Jaha! Zumindest einen Blu­sen­schnitt habe ich nun in meinem Schnit­t­archiv, mit dem ich arbeiten kann. Für eine Basis­gar­derobe viel­leicht unge­wöhnlich, aber zu meinen Röcken passt diese Bluse ganz wun­derbar. Und noch besser: ich fühle mich ebenso wun­derbar in ihr.

0134

Fast lassen sich Details auf diesem Bild erkennen — dank des herr­lichen Som­mer­wetters und der Frei­luft­knip­serei. In die erste Bluse nach diesem Schnitt war ich schon verliebt, in diese nun noch mehr, weil kleine Fehler fehlen und auch, weil mir die Ärmel — diesmal an Schulter und Saum gekräuselt — besser gefallen. DAS ist mein per­fekter Basis­blu­sen­schnitt und wohl bald die Hälfte meiner Blu­sen­stoffe sehe ich schon darin. Wenn ich nur nicht immer das Gefühl hätte, noch anderes testen zu müssen.
An einer anderen Blu­senart arbeite ich heute noch, weiß aber schon, dass sie mich nicht über­zeugen wird; schon alleine wegen eines dummen Fehlers in der Kon­struktion. Aber ich bin bereit, mich über­ra­schen zu lassen. Aber zurück zu diesem Blüschen:

0136

Eigentlich hatte ich vor, sie mit jedem Rock in meinem Schrank zu zeigen — na, mit den meisten — denn sie ver­ändert ihre Wirkung enorm mit Farbe und Form des Unter­teils. Aber gleich möchten Essen gekocht, Unkraut gezupft und Blusen genäht werden und so ver­schiebe ich dieses hehre Vorhaben auf einen späteren Zeitpunkt.

Der Rock hier ist übrigens aus einem Woll-Leinen-Fischgrat, der relativ steif ist, aber von dem ich gerne viel mehr hätte. War leider ein Rest­coupon. Und weil ich den Rock mit dieser Bluse auch sehr mag und vom Post­boten ein "Sie sehen heute so beschwingt aus!" erntete, darf er mit auf die nächsten Bilder.

0140

0131

Ja, beschwingt ist passend. Dieser herr­liche Son­nen­schein, eine geglückte Bluse, ein netter Rock, dazu Haus­arbeit, die zum Großteil gestern erledigt wurde — viel besser kann es nicht sein, oder? Und jetzt dürfen alle meckern, weil ich heute nichts zu meckern hatte.

0132

  

Ohne lange Vorrede geht es los mit Eli­sabeth Tudor, Königin von England, nach der als erster ein Zeit­alter benannt wurde und die England zur Seemacht führte.

Elisabeth 13

Eli­sabeth als Dreizehnjährige

Eli­sabeth wurde am 7. Sep­tember 1533 als Tochter Anne Boleyns und Heinrich VIII. geboren und ihr erster Eindruck von dieser Welt muss wohl Ent­täu­schung gewesen sein: sie war nicht der erwartete männ­liche Thron­folger, ihr Vater kein lie­bender Beschützer und ihre Mutter würde nicht mehr lange für sie da sein — kein schöner Beginn. Und es blieb holprig, schwierig und gefährlich in ihrer Kindheit und Jugend.
Nach der Hin­richtung ihrer Mutter und der Geburt ihres Halb­bruders Edward wurde sie gemeinsam mit ihrer älteren Halb­schwester Maria Tudor von der Thron­folge aus­ge­schlossen und erst durch Betreiben Katharina Parrs, Hein­richs letzter Frau, wieder ein­ge­setzt. Katharina bemühte sich sehr um das ruhige, undurch­schaubare Mädchen, das schnell gelernt hatte, seine Gefühle und Gedanken zu ver­bergen — Eli­sabeth erkannte früh, dass ein unvor­sich­tiges Wort am falschen Platze den Kopf kosten konnte. Diese Fähigkeit, sich zu ver­stellen, Dinge unaus­ge­sprochen zu lassen und sie dennoch durch­zu­setzen, sollte cha­rak­te­ris­tisch für sie werden.
Und für die­je­nigen, die einer Frau den Thron nicht zutrauten, ein Beweis von Zaudern, Zagen und Ziel­lo­sigkeit des weib­lichen Geschlechtes sein.

Katharina Parr

Katharina Parr

Nun, 1547 starb ihr Vater und ihr neun­jäh­riger Bruder bestieg den Thron. Er und Eli­sabeth hatten als Erste der Königs­fa­milie eine pro­tes­tan­tische Erziehung erhalten, während ihre Schwester Maria eine sehr streng­gläubige Katho­likin war, die sich nach der Restau­ration des Glaubens sehnte — das wird für Eli­sabeth zur Feu­er­probe werden. Zunächst einmal aber lebt sie am Hofe ihrer Stief­mutter Katharina, die sich nun endlich mit Thomas Seymour ver­hei­raten kann — wir erinnern uns, sie gab ihn auf, als Heinrich ihr erklärte, sie habe seine Frau zu werden. Ob Thomas all ihr Sehnen und Schmachten wert war? Attraktiv soll er gewesen sein, an der Macht inter­es­siert und offenbar an jungen Mädchen.

Thomas Seymour

Thomas Seymour

Katharina war schwanger und Thomas hielt es für eine gute Idee, sich dem Schützling seiner Frau zuzu­wenden — ganz harmlos natürlich. Was konnte schon dabei sein, in das Schlaf­zimmer der noch schla­fenden Vier­zehn­jäh­rigen zu gehen, um sie dort durch­zu­kitzeln oder auf den Po zu klopfen? Sie war doch nur ein Kind und er übte gewiß nur für seine Vater­rolle. Seine Frau sah das nicht so und auch Eli­sa­beths Gou­ver­nante war empört.
Wie Eli­sabeth das erlebte — wie immer: wir wissen es nicht. Meist wird es so aus­gelegt, dass sie nicht abge­neigt gewesen sei, sich neu­gierig habe küssen lassen. In diesen Zeiten war sie nahezu hei­rats­fähig und sowieso genieße doch jedes Mädchen männ­liche Auf­merk­sam­keiten, aber wieder einmal habe ich Schwie­rig­keiten, mir das vor­zu­stellen: während deine geliebte Stief­mutter durch Schwan­ger­schaft an ihren Raum gefesselt ist, tritt ihr Mann dir immer wieder nahe, erscheint im Nachthemd — für diese Jahre mehr oder weniger nackt — an deinem Bett und schmei­chelt dir in einem fort …
Ich finde es ver­blüffend, dass man aus ihrem eher still­hal­tenden Ver­halten, ihrem Erröten nichts anderes als Ein­ver­ständnis hat ablesen können, obwohl sonst immer von ihrer Dop­pel­zün­gigkeit, ihrem geschmei­digen Oppur­tu­nismus die Rede war. Aber wie bei Maria Stuart: kommt erst einmal ein rich­tiger Mann daher, dann kann das Weib ja gar nicht anders, als sich wohlig seufzend zu ergeben.

