Wie immer ist das Oh ja dann eines der Teile, die ich haben muss und eines der beiden Öhmmms eines, das in der passenden Größe oder besseren Farbe perfekt gewesen wäre. Ich beuge mich vor deiner Fähigkeit, o Gatte. Und dass ich dann 6 Teile haben durfte, weil ich so lieb bin und so krank war und überhaupt und sowieso – das macht es nur noch besser.

Und ganz unspektakulär trage ich das schlichteste Teil heute zusammen mit der zartrosa Überziehbluse und einer Jeansjacke aus zweiter Hand:

 

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Demnächst werde ich es wieder einmal mit besseren Fotos versuchen: ein besonders entzückender Facebook-Freund konnte das Elend nicht länger ertragen und überließ mir einfach so ein Stativ für die Kamera. Damit muss ich mich in Ruhe beschäftigen; mal schauen, ob es doch noch mal besser wird mit den Bildern. Danke nochmals, lieber André!

Mg 9 – und zugeschnitten!

Gestern nachmittag habe ich endlich wieder einmal einen Schnitt konstruiert und Stoff zugeschnitten – es geht aufwärts, hurra! Wobei ich das mit dem Konstruieren relativieren muss: es war das allersimpelste Kleid, das man sich vorstellen kann. Ich habe den Halsausschnitt breiter und tiefer gesetzt, die Länge von Hüfte auf kniefrei gezogen und von der Achsel zur gewünschten Saumbreite eine Diagonale gezogen – das als Schnittkonstruktion zu bezeichnen, das ist schlicht frech. Spannend daran ist nur: wird es mir stehen?

Gestern schon lief ich in kurzen Hosen umher und heute sieht man es ihnen an:

 

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Zweimal das gleiche Bild, ihr dürft jetzt entscheiden, ob es „Knipsen in der Küche“ oder „Fotos im Fernsehraum“ sein soll. In jedem Fall stehe ich dort mit frisch gewaschenen Haaren, ungeschminkt, mit Dellen im Oberschenkel und sich deutlich verstärkendem hallux valgus (mieses Bindegewebe überall!) vor euch – wie der Hintergrund aus ist, die Frau bleibt, wie sie ist. Hachja.

Leider ist es heute schon nicht mehr so sonnig und strahlend wie gestern und ich bin nicht sicher, ob die Sonne heute noch einmal durchbricht. Für Pfingsten ist ja Bibbern angesagt, dabei könnte ich mich so leicht an luftige Kleidung gewöhnen. Ich finde, wir haben uns in diesem Horrorjahr wenigstens einen langen und wunderbaren Sommer verdient, sonst weiß ich wirklich nicht, wie all das Schreckliche um uns herum erträglich sein kann.

So, nun wird ein Stündchen genäht und dann vier gesaugt und gebügelt. Das ist das wahre Leben.

 

 

Mg 8 – klar und kühl / geklaut und genäht

Der gestrige Tag war geil. Ohne besondere Vorkommnisse, aber geil. Die Nacht war es nicht. Normalerweise gehe ich zwischen 22:00 und 24:00 Uhr zu Bett und lese ein wenig. Und schlafe fast sofort darüber ein. Gestern nacht nicht, noch um halbeins war ich wach. Um 1:15 Uhr war ich dann wieder wach, weil auf dem Spielplatz oberhalb unseres Hauses junge Männer sich angeregt unterhielten. Lautstark, johlend, rücksichtslos. Bis ich richtig wach war, wälzte ich graue Gedanken über Leid und Elend der Welt, das ganz klar nur vom jungen Manne herstammen könne. Ehrlich gesagt, auch ganz wach ließen sich ausreichend Belege für diese These finden …

Um halbdrei krakeelten sie noch immer umher, ich hörte vereinzelt das Zuschlagen geöffneter Fenster und Gegrummel aus den näherliegenden Häusern. Aber niemand tat etwas. Weshalb eigentlich ertragen wir Störung und Unverschämtheit lieber als die Polizei einzuschalten? Vor vielen Jahren einmal tat ich das. Mit viel, viel Schuldgefühl und mit absolut blankliegenden Nerven so gegen vier Uhr in der Frühe. Der Beamte fragte, seit wann der Lärm denn bestehe und polterte auf meine Antwort, das sei seit etwa fünf Stunden so, dass ich mich doch das nächste Mal bitte früher melden solle – so könne man ja nicht arbeiten. Gelernt habe ich daraus: ich traue es mich noch weniger.

