Heute morgen stand ich leicht frös­telnd im Wohn­zimmer vor der Kamera. Ich wollte das schnell genähte Früh­ling­kleid zeige, stilecht ohne Strümpfe; draußen schneite es. Für mich schon grenz­wertig, das Szenario. Und heute testete ich alles, jede einzelne Kame­ra­ein­stellung, die möglich ist. Leuchtete aus, so gut es nur ging, ver­wendete die Schnei­der­puppe als Platz­halter, änderte die Position — meine wie die der Kamera — ich tat wirklich alles. Das ist, was heraus kam (und in groß war das Bild NICHT besser, nicht dass ihr denkt, das läge nur an der Win­zigkeit der Bilder):

 

schaden

Täglich sinkt die Qualität der Bilder, dafür steigt mein Frust und meine Unlust, mich vor die Linse zu stellen. Relativ kurz­ent­schlossen, wenn auch mit schlechtem Gewissen des schönen Geldes wegen, das ver­mutlich bald den Besitzer würde wechseln müssen, fuhr ich zum nächst­ge­le­genen Tech­nik­markt und stieß auf einen älteren Mit­ar­beiter, der sich meines Problems annahm. Ob die neue Kamera nun tun wird, was ich möchte, habe ich noch nicht getestet, dazu bin ich noch zu unlustig, zumal ich auf der Fahrt nach Hause über­ra­schend mit der monat­lichen Malesse (hahaha, drei­wöchig — wie ätzend!) zusammen stieß. Grund genug, mich nach der gest­rigen leichten Übelkeit heute wieder aufs Sofa zurück zu ziehen — mit Minusch als Wärm­flasche. Oder momentan als Blei­ge­wicht auf meinen Unter­armen, was die Tipperei zu einem sehr effek­tivem Workout macht …

Das da oben wäre dann übrigens das Früh­lings­kleid aus einem zwar leichten, aber nicht batist­ar­tigem, sondern eher knitt­rigen Baum­woll­stoff, an dem ich testete, wie und wo die Taille denn nun wieder hinwill. Schwierig, das, wirklich schwierig. Auch den Ärmelsitz werde ich in den nächsten Monaten noch einmal in Angriff nehmen. Irgendwann, nur nicht heute. Heute ver­ab­schiede ich mich hoch­of­fi­ziell von der Kamera des Frustes und hoffe auf Bes­serung bei der Nach­fol­gerin. Ich wollte nur noch einmal zeigen, wie lang der Weg bis zu EINEM eini­ger­maßen brauch­baren Bild immer so ist … fast bin ich versucht, mit Maria Stuart zu sprechen:

Ich habe
Ertragen, was ein Mensch ertragen kann.
Fahr hin, lamm­herzige Gelas­senheit,
Zum Himmel fliehe, leidende Geduld,
Spreng endlich deine Bande, tritt hervor
Aus deiner Höhle, lang­ver­haltner Groll.

Tja, so ungefähr trifft es das wohl …

  

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Von mir nicht, von meiner Kamera nicht. Ich bin eh schon übelster Laune, weil ich keine meiner anste­henden Aufgaben ohne eine funk­tio­nie­rende Inter­net­ver­bindung erle­digen kann. Heute nach­mittag erwarte ich den Tech­niker, der alles retten und ver­bessern soll. Noch sind meine Hoff­nungen hoch …

Dass diese meine Laune viel­leicht nicht die beste Aus­gangslage dar­stellt, um Bilder von einem der neuen Kleider zu knipsen — hätte ich darüber nach­ge­dacht, so wäre es mir auf­ge­fallen. Da ich mich aber habe über­reden lassen, an den nächsten zwei Vor­mit­tagen zu arbeiten, bleibt mir gar nicht so viel Zeit in dieser Woche wie ange­nommen. Also ging es los. Und zwar gleich gut und richtig: alles ver­schwommen und verzerrt. Egal, mit welcher Ein­stellung, egal, ob mit Blitz oder ohne und auch egal, ob die Schnei­der­puppe als Platz­halter für die Schär­feein­stellung fun­gierte oder nicht. Zwei erkennbare Bilder kamen heraus. Dann erst einmal Einkäufe erle­digen und danach mit der Kamera noch einmal an den alten Platz umziehen. Brachte auch nicht mehr außer einer mira­ku­lösen Ver­mehrung meiner Haar­pracht durch selt­samen Schat­tenwurf im Blitz­licht — eine 60er-Jahre-Betonfrisur scheine ich zu haben, die hält, ob es regnet, stürmt oder schneit. Oder ein Klavier drauf fällt. Nach ins­gesamt 45 Bildern blieben 5, mit denen ich eini­ger­maßen leben kann und auf denen man irgend­etwas sehen kann. Erkennen wäre zu viel gesagt. Dass meine Stimmung sich seitdem gehoben hätte, kann ich nicht behaupten; ja, ich vermute sogar, dass ich ein wenig Mißmut und Unlust austrahle.