Wie es auch gewesen sein mag: Katharina starb im Kindbett und Thomas zögerte nicht lange, Eli­sabeth seine Hand anzu­bieten. Dass Eli­sabeth nicht gleich ablehnte, dass über Notare die Ver­mö­gens­auf­stel­lungen beider abge­ge­lichen wurden, das schien Beweis dafür zu sein, dass Thomas Seymour ihre erste Liebe gewesen sei. Doch Ehe­schlie­ßungen des Adels mussten vom Kronrat abge­segnet werden. Dem der Lord­pro­tektor vorstand. Der, die Welt ist so klein, sein Bruder war. Thomas gönnte ihm die bevor­zugte Stelle als Lieb­lingsonkel des Königs nicht. Die Seymours hatten ja schon tüchtig nach­ge­holfen, Anne Boleyn für ihre Schwester Jane aus dem Weg zu räumen, nun gingen sie sich gegen­seitig an den Kragen, was mit der Hin­richtung Thomas endete. Sich einfach eine Prin­zessin unter den Nagel reißen zu wollen — das hätte er mal besser bleiben lassen. Sein Ende nahm Eli­sabeth recht gelassen hin, viel übler war für sie, dass sie nun ver­dächtigt wurde, keine Jungfrau mehr — also für den könig­lichen Hei­rats­markt wertlos — zu sein. Schlimmer noch: sie wurde ver­dächtigt, den Thron durch Mord an ihrem Bruder erhalten zu wollen.

König Edward

König Edward

Doch Eli­sabeth war eine bemer­kens­werte junge Frau: galt schon ihre Mutter als gebildet, sie war es noch mehr. Sie sprach sechs Sprachen fließend, las und über­setzte phi­lo­so­phische und reli­giöse Abhand­lungen, musi­zierte, tanzte, ritt, war rhe­tho­risch nahezu unschlagbar und in der Lage, sich immer den gewünschten Anschein zu geben, musste also eine große Kon­trolle über sich haben. Dank all dieser Gaben konnte sie sich von jedem Verdacht befreien, doch immer wieder würde man diese alten Kamellen her­vor­holen, wenn es darum ging, ihr schaden zu wollen.
Ihr Talent als Stu­dentin führt übrigens zum ersten Mal dazu, dass sie als unweiblich wahr­ge­nommen wird: ihre Haus­lehrer, allesamt Meister ihres Fachs, loben sie in ihren Briefen ein­hellig, ihren scharfen Verstand, ihre schnelle Auf­fas­sungsgabe, ihren Geist, ihre Ausdauer — das alles sei über jedes Maß vor­handen. In diesen Dingen sei sie nicht das schwache Weib, sondern besitze geradezu männ­liche Gaben.
Eine denkende Frau beweist also nicht, dass Frauen denken können, sondern nur, dass eine von ihnen männ­liche Eigen­schaften habe. Eli­sa­beths spätere Insze­nie­rungen ihrer selbst werden immer zwischen diesen beiden Polen wandern: weib­liche Kör­per­lichkeit, männ­licher Geist.

Im Juli 1553 starb Edward und benannte Jane Grey, eine Kusine Marias und Eli­sa­beths zur Nach­fol­gerin und hier wird es — typisch für die eng­lische Thron­fol­gerei — kom­pli­ziert: alle sind irgendwie unter­ein­ander verwandt, alle haben irgendwie Anspruch auf den Thron. Da wären nun also vier Frauen, die Königin werden könnten: Maria Tudor, Eli­sabeth Tudor, Maria Stuart und Jane Grey. Wer sich inter­es­siert, kann nun für Wochen in dieses Durch­ein­ander ein­tauchen und ver­gleichen, wer weshalb wieviel Anrecht hat und wer nicht. Wie auch immer: die beiden Tudor-Schwestern sind zwar Thron­fol­ge­rinnen, aber dennoch hatte ihr gütiger und weiser Vater es ver­ab­säumt, sie auch wieder zu legi­ti­mieren, also als seine recht­mä­ßigen Töchter anzu­er­kennen. Edward war da, Edward sollte König werden, damit war für Heinrich alles geregelt.
Die junge Jane Grey bestieg als Pro­tes­tantin den Thron und machte sich noch in der gleichen Sekunde beim Volk durch hartes Durch­greifen unbe­liebt. Maria hingegen war bekannt und beliebt — schlicht deshalb, weil sie für den Großteil der ein­fachen Menschen die einzige echte Königs­tocher der einzigen echten Königs­ge­mahlin war. Maria pro­kla­mierte sich selbst zur Herr­scherin und nach kurzem Hin und Her und einigen Met­ze­leien zog sie gemeinsam mit Eli­sabeth in London ein; Jane Grey landet im Tower, wo sie ihr Ende unter dem Schwert finden wird — ein Ergebnis, das Maria Tudor nicht wollte. Auch hier können wir uns fragen, wie das auf Eli­sabeth wohl wirkte: immerhin hatte sie mit Jane gemeinsam bei Katharina Parr gelebt; Thomas Seymour soll übrigens auch Jane nach­ge­stellt haben.

Maria Tudor

Maria Tudor

Maria Tudor also saß nun auf dem Thron und ver­suchte, die Zeit zurück zu drehen: sie hei­ratete den spa­ni­schen König Philipp, der immer wieder einmal zu Besuch kam, und wollte England in den Schoß der Mutter Kirche Roms zurück führen. Damit war es aus mit der Beliebtheit beim Volk, das auf einmal wieder auf Latein beten sollte. Miß­trauisch ver­folgte sie jeden und bald war ihr auch Eli­sabeth ver­dächtig. So wie Jane Grey sterben musste, weil sie als Ikone der pro­tes­tan­ti­schen Bewegung galt, so war auch Eli­sabeth deren Idol — in den Augen der Pro­tes­tanten war Eli­sabeth die eigent­liche Königin. Immer wieder ver­langte Maria nach ihr, befragte sie scharf, verlor dabei auch die Con­tenance, schwankte zwischen ver­wandt­schaft­licher Loya­lität und Hass, der sich aus vielem heraus ent­zündete: Eli­sabeth als Tochter Anne Boleyns — has­senswert. Eli­sabeth als die Jüngere, die Kinder würde bekommen können — has­senswert. Eli­sabeth als die rein Eng­lische — has­senswert.
Noch vor Marias Heirat wurde eine Ver­schwörung auf­ge­deckt, die Eli­sabeth auf den Thron hätte hieven sollen; Eli­sabeth wurde in den Tower ver­bracht. Wie sie das empfand, welche Ängste sie gehabt mag — man weiß es nicht. Immer wieder wird behauptet, sie habe ihren Vater bewundert, verehrt, geliebt. Ich kann das kaum glauben: einen Mann, der sich kaum um sie kümmerte, der ihre Mutter töten ließ und nur an sich dachte? Es wird eher ein öffent­liches Bekenntnis gewesen sein, um ihren Thron­an­spruch zu unter­mauern: "Sehet her, ich bin die Tochter dieses wahren Königs!"
Aber im Tower fest­ge­halten wird sie wohl oft an ihre Mutter und deren Ende gedacht haben; sie besaß einen Ring Annes mit deren Portrait, den sie zeit­lebens trug und sorgte später immer für ihre Ver­wandten müt­ter­li­cher­seits. Hier zeigt sich wieder einmal ihre Fähigkeit, nach außen anders zu erscheinen als es nach innen zu sein.
Ihre Betei­ligung konnte nicht nach­ge­wiesen werden und Eli­sabeth wurde aus dem Tower ent­lassen; von Maria wei­terhin miß­trauisch beäugt. Eli­sabeth hielt still und sich aus allem heraus, erschien nach außen gar katho­lisch. Bis Ende 1558 musste sie dieses Schau­spiel durch­halten, dann starb Maria, geschwächt von vielen Schein­schwan­ger­schaften an Unter­leibs­krebs, weder von Volk noch Ehemann son­derlich betrauert.

