Heute habe ich mich bei der Bei­trags­ti­tel­findung selbst über­troffen; wenn das nicht neu­gierig macht … :-D
Aber ich bin ja nicht hier, um ori­ginell zu sein, sondern ich bin hier, weil mir — heute nacht so gegen 03:17 Uhr — zwei Dinge klar vor Augen standen: das Eine war die Uhrzeit in Kom­bi­nation mit einer unsicht­baren, da nacht­schwarzen Katze, die der Meinung war, es sei kalt und sie müsse UNTER meine Decke; es schien, als seien dabei mein rechter Arm, meine Nase, mein linkes Knie und letzten Endes mein Bauch im Weg. Das Andere war die Tatsache, dass ich mitt­ler­weile ein Kleid und vier Röcke zum Vor­zeigen hätte und ich meine Zei­ge­schuld niemals würde abtragen können, wenn es mir wirklich gelingen sollte, meine weiteren Pläne baldigst zu ver­wirk­lichen — ich denke, ab einer Bil­der­knips­pflicht von mehr als acht Klei­dungs­stücken werde ich resi­gnieren.
Ich fange mit dem letzten Rock an, denn die Anleitung zum schlich­testen 40er-Rock über­haupt sollte dem fertigen Teil nur um Tage vor­aus­gehen. Ach nunja, was sind schon zwei Tage, drei Tage, ein Jahr unter guten Freunden? Eben.

Was kann ich sagen? Der Rock ist aus einem leicht elas­ti­schen Gabardine in aubergine genäht, der Fadenlauf liegt in der Sei­tennaht — bedeutet: die Weite liegt in der VM und HM (was mich beim Ein­setzen des RV beun­ru­higte, aber das lief wirklich mal pro­blemlos), so dass der Rock recht schmal fällt und seine Weite sich nur in der Sei­ten­an­sicht und beim Gehen zeigt. Doch irgend­etwas stimmt noch nicht ganz an dem Schnitt, denn der Rock fällt zum Saum hin in einer leichten Wendung nach außen und schmiegt sich zuvor sehr lange an die Ober­schenkel an — auch eine schöne Form, aber eben keine klare A-Linie. Das gleiche Problem habe ich auch bei dem ersten Rock nach diesem Schnitt, wobei der FL hier in der Mitte der Bahnen liegt — ich denke, Hüft­kurve und die gerade Linie zum Saum sind noch nicht optimal auf­ein­ander ein­ge­stellt; die Hüft­kurve korrekt anzu­passen, wenn der vordere Abnäher fehlt, ist nicht so leicht.

Für mich / an mir unge­wohnt ist die Länge: ich wollte einen Rock der frugalen, ratio­nierten 1940er und das bedeutet einen Rock, der knapp unter den Knien endet — für mich sind das 72 cm und so kurz war bei mir schon seit langer Zeit kein Rock mehr:

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Wenn man nicht weiß, wohin mit den Händen oder wohin schauen oder beides: ein Buch ist IMMER die Lösung!

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Bis die Katze den Brief­träger sieht und drohend knurrend an einem vor­bei­springt. Katze ist schon weg, Frau schaut noch ver­blüfft. Im Brief­kasten fand sich übrigens ein weiteres Buch.

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Licht und Schatten ver­gnügen sich bei einem gar eigen­wil­ligen Spiel — die Sei­ten­an­sicht hätte ich mir sparen können.

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Fast über die noch auf­ge­regte Katze — auf dem Bild in Teilen zu erkennen — stolpern, sorgt für eine besonders graziöse Haltung.

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Der Versuch, eine Art "tech­ni­sches" Abbild des Rockes und des Problems zu erhalten — funk­tio­niert ganz wunderbar …

Was nun noch fehlt, sehr dringlich, sind Blusen und an einer bin ich gerade dran. Bzw. nicht mehr, denn das wird so nichts — noch einmal trennen und zum Teil neu zuschneiden, das hatte ich mir für heute vor­ge­nommen. Aber es gibt gerade so sehr vieles, was ich gerne und sofort oder ungern und dringend erle­digen möchte oder muss. Zu den schönen Dingen gehört dem­nächst endlich einmal ein Besuch des Kri­midinners: seit etwa neun Jahren wollten wir das tun. Wie ich schon sagte: was ist ein Jahr unter Freunden? Nun endlich soll es werden und welche Hob­by­schnei­derin möchte sich das Nähen eines neuen Kleides entgehen lassen, wenn es dafür einen guten Grund gibt? Ein Muss, sozu­sagen? Im Augen­blick schwebt mir etwas in der Art vor, wie ich es mir gestern Nacht in stun­den­langer Fis­sels­arbeit zurecht gebastelt habe:

Das lange Kleid ist das Original, das blaue mein Wunsch.

Das lange Kleid ist das Original, das blaue mein Wunsch.

Ich bin in den letzten Tage geradezu besessen dabei, Schnitt­zeich­nungen zu bear­beiten; was nun noch fehlt, wäre ein pas­sender Stoff: ich habe nur Blümchen hier und hätte so gerne einen mit­tel­blauen Crêpe. Bis etwa Freitag oder Samstag. Lustig, nicht? Da bin ich 47 und glaube noch immer an Märchen und Wunder :-D

Gut, aus, Schluß, das war es — jetzt wird gear­beitet. An irgend­etwas. Aber fleißig und voll motiviert!

  

Letztes Jahr im April hatte ich euch Janet und ihr Unter­nehmen Vecona Vintage vor­ge­stellt; es dauerte ein Weilchen, bis sich eine würdige Nach­fol­gerin für den zweiten Teil fand — wer sich in einem für uns inter­es­santen Umfeld selbst­ständig gemacht hat und sich zeigen mag, darf sich gerne bei mir melden :-)

Über Facebook kann man ja denken, was man will, aber es finden sich doch immer wieder diese ganz beson­deren Bekannt­schaften, mit denen man seine Vor­stel­lungen von der Welt, den Menschen und der Ästhetik teilt und so lief mir auch Kelly über den Weg. In einer Gruppe fiel sie mir wegen ihrer fun­dierten Rat­schläge und ihrer Schreibe auf, wir unter­hielten uns kurz über dies und das und ich stellte fest: die Frau ist nicht nur toll, sie hat auch einen Lebensweg, der für mich traumhaft klingt — alles drin, was ich liebe. Und weil ich im Laufe des letzten Jahres gelernt habe, dass nicht alle, die hier lesen, auch nähen, kann ich euch beide — Janet wie Kelly — nur ans Herz legen, wenn ihr wun­der­schöne Kleidung von nicht nur begabten, sondern klugen Frauen kaufen wollt. (Viel­leicht ein guter Zeit­punkt, noch einmal zu erwähnen: nein, ich möchte keine Wer­be­auf­träge annehmen — ich empfehle nur Menschen und ihre Produkte, die ich mag!)

