Zwischen Schwarz und Weiß liegen Welten!

[120116]
Tja, eigentlich …

Eigentlich hatte ich mich schon darauf gefreut, endlich wieder die Familie in Schule und Büro zu wissen, einmal gründlich durchs Haus zu wischen und danach in Ruhe etwas schönes zu bloggen – da sind ja noch der Mantel, eine Hose, zwei Pullis, bald drei, ein wunderschönes Freundinnengeschenk und Marie Antoinette hängt nun schon seit Wochen in Paris fest. Hatte ich vor, habe ich mich drauf gefreut. Soll natürlich so nicht sein.

Was soll ich sagen, was will ich schreiben? Ich wünschte, unsere Welt wäre nicht so, wie sie ist, denn dann fühlte ich mich nicht so getrieben, etwas vermutlich sehr langes und wirres in diesen Blog zu schreiben. Aber ich kann nicht verstehen, will es auch gar nicht, dass es nicht möglich sein soll, vernünftig über unsere Gegenwart zu reden, um unsere Zukunft sicher zu stellen.

Was geschehen ist, wissen wir alle; die Stichworte „Köln“ und „Silvester“ reichen aus. Aber was daraus entsteht, macht mich fassungslos. Es sind Frauen – zum Großteil vermutlich deutsche Frauen – von Männern (zum Großteil wohl von ausländischen Männern) massiv bedrängt, angegriffen und sexuell missbraucht worden. Es dauerte einige Tage, bis das bekannt wurde; dafür dauerte es nur Stunden, bis die Opfer dieser Straftaten keine große Rolle mehr spielten.
Stattdessen sprangen unsere Nazis auf die Bühne – die zwar mutig und laut ihre Parolen skandieren, aber nach wie vor zu feige sind, um zu ihrem Nazitum zu stehen – und forderten, alles aus unserem Staat bzw. ihrem Reich heraus zu werfen, was hier nix verloren habe: das sind natürlich sämtliche Flüchtlinge (Asylanten genannt), sämtliche dunkelhäutige Männer und ihre Familien (gerne als Kanaken, Molukken, Drecksschweine und ihre Sippschaft bezeichnet ) und natürlich und sowieso alles was muslimisch (also islamistisch, rückständig, unzivilisiert, triebhaft, dreckig etc.) ist.

„Raus mit dem Gesindel! Schützt unsere blonden (arischen) Frauen! Steht auf, wehrt euch! Hängt die Merkel! Stellt die Antifas an die Wand! Öffnet die KZs zum Duschen wieder!“, …

Letzteres, wenn ich das mal einwerfen darf, die Forderung nach der Wiedereröffnung der Badebetriebe in Dachau & Co., ist eine Geistesleistung, die unübertroffen ist: bislang hörte ich aus derlei Gruppierungen immer nur, dass es diese Duschanlagen zur Massenvernichtung gar nicht gegeben habe, dass all dies nur eine Lüge der Allierten sei (die, es wird in diesem Satz noch komplizierter, bis heute unser Land besetzt halten, weshalb unsere Verfassung nicht für die neuen Reichsbürger gilt, weil nämlich … ähja …), dass also all das Gerede von Auschwitz nichts als Propaganda des Feindes sei. Hmm, da stehe ich Dummchen etwas verwirrt da – wie eröffne ich denn etwas wieder, wenn es doch nie existierte?

… so also brüllt der Mob. Mit hassverzerrten Fratzen rennen sie durch die Stadt, spielen sich als Schutztruppe der deutschen Frau auf und reißen damit das Gespräch über die Tat an sich.

Nun haben Staat und Polizei und Medien (aka Volksverräter, Bullen und Lügenpresse) lange über dieses Geschehen geschwiegen – wahrscheinlich aus einer Mischung von Schock und Vorsicht heraus. Denn es war klar, was passieren würde, wenn die Nationalität oder der ethnische Hintergrund der Täter benannt würde. Was ja auch geschah.
Durch das zu lange Zögern wurde es sicher noch schlimmer, denn jetzt kamen wieder die Verschwörungstheoretiker zum Zuge: wir wissen ja alle, dass die bösen Asylanten hier alles dürfen, dass sie tagtäglich vergewaltigen, morden, brandschatzen, mit ihren Horden über das Land reiten und sich dem Suff und der Wolllust hingeben, wir hören alle das Klackern der Hufe und sehen die Säbel und … oh, halt stopp, das waren die Hunnen; da bin ich kurz ins falsche Jahrhundert geraten. Kann ja mal passieren, wer wird so kleinlich sein. Aber so wird es kommen, jawohl! Wenn wir uns nicht retten und uns endlich einen starken Führer suchen – beispielsweise ein von Natur aus eher farbloser Mann, der sich mal als Lehrer durchschlug, böte sich da sicher gerne an; gerade was die blonden deutschen Frauen anbelangt, scheint er kompetent zu sein.

