Welch ein unor­dent­licher Haushalt ist das denn hier? Mit der Nummer zwei zu beginnen ist alles andere als orthodox. Liegt daran, dass ich Nummer eins gestern trug und es sich heute ent­knittern und ausruhen darf. Das mit dem Ent­knittern dürfte funk­tio­nieren: es ist wieder schwül und drückend und heiß, aber es sind Gewitter ver­sprochen und zwei kühlere und nassere Tage sollen folgen.

Eines meiner Sommer-Lieblingskleider habe ich nach Vogue easy options 2429 genäht; nun ist es end­gültig zu eng und löst sich auf. Ganz kurz überlegt ich, ob ich anhand dieses Kleides den Fer­tig­schnitt nicht einfach anpassen und mir so die Mühe der Eigen­kon­struktion ersparen könnte. Ein Blick auf das Kleid und ein weiterer auf den Schnitt und die Idee war vom Tisch. Also maß ich Länge und Weite des Rock­teiles und Tiefe des Aus­schnittes aus und setzte mich Dienstags des Nachts an den Tisch und begann. Der Gatte war auf Dienst­reise, so konnte ich den Eßtisch nutzen, wie und wann ich wollte.

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Mitt­ler­weile hält sich der Himmel bedeckt und mehr und mehr Wolken ballen sich über uns zusammen; beim Versuch, Bilder zu knipsen aller­dings war es sonnig, blendend hell und brennend. Es war mir kaum möglich, eini­ger­maßen freundlich in Richtung Kamera zu blinzeln. Zumal wir seit zwei Jahren unseren Garten ver­nach­lässigt haben und das Unkraut end­gültig gewonnen hat — in zehn Sekunden zum Knips­platz zu stolpern und sich in Pose zu werfen ist schon eine Her­aus­for­derung in sich. Also Platzwechsel:

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Schön schattig, aber dafür steht die Kamera so niedrig, dass man eh nur Kinn sieht und sonst nix.

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Letzter Versuch, Wind kam auf und Haare in Mund und Augen. Egal jetzt, das Kleid sieht auf jedem Bild gleich aus und kein bißchen nach weiß-gestreiftem Luf­tig­leinen, sondern nach durch­ge­sess­senem, steifen Jeans­stoff. Auch egal, es trägt sich gut und formt die Figur. Das reicht mir aus.

  

Weil wir am Wochenende den aller­besten Grill-, Klön– und Ent­span­nungs­besuch hatten (plus Über­nachtung des großen Sohnes bei unserem großen Sohn), kam ich gar nicht dazu, auf die über­ra­schend posi­tiven Kom­mentare zu ant­worten. Das Kleid hat seinen Dienst vor­bildlich geleistet, trocknet nun auf der Leine und wünscht sich einen Gefährten. Was aber gar nicht so leicht ist: ich denke auch, dass ein Stoff ohne Muster und in einer eher kräf­tigen Farbe am besten wirkt; dazu müssen Fall und Struktur leicht sein. Da will sich in meinem Stoff­schrank nichts rechtes finden.

Viel erstaun­licher als die posi­tiven Kom­mentare war, dass auch der Gatte — der ins­geheim auch nichts gegen eng und kurz hätte — das Kleid mochte. Leider hat das weniger mit seinem Gespür für das Schmei­chel­hafte, Modische und Schöne zu tun, als mit der schlichten Erkenntnis, dass dieses Gewand den Spielen der Lüfte weniger ent­ge­gen­zu­setzen hat als ein tail­liertes Kleid und somit eben doch auch zeigt, was drunter ist, indem es sich hierhin schmiegt und dorthin weht. Einzig mein Gang die Ter­ras­sen­treppe abwärts bewirkte all­ge­meines Schmunzeln: der Wind fing sich unter dem Saum und blähte das Kleid zu einer Art Kegel auf. Es wurde vermutet, dass, stürzte ich nun die Treppe hinunter, ich weich und sanft und unver­letzt zu Boden gleiten würde. Ich habe das nicht getestet; der Blick an mir hinab war mir ausreichend.

Gut, das wollte noch schnell gesagt sein. Heute nach­mittag werde ich ver­mutlich das dritte Trä­ger­kleid nähen. Zwar ist es heute wieder angenehm kühl mit etwa 26°C, aber die Lust, ein neues luftiges Kleid zu ent­werfen und zu zeichnen — nunja, die ist nicht enorm groß.

