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Der kleine Sohn möchte mit auf das Bild und da er so kaum erkennbar ist, darf er. Zumal er sich wahr­haftig einige Minuten vom Lesen und PS Vita-Spielen los­reißen konnte, um mir ein kurzes Hallo zuzu­werfen. Er spielt nun weiter, Muttern wird gleich endlich wieder einmal nach unten auf die Gym­nas­tik­matte ent­schwinden. Hat sie zumindest vor …

Nun, das zweite Kleid ist nahezu beendet: die Ärmel müssen noch gesäumt werden, aber da meine Arbeits­leuchte mir den Dienst versagt, es draußen gießt, schüttet und sowieso die Däm­merung zu erahnen ist, wird diese Arbeit noch warten müssen. Da die nächsten Tage voll­ge­packt mit Arbeit, Besuchen, Gebursttag, Ein­kaufen und Kochen sein werden, sehe ich wenig Hoffnung für gesäumte Ärmel oder gar für ein drittes Kleid. Schade eigentlich, denn immer, wenn ich eines beendet habe und auf die Liste der Dinge schaue, die beim nächsten Kleid besser werden müssen, möchte ich sofort loslegen. Aller­dings könnte ich mich eh nicht ent­scheiden, womit eigentlich ich loslegen wollte.

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Ja, mit der zarten Figur links kann ich nicht mit­halten, aber das ist mein Ehrgeiz auch nicht. Ein klein wenig habe ich über­de­signt: während der Schnitt­schnip­pelei konnte ich dem hohen runden Mie­derteil nicht wider­stehen. Was mich mehr stört: die Taille ist zu weit und neigt nun dazu, genau an meiner schmalsten Stelle nach außen abs­zu­stehen — aber da ich die Tei­lungs­nähte abge­steppt hatte, ist meine Lust, das zu ver­bessern, nicht sehr ausgeprägt.

Dazu scheine ich in einen alten Fehler ver­fallen zu sein: der hintere Hals­aus­schnitt ist zu eng und so ziehen sich ganz zarte Falten von der HM im Nacken zu den Schultern; zumindest der Steh­kragen ist ein­deutig zu eng und würgt mich ein wenig. Aber auch das wiederum so wenig, dass ich es nicht abändern werde.

Ins­gesamt gibt es eine Handvoll klei­nerer Fehler, die ich am Schnitt ändern werden und die das Kleid nicht zu einem Arbeits­kleid machen. Mag ich? Ich denke schon …

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Ansonsten bin ich müde, müde, müde — ob eine Runde Schlaf auf dem Sofa ähnlich gut ist wie eine Stunde Sport im Keller?

  

Momo

… sind für einen Profi wie mich nicht foto­gra­fierbar, es sei denn als Suchbild. Momo — pure Freund­lichkeit in zier­lichste, scheue Kat­zenform gegossen, das süßeste Mädchen im Haus, das ver­schmus­teste und kusche­ligste Kat­zenkind über­haupt. Und Kat­zenkind wird sie bleiben, mag sie auch 20 Jahre alt werden. Kaum ein Besuch hat sie je gesehen und wie man sieht: sieht man nichts.

Schwarze Katzen hat man mit Hexen, Gefahr und Unglück in Ver­bindung gebracht und ihnen magische Kräfte zuge­sprochen. All meine Auf­for­de­rungen an Momo, doch mal etwas zu zaubern, irgend­etwas, blieben ver­geblich. Sollte das mit der Magie, mit den Dingen zwischen Himmel und Erde nun doch nur ein Märchen sein, ein Hirn­ge­spinst, ein Irr­glaube, eine ver­geb­liche Hoffnung? Und wie komme ich nur darauf?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, aber seit ein paar Tagen erinnere ich mich an das Mädchen, das ich einmal war. Und an Geschichten, die ich erlebte und sah und hörte. Es kann also nun wieder sehr lang hier werden und an die LESERINNEN unter meinen Besu­che­rinnen ergeht somit die Auf­for­derung: schnapp dir eine Tasse Warm­ge­tränk und ein Stück Weih­nachts­gebäck und komm auf mein Sofa. Vergiß die Hektik und den Ärger und gönn dir ein halbes Stündchen. Zum Gucken gibt es heute leider nichts …

