Sehr, sehr brav. Punkt.

Gestatten. Hempel mein Name. Hempel von unterm Sofa. Aber fleißig bin ich, immerhin, und nachher, wenn der Gatte nach vier Tagen dienst­rei­sender Abwe­senheit wieder heim­kehrt, sind die Hempels auch wei­test­gehend ver­schwunden. Sobald die Bude wieder sturmfrei ist, stehen sie schon wieder vor der Tür. Ich gehe davon aus, dass das nicht nur bei mir so ist … oder?
Am Sonntag setzte ich mich hin und kor­ri­gierte den schmalen Rock nach Vier­zi­ger­jah­re­vor­gaben — ein schmaler Rock, der doch relativ stark aus­ge­stellt ist, an der Hüfte schön anliegt, das Gehen nicht ein­schränkt und in der Bewegung einem echten Blei­stift sehr nahe kommt. In der Kurz­fassung: ein kleiner Spie­ßer­rock­schnitt. Aus dem nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei Röcke werden — und weil drei zwar aller guten Dinge sind, aber doch auch arg kon­ven­tionell, stand der schon lange benö­tigte Glo­ckenrock in Aubergine-Pflaume gleich mit auf der Liste der zu nähenden Teile. Und weil vier freie Tage (weshalb eigentlich sind die Tage ohne Gatten "freie" Tage? Die Kinder sind ja auch noch da…? Weil denen egal ist, wenn das Wohn­zimmer wie ein Schnei­de­ratelier aussieht ;-) ) schneller umgehen als gewünscht und weil mir zudem für jeden Rock entweder Futter oder Reiß­ver­schluss oder Garn fehlte, verlegte ich mich auf eine Art Fließbandproduktion:

Am Sonntag abend noch habe ich drei Röcke zuge­schnitten und markiert, habe RV und Futter bestellt und mir die Daumen gedrückt, dass alles schnell ein­treffen würde. Montags rannte bzw. fuhr ich den ganzen Tag immer wieder durch die Gegend, so dass echtes Nähen nicht drin war — aber das Schnitt­ko­pieren und Abändern für den Fut­terrock passte in die Mini­zeit­ab­schnitte zu Hause, die ansonsten vor allem mit Kochen und Spielen aus­ge­füllt waren. Aber nachdem die Jungs im Bett waren und niemand das Woh­zimmer bean­spruchte, konnte es schon mal mit Rock eins logehen: Abnäher, Sei­ten­nähte und Ver­säu­be­rungen, dann konnte er auf seinen RV warten. Und wie wun­derbar: der war am nächsten Vor­mittag da und auch das Futter traf noch am Nach­mittag ein.

Dienstag nach­mittag also war Rock eins beendet, Rock zwei hatte schon ein fertiges Futter und geschlossene Abnäher, bekam nachts noch den RV und einen Beleg. Mitt­wochs dann war ich gaaanz ent­spannt, so dass Rock zwei erst am späten Nach­mittag beendet wurde und nachts kam dann der Glo­ckenrock an die Reihe: Fut­terrock zuschneiden, Bund mit Einlage versehen, Bund annähen, RV ein­setzten, Futter rein und am RV ver­säubern und nun hängt er mit Wäsche­klammern versehen an der Schnei­der­puppe. Es ist übrigens der erste Glo­ckenrock, den ich auch füttere — überhaupt bin ich gerade im Fut­terwahn; darf ich mir schön­rechnen, dass ich im Grund schon 4,5 Röcke fertig genäht habe mit all der Fütterei? — und das fühlt sich unglaublich gut an, wie der Rock so weich und voll sich um meine Beine schwingt. Nach wie vor würde ich einen Som­merrock, so nicht voll­kommen trans­parent, nicht füttern, aber ich befürchte, wenn es um Win­ter­röcke geht, so bin ich auf die dunkle Seite gewechselt derer, die sich extra Arbeit machen.

Heute habe ich noch gar nichts getan; nachher werde ich den Spie­ßerrock noch in einem ganz billigen, aber perfekt rotem Poly­ga­bardine zuschneiden — prak­tische All­tags­röcke zum Dinge erle­digen braucht es eben auch. Zu Rock Nummer Eins lässt sich noch was in Richtung Per­sön­liche Stil­bildung sagen: Die Farbe ist eigentlich nicht meine, sie ist etwas zu grün und dazu mit leicht bräunlich meliert — derlei geschieht, wenn man online kauft und sich auf Beschreibung und Far­b­emp­findung des Ver­käufers verlässt. Aber das Schöne dabei ist: wenn die Farbe sich mit den eigenen kom­bi­nieren lässt, ergibt sich daraus manchmal etwas, was man sonst gar nicht begonnen hätte. Das ist spannend und öffnet manchmal neue Mög­lich­keiten. In den aller­meisten Fällen bin ich mit meinen Online­käufen hoch­zu­frieden, nur selten geht etwas gar nicht. Was ich damit sagen will: all­gemein scheint es ja eher verpönt zu sein, Stoffe oder Wolle zu kaufen, ohne sie zu sehen oder zu fühlen. Was die­je­nigen, die gar keine andere Mög­lichkeit haben als den Onlinekauf, oft mit einem Gefühl der leichten Min­der­wer­tigkeit zurück lässt — unnö­tiger Stress, würde ich sagen. Ich bekomme hier auch nicht alles, was ich will, aber vor allem kaufe ich "real" oft kon­ser­va­tiver als ich es online tue. Und gibt es Herr­li­cheres, als ein lange erwar­tetes Paket vom freund­lichen Boten (unsere sind wirklich alle ganz ent­zü­ckend! Und ist doch auch nett, wenn Männer an der Türe klingeln, einem schöne Dinge bringen und Kom­pli­mente machen) entgegen zu nehmen und zu öffnen und dann seine Erwar­tungen erfüllt, über­troffen oder manchmal eben auch ent­täuscht zu sehen.

