Kehrtwende marsch!

2807151255So militärisch-harsch gehe ich nicht mit mir um. Oder nur äußerst selten. Aber es mag von außen betrachtet ähnlich abrupt wirken wie eine Mili­tär­parade vor dem Buckingham Palace: erst läuft alles stur nach rechts und ups, zack, peng rast alles nach links. Oder kon­kreter und per­sön­licher: erst versinkt Michou immer tiefer in alten Zeiten und Kleidern und in der nächsten Sekunde steht sie in kurzen Hosen vor einem Klei­der­schrank, in dem sich seit einigen Tagen zwei Kunst­le­der­hosen, ein Kunst­le­derrock, eine Hus­band­jeans, zwei blaue Röh­ren­hosen und zwei Rie­sen­pullis befinden. Damit nicht genug, habe ich mich von 13 Röcken, 5 Ober­teilen und mitt­ler­weile 6 Kleidern (von denen zwei in lie­be­volle Hände wandern werden) getrennt. Ähm, ja, wie bitte?
Nun, von innen betrachtet ist die Wende weder plötzlich noch ist sie wirklich eine Drehung um 180°. Ein bißchen von ganz vielem ist es: ein wenig "zurück zu den Wurzeln", eine Prise Lernlust, ein Teil Ent­wicklung — in der Summe bin es immer noch ich, etwas älter, etwas runder, etwas ent­spannter (hoffentlich).

Noch nie sagten mir über­trieben deko­rierte, berüschte und glit­zernde Klei­dungs­stücke zu; es waren immer die weichen, aber klaren Linien, die mich anzogen. Und immer schon gefielen mir die ele­ganten Sil­hou­etten der 20er-40er oder alles, was Audrey Hepburn trug — das dünne Mädchen, das trotzdem alle schön und elegant fanden. Kein Wunder, dass sie das Idol meiner Jugend war. Als ich dann mit 23 der besten Sty­listin über­haupt in die Hände fiel — falls sie es durch Zufall lesen sollte: ja, Ute, du! — war das eine Art Erwe­ckung. Die Selbst­ver­ständ­lichkeit, mit der sie mich in enge Hosen, weite Hosen, kurze Röcke, Parkas und Hül­len­mäntel, Bodies, Rollis und Zelt­pullover steckte, ständig mit eng und weit, mit lässig und streng, mit hell und dunkel an mir expe­ri­men­tierte, einmal hier zupfte, dort krem­pelte und da zog — das hat mich beein­druckt. Sie nahm mich unter ihre Fittiche und erklärte mich irgendwann für flügge; ja, ich wurde so gut, dass ihre Chefin mich ein­stellen wollte — am liebsten sollte ich ihren jüngsten Sohn heiraten, da die Schwie­ger­töchter ja selbst­ver­ständlich in den Bou­tiquen mit­ar­bei­teten.  In dieser Zeit war mein Klei­der­schrank trotz nicht zu üppigen Gehaltes gefühlt mit einigen aus­ge­wählten Jil Sander-Stücken, unzäh­ligen Gir­baud­hosen, Pull­overn ita­lie­ni­scher und tür­ki­scher Designer gemixt mit Benetton, Jet Set und HM-Schnäppchen.

Als ich nach Bonn zurück­kehrte und das eigene Geschäft hatte, kam ich ähnlich wie auf Nor­derney in den Genuss des Händ­ler­prinzips:
"Kaufst du bei mir, kauf ich bei dir, gibst du mir Prozente, gebe ich dir Prozente, schickst du mir Kunden, schicke ich dir Kunden."
Hieß: drei Bou­tiquen, ein Schuh­ge­schäft und zwei Buch­hand­lungen lagen im erschwing­lichen Rahmen. Als ich dann den Beruf wech­selte, genoß ich es sehr, all die feinen Dinge in meinem Schrank nicht mehr nur abends und am Wochenende tragen zu können. Dann lernte ich den zukünf­tigen Gatten kennen: im dun­kel­grauen, engen Rolli zur cognac­far­benen Lederhose mit schwarzen hohen Schuhen, die Haare lang und windz­er­saust kam ich zu spät dank akuter Park­platznot und forderte ihn auf, sein volles Bierglas stehen zu lassen, da ich sonst Eintritt würde zahlen müsse. Was ich nicht wollte, ich wußte ja noch nicht, ob er das gute Geld auch wert sein würde. Offenbar war ich ein­drucksvoll genug, dass er nur einmal kurz nippte und dann ohne zu Zögern mitkam.