PS: es steht noch einiges mehr an Dank aus, ich habe das nicht ver­gessen. Das wahre, echte, einzige Leben ist nur gerade anspruchsvoll: das Aus­räumen des Studios und Ein­räumen des Hauses, die Steuern, die Schul­ferien, die Hitze, das Nähen für Freun­dinnen, das Umsorgen des Gatten (Monika: OHNE Män­del­chen­pudding!) — irgend­etwas ist immer, immer ist irgendetwas.

  

Ich weiß nicht, ob es der einen oder anderen unter euch auf­ge­fallen ist, aber: es ist heiß. So wenig ich bittere Kälte ertragen kann und mag, so wenig liebe ich über­triebene Hitze. 30°C lasse ich mir gefallen, darüber fühle ich mich kaum lebens­fähig. Wobei das entweder am fort­schrei­tenden Alter oder aber an meinen Schild­drü­sen­ta­bletten liegt: ziemlich genau mit der Diagnose Hashimoto und der Ein­stellung auf die Hormone ist Hitze für mich die Hölle. Bis zu diesem Zeit­punkt war ich halt e Bönnsch Mädscher, die an heiße und feuchte Sommer gewöhnt war; sie sogar liebte. Zu heiß? War mir fremd. Aber ich will nicht schimpfen oder unzu­frieden sein. Damals (in den Ardennen, hahaha — das ver­stehen nur Klim­bim­schauer) war dafür alles unter 16°C bit­terlich kalt. Heute hingegen komme ich bis knapp 0°C deutlich besser klar.

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Hmmm, 0°C … klingt das nicht ver­füh­re­risch? Die Füße für einige Sekunden in frisch-knirschigen Schnee zu tauchen, wäre der Himmel. So gebe ich mich damit zufrieden, mein Zimmer in Dun­kelheit zu tauchen, den Ven­ti­lator zu Höchst­leis­tungen zu zwingen und dabei Shanties zu hören — das schafft Nord­see­ge­fühle. Aber damit nicht genug habe ich wahr­haftig meinen Nähpfad ver­lassen und etwas Luftiges geschaffen. Über­haupt war ich in dieser sehr heißen Woche erstaunlich pro­duktiv und strafe damit mein Gefühl, zu nichts Nutze zu sein, Lügen. Ok, der Haushalt behauptet meine Nutz­lo­sigkeit wei­terhin, aber einen Rock für die Freundin und drei Kleider für mich — das nenne ich mal fleißig.
Muss ich natürlich auch gleich wieder revi­dieren: Der Freun­din­nenrock war auf­wen­diger als jedes der Kleidchen. Wer mir auf Facebook folgt, hat schon zwei Spinkser erha­schen können. Aber so som­merlich Trä­ger­kleidchen auch sind und so schmei­chel­hafte eine eng­an­lie­gende Taille auch ist — bei Hitze stört der Stoff doch noch. Ich wollte endlich ein Zelt. Will ich schon seit Jahren, aber wie das so ist: Eitelkeit und Gewohnheit stehen dem Neuen gerne im Weg.

Gut, das mit der Eitelkeit hat sich in den letzten drei Tagen erledigt und die Gewöhnung an die kör­per­be­tonte Form geht mir schon etwas länger gegen den Strich. Also setzte ich mich gestern morgen hin und zeichnete den neuen Schnitt, bei dem alle Abnäher von Brust bis Schulter in die Taille geschoben werden. Dann noch etwas Mehr­weite an die Sei­tennaht, die zu einer Dia­go­nalen von der Achsel bis zum Saum geformt ist. Einen etwas tieferen Aus­schnitt, Turn­hemd­träger und noch mehr Mehr­weite in die Mitte, den Saum minimal geschwungen von hinten tief bis zur kürzeren vorderen Mitte. Erstaun­li­cher­weise kam ich mit 1,20 m hin, aller­dings nur, weil kein Muster im Wege stand.

