Unsere Welt

FAR Ich bin 1968 in Bonn geboren; hier wuchs ich auf, hier ging ich zur Schule. Mein Gym­nasium lag im Bann­kreis der Hardthöhe und spä­testens nun war Politik Teil meines Lebens — in Bonn kam man daran kaum vorbei.
Meine Groß­mutter führte einen Schreib­wa­ren­laden in der Innen­stadt, den meine Mutter nach deren Tod noch einige Jahre wei­ter­führte. Das hat insofern eine Bedeutung für mich, als dass ich mit sechs Jahren nicht nur zum Schulkind, sondern auch zum Schlüs­selkind wurde, das sich seine Nach­mittage mit Freun­din­nen­be­suchen, Bar­bie­spielen, Haus­auf­gaben oder Lesen vertrieb. Gelesen habe ich alles, was mir in die Finger kam, so auch die Zei­tungen, die jeden Abend in unsere Wohnung gelangten: da waren die Bonner Tages­zei­tungen Gene­ral­an­zeiger und Rund­schau, natürlich Bild und Express und die Magazine Stern, Quick, Bunte und Spiegel. Viel ver­standen habe ich ver­mutlich nicht, aber ich erinnere mich deutlich an mein diffuses Gefühl von Angst, wann immer ich RAF oder Baader-Meinhof las — wer genau diese Menschen waren und was sie wollten, blieb mir schlei­erhaft; sicherlich habe ich vor allem die Bild­zeitung durch­ge­blättert dank der kurzen Sätze und der kurzen Logik darin.
Es gab Nach­mittage, die ich ver­rammelt in meinem Zimmer ver­brachte, weil ich ein Geräusch gehört hatte und glaubte, Andreas Baader käme jeden Augen­blick durch unsere Woh­nungstür gestürmt — ja, ich habe manchmal geübt, was ich wohl kluges und ver­ständ­nis­volles würde sagen können, um nicht als Feind wahr­ge­nommen zu werden. Sicherlich: das waren im Laufe eines Jahres kaum eine Handvoll an Tagen, aber das Gefühl von Bedrohung während der 1970er-Jahre ist mir noch ebenso gegen­wärtig wie die scheinbar ewig­wäh­renden Sommer, die ange­füllt waren mit Gum­mitwist, Federball und rücken­freien Tops.

Weshalb ich das jetzt erzähle, jetzt daran denke? Eine Poli­zistin soll auf die Frage, ob sie (die Polizei all­gemein) auf dem rechten Auge blind sei, geant­wortet haben, dass das besser sei, als auf dem linken Auge nichts zu sehen. Ich weiß nicht mehr, wo ich es las, ob diese Aussage stimmt und in welchem der Orte, in denen Not­un­ter­künfte brennen, sie Dienst tat — das Lesen dieser Antwort trig­gerte ganz vieles in mir an. Bei­spiels­weise ver­suchte ich, die klas­sische Salon­kom­mustin, diese Aussage zu ver­stehen. Damals, während des RAF-Terrors, handelte es sich um linke Gewalt. Viel­leicht erklärt das manches. Zumindest dann, wenn man sich nicht gerne zu intensiv Gedanken machen mag und nicht in der Lage ist zu dif­fe­ren­zieren. Was auch vieles andere erklären könnte: bei­spiels­weise die Vor­stellung, jede Frau mit Kopftuch müsse eine fana­tische Isla­mistin sein, die eine Kalasch­nikoff im Strumpfband trägt. Dann erscheint es sicherlich auch logisch, dass Menschen, die mit nicht viel mehr als ihrem Leben und — im besten Falle — einem Teil ihrer Familie und einem Handy sich hierher geflüchtet haben, das taten, um hier ein Vermögen und Luxus­güter ange­dient zu bekommen.

Als ich 13 war, haben wir im Reli­gi­ons­un­ter­richt über das Dritte Reich, über die Weiße Rose und über Anne Frank gesprochen; unser Lehrer war ein deutsch-polnischer Pater, der als junger Mann vieles in Warschau mit­erlebt hat. Er sprach mit Humor und Ver­zweiflung und Trauer und Ver­gebung über diese Dinge. Ich stürzte mich dar­aufhin auf alles, was ich dazu finden konnte — schwierig war das nicht, denn ich gehöre zu der Gene­ration, die während der Schulzeit in eigentlich jedem Fach und in jedem Jahr auch mit den grau­samsten Fakten und Bildern kon­fron­tiert wurde. Mir reichte das nicht aus; ich versank fast in all den Büchern, die ich nachts las. Ich weinte näch­telang, war wütend, sprachlos und rach­süchtig. Wieder malte ich mir aus, was ich hätte tun können, um diese Zeit anständig zu über­leben, bewun­derte Sophie Scholl und andere wie sie und war mir gleich­zeitig sicher, niemals so mutig und unei­gen­nützig wie sie sein zu können. Was mich am stärksten belastete, war mein Unver­ständnis: konnte es wirklich Menschen geben, die so unmenschlich sind? Die unge­rührt Männer, Frauen und Kinder töteten? Die ihre Mit­men­schen als Dreck ansahen und behan­delten und sich dabei im Recht fühlen konnten? Deren Fantasie und Vor­stel­lungs­ver­mögen so mickrig waren, dass sie nicht mit­litten, weil sie sich das Leid nicht vor­stellen konnten? Gab es wirklich Menschen, die kein natür­liches Gefühl für das Richtige und Gute und Wahre hatten?
Dass es noch immer Menschen gab, die all die Bege­ben­heiten dieser Zeit leug­neten, die billige Ausreden parat hatten für Anti­se­mi­tismus, Men­schenhass und rohe Gewalt — das sah ich natürlich. Aber in meiner direkten Umgebung gab es solche Menschen nicht und so konnte ich mir einreden, es seien nur wenige, die so dächten. Gleich­zeitig war ich immer schon ein Snob, der ins­geheim glaubte, ein zu großer Teil der Menschheit sei entweder zu dumm oder zu ego­is­tisch, um diese Welt zu einem wirklich guten Ort zu machen. Mit jedem Jahr, das ich lebe, stelle ich fest: mein jugendlich-arroganter Sno­bismus war vor allem naiv, aber nicht unbegründet.