Ganz bald begann unser anfangs recht aktives Leben auf meinen Klei­der­schrank abzu­färben — Aus­tralier sind wahrhaft nicht bekannt für ihren guten Stil! Immer öfter schlichen sich Turn­schuhe und Jeans ein, immer noch mit Blazer und Bluse, aber eben prak­tisch für stun­den­lange Spa­zier­gänge. Schwanger werden, 30 Kilo mehr wiegen und stillen sind auch eher ungünstige Faktoren für eine klassisch-elegant-rockige Gar­derobe. Mir ging es wie vielen: erst einmal ist man froh, über­haupt von Zeit zu Zeit geduscht und sauber gekleidet zu sein. Und noch bevor ich mein ursprüng­liches Gewicht oder mein vor­he­riges Selbst­ver­ständnis wieder gewonnen hatte, war Kind zwei schon unterwegs. Eigentlich unnötig zu sagen, dass mit zwei sehr kleinen Kindern es nicht leichter geworden war. Selbst als ich zwei Jahre später mein altes Gewicht, sogar etwas weniger, zurück hatte, war nichts mehr wie zuvor: meine Figur hatte sich geändert und sehr schweren Herzens gab ich einige sehr schöne Teile zu ebay. Bis mein alter Klei­der­schrank nur noch eine blasse Erin­nerung war.

Shoppen machte auch keinen rechten Spaß mehr: vieles wollte nicht passen, manches konnte ich nicht gebrauchen und mit einem abge­lenkten Gatten und zwei quen­gelnden Söhnen war langes Aus– und Anpro­bieren auch nicht drin. Es ergab sich also durchaus glücklich, dass ich wieder mit dem Stricken begonnen hatte, denn daraus ent­wi­ckelte sich nach dem end­gül­tigen Abstillen ein echtes Hobby und eine Mög­lichkeit, eigene Vor­stel­lungen zu ent­wi­ckeln — im Grunde hatte ich die 80er über ständig gestrickt. Und ich hatte es schon oft erzählt: auf einmal geriet ich an Strick­an­lei­tungen aus den 30ern und war verliebt. Was das Nähen nach sich zog. Und den Wunsch, zuein­ander pas­sendes zu stricken und zu nähen. Und den Ehrgeiz, nach alten Anwei­sungen selbst zu kon­stru­ieren, altes wieder auf­er­stehen zu lassen. Dabei bin ich, was Make up, Unter­wäsche und Strümpfe anbe­langt, immer im heute geblieben — Authen­zität war mein Thema nicht.

Hier kann ich jetzt einen kurzen Bogen schlagen zu Julias zu Recht viel­be­ach­tetem Beitrag: ich bin immer weiter in der Zeit zurück­ge­gangen, weil der Ehrgeiz, etwas in Form und Aussehen Ori­gi­nales nach­zu­ar­beiten, treibend war — ich wollte mir beweisen, dass das auch machbar ist. Das habe ich für mich erreicht. Dabei müsst ihr euch vor­stellen, wie ich ticke: wenn ich mich mit einem neuen Projekt beschäftigt habe, dann habe ich dazu Musik der Zeit gehört, Filme dieser Jahre oder über diese Jahre geschaut, passende Bücher gelesen und Pin­te­rest­boarde angelegt. Ich habe auch das Negative nicht aus­ge­blendet, weshalb ich zu manchen der jetzt aus­sor­tierten Klei­dungs­stücke ein ambi­va­lentes Ver­hältnis hatte — die meisten aller­dings waren mir jetzt schlicht zu knapp oder sie wurden nicht getragen, weil sie nichts weiter als Übungs­teile waren.