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Was mich aber wirklich ärgert: man kann wirklich nicht sehen, dass es ein hübsches Kleid ist. Man kann nicht einmal ahnen, dass es mir viel­leicht doch steht. Statt­dessen kann man ahnen, dass ich in der letzten Woche älter geworden bin; man darf sich wundern, wie ich es dabei auf mehr als ein Jahr plus bringen konnte. Was man viel­leicht sehen kann, sind die kleinen Fehler des Grund­schnittes, die ich dank dieses Kleides erkennen und aus­merzen konnte:

Ich hatte ja im letzten Jahr sehr lange am neuen Grund­schnitt gebastelt und wollte dabei vor allem mein Uralt-Problem los­werden: die Falten im Rücken und der seltsame hängende Hin­terrock. Dabei hatte ich dann ALLES, vom Vor­derteil bis zum Rock an den Rücken ange­passt und dabei in Kauf genommen, dass die genähte Taille höher war als die figür­liche. Als ich die 62 kg hatte, saß sie ja auch ein wenig höher. Nun schwanke ich wieder zwischen 59 und 60,5 kg und sie sitzt tiefer. Über einen Zen­ti­meter tiefer. Schön konnte man das auch beim dun­kel­blauen Kleid mit dem Pünkt­chen­einsatz sehen, dass dadurch fast schon eine A-Linienform bekam.

Wie nun auch immer, ich erwarte sekündlich (hahaha) den ret­tenden Engel und werde nun für die Brut ein Essen zube­reiten, bevor ich mich an ein echtes Früh­lings­kleid setze. Mitt­ler­weile hätte ich noch vier weitere fertige Teile zu zeigen, aber ich gefalle mir auf diesen Bildern gerade so wenig, dass meine Moti­vation kurz und knapp unter Null liegt. So eitel bin ich denn doch. Diesmal siegte noch das schlechte Gewissen …

  

… scheine ich in den letzten Wochen zu haben: Kleid um Kleid wird fertig. Oder doch nahezu. Nach wie vor fehlen diverse Säume und natürlich Tra­ge­bilder. Da sieht es mit dem Lauf nicht so gut aus; massive Foto­unlust plagt mich. Weshalb ich mich wohl auch nicht beeile, die Säume zu nähen. Und solange die nicht genäht sind, habe ich auch keine Lust auf Tra­ge­bilder. Kommt es nur mir so vor, als bisse sich die Katze hier in den Schwanz? Ach was, ich schiebe das jetzt mal auf den Januar.

Gut, ein anderer Grund für meine Fer­tig­stell­schwäche mag sein, dass ich mitten im Projekt schon das nächste vor Augen habe und es kaum erwarten kann, den Schnitt zu erstellen oder den Stoff anzu­schneiden. Da können und müssen so ein paar Hand­säume schon warten können. Und so treibt es mich leicht manisch voran, voran, voran; ins­geheim befeuert von der uralten Idee, meine Stoff­vorräte merklich aus­zu­dünnen. Fragt nicht, ob das gelingt — ich verstehe auch nicht, weshalb der Vorrat uns immer wieder im Stich lässt und uns zwingt, für genau den nächsten Schnitt einen pas­senden Stoff besorgen zu müssen. Aber damit ist nun Schluß, jetzt gelten andere Sitten, ich setze mich durch. Jawohl!

Als ich vor einigen Wochen für eine liebe Freundin einen Stoff besorgen wollte, konnte ich nicht wider­stehen und gönnte mir noch einmal von dem Romanit, aus dem ich meine Shirts genäht hatte — daraus ein kusch­liges Kleid im Stil der 30er wäre doch sicher fein? Mir schwebte beständig ein klares Bild vor Augen, so klar, dass ich sicher war, ich habe es in meinen Ideen­ordnern oder in einem der vielen Bücher im Regal gesehen. Das Suchen nach diesem Bild dauerte ewig und war erfolglos. Also suchte ich von neuem, diesmal nach Schnitt­mustern, die zumindest ähnlich sein würden und wurde fündig:

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Alle anderen Schnitte, die zumindest ein gedachtes Detail ent­hielten, könnt ihr übrigens hier sehen.