Schauen wir uns jetzt um, so herrscht an viel zu vielen Stellen dieser Erde Krieg, von dem viel zu viele von uns meine, er beträfe sie nicht. Wie eigen­artig, mit Selbst­ver­ständ­lichkeit Kiwis aus Neu­seeland essen zu können und dabei zu meinen, Syrien sei weit weg. Oder der Balkan, der immer noch glimmt. Oder die Ukraine. Oder oder oder. Und dann auf einmal kamen die Dummen, die Egoisten, die Herz­losen aus ihren Höhlen gekrochen, von ihren Bäumen geklettert und kom­men­tierten: unter Zei­tungs­ar­tikeln, auf Facebook, auf twitter, in Blogs — wo immer man sie ließ. Und immer lief es auf das Selbe hinaus:

"Ich bin ja kein …, ich bin ja nicht …, ABER … und das wird man ja wohl mal sagen dürfen"

Anfangs anonym, trauten sie sich auf einmal mit Klar­namen zu schreiben. Sicher, schaut man sich die Recht­schreibung und den Satzbau an, so liegt die Ver­mutung nahe, dass sie sich dessen gar nicht bewußt waren. Aber ich und viele andere fragten sich, was denn nur geschehen sei? Wie konnte es sein, dass manche sich das über­haupt wagten? Schlimmer noch: wie konnten manche das wirklich glauben, was sie da vor sich hin­stot­terten? Wie krank und abge­brüht und innerlich häßlich musste denn jemand sein, dass er Witze über das Sterben und Leiden von Tau­senden machen konnte? Dass manche sogar von sich behaup­teten, sie würden mit Wonne selbst zur Waffe greifen? Woher kommen diese "Menschen"?
Ganz schlimm wird es, wenn man Videos schaut. Nicht nur, weil dort Abschaum spricht. Sondern weil sie mich und euch dazu bringen, sie als solchen zu bezeichnen. Ich höre ego­is­ti­sches, dummes und gemeines Gegreine, üble Dro­hungen und sehe häßliche Menschen, die sich als die Krönung der Schöpfung begreifen und ich muss fest­stellen, dass sie etwas in mir auslösen: Hass. Wut. Rach­sucht. Wäre Gott real, wäre nun nicht der Zeit­punkt, Feuer vom Himmel fallen zu lassen? Wohl­ge­zielt?
Dann erschrecke ich vor mir, denn so bin ich nicht, so will ich nicht sein. Aber was kann man tun? Lesen können die meisten wohl nicht, das macht ihre Aus­drucks­kunst deutlich. Gefühl für andere besitzen sich nicht. Ihr eigenes Leben ist nicht rosig. Wie also kann man diese Mit­bürger (wie es schon schmerzt, das anzu­er­kennen!) erreichen? Geht das überhaupt?

Ja, in unserer Gesell­schaft stimmt auch vieles nicht; die Schere zwischen arm und reich ist zu weit geöffnet, Frauen haben ihre Gleich­be­rech­tigung noch lange nicht erreicht, die Wirt­schaft ist unser höchstes Gut, wir rennen und rennen immer schneller und zählen als Mensch immer weniger. Wir haben eine Regierung, die zu den falschen Themen den Mund aufmacht und Europa scheint ein ferner Traum zu sein. Ganz vieles müsste sich ändern und keiner weiß wie. ABER all das ist KEIN Grund, Mit­men­schen vor unseren Türen stehen zu lassen. Unser Staat ist genauso ver­ant­wortlich für all das Schlimme um uns herum, wie jeder andere auch, der nur an Profit und Wachstum inter­es­siert ist. Wer Waffen liefert, darf sich nicht über Opfer wundern.

Nein, ich weiß auch nicht, was zu tun ist. Wie vielen anderen geht es auch mir: an vielen Tagen will ich gar nichts mehr hören und sehen, denn ich ertrage es nicht. Ich kann mich nicht jeden Tag fragen, was kommen wird. Kann nicht jeden Tag lesen, welche Gräuel begangen werden. Mag mir nicht vor­stellen, was genau in diesem Augen­blick woanders geschieht. An manchen Tagen kaufe ich Hosen, Hosen, Hosen, erzähle lustiges, setze meinen Ehrgeiz in ein perfekt geputztes Haus, ärgere mich über meine Haare oder gammele vor mich hin. Und ja, ich freue mich über Bana­li­täten, versuche nach meinen schlechten, letzten drei Jahren alles aus­zu­kosten und zu genießen, weil ich eben auch nur dieses eine Leben habe. Aber wie hohl und krank wäre es, wenn das alles wäre? Das einzig Gute an all dem Schreck­lichen ist: es empören sich unendlich viele und begehren gegen all den Dreck auf.

Nach so vielen Jahr­tau­senden der Mensch­heits­ge­schichte, mit all unseren Errun­gen­schaften, der Lite­ratur, den Filmen, der Musik, nach all den klugen Gedanken, den schlimmen Erleb­nissen sind wir noch immer nicht so weit, einfach nur den Menschen zu sehen? Noch immer lassen sich so viele von gedachten Grenz­linien trennen, defi­nieren sich über Haut­farben oder Glau­bens­be­kennt­nisse oder ana­to­mische Unter­schiede? Und dann bin ich wieder 14, weine die Nächte durch und kann es nicht ver­stehen. Auch ich kann gehässig, spöt­tisch oder gierig sein. Ich liebe nicht alle Menschen und wünsche nicht jedem nur gutes. Aber käme nun endlich einmal die gute Fee mit ihren drei Wünschen, dann reichte mir einer: Frieden und Freiheit überall und für jeden. Ver­dammter Mist nur, dass das wohl nie pas­sieren wird.

Es ist spät, ich weiß gar nicht mehr so genau, was ich hier schrieb. Ein Gedanke ist noch übrig: es ist mir im Grunde längst egal, wer wo poli­tisch steht — sei für die Maut oder dagegen, liebe den Euro oder hasse ihn. Aber bleib doch einfach ein Mensch, der seine guten Instinkte pflegt, nicht die niederen.

Nachtrag: Gerade eben sehe ich, es gibt eine Blogger-für-Flüchtlinge-Initiative, die uns alle dazu auf­fordert, nicht weg­zu­schauen und zu helfen, wo und wie wir können — bei­spiels­weise wie es Muriel getan hat. Und wer sich unter den Blog­genden von den herr­schenden Zuständen abge­stoßen fühlt, sollte sich einen Ruck geben, und das auch einmal deutlich in seinem Blog sagen. Ein Satz reicht ja schon, um zu zeigen, dass wir uns die Ver­brechen angeb­licher Deutsch­land­retter nicht gefallen lassen und dass Mensch­lichkeit für uns wich­tiger ist als Angst vor dem Anderen.

Tanya Whelan — Kleider nähen

All die­je­nigen, die schon einmal mit mir genäht haben oder auch nur länger auf meinem Sofa saßen und das Thema anschnitten, wissen, dass ich immer, immer, immer versuche, ihnen das Kaufen einander sich ähnelnder Schnitt­muster aus­zu­reden und sie statt­dessen für das Selbst­kon­stru­ieren oder zumindest für das Abwandeln zu begeistern. (Und das war jetzt mal ein Satz, der schon bald halb so lang war wie einer von Thomas Mann.) Meist nickt die so Ange­spro­chene mit dem Kopf, pflichtet mir bei, windet sich aber dann heraus, in dem sie von man­gelnder Zeit, zu wenig Ahnung oder unnö­tiger Arbeit spricht. Andere hingegen, deren eigenes inneres Stimmchen schon länger ähn­liches murmelte, legen sofort los und beginnen mit einem Grund­schnitt. Während dessen Erstellung sie mich ver­fluchen, ich kann das deutlich spüren. Aber wenn es denn voll­bracht ist und sich die neue Welt der freien Gestaltung öffnet (nunja, zumindest gibt es WENIGER Begren­zungen …), dann strei­chelt man mir über den Scheitel, krault mich unterm Kinn und gesteht mir zu, gar nicht einmal so falsch gelegen zu haben. Achja, welch ein Moment, wenn sie flügge werden.