ABER irgendwann im letzten Jahr stellte ich fest, dass mir einige Seiten meiner Per­sön­lichkeit im Schrank fehlten. Ich bin eine über­zeugte Anhän­gerin der Idee, sich mit Kleidung aus­zu­drücken — da ich nicht son­derlich exzen­trisch oder abge­dreht bin, kann ich mit dem Ergebnis gut leben. Weshalb aber fehlten diese Seiten? Schlicht deshalb, weil ich als Schnei­derin und Kon­struk­teurin Lehrling bin und üben muss, Zeit brauche, mich auf ein Ziel kon­zen­trierte, kon­zen­trieren musste. Einige halb­herzige Versuche, Modernes mit Altem zu kom­bi­nieren und Zwit­ter­teile zu ent­werfen, waren — welch ein Wunder — frus­trierend. Zum einen, weil sie von vor­ne­herein ein mieser Kom­promiss waren, zum anderen weil ich schlicht nicht wußte, wie ich etwas abseits vom gewohnten zu kon­stru­ieren hatte oder mich nicht traute.

Weshalb traue ich mich jetzt? Der Grund ist ent­setzlich banal: Ich fand und finde es zunehmend schwierig, bei­spiels­weise einen Rock mit Tail­lenbund so zu schneidern, dass er im Stehen nicht schlabbert, im Gehen nicht dreht und im Sitzen nicht ein­schneidet. Wenn ich ganz ehrlich bin, so hatte ich meist alle drei Probleme auf einmal: zu weit beim Stehen und Gehen, zu eng im Sitzen und Liegen. Einige Zeit lang habe ich mir erfolg­reich ein­ge­redet, dass das an meinem man­gelnden Talent und Wissen läge. Was natürlich Unsinn ist — nicht, weil ich so gut bin in dem, was ich tue. Sondern weil nachts nun einmal die Sonne nicht scheint: Ein Klei­dungs­stück aus unelas­ti­schem Webstoff kann nicht tun, was ich von ihm wollte. Das Problem lag woanders und ich wüßte zu gerne, ob es anderen ähnlich geht: Es ist meine sich ver­än­dernde Kör­per­lichkeit. Sehe ich im Stehen und Bewegen noch leidlich schlank und glatt aus, so schieben sich Hüft– und Bauch­speck im Sitzen hin­ter­hältig zusammen. Meine Taille im Stehen liegt irgendwo zwischen 74 und 72 cm — im Sitzen komme ich auf 80 cm … wie ein fester Bund diese 8 cm flexibel umspielen soll, ist eine Frage ohne Antwort, oder?
Und das hatte ich satt, ganz gründlich satt. Es ist nicht so, dass meine Röcke, Kleider und Pullis nicht zu meinem Alltag passen — als Wieder-Hausfrau und Mutter und Schrei­berin kann ich tragen, was mir gefällt. Auch meine Umgebung störte sich nicht daran, im Gegenteil. Was ich nicht mehr konnte, das war sitzen! Oder, je nachdem, ein­kaufen gehen, ohne per­manent den Rock gerade und/oder hoch zu ziehen. Sehr, sehr lästig. Und frus­trierend, denn durch die eigene Kleidung ständig auf das sich ver­ändern hin­ge­wiesen zu werden, ist alles andere als charmant.

Sicher, Hüft­hosen bringen ganz andere Probleme mit sich, aber die lassen sich relativ ent­spannt lösen. Hoffe ich. Denn im Prinzip stehe ich nun zum ersten Mal seit langer Zeit vor einem wirklich leeren Klei­der­schrank. Oder vor einer weißen Leinwand. Neu erfinden will ich mich nicht, denn ich mag mich, wie ich bin (ok, mehr oder weniger, aber der echte Rhein­länder zweifelt immer an allem und jeden — das gehört zu mir). Aber noch einmal hervor zu holen, was mich früher aus­ge­macht hat, kann auch spannend sein. Und kleine Ausflüge in die 30er werde ich als Beson­derheit genießen.

Teufel aber auch, viertel vor eins? Die Kinder haben Hunger und ich mache mich jetzt ans Apfel­flamm­kuchen backen, bevor ich endlich mein Kleid zu Ende nähen werden — ohne Taille, aber mit viel Schwung 😀

Ich suche!

Hat jemand von euch viel­leicht dieses mitt­ler­weile 11 Jahre alte Anlei­tungs­heftchen und könnte mir eine Seite ein­scannen oder abfo­to­gra­fieren? Ich hatte daraus einmal einen Pulli gestrickt, aber leider ist das Heft zusammen mit zwei anderen vor ein paar Jahren weg­ge­schimmelt — ein unbe­merkter Was­ser­schaden in meiner Dach­ke­menate war schuld.

