Wunderbarer Kleiderschrank: Stilregeln

Für den Fall, dass das noch nicht deutlich genug zum Ausdruck kam: ich hasse Regeln, die nicht als Vorschlag, sondern als Verbot und Einschränkung daher kommen, wo sie keinen Sinn machen. Ein Verkehrsschild, das mich zum Halten vor einer gefährlichen Kreuzung zwingt: macht Sinn, denn bei Nichteinhaltung gefährde ich mich und andere. Warum ich aber dieses oder jenes partout nicht tragen dürfen soll, nur weil es meine Figur nicht in Richtung begehrenswerter Männertraum optimiert, leuchtet mir nicht ein – wen gefährde ich, wenn ich meine breite Hüfte nicht mit breiten Schultern ausgleiche? Stürzt die Welt ein, wenn die dicke Frau ihr Bein blitzen lässt oder wenn die Dünne ihren Hüftknochen nicht abpolstert?

Und schon wieder sage ich: versteht mich nicht falsch. Ich meine gar nicht einmal, dass all diese Stilregeln sinnlos sind oder dass ich nicht auch bei manchem Anblick erstarre und erschrecke. Denn den meisten unter uns ist ein  Sinn für Schönheit, für Ästhetik gegeben – das Auge erfreut sich am Harmonischen und Symmetrischen und an dem, was schon der Höhlenmensch als Zeichen von Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit interpretierte. Und natürlich wollen wir dieses Befürfnis am Schönen auch erfüllt sehen beim Blick in den Spiegel. Selbstverständlich gibt es Kleidung, die uns besonders schön macht oder aber uns entstellt und bei letzterer neigen Frauen dazu, sie als Wahrheit anzuerkennen. Das gewöhnen wir uns bitte ab. Jetzt. Sofort. Für immer.

Gehen wir also davon aus, dass wir alle am liebsten so gut wie möglich aussehen wollen und uns darin so gut wie möglich FÜHLEN wollen. Dann müssen wir uns mit unseren körperlichen Gegebenheiten auseinander setzen. Ehrlich. Mit jedem Hubbel und jeder Beule. Das müssen wir Hobbyschneiderinnen sowieso, ansonsten passt am Ende nichts. Aber wir müssen uns auch akzeptieren und mögen (lernen). Was doch auch bedeuten sollte, unsere Unterschiede als wesentlichen Teil unserer Person anzunehmen. Jede von uns hat neben dem seit Jahrtausenden vererbten Schönheitsbild auch eigene ästhetische Vorlieben entwickelt: so wie die Eine auf blonde, leptosome Männer steht, so fühlt sich die andere vom dunkelhaarigen Gemütsbären angesprochen. Sich selbst aber optimiert sie mithilfe all der so überreich angebotenen Kleider- und Figurvorschriften in Richtung Sanduhr. Polstert die Oberweite mit uniformen T-Shirt-Bhs aus, verdeckt die dünnen Oberarme unter Puffärmeln oder trägt lange Cardigans auch im Sommer, um den runden Po zum Schmelzen zu bringen. Sie misst sich ab, um die zu kurzen Beine, die zu breite Hüfte oder den kurzen Hals in die korrekte Proportion zu schummeln. Verzichtet auf Gürtel oder schlingt sie zwanghaft um alles, sucht nach der einzig wahren Hosenlänge und dem perfekten Rock für Leben.

regel

Das ist alles absolut in Ordnung, wenn du mit dem Ergebnis zufrieden bist und nicht dennoch vor dem Spiegel stehst und ernsthaft über Fettabsaugungen oder Silikoneinlagen nachdenkst oder dir das Leben sonstwie vermiest, weil du einfach nicht so aussiehst, wie du es dir oder andere sich vorstellen. Der immer großzügig mitgelieferte Tipp, doch zu betonen, was man besonders an sich mag, ist dann hinfällig, falls du zufällig deinen Minibusen oder deine stämmigen Waden besonders liebst. Und dazu kann ich nun noch einmal Lottie zitieren:

Und als kleine Anekdote zur Stilberatung: ich habe wirklich breite Schultern und eher muskulöse Oberarme (nicht unbedingt gewollt, sondern einerseits genetisch veranlagt und meiner Sportliebe wegen). Viele Kleider sehen irgendwie blöd aus und alles was die Schultern noch mehr betont und wovor jede Stilberatung wahrscheinlich warnen würde. Mein Mann findet das aber sehr sehr toll und mag gerade diese „Schwachstelle“ so gerne und ermutigt mich, schulterbetonende „athletische“ Kleidung zu tragen. Das ist doch irgendwie schön, eine „Schwachstelle“ meines Körpers wird als schön angesehen. Und ich habe mir übrigens ein ganz tolles Tank-Top Bikinioberteil gekauft, das meine Schultern noch viel mächtiger erscheinen lässt 😉 aber ich fühle mich wohl darin.