 

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Wie also könnte ich an einem Buch vor­bei­gehen, das all die begeis­terten Klei­der­nä­he­rinnen und Wie­der­ho­lungs­käu­fe­rinnen genau dort abholt, wo sie stehen und sich nicht weiter fort­be­wegen (können, wollen, mögen)? Es handelt sich um Kleider nähen, ein Buch, das euch viel­leicht schon einmal in den eng­lisch­spra­chigen Blogs unter dem Namen "Sew many dresses, sew little time" über den Weg gelaufen ist. Und am besten zitiere ich Miss Whelan mit ihren eigenen Worten:

"Wenn Sie eine Näh­ma­schine bedienen können und Ihre eigenen Kleider ent­werfen und nähen möchten, dann ist dieses Buch genau richtig für Sie. Fort­ge­schrittene Anfän­ge­rinnen finden hier simple Schritt-für-Schritt-Schnittmuster und Anlei­tungen zum Nähen attrak­tiver, klas­si­scher Kleider. Kom­pe­tenten Nähe­rinnen, die mit Schnitt­mustern bereits Erfahrung gesammelt haben, wird ein kom­plettes Set mit ver­läss­lichen, frei kom­bi­nier­baren Schnitt­mustern für Ober­teile und Röcke geboten, aus denen bis zu 219 ver­schiedene Kleider genäht werden können. Und falls Sie neu­gierig darauf sind, Schnitt­muster zu ent­werfen, zeige ich einfache Tech­niken zum Vari­ieren von Schnitt­mustern. Sie möchten lernen, wie Sie ein Schnitt­muster ver­ändern können, damit das Näh­projekt die indi­vi­duell beste Passform hat? Auch das wird in diesem Buch gezeigt."

 

Das Inhaltsverzeichnis könnt ihr in groß lesen, wenn ihr das Bild anklickt.
Das Inhalts­ver­zeichnis könnt ihr in groß lesen, wenn ihr das Bild anklickt.

Wie in den meisten Schnitt­mus­ter­bü­chern gibt es ein Kapitel, das sich mit den Grund­lagen beschäftigt, so auch hier: es werden die benö­tigten Mate­rialien ebenso auf­ge­listet wie mögliche Klei­der­stoffe; es geht um Fadenlauf, Näh­stiche und Pro­be­mo­delle und es hört bei selbst­ge­fer­tigten Schnei­der­büsten noch nicht auf. Eine erfahrene Schnei­derin wird sich an diesem Kapitel nicht stören und viel­leicht noch brauchbare Tipps finden, die oben zitierte fort­ge­schrittene Anfän­gerin wird dankbar sein, alles noch einmal kompakt an der Hand zu haben. Übrigens werden alle, die mit diesem Buch arbeiten werden, dankbar für Format und Bindung des Buches sein: wie eigentlich alle Bücher aus der Edition Michael Fischer, die ich in der Hand hatte, ist es hoch­wertig gear­beitet und — am aller­wich­tigsten — es bleibt geöffnet liegen. Es benötigt so wenig, um mich glücklich zu machen.

Und dann geht es auch gleich los: zunächst mit den Ober­teilen, die alle so geschnitten sind, dass ihre Tail­len­ab­näher und Sei­ten­nähte mit jedem der später gezeigten Rock­schnitte überein stimmen — ein Arbeits­er­leich­terung für alle, die gerne ver­schiedene Schnitt­muster mit­ein­ander fran­ken­steinen und damit oft mehr Arbeit haben als vor­her­ge­sehen. Eben weil sämt­liche Naht­linien passend gestellt werden müssen.
Wer mit diesem Buch arbeiten möchte, sollte also zunächst den Basis-Oberteilschnitt nähen und anpassen. Und hoppla, schon ist man bei der ersten Variation: einem ein­schult­rigen Oberteil mit Raf­fungen und schon diese Variante stellt die Leserin unter Anleitung selbst aus dem Basis­schnitt her. Ganz unbe­merkt ist man beim Schnitt­design gelandet …

 

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So geht es weiter: abwech­selnd werden Schnitte ver­wendet, die auf einem der drei dop­pel­seitig bedruckten Bögen sind oder es werden Abwand­lungen daraus erstellt. Tanya zeigt, wie man aus dem Basis­schnitt einen Schnitt für Kräu­se­lungen, einfache Blusen (ähnlich dem, den ich gestern gezeigt habe) oder Schnitte mit Passen erstellt, bevor es an Krägen, Ärmel und Röcke — eben­falls mit Abwand­lungen — geht. Jeder Schritt ist klar und deutlich erklärt, auch ein Kapitel zur Lösung der häu­figsten Pass­form­pro­bleme fehlt nicht. Der Ton ist durch­gehend freundlich und ent­spannt und schon nach kurzer Lektüre dürfte jede Leserin davon über­zeugt sein, das Klei­der­nähen meistern zu können.

 

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Tanya Whelan bloggt übrigens in ihrer Eigen­schaft als Autorin und Desi­gnerin für Stoffe, Schnitte und Papier­waren unter grand revival design; dort finden sich sicherlich noch mehr Bilder der im Buch ent­hal­tenen Schnitte. Kleider nähen: Das große Buch für mehr als 200 indi­vi­duelle Kleider ist bei EMF erschienen und kostet 24,99 € — also gerade einmal 2,5 neue Schnitt­muster und ist meiner Meinung nach jeden Cent wert.

Anleitung verschlußlose Bluse

Bluse1Ich muss es endlich einmal in Ruhe los­werden: danke an alle, die so frei­giebig mit Lob und Kom­pli­menten während der letzten Wochen waren — zum Ant­worten kam ich kaum; Som­mer­ferien, Schul­an­fänge und Gat­ten­dienst­reisen sind einfach nicht kom­pa­tibel mit nähenden, blog­genden und schlecht foto­gra­fie­renden Müttern. Also: Danke! Der Gatte übrigens ist noch ganz verwirrt von meinem plötz­lichen Sin­nes­wandel, findet aber eben­falls durchaus lobende Worte. Über­haupt wären die Reak­tionen einen eigenen Beitrag wert, aber nun geht es um die Bluse.

Falls also eine von euch eben­falls ein schlichtes Oberteil für enge Hosen oder Röcke möchte, kommt hier die Anleitung. Wie immer gehe ich davon aus, dass ein gut sit­zender Grund­schnitt vor­handen ist — also ein Schnitt mit Taillen-, Brust– und Schul­ter­ab­nähern, der den Hals hoch umschließt und sehr kör­pernah sitzt. In diesem Falle sollte er hüftlang sein.

Im ersten Schritt wird der rück­wärtige Schul­ter­ab­näher geschlossen und die Weite in den Saum geschoben; der Tail­len­ab­näher wird gestrichen und die Tail­lierung an der Sei­tennaht bleibt erhalten. Dadurch behält die Bluse eine schöne Form im Brust­be­reich — würde die Sei­tennaht von Achsel bis Hüfte gerade gestellt, wird das Oberteil deutlich weiter und formloser.