Doch nicht nur die ganz Ultrarechten, sondern auch diejenigen, die sich als besorgt und freidenkend betrachten, wie beispielsweise die Antifeministin Kelle, die in weiblichem Vorausgehorsam männlicher Wunschträume ihren Schwestern gerne ehrlich die Meinung sagt – wenn wir die Bluse zulassen, grapscht auch keiner rein – warfen sich sofort in die „Diskussion“: ähnlich, wie bei den KZ-Leugnern, die KZs wieder öffnen wollen, fragt sie verwundert-besorgt, wo denn bitte jetzt der #aufschrei der Feministinnen sei?
Und sie hat die Antwort schon parat: da alle Feministinnen links-grün-versiffte Frustschlampen (ich habe Schwierigkeiten mit dem korrekten Vokabular, ist doch richtig so, oder?) sind, die dazu noch als Gutmenschen Willkommen klatschten, könnten diese natürlich nichts sagen. Sie müssten ja sonst zugeben, dass all die friedliebenden Kulturverteidiger, die in Dresden auf die Straße drängen, recht gehabt hätten. Schlüssige Beweiskette. Daraus lernen wir ganz viel, vor allem aber, dass es vollkommen ok ist, wenn einem ein besoffener Aufrechtdeutscher an den Po grapscht, nicht aber, wenn das ein besoffener Algerier tut. Was Frau Kelle und Konsorten daraus nicht lesen möchten: dass es NIEMALS ok ist, wenn einem irgendwer irgendwohin grapscht, egal, wie offen die Bluse sein mag. DAS ist eine Diskussion, die sie nach wie vor nicht führen wollen.

Und so erleben wir nun staunend, dass sich die übelsten Frauenverächter hinstellen und für unseren Schutz sorgen wollen. Diese feinen Herren wollen nicht erleben, dass wir unter den Tschador gezwungen werden und nur noch im eigenen Heim existieren sollen, wo wir dem Manne untertan sind – nein, er möchte uns befreien von den Muselmanen und ihrem Frauenbild. Weil: viel besser wären wir aufgehoben, wenn wir unverschleiert zu Hause blieben und dem Manne zu willen seien … Dann holen wir doch schon mal alle die Blondiercreme raus, üben uns im Ja-Sagen und besinnen uns auf unseren Platz. Mit ein bißchen Glück lässt sich bald auch wieder eine Mütterehrung erarbeiten.

Bis dahin war von Staat und Polizei und Medien noch nicht so arg viel zu hören: Frau Reker, als Kölner OB, war gezwungen, sich als Erste zu äußern und was fielen sie alle über sie her. Es ist auch viel, viel einfacher, sich über die „Armlänge Abstand“ zu echauffieren als selbst mit Lösungen anzutanzen. Gar keine Frage, diese Pressekonferenz konnte unglücklicher gar nicht ablaufen, denn es entstand der Eindruck, dass Frauen selbst etwas tun könnten, um derlei Übergriffe zu vermeiden. (Auch ich habe mich darüber lustig gemacht, was ein gutes Ventil für all die Sorgen, Ängste und Frustrationen war)
Wenn wir aber ehrlich sind, dann ist Rekers Rat ein Abbild unserer täglichen Wirklichkeit:
Frauenparkplätze beispielsweise gibt es nicht deshalb, damit Männer mit dicken Autos sich ärgern (was sie dadurch kundtun, dass sie genau dort parken), sondern weil wir alle wissen, dass die meisten Frauen körperlich schwächer als die meisten Männer sind und es in Parkhäusern gerne einmal zu Übergriffen kommt. Deshalb liegen diese Parkplätze näher am Ausgang, näher an der Parkhausaufsicht, sind heller beleuchtet, mit Notfallknöpfen und Kameras ausgestattet – zumindest dort, wo man das Thema ein bißchen ernst nimmt.
Auch kenne ich nur wenige Frauen, die entspannt nachts alleine durch die Stadt gehen. Die meisten von uns wechseln auf die andere Straßenseite oder haben schon einmal einen langen Umweg in Kauf genommen, um Männeransammlungen (ab 1 Mann) zu umgehen – egal, ob die Männer nordisch-blond oder südlich-dunkel sind.
Die meisten von uns überlegen sich gut, was sie anziehen, selbst wenn wir sagen, dass auch der kürzeste Rock keine Einladung ist.
Und von all diesen neuen Frauenrechtlern männlichen Geschlechts bekommen wir nach wie vor zu hören, dass wir an allem, was uns geschieht, selbst schuld sind. Außer eben an Silvester, da war der muslimische Mann schuld.