Es geht um einen Pulli mit Zöpfen an den Seiten, die bis zu Schulter hoch­gehen; die Ärmel sind 3/4-lang und ein kleiner Steh­kragen war auch vor­handen. Wenn wer was weiß oder hat, dann wäre ich höchst erfreut und sehr dankbar :-)

 

 

 

 

Noch mehr Gekauftes.

Heute vor­mittag hatten wir das Ergo­the­ra­pie­vi­deo­ana­ly­se­ge­spräch. Ergo­the­rapie, weil der große Sohn Lenny Schwie­rig­keiten mit seinen Haus­auf­gaben bzw. mit deren Erle­digung oder noch besser mit deren Sinn­haf­tigkeit hat. Was in der Regel mit einer schlam­pigen, feh­ler­haften Aus­führung und mie­sester Laune im Haushalt endet(e?). Da wir natürlich alle dazu bei­trugen — zur Laune und Stimmung — wurden wir beim Spielen und Planen und Arbeiten gefilmt. Ich muss gestehen: das Schlimmste für mich daran war die Anwe­senheit einer Kamera. Das heutige Ansehen einiger Aus­schnitte hat mich ent­spre­chend gebeutelt. Nicht wegen des Ver­haltens, sondern wegen meines Äußeren. Schlimm, nicht wahr? Ich konnte mich erst im zweiten Durchgang auf das Wesent­liche kon­zen­trieren, so abge­lenkt war ich von meinem unge­lenken Unwohlsein, meinem krummen Rücken und den dünnen Ärmchen. Von meinem kinn­losen Profil und den Alters­falten am Hals will ich gar nicht erst sprechen.

Als wir auf dem Nach­hau­seweg waren, dachte ich aller­dings: "Was soll´s? Der Tag ist eh verloren, da kann mich das kleine Kind Tommy doch noch einmal in Kauf­sachen knipsen."
Was er mit pro­fes­sio­neller Ernst­haf­tigkeit tat, aber etwas ratlos vor meiner Auf­for­derung stand, erst zu drücken, wenn ich gut aussähe. Er knipste dann einfach drauflos, denn so lange konnte und wollte er nicht warten müssen. Da die heutige Analyse Lenny zu schaffen machte, bestand er darauf, mit auf's Bild zu kommen. Und in den Blog! Was ich nicht mag und ihm die Gründe dafür auch nannte. Unser Kom­promiss bestand wie beim letzten Mal auch schon darin, dass ich nur die Bilder nehme, nach denen ihn ein Fremder nicht würde erkennen können.

 

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Das zweite Bild ist unge­schnitten und sollte mir ein für alle Mal klar­machen, dass Bilder, je nachdem, wie sie auf­ge­nommen wurden, lügen. Egal, wo ich mich wie auf unsere Terrasse stelle: niemals bekomme ich diesen selt­samen Winkel zu Gesicht, in dem Terrasse, Büsche und Wiese so zuein­ander treffen wie auf diesem Bild. Unter Umständen sehe ich selbst also auch nicht immer so eigen­artig aus wie auch manchen Bildern. (Aber der Hor­rorfilm heute morgen sagt die Wahrheit, da bin ich mir sicher — ich arbeite jetzt an der Verdrängung)

 

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Tommy konnte sich nicht ent­scheiden, welches Bild ihm am besten gefällt und wie immer in solch einem Fall nehme ich alle. Aber weshalb zeige ich die gekauften Klei­dungs­stücke über­haupt? Gute Frage, keine rechte Antwort. Ich will mich auch an andere Formen gewöhnen, her­aus­finden, was ich tragen mag, was sich kom­bi­nieren lässt und wo ich stehe. Nach wie vor findet ein Teil von mir das Altern unan­genehm, schwierig, nerv­tötend und auch irgendwie unschön: da hat man sich im Laufe von zwei Jahr­zehnten an sein Gesicht und seinen Körper gewöhnt, hat all die kleinen und inein­ander grei­fenden Ver­än­de­rungen mit­ge­tragen und akzep­tiert, um auf einmal mit immer größeren und rasan­teren Muta­tionen klar­kommen zu sollen. Der größte Teil meines Ver­standes und Gefühls macht mit, aber Gewohnheit und ja, auch mein ästhe­ti­sches Emp­finden stellen sich quer und nörgeln mir pemanent Schmä­hungen ins Ohr. Gegen die ich nicht resistent bin.

