Zahnarztangst und der ganze Kram

So. Das liegt mir schon bald mein Leben lang auf der Seele: Meine miesen Zähne und das vage Gefühl, daran schuld zu sein. Weil, ebenso wie ich meine zu breiten Beckenknochen hätte ablehnen können,  hätte ich ja für einen weniger schmalen Kiefer oder weniger Zähne sorgen können. Und nach all den vielen Zahnärzten, die mir erklärten, dass mein Würgen ihre Arbeit behindere und ich mich doch endlich mal zusammen reißen solle, war mir klar, welch eine elende Versagerin ich bin.

Einen Zahnarzt hatte ich – in jungen Jahren auf Norderney – der ganz lässig damit umging, schnell und sicher war und mich in entscheidenen Momenten mit den richtigen Worten ablenkte, tröstete und motivierte. Man höre und staune: Den Großteil meiner Behandlungen habe ich ohne Spritze ertragen und er fand mich dennoch sympathisch. Danach ging es bergab, bis ich in Bonn über den Notdienst einen guten fand. Stillend und panisch hat er einen vereiterten Zahn gerettet und ich wagte endlich wieder einen erneuten Anlauf, der dann von Schwangerschaft zwei und einer danach einsetzenden Flut an Erkrankungen unterbrochen wurde. Am Ende war ich mit Hashimoto diagnostiziert, was häufig zu einem zusätzlichen Engegefühl im Rachen-Kehlkopf-Bereich führt. Sprich: Mein Würgen wurde schlimmer und schlimmer. Der nächste Anlauf stoppte, da seine Co-Ärztin gelinge gesagt ein Miststück war. Der dritte Versuch endete mit der Erkrankung meines Vaters; meine anschließende Depression machte es nicht besser. Die Selbstständigkeit, der einsetzende und permanente Schulstress der Söhne, die Arbeit am Buch und ups, es waren mehrere Jahre vergangen, in denen ich den Besuch beim Zahnarzt heraus schob. Immer fest daran glaubend, dass die zukünftige Andrea – die ja älter, weiser, reifer sein musste – mit der hoffnungslosen Situation besser umgehen könne als die gegenwärtige. Aus heutiger Sicht ist die damalige Andrea natürlich eine blöde Kuh, die mir diesen Mist eingebrockt hat. Andererseits …

Andererseits kann die ältere Andrea besser damit umgehen. Fast täglich habe ich in den letzten Jahren an meine Zähne gedacht; spürte es hier bröckeln und dort schieben, schämte mich und fand mich peinlich, feige, scheußlich. Und dann, um Ostern, brach erst die eine Riesenfüllung raus und dann die zweite. Ich war – verblüffend, aber wahr – sofort bereit, einen Termin bei meinem Zahnarzt zu machen. Doch zu meinem großen Glück kam mir eine fiese Erkältung dazwischen, die sich zu einer Bronchitis auswuchs. Vor mich hinleidend, legte ich mich zu Bett und googlete, wie ich mich auf die Prüfung vorbereiten könne. Ich hatte nicht unbedingt eine klassische Zahnarztphobie und auch nicht zu viel Schiß vor Schmerzen – schlimmer als Regelschmerz und Geburt kann es nicht sein. Ich hatte Angst vor dem Würgen, den Anklagen, meiner Unfähigkeit, mitzuarbeiten. Ich könnte einen sehr langen Text über all das schreiben, was ich zu hören bekam. Aber vorbei, vorbei. Es geht nach vorne.

Denn mittlerweile hat Lachgas Einzug gehalten in viele Praxen und manche Ärzte ahnen sogar, wie lähmend sich Würgen und Schnaufen auswirken kann. Und anstatt einen Termin beim alten Zahnarzt zu machen, habe ich mir einen Neuen ausgesucht, der dazu noch besser zu erreichen ist. Die Praxis ist luftig, modern, hell, hat unglaublich schöne Bilder an den Wänden und das giftige Grasgrün der Kittel erschüttert so sehr, dass man keine Zeit für Angst beim ersten Eintreffen hat.