Wer sich in den letzten Tage eine strahlende Lottie in ihrem Hochzeitskleid angeschaut hat, weiß genau, wovon sie spricht. Ich finde das Kleid perfekt gewählt, weil es zum einen NICHT versucht, aus einer sportlichen Figur eine laszive Sanduhr zu machen und zum anderen weil es genau das tut, was das perfekte Kleidungsstück tun sollte: es passt zu ihrer Persönlichkeit, es betont ihre Besonderheit und es ist Anlass und Umgebung angemessen. Harmonie pur. Ich mag mir gar nicht vorstellen, in was Lottie hinein gezwängt worden wäre, hätte man ihre Schultern als zu unbräutlich betrachtet …

Lasst mich da noch einmal persönlich werden: während ich über einige Jahre hinweg an meiner Vintagegarderobe arbeitete und sie auch noch täglich trug, bekam ich immer wieder Kommentare, die streng darauf hinwiesen, dass das nichts für mich wäre. Mein Oberkörper sei zu kurz, meine Hüften zu breit und so richtig jugendlich sähe das auch nicht aus. Das ist alles richtig. Irgendwie. Wie man sah, habe ich dennoch weiter gemacht. Nicht, ohne mich manchmal für eine Viertelstunde zu ärgern, weil Kritik ja nie der Höhepunkt des Tages ist. Warum habe ich mich nicht bekehren lassen? Aus zwei oder drei Gründen:

  1. Als (früher) immer zu Dünne habe ich jahrelang darunter gelitten, dass ich mich selbst als zu wenig weiblich aussehend fühlte. Daran änderten anderslautende Bekundungen der Menschen in meinem Umfeld nicht viel. Mit der Geburt meiner Söhne, dem üblichen Abrutschen in Still- und Spielplatzkleidung entdeckte ich meine Freude am Handarbeiten erneut und die verband sich recht bald mit meiner immer schon vorhandenen Vorliebe für die Eleganz und Weiblichkeit der 30er und 40er. Und meinen Freundinnen und mir gefiel es. An mir. Es ist ein Stil, der über-weiblich ist und der mir genau das vermittelt hat: du bist innerlich wie äußerlich Frau, Frau, Frau. Eine gute Erkenntnis.
  2. Das Selberzeichnen der Schnitte und mein Selbststudium der nötigen Technik war eben auch eine Herausforderung, die mich reizte: kann ich es schaffen, Kleiderschnitte zu konstruieren, die denen nachempfunden sind, die mich als Kind auf der Leinwand begeisterten? Kann ich sie nähen, kann ich einen Kleiderschrank so füllen, dass ich am Montag als Sommer 1938 und am Mittwoch als Herbst 1944 auf die Straße treten kann? Habe ich geschafft. Ich habe etwas hinbekommen, was ich mir niemals zugetraut hätte und darauf bin ich verdammt stolz.
  3. Ich beruflich so ziemlich alles gelernt, was mit weiblicher Schönheit zu tun hat. Und kenne all die Regeln in- und auswendig. Ich habe sie gebrochen. Ich habe eine Silhouette für meine Figur übernommen und ich habe mich in den allermeisten dieser Teile sehr, sehr wohl gefühlt. Ich habe mich mit meiner hohen Hüfte, meinem geraden Oberkörper, den langen Armen und Beinen arrangiert. Fast akzeptiere ich sogar mein Bäuchlein und den flachen Po (man kann nicht alles haben 😀  ) In meinem Umkreis hat man mich als attraktiv wahrgenommen, obwohl meine Figur nicht nach 08/15 optimiert war. Man hat mir Türen geöffnet, Tüten getragen, wohlgesetzte Komplimente gemacht. Weil diese Kleidung, die ihr innewohnende Ästhetik, zu hunderprozent zu meiner damaligen Einstellung und Ausstrahlung passte. Und weil ich farblich immer innerhalb meiner Palette geblieben bin, die die Blicke in mein Gesicht zwangen. Denn Farbe schlägt Form. IMMER.

Warum habe ich es geändert? Weil die betonte Taille unbequem wurde, nun, wo sich meine Figur ändert, weicher wird und andere Ansprüche an Wohlfühlkleidung stellt. Und weil wir eine politische Atmosphäre haben, die mich von jeder nur denkbaren Annäherung an rechte Thesen und ihre Akzeptanz Abstand nehmen lässt. Da wollen manche das Dritte Reich wiederherstellen und dem setze ich Modernität entgegen, so gut ich nur kann. Auch habe ich mich an dem Stil etwas satt gesehen und hatte Lust auf neue Schnitte, neues Lernen, auf Ausprobieren und (wieder)Entdecken meiner anderen Vorlieben. Dass all das einher geht mit Optimierung meiner Figur – das ist ein Nebeneffekt, der mir das Altern zur Zeit versüßt.

Was also will ich eigentlich? Ich möchte mehr Bandbreite in dem, was neben klassischer Schönheit existiert. Ich möchte nie mehr lesen müssen, wie eine hübsche Mitbloggerin sich dieses oder jenes Kleidungsstück verbietet, weil sie angeblich eine Birne sei und da dieses oder jenes nicht ginge. Und das obwohl ich mir genau das vielleicht wunderbar an ihr vorstellen kann. Entscheidend ist, worin ihr euch wohlfühlt und das hängt in erster Linie von eurer Persönlichkeit ab. Wer mit Blicken und Sprüchen anderer nicht gut klarkommt, sucht sich Kleidung, die davor beschützt. Wer gerne im Mittelpunkt steht, trägt das, was sie dort hin trägt. Wer so perfekt wie möglich ausspiegelsehen will, optimiert sich, so gut es geht. Nutzt all diese Stilregeln so, wie ihr es wollt, aber hinterfragt sie. Wenn du mit deiner Figur zufrieden ist, dann betone sie und versuche nicht, sie dem Ideal anzupassen. Und deine Figur darf dir gefallen, egal, wie wenig genormt sie sein mag.

Wie also kommst du zu deiner perfekten Garderobe, die dich immer gut aussehen lässt, egal zu welchem Wetter, welchem Anlass oder welcher Laune? Probiere dich aus. Verliebe dich in dein Spiegelbild, entscheide aus dem Bauch heraus oder lasse deinen Kopf bestimmen. Teste ungewohnte Formen und das, was du dich bislang nicht trautest. Aber das geht schon in Richtung Schrank ausräumen und bestücken, für heute reicht es. Das war nun mehr ein Rant als ein fundierter Artikel, aber es war mir wichtig.

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