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Der Stoff scheint eine Viskose-Irgendwas-Mischung zu sein und er trägt sich wun­derbar. Zuschneiden und Ver­säubern hingegen waren keine Freude — nicht, dass er flut­schig war, nein, er verhielt sich stachelig-unfreundlich, was mich beim Nähen (gestern Nacht nach 23:00 Uhr, nicht meine Zeit für solche Gemein­heiten) dazu brachte, ohne Rück­sicht auf Schönheit und Per­fektion das Zelt zusammen zu tackern. Finde ich noch einmal etwas schön Flie­ßendes, so hat dieser Schnitt sicherlich mehr Fürsorge und Liebe verdient.

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Flattert bei jedem Schritt und jedem Wind­hauch, spendet Schatten und fächert Kühle von Knie bis Brust an die Haut. Vergiß vor­teil­hafte Kleidung, her mit der Funk­ti­ons­kleidung. Die Farbe ist übrigens deutlich inten­siver, was dem schlichten Schnitt auch gut steht.
Ändern würde ich beim nächsten Mal zwei Dinge: die Arm­löcher dürfen noch etwas tiefer werden und die mittlere Kräu­selung würde ich durch eine Kel­ler­falte ersetzten. Viel­leicht auch den Saum vorne noch mehr biegen? Nicht so weit, dass ein VoKuhiLa entsteht, nur für etwas mehr Schwung? Und viel­leicht teste ich es doch mal in einem etwas festeren Leinen — das könnte einen skulp­tu­ralen Effekt her­vor­rufen. Meinungen?

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Von der Seite fühle ich mich schon etwas wag­ne­ria­nisch, hat ein bißchen was von Brun­hilde. Aber hach, das trägt sich so wun­derbar kühl und ich kann nur jeder raten: wenigstens ein solches Kleid solltet ihr im Schrank haben und mit hohen Schuhen, kräf­tigem Make up und Schmuck kann das Zelt auch durchaus schick wirken, wenn das denn unbe­dingt nötig ist — für mich ist es das heute. Ich begegne Hitze grund­sätzlich mit ganz viel Farbe im Gesicht.

So, jetzt habe ich Hunger; knapp zwei Stunden stand ich in der Küche, um Salate und Dips für unseren Besuch später vor­zu­be­reiten, darüber habe ich das Essen ver­gessen. Also jetzt Shanties, Ven­ti­lator, Dun­kelheit, belegtes Brötchen und ein Buch und keine unnö­tigen Bewe­gungen, dann überlebe ich den heutigen Tag bestimmt. Wäre aber sicherer, wenn hier mal jemand nach mir schaut von Zeit zu Zeit …

  

geburtstagEs ist ein kleines Wunder, denn ich habe zum ersten Mal den Geburtstag meines Blogs nicht verpasst. Am ersten Juli 2007 startete ich mit meinem zweiten Blog; leider habe ich den ersten Beitrag und die zwei oder drei fol­genden beim Umzug auf die eigene Domain verloren — welt­be­we­gendes stand nicht darin, so ist der Verlust zu verkraften.

Von damals bis heute hat sich einiges getan, in jeder Hinsicht: von der anfäng­lichen Mono­the­matik "Stricken" bin ich zum bunten Sam­mel­surium meiner Gedanken, Vor­lieben und Hobbies gelangt. Sobald mich etwas so bewegt, dass ich unter der Dusche gedanklich Passagen eines Textes for­mu­liere, muss ich mich hin­setzen und schreiben. Mal mit Ärger, mal mit Amu­sement, einmal mit Ziel, das nächste Mal mit einer groben Richtung — es muss "auf's Papiere, egal wie. Haupt­sache, ich kann wieder in Ruhe duschen.

Was bringt es mir? Unendlich viel. Natürlich die Freude am Schreiben selbst, aber darüber hinaus sind es die Begeg­nungen, die ich nicht mehr missen mag. Die klugen Gedanken, die feinen Kom­mentare, die hilf­reiche Näh­kritik, die Links und Tipps und Trös­tungen, mit denen ich im Laufe dieser acht Jahre bedacht wurde, haben diesen Blog mit geformt und ent­wi­ckelt. Und all den Frauen dahinter fühle ich mich gerade heute dankbar verbunden.

Wenn ich mir also eines wünschen darf: macht bitte weiter so.

PS: Lustig, das ist Beitrag Nummer 800. Das ist doch eine nette Zahl.