Darf ich das?

Heute am frühen Morgen blickte ich schlaftrunken aus dem Fenster; mein Jüngerer schlief in meinem Zimmer und wird offenbar wieder krank: er schnarchte. Und so war ich eben sehr, sehr schlaftrunken, als ich grauen Himmel erblickte. Wie könnte ich den Tag sonniger gestalten? Ich könnte den helltürkisen Blazer knipsen und so überlegte ich mir, ob ich das wirklich tun dürfe: ein Jacket zeigen, dass weder Taschen auf den Hüften hat noch Knopf oder Knopfloch zum Schließen – wäre das nicht arg unkonventionell? Darf ich das? Nicht, dass ich grundsätzlich auf den Verschluß hatte verzichten wollen; ich traute nur der Knopflochautomatik nicht und ich würde ihn doch meist offen tragen. So unwesentlich beschäftigt stellte ich mich unter die Dusche, cremte mich ein und malte mich an, fönte die Haare, zog mich an und tapperte nach unten. Ich ging online und scrollte durch FB, alles ruhig. Bei twitter geschaut und Christian Sievers hatte etwas über den Brüsseler Flughafen weitergegeben – nichts konkretes, irgendeine Explosion. Und während ich mir noch einreden wollte, dass bei so viel Kerosin ja leider schnell etwas geschehen kann, stieg schon ein mittlerweile altbekanntes Gefühl in mir auf … zurück zu FB, wo es nun – 30 Sekunden später – sehr, sehr viele Links zu Nachrichten aus Brüssel gab. Bitte, bitte nicht. Kennt ihr das Gefühl, dass es doch möglich sein müsse, allein durch Kraft eurer Gedanken etwas ändern zu können? Etwas, das weit außerhalb des eigenen Einflußbereiches liegt? Etwas, das über Leben und Tod entscheidet? Ich habe es versucht, immer und immer wieder. Es geht nicht.

Und dann läuft es ab wie immer: immer mehr Nachrichten, immer mehr Tote, immer mehr Menschen/Politiker, die sich zu Wort melden und von denen manche einfach nur den Mund hätten halten sollen. Seit etwa einem halben Jahr neu ist, dass danach die rechte Schlammwelle losrollt, die sofort alles in ihre Richtung interpretiert, Mitleid mit Opfern heuchelt und zeitgleich alle, die schuld sind, die anders sind, die anders denken oder die ehrlich trauern, an die Wand stellen wollen. Der Tag ist gelaufen und die Zukunft sieht schon wieder ein wenig düsterer aus. Und so stellt sich die obige Frage in einem neuen Kontext: darf ich, will ich, kann ich eigentlich heute, jetzt, in dieser Zeit über Kleidung bloggen? Als ob nichts wäre? Ich bin ambivalent …

Wenn ich mich an manchen Tagen durch manche Blogs, FB-Seiten, Twitteraccounts klicke, dann habe ich manchmal das Gefühl, es existiere ein Pippi-Langstrumpf-Nebenuniversum, in dem sich jede ihre Welt so macht, wie sie ihr gefällt – bis zur Ignoranz. Wenn ich so gar keine Überlegungen zur Realität sehe – und wäre es nur ein etwas gedämpfterer Ton, ein etwas traurigeres Gesicht – sondern nur die üblichen 1000 Grinsegesichter, Herzchen auf den I’s und ellenlanges Gebrabbel über das tolle neue E-Book, das sie testen durfte/wir testen dürfen … naja, tiefer Seufzer, ich denke, die meisten wissen, was ich meine. Diese totale Ignoranz kann ich nicht ertragen, tut mir nicht gut.

Andererseits ist es natürlich so: wenn wir alle nur noch weinend in der Ecke sitzen und unser Leben schleifen lassen, jede Freude, jeden kleinen Erfolg, jeden Spaß verschweigen, ist dann etwas verbessert, ist dann Trauer und Mitgefühl stärker? Es ist wohl eine Frage des Timings und des Taktes. In den letzten Wochen war ich hier auf dem Blog ja sehr darauf aus, vor allem „Schönes“ zu bloggen. Marie Antoinette sitzt noch immer in ihren Hochzeitsfeierlichkeiten fest – weil sich der zweite Teil, den ich in der Mache hatte, sich vor allem mit den Pamphleten, den üblen Gerüchten und der Hetze, der sie ausgesetzt war, beschäftigte: da war der aktuelle Bezug schon sehr stark und ich fand es schwierig, nicht unendlich darüber zu schreiben und zu vergleichen.