Und so habe ich Kelly mit meinem Wunsch über­fallen, sie möge doch bitte eben­falls den Fra­ge­bogen aus­füllen. Was sie tat:

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Kurz und knapp — Name, Alter und Beruf?

Mein Name ist Kelly Zehe, geboren wurde ich in den Sieb­ziger Jahren in Hamburg und seit fast 20 Jahren lebe und arbeite ich nun in Berlin. Ich hatte und habe viele Berufe: Schnei­derin, Markt­for­scherin, Film­pro­duk­ti­ons­as­sis­tentin, Modell, Schau­spie­lerin, Mode-Designerin, Barista (pro­fes­sio­nelle Kaffee-Kocherin, haha!), Museo­login, His­to­ri­kerin, Kultur-Managerin, Grafik-Designerin, Wissenschafts-Texterin und Vintage-Label-Besitzerin. Puh…

Weshalb hast du dir diesen Beruf aus­ge­sucht? Wie hast du gemerkt, das ist es?

Seit meinem 11. Lebensjahr nähe ich. Zuerst nur Kleidchen für meine kleine Schwester, aber schnell wurde es mehr und auf­wen­diger. Mit 17 Jahren habe ich dann das Gym­nasium abge­brochen, um eine Schnei­der­lehre anzu­fangen. Das war ehrlich gesagt, ein grau­samer Abschnitt in meinem Leben. Die Meis­terin war bereits 70 Jahre alt und sehr hart und streng. Wir Lehr­mädchen wurden jeden Tag gede­mütigt und erniedrigt. Ich wurde zu ent­wür­di­genden Arbeiten gezwungen. Zum Beispiel die Feinripp-Unterhosen des vier­zig­jäh­rigen Sohnes der Meis­terin (mit braun-gelben Ver­fär­bungen…) bügeln. Wenn's nicht ordentlich genug war, hat die Meis­terin die Unter­hosen mit Wasser besprüht, mit den Händen durch­ge­knetet und mir wieder auf den Bügel­tisch geschmissen. Ich musste teil­weise 2 Wochen am Stück nur bügeln, bis meine Hand­flächen blutig durch­ge­scheuert waren. Dann gab es großen Ärger, da ich das Bügel­eisen mit Blut beschmiert hatte. Ich wurde jeden Tag mehrmals ange­schrieen… eigentlich ein Wunder, dass ich heute über­haupt noch nähe, nach diesem Beginn.
Zum Glück konnte ich nach 2 Jahren Aus­bildung, die ich nur mit Tränen und Krank­schrei­bungen durch­standen habe, auf die Fach­ober­schule für Tex­til­ge­staltung wechseln. Dort habe ich auch mein Abi gemacht. Und dort habe ich viel Theorie gelernt, tolle Leute ken­nen­ge­lernt (mit denen ich teil­weise heute noch befreundet bin) und meine Lei­den­schaft für's Nähen retten können.

Warum hast du dich selbst­ständig gemacht? Hast du ein Laden­ge­schäft, einen Onlineshop, arbeitest du mobil?

Seit 2006 arbeite ich frei­be­ruflich als Desi­gnerin, so halb im Grafik-Bereich und halb mit Tex­tilien. Dank meiner Vintage-Leidenschaft (40er und 50er Jahre, Rock'n'Roll– und Jive-Tanzen) konnte ich meine Näh­fer­tig­keiten auf schöne Tanz­kleider anwenden; zunächst nur privat für mich selbst. Ich bekam aber so viele Kom­pli­mente für meine Röcke und Kleider, dass ich erkennen konnte: es besteht ein gewisser Bedarf an hoch­wer­tigen und schicken Vintage– und Retro-Kleidungsstücken. Zwar gibt es schon einige Labels in dieser Sparte, aber warum nicht NOCH mehr Vielfalt und Auswahl schaffen? Im Frühling 2014 war dann die Idee für "Feine Schnitte" geboren. Kleider, Röcke, Blusen im Stil der 40er und 50er Jahre! So weit es geht, verwende ich soge­nannte UpCycling-Materialien. Aus­ran­gierte alte Stoffe werden zu neuen schönen Klei­dungs­stücken ver­ar­beitet. Was ich stark ablehne, sind Asia-Billig-Produkte. Ich vermeide, so gut ich kann, syn­the­ti­sches und künst­liches. Durch die Authen­ti­zität der Kleidung zolle ich dem his­to­ri­schen Ver­mächtnis meinen Respekt und ich versuche, dem Menschen und der Umwelt etwas Gutes zu tun.

Welche Illu­sionen hast du verloren, was hast du dafür bekommen?

Naivität und Blau­äu­gigkeit sind fehl am Platze, wenn man sich mit so einem Projekt selbst­ständig machen will. Es ist eine Grad­wan­derung zwischen Lei­den­schaft und Hingabe — und dem kalten wirt­schaft­lichen Rea­lismus, der einen oft in die Schranken weist. Zum Glück verfüge ich bereits über einen breiten Erfah­rungs­schatz, was Arbeit und Pro­fes­sio­na­lität angeht. Und ich habe viele Berater und Freunde um mich herum, die immer wieder für Fragen und Tipps her­an­ge­zogen werden.
Das Gefühl, ein wun­der­volles Kleid erschaffen zu haben, von Material-Findung über Schnitt-Konstruktion und Fer­tigung — bis hin zur Anprobe an der Kundin (oder mir selbst, hihi), ist unbe­schreiblich. Die glück­lichen Augen der Damen in meinem Atelier ent­schä­digen für so manchen ein­ge­pieksten Zeigefinger!

Würdest du es wieder tun?

Ja. Aber immer mit der ver­nünf­tigen Portion Realismus.

Dein Aus­gleich? Was machst du in deiner Freizeit?