Als ich gestern mit Lenny spät­nach­mittags in der Innen­stadt unterwegs war (um nach mehr Hosen für mich zu suchen — eine Schande, nicht wahr?), fiel mir auf — und dass muss ich jetzt kühl-nüchtern sagen — dass der Großteil der Menschen nicht schön ist. Schön wie ein klas­si­zis­ti­sches Gebäude bei­spiels­weise. Schön wie ein Bot­ti­celli. Schön wie Audrey Hepburn oder Grace Kelly oder Sofia Loren oder oder oder. Sondern dass die Menschen um uns herum allesamt zu dünn, zu dick, zu lang, zu kurz, zu alt, zu jung, zu gerade, zu krumm oder sonstwie zu unge­normt sind. Und dass diese Fest­stellung — gestern zumindest — unglaublich befreiend auf mich wirkte. Denn auf den zweiten Blick fand ich zumindest mehr als die Hälfte attraktiv: da waren tolle eigene Farben, gut geformte Beine, weiche Haut, strah­lende Augen, glän­zende Haare, anmutige Hände und zarte Taillen zu sehen. Ein auf­rechter Gang, gute Laune, lebhafte Unter­haltung, passende Kleidung taten bei vielen das Übrige. Ja, es gab eine Handvoll an Menschen, die mir nicht gefiel. Die unge­pflegt, mies­ge­launt, unfreundlich und lustlos wirkten und die ihre eigene Schlecht­wet­ter­wolke über sich spa­zieren trugen. Aber unter den Hun­derten von Menschen, die mir gestern ent­ge­gen­kamen zählen vier oder funf nicht weiter, denn wieder einmal stellte ich fest, wie wichtig der Unter­schied zwischen schön und attraktiv ist. Denn wenn auch der Großteil der Menschheit vom hehren Ideal wahrer Schönheit weit entfernt sein mag, so ist doch der große Teil dieser Mehrheit in seiner Vielfalt und Indi­vi­dua­lität höchst attraktiv. Und das sollte doch für jede und jeden eine Nische bedeuten, in der wir ganz für uns und die Menschen, die wir lieben, die uns lieben, wahrhaft schön sein können.

Holla, das war jetzt aber viel Pathos. Das schieben wir mal darauf, dass ich heute nacht wieder einmal viel zu wenig Schlaf bekommen habe und zudem eine Ausrede für das Zeigen von Kauf­kleidung brauche 😀

"Hübscher Sack"

So sprach der Gatte gestern abend, als ich eine schnelle Anprobe vor­nehmend an ihm die Kel­ler­treppe vorbei rauschte. Ich bemühe mich, dem "hübsch" mehr Bedeutung als dem "Sack" zu zu messen. Immerhin ist ein Sack ein deutlich klei­neres Stoff­ge­bilde als ein Zelt, womit ich mein letztes Kleid bezeichnete. Wäre es also mit zwei­erlei Maß gemessen, wenn ich dem Gatten den Sack übel­nähme, während ich selbst von Zelten spreche?

Blödsinn, natürlich sind es zwei ver­schiedene Dinge: ich darf. Er nicht! Wenn ich auch zugeben muss, dass er nicht ganz falsch liegt und die Absicht des Kleides nicht ist, meine Figur deutlich abzu­formen, sondern sie zu umschmei­cheln und umschweben. Die erste Anprobe vor dem von allerlei Stu­dio­möbeln, Ikea­kartons und Kin­derkram halb zuge­stellten Kel­ler­spiegel ergab, dass dieses Ziel erreicht sein mag. Ich sollte heute die Zeit finden, Ärmel, Belege und Fut­ter­kleid zu nähen und ein­zu­setzen und das End­er­gebnis dann beur­teilen. Falls wir uns dazu auf­raffen können, den Keller endlich wieder frei­zu­schaufeln — was dann zu wenig Zeit für Kleid­nä­he­reien bedeutete … irgendwie sehe ich ein Problem.