Wer mal schauen will, wie weit deutsche Männer in Sachen Gleichberechtigung sind, kann sich ja mal den twitter-hashtag #falschesgrau anschauen. Hübsch widerlich.

Insofern hat Reker nur das wiederholt, was wir Frauen eh oft tun: Abstand halten. Mehr fiel zu diesem Zeitpunkt niemandem ein. Aber welch eine wunderbare Ablenkung, dass man sich nun über diesen Fauxpas zerfleischen konnten und manche der Netzfeministinnen nun anderen Frauen erklären konnten, ob diese feministisch seien oder nicht. Da geht es noch darum, wer bestimmen darf, wer was warum ist.
Frauen, die also nun sagten: „Ich meide manche Situationen lieber, obwohl es mich wütend macht und mich einschränkt“ bekamen zu hören, dass das absolute Scheiße sei und dass wir stattdessen Männern zu sagen hätten, wie man sich benimmt – es könne nicht angehen, dass wir alleine verantwortlich seien.

Ja, richtig: das Problem (= die Schuld) liegt nicht bei der Frau, die angegriffen wird, sondern bei dem Mann, der dies tut. Problem dabei ist, dass sein Problem zu ihrem wird und sie den größeren Schaden hat.

Und da stehe ich zum ersten Mal in diesem Text bei der Überschrift: hier soll ich gezwungen werden, eine Seite zu wählen und diese mit all ihren Aussagen zu übernehmen. Entweder du bist Feministin und läufst also jetzt im Bikini durch die Bahnhöfe nachts um drei oder du bist keine und hälst dich vom wahren Leben fern. Das macht mich dermaßen wütend! Bis wir irgendwann in sehr, sehr ferner Zukunft einmal so weit sein werden, dass jeder Mensch ungeachtet seines Geburtsortes und seines Geschlechtes und seines Aussehens gleich behandelt wird, müssen wir mit der Realität umgehen und die zeigt: es gibt Idioten, Schwachmaten, Zeitbomben und es ist eine saublöde Idee, denen über den Weg zu laufen, wenn dir dein Leben lieb ist. Ebenso ist es eine saublöde Idee, sich stattdessen immer aus allem rauszuhalten und den Mund nie aufzumachen – dann ändert sich auch nichts. Ich kann Feministin UND vorsichtig sein. Ich kann zu Hause bleiben UND meine Stimme erheben. Und vor allem – gerade als Frau – mal endlich aufhören, Feministin sein als etwas unnatürliches und männerfeindliches zu betrachten!

Aber diese Schwarz-Weiß-Denke zieht sich durch die Debatte durch: während die Sofort-Los-Schreier auf gar keinen Fall über rape culture und Gleichberechtigung diskutieren wollen, sondern so tun, als wäre hier in unserem Lande ja immer schon alles ganz klasse gewesen, …

abgesehen von den mediengeilen Aufmerksamkeitsschlampen, die prominenten und nicht-prominenten Männern die Karriere versauen wollen, indem sie Vergewaltigungsgerüchte in die Welt setzen (und was könnte es schöneres für eine Frau geben, als ihr Bild wochenlang in jeder Zeitung zu sehen und das über einem Text, der detailgenau ihren Körper und dessen Missbrauch beschreibt, wohlwissend, wie erregend das manche finden werden – hach, welch Wonne, welch Mädchentraum: erst Model werden und dann erlogenes Vergewaltigungsopfer)

… möchten alle sehr gerne über das „eigentliche“ Problem diskutieren: also nicht die weiblichen Opfer, die ausnahmsweise einmal nicht selbst schuld waren, sondern über die Flüchtlinge, über die Islamisten. Das ist viel wichtiger als weibliche Belange. Und verblüffend, aber wahr: da stimme ich mal zu.
Es ist im Augenblick das brennendste und dringendste Problem, das wir haben. Denn auf diesem Boden wächst die Zustimmung zum modernen Nationalsozialismus und der bedroht die Frauenrechte ebenso wie das Recht auf Frieden und Demokratie. Nicht nur bei uns, sondern überall. Und in anderen Ländern heißen die Gefahren nun einmal nicht AfD, Pegida oder weiß der Henker, wie. Dort sind es eben die islamischen Gesellschaftsstrukturen, die aus jungen Männern frustrierte Frauenverfolger und aus Frauen Opfer machen. Und natürlich ist das ein Problem auch für uns. Aber das ist eine Diskussion, die offenbar kaum geführt werden kann, ohne Schwarz oder Weiß zu brüllen.