Den­je­nigen, die in den 80ern in der näheren und weiteren Umgebung des Rhein­landes lebten, dürften die köl­schro­ckenden Bap nicht ent­gangen sein, führte ihr Erfolg doch dazu, dass Scharen an Schülern, die der rhei­ni­schen Zunge bis zu diesem Zeit­punkt nicht mächtig waren, nun wie wild diese fremde Sprache erlernten — ich hatte einen kleinen Vorteil, da meine Tante Tinni regel­mäßig mit ihrem Mope­droller über den Stand­streifen der Autobahn von Köln-Sürth nach Bonn-Duisdorf rollte, um dann mit meiner Mutter auf kölsch sich über allerlei aus­zu­tau­schen. Das hatte mich immer schon fas­zi­niert und ihr merkt, ich nehme schon gleich die erste Abzweigung weg von der Haupt­straße, mäandere mal wieder vor mich. Aber ich wende, denn dort will ich nicht hin. Bap sang nicht nur auf kölsch, sie sprachen auch all das aus, was uns frie­dens­be­wegte, femi­nis­tische, wütende Jugend­liche bewegte und was einen so umtrieb. Und im Lied "Wenn et bedde sich lohne dät" kommt ein Satz vor, den ich auf Hoch­deutsch zitiere:

Ich bin neidisch auf die, die glauben können, doch was soll's, ich jage doch kein Phantom.

Da fand ich mich nach all meinen inneren Glau­bens­kriegen endlich wieder. Nicht nur, was den Gott­glauben anbe­langt, sondern das Glauben als Tätigkeit über­haupt. Ich stellte end­gültig fest, dass ich zu denen gehöre, die lieber wissen als glauben wollen. Aber leider, leider gibt es Dinge, die sich nicht wissen lassen. Viel­leicht auch eine rhei­nische Krankheit; da hole ich mal den Herrn Bei­kircher hervor, der vom Rhein­länder irgendwann und irgendwo einmal sinn­gemäß sagte, er sei der geborene, echte Zweifler. So isses. An allem, was ich hoffe und glaube und weiß, findet sich doch immer noch ein Häkchen, an dem ich herum zweifeln kann.

Begonnen hat das schon früh — und jetzt hole ich mal weit, weit aus:

Als Kind von 5–10 Jahren etwa habe ich es genossen, wenn ich abends nach dem Abendbrot mich im boden­langen Nachthemd in die Häkel­decke aufs Sofa kuscheln und mit Kopf­hörern meinen Mär­chen­lang­spiel­platten lauschen durfte. Mein Siam­kater Mucki drückte sich dabei gerne neben mich an meine Hüfte und schlief, während ich schon damals nicht nur eine Sache tun konnte, sondern mir dazu meist noch einen Bildband aus dem Schrank meiner Eltern nahm. Und eines Abends entstand eine große Liebe.
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Meine Lieb­lings­platte war "Die Töpf­chenhexe", eine Geschichte um eine freund­liche Hexe und ihre Katze Schnur­ri­bumbi. Außerdem war ich fas­zi­niert von dem Buch "Zauber ver­gan­gener Reiche" — und ich muss schnell mal dazwi­schen schieben, ich bin ziemlich beein­druckt von meinem Gedächtnis, denn eine schnelle Suche ergab: ich habe mich an die Namen richtig erinnert.  In diesem Band wurden die Inkas, das Reich der Mitte, die Inder und Ägypten mit seinen Bildern, Skulp­turen, Gebäuden und Toten­ri­tualen gezeigt, vorweg gab es eine mehr­seitige Ein­führung, damit der geneigte Leser das ihm gezeigte auch bitte richtig ein­ordnen würde können. Das las ich mit sechs dann doch noch nicht.