 

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Wenn das was wird, teste ich mich weiter voran an eine zweite Linie in meinem Klei­der­schrank. Gedanken dazu habe ich viele und auch sehr, sehr viele dazu, ob immer alles figu­r­op­ti­mierend sein muss und vor allem: ob es immer nur eine ideale Linie geben muss, an die frau sich heran zu tasten hat? Wie kann ich gleich­zeitig zu meinem Körper stehen, so wie er nun einmal ist, wenn ich gleich­zeitig ver­suchen soll, (angeb­liche) Schwächen aus­zu­gleichen und zu ver­tu­schen? Aber das führt heute viel zu weit; Zeit ist ein kost­bares Gut, wenn alle zu Hause sind und alle was wollen.

Kurze Hosen …

Ja, ich habe zwei kurze Hosen gekauft und nein, das habe ich nicht getan, um Sexiness vor­zu­täu­schen — das funk­tio­niert bei mir eh nicht: dazu fühle ich mich mit meinen Unter­armen und Unter­beinen zu unwohl. Immer schon, immer noch. Denn sie täuschen ein Dünnsein vor, das meiner Kör­per­mitte fremd geworden ist. Zu wenig Kurve, zu wenig Rundung, zu lang und dazu machen sie mich vor der Linse noch befan€gener, als ich es eh schon bin.

ABER: es ist heiß. Und die Hosen bequem und luftig und dennoch (irgendwie) ange­zogen. Solange ich etwas weites darüber fallen lasse, denn natürlich ist der Sitz sub­op­timal. Zu eng an der Hüfte, zu weit ein Stückchen darüber. Macht alles nichts, ich habe schon Schlim­meres gesehen und getragen. Und obwohl nichts selbst genähtes, selbst gestricktes zu sehen ist, zeige ich euch die Bilder. Ganz viele sogar. Denn geknipst hat sie unser morgiges Geburts­tagskind, der von allen Haus­männern hier die besten Ergeb­nisse erzielte. Nach den Bildern des Gatten war ich für zwei Stunden tief depressiv und stellte fest, wie eitel ich doch bin; fast mochte ich nicht mehr vor die Türe gehen, um die Umwelt nicht noch mehr zu belasten.

Da das Kind meine alte Kamera bekommen hat und auch nur mit dieser foto­gra­fieren mag, ist alles ein klein wenig ver­wa­schen und deshalb gibt es aus­nahms­weise auch einmal Bilder vom Gatten (noch im Ten­nis­gewand) und vom großen Sohn (während der 5 Minuten des Tages, an denen er sozial kom­pa­tibel ist).

 

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Die Bilder des Gatten hatte ich da schon gesehen und gelöscht und war ernsthaft betrübt. Den Gatten focht dies nicht an 😀

 

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Ja, er ist der Größte … ich nehme an, das ver­wächst sich?

Das war gestern abend und heute vor­mittag durfte/musste er gleich noch einmal ran. Er ent­wi­ckelte über Nacht leichte Star­al­lüren und ließ sich auf keine Dis­kus­sionen mit mir ein.

 

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Der Gatte rasiert zwei Meter neben uns den Rasen, Tommys Kom­mandos erreichen mich nur teil­weise.
"Sehe ich sehr schlimm aus oder geht es?"
"Ich finde dich hübsch. Aber steh' mal cool da, sei mal lässig!"
"… ähmja … Moment, wie? … So?"

 

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"Ja, ist schon ganz ok. Geh mal woanders hin!"
"Vor die Büsche? Hier?"
"Mei­net­wegen, aber ich sehe nur noch grün …"

 

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Danach war er erlöst. Für heute. Ich auch.

Was habe ich bis jetzt gelernt aus der Kauf­rausch­orgie? Ich werde mich mal an das Kon­stru­ieren kurzer Hosen geben und an das Basteln weiter Ober­teile — so ent­spannt das Hemd auf den Bildern wirkt, so pro­ble­ma­tisch ist es, wenn es um Bewe­gungs­freiheit geht: die Ärmel sind weite Kimo­no­ärmel, die eine Tendenz nach vorne haben und das Armheben seltsam ein­schränken. Etwas kürzer dürfte das Hemd auch sein — alles Dinge, die in eigene Schnitte ein­fließen sollten. Dem­nächst einmal …

 

Schlußverkauf

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Wirklich und wahr­haftig habe ich den Gatten heute vor­mittag semi-spontan in die Innen­stadt gelotst: eigentlich, um einige Rest­ge­schenke für den "kleinen" Sohn zu besorgen, der am Samstag neun wird. Es ist ein sehr selt­sames Gefühl, dass wir im Herbst schon nach einer wei­ter­füh­renden Schule zu suchen haben. Suchen eigentlich auch nicht, denn er hat sich schon im letzten Jahr ent­schieden, dass er wie die Mama auch mit Fran­zö­sisch beginnen will und seine Chancen stehen sehr gut, dort auch genommen zu werden. Was mich freut. Einerseits.