Wie schon gesagt, tanze ich mit meinem Lebens­ge­fährten Jive. Also Rock'n'Roll-Jive, den die US-Army GI's in den 40ern und 50ern nach Europa gebracht haben. Nicht zu ver­wechseln mit diesem Standard-Tanz, der in den Tanz­schulen gelehrt wird.
Aus­serdem bin ich ein kleines Stück immer noch His­to­ri­kerin. Ich habe auch ein wenig Archäo­logie studiert. Wann immer es geht, besuche ich Aus­gra­bungen und Museen, die irgend­etwas mit Römern, Wikingern, Germanen und Mit­tel­alter zu tun haben. Davon kann ich nicht genug kriegen! Ich war eine zeitlang sogar mit authen­ti­scher Gewandung auf Mittelalter-Märkten unterwegs. Das wurde mir dann aber doch zu nerdy! Haha!

Darf ich Bilder sehen? Wenn ja, dann wünsche ich mir einen Eindruck deines Arbeits­platzes, ein Hob­bybild und eines, das in irgend­einer Form bezug zu deinem heutigen Ich hat.

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Vielen Dank, liebe Kelly — ihr seht sicherlich, warum ich so begeistert bin: das nenne ich mal einen Lebenslauf!

  

Seit einigen Wochen bin ich wieder dem Charme der Drei­ßi­ger­jahre erlegen — natürlich der Mode der Zeit, nicht der Zeit an sich; man kann so etwas nicht oft genug betonen. Diese schmale, gestreckte Sil­houette, die dennoch viel Bewe­gungs­freiheit bietet und die sehr feminine Elemente mit sehr klaren Linien kom­bi­niert, zieht mich an. Im dop­pelten Sinne.
Sucht man nach Zeich­nungen und Bildern dieser Mode, so stößt man unwei­gerlich auf Wallis Simpson. Und ist man erst einmal auf sie gestossen, so findet man zudem Hass und Häme, gemeine Gerüchte und übelste Nachrede. Nicht nur von ihren Zeit­ge­nossen, sondern mehr noch von unseren. Und es sind zwei Lager, die sich hervor tun: die männ­lichen Miso­gy­nisten und die weib­lichen Neider. Sie erregen sich heute noch an einer Geschichte, die sich vor nun bald 80 Jahren ereignet hat. Hass hält lange an, vor allem, wenn er sich an der Frage der Schönheit entzündet …

Wallis jung
Wallis ist vor allem als Mrs. Simpson bekannt, unter dem Namen ihres zweiten Mannes. Sie wurde 1896 als ver­armtes Anhängsel der besseren Gesell­schaft in den USA geboren und alleine das macht ihre Geschichte schon zu einem Roman­stoff — zumindest für die Frau­en­recht­lerin in mir.
Frauen des Bür­gertums und des Adels, die noch vor dem ersten Welt­krieg ihre Erziehung erhielten, lernten ganz selbst­ver­ständlich, dass ihre Zukunft in der guten Partie, der Heirat mit einem finan­ziell und sozial gut gestellten Mann liegt, der sie versorgt und dem sie im Gegenzug ihre Rechte an sich selbst abtreten. An eine selbst­ständige Arbeit war nicht zu denken.
So erhielt die junge Frau eine Bildung, die sie dazu befä­higte, Kon­ver­sation zu betreiben, ein Haus zu deko­rieren, einen Haushalt zu führen und reizvoll und charmant zu sein. Eine Aus­bildung, die nur wenige Frauen auf die Zwan­zi­ger­jahre vor­be­reitete — eine Zeit, in der junge Männer knapp waren und die­je­nigen, die ver­fügbar waren, oft trau­ma­ti­siert aus dem Albtraum Krieg zurück kehrten. Auf einmal wurde von Frauen nicht mehr nur Hingabe und Zurück­haltung erwartet, sondern Per­sön­lichkeit.
Die ideale Frau nun war selbst­bewußt, sportlich, finan­ziell unab­hängig und nicht mehr nur auf der Jagd nach einem Ver­sorger. Theo­re­tisch. Prak­tisch bedeutete das: sich mit schlecht bezahlten Hilfsjobs durch­schlagen und doch erst als voll­wertig wahr genommen zu werden, wenn man endlich ver­hei­ratet war. Im Laufe des Jahr­zehntes prägten die neu nach­wach­senden Fräulein das Bild: sie planten schon sehr viel selbst­ver­ständ­licher neue Kar­rieren abseits des Hei­rats­marktes; sie stu­dierten Medizin, schrieben Artikel, grün­deten Schulen — sie eman­zi­pierten sich.
Doch gerade, als so etwas wie eine weib­liche Eman­zi­pation vor­sichtig Fuß fasste, änderte sich alles wieder: Finanz­märkte brachen zusammen, die Kriegstraumata schürten Ängste und Res­sen­ti­ments und Europa versank im Faschismus, was für Frauen bedeutete: ab nun seid ihr wieder zweite Wahl, wenn es um Beruf und Öffent­lichkeit geht. Dennoch war das Ideal eine Frau, die nun alles bot: Selbst­si­cherheit und Anschmieg­samkeit, Bildung und Familie, Eleganz und Alltag.

Für eine Frau, die zum Ende des 19. Jahr­hun­derts geboren wurde, also ein ganz schön holp­riger Weg; mal hü, mal hott. Wallis Simpson meis­terte diesen Weg sehr gut und das alleine ist wohl schon ver­dächtig. Als Schü­lerin verließ sie nachts oft heimlich ihre Schule, um sich mit jungen Männern zu treffen und das Leben zu ent­decken. Früh hei­ratete sie ihren ersten Mann, einen Piloten, der sich schnell als Trinker und Schläger heraus stellte. Und von dem sie sich, für uns alle ver­ständlich, trennte, obwohl das ihrer Familie nicht gefiel. Nicht so recht wissend, wohin — sie hatte wie die meisten Frauen ihrer Zeit ja keine Aus­bildung erhalten, die sie zur Berufs­aus­übung befä­higte — gondelte sie durch die Welt, landete bei einem letzten Versuch, ihre Ehe doch noch zu retten, in Asien, wo ihr Mann sta­tio­niert war. Das ging nicht lange gut, sie zog zu einer Freundin und deren Mann in Shanghai, was wohl auch nicht lange gut ging — unter Umständen gefiel dem Gatten der Freundin die lebhafte und intel­li­gente Wallis zu gut für den Frieden des Hauses. Was die Gerüchte über Wallis bis zu diesem Punkt ihres Lebens so alles zu sagen wußten, können wir uns alle denken …

Die Scheidung war durch, wohin nun? Wallis tigerte durch die USA, lernte immer wieder gut­si­tu­ierte und ein­fluß­reiche Männer kennen, aber der Richtige war nicht dabei. Der trat mit Ernest Simpson auf den Plan, einem britisch-amerikanischem Händler, zu dem sie nach London zog. Offenbar der perfekte Mann für sie: gebildet, tolerant, humorvoll, ver­lässlich. In den letzten Jahren gefundene und ver­öf­fent­lichte Briefe scheinen zu zeigen: die Liebe ihres Lebens. Oder was eine Frau ihrer Zeit darunter verstand.