Gestern nacht aber, als alle Nerven rissen und ich mich in Hulk verwandelt hatte, riß ich mein Fenster auf, ließ das Telefon laut klingeln und fakte lautstark einen polizeilichen Anruf. Zuvor hatte ich gedroht, ich würde das jetzt gleich tun. Fanden die Knaben total witzig. Seltsamerweise war nach dem lauten Klingeln und meiner Schauspieleinlage spontan Ruhe … ob das beim nächsten Mal wieder funktioniert? Ich wage es zu bezweifeln.

Insgesamt kam ich auf zweieinhalb Stunden Schlaf in drei Phasen, unterbrochen vom Katzentier und danach vom Wecker für den Großen. So rächen sich die guten Tage. Grau und fahl wie ich war, war mir nach schnörkellos und praktisch:

 

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Und es steht heute 55:45 für das Selbstgenähte: die Hose hatte ich schon gezeigt und das Hemd ist ein abgetragenes (und von mir unauffällig entwendetes) des Gatten. Und weil mir der Kragen zu groß und zu steif war, habe ich ihn – Schande über mich – einfach abgeschnitten und die winzigen Restfransen zum Designelement geadelt. Doch ein bißchen was Schönes gibt es doch noch zu sehen: die Katzen. Katzen retten ja alles. Immer. Überall. Außer morgens um 5:00. Dann …!

 

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Sieht doch gleich viel besser aus, nicht wahr? Neben ihnen kann ich aussehen, wie ich will; auch sehr entspannend.

20.000 windzersauste Gedanken + Mg 7 (Laanger Mäandertext, Warnung!)

Heute morgen fuhr ich den Gatten zur Arbeit und weil es so schön war und er mässig lustig, sein Büro zu betreten, frühstückten wir im Café um die Ecke. So sollten Wochen beginnen: mit Sonnenschein, Ruhe und einem entspannten Frühstück. Danach machte ich mich auf in die Innenstadt mit nur einem Ziel: möglichst viele verschiedene Kleidungsstücke anprobieren, einen supersimplen, lässigen Hosenschnitt erstehen und eventuell ein paar günstige Sommerschuhe finden.

Es war kurz vor 10:00 und so landete ich bei C&A – eines der Geschäfte, in denen meine Großmutter immer dann Kleidung für mich kaufte, wenn meine Mutter darum bat, es möge etwas pflegeleichtes und robustes für den Kindergarten sein. Meine Großmutter war recht wohlhabend, was sich auf unsere Familie (Mama, Papa, Bruder und ich) nicht übertragen hatte. Und meine Großmutter spielte diese Karte gerne aus. Also C&A für die Kleinigkeiten, für die meine Mutter nur eine mittelfristige Dankbarkeit zu zeigen hatte. So zumindest empfand ich es als Kind. Da mag ich falsch liegen; meine Großmutter starb, als ich in die Schule kam. An einen Kauf kann ich mich noch sehr gut erinnern: ich bekam einen Rollkragenpulli in einem hellen Rostrot und dazu passende Overknees, einen vorne geknöpften, kurzen Wildlederrock in naturbraun mit dazugehöriger Fransenweste. Absolut NICHT günstig, aber topmodern, wenn auch weniger für den Kindergarten geeignet als für die Disco. Aber ich liebte es und trug es, bis sogar ich nicht mehr reinpasste.