Ande­rer­seits: wer hat dem Baby eigentlich erlaubt, nun schon ein halber Gym­na­siast zu sein? Es reicht schon, dass ich Ende 40 bin, aber dann auch noch mit so einem hal­balten Kind? Und wer hat jemals diesen (idio­ti­schen) Satz auf­ge­stellt, Kinder hielten jung? Von unserem Ältesten, der seit einem Jahr der Hölle enstiegen zu sein scheint, kann ich das Gegenteil behaupten: sie machen alt. Wird gewiß auch wieder besser — also das Leben mit ihm, nicht mein Altern. Aber hey, so langsam gewöhne ich mich.

Aber was hat das Älter­werden mit dem Schluß­verkauf zu tun? So ganz sicher bin ich mir noch nicht, aber vermute einen starken Zusam­menhang. Schon länger treibt es mich um, neben meiner 30er/40er-Vorliebe doch auch wieder anderes zu tragen. Früher (damals, in den Ardennen) galt ich dank bester Freundin, die Ein­käu­ferin in einer Edel­bou­tique war, immer als aus­ge­sprochen gut gekleidet — modern mit klassisch-elegantem Twist, so beschrieb mich ein Per­so­naler kurz vor der Ein­stellung einmal. Das ging mir mit den Schwan­ger­schaften, Still­zeiten und Brei­chen­füt­te­rungen verloren. Durch den ersten Vintage-Strick-Pulli war ich dann zunehmend der aktu­ellen Mode ent­fremdet. Oder eigentlich auch nicht, denn es gab in den letzten Jahren immer öfter Röcke und Kleider in den Schau­fenstern, die sich auch gut 1946 hätten tragen lassen. (Übrigens zeigt die Voguepatterns-Kollektion mit einem DK-Rock meine gerade prä­fe­rierte Rockform …). Seit etwa einem Jahr aber fehlen mir ein oder zwei andere Seiten meiner opti­schen Per­sön­lichkeit: bei­spiel­weise trug ich ja mit großer Liebe Leder­röhren (stehen für diesen Winter doch mal wieder an, Kunst­leder findet sich mitt­ler­weile ja leicht). Oder auch gerne sehr weite, flie­ßende Oberteile.

Problem dabei ist: sämt­liche Test­nä­he­reien in Richtung moderate Läs­sigkeit sahen an mir grausam aus: seltsam beulig, sackig, einfach verkehrt — das Näh­kränzchen, ins­be­sondere Arlett, haben da inter­es­santes zu Gesicht bekommen und mit mir ent­schieden: aus der kör­per­be­tonten Ecke komme ich nicht so ohne weiteres raus. Nach der heutigen Umklei­de­ka­bi­nentour weiß ich, was ich in anderer Hinsicht schon lange weiß: Mit­telwege sind nichts für mich. So wie ich zu Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt sein kann, mit beiden Beinen fest in den Wolken schwebe, Bücher liebe oder hasse, genauso brauche ich entweder eng oder weit und nix zwittrig-figurumspielendes. Nach dem Luftig-Luftig-Kleid der letzten Woche ahnte ich das. Weil ich mich in dem Zelt wohl fühlte und weil es mir stand.

Und weil es eines tut, was meine 30er-Röckchen nicht tun: es leiht mir ein wenig Jugend und Frische. Was ich an manchen Tagen herbei sehne. Nie wieder möchte ich Mitte 20 sein, über­haupt will ich kein ein­zelnes Jahr, wie ätzend es auch gewesen sein mag, wieder abgeben müssen, aber mich so ganz ins Damen­hafte zurück ziehen, das hatte ich auch nicht vor.
Was ich aber ebenso wenig vorhabe: mich nun mühsam an die Hosen­kon­struktion begeben und dann ver­suchen müssen, aktuelle Formen heraus zu arbeiten. Ein­kaufen kann der leichtere Weg sein. Und was kann ich sagen: ich habe zuge­schlagen und es genossen. Denn auf der Hüfte sitzende Hosen sind weniger pass­form­sen­sibel als Blei­stif­t­röcke, die in er Taille halten wollen — sowas kann ich nämlich nicht passend kaufen.