Am Vor­derteil habe ich den Brust– bzw. Schul­ter­ab­näher nur teil­weise geschlossen; der Saum soll sich vorne um die gleiche Weite öffnen wie hinten.
 
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Die Weite am Saum wird mit einem unter­ge­klebten Papier gesi­chert und dann erst wird der Schul­ter­ab­näher komplett geschlossen und in einen fran­zö­si­schen Abnäher ver­wandelt. Dieser führt von der Hüfte bis zur Brustspitze.

 

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Jetzt kann der Schnitt kopiert werden. Danach wird der neue Hals­aus­schnitt ein­ge­zeichnet — ein leicht gerun­deter Uboot-Ausschnitt: der Halspunkt an der Schulter rutscht 3 cm nach außen, an der HM habe ich 2 cm und an der VM 1 cm nach unten abge­trogen. Der Aus­schnitt soll hinten ein klein wenig höher sitzen als vorne.
Der Fran­zö­sische Abnäher wird eben­falls etwas gekürzt, aller­dings darf er als einziger Abnäher bis ganz nah ran an die Brust­spitze — 1 cm Abtrag reicht aus. Auch die end­gültige Länge wird nun fest­gelegt: für das Oberteil auf Höhe des Hüft­knochen, für das Kleid (das ich noch zeigen möchte) wird ver­längert bis wohin man nur möchte.

 

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Die Ärmel werden glatt ein­genäht und etwa 3 cm unterhalb der Achsel gekürzt; dafür braucht es keine Schnitt­an­leitung, denke ich.
Damit die Bluse schön fällt, braucht es einen Stoff, der fließend ist und sich gerne bewegt. Ein zu dünner Stoff würde zu sehr in sich zusam­men­fallen, ein schwerer Stoff dürfte zu viel Stand haben. Noch aus­pro­bieren wollte ich, ob Muster sich mit dem Schnitt vertragen.

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Wie immer seht ihr mir nach, dass rein tech­nische Erklä­rungen mein Ding nicht sind — es fehlt mir hier das Sinnliche 😀

Genäht, genäht — ich habe was genäht!

Jedes Jahr im Sommer das selbe Spiel: ich kündige der Familie an, dass ich nicht nur kochen und putzen und waschen und kochen werde, nur weil über Wochen (fast) alle zu Hause sind und Arbeit machen — nein, ich will und werde auch nähen und stricken und bloggen und Ferien haben, so! Funk­tio­niert jedes Jahr unglaublich. Unglaublich gar nicht. Das türkise Kom­fortzelt war ein Schnell­schuß, danach krebste ich an einem Trä­ger­kleid herum, das mir nicht gefiel, begann den hübschen Sack und eine daraus ent­wi­ckelte Über­zieh­bluse (wer auf Facebook mitliest, hat schon etwas davon gesehen). Das Trä­ger­kleid ist längst entsorgt und Sack und Top habe ich gestern endlich fertig gestellt.

Heute früh, die Sonne schien ver­lo­ckend, kam ich meiner heiligen Pflicht nach und foto­gra­fierte. Wie immer nicht leicht für mich: nicht nur schien mir die Sonne in die Augen, ich weiß auch über­haupt nicht, wie ich nun posieren soll — nicht, dass ich das jemals wußte. Aber in Kunst­le­der­hosen und fla­cheren Schuhen fühlt es sich ganz neu und anders und unbe­holfen an …

 

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So viel Sonne!

An der gekauften Hose könnte manches besser sitzen, aber der Große brachte sie mir begeistert in die Kabine und für 7,- € lass auch ich mich im Schluß­verkauf ver­führen. Die perfekte Kunst­le­der­leg­gings suche ich noch. Aber viel inter­es­santer ist das Oberteil. Der Stoff stammt von einem ebay-Verkäufer, der Stoffe aus den 60ern im Lager hatte: dieser hier ist ein Viskose-Kunstfasermischung-Crêpe, der aus gutem Grund sehr günstig war. Ursprünglich war es wohl ein zarter Rosen­holzton, aber als er hier ankam, war er ange­gilbt, teil­weise bläulich verfärbt und verzogen war er noch dazu. Da ich hier nichts mehr ver­derben konnte, habe ich den Stoff gemeinsam mit Gar­di­nenweiß, Fle­ck­ent­ferner und einem guten Schuß WC-Reiniger in die Wasch­ma­schine geworfen — und gehofft, keine fatale che­mische Reaktion aus­zu­lösen. Ver­blüffend, aber wahr: heraus kam ein gleich­mä­ßiges Graurosé. Schwie­riger war es, den Crêpe wieder eini­ger­maßen in Form zu bekommen und am fertigen Oberteil gibt es noch immer kleinere Beulchen, die sich nicht glätten ließen.

Die Bluse trägt sich wun­derbar, wenn auch unge­wohnt: die Tail­len­ab­näher blieben offen, auch der Schul­ter­ab­näher wurde als Weite in den Saum geschoben. Aus dem Bru­st­ab­näher wurde ein fran­zö­si­scher, der von der Hüfte bis zu Brust­spitze reicht. Leider gelingt es mir nicht, die Schönheit der Bluse abzu­lichten: sie umfließt mich, sitzt an Schultern und Armen so perfekt, wie ich es nur hin­be­kommen kann (also könnte besser sein, reicht mir aber aus) und der leicht gerundete –Boot-Ausschnitt liegt glatt an — ingesamt bin ich stolz auf diesen Schnitt; das darf ja auch mal vor­kommen. Schlichtheit ist tat­sächlich weniger leicht, als es aussieht.

 

Wohlfühlpose offenbar ...
Also wandern wir auf die andere Seite des Hauses in den Schatten.

Dass die Schul­ferien vorbei sind, hat einen großen Nachteil: der Kleine konnte mich nicht knipsen, deshalb wieder einsame Feld­ver­suche mit Kame­rahöhe und Rennerei. Das letzte ist mir am ähn­lichsten, wenn ich meinem Spiegel trauen darf.

Ganz ehrlich

Ha, als wäre ich sonst nicht ehrlich. Bin ich, oft sogar ehr­licher als gewollt oder gedacht. Vor allem, wenn ich schreibe. Was immer man von mir sagen kann, Unehr­lichkeit ist keine meiner schlechten Eigen­schaften; höchstens sage ich einmal etwas nicht: wenn es eh keinen Sinn macht oder jemand verletzt würde. So weit, so gut.

Nun ist es so, dass ich manche Gedanken nicht einmal vor mir selbst bis zum Ende denken möchte — aus dem gleichen Grund wie oben ange­führt: jemand könnte verletzt werden. In diesem Falle ich. Aber gehe ich wirklich mit Wunden aus einer zu Ende geführten Über­legung hervor? Oder besser gesagt aus dem Aner­kennen einer unver­rück­baren Tatsache? Das klingt jetzt wun­derbar dra­ma­tisch, aber das täuscht, denn es geht um nichts anderes als um mein Kern­thema: um Schönheit, Ver­än­derung, Per­sön­lichkeit und um das Altern und seine sicht­baren Zeichen.