Ein anderes Mal landeten wir versehentlich im Lager, das im Erdgeschoß war. Ich erinnere mich ganz genau, wie die Aufzugtüren sich öffneten und meine Großmutter sofort rausmarschierte, obwohl ich meinte, wir seien falsch: das Licht flackerte, es war kalt und grau und der abgewetzte Betonboden war auch nicht einladend. Sie zog mich einfach raus, weil ihr Charakter neben all den anderen Eigenschaften auch aus Neugierde und Furchtlosigkeit zusammen gesetzt war. Kaum standen wir außerhalb des Lifts, schlossen sich dessen Türen und weg war er. Erst da stellte sie fest: hier gab es keine Aufzugknöpfe – hier musste man den Aufzug mit einem Schlüssel rufen. Tja. Während ich – etwa vier Jahre alt – ängstlich war und sofort wieder raus und zu Mama in unseren Schreibwarenladen wollte, nutzte meine Großmutter die Gelegenheit und zerrte mich durch lange, dunkle Gänge. Wie lange es dauerte, bis uns jemand befreite, weiß ich nicht mehr, aber ab da waren mir Ausflüge mit meiner Großmutter nicht mehr geheuer. So verlor sie mich auch einmal im Hertie zu Schlußverkaufszeiten und ging völlig unbelastet von diesem Verlust zurück ins Geschäft. Meine Mutter eilte zur Rettung und fand mich zusammen gekauert unter einem Drehständer; nur dort fühlte ich mich sicher vor all den hektischen Frauenbeinen.

Mäander, mäander, mäander -zurück ins Hier und Heute (aber die Warnung steht im Titel! Windzersauste Denkerei – ihr wurdet gewarnt!). C&A also gehört zu den Herstellern, bei denen die Kabinen großzügig sind und die Konfektion seltsam, aber vielfältig. Ich schüpfte in lose Kleidchen, die eine Handbreit vor dem Knie endeten und lose fielen – hurra, hurra, ich mochte es gar sehr an mir und kann mich an die Schnittkonstruktion machen. 1:0 für mich. Ich schlüpfte ebenfalls in eine nebenweiße Jeans mit Schlag. Wobei schlüpfen jetzt nicht so … also man könnte auch sagen … nunja, ich quetschte mich in die 40 und war deutlich weniger begeistert: ausnahmsweise einmal war der Bund viel zu eng, so dass mein seit fünf Wochen unbewegtes Gewebe sich amöbenhaft nach oben wölbte und selbst bei mir, der Star Wars-Hasserin, Assoziationen hervorrief … Jabba the hut. Hätte ich oberhalb des Bauchnabels Augenschlitze gezeichnet, eine neue Karriere stünde mir offen. Blöderweise saß die Hose an Hüfte, Bein und Po fantastisch, so dass ich fast versucht gewesen wäre, sie zu kaufen (in 42 übrigens war sie viel, viel, viel zu weit).

Aber, und da kam mir die nächste Erkenntnis, jünger werde ich nicht, straffer werde ich nicht und die Wahrscheinlichkeit, dass ich genau auf Bundhöhe 5 cm abnehmen würde, wenn ich nur endlich wieder mit sportlichen Übungen begänne, liegt bei unter Null. Kann es also sein, dass ich so langsam auf dem Weg bin, mich wirklich, wirklich, wirklich mit den Gegebenheiten meines Alterns abzufinden und darin so etwas wie Entspannung und Befreiung sehen zu können? Also, ich wäre schon gerne straffer, schlanker, zarter, glatter, gerundeter, beweglicher – aber wäre ich gerne jünger? Bin ich sehr unzufrieden mit dem Fehlen von straff & schlank etc? Erstaunlicherweise nicht. Würde ich nun, wo die Zeichen der Zeit immer deutlicher werden, meiner Überzeugung untreu werden wollen und mich botoxen, lasern, färben, straffen und absaugen lassen? Erfreulicherweise nein. Es war leicht, diese Überzeugung zu hegen und zu pflegen, solange sie nicht auf die Probe gestellt wurde. Jetzt, vor allem nach den letzten vier Wochen, sieht das anders aus: diese Krankheit hat mich gekostet: das ewig lange Liegen, der Schmerz bei jeder Bewegung haben die Demenz meines Bindegewebes (nochmals Dank an Frau Jahnke für diese Wortschöpfung!) erhöht, meine Haare sind deutlich grauer geworden, meine Augenringe tiefer und ganz allgemein fühle ich mich älter. Das Stehen vor den Umkleidespiegeln mit PMS-aufgeschwemmter Haut in Unterwäsche trug sicherlich nicht dazu bei, mich als jugendliche Venus zu fühlen. Für einen Moment war ich betrübt … hachja, damals …