Es erzählen Frauen arabischer und persischer Herkunft seit Jahrzehnten von Greueltaten: von Steinigungen, von Zwangsheirat, von Vergewaltigungen, Entführungen – die Menschenrechte werden vor allem für Frauen in den Ländern, in denen der Islam Staatsreligion ist, beschnitten und gestrichen ohne Ende. Von uns aus hieß es dazu meist, dass seien halt „Traditionen“, „Bräuche“, „fremder Länder Sitten“ – noch nie hat sich deswegen jemand Sanktionen einfallen lassen, was auch dazu geführt hat, dass hier in unserem Rechststaat Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde eher lasch verfolgt wurden.
Es ist sexistisch wie rassistisch zugleich: zum Einen sind die Menschen in diesen fremden Ländern offenbar allesamt so unterentwickelt, so weit zurück, dass man sie am besten gewähren lässt, denn mit uns hat das nichts zu tun. Und zum Anderen ging es halt um Frauen und die machen ja immer Stress, hahaha, das kennen wir doch alle.
Dass Frauen dort nicht unverhüllt aus dem Haus dürfen, mancherorts noch nicht einmal dann – herrje, das fällt unter Modefragen, es gibt wirklich wichtigeres (darüber habe ich schon einmal geschrieben). Wichtigeres? Nein, eigentlich nicht. Wenn ein Kleidungsstück darüber entscheidet, wie ich als Frau gesehen werde, welche Chance habe ich dann? Es zählen nicht mein Können, mein Charakter, mein Benehmen, sondern es entscheidet ein Rock oder ein Hijab, was ich bin. Und wenn ich nicht einmal frei entscheiden kann, was ich trage, wie kann ich dann erwarten, über mein Leben oder meinen Körper entscheiden zu dürfen? Gar nicht und genau das ist auch beabsichtigt.

Und da bin ich beim nächsten Punkt, an dem es wieder nur dies oder das gibt: ich habe im Laufe meines Lebens Freundinnen (und Freunde) aus aller Herren Länder gehabt.
Nahid aus Afghanistan, die vor den erstarkenden Taliban geflohen ist, nachdem ihr Vater, ein Politiker, erschossen und sie mit viel Pampam verheiraetet wurde – ihre Hochzeitsbilder zeigen unverschleierte Frauen, aber eine unglückliche Braut mit einem jungen Mann, der sie im Klammergriff hielt.
Sima aus Persien, deren Familie das Land verließ, nachdem Ayatholla Khomeini an die Macht kam und die immer wieder einmal hinfuhr, aber erleichtert nach Bonn zurück kam und die selbst im Winter keine Mütze trug, weil das Gefühl von Stoff auf ihrem Kopf unerträglich war.
Meine erste beste Freundin Ilknor aus Ankara, deren Eltern das Reisebüro unserem Schreibwarenladen gegenüber hatten und die heute Ärztin ist – weil ihr Vater wollte, dass sie es viel besser haben sollte; sowieso ein ganz toller Mann, der – wie kann es nur sein – trotzdem gläubiger Muslim war.
Meine liebe Soumaya aus Tunesien, die ich viel zu selten sehe und die als einzige von vielen, die ich kannte und liebte, Kopftuch trägt. Was irgendwie ein Problem und irgendwie auch wieder keines ist.

Ich persönlich lehne das ab, diese Verschleierung und Verhängung von Frauen, damit Männer sich ihr gegenüber benehmen (können). Wir haben darüber gesprochen und ja, sie trägt es, weil sie gläubig ist, tut es für Allah. Sagt aber auch, der Hintergrund ist natürlich der, dass gesagt wird: weibliches Haar erregt Männer; eigentlich errege alles an der Frau den Mann, und deshalb sei es ihre Pflicht, ihn nicht von den wichtigen Dingen des Lebens abzulenken, in dem sie ihn verführe allein durch ihre bloße Anwesenheit. Das ist die gleiche Argumentation wie sie hier ja auch hergebetet wird, wenn auch noch verschärfter. Und es ist ein zutiefstes feindliches Frauenbild, das dem zugrunde liegt und dem sie sich durch das Kopftuch beugt. Schön ist da auch das Statement von Muslim-Stern zu lesen, das zeigt, wie wenig bereit manche Muslime sind, ihre eigenen Werte und Regeln zu hinterfragen.