Eli­sabeth war nun die Herr­scherin eines Landes, das von Reli­gi­ons­zwisten zer­rissen, mit Frank­reich im Krieg und wirt­schaftlich am Boden war; all diese Schwie­rig­keiten löste sie in Rekordzeit, sozu­sagen als erste Amts­handlung. Wie Maria Stuart auch, war sie keine Fana­ti­kerin in reli­giösen Fragen, aber deutlich weniger tolerant: sie erhob die angli­ka­nische Kirche erneut zur Staats­kirche, schon alleine deshalb, um nochmals ihre Legi­ti­mität als Tochter des ersten pro­tes­tan­ti­schen Herr­schers und seiner ersten pro­tes­tan­ti­schen Frau zu unter­streichen. Auch ihre "Rein­ras­sigkeit" ohne jeden Tropfen aus­län­di­schen Blutes ließ sie gerne besingen. Über­haupt war sie Wer­be­maß­nahmen gegenüber nicht abge­neigt: sie erschien nach all den wech­selnden Königen und Köni­ginnen als ret­tender Engel, ihr eher unschein­bares und blasses Äußeres erhob sie als Licht aus der dunklen Masse heraus.

Elisabeth im Krönungsornat

Eli­sabeth im Krö­nungs­ornat 1559

Dem Land ging es schnell besser, Eli­sabeth machte ihre Sache perfekt, das konnte doch nicht so wei­ter­gehen. Immerhin war sie eine Frau, da musste man ja jeden Augen­blick mit einer Kata­strophe rechnen. Und einen Thron­folger brauchte man eben­falls. Also stand ganz schnell, im Grunde in der Sekunde ihrer Krönung, die wich­tigste Frage zur Debatte: Wen solle sie heiraten?
Für Eli­sabeth war sicher schon lange vor ihrer Thron­be­steigung klar, dass sie und sie alleine die Macht in Händen halten wolle und wenn man heute Schei­dungs­kindern zubilligt, Bezie­hungen gegenüber skep­tisch zu sein, um wieviel skep­ti­scher dürfte Eli­sabeth wohl sein? Eine Ehe war sicherlich nicht ihr größter Lebenstraum.

robert dudley

Robert Dudley, Earl of Leicester

Auf der anderen Seite aber war da Robert Dudley, ihr geliebter Robin, den sie seit Kin­der­tagen kannte, der ständig in ihrer Nähe war. Wäre er nicht schon ver­hei­ratet gewesen … wer weiß?
Doch der Kronrat bevor­zugte eh einen aus­län­di­schen Kan­di­daten, um Bünd­nisse (die selten die Flit­ter­wochen über­standen) zu schließen. Und wie in Schottland hätte kein Lord dem anderen die Königin gegönnt. Eli­sabeth hörte sich jeden Vor­schlag geduldig an, schien auf jeden ein­zu­gehen, spielte mit — und ent­schied sich für keinen. Sie tändelte hier, spielte dort, schickte Bildchen an diesen und Briefe an jenen, ließ Bewerber kommen, tanzte, plau­derte und flirtete, machte Prinzen und Kronrat Hoff­nungen und bedauerte dann zutiefst. Es war wie im Märchen vom König Dros­selbart: dieser zu katho­lisch, jener zu unbe­deutend, dieser zu jung, jener zu alt; dieser will England erobern, jener England aus­bluten und über­haupt habe sie gerade keine Zeit, — sie habe wich­ti­geres zu erle­digen.
Der Kronrat ver­zwei­felte, man machte ihr Vor­hal­tungen, denen Eli­sabeth ober­flächlich zustimmte: Ja, sie sei ein schwaches Weib, ja, sie sehne sich nach Mut­ter­schaft, jajajaja. ABER! Dieses Theater spielt sie sieben Jahre lang mit, dann ver­bietet sie ihrem Kronrat jede weitere Ein­mi­schung. Doch als sie schon weit über das Kin­der­krie­gen­können hinaus war und niemand mehr eine Heirat von ihr ver­langte, brachte sie selbst immer wieder einmal einen Kan­di­daten ins Spiel.

Königin Elisabeth mit etwa 50 Jahren

Königin Eli­sabeth mit etwa 50 Jahren

Wie keine andere, wie kein anderer, verstand Eli­sabeth es, sich gut zu ver­kaufen: keine gute Tat, keine Tat über­haupt blieb unbe­nannt und in Schriften, Flug­blättern und Pam­phleten weiter getragen. Bald schon sprach sie von sich als der könig­lichen Jungfrau, die nur mit England und England allein ver­hei­ratet sei, der ihr Volk die Kinder seien und die nichts anderes im Sinne habe, als sich mit Leib und Leben, mit Geist und Verstand für diese Kinder, diesen Boden ein­zu­setzen.
Im Laufe der Jahre ließ sich die Jungfrau — hold und rein und jung — schlechter dar­stellen: Eli­sabeth wandelte sich in ihrer Dar­stellung zur Feen­kö­nigin, die weise, edel und gut, als ein fast schon über­ir­di­sches Wesen über ihr Reich wachte. Immer wieder im Sommer reiste sie mitsamt ihrem Hofstaat durch das Land, um sich dem Volk ver­ständ­nisvoll und müt­terlich zu zeigen und dabei so manch einen Edelmann zu rui­nieren, indem sie bei ihm über­nachtete. Unkom­pli­ziert sei sie und er solle sich nicht anstrengen, ihr etwas Beson­deres zu kre­denzen, so ließ sie gerne wissen. Ihre Unter­ge­benen deuteten ihre Anspruch­lo­sigkeit richtig: mit simplen Genüssen und schlichter Wohn­statt wäre sie schnell unzu­frieden gewesen. Diese Rei­se­kö­nigin zieht noch heute als Queen Bess durch viele Anek­doten und es wimmelt von eng­li­schen Land­sitzen, die mit einem Schlaf­zimmer auf­warten können, in denen Eli­sabeth näch­tigte — bringt sicher ein gutes Pfund mehr im Ein­tritts­kar­ten­verkauf ein.