Aber an diesem Abend schlug es ein: ÄGYPTEN. Kurz darauf las ich ein Kin­der­sachbuch über Katzen — ich las es Mucki vor, da ich es für wichtig hielt, er wisse etwas über seine Geschichte. Er war sichtlich beein­druckt. Und in diesem Buch lernte ich, dass ich meine Haus­katze den Ägyptern zu ver­danken habe. Kluge Menschen, die sofort erkannten, wie wichtig eine Katze für die Welt ist. Von da an gab es kein Halten mehr, ich las alles, was ich finden konnte und lebte die Hälfte des Tages zwischen Isis und Osiris, stand zwischen Horus und Anubis und verehrte Bastet. Ich konnte sämt­liche Pha­raonen in der rich­tigen Rei­hen­folge herunter beten, wußte mit acht, dass es nur ein Leben als Ägyp­to­login für mich geben könne und las letzten Endes auch DEN Klas­siker "Götter, Gräber und Gelehrte" von C.W. Ceram, als ich neun war. Diese Welt des Alten und Neuen Reiches war für mich real. Selbst meine Bar­bie­puppen waren drei Engel für Osiris — ich konnte mich nicht so recht zwischen Geheim­agentin und Ägyp­to­login für sie ent­scheiden, zumal sie zwi­schen­durch als Man­nequin under­cover zu ermitteln hatte.

Nun traf es sich ungünstig, dass ich zur gleichen Zeit mit meinem Kom­mu­ni­ons­un­ter­richt begann. Mein Gefühl der Kirche gegenüber war immer schon zwie­spältig: in einem katho­li­schen Kin­der­garten unter­ge­bracht, waren mir sämt­liche Fei­ertage wohl vertraut — in den frühen Sieb­zigern im Rheinland nicht unge­wöhnlich. Und die schönen Seiten der Geschichte, in denen Menschen geheilt, Kinder beschenkt, Kriege beendet wurden, machten mich sehr glücklich und andächtig. Vieles andere ver­störte mich eher: die Löwen­gruben, die ans Kreuz geschla­genen Menschen, die ermor­deten Babies. Im Kom­mu­ni­onsjahr kamen nun noch die sonn­täg­lichen Kin­der­messen, die frei­täg­liche Beichte, die aus­wendig zu ler­nenden Gebete hinzu.

Ich wollte das alles sehr gerne glauben und zimmerte mir mein eigenes Bild zurecht, wandte mich vor­nehmlich an Maria in meinen abend­lichen Für­bitten, erfand eifrig Geschichten, die ich würde beichten können und freute mich auch darauf, in die Gemein­schaft der Gläu­bigen auf­ge­nommen zu werden. Still und alleine in der Kirche sitzend empfand ich sehr viel von der Hoffnung und Freude, die man als gläu­biger Mensch doch emp­finden sollte, ich wünschte mit Inbrunst aller Welt und jedem Mensch und jedem Tier Frieden und Glück. Jedoch wenn die Messe begann, ich unendlich lang auf der Bank zu knien hatte, mir der Weih­rauch fast die Sinne nahm und ich den endlosen, mir absolut unver­ständ­lichen Pre­digten lauschen musste, dann fühlte ich mich fremd und verloren; hier gehörte ich nicht hin, das stimmte alles nicht. Die Schuld suchte ich bei mir und betete jeden Abend fleißig und erhoffte wahr­haftig ein Zeichen. Vor­sichts­halber, weil mir meine besondere Eif­rigkeit selbst unheimlich wurde, schob ich als größte Bitte immer eines hin­terher:
"Lieber Gott, bitte lass mich nicht berufen sein!" — nein, ins Kloster wollte ich auf gar keinen Fall!