Meine Wut über all die braunen Kommentare allüberall im Netz habe ich vor allem über meinen FB-Account herausposaunt und darüber auch viele neue Bekannte gleicher Gesinnung gefunden, was tröstlich ist: zu spüren, man ist nicht alleine, steht sich bei, kommt sich nahe – das ist wohl das Beste in diesem Jahr. Ihr merkt, ich verliere mich gerade und den roten Faden für diesen Beitrag. Was ich sagen will: ich schreibe jetzt einfach über das Jacket, ohne dabei die harsche Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren. Weil ich irgendwie ganz naiv-kinderäugig hoffe, dass, wenn es warm genug sein wird, es draußen zu tragen, die Welt wieder ein klein bißchen besser sein wird …

 

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Gestern noch war ich mit Tom in der Stadt, um ganz konsumorientiert nach Kleidung zu schauen. Beide waren wir erfolgreich. Ich überlege noch, ob ich bei dieser weiten Jeans den Oberschenkel enger nähe, so dass die Weite erst knapp oberhalb des Knies aufgeht statt schon ab Mitte Schenkel. Meinungen? Ist ja auch egal.

 

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Draußen war es übrigens frisch und windig, aber wenn ich Erfolg als Modebloggerin haben will, die 20 Links zu Onlineshops listet und in deren Blog immer nur alles schön ist, dann darf ich nicht meckern. Vermutlich müsste ich schon längst Botox gespritzt und Silikon eingefüllt haben und überhaupt und sowieso … ach, ich bin heute einfach zu nix zu gebrauchen.

Das Jacket also: genäht aus einem Leinenmix von Stoff&Stil, Schnitt auf Grundlage des Bunkaslopers erstellt, dazu Gekauftes. Vielleicht könnte er sogar noch etwas länger sein? Die Farbe ist auf jeden Fall herrlich, der Stoff trägt sich gut, leiert vielleicht bei zu heißem Bügeln etwas zu leicht. Gibt es etwas, was ich dazu sagen könnte?

 

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Ungefähr so sähe er aus, hätte er Knopf und Knopfloch. Vielleicht raffe ich mich dazu noch mal auf. Falls der Frühling sehr kühl werden sollte. Oder auch nicht, denn ich will jetzt noch einen Blazer nähen und überlege, ob ich dazu diesmal einen Schalkragen entwerfen soll? Fragen über Fragen, ich bin heute wirklich nicht bei der Sache, will mich aber nicht davon abbringen lassen, Freude an selbstgemachter Kleidung zu haben – entschuldigt, wenn ich heute so sehr unorganisiert und durcheinander schreibe. Ein bißchen ist es so, als ob meine gestrige Entscheidung für diese Schlagjeans ein wenig den Hippie in mir weckt: Jacket runter und raus kommt mein Peace-Ich.

 

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15 Gedanken zu “Darf ich das?

  1. Manchmal brauche ich eine PipiLangstrumpfnebenWelt, allerdings ohne Herzchen. ..weil das manchmal sehr schwer zu ertragen ist.Die Dinge die passieren, und die Menschen die es für sich instrumentalisieren es anschließend in alle Richtungen verwursten. Schlimm das alles.
    Vor ein paar Wochen habe ich meine Tochter noch gemaßregelt, da sie beruflich Brüssel gereist ist, und sie sagte, sie überlege sich abzusagen wegen der Terrorgefahr. ..im Endeffekt waren wir verschiedener Meinung. ..sie fuhr und alles war gut…Seit heute morgen habe ich im Nachhinein grosse Sorgenfreien. ..aber kleinbeigeben Gildet nicht…und deshalb ja, man darf,man soll und muss dagegenstehen. Mit aller Macht. Man darf nicht zulassen das der Terror in unsere Herzen zieht, und Angst züchtet. Angst ist eine schlimme Krankheit die einen nur auffrisst.
    Du darfst dich gerne zeigen in deinem verschlusslosen Blazer, der dir hervorragend steht !
    Liebe grüße
    Stella

    1. Deshalb, weil ich manchmal auch so tun möchte, als wäre alles gut und weil ich irgendwie glaube, dass wir die Welt mitgestalten mit dem, was wir sagen, zeigen, denken meinen – also deshalb habe ich jetzt so lange schön gebloggt. Aber dann wieder … das ist sehr kopfgesteuert, ein sehr bewußtes Gegenhalten und manchmal auch ein gewaltsames Schönreden, was ich da tue. Mitunter auch schlichter Verdruß und Übersättigung am Schlechten, was mich dazu bringt.
      Aber die Pippi-Langstrumpf-Welt, das ist die, die immer vollkommen unberührt davon bleibt und ich habe wohl einfach zu viele Frauen kennen gelernt, die auch wirklich so sind: wenn es ihnen gut geht, ist alles gut und alles andere wird ausgeblendet, kleingeredet, verharmlost. Das waren Frauen, die nicht mal in der Lage waren, jemandem die Tür aufzuhalten …

      Und Angst. Kann man sie wirklich aussperren? Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch und das hier macht mich fertig. Es macht mich halt nur nicht unbedingt stumm.