 

So ist es nun einmal: alles ist traurig und bitter.
So ist es nun einmal: alles ist traurig und bitter … jammerjammerjammer …

Da könnten wir meinen, dass ich darüber schon genug geschrieben hätte; ich scheine besessen zu sein, ober­flächlich und eitel. Geh und lass dich ope­rieren, wenn du das alles nicht ertragen kannst! Jepp.
Oder auch nicht. Weshalb also schon wieder lange und aus­schwei­fende Gedan­ken­mä­an­de­reien? Weil es mein Blog ist, mein Komm-Damit-Klar-Studio, meine Schreib­spie­lerei. Und weil ich mir sehr, sehr wünsche, mehr darüber bei anderen lesen zu können.
Damit meine ich NICHT diese all­ge­gen­wär­tigen Artikel in Life­styleblogs und Frau­en­ma­ga­zin­seiten, die betonen — in einem lässig-gewollten, aufgesetzt-vertraulichem Duzton — dass alles ganz groß­artig ist, denn jetzt, über 40 oder 50 oder 112, ja, jetzt ist alles so viel besser. Denn

  • wir sind so viel selbstbewußter,
  • haben so viel Erfahrung,
  • sind unglaublich entspannt,
  • stellen etwas dar,
  • haben noch ganz dolle viel vor uns,
  • nutzen von Haar­fär­be­mittel über Botox bis hin zum Lifting alles und sehen dennoch ganz natürlich frisch aus,
  • leisten uns Per­so­nal­trainer und/oder junge Liebhaber,
  • wissen um unsere sagen­hafte Ausstrahlung
  • und sowieso ist 50 die neue 30!

 

Ach nein, es ist alles so schön und fantastisch - wir sind nur die erwachsene Version des Girlie!
Ach nein, es ist alles so schön und fan­tas­tisch — wir sind nur die erwachsene Version des Girlie!

So! Jawohl! Und wenn das bei dir nicht so ist, dann hast du entweder den falschen Friseur, sitzt zu oft zu faul auf deinem dicken Hintern, hast die letzten 30 Jahre eh alles falsch gemacht oder bist zu dumm, um Lip­pen­stift richtig auf­zu­tragen. Geändert hat sich also gar nix: wenn was nicht stimmt, bist du selbst schuld. Das begann im weib­lichen Leben mit etwa 14 (immer noch kein Busen — du machst was falsch), steigert sich mit den Kindern (dein Zwei­jäh­riges schnullert noch und trägt eine Windel? Gewiß hast du beim Stillen etwas vergeigt!) und endet eben über­haupt nicht über 40 — entgegen all der wun­der­baren Mantras.

Gut, es gibt noch die andere Seite: die medi­zi­ni­schen Artikel über die große Krankheit Wech­sel­jahre und was sie alles mit dir anrichten und wie willen– und hilflos frau dem aus­ge­liefert ist (ihrer schwachen Natur als Dau­er­pa­ti­entin ent­spre­chend). Oder der Anzei­gen­markt von Job­vergabe bis Hei­rats­ver­mittlung — irgendwie werden die tollen, selbst­be­wußten und strah­lenden Damen da wenig gesucht. Reden wir uns jetzt auch mal schnell schön, denn die haben alle nur Angst vor uns. Wenn wir uns alle so toll und selbst­sicher fühlten, gäbe es dazu auch allen Grund.

Ich mache mir Gedanken über das Altern, seit ich mit 20 in meinem ersten Beruf als Kos­me­ti­kerin anfing. Das konnte nicht aus­bleiben, kamen doch vor allem Frauen über 40 zu mir. Auf mich wirkten die meisten von ihnen in der Tat so, wie es uns die Moti­va­ti­ons­ar­tikel weis­machen wollen: sie waren erwachsen, stot­terten nicht herum, huschten nicht in den Laden, waren präsent. Viel­leicht empfand ich es so, weil ich mir mit meinen wenigen Jahren unter­legen vorkam. In der Kabine, vor mir auf der Liege, änderte sich das schnell: ich wußte, wovon ich sprach und bekam im Gegenzug zu hören, wie sehr viele von ihnen unter den Linien im Gesicht, dem wei­cheren Gewebe, der sich ein­gra­benden Müdigkeit litten — vor allem aber an der Unmög­lichkeit, etwas dagegen tun zu können. Wer nun denkt, dass die klas­sische Kundin die ver­wöhnte Gattin eines gut­ver­die­nenden Mannes gewesen sei und nun ihrer ver­lo­renen Jugend und Schönheit hin­terher trauere, dass sie ober­flächlich, geistlos und unbe­deutend sei — der irrt. Sicher, auch solche Frauen habe ich kennen gelernt, aber meine erste Stelle hatte ich in Godesberg, 100 m von der Diplo­ma­ten­rennbahn entfernt. Meine Kun­dinnen waren Abge­ordnete, Bot­schafts­an­ge­hörige, Lob­by­is­tinnen, Frau­en­rät­le­rinnen, Juris­tinnen und Ärz­tinnen, Geschäfts­frauen und Unter­neh­me­rinnen. Frauen also, die sich nie nur auf ihr Aussehen ver­ließen. Frauen, die Geld und Ansehen hatten, über Geist, Witz und Intellekt ver­fügten. Und ich war scho­ckiert. Jedes Mal in den ersten zwei oder drei Jahren. Und später immer mal wieder. So tolle Frauen, so fan­tas­tische Menschen und dennoch saßen sie zwischen 45 und 55 in einem Graben der Trauer und Unsi­cherheit fest. Nicht alle natürlich, aber die meisten. Manche for­mu­lierten es dras­tisch, andere schlichen um das Thema herum.

Ich von außen konnte nicht begreifen, weshalb das so war. Natürlich, man sah, dass dieser Mensch keine 30 mehr war. Man sah die zu häufigen Son­nen­bäder, das Lachen und das Weinen, die leeren Schwan­ger­schafts­bäuche, die Adern­ge­flechte auf den Ober­schenkeln, die Pig­mentseen auf den Hand­rücken und die grauen Haare. Aber man sah doch auch am Auf­treten, hörte an der Stimme, dass diese Frau kein Küken mehr war. Für mich war das Bild damit stimmig und richtig und schön. Ganz, ganz fest nahm ich mir vor, dass ich mit diesem normalen Prozess keine Probleme haben würde — ich sah doch jeden Tag, dass es nicht schlimm sein musste, dass es spannend war, dass es der Aus­strahlung und Per­sön­lichkeit keinen Abbruch tat. Nicht auf den ersten Blick zumindest …

Und wahr­haftig: während meine Freun­dinnen gar schon einen Horror vorm 30. Geburtstag hatten, konnte ich nur lachen. Auch der 35. und der 40. waren kein Thema; ich hatte das Gefühl, dass ich immer mehr ankomme, dass jedes neue Alter immer besser zu mir passte. Unzu­frieden mit meinem Äußeren war ich ja immer irgendwie, da machten die Jahre keinen Unter­schied — sowieso verfügte ich immer über das Talent, mich gleich­zeitig wegen meiner opti­schen Unzu­läng­lich­keiten zu kri­ti­sieren und mich im Großen und Ganzen dennoch zu mögen, denn trotz all meiner äußeren und inneren Fehler bin ich doch ein ganz anstän­diger Mensch.

