ZKJ – Pisa

Müsste ich meiner Kleidung Namen geben, so hieße dieses Kleid Pisa. Weniger seines südlicheren Flairs wegen, sondern nur wegen des Turmes: Schief, schief, schief.

Beim Legen des Stoffes meinte ich, den Fadenlauf erwischt zu haben: der Stoff legte sich nahezu von selbst faltenfrei und gleichmäßig aufeinander, nix zog oder wankte, Fäden ließen sich gleichmäßig abzupfen – fein. Nach dem Zuschnitt sah auch noch alles gut aus, ich habe brav meine Markierungen übertragen und mit dem Legen der Falten im Oberteil begonnen. Erst als ich sie bügeln wollte, fand ich: das sieht irgendwie seltsam aus. Genauer: schief. Ich habe das Oberteil in der Mitte gefaltet und war nicht begeistert: auf einmal war der Ausschnitt verrutscht, die Schultern waren unterschiedlich breit und auf einer Seite war viel mehr Platz bis zur Seite als auf der anderen. Mehr schlecht als recht habe ich alle Markierungen entfernt, sorgfältigst gebügelt, wieder gefaltet und nachgeschnitten – niemals, niemals ein gutes Zeichen. Zumal der Stoff beim Kontakt mit der Schere begann, sich aufzulösen.

Als ich zum vorderen Rockteil kam und die Falten dort steckte, war es nicht schöner: obwohl die Mitte stimmte, waren die rechten Falten einen guten Zentimeter weiter zur Seite gerutscht als die der linken Seite. Auch die hinteren Rückenteile, obwohl beim Nachmessen und aufeinander legen absolut gleich, schoben sich nach dem Nähen überall hin, nur nicht dorthin, wo sie sein sollten.

Dazu kommen Probleme mit dem Schnitt bzw. den Originalangaben. Ich habe den Schnitt mit meinem Grundschnitt nach einer Haslamanleitung konstruiert und wollte dabei sämtliche Maßangaben behalten: wo die Falten sein sollten, wie sie laufen sollten, wieviel Kräuselweite, wie weit der Rock aufgesperrt werden sollte etc. Zwar fand ich manche Angaben im Vergleich zum Modellbild verblüffend – so hätte ich die Falten am Oberteil als viel näher an der Mitte, enger und schmäler gesehen – aber wie ich es auch drehe und wende: diese Falten laufen über die Brust. Und öffnen sich dann zwangsläufig.

Zu dem schiefen Lauf, den falsch sitzenden Falten, dem sich auflösenden Stoff kamen dann noch Belege, die nicht innen bleiben wollen; auch da kann ich nähen, sticheln und sichern wie ich will. Da ich die NZ der Kräuselungen nicht weit zurückschneiden kann und sie auch noch mit Zickzacksticken vor dem sich Auflösen bis in den Oberstoff hinein schützen muss, ist das Ganze hübsch knubbelig und will nach draußen.

Und weil alles so verzogen und irgendwie trotz ausreichender Weite eng ist, habe ich auf das Futter verzichtet – und der Stoff ist nicht schmuseweich, sondern kribbelt an Schulten, Nacken und Hals. Trägt auch nicht zu meiner Liebe bei. Dabei, also eigentlich und im Prinzip, hat das Kleid vieles, was ich mag: die Farbe auf alle Fälle, die sehr schlanke Wirkung mit Taille, die Falten und Kräuselungen. Aber man kann nicht alles haben.

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So ist das Kleid dann fadengerade … und ich merke, ich sollte wirklich mal wieder was für meine Kraft tun.

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Ja, sieht irgendwie nett aus, aber ist es nicht. Denn obwohl ich vorne mit dem Pfusch noch so einigermaßen durchkomme (kann ja immer sagen: “Das soll so!”), hinten sammelt es sich dann doch, das Elend:

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In vielen Schnitten dieser Zeit (also so von 38-43) wird eine Seite des Rockes mit mehr Weite ausgestattet – was auch sehr schön sein kann, wenn die Balance stimmt und der Stoff mitmacht. Hier hat das nicht funktioniert: der RV wandert stark nach links ab und das Rückenteil möchte nach vorne (hier sieht es so aus, als wäre es zu lang – von der Seite sieht man gut, was wirklich geschieht). Das hintere Rockteil habe ich auch zu weit nach vorne gezogen – eigentlich hätte es ein wenig eingehalten werden müssen, aber meine Blindheit hat das Einhalten nach vorne verlegt, weil ich die Seitennähte falsch platziert hatte – und warum? Weil die Markierung am Taillenmieder “Hier Seitennaht Rock!” weggefranst ist). Also hinten zu eng, vorne noch mehr Weite und als Belohnung schiefe Seitennähte – daher der Schwung links und rechts. Und besonders fies: bevor man sich einmal gesetzt hat, geht es noch – danach ist es verbeult und verknittert wie zu sehen. Wollstoff, der knittert – macht ja gar keine Freude.

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Und damit noch mal zu sehen ist, wie die Falten aufspringen. Sicherlich auch unseren anderen Dessousgewohnheiten zu zu schreiben: heute wird alles eher in die Mitte gedrückt, was wir so haben – damals eher zur Seite. Heute rund, damals natürlicher (bevor es spitz wurde). Aber dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Konstruktion jemals bei einer Frau so hingehauen hat, wie das Modellbild uns glauben lassen möchte.

Aber bin ich nun wahnsinnig unzufrieden? Auch nicht. Ich mag die Ärmel sehr, ich mag den kleinen quadratischen Ausschnitt, Miederteile ja eh, ich mag die schmalfallende Form und die Silhouette und fühle mich gar nicht so unwohl darin. So lang ich sitze und mal nicht an meiner Haut entlangkratze.

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Und weil ich es endlich wieder einmal geschafft habe, ein Kleid zu nähen, ernenne ich es zu meinem Novemberkleid. Gut, es ist schon Dezember, aber der Großteil der Arbeit lag im vergangenen Monat und so bin ich vielleicht motiviert, noch eines für Dezember zu schaffen …

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