… ja damals, da war ich permanent unzufrieden. Zu dünn, zu lange Beine, zu lange Arme, zu dieses und zu jenes und dabei immer hin- und hergerissen zwischen meinen hochfeministischen Überzeugungen und den Erfahrungen im Job („wichtig ist, dass du dich für dich selbst schön machst, dich selbst schön und gut findest“) und dem immer wieder aufflackernden Wunsch, für Männer attraktiv zu sein, was dann wieder zu dem Mantra zu dünn, zu dies, zu das, zu jenes führte. Letztenendes war es völlig egal, wieviel positives Feedback ich von Männern, Frauen, Freundinnen, Modeljägern, Personalleitern oder wem auch immer bekam: ich gefiel mir nicht und attestierte all den anderen einen miesen Geschmack. Mir schenkte dann einmal eine Kundin, die mich mit ausgefeilten Fragen in die Enge getrieben hatte, weil sie ihren Beruf – die Psychologie – nicht zu Hause lassen konnte, die „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Watzlawick und bat mich, ihr im nächsten Jahr zu sagen, wie oft ich mich wieder erkannt haben würde. Jo, ne. Öhm. Begriffen hatte ich es dann, aber an der Umsetzung arbeite ich bis heute. DOCH heute bin ich einen Schritt weiter gekommen. Hat nur knapp was über 20 Jahre gebraucht.

Als ich also mitsamt der mittlerweile im Sitzbereich sehr locker-ausgebeulten Hose den C&A verließ, schaute ich mich um. Ganz bewußt und ein klein wenig – wie soll ich es formulieren? – weniger wohlgesinnt, als es sonst meiner Art anderen Frauen gegenüber entspricht. Da gab es einige, die sehr bemüht an ihrer Perfektion arbeiteten und dabei vor allem eines austrahlten: Kontrollsucht. Kontrolle über die Augenfältchen, die Haltung, über jedes einzelne Härchen, über jeden Schritt, den sie taten. Das sah ein wenig unfröhlich aus und das Ergebnis etwas gekünstelt. Zu viel Farbe, zu viel Haarspray, zu viel Schmuck, zu viel von diesem und zu wenig von jenem. Vielleicht ist es das Unvermögen, das hier aus mir spricht: das wäre mir zu unbequem, mich ständig dermaßen zu kontrollieren.

Und es gab die Nachlässigen, die sich in Kleidung quetschten, die zu eng war, die sich Kleidung überwarfen, die nur eines sagte: es ist mir egal, was ich trage, denn ich bin mir auch egal. Das wiederum fand ich traurig; so viel Resignation und Gleichgültigkeit sich selbst gegenüber. Ganz sicher will ich auch dort nicht hin. Es mag bequem sein, aber glücklich macht es nicht.

Natürlich gab es auch die Unbekümmerten, die besonders Schönen und die Durchschnittlichen, die mir begegneten. Am Ende aber war es zweitrangig, ob das, was sie trugen, nun besonders schön oder besonders schmeichelnd war: das Wichtigste war, dass es stimmig war. Stimmig mit der Person, die sie sind oder sein wollen. Stimmig in den Farben. Stimmig zu Tag und Wetter. Ziemlich nebensächlich war – verblüffend für mich – die Passform. Und so war mir denn nach einer Weile die sich immer weiter ausbeulende Hosenrückseite egal: ich fühlte mich einfach unglaublich wohl und stimmig. Mit Hose und T-Shirt, mit meiner Stadt, mit dem Wetter, mit meinem Alter, den ergrauenden Haaren und dem Vorsatz, mir eine neue Trainingsmethode zu suchen – ich werde jetzt mal Pilates testen. Und mit noch etwas bin ich – zur Zeit zumindest – ganz und gar im Reinen: wenn ich hier meine unperfekten Bilder zeige und für manche Texte ganz nah ran gehe an mein Gesicht. Manchmal erschrecke ich ja doch, wenn ich mir solch ein Portrait anschaue: wie sich die Nasolabialfalte tiefer eingräbt, das Gesichtsoval absackt, der Hals seine Frische verloren hat, wie sich die Hängelider meines Vaters immer noch tiefer über die immer grüner werdenden Augen legen, wie sich trotz all der Jahre perfekter Pflege immer mehr Pigmentflecken, die schon Chloasmen genannt werden dürfen, ausbreiten – das sieht nicht mehr so aus, wie ich mich in meinem inneren Selbst sehe. Und manchmal stehe ich auch traurig vorm Spiegel, lege die Hände an die Ohren und ziehe sie sanft nach hinten-oben, erkenne mich kurz wieder und erschrecke, wenn ich loslasse.