Nun, dieses schöne Leben in der guten Gesell­schaft Londons in den Drei­ßigern — das war ihr wie auf den Leib geschneidert. Sie war bald als gute Gast­ge­berin bekannt, mit spitzer Zunge, ame­ri­ka­ni­scher Offenheit und einer Fas­zi­nation für das Bri­tische. So ergab es sich, dass sie irgendwann dem eng­li­schen Thron­folger Edward über den Weg laufen musste, der seine Stellung als zukünf­tiger König nicht son­derlich schätzte. Ein Mann, der wohl immer wieder unter Mager­sucht litt, sich zu ver­hei­ra­teten Frauen hin­ge­zogen fühlte und nie wirklich erwachsen werden wollte. Seine bis­he­rigen Freun­dinnen sahen in ihm wohl vor allem dem Prinzen. Wallis eher nicht.
Es war keine Liebe auf den ersten Blick — ob es bei ihr wirklich Liebe war, ist eine der Fragen, die man sich stellen mag — man lief sich immer öfter über den Weg und wurde ver­trauter; Ernest und Wallis wurden oft als Cha­perons auf die Wochen­end­parties ein­ge­laden — es galt, das Dekorum zu wahren, wenn der Prinz mit seiner Freundin ins Wochenende fuhr. Als diese Freundin für längere Zeit ver­reiste, bat sie Wallis, sich um den "kleinen Mann", wie sie ihn nannten, zu kümmern. Das tat sie und stellte fest: Edward ver­liebte sich in sie.

Wallis

Welche Frau wäre wohl nicht geschmei­chelt gewesen? Der begehr­teste Jung­ge­selle der Welt, gut­aus­sehend und amüsant, inter­es­sierte sich für sie, offen­barte ihr seine Ambi­valenz seiner Stellung gegenüber, erschien als ver­letz­licher und einsamer Mensch. Und der eigene Ehemann amüsiert sich gar prächtig — seine Frau als "the flavour of the season". Das brachte einiges an Ein­la­dungen, an auf­re­genden Erleb­nissen, an geschäft­lichen Vor­teilen mit sich und beide, Wallis und Ernest, waren sich wohl ihrer gegen­sei­tigen Zuneigung so sicher, dass sie dieses Spiel weiter laufen ließen. Sie waren sich wohl ZU sicher. Wallis war es durchaus seit Jahren gewöhnt, mit Männern zu flirten, dabei aber ihre eigenen Grenzen zu wahren. Sie sagte von sich selbst, sie sei zwar nicht die Hüb­scheste, aber das spiele auch nicht die größte Rolle (und da tippe ich endlich mal kurz an den Punkt, an den ich ran will).

Edward lud sie samt Gatten auf Reisen ein. Der Gatte mochte und konnte nicht, so kam die Tante mit. In könig­licher Gesell­schaft zu reisen, wenn Geld keine Rolle spielt und das in die mon­dänsten Orte dieser Jahre — das über­steht man sicherlich nicht so ohne weiteres; das beein­druckte sie sicherlich. Dazu war Edward bedürftig: ihrer stän­digen Gegenwart, ihrer stän­digen Ver­si­cherung ihrer Zuneigung. Hatten sie und Ernest sich noch amüsiert, wenn der Thron­folger drei-, viermal am Tag anrief, ständig auf Besuch kam und bis spät in den Morgen blieb; nahmen sie noch vor diesem Urlaub an, Wallis wäre die momentane Favo­ritin, in ein paar Wochen wäre es dann eine andere Misses — so musste Wallis nun begreifen: sie war für ihn die wich­tigste Person geworden, seine Beses­senheit. Sie hatte in ihm wohl das Gefühl geweckt, als Mann, nicht als Prinz inter­essant zu sein, denn sie neckte ihn, wies ihn zurecht, erwies seiner Stellung nur wenig Respekt. Und sie stellte fest: ihre Gefühle für ihn waren viel­leicht doch stärker als gedacht.

Nun, es schlug bald über ihr zusammen, dieses wackelige Kon­strukt ihres Spiels. Der tole­rante Ernest wurde es denn doch leid, nur noch die zweite Geige zu spielen, war dabei aber wohl Brite genug, um dem König zu geben, was des Königs ist. Oder was er will zumindest. Denn aus dem Thron­folger war nun der König geworden, kleine Fluchten aus dem Prin­zen­alltag nicht mehr möglich und die Erwar­tungen an ihn und an eine stan­des­gemäße Heirat höher als zuvor. Ernest bot — nicht ganz unei­gen­nützig, denn er hatte sich in Wallis Freundin Mary verliebt — dem König seine Scheidung an. Wallis wurde da nicht gefragt. Und sie war nicht begeistert. Wahr­scheinlich sah sie schon sehr klar, was wohl jede halbwegs kluge Frau sofort vor­aus­sehen würde: die Reaktion fremder Menschen auf sie selbst, die zweifach geschiedene, die sich einen König angeln will. Und sie sah, wie ein Leben mit Edward, dem ewigen Jungen, dem sie mit Selbstmord erpres­senden, unsi­cheren Mann wohl aussehen könne. Die Lie­bes­briefe, die sie Ernest nach der Scheidung schrieb, zeigen das sehr deutlich. Sie versucht noch einmal, sich von Edward zu trennen, bittet ihn ein­dringlich, seinen Thron nicht auf­zu­geben — denn sehr bald schon war klar, er würde nicht beides haben dürfen: Wallis und die Krone.