Es ist natürlich auch ein zutiefst männerfeindliches Bild, das da entworfen ist, denn im Grunde ist der Mann entwürdigt zum triebhaften Tier. Allerdings, schaue ich mir oben genannten hastag an, dann unterliegen wir Frauen hier wohl einem großen Mißverständnis. Während wir ernsthaft glauben, dass doch kein Mann sich selbst so würde sehen wollen, scheinen es einige zu kurz gekommene Esel mit Wonne zu zelebrieren: „Ja, ich bin borniert, engstirnig und kann nix richtig auf der Welt, deshalb bin ich Frauengrapscher.“ Scheint auch eine Lebenseinstellung zu sein. Eine, die in einer zivilisierten Gesellschaft keinen Platz hat.

Übrigens sagte Soumaya auch, dass dieses sich Verhüllen für Männer genau so gälte, aber: „Die tun es halt nicht …“
Was vielleicht daran liegt, dass es eher selten geschieht, dass eine Frau sich beim Anblick der sich in hautengen Jeans abzeichnenden Familienjuwelen nicht mehr halten kann und zupackt. Auch kennen die meisten Männer keine Angst, wenn sie an Frauengruppen vorbei gehen, wenn sich auch bestimmt manche unwohl fühlen mögen. Ein Hotelkollege auf Norderney ist einmal von einer Menge angetrunkener Kegelschwestern angemacht und begrapscht worden und saß danach leicht traumatisiert auf meinem Sofa – von ihm waren nie wieder sexistische Sprüche zu hören.

Mich hat dieses Kopftuch immer verwundert: es sollte ja in einer islamischen Gesellschaft dafür sorgen, dass Frauen unsichtbarer werden – durchaus auch in einem positiveren Sinne, also den Blicken fremder Männer verborgen und damit geschützter bleiben sollten. In einer Stadt, in der alle Frauen verschleiert herumlaufen, macht das – leider – auch Sinn: du willst in Teheran oder Riad nicht auffallen.
Aber hier bei uns erreicht es ja immer schon das Gegenteil: so dämlich manch wenige unserer Männer auch sind und bleiben, mit ein paar flatternden Haaren im Wind oder einem kurzen Rock rufst du keine Wellen der Begeisterung oder Empörung mehr hervor; da musst du in der westlichen Welt schon an Amish oder Evangelikalen vorbeimarschieren. Heißt: wir sind im normalen Straßenalltag, tagsüber, in Menschenmengen ziemlich sicher. Mir sind schon einige unangenehme Dinge geschehen, aber niemals mittags in der Stadt. Was in Kairo beispielsweise anders ist.

Wir hatten uns zwischenzeitlich auch an die Kopftücher im Straßenbild gewöhnt, wobei der Blick eben doch sehr automatisch an diesen verschleierten Häupten hängen bleibt. Hier verbirgt dich ein solcher Hijab nicht vor Blicken, er stellt dich in den Mittelpunkt und schützt dich damit nicht, sondern gibt dich preis. Nun, wo wir massive Übergriffe rassistischer Natur befürchten müssen, würde es vielleicht Sinn machen, wenn Imame ihren Schwestern ein westlicheres Outfit anraten würden. Nur mal so als Idee, denn vor wildgewordenen Nazis und Hools mit Kopftuch aufzukreuzen, das kann kein gutes Gefühl sein. Aber da enden wir wieder bei Schwarz-Weiß: so wie du nur Feministin sein kannst, wenn du jetzt erst recht durch Männergruppen läufst, bist du nur eine gläubige Muslima, wenn du deine Religion noch rigoroser lebst und zeigst.