Mitt­ler­weile hatte ich mich aber auch so intensiv mit den Glau­bens­vor­stel­lungen der Ägypter befasst, dass ich in einen Zwie­spalt, in eine wirk­liche Glau­bens­krise versank: Isis und Bastet waren die beiden Göt­tinnen, die ich als meine Haus– und Schutz­pa­tro­ninnen erwählt hatte — es wurde ja nie erwartet, dass nun jeder Ägypter jedem Gott immer  und ständig zu danken und zu opfern hatte; das Gött­liche wurde im All­täg­lichen gesehen und das All­täg­liche war oft schon Ehr­er­bietung genug. Und so dauerte es gar nicht lang, bis ich mich eines fragte:

Wenn wir heute so unglaublich sicher sind, dass die ägyp­ti­schen Götter — die mir ja viel logi­scher und zugäng­licher erschienen — nichts als Folklore und Irr­glauben waren, werden sich dann die Menschen in 1000 Jahren unserem Glauben gegenüber ebenso sicher zeigen? Und wenn der eine Gott nicht exis­tiert, wer sagt mir denn, dass der andere real ist? Das hat mich beschäftigt, so sehr, dass ich bald anfing, nach jedem Gebet an Maria nicht nur die Bitte um Klos­ter­freiheit, sondern auch einen kurzen Nebensatz an Isis hinter her zu werfen — im Sinne von "Ja, ich weiß, dich gibt es auch, nimm das mal nicht so ernst." Sicher war sicher; ich wollte mir alle Wege offen lassen. So lange, bis ich merkte: ich will wissen, nicht glauben. Da ich aber auch nicht wissen kann, dass ein Gott nicht exis­tiert, bin ich nun also die ewige Zweif­lerin an allem und jedem. In der Praxis sieht es so aus, dass ich mir die Hoffnung gönne … denn wäre es nicht schön, es gäbe eine höhere Macht, die uns wohl­ge­sonnen ist und unsere Schritte behutsam weg vom Abgrund leitet? Wenn es sie gibt, so ist sie leider nicht allzu erfolg­reich. Gleichwohl: hoffen ist erlaubt und lässt uns mehr Freiheit und mehr Ver­ant­wortung als das bloße Glauben.

Wo ich aber eigentlich hin­wollte, ist etwas ganz, ganz anderes. Aber dafür ist es heute zu spät. Da gibt es diese Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir sicher alle schon erlebt haben und die etwas magi­sches und hoff­nungs­frohes an sich haben. Wie schwarze Katzen eben. Aber viel­leicht findet sich in den nächsten Wochen noch mehr Heiß­ge­tränk und Gebäck ein und wir machen dort weiter, wo ich nun ende.

 

  

müde

Mitt­ler­weile sitze ich warm ein­ge­packt auf dem Stu­diosofa und warte auf meine liebe Kundin. Und auf die hoch­fah­rende Heizung. So schön es ist, den gut halben Tag für sich zu haben, so unschön ist es, noch einmal hinaus zu müssen — zum Arbeiten gar — wenn es draußen zu dämmern beginnt.  Erst meine aktuelle Wun­der­waffe — Ost­frie­sentee mit Kandis und Soja­sahne (light! Das bringt's bestimmt!) — brachte mich wieder auf Spur.

Dabei war ich bis dahin endlich einmal fleißig: trotz eines durch gest­riges drei­stün­diges Bügeln ver­spannten Nackens habe ich wahr­haftig vom Morgen bis zum späten Mittag genäht; es fehlen nun noch Ärmel, Kra­gen­beleg, die HM und natürlich die Säume. Bin ich zufrieden bis hierhin? So ganz sicher bin ich mir noch immer nicht: unter der Brust könnte es enger anliegen, an der Taille ebenso und den Fal­tenwurf habe ich nicht unter meine Herr­schaft bekommen können, trotz hin­ter­legtem Fest­hal­terchen.
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Aller­dings spielt mein Körper wei­terhin Jojo und ich weigere mich ganz strikt, nun schon wieder Schnitte anzu­passen. Zumal es ja sein könnte, dass ich über die nächsten Wochen doch wieder zulege. Ach, es ist ein Elend, ein gars­tiges. Eben­falls garstig ist es, dass ich dieses Kleid seit einem Web­cam­bild­versuch nun mit Snape in Ver­bindung bringe — bei einem Mantel ist das in Ordnung, aber ein Kleid? Und weshalb kommt mir Severus in den Sinn? Weil der Auf­nah­me­winkel, meine ungeschminkt-müde Haut und die noch nassen Haare in diese Richtung weisen …

 

  

mehrtee Seit einigen Bei­trägen plat­ziere ich Por­trait­bilder zu Beginn des Textes. Wieso, weshalb, warum eigentlich?