Noch einmal eben so lange saß ich gestern Nach­mittag und spielte mit dem Bild herum, schnitt es zu, schnitt es aus, färbte es ein — ich hätte statt­dessen sicherlich auch einen Saum befes­tigen können. SOOO dringend wäre eine visuelle Mani­fes­tation meiner klaren Vor­stellung sicher nicht gewesen. Es mag sein, dass es einfach mehr Spaß machte als hand­säumen. Kaum vor­stellbar …
Egal, zurück zum Thema, Schluß mit der Selbst­kas­teiung. Das bear­beitete Bild habe ich wieder aus­ge­druckt und die Linien mit einem Filz­schreiber so geändert, wie ich es mir vor­stellte. Die Notizen helfen aber doch, wenn ich nachher am Schnitt sitzen werde. Wie immer bleibe ich meiner Grund­linie von weicher Fülle zu strenger Tail­len­be­tonung treu, möchte aber diesmal deut­licher in die 30er wandern. Wir dürfen gespannt sein …

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Danach aber werden alle Kleider fertig gestellt und sobald ich in der nächsten Woche mehr Zeit haben werde, auch hier erscheinen. Und nun werde ich mich auf frische Kar­tof­fel­suppe und den neuen Schnitt stürzen und mög­lichst ver­gessen, dass ich ab morgen doch deutlich auf die 50 zumar­schiere. DAS vermag ich wahrlich nicht zu glauben!

  

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Mit Werbung jeder Art tue ich mich ja schwer — ich mag sie einfach nicht und werde vor allem im Auto unglaublich wütend, wenn alle halbe Stunde das dumme Geplärre losgeht. Aber manchmal muss man sich überwinden …

Falls nämlich eine von euch lieben und klugen Frauen auch zwi­schen­durch mal meinen Frust erleichtern oder meine Freude an einem Projekt teilen wollt: dieser Blog hat eine eigene Facebook-Seite — für all die schnellen Bildchen und Fragen zwi­schen­durch, die den Aufwand des Bloggens nicht lohnen. Nur mal so nebenbei. Der Klick aufs Bild führt hin, aller­dings weiß ich nicht, ob die­je­nigen ohne Fb-Account dort auch etwas sehen können.

  

roteskleid
Rote Kleider — eine ganz große Liebe. Die leider bislang kaum Erfüllung fand. Was unter anderem an der Schwie­rigkeit liegt, pas­senden Stoff im pas­senden Rot zu erhalten. Nun habe ich einen solchen schon seit Monaten hier liegen. Schnit­t­ideen sind auch nicht zu knapp vor­handen, aber diese kleine Stimme, die mora­lin­sauernd vor dem frühen Freien und langen Reuen warnt und der ewigen Bindung die Suche nach dem Besseren voraus stellt — sie wollte nie ver­stummen. Und wenn ich ehrlich bin, so schweigt sie auch nun noch nicht.

Dieses Kleid habe ich auf pin­terest ein­ge­sammelt und konnte bislang leider keine weiteren Ansichten finden. Spontan verliebt schritt mein Kopf ein: brauche ich ein schmales Kleid? Steht mir das? Wie störend wäre dieses Schößchen? Wieviel Stoff­meter würde es wohl ver­schlingen wollen? Und dazu die Frage, wie es kon­struiert sein mag … so unglaublich viel Lust auf Dra­pier­ver­suche mit Pro­be­stoffen hatte ich nicht.

Aber dieses Kleid ließ mich nicht los und so habe ich mich auf seine Spur begeben: Wo ver­laufen Nähte, wo liegen Abnäher, was mag ich, was ändere ich, was steht mir und wie könnte ich die Idee dieses Kleides in eine eigene Version umwandeln. Wie von Harriet Pepin emp­fohlen, nahm ich mir das Bild vor und stu­dierte es, indem ich die Linien nach­zeichnete, Schwie­rig­keiten notietre und Ände­rungen testete:

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Als erstes schaute ich mir die auf­sprin­genden Abnäher an, die aus der vorderen Mitte kommen. Ich glaube, dass dieses Kleid ursprünglich einer Frau gehörte, deren Ober­weite höher saß als die der Puppe — Abnä­her­falten, die unmit­telbar auf der Brust enden, dürften an einer beweg­lichen Figur seltsam aussehen und der Brust selbst eine unschöne Form ver­leihen.
Der Aus­schnitt: geht er gerade hoch und öffnet sich, wie sich auch eine auf­ge­knöpfte Bluse öffnet oder ist er in Form eines schmalen Vs geschnitten? Ich habe mich für ersteres ent­schieden.
Die Ärmel sind glatt und gerade, höchst­wahr­scheinlich mit einem Abnäher auf Höhe des Elle­bogens — nun habe ich soeben zwei lan­gär­melige Kleider beendet. Meist stören mich lange Ärmel am Hand­gelenk, so dass ich hier eine 3/4-Länge planen würde.
Der Kragen scheint ein schlichter Steh­kragen zu sein, der kurz nach der Schul­ternaht endet.
Der Rock ist schlicht, fällt ohne Mehr­weite oder Falten — der gerade Basisrock sollte die richtige Wahl sein.
Das Schößchen … eigentlich der Clou des Kleides, aber doch eher unprak­tisch. Und aus 2 Metern kaum heraus zu holen. Aber eine Hüft­be­tonung sollte schon sein. Meine Über­legung geht in Richtung schlichte Passe, nicht zu tief abge­schnitten, da das für mich nicht schmei­chelnd ist. Oder, falls noch genug Stoff übrig sein sollte, ein Schößchen zum Umbinden? Sollte der Rock in einer anderen Weise asym­me­trisch sein? Oder viel­leicht einfach einen schmalen Gürtel mit breiten Enden dazu fertigen? Damit werde ich mich heute beschäf­tigen — nach den letzten zwei Tagen mit Inten­siv­haus­arbeit gönne ich mir heute einen komplett faulen Tag nur für mich: Schnitt­bauen, Sauna und Wan­nenbad, zwi­schen­durch die geliebte Brut mit Essen ver­sorgen … das hört sich doch gut an.