Lässt sich überhaupt noch darüber reden, dass es nicht ganz ungefährlich ist, junge Männer, die teilweise mit rigiden Vorschriften, wenig persönlicher Freiheit und einem natürlich anderen Frauenbild kommen, in unserer Gesellschaft zu haben? Offenbar nicht: denn die einen brüllen sofort alles nieder und wissen ganz genau, dass die alle so sind, die anderen schweigen zu intensiv, weil das Thema zu unangenehm ist.
Dabei ist es doch ganz klar: selbstverständlich sind es nur wenige, die brutal, frauenverachtend und kriminell sind und viele, viele mehr, die in Frauen Mitmenschen sehen, die Respekt verdienen – der Schnitt an sogenannten guten und schlechten Menschen dürfte überall auf der Welt gleich sein.
Es stellt sich vielmehr die Frage, wie können wir sie wirklich aufnehmen, wie können wir unsere Gesellschaft weiter voran bringen, was können und müssen wir tun? Und dann sind wir ganz schnell doch wieder bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau als das wichtigste zu erreichende Ziel weltweit, weil mehr daran hängt, als ein paar weibliche Unternehmensführerinnen: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, wie eine (erst zahlenmäßig, dann wertemäßig) männlich dominierte Gesellschaft schneller mit Gewalt reagiert; Raub, Körperverletzung, Zensur finden dort ihren Platz. Wenn wir den hierher Flüchtenden nun den Zuzug ihrer Familien verweigern, machen wir uns nicht nur schuldig am Leid ihrer Frauen und Kinder in Flüchtlingslagern in unsicheren Gebieten, wir schaffen auch bei uns ein Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau. Daran sind nicht die Flüchtenden schuld, die auch eher nicht für eine kriminellere Atmosphäre hier sorgen werden, sondern unsere Politik, die sich von rechten Schreihälsen einschüchtern lässt.
Dass Männer, die Frauen angreifen und demütigen, bestraft werden müssen, sollte klar sein – das geht aber auch nur, wenn die Debatte „Gewalt gegen Frauen“ ehrlich geführt würde, denn nur dann gäbe es endlich Gesetze, die wirklich schützen und strafen. Wie kann es sein, dass mir zwar von Experten wie Psychologen und Kriminalern geraten wird, im Falle des Falles eher passiv als aggressiv zu reagieren (weil der Angreifer im Regelfall viel stärker, viel gewaltbereiter und viel aggressiver sein wird), gleichzeitig aber mein „Nein“ ohne massive körperliche Gegenwehr (die den Gewalttäter noch wütender und rücksichtsloser machen kann) nichts zählt, wenn es um die Feststellung „Vergewaltigung oder einvernehmlicher Sex“ geht? Wenn mich die Servicekraft fragt, ob ich noch ewas zum Dessert möchte und ich antworte mit einem „Nein“, dann wird auch davon ausgegangen, dass ich das auch so meine. Vergewaltigung aber steht wohl nur dann zweifelsfrei fest, wenn ich mich geprügelt habe und tot auf dem Müllplatz gefunden werde.
Aber da Bestrafung ja nur aus rassistischen und nicht aus sexistischen Gründen vom Pack gefordert wird und Männer Gewalt gegen Frauen nicht ernst nehmen wollen, haben wir nun ein Problem damit, diese „nordafrikanischen“ Männer angemessen zu bestrafen. Mist, oder?

Das eigentlich Erschütternde für mich ist die Tatsache, wieviele besorgte Mitbürger bereit sind, prügelnd und mordend durch die Straßen zu rennen, einen Bürgerkrieg herbeizureden und sich einem System zu unterwerfen, das keinen Platz für persönliche Freiheit vorsieht. Zumindest glaube ich, dass das mein momentanes Fazit ist. Miteinander reden, ohne ständig reflexartig in Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen, ist das einzige, was helfen kann. Naja, und für einige wäre es nicht verkehrt, ihre Menschlichkeit zu entdecken und sich wahrhaft christlich zu verhalten. Da hilft es sehr, noch mal nachzuschlagen, was das eigentlich für Werte sind …

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17 Gedanken zu “Zwischen Schwarz und Weiß liegen Welten!

    1. Sehr gerne, lass mich daran teilhaben, wenn du soweit bist. Gerade ist wohl wieder etwas geschehen, man kann kaum noch Luft holen 🙁

    2. Ich bin immer wieder fasziniert, wie kohärent du schreibst und argumentierst, wenn du stinkwütend bist. Bei mir kommt da einfach nur noch Qualm aus den Ohren. 🙂
      Anders gesagt: Danke für diesen Text, du sprichst mir aus dem Herzen.

      1. Mir mangelt es in diesem Text zwar an flüssigen Übergängen, weil mir immer wieder noch was einfiel, was irgendwo zwischen geschoben werden sollte, aber ja, wütend war ich – auch deshalb sind viele Gedankengänge nicht zu Ende geführt worden.
        Aber viel wichtiger ist ja das Gefühl, dass es noch viele andere gibt, die bunter gucken und denken und reden!

  1. Ich stehe ganz hinter Dir. Oder an Deiner Seite – was vielleicht vorteilhafter ist 😉 Ich will jetzt gar nicht auf alles eingehen, mit dem Du hier recht hast, aber: Wenn alle mal nachdenken würden, würden sich die meisten dieser Probleme gar nicht stellen – dann würden alle tun, was nötig ist, und nicht das tun, was die Lage unnötig verkompliziert. In den Siebziger Jahren gab es mal den Satz: Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen, bezogen auf die so genannten Gastarbeiter der 60er Jahre. Die Menschen auf der Flucht sind ja auch nicht nur Flüchtlinge, sondern eben Menschen. Mit dem gesamten Querschnitt dessen, was Menschen so bieten — also auch sympathische und weniger sympathische, nette Leute und üble. Wieso überrascht das? Die Phase der Notversorgung sollte nach all den Monaten vorbei sein sollte. Jetzt muss Integration kommen – mit Plan und mit Geld. Dazu gehören Spielregeln. An die hat sich jeder zu halten, ganz klar. Das war bisher schon schwer, und das wird nicht leichter, auch klar. Aber diese Integration muss als ganz großes Konzept aufgezogen werden, auch mit viel Information, damit die, die sich wirklich sorgen machen, weil sie damit nicht vertraut sind, sich informieren können und nicht noch die rechten Trolle füttern, die sich jetzt als Rechtsbewahrer aufspielen. Mich kotzt das ja alles so an ….