Eli­sabeth schaffte vieles, war poli­tisch meist weit­sichtig, ging aus vielen Aus­ein­an­der­set­zungen als Siegerin hervor und begann sicher wie andere Herr­scher auch mit den besten Vor­sätzen, ja, sie begann sogar mit besseren per­sön­lichen Vor­raus­set­zungen als die meisten. Doch im Laufe der Jahre gab es immer wieder Unruhen und Eli­sabeth erwies sich als echte Tudor: immer strenger wurden die Gesetze, immer schärfer die Verbote, immer dra­ko­ni­scher die Strafen und bald reichte es nicht mehr aus, nur nette Schriften und feengleiche Abbild­nisse in Umlauf zu bringen — Streit­schriften und hämische Pam­phlete mussten ein­ge­sammelt und ver­nichtet werden, Schreiber, Verleger und Drucker zum Schweigen gebracht werden. Was noch weniger Freunde macht, noch mehr Druck erzeugt. Und da kommt Maria Stuart wieder ins Spiel, aber davon, liebe Kinder, berichte ich euch beim nächsten Mal (wer erinnert sich an diese Sendung?)

Elisabeth älter

Ganz Frau oder ganz Mann?

Unbe­stritten ist, sie hat ein mäch­tiges Reich, eine Seemacht und damit die Vor­rau­set­zungen für das Bri­tische Imperium geschaffen. Sie musste dabei gegen Vor­be­halte ankämpfen, denen sich kein König je stellen musste: sie hatte das falsche Geschlecht, war damit eine Got­tes­strafe für Thron und Land, und alles, was sie tat, wurde danach beur­teilt, dass sie eigentlich gar nicht könne, was sie tat.
Und wenn man schon nicht abstreiten kann, dass diese Herr­scherin großes für ihr Land leistete, dann kann man doch immerhin bestreiten, sie sei wirklich eine Frau gewesen. Es gibt wahr­haftig Thesen, die sie zu einem Herm­aphro­diten (das wäre ja auch zu schrecklich!) oder gleich zu einem Mann machen. Eli­sabeth sei als Kind schon gestorben und man habe dem lie­benden Vater einen rot­haa­rigen Jungen unter­ge­schoben, da dieses Kind ihr von allen ver­füg­baren am ähn­lichsten gewesen sei; ansonsten habe man den Zorn des Fürsten fürchten müssen. Man müsse sich ja nur ihre Por­traits anschauen: diese Nase, diese langen Händen, der Kör­perbau, der 90−60−90 so ganz ver­missen lasse, ihr deckendes Bleiweiß-Make up, die Perücken, die pompös über­la­denen Kleider. Wie immer kommt man zum Schluß, dass, wenn eine Frau etwas schafft, mit ihr etwas nicht stimmen könne. Schafft sie es nicht, so stimmt das Bild wieder, das da sagt, dass Frauen eben nichts schaffen können.

Wie Eli­sabeth selbst sich wahrnahm? Sie war eine sehr eifer­süchtig, wie auch ihr Vater es schon war. Durchaus von sich über­zeugt, aber typisch weiblich an ihrem Äußeren zwei­felnd und daher sehr begierig, sich immer gelobt und bewundert, geliebt und ange­betet zu sehen. In ihren späten Lebens­jahren wird diese Koket­terie, dieses Gieren nach Kom­pli­menten für Spott und Häme sorgen. Hinter ihrem Rücken natürlich, nach vorne hin wurde sie mit dem Gewünschten bis zur Lächer­lichkeit hin bedient; kaum ein Lob war ihr aus­ge­fallen oder über­trieben genug.

e1595

Eli­sabeth mit etwa 60 Jahren

Ihr geliebter Robin starb 1588; ein zweiter Robert tauchte auf, der der alternden König den Hof machte und sie dann hin­terging, einen Aufstand anzet­telte und das mit seinem Leben bezahlte. Hat sie sich nach einer Beziehung gesehnt, hat sie eine oder mehrere unter­halten? Von Gegnern wurde ihr das vor­ge­worfen, verlogen und trieb­ge­steuert wie ihr Vater, unehrlich und ehr­geizig wie ihre Mutter sei sie. Eitel, ego­is­tisch, eigen­sinnig. Kritisch, kokett, klatsch­süchtig. Aber ver­mutlich auch oft sehr einsam, traurig und von der allei­nigen Ver­ant­wortung für einen Staat, der zwischen so vielen Ansprüchen zerissen war. In den letzten Jahren ihrer Regierung sehnte sich das Land nach einem frischen Wind. Im Alter von 69 Jahren starb Eli­sabeth I. am 24. März 1603 nach 45 Jahren Regie­rungszeit; die Legen­den­bildung um sie als der jung­fräu­lichen Feen­kö­nigin hatte schon lange vor ihrem Tode ein­ge­setzt und hält bis heute an.

  

Ich möchte mit zwei Fest­stel­lungen und einer Kon­se­quenz beginnen, dir mir wichtig sind:

  1.  Ich bin keine His­to­ri­kerin, bin nicht der Objek­ti­vität und der Über­prüfung aller Quellen verpflichtet.
  2.  Ich bin keine pro­fes­sio­nelle Autorin. Woraus sich ergibt:
  3.  Das momentane Thema bzw. die Dar­stellung dessen, um was es mir geht, erscheint mir im Augen­blick so komplex, dass ich es nur dritteln kann und noch gar nicht sicher bin, es bewäl­tigen zu können.

Das wäre das Eine, was mir von der Seele musste. Das andere ist das Bekenntnis, dass mir diese Schön­heits­texte erstaunlich viel bedeuten, denn sie spannen eine Klammer um die Themen, die ich hier ver­blogge und zwingen mich zu einer gewißen Arbeits­moral, einer Genau­igkeit, ver­langen nach einem roten Faden. Nor­ma­ler­weise schreibe ich darauf los und lasse mich treiben, mäandere umher und gelange zu einem vorher nur unklar defi­nierten Ziel. Aber einen Abriß über das Leben einer anderen Frau, so sub­jektiv ich es auch schildern mag, legt mir Regeln auf und es freut mich daher sehr, dass ich für diese Texte Lob erhalte. Das fühlt sich ganz anders an als Lob für ein Kleid — nunja, es gibt vieles, was ich besser kann als fotografieren.

Gut, das habe ich erledigt, um was geht es (mir)? Es geht um zwei Köni­ginnen, es geht um Schönheit, um Weib­lichkeit, um Macht­streben, Kon­trolle, Gefühl und um die Wahr­nehmung dieser beiden Frauen. Und es geht um den Streit, den viele zum Mit­tel­punkt ihrer Betrachtung und Bewertung machen. Aber so versucht ich bin, jetzt schon genau zu erklären, was ich meine: das muss bis zum dritten Teil warten. Erst einmal sollten wir beide Frauen kennen lernen.

Zu Eli­sabeth I. von England werden wohl die meisten etwas zu sagen wissen, bei Maria Stuart, Königin von Schottland, sieht es schon anders aus; selbst die (deut­schen) google-Seiten listen mehr Schiller als Maria auf. Schiller hatte sich übrigens vor dem Schreiben seines Stückes intensiv vor allem mit Maria beschäftigt und eine Vorliebe für die roman­tische Ver­lie­rerin spricht aus seinen Zeilen. Aller­dings hat er aus dra­ma­tur­gi­schen Gründen (und viel­leicht aus männ­licher Über­heb­lichkeit heraus?) die Wahrheit beiseite geschoben und genau jenen Zwist zum Kern seines Stückes gemacht und im Grunde genau das heraus gefiltert, was beiden Frauen bis heute unter­stellt wird. Aber dazu mehr im dritten Teil.