Hat er seine Stellung nun auf­ge­geben, weil eine durch­triebene Frau ihn dazu gezwungen hat? Oder hat er nicht einen Ausweg aus seinem Dilemma gefunden, dass ihm all das gab, was er wollte? Aus meiner Sicht hat Edward es besser getroffen: die Welt sah ihn als den etwas när­ri­schen Mann, der geblendet von einer ehr­gei­zigen Hexe aufgab, wovon andere träumten, um ab da wie ein trau­riger Pudel hinter ihr her­zu­trotten. Das ist noch die freund­lichste Variante dessen, was man lesen kann … Aber nun war er frei von den Aufgaben, die ihm verhasst waren und hatte die Frau an seiner Seite, die er haben wollte.

Jetzt endlich kann ich zu dem kommen, was mich beschäftigt: Wallis Simpson als Schönheit. Denn an nichts anderem ent­zünden sich Hass und Häme so sehr, wie an diesem Punkt. Wir können uns das drehen und wenden, wie wir wollen: Frauen, die in die Öffent­lichkeit rücken (oder gerückt werden), werden sich wohl immer, immer daran messen lassen müssen, egal wie begabt sie sein mögen.

Ich habe mich vor zwei oder drei Jahren schon einmal intensiv mit ihr befasst und bin nun wieder in ihrem Bann­kreis. Wieder über die Schiene "Mode der Drei­ßiger". Ich suchte also hier und ich suchte also da und überall tauchte Wallis Simpson auf. Als ich dann den schlichten 30er-Rock kon­stru­ierte, stelle ich den Fern­seher an und fand eine Doku über Wallis Simpsons geheime Briefe. Eine dieser unsäg­lichen ame­ri­ka­ni­schen Dokus, bei denen man in vierzig Minuten die immer wieder gleichen Bilder sieht und einem wieder und wieder das Gleiche gesagt wird, bis man auf­springen möchte und dem Sprecher zubrüllen mag, man habe es schon beim ersten Male gehört UND ver­standen. Aber, weil ja doch zwischen allem immer mal etwas Neues zu hören ist, das man dann anständig nach recher­chieren könnte, hält man durch. Also ich zumindest. Vor allem, wenn man zeit­gleich mit etwas pas­sendem beschäftigt ist.

Und dann regte es sich in mir und ich mich auf. Da saß — und jetzt arbeite ich mich auch einmal am Äußeren gründlich ab — ein dicker, glatz­köp­figer, rot­ge­sich­tiger Mann mit Knol­lennase und Eif­lecken auf der Krawatte vor der Kamera, der wohl als ganz junger Mann im Dunst­kreis des Prinzen mit­schwimmen durfte und erklärte immer wieder, dass Wallis Simpson ja eine äußerst unschöne Person gewesen sei, die als Frau ja kaum zu erkennen sei, er selbst stünde ja auf (dreckig lachend, aber hahaha, wir sind ja Männer von Welt) mehr so auf Run­dungen und zeigte auch gleich mit beiden Händen, welche er so meine. Ne, die sei nicht hübsch gewesen, die sähe aus wie ein Brett, fast wie ein Kerl und die raue Stimme. Also, er könne nicht ver­stehen, was der Edward da gesehen habe. Ne, wirklich nicht. Und er sei ja jung gewesen und eigentlich hätte es gar nicht viel gebraucht, damit er eine Frau schön fände, hahahaha, aber ne, die alte Schab­racke, da habe sich bei ihm ja gar nichts geregt, hahaha. Und auch, wenn er sich Bilder anschaue, auf denen sie jung gewesen sei — also ne, wirklich gar nicht.
Und genau so lautet der Tenor noch heute, liest man sich Kom­mentare durch. Bis heute wird ja gerne über Wallis und Edward berichtet, nicht zuletzt, nachdem Madonna einen Film über beide drehte (der übrigens für 30er-Nähfreundinnen eine wahre Inspi­ration ist!).

"Bah, alt, häßlich, dünn, keine echte Frau, bestimmt ein Kerl, Hexe, der muss ja total blind gewesen sein, abso­lutely unfuckable, igitt, pfui, weg damit!" — Das ist jetzt mal die zen­sierte Kurz­fassung. Der Großteil der Kom­men­ta­toren sind Männer, aber auch einige Frauen mischen da sehr gerne mit — da kommt dann noch ein latentes "Gegen mich hätte die keine Chance gehabt!" dazu. Schön, nicht wahr? Wie heftig das man­cherorts nach 80 Jahren noch hoch­kochen kann, zeigt mir vor allem, wie sehr wir auch heute noch so denken. Weil: eine Frau kann ja nur dann inter­essant und attraktiv sein, wenn sie schön ist …

Wie hat sie es nun also geschafft? Der gleiche Widerling, der uns gerade eben sehr deutlich erklärt hat, dass sie sein Typ ja nicht gewesen sei, erklärt das. Ohne es selbst zu begreifen, er fragt sich bis heute, so er noch lebt, was seinen Prinzen dazu brachte, ihr so hörig zu sein — ihm fielen da nur Tricks in der Hori­zon­talen ein. Und doch ist er in der Lage zu erzähen, dass, wäre man bei beiden ein­ge­laden gewesen sei, es das größte Glück war, wenn man neben Wallis und nicht neben Edward zu sitzen gekommen sei. Er, Edward, habe ja kein Talent für Kon­ver­sation gehabt, hätte auch nichts zu erzählen gehabt, während Wallis — ja, also da, da habe man immer Spaß gehabt. Sie sei sehr lebhaft gewesen, habe einem das Gefühl ver­mittelt, selbst witzig zu sein, sehr charmant habe sie sein können und sei in der Lage gewesen, aus allem noch das Beste zu machen, doch, ja, mit der habe man immer tolle Abende ver­bringen können …

Ja, nun, da fragen wir uns doch alle: wie zum Teufel schafft es also eine kluge, sprach­ge­wandte Frau, die ihrer Umgebung eine gute Zeit ver­schaffen kann, bei der sich alle bedeutsam vor­kommen dürfen — wie also schafft es solch eine Frau, einen König zu angeln? Lasst uns mal grübeln …

Holla, es hat mich viel weiter getrieben als gedacht, aber noch habe ich das Wich­tigste nicht von der Seele — nämlich den Bogen zum gest­rigen Beitrag: der Unter­schied zwischen Schönheit und Attrak­ti­vität. Ich per­sönlich habe fest­ge­stellt, dass ich das Wort "schön" in der Tat oft nutze und das meist in seiner Bedeutung als "attraktiv, anziehend", selten als schön-schön. Und so kann ich sagen: ich finde Wallis schön. Konkret: ich empfinde sie als hoch­at­traktiv, weil sie alles richtig macht.