Gestern zum Abend hin begann ich mit dem Oberteil: obwohl ich alle meine Schnitt­bücher durch­wühlte, begegnete mir in keinem von ihnen genau diese Variante; das wäre ja auch zu schön gewesen. Annä­hernd ähnlich war eine Methode, aus einem Tail­len­ab­näher drei Abnäher aus der VM heraus zu bilden:

1. Der Tail­len­ab­näher wird genau auf Brusthöhe in die VM geschoben (die weiße Partie bitte ignorieren).

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Auf diesen zu laufen von unten drei — in meinem Fall zwei — Linien (eben­falls aus der VM), die auf­ge­schnitten werden und dann in gleich­mäßige Sek­tionen auf­ge­teilt werden.

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Die zwei neuen Abnäher werden dann zu auf­sprin­genden Falten gekürzt; in meinem Fall habe ich dann den oberen der beiden noch einmal etwas mehr zur Mitte geneigt, damit die Falten nicht parallel laufen.

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Nun sind solche Kon­struk­tionen nur schlecht mit dem von mir ver­wen­deten Pack­papier zu testen, also habe ich mich noch einmal kurz vor der abso­luten und end­gül­tigen Müdig­keite zusammen gerissen und habe einen Rest­stoff zuge­schnitten — die wohl gröbste Test­mög­lichkeit über­haupt: ein­seitig und nur mit Steck­nadeln in Form gebracht. Heraus kam das:

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Nun sind die Puppe und ich nicht zu ähnlich, bei mir mögen diese Falten noch einmal ganz woanders sitzen. Weshalb die oben erwähnte kleine Stimme das Plappern auch nicht lassen kann … ris­kieren oder lieber nicht?

  

Habe ich es endlich geschafft, mehr oder weniger — wie immer gab es Schwie­rig­keiten mit der Kamera. Sagen wir also: es gibt Ein­drücke, Impres­sionen vom Kleid an mir und ich in ihm; Bilder kann man es kaum nennen.

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Das ist das beste Foto — weder Farbe noch Rock­schwung haben etwas mit der Realität zu tun. In der wirklich wahren Wirk­lichkeit ist dieses Kleid nicht ganz das, was ich vor Augen hatte (was an dem schon beschrie­benen Kom­promiss liegt), aber dafür tut es genau, was ich will: es ist ein prak­ti­sches, wär­mendes Win­te­r­all­tags­über­zieh­kleid, in dem ich mich wohl fühle, das mich kleidet und in dem ich jetzt schon drei Tage ver­bracht habe. Sowohl Gat­ten­ge­burtstag, Muse­ums­besuch, Einkauf, Kin­der­arzt­termin und Haus­arbeit hat es klaglos und sich anpassend mit­ge­macht.
Am Sonntag gar in einem dieser Godes­berger Cafés für alte Damen mit Kopf­de­ckeln flüstere eine dieser Damen einer anderen dieser Damen gut ver­nehmlich zu, dass das doch ein ganz rei­zendes Kleid sei und sicherlich selbst­genäht, worauf sich eine Dis­kussion entspann, deren Tenor dahin ging, dass diese gräß­lichen Näh­stunden damals doch die Hölle gewesen seien … von Zeit zu Zeit können wir das wohl alle nachvollziehen.

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Farblich kommen diese Auf­nahmen näher ran, ansonsten: wen inter­es­sieren schon Details? Schnitt­führung oder Naht­linien? Oder Augen­ringe und Falten? Ich beginne, die Gnade meiner Kamera zu erkennen, ich ginge so doch locker für Anfang 30 durch. Perfekt!

Und weil Tommy so viel Spaß an meinem Gru­selfilm hatte, lässt er mich nun einmal tanzen:

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