Aber dann wieder … ich habe heute auch Frauen gesehen, die deutlich jünger sein müssen und nicht danach aussehen. Ich habe Frauen gesehen, die deutlich älter sein müssen und mir gefielen. Und nach wie vor finde ich diese Veränderung spannend. Was mich auch mit den Bildern versöhnt, weil ich ohne sie gar nicht so recht mitbekäme, wie diese Veränderung abläuft. Vielleicht schaut die eine oder andere hier auch mit einem innerlichen Grinsen auf diese Fotos und denkt sich: „Mensch, was ist die alt geworden!“ Das sei ihr gegönnt. Ich gönne mir dafür den Gedanken, sie möge mal abwarten und sich dann wundern.

Nun gut, ich stand also auf der Straße, war irgendwie ziemlich glücklich, weil: keine Schmerzen, geiles Wetter, gute Vorsätze und grundsätzlich recht zufrieden mit mir. Perfekte Voraussetzung, um nach einem Schnittmuster für Simpelhosen zu schauen, das sogar von Burda sein durfte. Seltsam: Kleidung einkaufen geht gut, wenn ich zufrieden oder sehr unzufrieden bin. Nähen hingegen geht komplett schief, wenn ich mich nicht leiden mag.
Den Schnitt in der Tasche, steuerte ich auf COS zu, der vor kurzem in Bonn eröffnet hat. Die „Luxus“-Abteilung von H&M. Mit einem Stil, der ganz klar auf das Wohlbefinden von Frauen in ihrer Kleidung abzielt und nicht auf die Attraktivität der Frau als Sexobjekt. Die Schnitte sind größtenteils weit, lässig, bequem und mitunter geradezu architektonisch gearbeitet. Ein wenig Japan, ein wenig Jil Sander, ein wenig Skandinavien und ein wenig Klassik, so würde ich die Mischung beschreiben.

Es gibt ja einige Stile, für die ich immer schon eine Vorliebe hatte:

  • scharfgeschnittene Klassik – für mich weitestgehend durch, weil das mit straffem Gewebe einfach besser aussieht
  • Hippie – mit Schlagjeans, langen Kleiden, Tuniken und Sandalen gefällt es mir mit jedem Jahr, das ich älter werde, besser an mir
  • Rock – so richtig mit schwarzem Leder, durchsichtigen Flatterhemden, Killerheels und viel Make up … ist auch durch, war aber mal gut
  • Vintage – muss ich nicht viel zu sagen, das habt ihr alle gesehen in den letzten Jahren
  • Purismus – klare Farbpalette aus Nebenweiß, Silbergrau, Dunkelblau mit schnörkellosen Schnitten, daran arbeite ich noch

COS war ein echtes Aha-Erlebnis (und solltet ihr in der Bonner Filiale einmal Platz für eine wie mich haben, dann nehmt das als Bewerbung für eine Halbtagsstelle), das mich inspiriert hat ohne Ende. Auch hier gab es ein Kleid, bei dem ich leider zwischen den Größen hing, aber insgesamt … herrlich. Da Geld bei mir zur Zeit knapp ist, werde ich noch ein wenig warten müssen und mich an dem einen oder anderen Schnitt selbst versuchen, aber mich wieder einmal so neu zu sehen, einfach unbezahlbar.

Ich trug ein wadenlanges Kleid aus einem weißen Jersey mit Seitenschlitzen, tiefem V-Ausschnitt, kurzen weiten Ärmeln und noch besser wäre gewesen, ich hätte einen festeren Slip darunter gehabt. Dieses Kleid war lässig und schien zu wispern, dass es mich liebe und nichts weiter wolle, als mir Bequemlichkeit und Freiheit und Schönheit zu verleihen und gleichzeitig rief es laut, dass uns die Männer, die es ein Nachthemd ohne Form nennen würden, doch egal sein könnten. Und verdammt recht hatte es.