Die Gründe sind schlicht:

Zum Einen fühle ich mich vor der Kamera nach wie vor sehr unbe­haglich, kann aber mit meinem Spie­gelbild meist ganz gut leben. Sitze ich vor der Webcam, so erkenne ich mich zumindest wieder. Oder annä­hernd. Und so kommt ein Bild heraus, das etwas weniger steif und fremd ist als die Bilder, die per Selbst­aus­löser geschossen werden. Ich erhoffe mir außerdem eine gewiße Desen­si­bi­li­sierung meiner Kamera-Allergie, mutet mich diese Web­cam­knip­serei doch mehr wie ein Spiel denn eine Pflicht an.

Zum Anderen ent­wi­ckelt sich aus den meisten meiner Monologe ein Gespräch — per Kom­mentar, per Facebook oder immer öfter auch über Mails. Da ich per­sön­liche Begeg­nungen auch Tele­fo­naten vorziehe, gebe ich eine Moment­auf­nahme mei­ner­selbst dazu: hier bin ich, so sehe ich aus, so bin ich drauf. Sozu­sagen mein ganz per­sön­liches Smilie, das dem Text die richtige Note geben soll.

Wie lange ich das durch­halte? Was weiß ich. Viel­leicht blogge ich auch mit 98 noch und kann mir dann ein Dau­menkino basteln, dass mich im Zeit­raffer altern lässt. Heute fühle ich mich so ange­matscht, dass das schon mit den fünf bis­he­rigen Bildchen ein­drucksvoll sein könnte. Eine Erkältung ist im Anzug, gemein meine monat­liche Ange­schla­genheit und die noch knapp zwei Stunden lang aus­ge­schaltete Heizung ausnutzend.

Ich werde jetzt ver­suchen, mich warm zu nähen. Außerdem suche ich gaaaaanz dringend kleine, feine, dun­kellila Knöpfchen für meinen Cardigan. Absolut schlei­erhaft ist mir, weshalb ich in meinem nicht kleinen Knopf­vorrat keine finden kann. Online bislang auch nicht — Tipps?

  

Bevor ich in medias res gehe, schnell noch ein paar Details zum gest­rigen Kleid:

Ja, Joanna, deine Augen müssen mes­ser­scharf sein, es ist in der Tat ein Crêpe, den ich ver­wendet habe. Ich liebe diesen Stoff von allen mög­lichen am meisten; leider ist er nur schwer zu erhalten und wenn, so hat man die Wahl zwischen Poly total oder Wolle und Seide. Viskose wäre mir am liebsten, aber ich nehme, was ich bekommen kann — innerhalb eines gewißen preis­lichen Rahmes.
Und so lief mir eines Tages der Crêpe Geor­gette von Stoff & Stil über den Weg, der leider zur Vollpoly-Fraktion gehört. Da aber die Farben sehr schön sind, habe ich es gewagt. Was kann ich über ihn sagen?
Er ist von allen Krepp­stoffen, die ich bislang in Händen hielt, sicherlich der dünnste. Er lässt sich ohne über­trie­benes Aus­fransen ganz gut ver­ar­beiten, er knittert im Grunde nicht und dehnt sich auch beim Bügeln oder Reiß­ver­schluss einnähen nicht über­mäßig aus. Aller­dings lädt er sich über nackten Beine in Sekun­den­schnelle extrem auf, was bedeutet: für Früh­jahrs­kleider ist er nicht geeignet und Poly im Sommer ver­bietet sich für mich sowieso von selbst. Die nächsten Kleider aus diesem Stoff werde ich mit Jer­sey­futter versehen, um so etwas mehr Körper und hof­fentlich auch etwas mehr Wärme zu erzeugen — ich habe gestern immer wieder gefröstelt.