    1. Das Schwierige ist ja, dass Integration von manchen als totale Anpassung mißverstanden , von anderen nicht gewollt und vom Rest ignoriert wird – und zwar von Einheimischen wie von Einreisenden. Ich finde schon, dass man bei Dingen wie Sonderstatus in der Schule härtere Kante zeigen muss, weil das die Anerkennung einer Parallelwelt bedeutet, zu der wir keinen Zugang haben. Aber sich hinzustellen und perfektes Hochdeutsch zu fordern (meist im breitesteten Boirisch hervorgenuschelt) oder den Bau von Moscheen verbieten zu wollen (obwohl auf das, was manche darin predigen, weiterhin ein Auge haben darf) – das ist total daneben.

      Aber eigentlich fühle ich mich zur Zeit so dermaßen hoffnungslos, da fällt mir nix mehr zu ein …

      1. Och, hoffnungslos musst du nicht, hoffnungslos ist ganz schlecht und lähmt und macht all die anderen üblen Dinge. Und helfen tut’s auch nicht. Vielleicht sollten wir mal was Konkretes in Angriff nehmen.

          1. Der Antrieb, was zu tun, verfolgt mich schon lange, bei realistischer Selbsteinschätzung sind meine Möglichkeiten beschränkt. Aber ja nicht nicht vorhanden. Wir müssten mal Ziele formulieren und schauen, wie wir da hinkämen. PN?

  2. ich weiß gar nicht was ich schreiben soll, aber so ähnliches geht es mir auch durch den Kopf. Bin etwas ratlos angesichts der Schwarzweißmalerei und Resistenz auf logische, nachvollziehbare Argumentation…
    Zu Deinem letzten (sehr gutem!!!) Satz – manche Christen haben aus der Bibel nur die regel „Auge um Auge“ behalten (die ja nicht christlich ist da alttestamentisch). Ich frage mich oft wo das C (und auch manchmal S) bleibt?
    Drücke Dich fest

  3. Hallo,
    mich hats zufällig auf Deinen Blog verschlagen wg. einer Rezension eines Nähbuchs. Ich bin sehr positiv von Deinen Ausführungen angetan, kann jeden einzelnen Satz unterschreiben. In den letzten Tagen habe ich fast niemanden mehr gehört, der noch so differenziert gesprochen hat. Alle Töne gehen in die aggressive fremdenfeindliche Richtung, es ist mir zuwider. Undifferenziert wird da Mist nachgeplappert, Hörensagen verbreitet. Bei genauem Nachfragen ist schnell die Luft raus, aber wer fragt noch genau nach?
    Wohlgemerkt, mein Umkreis sind Bankangestellte (also auch: Hausmeister, Pförtner, Steuerberater. Nicht nur Banker, aber existenziell alle verhältnismäßig gut gestellt), die keinerlei Einschränkungen durch die Flüchtlinge haben. Wenn diese Leute schon so sprechen, was passiert dann erst in den Köpfen derjenigen, die wirklich Angst um ihre paar Brocken haben?
    Das macht mir Angst: Hunderttausende, die alle die gleiche (irrationale) Angst haben und nicht mehr miteinander sprechen sondern nur noch draufhauen. Hatten wir alles schon. Brauchen wir nicht mehr. Bleiben wir lieber im Gespräch.
    Grüße
    Checknix

    1. Guten Morgen wünsche ich dir, den hast du dir verdient, denn es ist wohl nicht so selbstverständlich, des Nähens wegen herzukommen und dann etwas ganz anderes (langes, verworrenes) zu lesen und dann auch noch zu kommentieren – vielen Dank dafür und wie immer Danke für Zustimmung, Beistand und eigene Erfahrung.
      Du hast natürlich vollkommen recht: wenn wir einmal überlegen, wieviele von uns WIRKLICH etwas von den Problemen mitbekommen, WIRKLICH eine Einschränkung spüren, dann würde ich behaupten: ich kenne niemanden! Weder ist irgendwo Geld zusammengestrichen worden noch hat dir jemand einen Platz weggenommen und dennoch stürzen sich viel zu viele bereitwillig in ein mögliches Elend viel größeren Ausmaßes. Unverständlich und sehr, sehr beängstigend. Auch deshalb beängstigend, weil so viel den leichtesten Weg wählen. Schaue ich in mich hinein, dann kann ich sehen, wie leicht es wäre, einfach Sündenböcke zu suchen und benennen, wie leicht es wäre, zu sagen: wir lassen niemanden hier rein, wären wir in einem sicheren Bunker, dann wäre das alles nicht geschehen. Und da kann ich nicht verstehen, warum viele mit diesen Überlegungen zufrieden sind und darin die Lösung sehen, anstatt den einen Schritt weiter zu denken und festzustellen: jau, dann leben wir wohl am besten in Nordkorea, da muss es ganz toll sein …