Heute hatte ich den zweiten Termin und zwei Zähne – ein Weisheitszahn und der in der Schwangerschaft abgebrochene, der nie behandelt werden konnte, weil ich schon das Röntgen mit Plättchen in der Backe nicht schaffte – sind entfernt worden. Mit Spritze (fies, aber nötig und wirklich richtig gut gesetzt) und Lachgas. Das Gas hat mich nicht unbedingt Bettschwere fühlen lassen, aber Entspannung (so weit man mit hochgezogenen Schultern entspannt ist) und viel, viel besser: Kein Würgen! Null! Ich kann gar nicht beschreiben, welch eine Erleichterung das ist. Ich schreibe das jetzt, bevor die Spritze endgültig nach lässt – nachher fließt mir das vielleicht nicht mehr so leicht in die Tastatur …

Schon beim ersten Termin hatte ich ein gutes Gefühl: Ich wurde sofort zum Röntgen gebracht, noch bevor ich auf der Liege Platz nahm. Ich wollte schon panisch werden, als ich sah, dass diese Praxis es ganz ernst meint mit der Fürsorge für den Patienten. Ich brauchte keine Plättchen, kein umständliches Gefummele. Und so wurde ich für den heutigen Termin erst eine Stunde vorher leicht nervös. Ansonsten habe ich Wochen zuvor schon Pankikattacken gehabt.

So, das musste mal raus und ich weiß, so geht es sehr, sehr vielen – das habe ich in den letzten Wochen gelernt. Und deshalb kann ich vielleicht einmal ein bißchen Mut verbreiten: Sucht euch einen Zahnarzt, der Lachgas hat UND Angstpatienten einlädt. Die gibt es überall.

Ich lege mich jetzt mal aufs Sofa und schaue, was passiert. Die Hunde müssen nachher halt mit den Jungs raus und vielleicht nähe ich nicht unbedingt heute weiter, aber egal, wie weh es nachher noch sein wird: Ich bin unglaublich erleichtert und wahnsinnig stolz. So!

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Kommentare

  1. hahahah….mein Zahnarzt hat kein Lachgas, aber er hat einen neuen Termin mit mir…sind mir doch beim heimlichen Schokoladeessen vor einigen Wochen tatsächlich 2 Backenzähne abgebrochen. Dabei war das gar keine Nussschokolade !
    Auch fürchterliche Zahnarztangst konnte nicht verhindern , das meine Weisheit des Alters heute einen Termin ausmachte… ich befürchte schlimmes…
    Liebe Grüße
    Stella

    • Michou

      Du schaffst das! Aber es gibt doch wirklich kaum Schlimmeres als Zahnprobleme 🙁 Nächstes Mal wird der dritte gezogen, danach geht es dann weiter mit was weiß ich – aber ich bin wirklich entspannt, das habe ich Jahrzehnte nicht gehabt.

  2. „… und das giftige Grasgrün der Kittel erschüttert so sehr, dass man keine Zeit für Angst beim ersten Eintreffen hat.“ Hahaha! Sehr schön. 😀
    Ich freu mich, dass du deine Panik überwinden konntest und hoffe, dass deine Zähne dich jetzt ein Weilchen in Ruhe lassen.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

  3. Ute

    Hallo Andrea..Zufall oder faellts mir zu…?Wuergen und Angst..ja genau so kenn ich es und dazu das Wissen…dringend Termin machen.Aber wo? Und da lese ich von Dr.Hoyer…und mein Mann ist dort Patient.Nur das half mir bisher nicht….wenn mein Mann nach 1 Aspirin greifen wuerde…das ist bei mir mit Sicherheit der Zeitpunkt wo ich bei aehnlichen Schmerzen sofort Opium ,Morphin oder raschen Tod hereibeisehnen wuerde.Also kein Massstab und wenn er sagt,der Arzt ist ok..mir hilft das nicht. Aber deine Aussage! Ueber die Sache mit Lachgas muesstest mir mal mehr erzaehlen..wenns geht. Lachgas wurde mir 1982 in der sehr schmerzhaften kurzen Endphase bei der Geburt von unserer zweiten Tochter angeboten..das brachte nix…aber die Geburt war auch fix herum.Also,ich werd dich nochmal per mail ansprechen,wenn das ok ist. Dir trotz evtl Nachschmerzen einen entspannten Tag.Gruesse aus Godesberg!

    • Michou

      Liebe Ute,

      ich finde den Hoyer wirklich gut. Er ist ein bißchen flapsig, aber eben auch sehr sicher in dem, was er tut und ich bin so unglaublich erleichtert jetzt. Zu dem kannst du auf alle Fälle gehen!

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