      Und der Blazer: wie immer ist der natürlich in echt viel schöner 😀
      Danke dir du Gute, ich würde mir nur mal wünschen, dass du deine Nachrichten liest bei FB und twitter …

  2. vielleicht zu müde um Worte richtig aneinader reihen zu können – Jeans ist perfekt, mach sie nicht enger, sieht so lässig aus und passt zu den Peace-Zeichen. Blazer und Bluse und überhaupt das schönste blau … Blau ist auch traurige Farbe, zumindest in englischsprachiger Welt (den Bluebird mal ausgenommen), daher passt es auch.
    Mich macht das alles was um uns geschieht sehr fassungslos und WÜTEND. Wütend auf die, die in anderen keine Menschen sehen, die selbst nicht mal einen „sapiens“ im namen eigener Gattung verdienen. Es ist schwierig mit dieser Situation umzugehen – aber wie schon im November möchte ich nicht nachgeben. Es hätte überall passieren können. Es hätte jeden treffen können. Erleichterung ist fehl am Platz. Sicherheitsdenken ist m.E. auch fehl am Platz …
    Wenn wir uns verstecken, im Glauben dass wir uns schützen können, freiwilig in Bunker gehen, haben am Ende nicht die Feinde der Freiheit gewonnen? Leben ist tödlich, zu 100%, ich bin da sehr illusionslos, kein Bullerbü …

    Übrigens hat die Deutsche Sprache ein sehr passendes Wort für das was ich jetzt fühle – Ohnmacht… zu klein um überhaupt irgendetwas ändern zu können ….

    1. Ohne Macht, ja das trifft es gut, trifft überhaupt auf fast alles zu, schon in unserem kleinsten Kreis. Wenn man dann doch nur auch ohne allzu viel Mit-Leid wäre, dann machte es Sinn.
      Wut? Ja, ernorme. Gegen die vor allem, die ihre Wut blind gegen die gewünschten Schuldigen richten. Gingen alle Flüchtlingsheimanzünder gen Syrien, um Daesh zu bekämpfen, dann machte das ja noch Sinn. Aber sie waren immer nur auf der Suche nach dem Schwächeren, den sie prügeln können, um sich groß und wichtig und bedeutend zu fühlen. Widerlich. Das Wort, das ich am häufigsten nutze mittlerweile. Widerlich.

  3. Es gab so um 1986 mal eine Phase, in der Paris von terroristischen Attacken bedroht war. Ich war gerade zu dieser Zeit dort und dachte leichten Herzens, es würde nichts passieren. Tat es dann auch nicht.
    Seit 9/11 denke ich anders und jetzt erst recht. Ich mag eh keine Menschenansammlungen, nicht mal im Kino, aber inzwischen bin ich froh, dass ich in die Stadt gehen kann, wenn gerade nicht viel los ist, und dass ich nicht gezwungen bin, Bahn, U-Bahn oder Flugzeug zu benutzen. Was sonst noch so passieren könnte, mag ich mir gar nicht ausdenken.
    Schlimm, das alles. Allerdings sind wir als Teil der westlichen Welt an der Entwicklung nicht unschuldig.

    Und dann baut sich noch zu allem Überfluss ein politisches Klima auf, von dem ich als Mädchen nie geglaubt hätte, dass es jemals wieder kommt. Nicht in Deutschland. Nicht so. Es fühlt sich an, als würde der Geschichtsunterricht live nachgespielt. Noch hoffe ich, dass das alles ein schlechter Traum bleibt …

    Allerdings finde ich nicht, dass jede Bloggerin auf Terror und Wahlen Bezug nehmen muss. Ein Nähblog ist ein Nähblog ist ein Nähblog – wenn die Bloggerin es so möchte, darf das so sein. Das ist bei Fachzeitschriften schließlich nicht anders. Ich kann mich nicht erinnern, dass 1972 nach dem Olympia-Attentat jemand erwartet hätte, dass in der Burda oder Neuen Mode was dazu steht.