Wallis ist keine klas­sisch schöne Frau gewesen: ihre Figur ist eher athletisch-androgyn, ihr Gesicht sechs­eckig, ihre Züge aus­ge­prägt. Aber sie hat sich schon früh als das gesehen und genommen, was sie ist und hat nie versucht, sich in eine andere zu ver­wandeln. Was mich an vielen Stil­rat­gebern so stört: relativ unver­hüllt werden Sand­uhr­figur und ovales Gesicht als Vorbild genommen, in das wir uns mit Kleidung, Make up und Frisur zu ver­wandeln haben — das sorgt nicht unbe­dingt für ein Lieb­ge­winnen der eigenen zu breiten Hüften oder des eckigen Gesichtes. Nun beginnt für mich Attrak­ti­vität ja da, wo eine Person authen­tisch ist. Natürlich muss man sich nicht so kleiden, dass der angeb­liche Mangel betont wird, aber alles, was man hat, so gut wie möglich zu ver­decken, das kann und darf doch nicht die Lösung sein. Und da ist Wallis Simpson das perfekte Vorbild und das ist womöglich auch der Grund, weshalb sie Mode­schaf­fende bis heute beein­flusst: sie ist sich selbst treu geblieben.

Wallis 2

Sie zeigt ihr kantiges Gesicht, in dem sie die Haare nach hinten frisiert und nicht, wie es Ratgeber der Zeit emp­fahlen, es hierhin und dorthin zu ziehen.
Sie betonte ihre dra­ma­ti­schen Gesichtszüge mit kräf­tigem Lip­penrot und ver­suchte nicht, sich weicher und zarter zu malen.
Sie hatte wenig Busen und schmale Hüften — aber bau­schige Ober­teile und aus­la­dende Röcke sah man selten an ihr; sie betonte ihre schlanke Linie, anstatt sie zu ver­stecken.
Sie war ehrlich zu sich und mochte sich und zeigte das. Und wir sehen eine Frau, die kein Mode­püppchen ist, die nicht aus­tauschbar ist, sondern besonders, ein­zig­artig, wie­der­er­kennbar. Für mich in all diesen Dingen ein Vorbild.

Nun habe ich wahr­haftig seit zwei Stunden geschrieben, habe wie immer das Gefühl, das Wich­tigste nicht gesagt zu haben und bin ein wenig erschöpft. Für heute lasse ich es gut sein und gebe der Duchess of Windsor das Wort:

“My husband gave up ever­y­thing for me… I’m not a beau­tiful woman. I’m nothing to look at, so the only thing I can do is dress better than anyone else.”

“If everyone looks at me when I enter a room, my husband can feel proud of me. That’s my chief responsibility.”

“You have no idea how hard it is to live out a great romance.”

“Never explain, never complain.”

  

Blumengruß
Sind wir nicht. Punkt. Aus. Basta. Ups — das sage ich?

Gerade fuhr ich den Gatten zur Arbeit und auf dem Heimweg sang Whitney Houston "Learning to love yourself is the greatest love of all" — ein wenig pathetisch-amerikanisch, aber durchaus nicht unver­kehrt. Wieviele Frauen habe ich ken­nen­ge­lernt, die sich selbst nicht mochten? Das bezog sich vor­der­gründig auf das Äußere, aber man musste nicht einmal graben, um zu erkennen, dass es meist tiefer ging. Fast immer gab es eine Unsi­cherheit, wie weiblich man denn sei, sein dürfe, sein müsse, sein wolle und was weiblich (=schön) denn nun eigentlich sei.
Für viele Frauen ist Weib­lichkeit, besonders die eigene, sehr schwer zu defi­nieren; es mixt sich so vieles: Die Familie, der erste Freund, die gesell­schaft­liche Erwartung, die gesell­schaft­liche Nicht-Erwartung, der Spiegel, die Werbung, das eigene Ideal, Wünsche, Träume, Hoff­nungen, Ängste — ja, eine ganz tolle Mischung, aus der unser sech­zehn­jäh­riges Ich jetzt mal eben schnell und ordentlich unser Selbstbild zu zimmern hat. Wir immerhin (also die­je­nigen über 30) hatten wenigstens nicht auch noch die Bürde, Topmodel als echte Kar­rie­re­mög­lichkeit ein­planen zu müssen.

Wie die ideale Frau sein sollte, darüber müssen wir gar nicht erst reden; die lange Liste von schön bis erfolg­reich, von Mutter bis Vamp und was sonst alles darauf gekritzelt wurde, kennen wir ja alle. Und die meisten von uns haben sicherlich schon länger beschlossen, das so nicht mit­zu­machen. Sich davon nicht beein­flussen zu lassen, ist aller­dings schwierig — es steckt wohl in jeder Frau, sich selbst verrückt zu machen.

Nun wird ja gerne die mediale Über­präsenz von schönen Frauen für unseren Eindruck des eigenen Unge­nügens ver­ant­wortlich gemacht. Oder das Schön­heitsbild der Mode­ma­chenden. Oder manchmal auch die schöne Frau selbst. Und so gibt es Gegen­be­we­gungen, die uns nun seit ein paar Jahren erzählen, wir seien alle schön. Jeder Mensch sei schön. Hmmm. Ganz ehrlich: ich bin schon einigen Exem­plaren unserer Gattung begegnet, die ich ganz und gar nicht schön, sondern aus­ge­sprochen abstoßend fand. Muss ich mich dafür schämen? Ich glaube nicht, denn in den aller­meisten Fällen war es eher eine innere Häß­lichkeit, die nach außen strömte, als dass ich mich an einer Hakennase gestört hätte.

Wie komme ich jetzt zu dem Thema? Ich durfte am Samstag Dre­h­um­die­bol­ze­nin­ge­nieurin ken­nen­lernen und da wir ihre Farben aus­tes­teten, lag ein Gespräch über das Aussehen auf der Hand; wie wichtig Blogs sein können, um Vielfalt sichtbar zu machen. Es ist wichtig, Frauen jeder Form und Farbe zu zeigen, denn sie gehören selbst­ver­ständlich zu unserem Alltag. Da ich zu den Frauen gehöre, die grund­sätzlich jede Frau — oder ehr­li­cher­weise: jede KLUGE Frau — attraktiv finden, möchte ich am liebsten, dass alle anderen das auch so sehen.