grübel Gestern grübelte ich ein Weilchen vor mich hin, was ich als nächstes nähen möchte — dass es ein Kleid sein würde, war klar, nachdem ich endlich wieder merkte, wieviel Spaß mir das macht. Wie Arlett es befahl, ließ ich mein Sucht– und Genuß­zentrum ent­scheiden. Was bedeutete: statt den zweiten fertigen Klei­der­schnitt auf den zweiten vor­han­denen Crêpe zu legen und ein dem ersten Kleid nur in Details unter­schied­liches sofort zu beginnen, zeichnete und schnitt ich den gesamten Nach­mittag an einem Kleid, das — es ist sicherlich ent­täu­schend — eben­falls über meine bevor­zugten Details verfügen wird:kleines Mie­derteil, Raf­fungen zwischen Hals und Taille, aus­ge­stellter Rock. Ich befürchte, ich bin mitt­ler­weile fest­gelegt — aber sind wir das nicht fast alle?
Ein Bild fiel mir in die Hände, als ich nach Ideen für meine ver­dorbene Haar­pracht suchte — als ob ich in der Lage wäre, Frisuren zu gestalten. Seit einigen Wochen nun komme ich immer wieder auf dieses Kleid zurück (hier auch von Kopf bis Fuß zu sehen), das nahm ich als Zeichen und suchte und fand pas­senden Stoff.

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Und weil ich gebeten wurde und auch immer mal wieder Mails zum Thema erhalte, habe ich gestern jeden Schritt foto­gra­fiert; wie üblich dürfen Meis­ter­werke der Foto­kunst erwartet werden.

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Zunächst einmal hole ich meinen mühsam erstellten und ange­passten Grund­schnitt hervor und zeichne ihn ab,

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schneide ihn zu und los geht es:

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Da ich möchte, dass das Oberteil unterhalb der Brust schön anliegt und damit die Figur gut abzeichnet (was immer auch formend wirkt), wird der Tail­len­ab­näher genau am unteren Bru­st­ansatz breiter gezeichnet; das kann eine fest­ge­legte Zahl sein — die meisten Bücher nennen hier 0,5 — 1 cm, das kann durchaus mehr sein bei einer kleinen Unter­brust­weite und einem großen Körbchen. Oder diese Zahl wird durch Messung ermittelt, was im benannten Beispiel von Vorteil ist. Wie das geht, kann ich gerne einmal zeigen, falls Bedarf besteht.

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Wie auf dem Bild erkennbar, reicht die Prin­zeßnaht vom Hals­aus­schnitt über den Brust­punkt — diese Linie zeichne ich ein.

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Da ich die Raffung am Hals nicht nur durch Mehr­weite erzielen will, sondern diese Falten wie auf dem Bei­spielsbild auch auf die Brust zulaufen lassen wollte, will ich einen Teilen des seit­lichen Bru­st­ab­nähers dorthin verlegen. Dafür zeichne ich eine Linie vom Brust­punkt bis zum Hals­aus­schnitt etwa 2cm vor der VM. Ob das nötig und/oder richtig war, wird das End­produkt zeigen — ich sage ja, es ist experimentell.

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Einen Drittel des seit­lichen Abnähers habe ich zuge­steckt und die neue Abnä­her­linie zum Hals­aus­schnitt auf­ge­schnitten, um den Abnä­her­inhalt zu verlegen.

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Damit die erreichte Abnä­her­weite beim weiteren Schneiden und Legen korrekt erhalten bleibt, habe ich sie mit Papier unterklebt.

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Für das Mie­derteil habe ich zwei Höhen getestet und mich dann für die höhere ent­schieden — es wird sich zeigen, ob ich da nicht doch zu hoch gegriffen habe.

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Wenn an der VM ein Aus­schnitt oder ein Gür­telteil fest­gelegt wird, möchte man Ecken und Spitzen ver­meiden. Um einen gleich­mä­ßigen Verlauf zu erreichen, wird dort über einen halben Zen­ti­meter jede Linie recht­winklig zur VM gezeichnet.