Aber vor vier Jahren, mit 43, erwischte es mich dann doch: diese eine Linie hier, das weichere Gewebe dort und die immer aus­ge­präg­teren Augen­ringe — sie störten mich. Nicht in ihrer Eigen­schaft als Falte oder Schwab­belkinn, sondern in ihrer Fremdheit. Denn immer seltener blickte mich aus dem Spiegel die Person an, die ich kannte. Es legte sich ein Schleier über das Gesicht, durch den ich kaum noch blicken konnte. Natürlich setzte in mir der Auto­ma­tismus des Profis ein: hier mehr Feuch­tigkeit, dort die Durch­blutung anregen, öfter mal mas­sieren, etwas anders zupfen, ein neues Make up — ja, das half alles und ver­söhnte mich. Doch kaum hatte ich mich an den neuen Anblick gewöhnt, überfiel mich die nächste Ver­än­derung: weshalb passe ich nicht mehr in diesen BH? Wieso wiege ich montags zwei Kilo mehr, wenn ich sonntags ein Eis genoß? Weshalb funk­tio­niert das mit dem Fönen nicht mehr? Warum sehe ich mit Make up noch genauso müde aus? Weshalb rächt sich feh­lender Schlaf so grausam? Wieso, wieso, wieso?!?!? Ich hatte das nicht bestellt und ich wollte es auch nicht haben. Kann das bitte irgendwer zurück nehmen?

Nun bin ich ja ein den­kendes Wesen mit Grund­sätzen, die ich auch nicht auf­zu­geben gedenke — gegen das Altern angehen in einem sinn­losen Kampf, der nur mit der eigenen Lächer­lichkeit enden kann, das wollte ich nicht. Intel­lek­tuell bin ich längst mit mir ein­ver­standen und bin wei­terhin neu­gierig, was aus mir noch werden wird. Aber das ist ein Lip­pen­be­kenntnis, das leicht fällt — jeder kluge Mensch akzep­tiert das Altern als Gege­benheit. Im Kopf, nicht aber im Herzen. Das lehnt sich nach wie vor auf, spricht von Schicksal und Unge­rech­tigkeit und Verdruß. Und dann endlich meldete sich mein Kopf einmal ernsthaft zu Wort. Bislang ver­wei­gerte er — arrogant und selbst­herrlich — die Dis­kussion: "Eine eitle und unnütze Debatte, die du da zu führen ver­suchst.  Darauf lasse ich mich gar nicht erst ein."

Aber gestern abend fiel mir zum ersten Mal bewußt auf, wie sehr ich dieses "Selbst schuld" ver­in­ner­licht habe: irgendwie fühle ich mich dafür ver­ant­wortlich, auf Bildern immer müder und ein­ge­fal­lener aus­zu­sehen; ich habe es zuge­lassen, wellige Ober­schenkel zu haben; ich bin die Ver­ur­sa­cherin jeder ein­zelnen Pustel, die in meinem Gesicht blüht — irgend­etwas mache ich falsch und das ist meine Strafe. Und mein Kopf ließ sich endlich dazu herab, mit mir zu sprechen:

"So ein aus­ge­machter Schwachsinn! Klar, wenn du dein Leben lang Sport getrieben hättest, wäre der Po straffer und du könntest vier Treppen hoch­laufen und nicht nur zwei. Na und? Hast ja nur zwei Treppen hier im Haus. Und klar: hättest du aufs Kin­der­kriegen ver­zichtet bei deinem miesen Bin­de­gewebe, dann würde es da nicht schwabbeln — aber wäre es das wert gewesen? Und willst du graue Haaren mit Wil­lens­kraft am Wachsen hindern? Hättest du  dich in einem früheren Leben besser benehmen müssen, um nun mit unver­gäng­licher Schönheit gesegnet zu sein? Dann reise doch mal zurück in der Zeit, egal ob 15 oder 150 Jahre! Was glaubst du denn, wer du bist und welche unge­nutzten Mächte in die schlummern?? Eben. Du kannst dich ent­scheiden, an dir schnibbeln und lasern zu lassen oder du machst das Beste daraus und passt dich an. So ist das!"

 

Silkikon und Laser? Und das soll dann schön sein?
Silikon und Laser? Und das soll dann schön sein? Damit bleibe ich auch nicht, wie ich war.

Tja … bis ich wirklich begriffen haben werde, dass mein sich änderndes Aussehen keine Strafe ist, dass ich nicht in der Pflicht stehe, bis an mein Lebensende knackig-frisch und jugendlich-straff sein zu müssen, braucht es viel­leicht noch ein Weilchen. Und es wird wohl immer Tage geben, an denen ich ein klein wenig unglücklich und traurig sein werde, denn alles Reden ver­schleiert eines ja nicht: das Älter­werden bedeutet eben auch Verlust. Das kann ein kleiner oder ein großer sein, das kann man so oder so empfinden.

Für mich war es im letzten Jahr scheußlich. Und das ganz ehrliche im Titel ist das folgende:
Das sind die Dinge, über die man nicht so spricht. Ich stelle mich hier so halb­öf­fentlich hin und lamen­tiere über den Verlust meiner äußeren Erscheinung und gestatte damit, dass mich die eine oder andere Leserin als ober­flächlich und selbst­ver­liebt wahr­nimmt. Was nicht stimmt, aber das weiß sie — viel­leicht– nicht, denn auch Lesen ist eine Kunst, die nicht alle beherr­schen. Die meisten, die jetzt hier lesen, aber ganz bestimmt 😀

Vor einiger Zeit schon hatte Lauren von wearing history etwas zum Thema "Social Media and the Myth of Per­fection" gepostet, in dem sie in der Retro­spektive zeigt, wie sie auf einem Foto/in einem Text wirkt und wie es wirklich war. Etwas, was wohl die meisten Blog­ge­rinnen nach­voll­ziehen können, sofern sie mehr tun als schöne Bilder zeigen: man erzählt, man zeigt, man erwähnt wohl auch mal ein Unwohlsein, aber in die Tiefe geht man oft nicht. Ich selbst habe ja im Laufe der letzten acht Jahre immer weniger Scheu, sehr per­sönlich zu werden und bin dadurch mit oft sehr beson­deren Mails und Kom­men­taren belohnt worden; als vor nun knapp drei Jahren mein Vater verstarb, habe ich wenig zurück halten können von meinen Gefühlen und war über­wältigt von den Geschichten und dem inne­woh­nenden Zuspruch und Trost, die ich erhielt.