Und genau da stellte ich für mich fest: ich möchte gar nicht alle Menschen SCHÖN finden — das fände ich schade. Ich möchte, dass reine, wahre, echte, umwer­fende, klas­sische, atem­be­rau­bende Schönheit wieder als etwas gesehen werden kann, was Freude bereitet, glücklich macht, inspi­riert, anregt, Bewun­derung erregt und einen dazu bringt, etwas wun­der­bares tun zu wollen — sie soll für mich ein­zig­artig sein, etwas nicht all­täg­liches, der Glanz­punkt des Tages, der Woche, des Jahres. Ganz egal, ob es sich dabei um Pflanze oder Tier, Gebäude oder Natur, Kunst oder Mensch handelt.
Was ich für uns alle möchte, ist etwas ganz anderes: ich will, dass wir alle sehen können, wenn jemand attraktiv, anziehend, besonders ist, auch wenn dieser Mensch nicht schön — also nicht schön-schön, sondern "nur" individuell-schön ist.

Was mich beschäftigt und ärgert: wann eigentlich hat es begonnen, dass wir alle schön zu sein haben? Nicht klug, nicht freundlich, nicht begabt, nicht hübsch, nicht besonders — sondern einfach nur schön? Mal abge­sehen davon, dass das lang­weilig ist, wenn jeder nun schön ist: wir werden unser ästhe­ti­sches Emp­finden nicht davon über­zeugen können, nun jedes mögliche Kör­perbild schön zu finden — ich denke, da haben uns die letzten Jahr­tau­sende noch fest im Griff von wegen gesunde Nach­kom­men­schaft und so. Und ich weiß nicht, warum, aber da fällt mir ein Satz von Heilwig von der Mehden ein — ich glaube, es war aus "Ehret die Frauen, aber über­nehmt euch nicht", ein Sam­melbuch einiger ihrer Kolumnen, die ich als Mädchen wahn­sinnig gern las und ich denke, ich muss dieses Buch jetzt sofort und unbe­dingt besorgen, also wie nun auch immer … ja, das Zitat: es geht in der Kolumne um all die wun­der­baren Schön­heits­tipps, die Frauen in Zeit­schriften und Rat­gebern erhalten und in denen immer wieder stehen wird, man solle doch die Schön­heits­fehler in einen Vorzug, eine per­sön­liche Note ver­wandeln. Und sie fragt sich, wie das gehen solle: "Haben Sie schon einmal Raff­zähne oder ein flie­hendes Kinn in einen Vorzug ver­wandelt?" Nunja, zurück zum Thema.

Wir haben unseren Blick, unsere Mög­lich­keiten offenbar dras­tisch ein­ge­schränkt: schaue ich mir die Vogue-Models der 50er an, so sind die noch äthe­ri­scher, noch zarter, noch uner­reich­barer als jeder Wäsche-Engel im Diamanten-BH. Das hat aber, so erzählten mir Kun­dinnen, die in der Zeit jung waren, nie­manden son­derlich verrückt gemacht oder das eigene Selbstbild ange­kratzt. Denn es gibt ja etwas viel wich­ti­geres als "nur" Schönheit: Schönheit funk­tio­niert stumm (und wir haben bestimmt alle schon erlebt, dass manch schöner Mensch im Gespräch auf Nor­malmaß runter sauste).

Attrak­ti­vität aber bietet ein viel größeres Angebot:
Ein attrak­tiver Mensch, nein, eine attraktive Frau — Männer können das bitte für sich aus­machen :-D — eine attraktive Frau ist doch viel inter­es­santer. Das ist nicht nur eine hübsche Hülle, sondern eine Per­sön­lichkeit, ein ein­neh­mendes Wesen, ein inter­es­santer Cha­rakter — jemand, der einem im Ken­nen­lernen immer mehr ans Herz wächst. Weshalb reicht uns das nicht? Weshalb sollte ich schön sein wollen, wenn ich attraktiv wählen kann? Attrak­ti­vität kommt in vielen Formen und Farben und alle können ihr Plätzchen finden. Alle, die sich selbst kennen, sich selbst mögen und sich nicht ver­nach­läs­sigen — weder geistig noch optisch.

Aber viel­leicht ver­wechseln viele Frauen Schönheit und Attrak­ti­vität? Die meisten Frauen, die ich ken­nen­lernte und die unzu­frieden mit ihrem Äußeren waren, haben sich immer ver­glichen: mit Schau­spie­le­rinnen, mit Models, mit Kol­le­ginnen, mit Freun­dinnen — mit jeder Frau, die sie selbst als schön wahr­nahmen. Und die alle ganz anders aussahen als sie selbst. Es wird immer jemanden geben, der schlanker, größer, kurviger oder blonder ist. Und es ist ganz wun­dervoll, in anderen Frauen Schönheit zu erkennen. Irgendwann jedoch sollte für jede Frau der Moment kommen, in dem sie in den Spiegel schaut und nur sich selbst sieht. OHNE eine andere Frau. Hier gibt es keinen Ver­gleich, sondern nur das eigene Aussehen und dann sollte man fest­stellen können, worin die eigene Schönheit besteht: viel­leicht ist es bei der­je­nigen, die sich immer nur zu klein fühlte, genau ihre Zier­lichkeit? Viel­leicht sogar doch die Raff­zähne und das flie­hende Kinn?

Ach, wo will ich eigentlich hin? Diese Frage stelle ich mir ja öfter und wie immer lautet die Antwort: Ja, woher soll denn ich das wissen? Ich möchte die Qua­dratur des Kreises, die grün­ka­rierte Mai­glöckchen fres­sende Woll­milchsau. Ich möchte Schönheit als ein Ideal erhalten, das mich nicht ein­schränkt und ich möchte alle Frauen dazu bringen, sich selbst schön zu fühlen, ohne diesem Ideal ent­sprechen zu müssen. Kümmert euch um euch, schaut euch richtig an, seid ehrlich zu euch, pflegt euch, verwöhnt euch, lest gute Bücher und vergesst mal Neid und Eifer­sucht. Gönnt anderen Frauen ihre Schönheit und gönnt euch eure. Achwei, ich glaube, ich wollte eigentlich ganz woanders hin, aber wenn man schon mit Whitney Houston anfängt …

  