  4. Liebe Michou,
    auf Deinen Blog kam ich über die Nähschiene, nein: eigentlich ging’s ums Stricken von Handschuhen (hat sich eine Freundin vorgenommen und braucht dabei Unterstützung), deshalb nach über einem Jahr mal wieder auf Pinterest gesucht, gefunden – und dann geht’s dahin, nämlich in diesem Fall zum blauen Pulli, zu der auf merkwürdige Weise Stoff produzierenden Hose und dann – zack! zu Deinem Text über die Post-Silvester-Stimmung, -Aktivitäten usw.
    Über diesen Text bin ich froh, richtig saufroh, wie man hier im tiefen Südbayern (Bad Tölz) sagt – obwohl das ein Schmarrn ist, denn kann man angesichts der Ausgangslage, die Deinen Text hervorgebracht hat, froh sein? Nein. Aber bei diesem Aspekt zu verweilen wäre nur Rhetorik.
    Deine Wut teile ich, Deine Ratlosigkeit teile ich, Deinen Zorn teile ich. Diese Silvesternacht hat so grundlegend Kaputtes an die Oberfläche der Aufmerksamkeit gespült, so wie wir Frauen das schon immer kennen – nur in einer derart drastischen Form, dass zumindest anfangs dazu reagiert werden musste. Ich will Dich nicht wiederholen – Du beschreibst diese gruselige Mélange aus rechten „Frauenschützern“, merkwürdig dogmatischen Netzfeministinnen, politischen Suppenköch*innen usw. genau.
    Was kann man tun? Was kann ich tun? Momentan fällt mir nicht mehr ein als so weiterzumachen wie bisher: feministisch, optimistisch, irgendwie bunt, aber immer öfter auch weniger bunt – das kommt wohl von einer Art innerer Erschöpfung, die ich angesichts der Gesamtsituation spüre. Diese Erschöpfung benennen auch andere Frauen, die ich kenne – allesamt Feministinnen, seit vielen, vielen Jahren aktiv, meistens als Schriftstellerinnen, Künstlerinnen verschiedener Genres, in Verbänden, Vereinigungen wie der Gedok, in städtischen Gremien usw. Heute las ich beispielsweise auch wieder den aktuellen Newsletter vom Deutschen Frauenrat (kommt ca. alle 2 Wochen) – und die Arbeit, die da geleistet wird, erscheint mir jetzt noch wichtiger als zuvor. Die Frauen dort arbeiten ruhig, sachlich, mit Faktenmaterial, versuchen, die hohen Töne und die unproduktiven Emotionen zu meiden. Das ist eine mögliche Schiene, um nicht locker zu lassen und dort Einfluss zu nehmen, wo – auch – die Umgangsweisen unserer Gesellschaft geprägt werden. Es gibt sicher noch viele Ansatzpunkte, aber mir scheint, dass das Gespräch oft schwieriger geworden ist. Die Fraktion der „zugeknöpften Blusen“ nimmt Fahrt auf, die Fraktion der Ausländer-raus-Brüller sowieso.
    Viel mehr als ein solidarisch-ratloses Winken kann ich also auch nicht bieten. In diesem Sinn ein herzlicher Gruß –
    Ulrike

    1. Vielen Dank für deinen wunderbaren, ausführlichen Kommentar und die enthaltene Anregung, doch mal wieder mehr zu schauen, was der Frauenrat so treibt. Eine meiner ersten Kundinnen war dort tätig und hat mir unglaublich geholfen durch Gespräche und handfeste Hilfe gegen aufdringliche, männliche Kunden. Du siehst, was so alles hochkommt, wenn man ins Gespräch kommt, danke dir auch dafür 🙂

      Am besten ist, wieder einmal zu merken, dass wir nicht alleine sind, nur zu müde, zu erschöpft, zu fassungslos und deshalb viel zu oft schweigen … aber das ist wohl das Gefährlichste zur Zeit, oder?

      Liebe Grüße,
      Andrea

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