Nun zuzu­geben, dass mich dieses Vor-sich-hin-Altern über Gebühr quälte, ist nicht so dra­ma­tisch und war eh sichtbar. Dass ich es als so sehr grau­envoll empfand, liegt vor allem daran, dass mein Körper seit Juni des letzten Jahres so gar nicht mehr mit­machen wollte — auch das ein Grund für die Aufgabe des Studios.
Von meiner ersten Regel an tat sie, was sie tun sollte: sie kam regel­mäßig. Immer mit Schmerzen, für die ich natürlich auch mich selbst und meine Weh­lei­digkeit ver­ant­wortlich machte und mich deshalb schämte; ganz offenbar stellte ich mich an und das aus niederen Motiven: um Klas­sen­ar­beiten zu entgehen oder Auf­merk­samkeit zu erlangen. Letztere bekäme ich lieber für schöne Dinge als für die Fähigkeit, auf der Straße wimmernd auf dem Bord­stein zu sitzen — ja, das kam vor und schön ist anders. Leider bekam ich meine Kinder ja spät, so dass ich mich 22 Jahre lang für einen weh­lei­digen Schwächling hielt. Dann merkte ich, dass ich jah­relang mit­tel­starke Wehen hatte. Kein Wunder, dass meine Söhne so überaus rasant auf die Welt kamen: ich war trainiert!

Aber im Juni letzten Jahres war es mit der Regel­mäß­gkeit aus: nach 3,5 Wochen war es schon wieder so weit — für jemanden, der sich auf 28 Tage jahr­zehn­telang ver­lassen konnte (immer samstags) war das schon bemer­kenswert und nach drei Zyklen in diesem Abstand war ich zumindest sehr genervt. Daraus wurden dann drei Wochen und das zeigte sich schon in größerer Müdigkeit und sehr schlechter Laune. Und dann vor Weih­nachten brach das Regel­system komplett zusammen: sie kamen nun mittags, nach­mittags oder nachts und das mal nach zwei­einhalb, mal nach drei Wochen. Und nein: damit bin ich nicht zum Arzt gegangen. Weil sich keine Frau­en­ärztin finden ließ, die Kas­sen­pa­ti­en­tinnen nimmt oder über­haupt einen Termin innerhalb der nächsten 6 Monate hatte. Und weil ich mir recht sicher war, dass ich die gleiche Emp­fehlung bekommen würde wie alle, die ich kenne: Hor­mon­er­satz­the­rapie. Die für mich nicht in Frage kommt, da ich Schild­drü­sen­hormone zu schlucken habe und vor acht Jahren schon deutlich spüren durfe, dass sich beide Hor­mon­gaben in mir nicht vertragen.

Ich ver­suchte dieses und jenes, halt die üblichen Ver­däch­tigen, die aber alle mehr Neben­wir­kungen hatten als Nutzen. Mitt­ler­weile kam meine Regel alle zwei Wochen, hielt fünf Tage an, gönnte mir drei Tage Ruhe und bescherte mir dann Vorboten mit Krämpfen und Brust­schmerzen. Im  Grunde ging es mir nun im letzten halben Jahr fast aus­nahmslos schlecht, was durch den mor­gend­lichen Blick in den Spiegel aufs Schönste gesteigert wurde — die Person jetzt war mir nun wirklich fremd. Von April bis vor vier Wochen wäre ich bald täglich bereit gewesen, einfach liegen zu bleiben und nie wieder auf­zu­stehen. Nicht aus Verdruß, sondern vor Schmerz. Von dem ich mir sagte, ich müsse halt durch und ihn aus­halten — erfah­rungs­gemäß half ja auch nicht viel: Par­acetamol ist voll­kommen nutzlos, Buscopan lindert ein Stündchen, dafür ist mir damit übel und riesige Mengen Magnesium lassen sich auch nicht so ohne weiteres auf­nehmen. Also: was dich nicht umbringt, macht dich stark.

Das Drama hatte seinen Höhe­punkt im Juli, in dem Monat, in dem ich meinen Klei­der­schrank umbaute und Kleidung kaufte und in kurzen Hosen vor der Kamera stand. Viele haben kom­men­tiert, manche gemailt und der Grund­tenor war: schön, fein, siehst viel besser und ent­spannter aus. Das hat mich durchaus gefreut, zum Ant­worten hatte ich keinen Nerv, denn ich lag die meiste Zeit entweder im Bett oder auf Sofa und Boden — wohin es mich am schnellsten zog. Das erste Mal kam meine Regel wieder nach vier Wochen, was ich als positiv ver­buchte. Aller­dings begann drei Tage nach Been­digung der letzten Mens der Schmerz, der nur sehr selten nachließ. Erschöpft ging ich zu Bett und wachte nach drei Stunden mit Schmerzen auf und so blieb es über drei Wochen lang. Nir­gendwo konnte ich hin, ständig fühlte es sich so an, als ginge es jeden Moment wieder los. Ich sah aus wie ein Zombie, fühlte mich auch so und hörte nur von allen Seiten, ich solle mal zum Arzt gehen. Oder mich nicht so anstellen. Die Praxen, die ich durch­te­le­fo­nierte, teilten mir per Band mit, sie seien in Urlaub. Die Ver­tre­tungen waren über­lastet und mich in ein War­te­zimmer setzen für Stunden — danach war mir gar nicht. Abge­sehen von diesen Krämpfen hatte ich nicht den Eindruck, krank zu sein. Ich war eher sicher, dass ich nun noch einmal dadurch müsse und danach würde es end­gültig besser werden, egal, in welche Richtung es gehen würde. Und ich hatte den Eindruck, dass ich etwas ändern müsse: viel­leicht doch noch ein wenig gesünder leben, mehr Ruhe für mich finden, mehr von den Dingen tun, die ich tun will. Die Aufgabe des Studios war ein Anfang, das Aus­misten des Schrankes ein weiterer kleiner Schritt und das Erkennen der eigenen "Schuld­lo­sigkeit" in Bezug aufs Altern ein weiterer.

Darüber schreiben kann ich nun nur, weil seit der letzten Mens nun wahr­haftig weitere vier Wochen ver­gangen sind, keine PMS meinen Weg gekreuzt hat und ich seit über einem Jahr das erste Mal für eine so lange Zeit komplett schmerzfrei war. Ich fühle mich ziemlich neu geboren und bin endlich wieder bei mir.

Darüber schreiben fühlt sich aber auch grenz­über­schreitend an — wer will das schon lesen? Ehrlich gesagt, ging es diesmal sehr ums Weg­schreiben, von der Seele schieben und das ist immer gut. Aber ein bißchen würde ich mir wünschen, auch bei anderen einmal zu erfahren, ob sie sich plagen? Ist es ein Zeichen von Ober­fläch­lichkeit, in diesen Jahren mit den Ver­än­de­rungen zu hadern? Es ist ja nicht so, als käme danach nichts mehr oder nur noch Schreck­liches; das beweisen uns ja schon Mema und Dodo. Tolle Frauen, ganz klar (von denen wir mehr bräuchten!). Das war das Licht im Tunnel, das ich vor Augen hatte. Nur in diesem Tunnel fühlte ich mich in den letzten 13 Monaten ganz schön alleine,

Darüber schreiben bedeutet auch, dass ich hoffe, dass sich eine andere da draußen, die sich an diesem heißen Tag durch diesen langen Text gekämpft hat, in einer ähn­lichen Situation nicht ganz so alleine fühlen muss.