    Insofern, genieße Deinen Blazer. Er steht Dir sehr gut! Ich bin ja auch so eine, die Knöpfe weg lässt … allerdings würde ich dieser Jacke doch noch einen spendieren.
    Aber die Farbe von Stiefel und Gürtel solltest Du nochmal gut überdenken. Nicht dass sie zum Outfit nicht gut aussehen würden, das tun sie, sehr sogar. Aber die Farbe an sich, die Farbe … obwohl, so gesehen müsste Blau ja auch weg 😉 …

    Viele Grüße
    Ursula

    1. Ja, ich erkenne mich daran auch wieder: von einem „Passiert schon nix“ immer mehr zur eigentlich auch angeborenen Scheu vor großen Mengen Mensch und extensiver Reiserei.
      Und nein, ich denke nicht, dass jeder Blog darauf Bezug nehmen muss, aber ist es an solch einem Tag nötig, Konfetti-Emojis im Text zu verteilen, Werbung ohne Ende zu schalten und vom geilsten Tag ever zu schwadronieren? Etwas mehr Takt, etwas mehr Gefühl wünsche ich mir da.

      1. Solche Werbejubelparaden habe ich nicht mitbekommen. Mag an dem Mix der Blogs liegen, die ich lese, oder an der Tatsache, dass das meiste eh durch den Feedreader weggefiltert wird. Aber ja, ich stimme Dir zu, zuviel Heititei fühlt sich an so einem Tag komisch an. Andererseits – zumindest wer Werbung schaltet, macht das nicht tageweise, und das ist halt auch Business, das zumindest ein bisschen zum Einkommen beiträgt. Und wir hören ja auch nicht mit der Arbeit auf, weil so ein Attentat geschieht. Will sagen, ich verstehe Deine Abscheu, finde aber auch nicht, dass deshalb der Alltag (und das ist nun mal vor allem der geschäftliche) komplett innehalten sollte, und bin insofern gespalten.
        Nichtsdestoweniger hoffe ich natürlich, dass wir uns nicht an israelische Verhältnisse gewöhnen müssen.

        1. Nicht Werbung in den Seitenleisten, solche Blogs besuche ich gar nicht bzw. sehe ich das Zeug nicht, weil ich ohne Adblock schon längst nicht mehr online wäre 😀
          Nein, ich meine Texte, die man schreibt, in denen man sich dann über die ach so tolle …, das fantastische … und den einmaligen … beeumelt und dann erzählt, wie wunderbar der heutige Tag genaus deshalb wäre. DAS ist daneben, ist taktlos und hat mit nicht aufgegebener Freiheit nix zu tun. Und es geht nicht nur um diesen Tag in dieser Woche, mir fiel das schon einige Male auf. Bei Blogs, auf die ich eher zufällig gerate, denn diese Blogs sind ja nicht wirklich meines und dann weiß ich wieder warum.

  4. Vollständig ausblenden kann ich dieses Grauen auch nicht. Zumal in unserer Firma in der Teeküche der Fernseher rund um die Uhr läuft und uns mit den aktuellen Nachrichten versorgt; als die Meldung aus Brüssel kam, musste ich sofort an meine Kollegen in unserer Brüsseler Niederlassung denken, die sich nicht weit von der U-Bahn-Linie passiert, wo die Explosion war.

    Trotzdem: permanent daran zu denken, hilft mir nicht weiter – im Gegenteil: ich würde durchdrehen. Nur meinen Fotos, die ich auf meinem Blog aktuell habe, kann man meinen Gemütszustand ansehen.

    Lieben Gruß
    Ulrike

    1. So wie du es schilderst, habe ich 9/11 erlebt und seitdem erleben wir dieses Gefühl schleichender Gewißheit über das wirklich Böse immer wieder. Nur, ich sagte es, ist nun noch die widerliche zweite Welle sich hämisch freuender Nazis dazugekommen 🙁

      Und du hast vollkommen recht: ständig darüber nachdenken, hilft nicht weiter, dir nicht, mir nicht, niemandem. Aber wie man am besten umschaltet, das weiß ich leider noch immer nicht. Ich denke, es würde bei manchen Heile-Welt-Menschen einfach schon mal helfen, wenn an solchem einem Tag mal nicht alles toll ist und ich in manchen Blogs dann keine aufgesetzten Grinsegesichter mit Kauf-das-Werbung sehen müsste. Vielleicht dann einfach mal einen Tag aussetzen? Achja, ich bin wohl zu fordernd in dem Punkt 😀

  5. sorry, Satz war verstümmelt – eigentlich wollte ich schreiben „unserer Brüs­seler Nie­der­lassung denken, die sich nicht weit von der U-Bahn-Linie befindet, wo die Explosion passiert war“.

    verwirrte Grüße von
    Ulrike

    1. Ich hatte es verstanden 🙂 Haben deine Kollegen denn was mitbekommen? Sie kamen dann ja auch nicht nach Hause und an vernünftige Arbeit war bestimmt nicht mehr zu denken 🙁

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