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Aber weite Hemden, asym­me­trische Pullover, Shorts, Schlab­ber­hosen und wahr­haftig eine schmale Jeans (in ganz, ganz dunkel, sonst mag ich Jeans nicht) plus ein langes Hip­pie­kleid ließen sich finden. Der Gatte war durchaus angetan. Es war ein sehr ent­spanntes und ent­span­nendes Erlebnis und ich fühle mich fast wieder voll­ständig. Vor allem aber habe ich wieder einmal bemerkt, wie wenig dra­ma­tisch kleine Paß­for­mun­ge­nau­ig­keiten sind. Und wie störend wirklich unpas­sende Kleidung ist — ist ja nicht so, als ob alles wun­derbar gesessen hätte.
Die nächsten Projekte werden sich sicherlich auch immer mal wieder in die aktuelle Richtung neigen, aber als nächstes steht hof­fentlich endlich ein Kostüm an.

Französisch-dekadent-verrucht

Ah, in wenigen Sekunden werden einige Googler sehr ent­täuscht sein …

Ich expe­ri­men­tiere wei­terhin mit meiner zur Zeit liebsten Rockform: schmal, wadenlang, unten schwingend aus­ge­stellt. Und da ich einen solchen in dun­kelblau für die kühle Jah­reszeit besitze und liebe, lag nichts näher, als einen ähn­lichen für die warmen Tage zu nähen. Ich habe dabei die Sei­tennaht bis an Kniehöhe heran ein wenig ein­ge­stellt (nur 1 Zen­ti­meter, für die nächsten Ver­sionen werde ich auf 2 Zen­ti­meter erhöhen) und von da aus ordentlich Weite zuge­geben. An der VM habe ich mit der Zunahme schon auf Bauchhöhe begonnen, das dürfte etwas tiefer rutschen.

Der Stoff ist ein Baumwoll-Elasthan der weichen Art, der, ich habe das heute getestet, beim Ein­schlafen auf dem Sofa ein wenig knittert und beult, sich aber doch noch anständig zeigt. Eini­ger­maßen. Warum nun aber dieser Titel? Weil mich diese Rockform an all die gezeich­neten Comic­fi­guren erinnert, die Fran­zö­sinnen dar­stellen sollten. Ob es nun eine Kat­zendame war, die Tom und Jerry den Kopf ver­drehte oder dem Rosa­roten Panther oder ob es eine gefähr­liche, sich nur fran­zö­sisch gebende Gangs­ter­braut bei Nick Knat­teron war: immer waren die Röcke eng und schwangen ums Knie, immer war der Aus­schnitt tief und das Oberteil gestreift. Und die Damen darin waren so kurvig, dass uns schon beim Hinsehen schwin­delig wurde.
All das, das sollte ich erwähnen, sehe ich nicht, wenn ich in den Spiegel sehe. Aber ich sehe die Anklänge. Und so fühle ich mich auf den hohen Absätzen in diesem Rock mit diesem T-Shirt durchaus ein wenig verspielt-stereotyp-französisch.

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Ich nehme stark an, dass ich auf diesen Bildern dem Gatten doppelt reizvoll erscheinen dürfte, hängen doch im Hin­ter­grund die noch zu bügelnden Hemden — fleißig und kurvig, mehr geht kaum, zumal eine frische Quiche im Ofen auf ihn wartet. Der Mann hat es gut! (Naja, ich sitze hier mit Krämpfen und blogge, während er mit einem Freund das Studio ausräumt und die wirklich schwere, sperrige Liege her­aus­wuchtet. Da hat er sich ein wenig haus­frau­liche Auf­merk­samkeit verdient; ich reiße mich auch mit feministisch-männerhassenden Aussagen für heute abend einmal zusammen.

Und nun nur für Cou­turette noch zwei Bilder, die ich leider nicht perfekt wie besprochen hinbekam — aber die Tendenz ist zu erkennen 😀

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