Chro­no­lo­gisch müsste ich mit Eli­sabeth als der Älteren beginnen, aber da ich meine Schön­heits­reihe asso­ziativ zusammen gestellt habe, lasse ich Maria den Vortritt. Denn von Anne Boleyn zu Maria Stuart lässt sich der Bogen leichter schlagen als zu ihrer Tochter.

maria jung

Maria Stuart im Alter von ~ 11–13 Jahren

Maria wurde am 8. Dezember 1542 in Schottland als Tochter von König Jakob IV. von Schottland und seiner zweiten Frau Marie de Guise geboren; nur wenige Tage darauf verstarb ihr Vater und Mary Stewart wurde zur Königin gekrönt. Doch Schottland war ein raues Land mit rauen Sitten und der Thron umkämpft. So ließ Marie de Guise die Tochter in ihr Hei­matland Frank­reich ver­bringen — in Sicherheit und als zukünftige Braut des fran­zö­si­schen Dauphins, mit dem zusammen sie erzogen wurde; aus Mary Stewart wurde Maria Stuart.
Wie auch Anne Boleyn genoß sie eine her­vor­ra­gende Aus­bildung, sprach mehrere Sprachen fließend, dichtete, musi­zierte, stickte, war eine gute Reiterin und Falk­nerin und wuchs recht glücklich heran, während es in Schottland drunter und drüber ging. Ihr Schwie­ger­vater sagte von der Elf­jäh­rigen, sie sei gebildet und belesen wie eine 25jährige, er schätzte ihre Kon­ver­sation sehr. Zeit­ge­nossen beschrieben sie als lebhaft, freundlich, intel­ligent, tem­pe­ra­mentvoll und hübsch mit dunklen Augen, roten Locken und zarter Haut.

maria dauphine

Maria mit ihrem Mann Dauphin François

Im Alter von fünfzehn Jahren wurde sie mit Dauphin Franz vermählt; beide waren sich von Kindheit an sehr zugetan. Ein Jahr später starb der König und Franz und Maria bestiegen den Thron. Franz war von kränk­licher Natur und überließ seiner Gattin wei­test­gehend die Regierung. Ein weiteres Jahr danach schon starb der junge König und ließ eine untröst­liche Witwe zurück, der schnell klar wurde: sie hatte nicht nur einen geliebten Ehemann verloren, sondern auch Frank­reich, das Land, das ihr Heimat war und blieb. Ihre Schwie­ger­mutter, Katharina de Medici, war ihr nicht wohl­ge­sonnen; ein Gefühl, das wohl auf Gegen­sei­tigkeit beruhte. Ein gutes halbes Jahr nach dem Tode ihres Mannes verließ die Neun­zehn­jährige Frank­reich, um nach Schottland zurück zu kehren.

Maria als neunzehnjährige Witwe

Maria als neun­zehn­jährige Witwe

Und jetzt stellen wir uns das vor: eine sehr junge Frau, hübsch, gebildet, selbst­bewußt, katho­lisch, kehrt nach Jahren in ein Land zurück, das von sich bekrie­genden, größ­ten­teils pro­tes­tan­ti­schen Lords zer­rissen wird. Emp­fangen von einem nicht thron­be­rech­tigten und nei­di­schen Halb­bruder einer­seits und einem fana­ti­schen Reli­gi­ons­führer namens John Knox ande­rer­seits. Von den Renais­sance­pa­lästen Frank­reichs in die kalten Burgen Schott­lands. Mehrere Male muss sie sich mit John Knox aus­ein­ander setzen, der gegen sie als "Buhlerin Roms" hetzt. Und sie ver­weigert den Dialog nicht, gibt gelassen Antwort, ist rhe­tho­risch geschickt und sichert aus fester eigener Über­zeugung zu, dem Volk keine Religion auf­zu­zwingen, erbittet sich dabei selbiges Recht für ihre Person aus. Sie möchte keine Blutige Maria werden, wie es Königin Maria Tudor für England war, als sie mit allen Mitteln ver­suchte, den Katho­li­zismus wieder zu eta­blieren. Obwohl selbst eine gläubige Katho­likin ist sie für Toleranz in dieser für Europa so explo­siven Frage. Doch das Miß­trauen ihr gegenüber bleibt: eine junge Frau mit einer Wirkung auf Männer, mit ihren fran­zö­si­schen Sitten und der unver­ständ­lichen Liebe zu Musik, Tanz und Lite­ratur, ist nicht das, was die Lords sich wünschen: wenn sie schon bleiben muss, dann soll sie heiraten.

Hier haben wir also zum ersten Mal in meiner kleinen Serie eine Frau, wie sie doch eigentlich sein sollte:
Schlank, groß, schön, feminin, dem Guten und Schönen zuge­wandt, freundlich, ent­ge­gen­kommend, von Kopf bis Fuß königlich und bestrebt, ihr Land mit Milde und Güte in eine neue Zeit zu führen, dabei aber doch fest an ihr Königs­recht denkend — nun müssten doch wirklich alle glücklich sein? In der Tat bestreiten weder Freund noch Feind ihre schöne Erscheinung, nein, es wird immer wieder betont, keines ihrer Bilder sei ihr jemals gerecht geworden. Man ist hin­ge­rissen von ihrer Anmut, ihrer Kon­ver­sation, ihrem Auf­treten. Aber kaum hat eine Frau alles, was sie haben soll, was an anderen als fehlend bemängelt wird, so gerät sie in die nächste Falle: Hexe, Hure oder Heilige. Und hier wird Maria scheitern.

Während Wallis Simpson und Anne Boleyn von Um– und Nachwelt als hurende Hexen und hexende Huren gebrand­markt wurden, wird Maria Stuart zwischen den Polen Heilige und Hure treiben und vielen, wenn nicht den meisten Bio­gra­phien ist zu eigen, dass sie entweder als das Eine oder das Andere vom Schreiber gesehen wird: die auf­rechte Katho­likin, die sich in einer Män­nerwelt zum Scheitern ver­ur­teilt sieht aka die Heilige oder die deka­dente Herr­scherin mit Män­ner­ver­schleiß und beschränktem Horizont genannt die Hure.

Gut, Maria soll heiraten und im Gegensatz zu ihrer Cousine Eli­sabeth ist sie dazu bereit, steht aber vor den gleichen Schwie­rig­keiten: welchen Lord sie auch nähme, die anderen sähen darin einen Affront und ein Bür­ger­krieg bräche los. Diverse Könige und Prinzen stünden bereit, nähmen aber zu viel Einfluß auf das kleine Land und würden neue Abhän­gig­keiten schaffen. Sie ent­scheidet sich für ihren Cousin Henry Stuart, Lord Darnley. Und ich kann nur sagen: wir haben wohl alle einmal in jungen Jahren einen Typen ganz, ganz toll gefunden, der es nicht wert war; bei dem wir uns noch heute fragen, wie das nur pas­sieren konnte — wir mussten den aber nicht gleich heiraten …

maria darnley

Maria mit ihrem zweiten Mann Lord Darnley

Darnley war im gleichen Alter und sein größter Vorzug war offenbar seine Größe: endlich einmal ein Mann, der nicht von Maria überragt wurde. Er schien ihr zugetan und an den schönen Künsten inter­es­siert, gehörte keiner Fraktion an und war ein Ver­wandter. Doch schon bald nach der Hochzeit dürfte Maria mit Ent­setzen fest­ge­stellt haben, dass ihr Gatte nicht nur ober­flächlich, sondern auch kindisch, ego­is­tisch und eifer­süchtig war, dazu trank er mehr, als ihm gut tat und benahm sich ins­gesamt so, dass man an seinem Verstand und seiner Einsicht zweifeln musste. Sein stän­diges weh­lei­diges Gejammere, er wolle mehr Anteil an den Staats­ge­schäften, half ihm in ihren Augen nicht: sie wandte sich innerlich von ihm ab.