Wie auch immer, Bilder von Rock Eins:

Die Farben stimmen nicht so ganz, alles ist ein klein wenig grüner — wie die Hoffnung eben. Und habe ich recht? Ich sehr brav aus, sehr, sehr brav.

13 Gedanken zu “Sehr, sehr brav. Punkt.

  1. Sehr sehr schön. Gefällt mir sehr gut. Glück­li­cher­weise geht DIESE Fütterei ja nicht auf die Hüften, was würdest Du dann mit all Deinen schönen Röcken machen?
    Ja die Boten, wenn sie klingeln ist das manchmal schöner als Weih­nachten. Ich habe hier auch einen ganz Netten, wir sind mitt­ler­weile per Du und letztens sagte er mir, er hätte schon Ent­zugs­er­schei­nungen, da ich längere Zeit nichts bestellt habe. Das geht natürlich nicht, es soll ihm gut gehen, also muss ich wohl etwas dagegen tun;-)
    Liebe Grüße
    Tina

  2. Ganz ent­zü­ckend, möchte ich sagen, der heim­keh­rende Gatte könnte sich gleich noch ein bißchen mehr freuen, wenn er den Post gelesen hätte …
    Aber wie kann jemand so schöne, lange Beine haben UND ein bild­hüb­sches Gesicht!?
    Der liebe Gott ist unge­recht …
    Liebe Grüße, Bettina

  3. Du siehst einmalig toll aus, nicht brav! Die Kom­bi­nation mit dem kleinen Pulli, Bluse und Gürtel ist Klasse, das muss ich auch mal pro­bieren! Wun­der­schön, ich bin ganz begeistert!

    Liebe Grüße :)

  4. menno, mein Vorrat na Adjek­tiven ist ziemlich erschöpft, was kann man ausser "toll" und "schön" sagen?! Hilfe brauche ich und zwar sofort! ;-) .
    Dennoch — der Rock ist sehr schön und Du schaust toll aus
    (ha, jetzt sind Deine Haare länger als meine, ich habe vor eine Woche zu Schere gegriffen und jetzt muss ich doch zum Friseur, ;-) )
    Grüße aus Ratingen
    J.

  5. Ulkig, bei mir ists umge­kehrt. WEnn er da ist, kommt Unordnung in die Wohnung, muss ich immer ganz schnell beheben, da meine Ord­nungs­schwelle WEIT nied­riger ist als sein. Wenn ich nicht da bin, ist Chaos — seh ich aber nicht, da er weit­gehend aufräumt, wenn ich wie­der­komme. Aber wehe, wenns früher ist als geplant. Wenn ich allein bin, ists immer ordentlich, hab da einen Tick und kann nur kreativ sein, wenn alles an seinem Platz ist.
    Die Schuhe sind super — und auch die farbigen Strümpfe gefallen mir gut. Ist an sich nicht so mein Fall, aber hier ists super.

  6. Wenn ich koche, dann muss auch alles vorher auf­ge­räumt sein und hin­terher erst recht. Wenn ich nähe, steht immer eine Mülltüte bereit, in die alles entsorgt wird, sofort, wenn ich es nicht mehr brauche (auch wie beim Kochen eigentlich). Aber gleich­zeitig brauche ich auch Platz und dann stehen die Stühle an die Wand gerückt und alles, was stört, liegt drauf. Dann ist der Eßtisch komplett mit Stoff, Scheren und Nadeln bedeckt und der Nähtisch ist voll mit dem Rest und das Bügel­brett steht auf­gebaut herum — wohnlich ist anders … aber irgendwie fühle ich mich so kreativ, wenn es auch mal hyper­chao­tisch aussieht ;-)

    Und farbige Strümpfe brauche ich an mir — sonst sehen meine Beine immer wie ange­schraubte Fremd­teile aus. Außerdem brauche ich warme Strümpfe und schwarz gibt es bei mir nicht und beige — naja, das ist auch nicht so der Brüller. Also sind sie Teil des Kon­zeptes. Wie Ingrid neulich was von Designer's Choice sagte.

  7. Ich schneid ja immer viel auf einmal aus. Punkt 1 ist das die fieseste Arbeit beim nähen, also mög­lichst auf einmal weg damit. Und ich muss den ganzen Krempel immer ins Ess­zimmer schleppen, das nervt. Also liegen immer so ca. 10 aus­ge­schnittene Teile rum und warten aufs Zusam­men­genäht werden. Manchmal länger, manchmal nicht so lang, kommt auf die Gier an :-)

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