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Mie­derteil und Abnä­her­tiefe sind fest­gelegt, alles kon­trol­liert — das Schnittteil kann für die Prin­zeßnaht getrennt werden. Dabei schneide ich jede spitze Ecke leicht gerundet weg für eine schönere Lini­en­führung an der Figur.

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Auch das Gür­telteil wird nun abgetrennt.

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Das ein­ge­setzte Blu­senteil möchte ich im Gegensatz zum Original mit Mehr­weite nicht nur am Hals, sondern auch an der Taille haben. Dazu zeichne ich zwei senk­rechte Linien: die erste 2 cm von der VM, die zweite 4 cm von der ersten enfernt. Dazu markiere ich zwei Horizontale.

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Ebenso zeichne ich zwei waa­ge­rechte Linien im gleichen Abstand wie die Mar­kie­rungen auf dem Schnitt auf das Papier, auf dem der end­gültige Schnitt ent­stehen soll. Das Schnittteil wird nun (nachdem ich es für ein Fut­terteil kopiert hatte!) an den senk­rechten Linien aufgeschnitten.

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Die auf­ge­schnit­tenen Teile werden nun auf den Hori­zon­talen ange­ordnet und die Umrisse abge­zeichnet; die Lücken werden in einer schönen Rundung mit­ein­ander verbunden.

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Da ich grund­sätzlich all meine Schnitte mit Naht­zu­gaben versehe (in der Regel mit 1 cm, an den Sei­ten­nähten 1,5, wenn ich mir unsicher bin), dauert es zwar alles etwas länger, aber ich finde es wesentlich leichter, richtige NZ auf Papier zuzu­geben denn auf Stoff.

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So sehen die Schnitt­teile nun aus — das Rückenteil wird in der Grund­schnittform belassen und nur mit MZ versehen. Zuletzt werden die NZ gegen­ein­ander kon­trol­liert; gerade am Hals­aus­schnitt oder bei Tei­lungs­nähten kommt es vor, dass sich sehr lange Spitzen ergeben. Schneidet man den Stoff so zu, so braucht man unbe­dingt Mar­kie­rungen, um zu wissen, wo die unter­schiedlich langen Stoff­teile auf­ein­ander treffen sollen. Ich hasse Mar­kie­rungen, also sorge ich dafür, dass meine Schnitt­teile alle so sind, dass sie wie Puz­zle­teile auf­ein­ander treffen.

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Wie man sieht, ist das Halsende des Blu­sen­ein­satzes durch die gleich­mäßig ange­zeichnete NZ sehr lang und sehr spitz geworden, während das Gegen­stück, an das es genäht werden soll, kürzer und stumpfer ist. Ich piekse mit einer Nadel durch beide Punkte, die das Nahtende mar­kieren und

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lege beide Teilen wie zum Steppen auf­ein­ander, markiere das über­ste­hende Ende und schneide es ab. Beim Nähen zeigen alle Schnitt­teile nun ganz genau, wo sie hingehören.

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Gestern abend habe ich dann erneut lange gegrübelt, ob es mir so gefällt — denn durch die Ver­legung meines Tail­len­ab­nähers zur Seite, wo er auf die Tei­lungsnaht des Rockes treffen soll, ist das Mie­derteil nach unten hin breiter geworden, während die Tei­lungsnaht des Ori­ginals relativ gerade nach unten geht. Derlei geschieht, wenn man nach der eigenen Figur arbeitet und mehr Busen unter­zu­bringen hat, als der Zeichner zarter Modelle es vorsieht. Also habe ich das hintere Blu­senteil (das ver­hindern soll, dass das Oberteil sich aus­ein­an­der­bewegt durch die Mehr­weite) aus­ge­schnitten und mit den Papier­schnitten an die Puppe gesteckt: noch bin ich unent­schieden, wie ich es mag, aber die Aben­teu­erlust siegt und ich werde nachher zuschneiden. Expe­rie­mentell, wie gesagt.

Und weil ich in Foto­ro­man­stimmung bin und Minusch Material bot, dürft ihr sehen, wo mein eigent­liches Problem beim Schnitt­zeichnen und Nähen liegt:

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