Als ich vor einiger Zeit, wie üblich ver­zweifelt, hoff­nungslos und nie­der­ge­schlagen, auf FB fragte, ob denn irgendwer, irgendwo eine Quelle wisse, die mir zu Rock­stoffen in blaulila ver­helfen würde, schrieb mich die ent­zü­ckendste Zuzsa an, sie habe zwar keinen Rock­stoff und der sei auch nicht blau-, sondern rotlila, aber da dieser Stoff dennoch bei ihr nicht recht heimisch sei, würde sie ihn mir gerne schicken, so ich ihn denn nähme. Ich nehme alles, was irgendwie lila ist — also ja, sehr gerne :-D
Heute am frühen Morgen lag er im Brief­kasten und bevor ich zu einem Blind Date (sehr schön übrigens!) in mein Studio fuhr, konnte ich ihn noch aus­packen — eine wun­derbar flie­ßende Viskose in einem wun­der­schönen Ton. Da ich ja Blusen ohne Ende plane (ich will jetzt nichts hören, ich weiß genau, was die eine oder andere Unge­nannte nun denkt!) und ich soeben auch noch farblich fast iden­ti­schen Gabardine erhielt, steht das Schicksal des Stoffes schon fest. Kann sich nur noch um Stunden handeln (und ja: auch ein Jahr lässt sich nun in Stunden berechnen!).

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Liebe Zuzsa, du warst ja eh schon einer der son­nigsten Scheine in meiner Blo­go­sphäre, wie du wohl weißt; das hättest du nicht erst beweisen müssen — aber dafür ganz lieben, dicken, fetten Dank :-) Ich hoffe, ich kann mich bald revan­chieren, lass es mich wissen.

  

Mit Fug und Recht kann ich sagen: das gestrige Näh­kränzchen war das unpro­duk­tivste über­haupt. Erklärbar dadurch, dass Janine krank­heits­be­dingt ausfiel, Arlett aufgrund wid­rigster Umstände nur eine Maschen­probe stricken konnte, Susanne mit aller­ent­zü­ckendstem Drei­mo­nats­ba­bytöch­terchen auf­tauchte und uns heftigst ablenkte. Die einzige, die richtig hart arbeitete und voran kam, war Sabine, deren nächster Quilt wohl bald fertig sein wird. Und ich? Ich wollte ja gleich drei Röcke zu Ende bekommen:

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Beim ersten musste die Hüft­kurve links ange­passt werden, beim zweiten nach ver­bes­sertem Schnitt musste sie sogar erst noch gefunden werden und der dritte hätte zuge­schnitten und komplett genäht werden sollen. Was ja alles im Bereiche des Mög­lichen läge. Wenn …

… wenn der Stoff des ersten Rockes nur netter wäre. An und für sich der pure Luxus, eine Woll-Seidenmischung in leicht chan­gie­rendem Dun­kel­violett. Etwas steif und harsch, aber dennoch sehr edel. Leider aus dem ersten feh­ler­haften Schnitt genäht und viel zu eng. Mühsam gerettet, in dem jede Naht­zugabe auf ihr abso­lutes Minimum redu­ziert wurde, was dann zu kleinen Öhrchen zwischen Bund und Hüfte führte. Bund und Saum sind schon mit Hand angenäht und die Lust, da was zu öffnen, ist eh schon minimal. Als aber Sabine bei der Anprobe ehrlich erschrocken meinte, ich müsse aber unbe­dingt etwas darunter ziehen, er sei schon sehr trans­parent — da war es mit meiner Moti­vation so ziemlich hinüber. Denn: ich stand im dunk­leren Teil des Wohn­zimmers, kein Licht war hinter mit und ich hatte ein Unter­kleid an. Ich glaube, wenn ich den nicht mit dickstem Flanell fütterte, wird man immer durch­sehen können.
So wandte ich mich an den hell­blau­grauen Rock, den ich nach dem über­ar­bei­teten Schnitt schon am Don­nerstag zuge­schnitten und wei­test­gehend genäht hatte. Und der zu meinem abso­lutem Ent­setzen dennoch viel zu eng war. Also trennte ich freitags in der Nacht die Seiten und steppte sie neu zusammen, pro­bierte an — besser, aber nun wieder unglaub­liche Öhrchen über der Hüfte und viel zu viel Weite in der Taille; da schien etwas gar nicht zu stimmen und so langsam stieg das Frust­level. Entweder hatte ich alles falsch gezeichnet und berechnet oder ich musste ganz viel zuge­nommen haben. Spät­nachts Röcke anzu­pro­bieren ist im übrigen eine idio­tische Idee, das sollte ich wirklich einmal beher­zigen.
Samstags trennte und steppte und trennte und steppte ich immer wieder und bekam es nicht hin. Sonntag vor­mittag endlich heftete ich erst einmal (zumal Heften ja seit einigen Wochen mein neuer bester Freund ist) und pro­bierte — perfekt. Abge­steppt, aus­ge­bügelt, anpro­biert — perfekt. Nicht perfekt: der blöde Stoff, der wellte, buckelte und schlum­perte. Ein halbes Mal hin­setzen und schon warf er mit Falten nur so um sich. Also lohnte sich die Fer­tig­stellung nicht, dafür trennte ich ihn erneut und ver­wendete das nun perfekt an meine Formen ange­paßte Stoff­stück, um den dazu­ge­hö­rigen Pap­pier­schnitt zu über­prüfen und zu kor­ri­gieren. Jedoch welch Wunder: beide stimmten bis auf ein oder zwei Mil­li­meter überein! Wir kamen zum Schluß, dass dieser Stoff schon von Anfang an buckelte und wellte und schlum­perte und so die Schuld bei ihm und ihm allein zu suchen sei.

Nun war es so nett gemütlich, wie Sabine fleißig nähte, Arlett im Sessel Bücher durch­blät­terte und wir erzählten und ent­spannten, dass ich nicht wirklich moti­viert war, einen Rock zuzu­schneiden. Tja, unpro­duktiv war das Kränzchen für die meisten von uns viel­leicht, aber weder ergeb­nislos noch ver­schwendet. Jetzt mache ich mich an die Arbeit, den Schnitt nochmals aus­zu­testen … leicht ange­schlagen, all die kranken Kinder in unserer Umgebung fordern langsam doch ihren Tribut. Wenn es wieder nicht klappt, dann bin ich ver­mutlich kränker als gedacht. Irgendeine Ausrede wird sich schon finden lassen!