Darnley war leicht zu beein­flußen und das nutzten die Lords: sie redeten ihm ein, so dürfe ein niederes Weib ihren Mann nicht behandeln und sta­chelten ihn auf, darauf ver­trauend, ihn als König leichter lenken zu können als Maria. Maria hatte sich einen kleinen Hofstaat geschaffen bestehend aus Menschen, denen sie ver­traute und die die gleichen Werte und Vor­lieben hatten wie sie; viele sollten bis zu ihrem Ende treu zu ihr stehen. Unter anderem hatte sie einen ita­lie­ni­schen Sekretär namens David Rizzio, der des öfteren mit ihr musi­zierte.
Der ita­lie­nische Mann an sich wird ja von Geschlechts­ge­nossen anderer Herkunft ganz gerne einmal miß­trauisch beäugt; Darnley machte da keine Ausnahme. Ob Maria eine Beziehung zu ihm unter­hielt oder nicht — man weiß es nicht; ähn­liches wird man sich zwei Jahr­hun­derte später bei Marie Antoi­nette und Axel von Fersen fragen. Da Köni­ginnen selten unbe­ob­achtet sind, spricht einiges dagegen, aller­dings lässt sich für willige und clevere Liebende ja immer eine Mög­lichkeit finden. Doch wo selbst ein Heinrich VIII unge­niert und offen eine Hofdame nach der anderen auf sein könig­liches Lager ziehen durfte und ihn das zu noch mehr Mann machte, galt das für eine Königin aus eigenem Recht nicht (für royal consorts, wie Anne bewies, natürlich noch viel weniger — das war Hoch­verrat. Hat natürlich über­haupt rein gar nichts mit zwei­erlei Maß oder so zu tun …). Allein der Verdacht, Maria könne in einem anderen Mann mehr sehen als in ihrem eigenen, reichte schon aus, um sie zur män­ner­mor­denden Ver­füh­rerin zu stempeln.

Das mit dem män­ner­mordend ist so eine Sache: Darnley, dumm, eifer­süchtig und ehr­geizig, stürmte eines Abends in Begleitung einiger seiner Trink­kumpane bzw. einigen Schott­lands Wohl im Auge habenden Lords das Gemach seiner hoch­schwan­geren Frau, die mit Rizzio UND einigen Freunden in ihrem Gemach musi­zierte und erzählte. Rizzio wurde gegriffen und vor den Augen Marias erstochen; in ihrem Blut­rausch wandten sich einige der Ver­schwörer auch gegen Maria selbst. Das war Darnley zu heftig, er stellte sich rettend vor sie. Man vermutet, er wollte sein unge­bo­renes Kind und damit sein Anrecht auf den Thron schützen. Maria wurde unter Haus­arrest gestellt, doch — böse Ver­füh­rerin, die sie war — gelang es ihr, den Gatten zu erweichen: ihr Gefährte solle er sein, König aus eigenem Recht werden, alles ver­sprach sie ihm und er glaubte es gerne und so ent­flohen sie gemeinsam.

David Rizzio, Dichter, Musiker, Sekretär

David Rizzio, Dichter, Musiker, Sekretär

Die schot­ti­schen Lords — manchmal möchte man meinen, es ging ihnen nur um Zank und Streit und Intrige an sich: Darnley hatten bei ihnen ver­spielt und zählte nichts mehr. Unter­ein­ander waren sie sich eh nicht grün. Und so boten sich nun einige von ihnen der Königin an, die ihren Abscheu vor Darnley gar nicht mehr ver­bergen konnte und mochte — was diesen sehr erschüt­terte; er hatte sich nicht vor­stellen können, dass so eine Klei­nigkeit wie die blutige Ermordung eines Freundes solch eine Wirkung auf seine Frau haben konnte. Dass Frauen sich auch immer so haben müssen …

Ob Maria von den Lords ein­ge­weiht wurde, ob sie maß­geblich beteiligt war oder von nichts etwas ahnte — nix genaues weiß man nicht und je nachdem, als was man Maria Stuart sehen will, möchte man auch nichts wissen. Für die einen hat sie es geplant und gefordert, für die anderen war sie unschuldig wie ein Lämmchen. Wie so oft wird die Wahrheit in der Mitte liegen: sie mag es geahnt haben, sie mag es nicht ver­hindert haben, aber wil­lentlich das Folgende her­bei­ge­führt haben wird sie eher nicht.
Die Ent­fremdung zwischen Maria und Darnley war offen­sichtlich, ihr Abscheu groß, seine Ver­zweiflung um seiner selbst willen und an der bösen Welt, die ihm so garstig gegenüber stand, riesig. So verließ er das böse Edin­burgh und kehrte nach Glasgow zu seinem Vater zurück. Wo er erkrankte. Entweder an den Pocken oder (gemein: was besser zu ihm passen würde) an Syphillis. Weshalb Maria ihn bat, zurück zu kehren — erneut ein großes Fra­ge­zeichen. Doch sie tat es, er kehrte zurück, jedoch nicht ins Schloß, sondern in ein Haus außerhalb der Stadt, wo er genesen sollte. Und dieses Haus flog in die Luft und mit ihm Darnley. Oder so ähnlich, denn er wurde im Garten gefunden, kaum bekleidet und unver­letzt. Doch tot. Ver­mutlich erdrosselt. Hmmm …

Unter den Ver­schwörern befand sich James Hepburn, Earl Bothwell, der sich mehr als nur ein wenig für Maria inter­es­sierte. Es gab einen Prozess um die Ermordung Darnleys, Bothwell stand vor Gericht und wurde frei­ge­sprochen. Und drei Monate später war er Marias dritter Mann. Der Weg dahin wird ganz unter­schiedlich geschildert:

Maria und er seien schon ein Lie­bespaar gewesen, als Darnley noch lebte und hätten gemeinsam seinen Tod beschlossen; sie habe dafür gesorgt, dass er frei­ge­sprochen werden würde. Danach hätten sie die Ent­führung und das gewaltsame Fest­halten Marias insze­niert, um die Königin als Opfer und nicht als Täterin erscheinen zu lassen.
Oder aber Bothwell habe um jedem Preis sowohl König als auch Lieb­haber Marias werden wollen, habe ohne ihr Wissen den kranken Gatten entsorgt, brachte hernach die Königin in seine Gewalt, zwang sie über drei Tage und Nächte in sein Bett und gab ihr ihre Freiheit nur für das Ver­sprechen, ihn zu heiraten.