Ich trug ein Kleid aus einer himbeerfarbenen Baumwolle, das kurz vor dem Knie endete, hinten eine tiefe, sich nach unten hin öffnende Falte hatte und halb floß, halb um mich stand und sofort gab es mir Bilder ein von Urlaubstagen, die nie enden würden und von Frische, Stil und Stärke.

Ich trug ein Kleid aus einem dunkelblauen, festen Ponte, das ärmellos und mit einem eckigen Einsatz im V-Ausschnitt die 20er in die Neuzeit holte und mir erzählte, wie tough und stark und weiblich ich sei. Leider war es auch das Kleid, das in M viel zu groß und in S viel zu klein war.

Ich trug ein nebenweißes, verrückt flatterndes Oberteil, das mich zart und feminin und feenhaft machte und dennoch sicher war, ich sei gewappnet für alles, was da kommen möge. Leider hatte eine Dame, die es vor mir probierte, dermaßen viel Make up an den Ausschnitt geschmiert, dass ich nicht zu sehr in Versuchung kam. Ich bin mir sicher: das geht nicht mehr raus.

Stundenlang hätte ich dort alles mögliche testen mögen; schon die begrenzte Farbpalette, die nur selten verwendeten Minimuster, der helle Holzboden, die Ordnung und Aufteilung taten mir wohl. Selten hat mich ein Laden, der auch nichts anderes ist als die Filiale einer clever entworfenen Kette, so fasziniert. Mir stand nicht alles, ganz klar, und vieles ist mir auch zu abgehoben. Aber summa summarum fühlte ich mich dort sehr zu Hause. Das mag, nein, das muss an meinem Alter liegen, denn hier ist die Figur unter der Kleidung nicht so entscheidend. Ob es hier weicher ist, dort breiter – das verschwand, ohne einfach nur zugedeckt zu werden. Sehr befreiend.

Hmm, da bin ich glatt enthusiastisch geworden, romantisch und pathetisch. Wie peinlich, wohin also nun? Ab zurück ins Auto und mit lauter Musik nach Hause. Seit wann eigentlich laufen bei WDR 4 gute Lieder und keine Schlager mehr? Habe ich verpasst und nur zufällig entdeckt: ganz viel 80er, gerne was aus den 60ern und 70ern und manchmal was modernes. Heute bekam ich „Bette Davies eyes“, „Skandal im Sperrbezirk“ und Rod Stewart. Herrlich. Dazu die Fenster runter und die Haare vor den Augen und ganz, ganz viel Spaß. Als die Spider Murphy Gang ansetzte, entfuhr mir ein lautes „Yeah“ an der roten Ampel. Der Mann neben mir schrak zusammen, drehte sich zu mir und mehr als ein „Ups“ fiel mir nicht ein. Aber er war kein Jüngling, erkannte da Lied, hob den Daumen und hatte nun wohl auch beste Laune. „Welcher Sender?“ „WDR 4!“ „Echt???“ „Ich staune auch!“

Dann schaltete die Ampel auf grün und unsere Wege trennten sich – gefühlt zehn Jahre jünger und noch glücklicher als zuvor. Absolut tiefenentspannt und komplett im Reinen mit mir traf ich zu Hause ein und knipste genau ein einziges Bild; die Tasche noch umgehängt und die Haare komplett zersaust:

 

0726

 

Ja, 48 sein hat vor allem ein gutes: man hat die 80er in all ihrer Buntheit, Schrillheit, Hysterie, mit ihrer geschlechterübergreifenden Mode und der absolut geilen Mucke, mit all den Demos und politischen Umwälzung in einer prägenden Zeit vollständig mitbekommen. Das würde ich nicht eintauschen wollen für zehn Jahre jünger, ein straffes Bindegewebe und was immer man mir sonst bieten wollen würde. Jetzt schauen wir mal, wie lange meine Grundzufriedenheit mit mir selbst (nicht mit unserer Welt!) anhält. Wer immer das alles gelesen hat, hat sich ein Eis mit Sahne verdient. Redlich!

Achso, ja: auch die günstigen Sommerschuhe habe ich erjagt. Macht insgesamt 3:0 für mich.