 

Letzten Endes ist es doch alles ganz gut, wie es nun einmal ist.
Letzten Endes ist es doch alles ganz gut, wie es nun einmal ist.

So. Und jetzt muss ich Kar­toffeln schälen, das hält das kleine Frauchen von dummen Gedanken ab …

Annette Fischer — Die Tätigkeit oder der Prozess des Konstruierens

Ein langer Titel, in Wirk­lichkeit ist er sogar noch länger: Mode Design Basics 03. Kon­struktion: Die Tätigkeit oder der Prozess des Kon­stru­ierens — sozu­sagen eine Inhalts­angabe des Buches, das ich euch heute vor­stellen möchte. Hier liegen einige Bücher, die ich zeigen möchte, aber in den letzten zwei Jahren war ich ander­weitig ein­ge­spannt — jetzt geht es wieder los.

 

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Im Stieb­ner­verlag sind auch die allseits bekannten japa­ni­schen Schnitt­mus­ter­bücher erschienen, sei es Drape Drape oder die Pattern Magic Serie, womit sich dieses Ver­lagshaus wohl als Profi in dem Bereich qua­li­fi­ziert. Dieses Buch heute ist nicht so leicht in Worte zu fassen, denn es ist kein aus­ge­spro­chenes Schnitt­kon­struk­ti­onsbuch, das einen durch das Erstellen eines Grund­schnittes und seine Abwand­lungen führt. Vielmehr beleuchtet es alle Bereiche, die bis zum fertigen Klei­dungs­stück durch­laufen werden müssen von der Kon­struktion des Schnittes bis zur Schneiderei.

Wenn ein Buch von knapp 200 Seiten solch ein Rie­sen­gebiet abdecken möchte, kann es nicht in die Tiefe gehen — aber diese Erwartung sollte man auch nicht haben. Was die Schwäche des Buches sein könnte, erscheint mir als seine Stärke: wenn ich mir noch nicht sicher bin, ob und wie ich nähen, schneidern oder kon­stru­ieren möchte oder — als junge Frau/junger Mann — darüber nach­sinne, ob ich eine Karriere in der Mode­branche anstreben sollte, dann bietet mir dieses Buch den nötigen Über­blick. Ich erfahre etwas über die Ent­wicklung der weib­lichen Sil­houette während der letzten 200 Jahre, lerne Grund­schnitte und ihre Abwand­lungen kennen — einige anhand von Desi­gner­mo­dellen — und arbeite mich bis zum Mus­ter­schnitt vor.

 

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Es geht weiter mit den unter­schied­lichen Stof­farten und ihrer Ver­ar­beitung, mit Einlagen und ihrer Ver­wendung und mit einem Ausflug in das Dra­pieren; am Ende stehen ein Glossar, eine Biblio­graphie mit pas­senden Büchern, die die jewei­ligen Themen ver­tiefen, dazu Listen mit Mate­ri­al­be­zugs­quellen, Inspi­ra­ti­ons­mög­lich­keiten und Designern.

 

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Die Texte sind knapp gefasst und sehr reich illus­triert mit Zeich­nungen und Modell­fotos; ein Mangel stellt für mich jedoch die sehr steife Bindung dar, die das offene Liegen des Buches während der Arbeit ver­hindert. Was schade ist, denn neben dem Über­blick über den Design– und Her­stel­lungs­prozess finden sich auch hand­feste Infor­ma­tionen, die der Hob­by­schnei­derin nützlich sind: rich­tiges Mar­kieren, die Wirkung unter­schied­licher Zuschnitte oder die Ver­wendung von Einlage an pas­sender Stelle und vieles mehr.

Ich kann das Buch eigentlich jeder ambi­tio­nierten Hob­by­schnei­derin emp­fehlen, die her­aus­finden möchte, ob sie weiter gehen mag: sei es in Richtung Kon­struktion eigener Schnitte und/oder die Ver­wendung hoch­wer­tiger und teurer Mate­rialien oder ob sie tiefer in das Anpassen und Gra­dieren fertiger Schnitte nach eigenen Wünschen ein­steigen mag — die ersten Infor­ma­tionen bekommt sie hier und Lust auf mehr sowieso. Wer schon einen reichen Fundus an Konstruktions-, Technik– und Anpas­sungs­bü­chern besitzt, wird hier nicht viel neues ent­decken, wird sich aber viel­leicht durch die Zusam­men­stellung von Bildern und Ideen inspi­riert fühlen, sich weiter aus­zu­testen. Für mich hat das, gerade jetzt in meiner Umbruch­phase, gut funktioniert.

Das Buch ist nicht ganz günstig mit knapp 30,-€, der Einband ist — wie erwähnt — nicht ideal, aber an Idee, Umsetzung und Inhalt ist nichts aus­zu­setzen — viel­leicht ist Mode Design Basics 03. Kon­struktion: Die Tätigkeit oder der Prozess des Kon­stru­ierens der erste Posten, der auf die Weih­nachts­wunsch­liste 2015 geschrieben werden kann 😀

Kleiner Stoffverkauf

Was liegt näher, als nach dem Sor­tieren des Klei­der­schrankes auch den Stoff­schrank durch zu sehen? Eben. Die Woll­kisten kommen auch noch dran und so werde ich in der nächsten Zeit immer mal wieder erst hier und danach bei ebay schöne Dinge ein­stellen. Unter anderem auch ein Bürs­ten­schleif– und ein Ion­to­pho­re­se­gerät (falls jemand hier Interesse an derlei hat, dann bitte mailen :-D) sowie zwei Rie­sen­pakete Make up. Das wird noch munter werden …

Womit ich momentan nichts anfangen kann, sind zarte Blümchen:

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Ein Klick aufs Bild und ihr könnt die Details sehen

 
Es geht im Uhr­zei­gersinn voran:

Hell– und tau­ben­blauer Lei­nen­stoff, etwas rauer, mit einem groß­flä­chigen, aber dennoch nicht zu auf­fäl­ligem Blü­ten­print, 2 m

Baum­woll­stoff, etwas fester, dun­kel­vio­letter Hin­ter­grund mit Blüten, Blättern und Farn, 1,20 m

Baum­woll­stoff in rau­chigem Hellblau mit dun­kel­blauem Ran­ken­muster, 1,20 m

Vichy­leinen in türkis-weiß, 1 m

Dun­kel­blaue Baum­wolle mit hell­blauen Blüten und Ranken, hat etwas Stand, 2 m

Für die großen Coupons hätte ich gerne jeweils 15,- plus Versand, für die klei­neren 8,- plus Porto. Sollte jemand alle haben wollen, dann wären es 50,- inkl. Versand.

Einfach mailen oder kom­men­tieren, wenn Interesse an einem oder mehr Stoffen besteht — ich brauche Platz :-)