Wir sehen, wieder einmal dürfen wir uns nur zwischen Heilige und Hure entscheiden.

Maria Stuart hatte eine enorme Anzie­hungs­kraft auf Männer, was in allen Beschrei­bungen durch­schimmert und was sie ver­dächtig macht: ist eine Frau nicht schön, so ist es ihr Fehler. Ist sie es: umso schlimmer. Sie war gerade einmal 25 und hatte schon zwei Thron­be­stei­gungen, zwei Ehen und zwei Morde erlebt. Von solch einer Frau zu erwarten, dass sie ruhig und gefasst und mora­lisch unbe­rührt bleibt, ist schon stark. Bothwell wird oft  als eher grob, über­männlich und über­wäl­tigend beschrieben — zumindest dann, wenn der Fokus des Berichtes auf Maria liegt. Denn wenn sie solch einen Mann ehelicht, kann doch was mit ihr nicht stimmen. Geht es aber um Bothwell selbst, dann ist das Bild ein anderes:

James Hepburn, Earl of Bothwell

James Hepburn, Earl of Bothwell

Acht Jahre älter als Maria war er maß­geblich an ihrer Rückkehr nach Schottland beteiligt. Obwohl Pro­testant hielt er dem Thron die Treue, schlug den Aufstand ihres Halb­bruders nieder und gehörte zu den­je­nigen, die Mäßigung und Toleranz im Lande wollten. Auch die Ermordung Darnleys erscheint anders, wenn Maria nur Neben­figur in der Bio­graphie eines Mannes ist; dann auf einmal kommt der Verdacht auf, Darnley sei von Mit­gliedern seiner eigenen Familie getötet worden, um die Königin zu dif­fa­mieren und ihrem Halb­bruder doch noch den Weg zur Macht zu ebnen. Dieser Unter­schied in der Dar­stellung gleicher Ereig­nisse, wenn es sich um weib­liche oder männ­liche Prot­ago­nisten handelt, ist frappant — das zeigt sich später auch in dem Konflikt zwischen Eli­sabeth und Maria sehr schön.

Bothwell scheint also vielen im Wege zu stehen und viele Strippen scheinen gezogen zu werden, um ihn zu besei­tigen — dieses Mal durch Ruf­schä­digung. Maria ist also zu Besuch auf seinem Schloß, er bittet sie um ihre Hand und sie stimmt zu, nachdem sie einige Zeit zuvor einmal abge­lehnt hatte. Beim ersten Antrag war er fern, beim zweiten nah. Da liegt für manche His­to­riker der Verdacht nahe, dass seine umwer­fende und virile Männ­lichkeit wohl den Aus­schlag gab und da schwingt für mich mit, dass viele den Wunsch hatten, ihr Lieb­lings­kli­schee erfüllt zu sehen: eine Frau, die nein sagt, meint ja und nachdem der Mann sich sein von der Natur gege­benes Recht genommen hat, ist sie glücklich und ganz sein … um es konkret zu sagen: gerade in älteren Bio­gra­phien findet sich die Dar­stellung einer Frau, die entführt und von einem Grobian ver­ge­waltigt nichts besseres zu tun hat, als ihn zu ehe­lichen, wenn auch erzwun­ge­ner­maßen. Und da mischen sich Hure und Heilige aufs Schönste.
Die Vor­stellung, auch Maria Stuart könne poli­tisch gehandelt haben, könne versucht haben, einen (vor­der­gründig) zwischen Katho­li­zismus und Pro­tes­tan­tismus zer­rie­benen Staat stabil zu halten, in dem sie einen Pro­tes­tanten aus eigenen Landen zum Mann nahm — nein, diese Idee ist lachhaft, denn Maria war ja der Inbe­griff des Weib­lichen, so weit hätte sie nicht denken können.
Ob sie es tat, was wirklich geschah — wieder einmal: man weiß es nicht. Doch Maria — wir wie­der­holen es noch einmal — war klug, gebildet, tolerant, macht­be­wusst, lebens­er­fahren, war Ehefrau, Mutter, Königin. Das häufig gezeichnete Bild einer törichten Frau, die Männer ins Ver­derben riss und von diesen in selbiges gestürzt wurde, weil sie zu schwach war zu wider­stehen: das kann ich einfach nicht in ihr sehen. Wie immer überlege ich, wie ich mich gefühlt hätte in der einen oder anderen Situation, versuche mir vor­zu­stellen, diese oder jene Eigen­schaft zu besitzen oder denke an Frauen, die ich kannte und an deren Handlungsweise.

Maria Stuart, Königin von Schottland

Maria Stuart, Königin von Schottland

Wie nun auch immer, Bothwells Heirat war ein Fehler, nun wurde er als Königs­mörder, Ver­ge­wal­tiger, Thron­räuber und Lan­des­ver­räter hin­ge­stellt — hinter dieser Aktion steckte wieder eimal der Halb­bruder Marias, den ich bislang nicht einmal mit Namen nannte. Das bleibt auch so, denn allem Anschein nach war das eine wirklich miese Type, an der Hol­lywood seine Freude hätte. A propos Hol­lywood: gestern abend erst wurde ich auf eine Serie auf­merksam, die gerade läuft. Ich sah einen Trailer und meinte, es müsse wohl eine Art Games of Thrones-Abklatsch sein, mit all diesen Fan­tasy­kos­tümen und den dra­ma­ti­schen Gesichs­t­aus­drücken. Bis der Titel erschien: Mary Stewart … auch ohne das zu schauen, bin ich sehr sicher, dass DAS absolut NICHTS mit der echten Maria zu tun hat. Die Serie "Die Tudors" war schon übel, aber offenbar doch noch zu über­bieten. Als Geschichts­freak und –snob kann ich solch grobe Geschlichts­klit­terung gar nicht ertragen.

Zurück nach Schottland: alles erhob sich, alles kämpfte, alles wollte die Macht und es endete damit, dass Bothwell in die Nie­der­lande und Maria ohne ihren Sohn nach England floh. Zu ihrer Cousine Eli­sabeth I., von der sie Hilfe erwartete …

Und weil es mir ab hier unmöglich ist, Eli­sabeth weiter aus dem Spiel zu halten — was bis hierher schon schwierig genug war — ist nun endlich, endlich Schluß. Ich weiß jetzt auch wieder, weshalb die Sache mit "Ich schreibe meinen kleinen Krimi bestimmt bald mal" nie was wird: vor drei Tagen habe ich diesen Beitrag begonnen und nach zwei Stunden ent­schieden, doch noch schlafen zu können. Heute sitze ich schon seit kurz nach drei daran und habe jetzt Hunger. Fünf Stunden für so ein bißchen … nach Recht­schreib­fehlern suche ich später, für heute reicht es. Hof­fentlich nicht zu weit hinaus geht es dann um Eli­sabeth, die in den Augen von Zeit­ge­nossen und Bio­graphen unter einem Mangel an Schönheit und Weib­lichkeit und damit unter einem Mangel der 6 weib­lichen Buch­staben litt: Hexe, Heilige, Hure, Kinder, Küche, Kirche. Wieder eine Frau, die es nur falsch machen konnte.

  

Um noch einmal deutlich zu zeigen, was ich gestern zu erklären suchte: so sieht der fertige Rock­schnitt aus­ge­richtet an der VM und HM aus — extrem schräg. Für Röcke, die ein Quer­muster haben, ist der Schnitt also nicht geeignet:

0126

 

Nach wie vor bin ich ver­blüfft, wie gerade der Saum aber doch sitzt und von der Rockform bin ich sehr angetan. Mal schauen, das was daraus noch werden wird. Wer es selbst auch testen mag, die Anleitung findet sich unter Down­loads — Schnitt­kon­struktion — Rock­kon­struktion 1939. Aller­dings sollte man die alte deutsche Schrift lesen können, ich befürchte, das werden nicht mehr lange viele können.

  

Da der erste 30er-Rock dieses Jahres so simpel war, musste ein zweiter folgen. Nähen geht dieses Jahr zwar flott, das Zeigen ist schwie­riger. Aber heute scheint die Sonne, die Tem­pe­ratur klettert ordentlich und trotz Erkältung und Erschöpfung liege ich OHNE Strümpfe unter der Decke und das war schon Anlass genug, die Kamera auf­zu­bauen und Rock 2 der Serie 1 zu knipsen:

0117

Ich sehe aus wie Peter Pet­tigrew — offenbar mache ich ein Mäu­se­ge­sicht, wenn ich niesen muss. Immerhin erst nach dem Klick geniest, sonst hätte ich das mit den Bilder für heute doch gelassen. Das also ist die unge­schminkte, kranke Wahrheit, mein wahres Ich … na danke.

0116

Zwei Meter weiter rechts ist noch Winter; kein Wunder, dass ich so trüb­selig schaue.

Und das reichte mir dann auch schon für dieses Modell. Den Schnitt kennt ihr eh schon und obwohl ich finde, dass das Mit­tel­jeansblau dem Rock ein ganz neues Aussehen verleiht, gibt es nicht wirklich neues zu sehen. Außer der Mau­senase natürlich.

Gestern zum späten Nach­mittag jedoch riß es mich vom Kran­ken­lager, weil ich endlich, sofort und dringend, eine echte 30er-Rockschnittkonstruktion testen wollte. Musste. Nun ist es ja so, dass jedem Modell­schnitt ein Grund­schnitt zu Grunde liegt: ob 1886, 1912, 1927, ob gestern, heute oder morgen — in jeder Schnitt­an­leitung findet sich ein Grund­modell, das erst an die Trägerin ange­passt und dann modisch abge­wandelt wird. Doch nicht nur die Linien, Längen und Aus­schnitte ändern sich, auch die Grund­schnitte sind unter­schiedlich konstruiert.

Ich tat mich sehr lange sehr schwer damit, ver­schiedene Wege zum Ziel zu beschreiten: am liebsten wollte ich jede Form aus dem gleichen Schnitt heraus holen können und fand das oft sehr schwierig. Bei­spiels­weise der Rock­grund­schnitt:
Heut­zutage wird in der Regel ein Schnitt aus einem Rechteck erstellt, bei dem die Mehr­weite von Taille zur Hüfte über einen mode­raten Hüft­ab­stich, zwei hintere und einen vorderen Abnäher entfernt wird.

aldrich

Das bei­spiels­weise war mein Grund­schnitt bis vor einige Monate (nach Winifred Aldrich). Als dann alles doof und blöd und dumm war, wollte ich endlich einen Rock ohne vordere Abnäher und griff zu Harriet Pepin:

pepin40

Hier wird nur mit einem einzigen und deutlich tieferen hinteren Abnäher, einem sehr stark gewölbten vorderen Hüft­bogen und ohne Abnäher vorne gear­beitet. Damit lassen sich Röcke von 1930 — 19550 schon sehr gut formen. Aber in dreien meiner 30er-Konstruktionsbücher gibt es noch eine dritte Rock­auf­stellung für leicht aus­ge­stellte Röcke:

0123

Klick aufs Bild führt zur Original-Anleitung.

 

Eben­falls mit nur einem tiefen Abnäher hinten und keinem vorne. Der Unter­schied zur Kon­struktion der 40er ist dennoch deutlich: aus­schlag­gebend für die Form sind die Hüft­weite und die gewählte Saum­weite. Was mich immer von einem Versuch abhielt, war die Tatsache, dass es keine rechten Winkel aus­gehend von den Mitten aus gibt — das sieht als fertiger Schnitt schon sehr anders aus. Aber diesmal wollte ich es wissen und habe heute morgen, als ich nicht mehr schlafen konnte, einen Pro­berock zuge­schnitten und genäht. Nicht gebügelt, das muss mir irgendwie aus dem Gedächtnis gefallen sein. Ich war sehr gespannt auf das Ergebnis:

0111

0113

0114

Gut, gebügelt könnte man mehr erkennen. Ich stand also vor dem Spiegel und war erstaunt, denn er sitzt gut für einen ersten Wurf. Er rutscht ein wenig nach oben, da es an der oberen Hüfte etwas knapp wurde, aber der Fall ist so authen­tisch für viele der Röcke und Kleider der End­drei­ßiger, dass ich jubeln musste. Ich habe die Taille am Schnitt schlicht abra­siert, die Sei­ten­linie etwas gerader gestellt und hake das Expe­riment als gelungen ab; der Schnitt kann als Grundlage für Schnitte von 38–41 gut ver­wendet werden (viel­leicht mal hier auf mein Pin­te­rest­board 1939 schauen? Die ersten Kleider/Röcke ent­sprechen der Form dieses Rockes genau).

Was mich eben­falls sehr reizt, sind die End­zwan­ziger und frühen Drei­ßiger, aber kurze Dra­pier­ver­suche mit Original-20er-Schnitten waren nicht schön — so unförmig, traurig und verbaut sah ich selten aus 😀 Es gibt auch für mich Grenzen(jenseits der Mausnase), an denen meine Eitelkeit sich stößt. Was die frühen 30er anbe­langt: Bislang konnte ich keine Anlei­tungen für Grund­schnitte finden, nur Anlei­tungen für die Abwandlung fertiger Schnitte. Dort wurde für einen schmalen Rock wie dem­je­nigen auf den ersten Bildern oben ganz brutal ein aus­ge­stellter Rock wie der nun kon­stru­ierte genommen und ab Hüfte gerade abge­schnitten. Wahr­scheinlich schreit jede, die sich mit moderner Kon­struktion beschäftigt, laut auf — dabei muss doch jede Balance abhanden kommen, das darf man doch nicht, jetzt geht die Welt gewiß bald unter — aber testen müsste man es eben doch einmal.

So, nun habe ich mich müde geschrieben und schlafe gleich ein. Falls ich mich zu unklar aus­ge­drückt haben sollt (denn ich habe das Gefühl, sehr verwirrt zu sein), dann nach­fragen und ich stelle klar. Achja: und Klick auf das letzte Schnittbild bringt euch zum PDF mit der Anleitung. Tun wir doch einfach so, als wäre heute Montag — munter ist es ja da draußen :-)